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Der Kongo und die Gründung des Kongostaates.

Arbeit und Forschung

Von

Henry Morton Stanley ( John Rowlands )1841 -1904

Inhalt

Kapitel VII

Den „Mächtigen" Kongo aufwärts

Abfahrt der Flotille. — Gegen die Riesenströmung. — Stillschweigen an den waldigen Ufern. — Kissanga. — Ponta da Lenha. — Holländische Factoreien. — Vorsichtsmaassregeln gegen Hochwasser. — Gefahren der Gastfreundschaft. — Tiefe und Wassermenge des Flusses. — Trockene und Regenzeiten. — Gezeitenströmung. — Der bezauberte Felsen. — Teufelswerk. — Ma-taddi-Nsassi, der „Blitzstein". — Boma, das Haupt-Handelsemporium. — Verkehrsverbindungen. — Einsamkeit und Trostlosigkeit. -- Ein erfrischender Wechsel. — Afrikanischer Sonnenschein. — Blutige Geschichte Bonias. — Schrecken des Sklavenhandels. — Fürchterliche Strafe. — Der Handel Bomas. — Der „böse weisse Mann". — Fortschritte Bomas. — Historisches über den Fluss. — Hungerige Weisse. — In der wüthenden Strömung. — „Hippopota-mus? das ist ja ein Felsen!" — Ein sicherer Schuss. — Abfahrt des Dampfers „Albion" nach Europa.

Sieben Tage nach der Ankunft des „Albion" im Banana-Creek war die Flotille der Expedition bereit, die Fahrt den Kongo hinauf anzutreten; der „Albiou" selbst lag am Strande abgeputzt, gereinigt und angestrichen, und manche andere Arbeit, welche ernstlicher und verständiger Vorbereitungen bedurfte, war beendet. Am Morgen des 21. August gaben die Dampfpfeifen das Signal zur Abfahrt und die Schiffe dampften sämmtlich aus dem Hafen; es war dies ein Ereigniss, mit welchem der Beginn einer neuen Aera für das Kongobecken inaugurirt wurde, gerade wie eine allerdings grossartigere Flotte von Schiffen im Jahre 1869 die Verbindung des Rothen mit dem Mittelmeere einweihte.

Der untere Lauf des Kongo ist seit seiner Entdeckung schon viele mal befahren, aber noch nie in befriedigender Weise beschrieben worden. Dass ich dies im Jahre 1877 unterlassen habe, ist zu entschuldigen, denn die Strapazen hatten mich auf das äusserste erschöpft und ich und meine armen Gefährten sehnten uns daher einzig und allein nach dem blauen Atlantic.

Jetzt aber befanden wir uns bei kräftiger Gesundheit, und sie sowohl als ich sahen den Fluss mit ganz ändern Augen an. Die riesenhafte lohbraune Flut, der wir auf unserer langen Reise bis zu ihrer geräumigen Mimdung gefolgt waren, und die wir unter allen Verhältnissen kennen gelernt hatten — nun ruhig wie ein Sommertraum, dann in stromgepeitschten Wogen sich in tiefe Schluchten stürzend, unsere imbehutsamen Gefährten verschlingend und unsere gebrechlichen niedrigen Fahrzeuge bedrohend — lächelte uns jetzt an, als wir mit ruhigem, aber theilnehmendem Blick vom sichern hohen Deck auf die glatte Oberfläche herabschauten. Wir haben dem Flusse lange verziehen, das Vergangene begraben, denn die Erinnerung an seine Treulosigkeit hat sich im Laufe der Zeit abgeschwächt. Aber dennoch fühlen wir, dass der Kongo ein gefährlicher Fluss ist, der nicht mit sich spassen lässt. Er hat eine furchtbare Gewalt, wenn er von hindernden. Felsen in seinem Lauf aufgehalten wird, oder wenn seine dem Wind entgegenrollenden Wellen schwer und betrügerisch steigen und fallen; aber auch wir besitzen jetzt Kraft, die wir der Wissenschaft und der rauhen Erfahrung verdanken. Wir werden dem Riesenstrom mit unsern von Dampf getriebenen Stahlkuttern Trotz bieten.

Vor der See steuern wir jetzt die mehr als 4 1/2 km breite lange gerade Strecke des Flusses in einem Fahrwasser hinauf, dessen Tiefe zwischen 60 und 900 Fuss schwankt und dessen Strömung in der Mitte mit einer Geschwindigkeit von fünf Knoten läuft. Die dunkelgrünen Mangrovenmauern auf beiden Ufern, hier und dort von Palmenstämmen unterbrochen, sind scheinbar undurchdringlich, obgleich die Karten sagen, dass mancher träge. Bach seinen Lauf durch den kühlen, schweigsamen Schatten des dichten Laubwerks windet. Nach einer Stunde sind wir bei Bulambemba-Point am nördlichen Ufer, einem Vorland, das auch unter dem Namen Fathomless-Point (Bodenlose Spitze) bekannt war und ist, obgleich es diese Bezeichnung nicht ganz genau verdient. Jedenfalls ist dort aber reichlich W asser vorhanden, denn der Lootse steuert unsern Dampfer bis nahe an das Land, um dann etwa dreiviertel Kilometer vom Ufer diesem entlang den Fluss gerade hinauf zu laufen. Das Land ist niedrig und besteht aus reichen, feuchten, übelriechenden Alluvialablagerungen, auf denen viele hohe Bäume stehen, die wenig einladendes dichtes Gebüsch und Gesträuch beschatten. Hier und dort kennzeichnet eine Oeffnung die Einfahrt oder Mündung eines kleinen Baches, in dessen Labyrinth eine ganze Flotte der schmalen räuberischen Canoes sich verbergen könnte. Animalisches Leben fehlt gänzlich, nicht einmal ein Vogel ist zu sehen, und keine Bewegung unterbricht das melancholische Interesse, mit welchem wir unbewussterweise das Land betrachten. Weder am nördlichen Ufer, noch auf der Südseite oder auf dem Fluss ist etwas, das diese Leblosigkeit der schlafenden Natur unterbricht. Die Strömung gleitet ruhig, ununterbrochen und ungestört, aber mit nicht miszuverstehender unaufhaltsamer, wenn auch schweigsamer Energie dahin. Ueber den bewaldeten Ufern ruht die heilige Stille des Todes und auf der glatten Oberfläche des unaufhörlich fortströmen-den Wassers liegt der Friede eines ungestörten Schlafs.

