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Der Kongo und die Gründung des Kongostaates.

Arbeit und Forschung

Von

Henry Morton Stanley ( John Rowlands )1841 -1904

Inhalt

Kapitel III

Nachtrag zu meinen Werke: "Durch den dunkeln Welttheil"

Meine Rückkehr aus dem „Dunkeln Welttheil" im Jahre 1878. — Zusammenkunft mit den Commissaren König Leopold's in Marseille. — Der Vorschlag des Königs. — Ermattung und fruchtlose Bemühungen zur Wiederherstellung meiner Gesundheit. — Drei Wochen in der Schweiz. — Unterhandlungen über das neue Unternehmen. — „Welche Gestalt sollte dasselbe haben?" — Einladung des Königs nach Brüssel. — Die Versammlung in Brüssel im December 1878. — Bildung des „Comite d'Etudes du Haut Congo". — Die letzten Vorbereitungen für die Reise. — Wieder unterwegs nach Afrika.

Wie oft haben wir schon irgendeinen solchen Abenteurer und vielgeschmähten Reisenden ein entferntes und vernachlässigtes Land auffinden sehen, dessen verborgene Schätze er zuerst entdeckte und so lange pries, bis die Augen und die Bestrebungen der Welt sich dahin richteten, die Eroberung vollendet war und infolge seiner scheinbar zwecklosen Wanderungen neue Muster geschaffen und neue bewohnbare Colonien gegründet wurden.
THOMAS CAKLYLE.

Der „Dunkle Welttheil" war von Ost nach West durchwandert, seine grossen Seen, der Victoria-Njansa und der Tanganjika, waren umschifft, und der Lauf des Kongo war von Njangwe bis zum Atlantischen Ocean verfolgt worden! Die Mitglieder der Expedition waren in ihre Heimat zurückgebracht, die Heimkehrenden in angemessener Weise belohnt und die Witwen und Waisen nicht vergessen worden.

Als ich im Januar 1878 endlich Europa wieder erreicht hatte und mich langsam von den Folgen des Hungers und der Strapazen erholte, welche ich auf der langen Reise erlitten, liess ich mir nicht träumen, dass ich noch vor Ende des Jahres eine neue Expedition nach den Ufern jenes Flusses, an welchem wir soviel Sorgen und Noth ausgestanden hatten, vorbereiten würde. Allein als ich mit dem Eilzuge von Italien auf dem Bahnhof in Marseille eintraf, begrüssten mich zwei Abgesandte Sr. Majestät des Königs Leopold II. von Belgien, und ehe ein paar Stunden verflossen waren, hatten dieselben mir auseinandergesetzt, dass König Leopold etwas Wichtiges für Afrika zu thun beabsichtige und dabei auf meine Hülfe rechne.

Es wäre unnütz, meine Stimmung zu beschreiben. Jeder, der weiss, was ich kurz vorher durchgemacht hatte, wird sich das Widerstreben vorstellen können, mit welchem ich den Vorschlag vernahm, dass ich nach dem Schauplätze so vielen Unglücks und Leidens zurückkehren sollte, wenn ich auch mit den Herren von Herzen darin übereinstimmte, dass es ein grosses und gutes Werk sei, welches der König auszuführen beabsichtigte, und sehr zu bedauern wäre, wenn irgendetwas passierte, was seine edeln Absichten kreuzen würde. Ich war gern geneigt, meinen besten Rath zu ertheilen und genaue Auskunft über die erforderliche vollständige Ausrüstung und die gehörige Organisation der Expedition zu geben, damit dieselbe unter richtiger Führung zu einem gedeihlichen Ende gebracht werde. „Aber was mich anbetrifft", sagte ich, „so bin ich so krank und ermattet, dass ich den Vorschlag, persönlich die Führung zu übernehmen, nicht mit Geduld überlegen kann. Vielleicht werde ich nach sechs Monaten die Sache von einem ändern Gesichtspunkte betrachten; gegenwärtig kann ich jedoch au weiter nichts denken, als an lange Ruhe und ungestörten Schlaf."

