Unter kurbrandenburgischer Flagge

Deutsche Kolonialerfahrungen vor zweihundert Jahren. Nach dem Tagebuch des Chirurgen Johann Peter Oettinger unter Mitwirkung des Kaiserlichen Vizeadmiral z. D. von Henk herausgegeben von Hauptmann a. D. Paul Oettinger.
Die Reise

Denkmünzen der kurbrandenburgischen Expedition nach Guinea

Die Reise

 

Die Reiselust unseres Freundes wurde zwar nicht sogleich befriedigt; die politischen Verhältnisse verzögerten das Auslaufen der Expedition, da französische Kaper in großer Zahl sowohl die nördlichen als die südlichen Meere unsicher machten, bis die Seeschlacht bei Kap la Hogue den Bereich ihrer Tätigkeit einschränkte. (1659 hatte Holland eine Allianz mit England, Spanien und Österreich gegen Frankreich geschlossen. Am 20. Mai 1692 erfocht die vereinigte englisch - holländische Flotte bei La Hogue einen glänzenden Sieg über die französische.)

Endlich am Morgen des 25. Juli war die Ausrüstung beendet, die Waren verladen, Wasser, Lebensmittel, Munition und zum Teil auch lebendes Vieh usw. an Bord genommen. Kurz vor Hochwasser flatterte der blaue Peter an der Spitze des Fockmastes sämtlicher Schiffe luftig im Winde, als Zeichen, daß nunmehr die Stunde der Abfahrt nahe sei.

Die Expedition bestand, außer dem oben genannten Kommandoschiffe, aus dem Kurprinzen mit 20 Kanonen und 70 Mann Besatzung, Kapitän Thomas (ein geflüchteter Franzose), dem Salamander mit 12 Kanonen und 40 Mann Besatzung, Kapitän Wildschüß, dem Fleut (Transportschiff) Esprit mit 12 Kanonen und 40 Mann Besatzung, Kapitän Chalapin (einem Franzosen) und der Schnau (Schooner) Groß-Friedrichsburg mit 6 Kanonen und 15 Mann Besatzung, Kapitän Wilhelm.

Gegen ein Uhr erfolgte vom Kommodoreschiff das Signal: "Anker lichten und in See gehen!" An den Seiten der Schiffe sah man eine große Zahl Boote, die im letzten Augenblick noch Reisebedürfnisse, Lebensmittel usw. den scheidenden gebracht hatten. Bald machte sich jedoch ein Gedränge am Fallreep der einzelnen Schiffe bemerkbar, die Fremden mußten sich anschicken, das Deck zu verlassen. Der Profoß mit seinem Stabe musterte mit scharfen Blicken jeden Abgehenden, um vielleicht einem Flüchtling herauszuwittern. Hier und dort stahl sich wohl ein einzelner Schiffsjunge, ein Matrose heran, um den seinigen ein letztes Lebewohl zu sagen.

Die Anker wurden gelichtet, die Segel gesetzt. Vom Großmast des Kommandoschiffes wehte das Signal:"Im Kielwasser des Leiters folgen!" pünktlich wurde dieser Befehl ausgeführt, und langsam glitten die Schiffe dem offenen Meere zu.

Versetzen wir uns an Bord des Schiffes "Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg." Bald sind auch die letzten Konturen der flachen Küste verschwunden und der Konvoi nur von der durch den Horizont begrenzten Meeresfläche umgeben. Einzig in seiner Art steht es da, das herrliche Meer, einen imposanten und majestätischen Anblick gewährend. Trotz der Harmonie, die es äußerlich zu Schau trägt, vereint es in sich die größten und schroffsten Widersprüche: monoton und doch voll Abwechslung, ruhig und doch ewig bewegt, scheinbar öde und doch eine unabsehbare Tier- und Pflanzenwelt in seinem Schoße beherbergend, freundlich und doch tückisch; das Bild des frischen frohen Lebens, in dem sich alles geschäftig regt, und doch das tiefste, stillste Grab, das schon Millionen Menschenleben verschlungen hat, und noch täglich, stündlich seine Opfer fordert.

