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Der Kongo und die Gründung des Kongostaates.

Arbeit und Forschung

Von

Henry Morton Stanley ( John Rowlands )1841 -1904

Inhalt

Kapitel I

Frühere Geschichte des Kongo

Erste Entdeckungen. — Irrtümliche Nomenclatur. — Ungenaue Beschreibungen. — Schwierigkeiten, den alten Chronikenschreibern zu folgen. — Die britische Expedition des Jahres 1816. — Ihr Misgeschick, aber schliesslich erfolgreiches wissenschaftliches Resultat. — Die letzte Expedition Livingstone's. — Die Expedition des „Daily Telegraph" und ,,New York Herald" vom Jahre 1876. — Entdeckung der Kontinuität des Kongo.

Die Entdeckung der Mündung des Kongo verdanken wir Diego Cäo oder Cam, einem dem Hofstaat des Königs Dom Jäo II. von Portugal angehörenden Marineoffizier. Dieselbe geschah im Jahre 1484/85, als, nach Duarte Lopez, eine Flottenexpedition zur Aufsuchung von Ostindien der afrikanischen Küste entlang segelte. Zur Erinnerung an dieses Ereigniss errichtete der Oberbefehlshaber der Flotte an dem südlichen Ufer der Flussmündung einen Pfeiler, nach welchem der das Kongo-Königreich durchfliessende Strom eine Zeit lang den Namen Rio de Padräo oder „Pfeiler-Fluss" trug.

Martin Behaim, einer der Theilnehmer der Expedition und der Entdeckung, nannte ihn nach dem Ungeheuern Wasservolumen, welches derselbe in den Ozean ergiesst, den Rio Poderoso oder „Mächtigen Strom", während Lopez, der im Jahre 1578 Angola besucht hatte, ihn beschrieb als den ,,grössten Fluss in Kongo, in der Sprache dieses Landes Zaire genannt, was soviel bedeutet wie «Ich weiss»."

Auch de Barras und Merolla, die Lopez mehr als ein Jahrhundert später folgten, gaben ihm die Bezeichnung Zaire, einen Namen, an dem die Portugiesen noch in der Gegenwart mit Liebe hängen, wahrscheinlich weil ihr elassischer Dichter Camöes den Kongo als „jenen glänzenden Strom, den langen, gewund'nen Zaire" beschreibt. Trotz aller Hochachtung für die alten Reisenden und Geographen ist der Ausdruck „Zaire" aber doch nichts weiter als eine Verstümmelung von Nsari, Nsali, Ndjali, Nsaddi, Njadi, Niadi und ändern ähnlich geschriebenen Wörtern, welche in den verschiedenen Dialekten des Gebietes, das vor drei Jahrhunderten im allgemeinen als das Königreich Kongo bezeichnet wurde, nichts anderes als „Fluss" bedeuten.

Gegen Anfang des 17- Jahrhunderts begann der Fluss auf den Karten Rio de Congo genannt zu werden, während der obere Lauf den Namen Zaire beibehielt.

Unsere Kartenzeichner haben seitdem fast ohne Ausnahme die Bezeichnung Rio de Congo oder Kongo gebraucht, während die Portugiesen ihn noch immer Zaire nennen.

Wer sich die Mühe nehmen will, die frühern Globen und Karten von Afrika zu betrachten, wird bemerken, dass fast alle von den Portugiesen herrührenden geographischen Kenntnisse über die Regionen des äquatorialen Afrika auf Erzählungen von Eingeborenen, wahrscheinlich Elfenbein oder Sklavenhändlern aus dem Innern, beruhen müssen. Als Beweis hierfür brauche ich nur die Hartnäckigkeit anzuführen, mit welcher die Kartenzeichner und Geographen an dem berühmten „Königreich von Anzichi und dem Volke von Anzichana, das zu beiden Seiten des Flusses Zaire lebt", festhalten. Die „Anzichana" bedeuten buchstäblich indessen nur „Leute aus dem Innern", und „Anzichi" oder eigentlich „Nsike" heisst „Binnenland".

In meinem Werke „Durch den dunkeln Weltteil" spreche ich ebenfalls von einer Stadt oder einem grossen Markte Ngombe, während ich jetzt, nachdem ich eine oberflächliche Kenntniss der Sprache erlangt habe, weiss, dass „Ngombe" einfach „das Binnenland" bedeutet. Ebenso hatte ich auf meinen ersten Fahrten den Kongo auf- und abwärts von dem Orte Mpama gehört und die Lage desselben meiner Ansicht nach ziemlich genau im Lande Ujansi festgestellt, als ich plötzlich erfuhr, dass Mpama in der Sprache von Ujansi ebenfalls gleichbedeutend sei mit „Binnenland".

