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Die letzte Reise
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von E.Morstatt
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Die Abschiedsstunde hatte geschlagen, die Stunde, da die letzten Deutschen die Kolonie, die ihnen zur zweiten Heimat geworden war, verlassen mußten. Wir hatten den Befehl erhalten, uns in den Küstenstädten zu sammeln, um von dort nach Deutschland eingeschifft zu werden. -- Ich war durch eine schwere Verwundung am Anfang des Krieges vollkommen dienstuntauglich geworden, und dieser Tatsache hatte ich es zu verdanken, daß ich nicht wie die anderen deutschen Gefangenen nach Indien oder Ägypten gebracht, sondern von den Engländern als ungefährlich auf meine Pflanzung entlassen worden war, wo ich ein recht kümmerliches Dasein geführt hatte. Trotzdem wurde mir der Abschied von meinem kleinen Lehmhaus und meiner Pflanzung unendlich schwer. Die letzte Safari durch den afrikanischen Busch! Am Nachmittag schlugen meine Träger auf dem Lagerplatz an einem kleinen Flüßchen mein Zelt auf, oder vielmehr den traurigen Rest eines solchen, eine kleine Plane, die gerade groß genug war, um sich darunter auszustrecken. Mein Diener bereitete schnell das Abendessen. Ich saß auf einer Kiste, während er mir auf einer anderen ein Huhn vorsetzte, den letzten Rest meines einst so stolzen Hühnerhofes. Der lichte Busch, aus dem nur vereinzelt hohe Bäume aufragten, war von dem Golde der untergehenden Sonne erfüllt. Im Hintergrunde zog sich eine ferne, blaue Hügelkette hin, deren Spitzen rosig erglänzten. Es war ein wundervoller Tropenabend, dessen Stille nur von den Stimmen der Träger und dem Surren einiger Wildtauben unterbrochen wurde. Nach
dem Essen wollte ich noch einen kleinen Spaziergang machen und wanderte
ein Stück am Fluß entlang. Da gewahrte ich abseits vom
Wege unter großen Bäumen ein Zelt, vor dem einige Schwarze
am Feuer kauerten. In
diesem Augenblick trat er aus dem Zelt und kam mir entgegen. Seine
lange hagere Gestalt steckte in einem verblichenen Khakianzug; aus
dem beraunen, verwitterten Gesicht mit den unzähligen Furchen
und Fältchen und dem struppigen grauen Bart schauten ein paar
helle, scharfe Augen. "Verlassen!" Wieder lachte der Mbwana mzee, und dann begann er zu erzählen, Geschichten, wie sie alte Afrikaner gern berichten. Er sprach von Reisen und Jagden, von Abenteuern und Gefahren. Man konnte natürlich nicht recht unterschieden, wo die Grenze zwischen Wahrheit und Dichtung lag. Aber das war auch einerlei. Die Erzählung des Alten ließen noch einmal das Leben im Sonnenlande vor mir erstehen, das arbeits- und mühevolle und doch so wunderschöne, freie Leben. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen. Die Reden der Träger waren verstummt. Sie schliefen am Feuer, dessen rötlicher Schein über die schwarzen Gestalten hinglitt. Plötzlich schlug der Mbwana mzee mit der Faust auf den Tropenkoffer, der neben ihn stand, und brüllte: "Und Sie glauben wirklich, ich würde dieses Land verlassen, dieses Land, das uns gehört? Ich denke gar nicht daran. Hier habe ich gelebt, und hier will ich sterben." Ich
sah ihn erstaunt an. "alles Widerstreben und doch nichts,"
sagte ich beschwichtigend. "Die Engländer haben die Macht,
und wir müssen weichen." "Ich weiche nicht," sagte
der Alte jetzt ganz ruhig. "Ich nehme es mit den Engländern
auf und bleibe hier." "Aber
Sie können doch nicht immer im Busch bleiben. Was wollen Sie
denn später tun?" Ich
konnte dem alten Manne nicht widersprechen. Mir war, als hätte
er recht , und fast beneidete ich ihm um seinen festen Entschluß.
Ich stand auf und reichte dem Alten mit festem Drucke die Hand. "Ist
der Herr, der dort drüben lagert, schon fort?" fragte ich
meinen Diener. Im goldenen Licht der aufsteigenden Sonne begruben wir den alten Afrikaner unter einer hochragenden Tamarinde, angesichts der blauen Berge und der schweigenden Wildnis. Nun ward ihm diese Erde, die er über alles geliebt, zur letzten Ruhestätte. Ich verteilte seine Sachen unter seine Leute; es war wohl so in seinem Sinne gehandelt. Dann reiste ich weiter zur Küste. Ich meldete der englischen Behörde den Tod des alten Deutschen, und sie strichen einen Namen von ihrer Liste. - Quelle:
Jambo, Monatsschrift für Schule und Elternhaus,1934, von rado
jadu 2000
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