Der Tag naht seinem Ende, die Mannschaft ist noch einmal nach der Gefechtsrolle verlesen, die Geschütze sind scharf geladen, der Luntenstock an jedem befestigt; nach altem Seegebrauch, trotz des schönen Wetters, ein Reef in die Marssegel genommen, die Signallaternen in Bereitschaft gehalten.

Gegen acht Uhr wird die Mannschaft der Backbordwache verlesen und für ihre Posten instruiert, während die Hängematten für die Steuerbordwache ausgegeben werden. "Acht Glas!" Die freie Wache begibt sich zur Ruhe. Bald darauf taucht auch die Sonne nach vollendeter Bahn in die leicht bewegten Fluten, der Abendhimmel flimmert in wundervollem, farbenreichen Lichte, der helle Mond segelt in seiner ganzen Pracht am besternten Firmament dahin; unaufhaltsam durchsucht der Schiffskiel die hellgrüne Meeresfläche, einen Silberstreifen hinter sich zurücklassend.

Am 7. August wurde die Monotonie des Schiffslebens durch die Meldung: "ein Kriegsschiff voraus in Sicht!" unterbrochen. Eine allgemeine freudige Erregung war auf allen Gesichtern bemerkbar; Segel auf Segel wurden gesetzt, die Schiffe klar zum Gefecht gemacht, und mit Spannung sahen wir, in der Hoffnung, einen französischen Kaper vor uns zu haben, nach dreistündigem Jagen dem Augenblicke des Angriffs entgegen. Ein scharfer Schuß von Friedrich Wilhelm war die Aufforderung an dem Segler zum Zeigen seiner Flagge, während alle Geschütze scharf geladen und die Jagdgeschütze auf ihn gerichtet waren. Doch, wie groß war die Enttäuschung, als bald darauf die Flagge der Generalstaaten langsam bis zur Gaffelspitze auf dem Verfolgten emporstieg! Es war der nach Curaçao bestimmte St. Viktor mit 14 Kanonen und 50 Mann Besatzung, ein schlechter Segler, der bald hinter uns verschwand, da wir unbekümmert unsre Reise fortsetzten.

Bei Sonnenuntergang wurden zwei Reefe in die Marssegel genommen, die Geschütze mit doppelten Taljen befestigt und vom Kommodoreschiffe das Signal: "Rendezvous Fair Island" gegeben. Scharen von Seevögeln, die sicheren Vorboten eines herannahenden Unwetters umkreisten die Schiffe, die Luft war schwül, der sonst klare Himmel bezog sich mit einem gleichmäßigen Grau, durch welches die hinter dem Horizont verschwindende Sonnenscheibe blutrot blicke. Drohende, dunkle Wolken mit scharfen Rändern stiegen im Südwesten langsam auf, von denen sich einzelne schwarze Massen ablösten und mit Blitzesschnelle über die graue Himmelsdecke jagten. Die See wurde unruhig und brach hohl und dumpf rauschend zusammen; die Sturmvögel kreischten, daß es uns durch Mark und Bein ging.

Die Freiwache hatte inzwischen ihre Hängematten aufgesucht; mancher der nicht seegewohnten Leute stieg von der einen Seite in dieselben hinein, um, bei der stoßweisen Bewegung des Schiffes, zum Vergnügen der Klügeren über die entgegengesetzte wieder herauszupurzeln, bis er endlich, durch Schaden klüger geworden, Ruhe fand. Die erste Nachtronde war gegangen, das Feuer in der Küche gelöscht, die Ausgucks nachgesehen. Eine eigentümliche, unheimliche Stille herrschte im ganzen Schiff, so daß selbst diejenigen, welche der Ruhe pflegen durften, das Oberdeck aufsuchten. Jeder hatte das Gefühl, das schlechtes Wetter im Anzuge sei. Doch kaum waren die vier dumpftönenden Schläge der Schiffsglocke (Vier Glas abends bedeutet 10 Uhr.) verhallt, als ein fürchterlicher Donner das ganze Schiff erzittern und uns alle erschrocken zusammenfahren ließ. Zürnendöffnete Jupiter pluvius seine Schleusen, in wolkenbruchartigen Strömen stürzte der mit Hagel vermischte Regen herab, und durchrauschte vereint mit dem Seewasser das Deck und die Batterie, während sich die Ausläufer durch die Fugen der Deckfenster und Luken den Weg in die unteren Räume bahnten.