Ein weiteres Beispiel für die eigentümliche Unwissenheit alter Schriftsteller bezüglich der Länder und Flüsse, die sie zu schildern versuchen, ist die sonderbare Beschreibung, welche Duarte Lopez im Jahre 1578 vom untern Kongo geliefert hat:

Der Fluss ist für grosse Boote 25 Meilen weit schiffbar, bis derselbe einen von Felsen eingeschlossenen Engpass erreicht, wo da.s Wasser mit solch furchtbarem Getöse herabstürzt, dass man dasselbe in einer Entfernung von beinahe 80 Meilen hören kann. Dieser Ort wird, da er den Wasserfällen des Nil ähnelt, von den Portugiesen Cachivera, d. h. ein Wasserfall oder Katarakt, genannt.

Die folgenden drei Citate werden ebenfalls Beweise dafür liefern, dass die Schriftsteller des 16. und 17. Jahrhunderts entweder nicht im Stande waren, sich auf die genaue Beschreibung dessen, was sie wirklich gesehen haben, zu beschränken, oder dass sie, was das Wahrscheinlichere ist, für ihre Behauptungen keine bessere Gewähr hatten, als die Angaben der Sklavenhändler und das müssige Geschwätz der Küstenbewohner.

Ein Kapuzinerpater, welcher der von Papst Paul V. im Jahre 1645 ausgesandten Missioiisexpedition angehörte, beschreibt den Kongo folgendermaassen:

Unter den vielen grossen und kleinen Flüssen, welche das Kongoland durchströmen, ist der mächtigste der Zaire, der nach den uns gemachten Mittheilungen aus einigen beständigen Wasserfällen entspringt, welche den Nil bilden. Beide Flüsse kommen aus derselben Quelle; der Nil fliesst nordwärts durch ganz Afrika, bis er sich in das Mittelländische Meer ergiesst, und der Zaire strömt in entgegengesetzter Richtung über mächtige Abhänge nach Westen, und windet sich durch Klippen und Felsenbänke oft mit einem solchen Getöse, dass dasselbe noch in 2 oder 3 Legoas Entfernung die Bewohner taub macht und erschreckt. Das Wasser dieses Flusses, das im Abwärtsfliessen an Menge immer zunimmt, . bildet Wirbelströmungen, breitet sich an einigen Stellen so weit aus, dass man kaum die gegenüberliegenden Ufer unterscheiden kann, und ergiesst sich schliesslich durch sieben grosse Mündungen in den Atlantischen Ocean. Seine Schnelligkeit erschreckt selbst die kühnsten Lootsen, die es für unmöglich erklären, über das offene Wasser zu setzen, und deshalb Furten aufsuchen, wo die Gewalt des Stromes durch Inseln gebrochen und geschwächt wird und die Ueberfahrt weniger schwierig ist. Diese Inseln sind stark bevölkert und sehr gut cultivirt. Ueberall im Königreich Kongo gibt es viele Flüsse, die jedoch weniger ihrer Schnelligkeit, als der zahlreichen Krokodile, Flusspferde, Ungeheuern Schlangen und anderer Ungethüme wegen, für welche wir keine Namen haben, bemerkenswert sind.

Pater Merolla, der im Jahre 1682 nach dem Kongo geschickt wurde, schreibt:

Da die Gewässer des Zaire gelb sind, kann man den Fluss 100 Meilen in See noch wahrnehmen, und dadurch wurden viele bisher unbekannte grosse Königreiche entdeckt.

An einer ändern Stelle bemerkt dieser Autor, der Zaire sei an seiner Mündung 28 Meilen breit.

Der Engländer Purchas war ein fleissiger Compilator von See- und Landreisen; offenbar muss er aber die „Chroniken der Jesuiten" gelesen haben. Er schreibt über den Kongo wie folgt:

Der Fluss hat eine solche Gewalt, dass kein Schiff gegen den Strom anfahren kann, ausgenommen nahe dem Ufer. Ja, er besiegt die Salznut des Oceans 60 oder, wie einige behaupten, 80 Meilen weit in See hinaus, ehe seine stolzen Wellen sich völlig unterjochen und als Zeichen der Unterwerfung den Salzgehalt des Meeres annehmen. Das ist der Hochmut des Stromes, der in seinem Laufe das niedrige Land überschwemmt, geschwollen von Dünkel über seine täglichen Eroberungen und die ihm überall zuströmenden Zuflüsse, welche ihm in Armeen von Schauern von den Wolken zu Hülfe gesandt werden, der im wilden Rasen dahinstürzt und selbst den Ocean, den er nie vorher gesehen hat, verschlingen möchte. Seine Mündung gähnt, wie Lopez bestätigt, 28 Meilen weit; dort aber begegnet ihm ein noch riesigerer Feind, der hinter den Klippen auf seinen Angriff lauert, und bald ist er von dem noch weitern Schlund verschlungen. Aber obgleich er immer besiegt wird, gibt er den Kampf nicht auf, sondern setzt, mit tiefen, wellenförmigen Runzeln auf dem erbosten Gesicht, vor Aerger schäumend und die Luft mit seinem Getöse erfüllend, den Streit mit erneuter Hülfe, welche seine von der salzigen See verzehrten Kräfte ergänzt, in alle Ewigkeit fort.

Diese Auszüge zeigen, dass es Zeitverschwendung wäre, den alten Chronikenschreibem zu folgen. Oft habe ich, wenn sie in allem Ernste Namen von Orten verzeichnen und die Districte, von welchen sie sprechen, zu schildern versuchen, mich bemüht, mich nach ihnen zu orientiren, stets aber mit schmerzendem Kopfe und betrübt über den Verlust der bei der nutzlosen Anstrengung vergeudeten Zeit die Arbeit aufgeben müssen. Und weil es mir geradezu unmöglich ist, ändern das zu beschreiben, was ich trotz der von mir erworbenen localen Kenntnisse mir selbst nicht erklären kann, bin ich genöthigt, die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine im Jahre 1816 von der britischen Regierung ausgesandte Expedition unter dem Befehl von Kapitän James Kingston Tuckey zu lenken, welche uns zuverlässige, genaue und bestimmte Information über den untern Lauf des Kongo bis 277 km ins Innere hinein geliefert hat.

In den Instructionen, welche Kapitän Tuckey von der Admiralität erhielt, wird man die Bestätigung meiner oben aufgestellten Behauptungen finden; es heisst darin:

Obgleich die Expedition, welche den Lauf des das Königreich Kongo durchfliessenden Zaire erforschen soll, ursprünglich durch die Annahme veranlasst wurde, dass der Strom identisch mit dem Niger sei, so soll dies doch nicht dahin verstanden werden, dass der Versuch, diese Frage zu entscheiden, irgendwie der ausschliessliche Zweck der Expedition sei.

Dass ein Fluss von solcher Grosse wie der Zaire, der so mancherlei Eigentümlichkeiten besitzt, mit einer gewissen Sicherheit nicht weiter als 200 Meilen von seiner Mündung, wenn überhaupt so weit bekannt ist, muss als unvereinbar mit dem fortgeschrittenen Stande der geographischen Wissenschaft und als wenig rühmlich für diejenigen Europäer bezeichnet werden, welche fast drei Jahrhunderte lang im Besitz verschiedener Teile der Küste, in deren Nähe der Strom ins Meer mündet, sich befinden und Verbindungen mit dem Innern des Landes, durch welches er fliesst, durch Missionare und Sklavenhändler unterhalten haben. Tatsächlich sind unsere Kenntnisse von dem Laufe dieses merkwürdigen Flusses so beschränkt, dass. die einzige Karte desselben, welche einen geringen Anspruch auf Eichtigkeit machen kann, nicht weiter als 130 Meilen aufwärts reicht, wenngleich die Genauigkeit dieser sogenannten Vermessungen mehr als fraglich ist.

Es ist indessen nicht zu bezweifeln, dass ein Fluss, der rascher strömt und eine grössere Wassermenge ins Meer ergiesst als der Ganges oder der Nil, und welcher die Eigenthümlichkeit besitzt, dass er in fast allen Jahreszeiten sich in angeschwollenem Zustande befindet, nicht nur ein sehr ausgedehntes Gebiet durch-fliesst, sondern auch grosse Zuflüsse aufnehmen muss, die aus verschiedenen und wahrscheinlich entgegengesetzten Richtungen kommen, sowie dass einer oder mehrere von ihnen aus Gegenden herströmen, in denen Regen vorherrscht. Die Quellen dieser grossen Nebenströme aufzufinden, ist daher eine der Hauptaufgaben der gegenwärtigen Expedition.