Ich konnte nicht einmal Sr. Majestät persönlich meine Aufwartung machen, da ich vollständig untauglich zu Besuchen und mein ganzes Nervensystem zerrüttet war; hätte ich ärztlichen Rath nachgesucht, so würde derselbe mir wahrscheinlich nur die Ruhe verordnet haben, nach welcher ich mich selbst sehr sehnte.

Allein gute Nahrung, eine behagliche Wohnung und die Befreiung von allen Sorgen und Anstrengungen des Geistes wirkten Wunder an meinem abgezehrten Körper und zerrütteten Nervensystem, und allmählich liess ich mich von meinem Verleger überreden, mit der Arbeit zu beginnen. Die Folge war, dass sich mein Werk „Durch den dunkeln Welttheil" gegen Ende Mai in den Händen des Druckers befand, und zum ersten mal seit vielen Jahren fühlte ich mich frei, vollständig frei, mich zu bewegen und zu thun, wie mir beliebte, ungehemmt von Verpflichtungen oder Versprechungen, ohne jenen stets über mir schwebenden schrecklichen drückenden Zwang, die Pflicht, die mich beständig und hartnäckig zur That gedrängt hatte. Befreit von jeglicher Veranlassung zur Arbeit eilte ich nach dem benachbarten Continent, um nun auch den Luxus zu gemessen, in dem ich auf meinen vor Jahren gemachten Reisen durch Europa so viele Tausende hatte schwelgen sehen — das Faulenzen.

Zuerst stattete ich aber König Leopold II. den so lange verschobenen Besuch ab und erfuhr mm, dass Se. Majestät mit der Verwirklichung seiner Pläne zwar noch nicht begonnen habe, dieselben jedoch zu geeigneter Zeit, wenn er über alles, was er wissen musste, vollständig informiert sei, zur Ausführung zu bringen versuchen wolle. Zum Glück für mich sollte dies nicht sogleich geschehen, sodass ich meine geliebte Freiheit noch behielt.

Ein kluger Mann weiss, wie er seine Freiheit am besten verwerthet. Unglücklicherweise konnte aber — obgleich ich während meiner Gefangenschaft in den felsigen Thälern des Kongo in üppigen Träumereien geschwelgt und selig von dem Gedanken gezehrt hatte, wie ich mich, wenn ich erst wieder frei wäre, amusieren wolle — ein aus der "Wildniss kommender Einsiedler bezüglich der Kunst, die Freiheit zu gemessen, kaum unwissender sein als ich. Wie hundert andere, die aus Amerika und England kommen, glaubte ich, die Kunst bestände darin, dass man sich nach der neuesten Mode kleidet, in nachlässiger Haltung auf den Trottoirs der pariser Boulevards Kaffee schlürft oder die Vorzüge des pilsener oder strassburger Biers prüft; allein meine abnehmende Gesundheit und steigende schwermüthige Stimmung belehrten mich, dass dies Nichtigkeiten seien, die nur Verluste an Zeit, Gesundheit und Brauchbarkeit hervorbringen.

Einige Freunde schlugen mir Trouville, Deauville oder Dieppe vor, denn mein trauriger Zustand verschlimmerte sich noch. Ich suchte alle diese berühmten Seebäder auf und entdeckte, dass ich mehr und mehr untauglich wurde für das, was meine Bekannten civilisierte Gesellschaft nannten.

Schliesslich erwähnte einer meiner Freunde die Schweiz, und ich benutzte den Wink. Ein mehr wöchentlicher Aufenthalt in diesem glücklichen Lande brachte mir die Gesundheit wieder, und ich begriff nun, dass mir während der ganzen Zeit nicht Ruhe gefehlt hatte, sondern dass drei Wochen lang fortgesetzte Fusstouren, sei es auch in England, meine Schwermuth, meine zerrüttete Constitution und mein geschwächtes Nervensystem verscheucht haben würden und mich fast hätten vergessen lassen, dass ich je in Afrika gewesen war. Nach wiederhergestellter Gesundheit erschien mir die „Freiheit" fade und freudlos, und der Luxus des Faulenzens, welches der irregeleiteten und ungesunden Phantasie so wünschenswerth vorgekommen war, wurde mir unerträglich. Unter diesen Umständen war mir ein Brief der Commissare des Königs, welche mich um eine Unterredung baten und eine Zusammenkunft in Paris bestimmten, sehr willkommen.

