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Der Kongo und die Gründung des Kongostaates.

Arbeit und Forschung

Von

Henry Morton Stanley ( John Rowlands )1841 -1904

Inhalt

Kapitel V

Auf dem Wege zum Kongo

Bankrott holländischer Kaufleute an der Kongomündung und dessen Folgen. — Brief an Oberst Strauch. — Das angeblich Geheimnissvolle der Expedition. — Das Unbegründete dieser Behauptung. — Mein persönliches Verfahren in dieser Angelegenheit. — Unfall des „Albion". — Gezwungen in Sierra Leone einzulaufen. — Ein amüsantes Misverständniss. — Ein alter Freund. — Entgegenkommen desselben. — Ankunft in der Kongo-Mündung.

Wie schon früher erwähnt, wurde die Internationale afrikanische Association im Jahre 1876 gebildet, um, soweit die Zinsen der aus den Beiträgen gesammelten Fonds es gestatteten, eine Reihe von Stationen von der Ostküste nach dem Innern anzulegen, welche insbesondere denjenigen Reisenden zugute kommen sollten, die durch widrige Verhältnisse gezwungen wären, sich zurückzuziehen, um sich neu auszurüsten und weitere Versuche zu machen.

Das Comite d'Etudes du Haut Congo dagegen machte, dem Namen entsprechend, nur den Kongo zum Gegenstand seiner Thätigkeit. Es gehörten demselben mehrere Kaufleute an, die gar keine Beziehungen zu der Association hatten und auch keine Sympathieen für dieselbe hegten. Anfänglich hatte das Comite d'Etudes du Haut Congo ganz andere und besondere Pläne und ein grossartigeres Unternehmen in Aussicht genommen, falls die Berichte aus der Kongoregion günstig ausfallen sollten. Aber während ich mich auf der Reise von Sansibar nach Aden befand, waren die holländischen Kaufleute, welche eine grosse Niederlassung an der Mündung des Kongo be-sassen und sich über ihre Mittel hinaus in gewagte Speculatio-nen eingelassen hatten, in einer hereinbrechenden Krisis nicht im Stande gewesen, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so-dass sie sich bankrott erklären mussten. Wäre dieses grosse Haus die solvente Firma gewesen, für welche man dasselbe allgemein gehalten hatte, dann würde dieser Vorfall ein keineswegs unwichtiger Factor bei dem soeben beginnenden Unternehmen gewesen sein.

Bei der Ankunft in Aden fand ich jedoch ein Telegramm vor, in welchem mir mitgetheilt wurde, dass die genannten holländischen Kaufleute bankrott seien, einer der Haupt-directoren nach Amerika geflohen sei und ein anderer einen Selbstmordversuch begangen habe. Die Theilnahme dieser und anderer Kaufleute hatte dem Unternehmen einen com-merziellen Charakter verliehen, und da die nevie und reor-ganisirte Gesellschaft, die „Afrikaansche Venootschap", welche an Stelle der „Handels-Vereeniging" gebildet wurde, beim Comite um Rückgabe der von ihrer Vorgängerin eingezahlten Gelder nachsuchte, benutzte letzteres die Gelegenheit, um den Kaufleuten aller Nationalitäten, die früher durch Beiträge ihre Sympathie mit dem Unternehmen kundgegeben hatten, die gezahlten Summen zurückzuerstatten.

Dem Comite d'Etudes du Haut Congo gehörten nunmehr nur noch diejenigen an, welche auch die Geschäfte der Internationalen Afrikanischen Association führten. Das Comite nahm deshalb, als es sich davon überzeugt hatte, dass die Fortschritte und die Stabilität des Unternehmens gesichert seien, den Namen der „Association Internationale du Congo" wieder an, die bekanntlich ursprünglich zu dem philanthropischen Zwecke gegründet war, das Kongobecken zu erschliessen, zu erforschen und, soweit die Mittel reichten, die Hülfsquellen der Umgegend der neugegründeten Stationen zu entwickeln.