Die Expedition Kapitän Tuckey's bestand aus 56 Europäern, und es war, wie der Secretär der Admiralität damals schrieb, „weder in diesem noch in einem ändern Lande je eine Entdeckungsexpedition ausgesandt worden, welche bessere Aussichten und erfreulichere Hoffnungen auf Erfolg gehabt hätte als die in Rede stehende". Und trotzdem hat infolge fast unerklärlichen Mißgeschicks keine Expedition einen traurigem und unglücklichem Abschluss gehabt. Kapitän Tuckey, Lieutenant Ilawkey, Mr. Eyre und zehn von der Mannschaft des „Congo", sowie Professor Smith und die Herren Cranch, Tudor und Galway, insge-sammt 18 Personen, starben entweder innerhalb der kurzen Zeit von noch nicht ganz drei Monaten, welche die Expedition am Kongo zubrachte, oder wenige Tage nach der Abfahrt von dem Flusse. Vierzehn von den hier Genannten gehörten zu einer aus 30 Personen bestehenden Forschungsabteilung, welche den Marsch bis über die Wasserfalle hinaus über Land machte; die ändern 4 erlagen der Krankheit an Bord des „Congo", und 2 waren schon auf der Hinreise gestorben.

Bei Besprechung des Klimas (im zweiten Bande) werde ich noch Gelegenheit haben, die Ursachen zu erörtern, welche diese ausserordentliche Sterblichkeit unter den Mitgliedern der unglücklichen Expedition herbeigeführt haben. Welche Opfer an Menschenleben dieselbe aber auch gekostet haben mag, der geographischen Wissenschaft hat sie sehr werthvolle Dienste geleistet, denn zum ersten mal wurde der untere Kongo aller Mythen und Fabeln entkleidet und mit einer Genauigkeit beschrieben, die selbst in der Jetztzeit nicht übertroffen werden kann.

Kapitän Tuckey erfuhr von den Eingeborenen, dass sie den Fluss Moensi Nsaddi nannten, d. h. buchstäblich „Empfänger aller Flüsse".

Seitdem haben Kriegsschiffe vieler Nationen den grossen Strom zu verschiedenen Zeiten besucht und Marineoffiziere unsere Kenntnisse von der Tiefe des Flusses, seinen Strom-verhältnissen und den Namen der an seinen Ufern liegenden Factöreien und Handelsniederlassungen erheblich erweitert; allein der melancholische Verlust an Menschenleben, welchen die Expedition Kapitän Tuckey's erlitten, hat langer als ein halbes Jahrhundert alle weitern wissenschaftlichen Missionen von dem Lande fern gehalten.

Im Jahre 1866 brach Dr. Livingstoue auf Anregung von Sir Roderick Murchison zu seiner letzten Reise auf, um die Wasserscheide zwischen dem Njassa- und dem Tanganjika-See zu erforschen. Im folgenden Jahre entdeckte derselbe einen grossen nach Westen strömenden Fluss, der, wie er später erfuhr, seine Quellen in den Tiefen der Tschibale-Berge im Lande Mambwe hatte. In der von vielen ändern Geographen der damaligen Zeit getheilten Ansicht, dass er endlich die äusserste Spitze des Nil entdeckt habe, verfolgte er den Lauf dieses grossen Flusses, der den Namen Tschambesi trug, bis derselbe auf 11° südl. Br. und 29° Östl. L. den Bemba- oder Bangweolo-See erreichte. Während der Jahre 1868 — 71 fand er aus, dass der Strom den Bangweolo-See unter dem ihm von den Eingeborenen gegebenen Namen Luapula wieder verlässt und nordwärts in den Moero-See fliesst, aus welchem er als Lualaba wieder herausströmt. Zuletzt sah er den Fluss, der nunmehr ein grosses Volumen Wasser mit sich führte, in Njangwe in Manjuema, das etwa 2090 km von den Quellen entfernt liegt.

Im October 1876 traf die von dem londoner „Daily Telegraph" und dem „New York Herald" zur Vervollständigung der Livingstone'schen Forschungen ausgesandte Expedition in der arabischen Stadt Njangwe ein, um bald darauf den Fluss abwärts bis zum Meere zu verfolgen; 281 Tage später erreichte dieselbe den Atlantischen Ocean, wodurch sie auf einer Fahrt von 2500 km auf dem Flusse und einem Marsche von 213 km über Land den Beweis lieferte, dass der Tschambesi, Luapula oder Lualaba identisch mit dem Kongo seien, dessen Mündung gerade 400 Jahre früher von den Portugiesen entdeckt worden war.

Die Geschichte dieses edlen Stromes und die ausserordentlichen Unternehmungen, zu denen seine Entdeckung Veranlassung gegeben hat, beabsichtige ich nach einer kurzen historisch-politischen Skizze in diesem Werke zu beschreiben.

Quelle:Henry M. Stanley. Herrn F. A. Brockhaus.1885, von rado by jadu

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