Etwa 2l km oberhalb Banana steuern wir, um die Untiefen von Scotchman-Head zu vermeiden, nach einer Gruppe von Factoreien hinüber, welche 10 1/2 km weiter hinauf am südlichen Ufer liegen und den Namen Kissanga führen; dann wird die Fahrt einige Kilometer weit dicht am Lande fortgesetzt, um darauf, wenn die Niederlassungen von Ponta da Lenha gut in Sicht sind, in den bei genanntem Orte vorbeiströmenden tiefern Arm des Kongo hineinzulaufen, weil wir dadurch den weniger bekannten Sonho-Arm vermeiden, dessen schwieriges und trügerisches Fahrwasser sich zwischen den Draper-, Monkey-, Robson-, Stocking- und Farquhar-Inselgruppen hindurchwindet. Die Namen dieser unbewohnten bewaldeten Schlammablagerungen sind uns durch die nach Vermessungen Kapitän Maxwell's im Jahre 1793 hergestellte Karte zuerst bekannt geworden; obgleich dieselben heutzutage ganz bedeutungslos sind, so genügen sie doch vollkommen, denn die Inseln haben gar keine bemerkenswerthen Eigenthümlichkeiten, welche die eine von der ändern unterscheidet. Wie die Stromufer sind sie sämmtlich dicht bewaldet. Nördlicher, Südlicher und Mittlerer Arm würde die Durchfahrten wol besser bezeichnen, als die Namen Maxwell, der den nördlichen, Sonho, der den südlichen, und Mamballa, der den mittlern Kanal bezeichnet.
Kissanga liegt in einer halbkreisförmigen Lichtung auf trockener, schwarzer Dammerde und nahe am Wasser, wodurch die Factoreigeschäfte, wie das Rollen von 15 Centner schweren Fässern mit Palmöl auf die Leichter- und Flussfahrzeuge, sowie das rasche Entlöschen der Ladungen, erleichtert werden. Es befinden sich hier drei Factoreien, doch kann der Fremdling nicht begreifen, woher die Kunden kommen, da zwischen den Gebäuden und der lebenden

Mauer des dunkelgrünen Waldes mit den alles verbindenden Schlinggewächsen, dem palmartigen Laubwerk und dem breitblätterigen Unterholzgestrüpp kaum 60 m freies Land liegt. Bei genauerer Untersuchung der Küste entlang entdeckt man indessen die labyrinthartigen Lagunen, welche das Ufer durchbrechen und zu Fusswegen auf dem festen Lande führen, auf welchen man nach den Dörfern der Muschi-rongo gelangt, die auf den mit Gras bewachsenen Ebenen und dem welligen Lande hinter der Waldwand ziemlich zahlreich zerstreut liegen. Der Sonho-Kanal bespült das südliche Ufer, und seine rasche Strömung bringt die handeltreibenden Eingeborenen mit ihren Ladungen schnell nach dem Landungsplatze, während die Bergfahrt mit den schmalen Canoes leicht ist, solange dieselben sich dicht am Lande halten.

Genau vier Stunden Fahrt bringt den „Albion", die „Bel-gique", den „Royal" und die „Esperanee" nach Ponta da Lenha oder der „Holzspitze": ebenfalls eine vollständig falsche Bezeichnung, da die Ufer überall mit tropischen Bäumen bestanden sind und jeder Quadratzoll der Inseln von undurchdringlichem dunkelgrünen Dickicht bedeckt ist. Auch hier sieht man drei Factoreien, die je aus einer Anzahl hölzerner und anderer Gebäude bestehen, von denen einige mit getheertem Filz, andere mit Stroh gedeckt sind.

Die Holländer sind wie gewöhnlich, was Bauart, Einrichtung und Solidität der Gebäude betrifft, den übrigen Nationen voraus; sie verbessern, bauen und befestigen beständig an ihren Etablissements. In Banana haben sie viele Tausende von Pfunden in dem fortwährenden Kriege gegen die Verheerungen der Fluten ausgegeben; und hier lassen sie sich von der wachsenden Kraftwirkung des Kongo gegen den gebrechlichen Untergrund der Insel instinctmässig warnen und treiben eifrig massive Pfähle von Teak- und Rothholz tief in den Schlamm hinein, um das Eindringen der ungestümen Strömung zu verhindern.

Die breiten und bequemen Veranden ihrer Inselheimat sind an heissen, glühenden, sonnigen Tagen ein köstlicher, kühler Aufenthalt. Man kann dort behaglich sitzen und den rasch vorbeifliessenden braunen Strom beobachten, der hier gerade durch steil aufsteigende Ufer geärgert wird und seinem murrenden Unmuth in murmelnden, gurgelnden Tönen Ausdruck verleiht. Der Blick auf den den Hintergrund bildenden dichten Wald einer der 3/4 km entfernten Draper-Inseln und den stetig dahingleitenden, glänzenden, blinkenden Fluss ist wohlthuend für das Auge, während das unbeschreibliche, nicht m analysirende Geräusch aus dem dunkeln hohen Walde hinter uns eine einschläfernde Wirkung ausübt trotz aller Gegenmittel, wie Selterwasser und guter heisser Thee, die von den ebenholzfarbigen Dienern des holländischen Hauses gereicht werden, und trotzdem der Vorsteher der Factorei bei solchen Gelegenheiten, gerade wie wenn er der Wirth eines Hotels wäre, seine Zeit den Gästen zur Verfügung stellt. Leider werden auch stärkere Getränke, der Fluch des westlichen Afrika, in falschverstandener Gastfreundschaft nach Landessitte in allzu verführerischer Weise angeboten. Der Durstige, Leichterschöpfte und an dein Gefühl einer geringen Erschlaffung Leidende vermag diesen so herzlichen Aufforderungen kaum zu widerstehen. Möglicherweise können die Leute durch Rathschläge mit der Zeit daran gewöhnt werden, dass sie diese Lockmittel der Unmässigkeit und Schwäche nur anbieten, wenn sie dringend darum ersucht werden, in welchem Falle sie natürlich keine Schuld an den Folgen trügen.

Was fragen Matrosen, Maschinisten und Leute der ungebildeten Klassen nach dem, was zu ihrem Besten dient, und wann wurden diese Leute in der Lebensphilosophie und in dem vernünftigen Gebrauche des schönen Daseins, das ihnen geschenkt ist, unterrichtet? Sie verstanden selbst das Klima kaum, in welchem sie geboren sind, und wenn sie nun blass und mit zarter, wenig abgehärteter Haut, mit einem Ueberfluss von Fett, welcher durch die frühere Fülle hervorgebracht ist, nach den Tropen mit deren magern Diät und mangelnden Abwechselung kommen, wie kann man ihnen begreiflich machen, dass die Erschlaffung, welche sie nach stundenlanger reichlicher Transpiration fühlen, nur durch die Natur selbst veranlagst wird, welche sich bemüht, nach den so plötzlich veränderten Verhältnissen sich zu regeln?

Ponta da Lenha oder die Holzspitze ist 55,2 km im Fahrwasser der Dampfer vom Ankerplatz im Banana-Creek entfernt; obgleich dasselbe auf einer Insel liegt, ist es doch von den Eingeborenen auf dem Festlande im Norden, welche Palmöl, Palmkerne, Erdnüsse, Geflügel und Gemüse nach den Factoreien bringen, um dafür Baumwollstoffe jeder Art und Farbe, Messerschmiedewaaren, Pulver und Gewehre einzutauschen, leicht zu erreichen.

Bis zu dieser Gruppe von Handelsniederlassungen könnte sogar der Dampfer „Great Eastern" hinauf laufen; er würde neben dein Landungsplätze der Holländer ganz sicher liegen. Britische, holländische, portugiesische und französische Kriegsschiffe haben den Ort schon oft besucht, der vor der Seebrise gut geschützt liegt, wie auch aus der leichten Biegung nach Nordosten hervorgeht, welche wir oberhalb Kissanga machen mussten. Die weitere Bergfahrt für Oceandampfer verhindert jedoch eine wenige Kilometer oberhalb Ponta da Lenha befindliche veränderliche Barre. Die dortigen Lootsen sind sich nicht einig darüber, mit welchem Tiefgange man dieselbe sicher passiren kann; einige sagen mit 12, andere mit 10 Fuss, hauptsächlich kommt es dabei aber wol auf die Geschicklichkeit und die Ortskenntniss des Lootsen an. Im Jahre 1882 bin ich mit dem „Harkaway", der 15 Fuss tief ging, sicher und ohne den Grund zu berühren, hinübergekommcn, und bei der Thalfahrt hatte das Schiff sogar einen Tiefgang von 17 1/2 Fuss, ohne dass ein Unfall passirte. Andere sind weniger glücklich gewesen, und es haben schon Schiffe mit 12 FUSS Tiefgang langen Aufenthalt gehabt.