In Gibraltar fand ich meine letzten Instructionen vor, die selbstverständlich sich in manchen wesentlichen Punkten von den ursprünglichen unterschieden.

Der nachstehende Brief wird dies beweisen und den Leser über die Ideen näher aufklären, welche wir bezüglich unsers neuen und eigenartigen Unternehmens hegten, ehe noch die Expedition auf dem Schauplatz ihrer Arbeit eingetroffen war:

Gibraltar, 8. Juli 1879. Geehrter Herr Oberst STRAUCH!

Ich habe Ihre Bemerkungen sorgfältig durchgelesen und erlaube mir, der Reihe nach Folgendes darauf zu erwidern:

1) Sie sagen: „Der beste Weg würde sein, von den Kongo-Häuptlingen die Bodenconcessionen und das Privilegium zum Bau von Strassen zu erwerben, sowie soviel Land unter Cultur zu nehmen, wie wir zu bebauen im Stande sind."
Man kann am Kongo nicht FUSS fassen, wenn man nicht zuvor mit den Häuptlingen zu commerziellen oder philanthropischen Zwecken eine Vereinbarung oder einen Vertrag abgeschlossen hat. Dies muss mit Takt und Generosität geschehen, und es muss bei allen Verhandlungen grosse Langmuth geübt werden. Die Privilegien, die jene uns gewähren können, müssen bezahlt werden, und für alle solche Fälle bin ich reichlich versehen. Ich hege keine Besorgniss, dass die Eingeborenen mir ein Hinderniss m den Weg legen werden, doch werde ich Vorsichtsmaassregeln treffen, damit nicht Argwohn und Unwissenheit, die beide Parteien bei dem in Aussicht genommenen Vertrage schädigen, unsere Hoffnungen zerstören. Wie der Pionnier die grösste Gefahr zu bestehen hat, so fällt auch gewöhnlich dem Begründer eines neuen Unternehmens die Kostenlast zu; wir sind deshalb auf die Gefahr und die Kosten vorbereitet.

2) Sie meinen: „Die Stationen sollten von farbigen freien Leuten unter der Aufsicht von Weissen besetzt werden."
In der That könnte man im Kongoland nur mit wirklich freigeborenen und freilebenden Leuten etwas anfangen, und ich glaube nicht, dass wir selbst in der allerdringendsten Nothwen-digkeit andere Leute als Freie engagiren oder denselben Vertrauen schenken würden.

3) Sie bemerken: „Es würde klug sein, den Einfluss der Stationen auf die in der Nachbarschaft wohnenden Häuptlinge und Stämme auszudehnen, aus welchen ein republikanischer Bund freier Neger gebildet werden könnte, der vollständig unabhängig ist, nur dass der König, von dem die Idee zur Bildung desselben ausgeht, das Recht besitzt, den Präsidenten zu ernennen, der in Europa leben sollte." Sie sagen ferner, „dass ein derartig gebildeter Bund, der die Macht besitzt, seine Beschlüsse auch, durchzusetzen, an Gesellschaften Concessionen zum Bau von allgemein nützlichen Werken ertheilen oder vielleicht auch wie Liberia und Sarawak Anleihen aufnehmen und die eigenen öffentlichen Arbeiten ausführen könnte".