Von dieser Zusammenkunft, welche im August stattfand, datire ich den Beginn des Projects des ersten Unternehmens am Kongoflusse. Denn bis jetzt hatte man nur im allgemeinen gesagt, dass, da der Kongo erforscht und das Herz des Dunkeln Welttheils auf demselben zugänglich sei, nunmehr auch irgend etwas geschehen müsse, um den Strom für die von unwegsamen, jedes gute Werk hindernden Regionen umgebenen Völker dienstbar zu machen. Alle stimmten freundlichst in der Ansicht überein, dass meine Thalfahrt auf dem Kongo eine Hochstrasse nach Afrika erschlossen habe, wenn es möglich sei, dieselbe auszunutzen. Allein wie konnte dieser Weg verwerthet werden? Welches Unternehmen sollte begonnen werden? Welcher Art sollte eine neue nach dem Kongo zu entsendende Expedition sein? Sollte sie rein geographisch, philanthropisch, commerziell sein? Oder sollten wir sofort den Bau einer Eisenbahn wagen, welche den untern und obern Lauf des Kongo verbindet? Jede dieser Fragen wurde der Reihe nach erörtert.

Einer rein geographischen oder Forschungsexpedition stand ein grosses Hinderniss entgegen: die Ungeheuern Kosten und eine magere Ausbeute. Ein paar Dutzend Namen von Dörfern der Eingeborenen, die Feststellung einiger kleinen Flüsse, die Bestimmung etlicher Hügelketten und die Grenzen unwichtiger Districte, sowie ein oder zwei Kapitel über die localen Gebräuche von Völkerstämmen zwischen dem Meere und dem Kwa, die mehr oder weniger miteinander verwandt sind, schienen kein genügendes Aequivalent für die Aufwendung einer Summe von 20000 £ (400000 Mark) zu sein. Sollte die Expedition ein rein philanthropisches Unternehmen sein, so hing ihr Umfang und ihr Erfolg einzig und allein ab von den Mitteln, welche eine Gesellschaft zur Verfügung haben würde. Eine commerzielle Expedition musste ebenfalls, wenn sie Resultate erzielen sollte, in grossem Maassstabe ausgeführt werden, sonst war der Versuch, mit den seit langer Zeit an dem untern Laufe ansässigen Händlern zu concurrieren, nutzlos; man musste sich der Dienste einer Anzahl von Europäern zu versichern suchen, welche mit den Mysterien des Hauptbuchs und der doppelten Buchführung vertraut sind, und es war sehr zweifelhaft, ob man die genügende Menge solcher Leute finden würde, welche die Sprachen, Sitten und Gebräuche am Kongo kennen, zugleich aber auch die erforderliche körperliche Kraft besitzen, um die Unbilden des Klimas zu ertragen.

Um eine Eisenbahn von mehr als 300 km Länge durch ein wenig bekanntes Land zu bauen, war eine vorher vorzunehmende Vermessung des Gebiets, durch welches die Bahn laufen sollte, erforderlich und musste genaue Kenntniss der Gesetze, welche für die Eingeborenen Geltung haben, der Eigenthumsverhältnisse an der projectierten Trace, sowie des etwaigen Schutzes erworben werden, den die eingeborenen Häuptlinge einer solchen Bahn gewähren können, wenn sie dazu überhaupt im Stande sind. Alle diese Fragen wurden in eingehendster Weise analysiert, auch wurden mühsame Kostenanschläge für jeden einzelnen Plan ausgearbeitet, ehe die Herren mit umfangreichen Acten nach Brüssel zurückkehrten, um dieselben Sr. Majestät vorzulegen.

Mittlerweile waren die Monate September, October und November verflossen, die ich auf Veranlassung zahlreicher an mich gerichteter Bitten um meine Ansichten von dem afrikanischen Continent mit Bezug auf gewisse in Manchester und London beschlossene, aber noch im Anfangsstadium befindliche Projecte, theils dazu verwendet hatte, Vorlesungen über Afrika zu halten, theils zu einer ständigen Correspondenz mit den Commissaren in Brüssel, welche über verschiedene Punkte Aufklärung zu erhalten wünschten, benutzt hatte.