Diese Unkenntniss wird aber aufhören, da die Erfordernisse der Schiffahrt verlässlichere Untersuchungen verlangen. Meine persönliche Ansicht geht dahin, dass man in der Regenzeit auf eine Minimaltiefe von '22, und in der trockenen Jahreszeit auf eine geringste Tiefe von 16 Fuss sicher rechnen könnte.

Um verständlich zu machen, weshalb ein so grosser Unterschied der Wassertiefe in der trockenen und in der nassen Jahreszeit ist, muss ich bemerken, dass auf einer gewissen Strecke des Kongo oberhalb Stanley-Pool, wo ich fast einen ganzen Tag Versuche angestellt habe, gegen Anfang des Monats März, wenn der Fluss fast seinen niedrigsten Stand erreicht hat, in der Secunde ein Volumen von 1.440.000 Kubikfuss Wasser an einem bestimmten Punkte vorbeifliesst; und ferner habe ich nach Messung der Höhe der Hochwassermarken, die an einer hohen Felsenklippe sichtbar waren, berechnet, dass das Volumen mitten in der liegenzeit per Secunde mindestens 2530000 Kubikfuss betragen muss. Ehe dieses Wasser die See erreicht, haben sich noch eine Menge Nebenflüsse in

den Strom ergossen, dessen Volumen dadurch eine Grosse erreicht die nur von demjenigen des Amazonenstromes übertreffen wird. Ja, wenn Kapitän Maxwell's alte Karte verlässlich ist, dann ergibt sich bei Benutzung seiner Angaben über Wassertiefe, Strömung und Breite sogar, dass das Volumen einige Kilometer oberhalb Boma 4.382.000 Kubikfuss per Secunde beträgt. Ich möchte jedoch keineswegs für die Genauigkeit seiner Tiefenmessungen einstehen und glaube, dass er die Stärke der Strömung nur durch oberflächliche Schätzung festgestellt hat.

Wenn ein Fluss zweimal im Jahre sein Volumen fast verdoppelt, ist es von Wichtigkeit, die Monate zu kennen, in welche die trockene und die nasse Jahreszeit fällt.

Da hier jedoch nicht die passende Gelegenheit ist, um meine diesbezüglich gesammelten Erfahrungen mitzutheilen, so will ich jetzt nur kurz bemerken, dass sich in Boma in der zweiten Hälfte des März ein geringes Steigen bemerkbar macht, bis zwischen dem 1. und 31. Mai der höchste Stand erreicht ist; dann findet bis Anfang August ein allmähliches Fallen statt, worauf das Wasser bis etwa zum 1. September unverändert bleibt. Das Steigen vom März bis Mai ist das geringere, dasjenige vom 1. September bis zum 15. oder 25. Decembcr das stärkere Steigen. Zwischen dem 15. Januar und dem 10. März tritt wieder ein stetiges Fallen ein, worauf der Fluss dann unverändert bleibt, bis die geringere Steigung zur gewöhnlichen Zeit aufs neue beginnt.

Ausser der Beachtung des für die Bergfahrt günstigsten Monats hat man auch die Einwirkung von Ebbe und Flut in Betracht zu ziehen. In Banana steigt die Flut um 6 Fuss, in Ponta da Lenha um 21 Zoll oder, wie einige behaupten, 18 Zoll, in Boma dagegen nur noch um 2 oder 3 Zoll. In der Nähe der Mündung läuft die Ebbe mit einer Geschwindigkeit von einigen Knoten und fast doppelt so lange wie die Flut. Man darf aber nicht annehmen, dass das Seewasser in den Kongo hineinströmen kann, die Flut ist vielmehr nur die Wirkung des Druckes der See auf die Strömung des Flusses, die in ihrer Geschwindigkeit aufgehalten wird und das Wasser bis zur genannten Höhe aufstaut.

Nachdem wir in Ponta da Lenha, trotzdem noch nicht die ganze Flotille eingetroffen war — denn „En Avant", welcher der erste hätte sein sollen, war heute en arriere —, eine sehr behagliche Nacht zugebracht hatten, verliessen wir am Morgen den Landungsplatz und dampften nach Boma hinauf, vorauf der „Albion", zwar nur ein kleines Schiff, aber ein wirklicher Elefant im Vergleich zu den zierlichen Mosquitodampfern, die mit ihren Hochdruckmaschinen mehr Lärm erzeugten, als ein halbes Dutzend „Albions" vermocht hätten.

Der frühe Morgen war kühl, denn die Sonne wagte sich noch nicht aus der dicken hellgrauen Wolkenbank hervor, durch die sie blass und strahlenlos schien. Die fehlende Sonnenwärme gab den stillen, leblosen Ufern ein kaltes, trauriges Aussehen; die anhaltende monotone Färbung war ein todtes grünliches Schwarz ohne Glanz oder Bewegung, wenn man von derjenigen eines vereinzelten Schilfrohrs, das im kühlen Morgenwinde hin- und herschwankt und ziellos die Stütze eines ändern steifern Stengels sucht, oder von der des ewig nickenden Wasserrieds absieht.

Während wir den Fluss hinaufdampfen, nimmt der dichte Busch an Höhe und Dunkelheit ab; derselbe wird niedriger und spärlicher und die Palmen der Inseln treten mehr hervor. Die das Salzwasser liebenden Mangroven mit ihrem ungesunden Schlamm und ihren phantastischen hundertästigen Wurzeln sind vollständig verschwunden, und es dehnen sich nun die seltsam wogenden und wild nickenden Gräser der merkwürdig stillen Ebene weit ins Innere hinein aus bis zu dem hohen Lande, das schon an der Küste eine östliche Richtung einschlägt. Dasselbe besteht aus einem unregelmässigen Hucken, dessen Linien und Abhänge tiel durchfurcht sind; an der Südseite erblickt man oberhalb der Stocking-Insel gleiche Ebenen, die sich bis zu einer ähnlichen Kette erstrecken. Beide Rücken scheinen, wenn man denselben mit den Augen folgt, sich einige Kilometer oberhalb Bomas zu vereinigen, wenigstens vermag der Fremde den Lauf des Flusses dort nicht mehr zu traciren. Hier bemerkt man auch zum ersten mal die ungeheuere Breite des Stromes, der von Ufer zu Ufer in ununterbrochener Fläche 10 km weit ist.

Um 10 1/2 Uhr vormittags passirten wir in wenigen hundert Metern Entfernung von dem sogenannten Fetisch- oder bezauberten Felsen, einem isolirten niedrigen und hügeligen Vorlande, welches mit grossen Massen Granit bedeckt ist, der, an der Flussseite klippenartig abfallend, in den Umrissen etwa das Aussehen eines Ungeheuern monumentalen Steines hat. Hinter und an den Seiten desselben dehnen sich weite, niedrige, fette und reiche Grasebenen, der Aufenthalt der Flusspferde, aus; auch sieht man einige Dörfer in der Nachbarschaft, welche sich, anscheinend ohne grossen Erfolg, etwas Grund und Boden zu cultiviren bemüht haben.