Ich erwarte einen dauernden guten Einfluss auf die Bevölkerung des Kongolandes als natürliche Folge des gerechten Verkehrs mit den verschiedenen Stationen, welche wir anzulegen hoffen; dass dieser Einfluss ein ausserordentlich ausgebreiteter sein werde, darüber gebe ich mich keinen Illusionen hin, denn wir arbeiten nur unsern Mitteln gemäss und haben zu viele bestimmte Zwecke im Auge, um von unserm festen Wege abzuweichen , nur um unsern Einfluss in unserer Umgebung zu vergrössern. Sie müssen bedenken, dass unser Weg ein sehr langer, aber auch ein äusserst schmaler ist, und dass unsere gegenwärtigen Mittel in Bezug auf Mannschaften, Gelder und Zeit nicht gross genug sind, um uns zu berechtigen, nach einer Vermehrung unsers Einflusses in der Breite wie in der Länge zu streben. Sie können überzeugt sein, dass wir den Einfluss, welchen wir längs unserer Route gewinnen werden, unserm aufrichtigen und streng ehrenhaften Handel und Verkehr mit solchen Eingeborenen verdanken werden, welche in eigenem Interesse unsere Bekanntschaft suchen. Wir brauchen weiter nichts, als eine Berührung, um jeden Eingeborenen zu überzeugen, dass unsere Absichten rein und ehrenhaft sind, und dass wir in materieller und socialer Hinsicht mehr ihr Gutes erstreben, als unser Interesse fördern. Wir wollen die Segnungen eines freundschaftlichen und gerechten Verkehrs mit Leuten, die ihnen bisher fremd gewesen sind, unter ihnen verbreiten.

Die afrikanischen Eingeborenen sind, wie ich weiss, intelligent genug, um dies zu würdigen, aber auch klug genug, um zu wünschen, dass alles materiell Gute cultivirt werde. Deshalb habe ich durchaus keine Besorgnisse, dass sie, wenn die Stationen erst angelegt sind, das zu zerstören suchen werden, was wir auf Gerechtigkeit und strengster Gewissenhaftigkeit aufgebaut haben, allein dass sie für das Gute, was wir ihnen vielleicht thun, sofort zu einer politischen Conföderation oder Union zum allgemeinen Besten sich vereinigen werden, hoffe ich nicht einmal. Im Gegentheil, sie werden ihre eigenen Häuptlinge, ihre eigenen Sitten beibehalten, so eifersüchtig wie je zuvor jedes Recht ihrer Stämme hüten und jede fremde Einmischung in ihre Gebräuche und persönliche Lebensweise ablehnen.

Wären wir im Stande, innerhalb eines guten Jahres eine genügende Anzahl von Leuten, denen bereits europäische Sitten und Gebräuche eingeimpft sind, gewissermaassen als Gegengewicht der Macht der Stämme zu importiren, dann würde ich allerdings zugeben, dass es mit Hülfe des Einflusses dieser Leute und reicher Mittel keine schwere Aufgabe sein könnte, die grösste Zahl der Stämme dazu zu bringen, dass sie sich bei dem, was zum allgemeinen Besten angeordnet ist, beruhigen. Kurz, alles was wir gegenwärtig hoffen dürfen, ist, dass wir durch Geduld, Wohlwollen, loyale Freundschaft und ehrlichen Verkehr die Genehmigung erlangen, ohne Furcht vor Gewaltthätigkeiten unter ihnen zu leben und uns zu bewegen. Die Fortschritte, die wir von ihnen erwarten dürfen, können erst mit der Zeit gemacht werden. Der Mensch ist, einerlei welcher Farbe er ist, ein langsames, mattes Wesen, das oft nicht einmal zu beurtheilen im Stande ist, was zu seinem Besten dient, sondern ohne Zögern das Urtheil eines Ändern über das, was das Beste ist, sich zu eigen macht. Wir müssen die Häuptlinge, welche wir unterwegs treffen, acceptiren, denn die Stämme selbst ernennen sie, und sie mit Edelmuth und Takt soviel wie möglich uns geneigt machen; wir müssen die verschiedenen Häuptlinge einzeln unterstützen, bis sie einsehen, dass es in ihrem eigenen tteresse liegt, unsere Wünsche zu erfüllen. Wir müssen sie zu veranlassen suchen, dass sie ihre Nachbarn als Freunde betrachten, indem wir ihnen sagen, dass sie unsere Freunde seien und deshalb auch die Freunde ihrer Nachbarn sein müssten. Es ist dies eine sehr einfache Logik und eine solche, die auch der Afrikaner versteht.