Im Anfang November 1878 erhielt ich die Aufforderung, mich an einem bestimmten Tage zu bestimmter Stunde im königlichen Schlosse zu Brüssel einzufinden, und als ich dieser Einladung pünktlich nachkam, bemerkte ich, dass verschiedene mehr oder weniger bedeutende Personen der Kaufmanns- und Finanzwelt aus England, Deutschland, Frankreich, Belgien und Holland ebenfalls erschienen waren und mit mir sofort in den Berathungssaal geführt wurden. Wenige Minuten später erfuhr ich, dass der Zweck der Versammlung sei, zu berathen, wie das sehr bescheidene Unternehmen zur Erörterung der Frage, was aus dem Kongo und seinem Becken gemacht werden könne, am besten zu fördern sei. Die Herren wünschten zu wissen, wie weit der Kongo für Fahrzeuge mit geringem Tiefgang schiffbar sei; welchen Schutz die freundlich gesinnten eingeborenen Häuptlinge kaufmännischen Unternehmungen gewähren könnten; ob die Stämme am Kongo genügend Intelligenz besässen, um zu begreifen, dass es für. ihre Interessen besser sei, einen freundlichen Verkehr mit den Weissen zu unterhalten, als denselben zu beschränken; ob und welchen Tribut, welche Steuern und Abgaben man den eingeborenen Häuptlingen für das Wegerecht durch ihr Land zu bezahlen haben würde; welcher Art die Producte seien, welche die Eingeborenen für europäische Waren austauschen können; in welchen Mengen für den Fall, dass später eine Eisenbahn vom untern Kongo nach dem Stanley-Pool gebaut werde, die Producte der Eingeborenen geliefert werden könnten. Einige dieser Fragen konnten auf der Stelle beantwortet werden, andere dagegen nicht, und es wurde deshalb beschlossen, auf dem Wege der Subscription einen Fonds zusammenzubringen, um eine Expedition auszurüsten, welche genaue Erkundigungen einziehen sollte. Die mit Beiträgen sich Betheiligenden sollten den Namen und Titel „Comite d'Etudes du Haut Congo" annehmen. Ein Theil des auf 20000 Pfd. Sterl. bemessenen Kapitals für den nächsten Bedarf wurde auf der Stelle gezeichnet.

Dann wurden eine Reihe von Bestimmungen getroffen, nach denen jeder der Unterzeichner sich verpflichtete, wenn weitere Gelder erforderlich würden, der bezüglichen Aufforderung zu entsprechen; auch wurden ein Präsident, ein Schriftführer und ein Schatzmeister ernannt. Die Expedition sollte sofort organisiert und ausgerüstet werden, und mir wurde die Ehre der personlichen und materiellen Leitung und die Aufgabe zutheil, den Plan des Comités zur Ausführung zu bringen. Ich sollte den vorhandenen Mitteln entsprechend nach sorgfältiger Auswahl und genauer Erwägung des zukünftigen Nutzens der Oertlichkeit dem Ueberlandwege entlang Stationen zur Erleichterung des Transports und zur Bequemlichkeit des die Aufsicht führenden Stabes von Europäern anlegen, sowie eine Dampfschiffsverbindung einrichten, wo dies angänglich war und mit Sicherheit geschehen konnte. Die Stationen sollten geräumig sein und allen Anforderungen, die man später vielleicht an sie stellen möchte, genügen. Durch Pacht oder Kauf sollte in der Nähe der Stationen so viel Grund und Boden erworben werden, dass diese in Zukunft im Stande sein würden, zu ihrem eigenen Unterhalt beizutragen, falls die Eingeborenen zum Verkauf oder zur Verpachtung geneigt wären. Wenn es angemessen schiene, sollte auch auf beiden Seiten der Verkehrsstrasse Land gepachtet oder gekauft werden, um uns feindlich gesinnte Personen zu verhindern, aus purer Lust zur Unheilstiftung oder aus Eifersucht die Pläne des Comités zu durchkreuzen; doch sollte dieses Land Europäern, die sich verpflichteten, von allen Intriguen sich fern zu halten, die Eingeborenen nicht zu Feindseligkeiten aufzureizen und den Frieden des Landes nicht zu stören, gegen eine nominelle Pacht in Aftermiethe gegeben werden.