"Alle Mann Segel bergen!" erscholl vom Deck die Stimme des Kapitäns, und "alle Mann Segel bergen!" wiederholte der Bootsmann mit seinen Maaten den Befehl in die Batterie und das Zwischendeck weitergebend, während die Profoße und Schiffspolizei die Säumigen aus den Hängematten warfen. Halb entkleidet stürzte die Freiwache auf das Oberdeck, denn jeder Seemann weiß, wenn dies Kommando erschallt, so ist Gefahr im Verzuge. Wer je einen solchen Augenblick erlebt hat, den wird die Erinnerung daran nie wieder verlassen. Das Rollen des Donners, der jähe Wechsel rabenschwarzer Nacht und des grellen Lichts der zuckenden Blitze, erfüllt, vermischt mit dem Toben des Meeres, selbst den Beherzten mit Entsetzen. Wenn ein Blitz sekundenlang leuchtet, erblickt das suchende Auge nichts als wogende Wellen und finstere Wolken. Das Gefühl des Verlassenseins überkommt den Neuling zur See mit erschütternder Gewalt, für den Seemann aber liegt gerade in dieser weiten Öde eine Beruhigung und ein Trost. Vor dem freien Meere hat er keine Furcht, aber wehe, wenn sich in Lee die weißen Köpfe der gegen die Felsen anstürmenden Brandung zeigen — ihr dumpfes Brausen macht ihm das Herz erstarren.

Immer drohender, so erzählt unser Freund weiter, schoben sich jetzt die Wolken im Westen zusammen. Der Kapitän wußte wohl, was sie bringen würden — den Sturm! Noch war der Wind zwar nicht da, aber die See brach bereits mit hohltönendem Rauschen übereinander. Kein Augenblick war zu verlieren, die Segel bis auf die Sturmsegel einzunehmen, wenn man nicht die Masten brechen oder das Schiff kentern lassen wollte.

Die Fahrt bot außer dem heftigen Sturm, der glücklich vorüber ging, aber das Schiff tüchtig durchrüttelte, wenig Bemerkenswertes. Erst an der westafrikanischen Küste begann der anziehendste Teil der Expedition. Am 8. September früh steuerte die Flottille der ersehnten afrikanischen Küste zu. Die Eskadre, in zwei Kolonnen rangiert, umsegelte gegen Mittag Kap Blanko in 20° 24' nördlicher Breite und 0° 50' östlicher Länge von Ferro und ankerte südlich von demselben auf fünf Faden Tiefe, Sandgrund. Vor uns lag rein und blendend weiß die Bucht von Arguin, besäumt mit hohen grünen Kokospalmen, deren Kronen sich im Winde schaukelten. Über uns wölbte sich der tiefblaue Himmel, in noch herrlicherem Blau aber erglänzte die durchsichtige See, deren Färbung bisweilen, wo sich Sandbänke bemerkbar machten, ins Grüne überging, fürwahr, eine bezaubernd schöne Landschaft! Bald wurden unsere Schiffe von Kanoes der schwarzen Bevölkerung, die Früchte usw. feilboten, belagert. Ist es wohl möglich, dachte ich, daß dieser Ort so ungesund ist; als man sagt?

Nach einer Stunde etwa erhielten wir den Besuch des sich in Arguin aufhaltenden kurbrandenburgischen Generaldirektor von Bellen, während der Schnau nach jenem holländischen Handelsplatze entsendet wurde, um Lebensmittel für die Schiffe heranzuschaffen. Im Laufe des Nachmittags wurde auf unsrem Schiffe über ein Bombardement der französischen Besitzungen, nördlich von den kurbrandenburgischen, bei Axim, Kriegsrat gehalten. Man kam jedoch zu keinem Entschluß und unterblieb daher dasselbe.