In den frühern Zeiten der Segelschiffe wagten sich, wie der Lootse mir erzählte, einige in die Nähe des Fetischfelsens. Mag es nun infolge der Zauberei oder der Excentricitäten der ewig kochenden Flut gewesen sein, genug, die Tradition weiss ganz pikante Geschichten von den merkwürdigen Abenteuern der Schiffe zu erzählen, die hülflos vom Strome erfasst und aus ihrem Curs geschleudert, plötzlich unter träger Auf- und Niederbewegung des Bugs und Hecks rund herum gedreht und nach Beendigung des Tanzes mit zerrisseneu Segeln und schlaffen Tauen und Brassen zum Ufer geworfen wurden, während die erblassten Matrosen einander zitternd anblickten und schliesslich darauf schwuren, dass dies Teufelswerk gewesen sei. Ich sagte dem Lootsen, dass ich dies auch glaube: „denn, mein Freund, es war damals eine sehr schlimme Zeit, da die Weissen ein Gott gefälliges Werk zu thun glaubten, wenn sie ihre schwarzen Brüder kauften und wieder verkauften".

Dampfer beachten diese verächtlichen Wirbelströme jedoch nicht, so geräuschvoll dieselben auch sein mögen, und auch wir fuhren jetzt mit tiefem Wasser unter dem Schiffe weiter, ohne dass das Kielwasser die geringste Abweichung von der geraden Linie zeigte. Als wir uns nach bemerkenswerthen Objecten umblickten, zeigte man uns einen seltsamen Gegenstand auf dem Gipfel eines hohen Hügels am Nordufer, den sogenannten Blitzstein, der bei den Eingeborenen den Namen Ma-taddi-Nsassi führt, zuweilen aber auch Limbu li Nsambi, der Finger Gottes, genannt wird. Derselbe ist jedoch nichts anderes als das Innerste des Berggesteins, von dem vor Jahrhunderten das Erdreich durch die Gewässer fortgespült ist, sodass nur der domförmige Gipfel stehen geblieben ist, der einem modernen Leuchtthurme oder einem Monumentalbau nicht sehr unähnlich sieht.

Eine genau vierstündige Fahrt brachte den „Albion" und die „Belgique" mit ihren Leichtern im Schlepptau von Ponta da Lenha nach dem Landungsplatze einer der holländischen Factoreien in Boma.

Als wir uns noch einige hundert Meter von dem Damm befanden, konnten wir Boma, das Haupthandelsemporium am Kongo, dessen Lage sich der gekrümmten Linie des Flusses anschliesst, von einem Ende bis zum ändern gut übersehen. Es besteht aus einem Haufen von Factoreien, d. h. einer Anzahl getrennt liegender Gebäude, die als Waarenlager, Schuppen oder Arbeitsstätten dienen, begrenzt von den Wohngebäuden der Besitzer oder Vertreter der in Europa etablirteu englischen, holländischen, französischen oder portugiesischen Firmen, die ihre Agenten hinausgeschickt haben, um auf beiden Ufern des Flusses an jeder passenden Stelle Handelsniederlassungen anzulegen.

Die Zahl derselben war 1879 selbstverständlich noch nicht so gross, wie jetzt, 1885. Die verschiedenen Gesellschaften, und namentlich die holländischen, englischen und französischen Häuser, besitzen jede mehrere Factoreien.

Das Centraldepot ist in Banana-Point, wo die Waaren aus den Oceandampfern empfangen, gelöscht und in den Speicherräumen und Vorrathshäusern gelagert werden, bis sie durch Privatdampfer der Centraletablissements nach den einzelnen Factoreien geschafft werden. Die Holländer besitzen vier Dampfer: „Prince Hendrik", „Carl Nieman", „Banana" und „Morian", von denen die drei ersten geräumige Schiffe sind, die nach Europa fahren könnten, während der „Morian" ein Schleppdampfer von 40 Tonnen Gehalt ist und die Galioten, Schuner, Barkassen und Leichter- nach den obern Stationen des untern Kongo bugsirt. Der „Prince Hendrik" und der „Carl Nieman" holen die Producte von den Niederlassungen an der Küste zusammen, und zu bestimmten Zeiten trifft ein Oceandampfer nach fünfundzwanzigtägiger Fahrt von Rotterdam und Madeira in Banana-Point ein, um nach kurzem Aufenthalt mit Kautschuk, Oel, Gummi, Kernen, Erdnüssen, Elfenbein, Orseillemoos, Kaffee und ändern Artikeln beladen nach Europa zurückzukehren.

Das englische Haus hat einen Küsten- und Flussdampfer von 250 Tonnen Gehalt, den „Kabinda", der die afrikanischen Producte auf den zerstreut liegenden Factoreien sammelt, um dieselben für ihren Liverpool-Dampfer „Angola" herbeizuholen.

Die Kongo- und Centralafrikanische Gesellschaft beschäftigt einen Dampfer von 250 Tonnen, den „Albuquer-que", in derselben Weise, verladet ihre Waaren jedoch, wie ich glaube, mit den einmal im Monat Banana anlaufenden englischen Postdampfern.

Die Franzosen und Portugiesen besitzen nur Galioten, Schuner, Barkassen und Canoes und verschiffen die Producte häufig mit Segelschiffen.

Fügt man diesen Schiffen, welche beständig zwischen Banana und Boma auf dem Kongo auf- und niederfahren, die den eingeborenen Häuptlingen gehörenden Canoes noch hinzu, so kann man wol sagen, dass es dem Kongo nicht gänzlich an Beweisen einer Handelsbewegung mangelt.

Und dennoch ist das allgemeine Aussehen, einerlei ob vom Flusse oder vom Lande aus, keineswegs ein einnehmendes zu nennen; das Auge bleibt unbefriedigt und sehnt sich nach Zeichen von Leben und Bewegung, und der Instinct des an ein Zusammensein mit seinesgleichen gewöhnten Leben wird durch die unerklärliche Einsamkeit beleidigt und gekränkt. Schaut man von der Spitze des Hügels über die Factoreien genau in die Ferne, dann wird man verstehen, weshalb dies geschieht. Nach Norden dehnt sich die grossartige Masse auf- und niedersteigeuder massiver Hügel, eine lange wellenförmige Linie hohen Landes aus, bis dieselbe in grauer Ferne verschwindet; zu Füssen bewegt sich eine mächtige, lebende Wassermenge langsam dem Meere zu, aber gerade in diesem Augenblicke vermag man weder ein grosses, noch ein kleines Boot auf den vielen hundert Quadratmeilen Wasserfläche zu entdecken, auf dem unendlichen Landareal, auf Hügeln und Ebenen keine schlanke Thurmspitze, keinen Dom, keinen Schornstein zu sehen; ja mau erblickt nicht einmal etwas, das Aehnlichkeit mit einer menschlichen Wohnung hat, keine in der stillen Luft aufsteigende Rauchsäule, welche den Trost geben würde, dass man nicht allein ist. Alles ist grossartige, weite, anscheinend nie vom Menschen berührte und betretene Natur. Da mir nichts das Gregentheil beweist, so könnte ich annehmen, dass ich der erste Mann bin, W eisser oder Schwarzer, der je diesen undankbaren Boden betreten hat. Diesen Eindruck gewinnt man wenige Kilometer von Boma entfernt; glücklicherweise aber kann ich mich umdrehen und die geträumten Phantasien durch einen tröstlichen Blick auf die behaglichen Etablissements verscheuchen, die sich am nördlichen Ufer hinziehen und mit ihren hohen Flaggenstöcken und weiss angestrichenen Wohnhäusern, den dunkeln Strohdächern der langen Vorrathshäuser und Schuppen, den zerstreut stehenden, aber hinreichend belaubten Bäumen, den mit den bunten Nationalflaggen geschmückten Masten der Dampfer und Segelschiffe ein Bild gewähren, das wol einer Skizze werth ist.