4) Sie sagen: „Es ist nicht unser Plan, eine belgische Colonie zu gründen, sondern einen mächtigen Negerstaat herzustellen."
Ich weiss, dass man nicht mit der Absicht umgeht, eine belgische Colonie zu gründen, allein Ihre zweite Alternative wäre noch weit schwieriger auszuführen. Es würde für jemand in meiner Stellung Wahnsinn sein, dies zu versuchen, wenn nicht im gewöhnlichen Verlauf der Dinge ein Ereigniss dem ändern folgt. Ich wiederhole, nochmals, wir müssen die kleinen Stämme nehmen, wie wir sie finden, und es jedem überlassen, das selbst zu wählen, was er für sich annehmbar glaubt. Diejenigen, welche den Schutz, den Comfort und die Aufsicht der Stationen suchen, wird ein freundlicher Zufluchtsort gewährt werden; was zur Verbesserung ihrer Lage geschehen kann, soll nach unsern besten Kräften, mit freundlichster Bereitwilligkeit und mit der Absicht gethan werden, nicht nur den Einfluss der Stationen zu befestigen, sondern auch unsere Hülfsmittel zu erweitern, um die Leute zu civilisiren, die in unmittelbare Berührung mit uns kommen oder in Beziehungen zu uns treten.

5) Auf Ihre weiter folgende Bemerkung möchte ich entgegnen, dass die Verwalter der Stationen sich auf diesen und dem dazugehörigen Gebiete mit vollem moralischen Rechte als legitime Besitzer betrachten können, und die Eingeborenen werden dies um so bereitwilliger anerkennen, als sie auf das innigste davon überzeugt sind, dass jedes Mannes Haus seine Burg und jedes Mannes Land sein Eigenthum ist.

6) Sie meinen, jede Station sollte ein kleines Gemeinwesen sein.
Das wird auch der Fall sein, aber Sie können noch weiter gehen und sagen, dass wenngleich jede Station ein kleiner souveräner Staat ist, dieselbe doch nur ein Theil und ein Stück eines grössern Gemeinwesens ist, das von dem Verwalter beherrscht wird, welchen die Gründer, Förderer und Erhalter des ganzen Unternehmens ernannt haben.

Mit diesen Bemerkungen, die ich auf Ihren eigenen Wunsch Ihren Notizen beigefügt habe, bleibe ich, geehrter Herr Oberst, wie immer Ihr ganz ergebener HENRY M. STANLEY.

Ehe ich den nächsten Brief mittheile, muss ich erst Aufklärung geben über „das Stillschweigen und die Geheimnissthuerei", deren wir bezüglich imserer Bestimmung und Absichten beschuldigt wurden, da die Redacteure von Zeitungen und Zeitschriften damals oft zu den allerausserordentlichsten Muthmaassungen über den Charakter meiner Mission sich veranlagst gefühlt haben.

Meiner Ansicht nach konnte nichts ungerechter sein als der Vorwurf, dass wir die Leute, welche ein Kocht hatten, die Zwecke der auf dem Wege nach dem Kongo befindlichen Expedition zu kennen, zu mystificiren beabsichtigten. Ich habe stets gemeint, dass das Verfahren des Comite, seine Absichten den auf der Conferenz anwesenden Vertretern so vieler Nationen mitzutheilen, ein merkwürdig indiscretes gewesen sei. Dass nach dieser Indiscretion überhaupt noch ein Erfolg zu erzielen sei, war äusserst zweifelhaft, denn alle diejenigen, welche überhaupt über die Ereignisse nachdachten, sahen sehr wohl ein, dass die sogenannten geographischen und commerziellen Gesellschaften nicht die geographischen Kenntnisse zu fördern bezweckten, sondern auch politische Ziele ihrer Regierung verfolgen sollten.