Kurz, es wurden in dieser und einigen spätem Versammlungen alle Maassregeln, welche zur Förderung eines guten Einvernehmens mit den Eingeborenen und des Wohlwollens ihnen gegenüber dienen und die friedliche und gründliche Ausführung der versuchsweisen Bestrebungen in dem wenig bekannten Lande sichern konnten, besprochen und angeordnet. Der mildherzige und philanthropische Charakter des Unternehmens zeigte mir deutlich, wessen Fürsorge und Güte die Bestimmungen getroffen hatte, selbst wenn ich nicht die Ehre gehabt hätte, die Ansichten des königlichen Begründers des Unternehmens in Privataudienzen aus dessen eigenem Munde zu hören.

Am 25. November 1878 trat die erste Versammlung im königlichen Palais zu Brüssel zusammen, in welcher Oberst Strauch, von der belgischen Armee, zum Präsidenten der Gesellschaft „Comite d'Etudes du Haut Congo" erwählt und meine ersten Instructionen zum Beginn der Organisation der „Expedition du Haut Congo" aufgesetzt wurden. Bei der zweiten Berathung am 9. December wurde ich ersucht, die Pläne und Kostenanschläge für die ersten sechs Monate vorzubereiten, damit dieselben der am 2. Januar 1879 abzuhaltenden Generalversammlung der Mitglieder, von denen manche zu der December-Berathung nicht hatten erscheinen können, vorgelegt werden könnten. In der am 2. Januar veranstalteten dritten und letzten Versammlung, zu welcher Vertreter aus Belgien, Holland, England, Frankreich und Amerika erschienen waren, wurden die Pläne genehmigt und die erforderlichen Summen bewilligt. Gegen den 23. Januar war alles, was ich in Europa persönlich vorbereiten konnte, gethan, und während der für die Expedition gecharterte Dampfer „Albion" aus Leith nach dem Mittelmeer dampfte, fuhr ich durch Frankreich nach Italien, um mich an Bord zu begeben, dann nach Sansibar zu segeln und so viel von meinen alten Kameraden wieder anzuwerben, wie Lust hatten, ihr Glück auf dem grossen Flusse nochmals mit mir zu probieren. Mittlerweile konnten die Erbauer der nöthigen Dampfer, Leichter und starken Walfischboote, die Fabrikanten der tragbaren hölzernen Häuser und aus welligem Eisen herzustellenden Vorrathsräume, die Wagenbauer und Lieferanten von Lebensmitteln die Zeit meiner Reise nach Ostafrika benutzen, um die erhaltenen Ordres auszuführen; bei Beendigung meiner Mission in Sansibar musste der gleichfalls gecharterte grössere Dampfer „Barga" am Kongo eingetroffen sein und die mitgebrachten Passagiere und das die Ladung bildende Material der Expedition gelandet haben.

Der nachstehende, vom 7. Januar 1879 aus London datierte Brief an Herrn Albert Jung, einen der Directoren der jetzigen „Afrikaansche Handels-Venootschap" — der Nachfolgerin der „Afrikaansche Handels-Vereeniging" — und damaligen Hauptagenten der grossen Holländischen Compagnie in Banana-Point am Kongo, dürfte die vorstehend kurz erwähnten Maassregeln und Zwecke noch besser veranschaulichen :

Geehrter Herr!

Wie ich höre, ist Ihnen bereits zum Theil bekannt, was von einer Anzahl von Herren aus Holland, Belgien, Frankreich, England und Amerika, welche unter dem Namen „Comite d'Etudes du Haut Congo" zu einer Gesellschaft zusammengetreten sind, versucht werden soll. Sie werden zweifelsohne auch erfahren haben, dass ich zum Führer der Expedition, welche demnächst unter den Auspicien des Comités nach dem Kongo aufbrechen wird, erwählt worden bin.