Das Gefühl der Einsamkeit und Trostlosigkeit wird noch dadurch erhöht, dass es den schwerfälligen Linien der Hügel und den weit ausgedehnten Ebenen an den dunkeln ewig üppigen Waldmassen fehlt, ohne welche wir uns die Tropen eigentlich gar nicht vorstellen können. Der groteske Baobabbaum, der sich mit seiner dünnen Laubkrone vereinzelt auf kleinen Erhöhungen und tafelförmigen Hügeln findet, vermag für die allgemeine und unangenehme Nacktheit des Anblicks keinen Ersatz zu leisten. Zu dieser Jahreszeit, im August, scheint die ganze Natur, ausgenommen den verschiedenen Armen des Kongo entlang, vertrocknet, verdorrt, versengt und todt zu sein. Dieser fast gänzliche Mangel jeglicher Vegetation ist eine Folge der Feuersbrünste, welche in jeder trockenen Jahreszeit den starken Graswuchs zerstören. Auch schreibt man ihn den kleinen unebenen Abschnitten zu, in welche das Land durch die heftigen Regengüsse und die von jedem Hügel und Gipfel herabstürzenden starken Sturzbäche zerrissen wird, die alle Ueberbleibsel der Vegetation mit sich fortführen, ehe dieselben ihre Wirkung auf den Boden ausüben können.

Etwa einen Monat später fällt der erste liegen; der Anblick ist dann ein weit anmuthigerer und weicherer, da das junge, zarte und grüne Gras den Kopf aus der Erde steckt und das Land unter den Einwirkungen der Feuchtigkeit und einer massigen Sonnenwärme sich zum Bessern entwickelt und umgestaltet. Wenn dasselbe mit lebhaftem Grün bedeckt ist, rivalisirt das Gras an Weichheit mit dem der englischen Grafschaft Northumberland, Und es erscheinen Vögel und ganze Heerden von Kindern und Ziegen auf der Scene, wo mau sie früher vermisst hat.

Wenn man von afrikanischem Sonnenschein spricht, so muss man sich erinnern, dass es verschiedene Arten desselben gibt; beispielsweise hat man den harten, weissen, nackten und unverhüllten Sonnenschein des östlichen Nordamerika, den warmen, schläfrigen, nebeligen Sonnenschein des englischen Sommers, den hellen, freundlichen, reinen Sonnenschein des Mittelmeeres. Mir erscheint der afrikanische Sonnenschein jedoch nach seinen Wirkungen auf die Landschaft, trotz seiner grossen Hitze, als eine Art stärkern Mondlichts. Ich spreche ein- oder mehreremal in diesem Werke von „feierlich aussehenden" Hügeln; diese scheinbare Feierlichkeit kann ich nur dem seltsamen Sonnenschein zuschreiben. Derselbe vertieft die Schatten und verdunkelt das schwärzlichgrüne Laubwerk der Wälder, während er den nackten Abhängen und unbewaldeten Spitzen einen unbestimmten Ausdruck oder einen kalten Lichtreflex verleiht. Seine Wirkung ist ein erkältender Ernst, eine unbeschreibliche Feierlichkeit und abstossende Ungeselligkeit. Die Sympathie erwärmt sich nicht, das Schweigen hat dem Sonnenschein seinen Stempel aufgedrückt und macht den Menschen sprachlos. Mau mag die Landschaft bewundern, man mag sie verehren, aber Liebe hat mit dein Gefühl nichts zu thun. Auch von Amnuth und Lieblichkeit ist keine Rede; die ocenerie kann erhaben sein, aber sie ist von einer leidenschaftslosen Erhabenheit. Sie will betrachtet sein, aber nicht angeredet werden, denn der Blick des Menschen richtet sich auf eine stumme, sphinxartige Unbeweglichkeit, die eher einem unwesentlichen Traumlande als der wirklichen Erde angehört. Wer diesen Versuch, die Ursache der unsäglichen Einsamkeit der afrikanischen Hügellandschaften zu analysiren, in der Erinnerung behält, wird vielleicht bei der nächsten Betrachtung derselben die Wahrheit dieser Bemerkungen verstehen und es begreifen, dass nur infolge des seltsamen Sonnenscheins ein Mangel an Sympathie zwischen dem Menschen und jenen herrscht. Wer dies bezweifelt, möge dieselbe Landschaft in der Jahreszeit der Gewitterstürme anschauen und ihre von der Hochflut der Natur erzeugte lebhafte Färbung beobachten.

Boma (oder Mbonia) hat eine Geschichte, eine grausame, das Blut erstarren machende Geschichte voll von Schrecken, Jammer und Leid. Zwei Jahrhunderte und länger wurde hier die Unmenschlichkeit des Menschen gegen den Menschen durch die unbarmherzige Verfolgung der Schwarzen seitens niederträchtiger Weisser dargethan. Zu Tausenden wurden jene hier gekauft, mit Gewalt aus ihrer Heimat getrieben, dutzendweise aneinandergekettet, in den Raum der Sklavenschiffe geschleppt und dort eng verstaut und nach Brasilien, Westindien und Nordamerika geschickt, von wo nicht ein einziger zurückgekehrt ist. Ganze Flotten wurden zu diesem traurigen Geschäft unterhalten und haben in der Nachbarschaft von Boma geankert, wo die verschiedenen in den Schiffen verladenen Kaufmannswaaren und Vorräthe von Branntwein und Rum die Eingeborenen verführten, auf die ungerechteste Weise die armen Opfer des Aberglaubens, der Thorheit, Unwissenheit und Gewaltthätigkeit aus allen Theilen des Innern herbeizuschleppen.

Als dieses Uebel sich auswärts noch mehr ausbreitete, wurden andere benachbarte Districte, Ponta da Lenha, Nokki, Mussuko, sowie die sämmtlichen Orte am Flusse und an der Küste ebenfalls entvölkert, bis auf der ganzen weiten Strecke zwischen dem Meere und dem Meridian von Stanley-Pool nicht ein einziges Dorf mehr war, welches nicht Ursache hatte, den schmachvollen Handel zu verfluchen, der so plötzlich Trauer und Jammer über das Land verbreitet hatte.