Das Comite war hiervon sowie von ändern Thatsachen unterrichtet, allein trotzdem verfuhren seine Mitglieder offen und aufrichtig. Mich wundert in der That, dass wir überhaupt im Stande waren, etwas zu leisten, ja sogar, dass wir am Kongo überhaupt landen konnten. Im Rathe waren fünf Nationen vertreten, und zu Beiträgen war eine Anzahl Personen aufgefordert worden, die, wie wir später erfuhren, nicht die geringste Sympathie für das geplante Unternehmen hegten. Wenn man dies genau erwägt, möchte das Comite d'Etudes du Haut Congo eher ein Tadel wegen unbesonnener und leichtgläubiger Arglosigkeit als wegen absichtlicher Geheimnissthuerei treffen.

Indessen benutzte ich, wie ich offen gestehe, alle Mittel dazu, dass nichts über meine Mission bekannt werde, und zwar aus einem sehr guten Grunde: weil ich nämlich Erfolg haben wollte. Ich versagte mir den Briefwechsel mit lieben, theucrn Freunden, weil derselbe mir für die Interessen des von mir unternommenen Werkes gefährlich schien. Aus diesem Grunde hüllte ich mich und mein Vorgehen mehrere. Jahre lang in vollständiges Stillschweigen; und wenn meine Freunde hierüber noch immer erzürnt sind, so tröste ich mich mit der Ueberzeugung, dass die Pflicht mir recht gibt, und ich bedauere nur, dass ich die Namen derjenigen erfahren habe, welche so unvorsichtig gewesen sind und die wärmste Sympathie für mich hegen und mich unterstützen wollten, vielen Gegnern meiner Mission aber die Waffen an die Hand gegeben haben.

Unweit Goree wurde die Krone eines der Schornsteine des Dampfers „Albion" beschädigt, sodass der Kapitän gezwungen war, behufs Reparatur des Schadens in den Hafen von Sierra Leone einzulaufen.

Die folgenden Ereignisse schildert nachstehender Auszug aus einem Bericht an den Präsidenten der Association, datirt Sierra Leone, 30. Juli 1879:

Diese Reparaturen hätten mich fast in eine kleine Schwierigkeit mit den Colonialbehörden gebracht, obgleich der Yorfall mir vielen Spass machte. Es scheint, dass einige Leute den Farbigen Ihrer Britannischen Majestät niederträchtige Streiche gespielt und unter allerlei betrügerischen Vorwänden die loyalen Schwarzen aus Sierra Leone auf den am Aequator liegenden Prinzen- und St.-Thomas-Inseln eingeführt haben. Als daher der falkenäugige wachsame Zolleinnehmer - ich glaube er heisst Hansens oder Hansons einen so kleinen Dampfer wie den „Albion" mit einer Menge Schwarzer an Bord unter der Aufsicht eines Herrn Swinburne entdeckte und die Antworten ihn nicht ganz befriedigten, war er zu dem Versuche berechtigt, in die ihm äusserst sonderbar vorkommende Sache etwas näher einzudringen. Mein armer junger Secretär, der durchaus nicht gewöhnt war, gefürchteten Regierungsbeamten gegenüberzustehen und von ihnen ausgefragt zu werden, wurde bald verwirrt — doch nun wurde der Zollbeamte in die Kajüte eingeladen, wo ich ihm auseinandersetzte, dass ich eine neue Expedition nach Afrika zu führen beabsichtige. Glücklicherweise verschwand darauf die wilde gouvernementale Wuth.

Ueber andere Unannehmlichkeiten, deren Folgen ich vermeiden wollte, berichtet nachstehendes Schreiben an den Gouverneur:

[Vertraulich.]

Dampfer „Albion" im Hafen von Sierra Leone, Juli 1879. Geehrter Herr!