Ehe ich meine Bitte ausspreche, mit der ich Sie belästigen muss, gestatten Sie mir gütigst Ihnen noch deutlicher auseinanderzusetzen, was das Comite bezweckt.

In dem Ungeheuern Gebiete, das der geographischen Wissenschaft als das Kongobecken bekannt ist, befindet sich ein grosses Feld, welches von dem europäischen Kaufmann noch unberührt ist, und von dem etwa drei Viertel von dem geographischen Forscher noch nicht untersucht sind. Dasselbe ist zum grössten Theile von wilden Eingeborenen bevölkert, die dem verabscheuungswürdigen Kannibalismus und dem zügellosen Morde harmloser Leute huldigen; allein es wohnen dem grossen Flusse entlang bis nach den Livingstone-Fällen hinauf auch zahlreiche freundliche Stämme, welche die Ankunft des europäischen Kaufmanns mit Freuden begrüssen und ihm mit ihren reichen Producten entgegeneilen würden, um dieselben gegen Baumwollenstoffe aus Manchester, venetianische Perlen, Messingdraht, Metall- und Messerschmiedewaaren, sowie sonstige Gegenstände zu vertauschen, welche die Afrikaner in Ihrer Nachbarschaft lieben. Ihr Charakter ist sanft und ihr Instinct treibt sie zum Handel. Bis jetzt haben die Leute jedoch keine Gelegenheit gehabt, von den commerziellen Beziehungen zu den Weissen Nutzen zu ziehen, indem die europäischen Waaren erst nach langwierigem Transport und Verlauf vieler Monate und vielleicht Jahre bei ihnen eintreffen, weil sich zwischen ihrem Gebiet und der Küste ein breiter Landstrich ausdehnt, welcher von kriegerischen Stämmen und unruhigen Eingeborenen bewohnt wird, die nicht nur alle nach dem Innern bestimmten Waaren mit einer hohen Abgabe zu belegen pflegen, sondern oft auch gewaltsame Hand an den fast vertheidigungslosen Wanderer legen. Nachdem ich auf einer im vergangenen Jahre beendeten erfolgreichen Reise das Problem, diese freundlichen Stämme in enge commerzielle Beziehungen zu den europäischen Kaufleuten zu bringen, studiert und eine Spur gefunden habe, wie diese Idee zum Besten der vielen guten afrikanischen Freunde, die ich am obern Laufe des Flusses angetroffen habe, sowie der Kaufleute, welche wir für die Sache zu interessieren vermögen, sich verwirklichen lässt, stehe ich jetzt am Vorabende der Realisierung meiner Hoffnungen. Sie werden wissen, dass die Strasse nach den Grenzen des Babwendi-Territoriums wenige Stunden von Boma für die friedlichem Leute aus dem Innern durch die unruhigen und raubgierigen kleinen Häuptlinge, welche der Route entlang wohnen und deren Zahl Legion ist, unsicher gemacht wird. Letztere würden auch für mich ein grosses Hinderniss sein, wenn ich nicht verschiedene Wege durch die unbevölkerte Wildniss zu benutzen gedächte, nachdem ich mir durch meine im Lande angestellten Forschungen eine allgemeine Kenntniss des Innern erworben habe, die mir gestattet, von den Häuptlingen unbelästigt zu passieren; ich habe das gerechtfertigte Vertrauen, dass ich, wenn ich am Leben bleibe, eine Strasse finden werde, die gangbar, leicht und für die von den obern Regionen mit ihren Producten nach den untern Stationen kommenden Eingeborenen sicher ist. Ein solcher Weg würde uns, wie Sie begreifen werden, wesentlich helfen, den Eingeborenen die Vortheile des legitimen Handels zu bringen und das grosse Innere Afrikas mit seinen verschiedenen Erzeugnissen dem europäischen Unternehmungsgeist zu erschliessen. Es kann jedoch nicht ohne grossen Takt, ausserordentliche Geduld, viele Leiden und gewinnendes Benehmen selbst bei den freundlich gesinnten Völkern der obern Regionen geschehen. Die vielen Blutsbrüderschaften, welche ich mit den Häuptlingen dort oben geschlossen habe, werden mir jetzt zu statten kommen, aber es soll auch jede Tugend, welche zur Verwirklichung meiner Erwartungen und zur Erreichung des vom Comite ins Auge gefassten Zweckes beiträgt, gründlich geübt werden.