Kann man sich danach wundern, wenn man auf die ausgedehnte Wildniss und Unfruchtbarkeit hinabblickt, dass ein so grosser Theil der reichen Ebene, die jetzt mit gleichsam klagend raschelndem Grase bedeckt ist, unbebaut daliegt? Hätte das Land nur die dichte Bevölkerung, welche in zahlreichen Dörfern an dem obern Kongo und den obern Nebenflüssen lebt, das heutige Boma würde sicherlich zu einer Stadt von einiger Grosse herangewachsen sein, denn der legitime Handel, welcher sich entwickelt hat, seitdem Grossbritannien Europa und Amerika zu Milde und Mitgefühl veranlasst hat, würde genügt haben, um die vielen Bewohner zu ehrlichen Geschäften in den natürlichen Producten ihres Landes anzuregen, wie es die wenigen noch lebenden Ueberbleibsel der verschwundenen Stämme dazu vermocht hat. Oh, wenn das Land in zukünftigen Zeiten, die ich in gläubigem Vertrauen vorhersehe, sich von der jetzigen traurigen Oede erholt haben wird, wenn Generationen unter dem wohlthätigen Einflüsse civilisirter Einrichtungen geboren sein werden und dem Lande durch die fürsorgende Hand einer Regierung wieder aufgeholfen sein wird, dann werden auch die Ebenen und Thälef sich wieder des Ueberflusses und des Reichthums erfreuen, und dann hüte sich die Nation, welche den Sklavenhandel in diesen Regionen einführte, vor der Feder des Kongo-Dichters!

Im Jahre 1879 lebte in Boma übrigens nur noch ein Mensch, der aus persönlicher Erfahrung wusste, wie das alte Boma ausgesehen hatte. Er und ein anderer Mann, der einer weiter abwärts gelegenen unbedeutenden Factorei angehörte, hatten zwei Jahre vorher ein Verbrechen begangen, wie es selbst in den Annalen des alten Boma nicht verzeichnet stehen dürfte. Eines Nachts waren seine Vorrathsräume niedergebrannt und grössere Mengen Branntwein und Stoffe gestohlen worden, weil seine Sklaven ihre Unzufriedenheit auf diese Weise an ihrem unfreundlichen Herrn glaubten auslassen zu können. Die Schuldigen wurden entdeckt und von ihrem Herrn eingefangen, der ihnen einen eisernen Halskragen umlegte, eine kurze Kette durch die Oeseii des letztern zog und das Endstück derselben mit einem Gliecle der Mittelkette des Ganzen zusammennietete; dann wurden den derartig gefesselten Sklaven die Hände auf dem Rücken zusammengebunden, die Unglücklichen in ein Boot geworfen und nach der Mitte des Flusses gerudert, wo einer nach dem ändern über Bord gestossen wurde. Natürlich ertranken die gefesselten und geketteten Sklaven sofort.

Einige Stunden später trieben die Leichen mit der Strömung den Fluss hinab und wurden an einer Sandbank angeschwemmt, wo sie der gerade auf einer Inspectionstour den Fluss aufwärts begriffene englische Consul Kapitän Hopkins auffand, der bei genauerer Untersuchung der Ketten den Namen des Eigenthümers auf denselben fand.

Seit der Begehung dieses Verbrechens ist das moderne Boma von Blut und Schuld rein geblieben. Sein Handel ist höchst unschuldig — die Butter der Oelpalmen, der Kautschuk in den Wäldern, die Kerne der Oelnüsse, das Sammeln der Erdnüsse, des Kopals und der Elefantenzähne u. dgl. haben die Eingeborenen genügend beschäftigt, während der Tauschhandel mit Baumwollstoffen aus Manchester und Glasgow, Wollen-Savelist aus Rochdale, Decken aus Yorkshire, Messerschmiedewaaren und Gewehren aus Sheffield und Birmingham, Töpfer- und Eisenwaaren, Perlen und Messingdraht aus verschiedenen Theilen Europas, Branntwein und Ruin aus Holland und Hamburg, Taback und Fischen aus Amerika sieh als sehr gewinnbringend für die britischen, französischen, holländischen und portugiesischen Händler erwiesen hat, die sich in der Nachbarschaft des einstigen grossen Sklavenmarktes am Kongo niedergelassen haben.

Wenn auch einige der Händler des heutigen Boma in ihren Geschäften mit den Angeborenen nicht immer in strengster Uebereinstimmung mit den Principien der Gerechtigkeit und Gleichheit verfahren sind, so beweisen doch ihre bis weit ins Innere hinein sichtbaren glücklichen Resultate, dass sie häufiger von dem Wunsche, aufrichtig zu sein, als von einem ändern Verlangen beseelt gewesen sind.

Beobachtet mau die Art und Weise des jetzigen Verkehrs zwischen Weissen und Schwarzen, so gewinnt man die Ueberzeugung, dass kein Uebelwollen gegeneinander herrscht, und man bemerkt, dass die Eingeborenen nicht verbittert und erzürnt sind, sondern im Gegentheil eine wohlthuende Familiarität und ein vertrauendes Benehmen ihren Verkehr auf der Wasserstrasse von Boma kennzeichnet. Wenn die Eingeborenen auch nicht im Stande sein würden, den Hülfstruppen, welche eine Verbindung der Händler herbeirufen könnte, Widerstand zu leisten, so findet man bei näherer Untersuchung der Verhältnisse doch, dass sie gegen Tyrannei, Unterdrückung und beständige Uebelthaten der Weissen gerade durch das Interesse geschützt sind, welches diese zwingt, die Flussufer des Kongo zu ihrer Heimat zu machen. Die starke und wilde Concurrenz, welche unter den Händlern besteht, um sich das grösste Geschäft zu sichern, und welche ihren Ausdruck in dem Thema aller Gespräche bei den Mahlzeiten findet, verleiht den Eingeborenen einen bessern Schutz, als eine ganze Flotte von Kreuzern ihnen geben könnte. Der böse weisse Mann, welcher schmuzige Reden und Schimpfereien im Mumie fuhrt, wird gemieden, in den Bann gethan und vollständig „boycottirt"; sein Name und Charakter wird auf allen Hoch- und Nebenstrassen den Händlern und Trägern bekannt, und die Folge ist der Rückgang und völlige Ruin seines Geschäfts, der ihn bald forttreibt, sodass der liberale und freundliche Weisse den Vortheil erntet.

Das Gefühl, dass die Händler im allgemeinen ungerecht beurtheilt worden sind, veranlagst mich, dies zu ihrer Rechtfertigung zu sagen. Vielleicht sind sie von Missionaren falsch geschildert, die möglicherweise in Boma und ändern Orten vergeblich ein Arkadien gesucht haben, die, anstatt sich dasselbe weitab von den geschäftigen Centren des Handels zu schaffen, in die Fussstapfen der Händler treten möchten und ärgerlich darüber sind, dass jene das von ihnen Errungene dem Gefühl nicht opfern wollen, von welchem sie selbst sich leiten lassen.

Seit 1879 hat Boma beträchtlich au Grosse zugenommen. Die französische katholische Mission hat sich auf einem niedrigen Hügel am Ufer angesiedelt, der die, englischen Factoreien von den Emporien der ändern Nationen trennt, und die Ufer des Krokodilbaches, welcher sich wie eine Schlange durch eine niedrige Wiese am untern Ende von Boma windet, haben ein anderes Aussehen erhalten. Auf der Ostseite des Baches liegt das Wohngebäude des Buchhalters der Internationalen Association, und in der Nähe befinden sich die Maschinenschuppen, Kohlenlager, Vorrathsräume und das kleine Dorf für die farbigen Angestellten, alles mittels einer Decauville-Bahn mit einer schönen eisernen Landnngsbrücke verbunden, die bis weit hinaus in tiefes Wasser reicht. Auf einem luftigen Plateau, etwa 1 1/2km entfernt und einen weiten Blick auf das Thal des untern Kongo gewährend, steht das geräumige Hospital der Internationalen Association, das, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, einen keineswegs unangenehmen, vielmehr, wenn man an Schwermuth leidet, sogar einen sehr wünschenswerthen Aufenthalt bietet. Westlich vom Bach dehnt sich Boma noch weiter aus; es sind dort bereits zwei Factoreien angelegt, doch ist Grund zu der Annahme, dass der Ort noch ferner wachsen wird; mit welcher Schnelligkeit, hängt natürlich von der Erschliessung des Innern ab.