Von meinem Secretär, Herrn Swinburne, erfahre ich, dass der Doctor Rowe, mit welchem er und ich im December 1873 mit Kapitän Glover's Truppen am Volta zusammentrafen, Se. Excellenz der Gouverneur dieser Colonie ist. Wenn dies der Fall ist, dann gestatten Sie mir Ihnen meinen Glückwunsch zu der hohen Stellung, welche Sie errungen haben, und die Versicherung auszusprechen, dass ich mit Freuden vernommen habe, dass die britische Regierung bei Vertheilung der Belohnungen und Ehren eine Persönlichkeit nicht vergessen hat, welche so sehr von Kapitän, jetzt Gouverneur Sir John Glover empfohlen wurde, wie Sie.

Ich bin seit meinen Forschungsreisen an der Ostküste Afrikas auf den Flüssen "Wami, Kingani, Rufidji und Mombas-Creek mitten in der Regenzeit so stark von Fieberanfällen, die zwar nicht ernstlicher Natur, aber doch sehr lästig sind, geplagt worden, dass ich seitdem niemand habe besuchen können, und um den wohlwollenden Aufmerksamkeiten meiner zahlreichen Freunde unterwegs zu entgehen, sowie in der Hoffnung, durch strenge Diät vor Antritt meiner nächsten Forschungsreise meine Gesundheit wiederherstellen zu können, habe ich den Kapitän freundlichst gebeten, meine Anwesenheit an Bord zu verheimlichen. Da Sie selbst in Afrika grosse Erfahrung gesammelt haben, werden Sie mir Lestätigen, dass eine solche Lebensweise Gewähr für gute Gesundheit auf dem Continent bietet, während Nachsicht gegen sich selbst gallige Launen erzeugt. In jedem Hafen, welchen wir anliefen, habe ich deshalb Herrn Swinburne instruirt, was zu thun sei, damit ich Zeit hätte, die letzten Ueberbleibsel der Krankheit zu vertreiben, ehe ich mich neuen Angriffen derselben aussetze.

Sie haben wahrscheinlich in der „Times" und ändern Blättern die Artikel über die gegenwärtige Expedition gelesen, welche ich jetzt wieder nach Afrika führe. Die meisten der an Bord befindlichen Leute sind meine alten Gefährten von der Expedition des „Daily Telegraph" und „New York Herald", die im Jahre 1877 den Kongo herabkam; einige haben auch der Livingstone'-schen, andere meiner Expedition zur Aufsuchung Livingstone's angehört; die übrigen sind ihre Freunde. Der Sultan von Sansibar hat mir auf mein Ansuchen in liebenswürdigster und zuvorkommendster Weise gestattet, die nöthigen Mannschaften anzuwerben, und mich mit den Vorräthen, welche ich unterwegs brauchte, sowie mit Empfehlungsschreiben ausgerüstet.

Ich habe dieses Schiff für eine Gesellschaft von Menschenfreunden, an deren Spitze der König der Belgier steht, gechartert, um den Kongo der Handelswelt und den christlichen Missionen zu eröffnen. Da nun die Forschung von der Westküste aus unthunlich ist, wenn nicht ein Theil der Expedition aus Leuten besteht, welche das Eeisen in diesen Gegenden kennen, habe ich es für das Beste gehalten, einige Mitglieder meiner letzten Expedition, welche persönliche Erfahrungen unter den Eingeborenen des untern Kongo gesammelt und mit ihnen feste Freundschaft geschlossen haben, aufs neue zu engagiren. Obgleich dies ein ausserordentlich kostspieliges Verfahren ist, war es doch der einzige Weg, um den Erfolg zu sichern, und ich habe ihn daher eingeschlagen. Auf der Eeise haben wir mehrere kleine Unfälle gehabt. Ich beabsichtigte die Flüsse Osi und Jub zu untersuchen, doch verloren wir bei der Abfahrt von Mombas den Backbord-Anker; dann zwangen mich die zunehmenden Monsunwinde und der Tod unsere ersten Steuermanns, diese Untersuchung aufzuschieben, bis die Vorsehung mir einen neuen Besuch an der Ostküste gestattet. Ferner zeigte die Krone unsers Schornsteins wenige Tage nach der Abfahrt von Gibraltar Zeichen von Schwäche, doch hegen die Maschinisten die Hoffnung, den Schaden in etlichen Tagen wieder repariren zu können.