Sie können aus obigen Bemerkungen entnehmen, dass unser Zweck ein dreifacher ist: ein philanthropischer, ein wissenschaftlicher und ein commerzieller. Philanthropisch ist derselbe insofern, als unser Hauptziel die Erschliessung des Innern in der Weise ist, dass wir den Stämmen am obern und untern Flusslaufe die Wildheit und den Argwohn, die sie jetzt besitzen, abgewöhnen und dieselben veranlassen, uns freiwillig wesentlich zu unterstützen. Wenn wir ihnen gezeigt haben werden, dass der Weisse in der Nähe der Küste darauf wartet, den dunklen Fremdling aus dem Innern höflich zu begrüssen, dass die Strasse von dem Innern bis zur See keine Schwierigkeiten und Hindernisse bietet, keinen Aerger und kein Leid bringt, dann ist das Problem gelöst, und es kann dem Weissen überlassen bleiben, den Verkehr durch Schaffung rascherer Verbindungen zu beschleunigen und die Zeit zu bestimmen, welche zum Reifen der von uns gesäeten Saat nothwendig ist. Jedenfalls bezweifle ich, dass eine solche mit gegenseitigem guten Willen und gegenseitigem Vertrauen hergestellte Strasse je wieder geschlossen werden wird.

Unser Zweck ist aber auch ein wissenschaftlicher, weil wir eine systematische Vermessung des Landes zwischen dem Stanley-Pool und Boma entweder am nördlichen oder am südlichen Ufer des Kongo vorzunehmen und die Lage aller wichtigen Städte und Dörfer, sowie aller hervorragenden Punkte, die für den Geographen und den Kaufmann von Interesse sind, festzustellen beabsichtigen.

Endlich sind unsere Zwecke commerzielle, weil wir den Versuch machen wollen, wie weit man sich in kaufmännische Beziehungen mit den Stämmen im Innern einlassen kann, indem man sie auffordert, ihre Producte gegen die Fabrikate der civilisierten Welt einzutauschen. Wir können auf diese Weise eine werthvolle Statistik der Eigenschaften und Mengen der afrikanischen Producte des Innern erhalten, die den zukünftigen Kaufleuten als Richtschnur dienen wird, und werden im Stande sein, den allgemeinen Charakter derjenigen, mit denen wir in Berührung kommen, zu beurtheilen.

An der Schwelle des Unternehmens begegnen wir aber der ernsten Nothwendigkeit, uns mit geeigneten Leuten zu versehen, zu denen wir das Vertrauen haben dürfen, dass nicht schon der Anblick eines betrunkenen Häuptlings unsere Hoffnungen sofort zerstört und die von uns gehegten Träume, die sich nach unserer Erwartung verwirklichen werden, vernichtet.

In einer Unterredung mit den Herren Kerdyck und Pincoffs, die, wie Ihnen bekannt sein wird, an diesen unsern Plänen stark interessiert sind, wurde ich ersucht und mir gerathen, mich an Sie zu wenden, und ich komme diesem Rathe mit um so grösserm Vertrauen nach, als ich bereits in London die Ehre und das Vergnügen einer Zusammenkunft mit Ihnen gehabt habe.

Während ich mich nach Aegypten und der ostafrikanischen Küste begebe, um dort einige wenige vertrauenswürdige Leute anzuwerben, könnten Sie mich wesentlich unterstützen, wenn Sie eine Anzahl Kruboys oder Kruneger, 75 bis 130 Mann, sammeln und sie von den Häuptlingen auf eine bestimmte Zeit miethen, unter dem Versprechen, dass entweder die Contracte später erneuert oder die Leute den Häuptlingen zurückgeschickt werden sollen, je nach der Vereinbarung, welche Sie mit diesen oder jenen treffen, und ausserdem 20 bis 30 oder 40 Kabindas zu Ihnen angemessen erscheinendem Lohne und entsprechend den Gebräuchen an der Westküste für mich engagieren.