Obgleich der Kongo ein Volumen besitzt, welches demjenigen des Nil, des Sambesi und des Niger zusammen gleichkommt, so ist er doch äusserst arm an classischen Reminiscenzen, wie der Leser schon daraus ersehen haben wird, dass ich solche nicht erwähnt habe. Allein man darf nicht allzuviel Gewicht darauf legen. Livingstone hat einmal humoristischerweise gesagt, er werde sich deshalb nicht „schwarz ärgern", und da dieses Grosse und Theuere auch von uns nicht verlangt wird, so können wir diesen Mangel milder beurtheilen.

Es haben weder die in die Ferne schweifenden Alten, noch sehr berühmte Reisende der Neuzeit den Strom besucht; mit seinem Namen ist kein grosses Ereigniss verknüpft, in Verbindung mit dem Kongo ist nichts geschehen, was seine Geschichte, für Leute besonders interessant machen könnte, die sich nicht mit seinem Handel oder mit dem besondern Studium des Flusses beschäftigen. Mit dem Namen des Kongo hängt, wenn man die Expedition Tuckey's ausnimmt, kein militärisches, nautisches oder wissenschaftliches Unternehmen zusammen; aber der Fluss besitzt eine trübe locale Geschichte, die ein trauriges Gefühl bei uns hervorruft, wenn wir an die Tage des Sklavenhandels zurückdenken. Es sind schon Kriegsschiffe vieler Nationen den Fluss hinauf gesegelt, haben eine kurze Zeit bei Boma vor Anker gelegen und sind wieder abgefahren; englische Consuln und europäische Marineoffiziere haben Boma oft besucht und in den letzten Jahren sich sogar bis zu den als Jellala-Fälle bekannten untersten der Livingstone-Katarakte hinaufrewagt. Holländische, englische, französische und portugiesische Händler haben manchen kühnen Versuch gemacht, den grössten Theil des Handels in localen Producten an sich zu ziehen. Von Schriftstellern und reisenden Gelehrten weiss man, dass Kapitän Eichard Francis Burton und Joachim Monteiro den untern Kongo bereist haben, und neuerdings hat H. H. Johnston, ein junger vielversprechender Keisender, einen hübschen Bericht seiner Reise bis Bolobo geschrieben; allein selbst der erstere, der die Kunst versteht, jeden interessanten Gegenstand aufzufinden, ist nicht im Stande gewesen, mit Bezug auf die Geschichte des Kongo eine Thatsache zu entdecken, welche durch ihren innern Werth einen dauernden Eindruck macht. Diese ausserordentliche Dürftigkeit an historischen Ereignissen ist

daher wahrscheinlich der Grund, weshalb die auf den Kongo bezügliche Stanze des Dichters Camöes so oft citirt wird:

Allí o mui grande reino está de Cougo,
Por nos ja convertido á fé de Christo,
Por onde o Zaire passa claro e longo,
Rio pelos antiguos nunca visto.

Dort dehnt sich aus das Kongoreich, das weite,
Von uns gelehrt das Christenthum verstehen,
Bespült vom langen Laufe des Zaire,
Dem Strom, den uns're Ahnen nie gesehen.

CAMOES, Lusiaden, V.

Die Boma gegenüberliegende Insel ist seitens der Holländer zu Farmzwecken von den Fürsten des Festlandes erworben, und die Gärten gedeihen, wie ich höre, gut, und die europäischen Gemüse gewöhnen sich vorzüglich an den Boden. Einige der Händler haben in ihren Gärten ganz ausserordentliche Erfolge in der Horticultur aufzuweisen. Von Früchten sind Apfelsinen, Citronen, Limonen, Melonen, Guaven und Ananas je nach der Jahreszeit zu haben, während von Gemüsen europäische und süsse Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Steckrüben, Lattich, Kohl, rothe Rüben, Möhren und Bohnen ziemlich gut gedeihen. Man hat auch mit dem Eucalyptus Versuche gemacht, doch gingen die Bäume stets ein, wenn sie etwa 5 m hoch waren, wahrscheinlich weil sie an zu exponirter Stelle standen.

Man kann ferner frisches Rindfleisch, Schafe, Ziegen, Geflügel und Enten haben, und da es auch an Reis und Weizenbrot nicht fehlt, so hat der Europäer, wenn er einen guten Koch besitzt, keine Ursache, sich über die Lebensweise am Kongo zu beklagen, vorausgesetzt, dass er bezüglich der hitzigen Getränke vorsichtig ist und einen kalten Trank vermeidet.

Nachdem ich den Leser nun in Boma umhergeführt habe, muss ich mich jetzt aber nach den zurückgebliebenen Dampfern der internationalen Flotille umsehen. Der „Albion" und die „Belgique" waren nach vierstündiger Fahrt von Pouta da Lenha gleichzeitig in Boma eingetroffen, dagegen war es fast 11 Uhr abends, ehe wir das englische Boot „Royal" mit dem Raddampfer „En Avant" im Schlepptau tapfer heranschnauben hörten, und erst eine halbe Stunde später langte die „Esperance" an, welche den 40 Fuss langen Stahl -leichter bugsirte.

Die an Bord befindlichen Weissen waren fürchterlich hungerig und in der wüthendsten Stimmung, doch besänftigte eine reichhaltige Mahlzeit bald die frühere Neigung zu einem scharfen Wortgefecht. Alle stimmten aber auf dem sichern neutralen Gebiete darin überein, dass die Erbauer des „En Avant" die Schuld an der Verspätung trügen; denn dies war noch einige Tage vorher, ehe Flamini's Geschicklichkeit uns zu Hülfe kam und das scheinbar werthlose Fahrzeug zu einem Wunder von Brauchbarkeit umwandelte. Wäre an jenem Abend ein Stenograph in der Gesellschaft der ungehobelten dänischen Burschen und der jungen belgischen Herren anwesend gewesen, ich hätte zum allgemeinen Besten und namentlich zum Nutzen späterer Seefahrer die verschiedenen Entdeckungen zwischen den Sandbarren und verwickelten Wasserzügen veröffentlichen können, und Naturforscher würden sicherlich von den Eigenschaften der verschiedenfarbigen Mosquitos, ihrer Grosse und den Wirkungen ihrer Bisse aufs höchste amusirt, ja von den Entdeckungen vielleicht auch belehrt worden sein. Obgleich ich schon manches von Afrika kennen gelernt hatte, wusste ich doch nicht, bis zu welchem Grade empfindliche Naturen Kleinigkeiten ver-grössern können. Unerfahrenheit besitzt augenscheinlich mikroskopische Kräfte der Vergrösserung. Ich habe aber manchmal ein schwaches Gedächtniss und fürchte deshalb, das an jenem Abend Vernommene nicht in gehöriger Weise wiedererzählen zu können.

Am Tage nach der Ankunft in Boma setzte der „Albion" die Entlöschung seiner Ladung fort, und auch die Waaren der „Belgique" wurden ans Land geschafft. Am 25. August wurde letztere nach Banana-Point zurückgeschickt, um eine weitere Ladung zu holen, und am 26. sandten wir auch den mittlerweile ebenfalls leer gewordenen „Albion" hinab, um die Holzhütten, Planken, Maschinerien und Eisenwaaren her-aufzuschaffen.