Ich würde Ihnen daher zu grösstem Danke verpflichtet sein, wenn Sie in Ihrer hervorragenden Stellung unsere Abfahrt nach dem Schauplatze unserer Arbeit beschleunigen könnten. Ich bin nämlich nicht nur wegen unserer eigenen, sondern auch wegen der Gesundheit unserer Leute besorgt, von denen ich nicht weiss, wie sie einen verlängerten Aufenthalt auf dem Schiffe ertragen werden, wenngleich sie sich gegenwärtig noch alle wohl befinden. Glücklicherweise bin ich bis jetzt im Stande gewesen, die gute Gesundheit meiner Sansibarer zu erhalten, indem ich unablässig für ihren Comfort gesorgt habe, und ich hoffe und bete, dass mir dies auch bis zum Ende der Seereise gelingen möge. In Ihrer mächtigen Stellung vermögen Sie mich hierbei wesentlich zu unterstützen, auch können Sie mir eine grosse Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir gestatten würden, ineognito zu bleiben, da ich mich jetzt noch nicht wohl genug fühle, um Sierra Leone zu besuchen.

Mit der Bitte, mein langes Schreiben zu entschuldigen, zeichne als Ihr ganz ergebener HENRY M. STANLEY.

Sr. Excellenz dem Gouverneur SIE SAMUEL ROWE.

Der Gouverneur, einer der besten Colonialbeamten, welche Ihre Majestät nach Westafrika geschickt hat, war ausserordentlich liebenswürdig gegen uns, und durch seinen Einfluss waren wir bald wieder segelfertig. Nachmittags holte eine Dampfbarkasse uns zu einem Picknick au einer schattigen Stelle in der Nähe des Leuchtthurms ab. Die Leute befanden sich in guter Gesundheit und Stimmung und bewahrten, als der hässliche Vorfall mit dem sie verdächtigenden Beamten geschah, in bewunderungswürdiger Weise ihre Haltung und gute Laune. Wie der Kapitän mir sagt, werden wir am Donnerstag segeln können. Von hier bis zum Kongo rechne ich 20 Tage, doch müssten wir, wenn kein Unfall passirt, schon in 11 Tagen dort sein. Wir brauchen dort einige Tage, um uns umzuhören und die verschiedenen Nachrichten zu prüfen und zu erwägen. Dann werde ich eine Recognoscirungstour auf dem Flusse machen. Ich habe den sehnlichsten Wunsch, den FUSS wieder auf festes Land zu setzen und das grosse Werk zu beginnen. Die Aussichten scheinen mir nicht gefahrdrohend zu sein, obgleich ich bedauere, dass die Mission so lauge hinausgeschoben worden ist und sich der Ausführung des schon lange Beschlossenen so viele Hindernisse entgegengestellt haben.

An den Präsidenten Herrn Oberst STRAUCH.

Auf den vorhergehenden Blättern habe ich die Geschichte zweier Jahre erzählt. Am 12. August 1877 traf ich nach der Durchquerung Afrikas, den grössten afrikanischen Strom herabkommend, in Banana-Point ein und am 14. August 1879 langte ich an der Mündung an, um den Fluss hinaufzufahren, civilisirte Niederlassungen an seinen Ufern anzulegen, die letztern in friedlicher Weise zu erobern und zu unterwerfen und sie gemäss den modernen Ideen in nationale Staaten umzuwandeln, in deren Gebiet der europäische Kaufmann mit dem dunkeln afrikanischen Händler Hand in Hand gehen, Gerechtigkeit, Gesetz und Ordnung herrschen, aber Mord, Gesetzlosigkeit und der grausame Sklavenhandel für immer aufhören sollen.

Quelle:Henry M. Stanley. Herrn F. A. Brockhaus.1885, von bjfe by jadu

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