Die Herren Kerdyck und Pincoffs haben auch von einem jungen Herrn gesprochen, der gegenwärtig in Ihrem Etablissement in Banana-Point beschäftigt ist und über welchen jene, wie ich glaube und hoffe, Ihnen wol selbst geschrieben haben werden. Wenn es entschieden ist, dass er eine Anstellung unter mir annimmt, haben Sie wol die Freundlichkeit, ihn darüber zu instruieren, was zu thun ist. Er könnte Ihnen bei der Aufsuchung der Leute, die Sie für mich engagieren, wesentliche Dienste leisten; wenn eine genügende Anzahl Kabindas in Banana nicht zu haben wäre, könnte er sich selbst nach Kabinda u. s. w. begeben und wichtige Hülfe bei der Anwerbung leisten, indem er die Leute veranlasst, die von Ihnen gebotenen Löhne anzunehmen. Bei allen Contracten, die Sie in meinem Namen abschliessen, würde es sich empfehlen, dieselben so klar und einfach wie möglich abzufassen, um spätem Misverständnissen vorzubeugen. Wenn Sie 150 Mann aller Klassen — Kabindas und andere — bis zu meiner Ankunft zusammenbringen, werden Sie mir und dem Comite einen sehr wichtigen Dienst erzeigt haben, den jenes sicherlich anerkennen wird.

Ich werde höchst wahrscheinlich gegen Anfang August, vielleicht, wenn alles gut geht, schon früher am Kongo eintreffen, wo ich Sie hoffentlich sehen und Ihnen persönlich für die Gefälligkeit danken kann, die Sie mir, wie ich erwarte, erwiesen haben werden.

Ich habe, wie ich sehr wohl einsehe, noch keineswegs dieses Thema und andere Dinge, über welche ich mich eingehender aussprechen möchte, erschöpft, allein ich weiss, dass ich mich an einen Mann von grosser Erfahrung in afrikanischen Sitten und Gebräuchen wende, der vollständig im Stande ist, den Mangel an genügenden Einzelheiten durch seinen eigenen klaren Verstand und seine grosse und ausgedehnte Kenntniss von dem, was geschehen muss, zu ersetzen.

Bis zu meiner Ankunft werden verschiedene Gegenstände an Ihre Adresse gelangen, die ich in Ihren Vorrathsräumen für mich zu lagern bitte; ebenso ersuche ich Sie auch, Herren, die in meinem Namen zu Ihnen kommen, so gastfreundlich, wie Ihre Verhältnisse es erlauben und Sie es nach Ihrer Kenntniss von deren Lage in einem fremden Lande für gut befinden, bei sich aufzunehmen. Ich hätte dies eigentlich gar nicht zu erwähnen brauchen, da ich aus eigener Erfahrung weiss, dass die Kaufleute am Kongo stets bereit sind, Gastfreundschaft zu üben. Alle Kosten irgendwelcher Art, die Sie für mich oder in meinem Interesse haben, werde ich Ihnen mit Vergnügen zurückerstatten; die gütige und gefällige Erfüllung meiner Bitten würde sich nicht belohnen lassen, obgleich dieselbe von weit höherm Werthe ist, und ich muss dem Schicksal die Gelegenheit überlassen, Ihnen meine ewige Dankbarkeit zu beweisen.

Theilen Sie, bitte, den Inhalt dieses Briefes Herrn de Bloeme mit; dagegen würde es aber gut sein, wenn Sie bis zu meiner Ankunft mit Leuten, die kein Interesse daran haben, unser Unternehmen kennen zu lernen, nicht über dasselbe sprächen.

Mit den besten Grüssen an Herrn de Bloeme verbleibe ich, geehrter Herr,

Ihr ganz ergebener

Henry M. Stanley

Quelle:Henry M. Stanley. Herrn F. A. Brockhaus.1885, von bjfe by jadu

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