Am 28. kehrte der „Albion" mit vollem Raum und hoher Deckslast nach Boma zurück, von wo derselbe, nachdem wir am folgenden Tage unter Führung eines Eingeborenen aus Kabinda als Lootsen den Fluss hinaufgedampft waren, um einen geeigneten Platz für ein neues Lager zu suchen, am 30. die Fahrt nach dem vier Stunden oberhalb Boma am südlichen Ufer liegenden Mussuko fortsetzte. Der Landungsplatz in Mussuko war so bequem, dass wir den Dampfer am Lande in drei Faden Wasser festlegen konnten.

Während nachmittags die Ladung gelöscht wurde, unternahmen Kapitän George Thompson vom „Albion" und ich in dem Lifeboot „Royal", diesmal aber ohne Lootsen, eine weitere Recognoscirungstour, um einen ändern Lagerplatz, den wir benutzen wollten, wenn alle Waaren von Boma nach Mussuko gebracht sein würden, sowie tiefes Fahrwasser aufzusuchen, um beim Transport der 600 Tonnen Material, die noch in Banana-Point und Boma lagerten, auch den „Albion" verwenden zu können.

Eine 2 1/2 stündige Fahrt brachte uns nach einer kleinen Insel, welche auf der Tuckey'schen Karte Zunga-chya-Idi genannt ist und der Mündung des an der Nordseite in den Kongo strömenden kleinen Flusses Lufu gegenüberliegt.

Am Nordufer, etwa 3 km weiter aufwärts, erblickten wir ein schönes mit Grün bedecktes Plateau, das gegen 300 Fuss hoch aus dem Flusse aufstieg; um dasselbe zu erreichen, wagten wir uns aus der Bucht in der Nähe des Lufu in den Strom hinaus. Unbekannt mit dem richtigen Curse, den wir steuern mussten, und im vollen Vertrauen auf die Kraft des Dampfes, hielten wir der Mitte des Stromes zu, wo wir das zierliche Boot unter dem höchsten Druck, den der Kessel vertragen konnte, gegen die mächtige Strömung trieben. Wenn man einen Kork in eine Schale mit Wasser wirft und dieses heftig aufrührt, kann man sich eine Idee davon machen, in welcher Weise die Strömung hier toste, und welche tollen Bewegungen der kleine Dampfer bei dein Bemühen machte, in dem wirbelnden, kochenden Hexenkessel vorwärts zu kommen. Wir wurden von der Wucht der Gewässer umgedreht, herumgeworfen, dann aufwärts, seitwärts getrieben, darauf ebenso viele Meter wieder zurückgeschleudert, wie wir in der Rückströmung des Wirbels vorwärts gekommen waren; dann stieg der Bug wieder auf dem Rücken einer Welle hoch empor, und aufs neue wurden wir zurückgeschleudert, um nochmals der leichte Spielball der wüthenden, tobenden Strömung zu werden. Da wir auf diese Weise nicht weiter kamen, kehrten wir schliesslich um und fuhren mit grosser Geschwindigkeit den Fluss hinab zum Lager zurück, aber unser Arertrauen zu der Kraft des Dampfes hatte einen mächtigen Stoss erlitten.

Von dem Wunsche beseelt, meinem würdigen Kapitän eine kleine Probe von dem Vergnügen einer afrikanischen Jagd zu geben, suchten wir, als wir die Hälfte der Palmyra-Strecke zurückgelegt hatten, nach Flusspferden, die meiner Ansicht nach des saftigen Grases wegen, welches wir auf dem niedrigen terrassenförmigen Lande bemerkten, sich in dieser Gegend aufhalten mussten. Und ich täuschte mich in dieser Beziehung nicht, denn gleich darauf kam ein Flusspferd in Sicht, das, den Körper im Wasser, mit dem Kopfe auf einer Bank ruhte, entweder fest schlafend oder in tiefe Gedanken versunken.

„Das soll ein Hippopotamus sein?" schreit der alte Seemann. „Das ist ja ein Felsstück!"

Ich ziele mit meiner Express-Büchse nach dem Gehirn des Thieres und schiesse, aber dasselbe macht nicht die leiseste Bewegung.

„Ich hab's Ihnen ja gesagt", bemerkt der seekluge Schiffer. „Diesmal haben Sie sicherlich auf einen Felsen geschossen. Schämen Sie sich nicht?" fügt er triumphirend hinzu.

„Nun, wir werden ja sehen. Langsam vorwärts, Junge", befehle ich dem farbigen Maschinisten, und einige wenige Umdrehungen der Schraube trieben das Boot an das Land, sodass Mr. Thompson, der ein Juwel von einem Schiffsführer, aber unter Flusspferden die richtige Landratte war, sich selbst von dem Unterschiede zwischen einem Hippopotamus und einem Felsen überzeugen konnte. Indessen war er wie ein anderer Thomas Didymus nicht eher befriedigt, als bis er drei Finger in die Wunde gesteckt hatte.

Die schmeichelhaften Bemerkungen des Herrn George Thompson will ich übergehen und dafür lieber dem Leser die Scene beschreiben, welche sich abspielte, als die jungen Dänen und Schotten mit dem Walfischboot vom „Albion" geholt wurden, um das Thier auf das Land zu schleppen und das Fleisch zur Vertheilung an unsere Leute zu zerschneiden.

Albert, in seiner unsinnigen Freude, muss erst mit Schritten den Körper messen, damit er seinem Papa in Kopenhagen die genaue Länge des Thieres mittheilen kann, während Martin den dicken Rumpf zu seinem eigenen Schaden mit der flachen Hand bearbeitet; dann werden die Kinnbacken geöffnet, um ohne Gefahr in den geräumigen Schlund zu blicken, die festen Backenzähne und glänzenden Schneidezähne zu zählen, die, wäre das Thier am Leben gewesen, den stärksten Mann mittendurch gebissen hätten, und allerlei sonstige Scherze gemacht, zu denen die neugierige Unerfahrenheit so gern verleitet.

Die Dampfer „Albion" und „Belgique" waren bis zum 13. September emsig mit dem Transport unserer mannichfaltigen Effecten beschäftigt, mit denen wir auf einer bis jetzt noch nicht bestimmten Stelle auf einem der beiden Ufer eine ständige Niederlassung errichten wollten; so rasch wie dieselben zum Landungsplätze in Mussuko gebracht werden konnten, wurden sie durch einen Theil unserer Leute gelandet, und während einige die dem Verderben leichter ausgesetzten Materialien in der Factorei verstauten, stapelten andere die grobem Sachen in der Nähe des Landungsplatzes auf. Dann wurde der Leither Dampfer „Albion" seiner Pflichten auf dem Flusse entbunden und nach Banana-Point zurückgesandt, um dort Steinkohlen für die lange Reise einzunehmen, die er am 17. September direct nach Europa antrat. Er nahm Briefe und Berichte über unsere ersten Maassregeln auf dem Kongo mit, bezüglich welcher wir die erfreuliche Thatsache constatiren konnten, dass wir in 34 Tagen mit allem Material, allen Booten in betriebsfähigem Zustande und mit der besten Aussicht auf einen weitem Erfolg unsere erste etwa 135 km von der See liegende Operationsbasis erreicht hatten.

Quelle:Henry M. Stanley. Herrn F. A. Brockhaus.1885, von bjfe by jadu

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