Während der nächsten beiden Tagen wurden die Boote entsandt, um für die Eskadre einen besseren Ankerplatz ausfindig zu machen, und als dies gelungen war, lichteten die Schiffe Anker, um zwei Meilen östlich von Kap Blanko, in der Levrierbai, den gewünschten Schutz gegen die an der Küste häufig frischen Nordwinde aufzusuchen. Fette Rehböcke weideten an der Küste und wollten einige Leute sogar einen Wolf gesehen haben. Man nannte das Land die Tartarei der Mohammetierten. Der nächste Morgen begann schon früh mit der Reinigung des Schiffes; der Gouverneur von Arguin hatte seinen Besuch für den Tag angesagt.

Bereits mit Zwei Glas (5 Uhr morgens) ertönte das Kommando des Bootsmanns: "Alle Mann, klar zum Deckwaschen!" Das bis dahin so öde Deck belebte sich, wie mit einem Zauberschlage; in allen Stockwerken tauchten Gestalten mit Reinigungsmaterialen, Besen, Schrubber, Steinen, Sand usw. auf. Die Pumpen rasselten, die Eimer klapperten, Steine und Besen fuhren in gleichmäßigen Strichen über die Decks; Ströme von Wasser führten den Schmutz durch die Sprigatten über Bord. Wehe den Schläfern, die Vergessen hatten, ihre Deckgläser zu schließen, um während der Nacht kühlende Luft in ihre Kabinen einströmen zu lassen. Vielleicht trifft der Wasserstrahl eines ungeschickten Schlauchführers durch diese Öffnung gerade auf die Lagerstelle und weckt den Schläfer unsanft aus seiner Ruhe!

Im Osten rötete sich der Horizont; das Funkeln der Sterne erblaßte; in blendender Pracht entstieg die Sonne dem Osten. Der Tag war da! in vollem Glanze erglühte er auf einmal, denn die Tropen haben keine Dämmerung, und fast unvermittelt wechseln Licht und Nacht. Der schöne Tag, der wolkenlose Himmel übten ihren Einfluß auch auf uns. Die milde, reine Luft hob die Brust, und überall an Bord strahlten fröhliche, heitere Gesichter.

Das Deckwaschen war bald beendet, das Schiff außen und innen gereinigt, reine Hängematten eingeschnürt und ordnungsmäßig in den Fingerkasten verstaut, die Raaen vierkant gebraßt, das Tauwerk in Figuren auf Deck niedergelegt. Um 8 Uhr wurde Flagge und Gösch gehißt; dann schickte man die Leute hinunter, um zu frühstücken und sich sauber anzukleiden. Nach dem Frühstück wurde die Batterie geordnet, die Kanonen poliert, die Schloßdeckel silberblank geputzt. Die Sonne warf ihre Strahlen durch die Luken und Kanonenpforten und spiegelte sich auf den Läufen der Gewehre, den Klingen der Entermesser, den Blättern der Enterbede usw. Auch die Köche hatten ihre Kochherde sauber gemacht, um nicht den Matrosen in ihrer Arbeit nachzustehen, und die kupfernen Kochgeschirre mit außerordentlicher Sorgfalt geputzt. Im Zwischendeck wurden die Tische und Bänke aufgeschlagen und auf ersteren das sauber gereinigte Essgerät symmetrisch geordnet.

Ein Boot von Arguin kommend, wurde gemeldet; schon war man im Begriff, die Mannschaft zur Parade antreten zu lassen, als das Fernrohr des wachhabenden Offiziers im demselben nur einen Korporal mit einer Anzahl Afrikanern ermittelte. Längsseit gekommen, wurden aus dem Boote vier große Schildkröten gehißt, von denen zwei schon mit Gerste und Pflaumen zubereitet, als Mittagsmahlzeit dienten; sie schmeckten wie Hühnerfleisch und grasgrünes Fett.

Unsre Vorbereitungen zum Empfange des Gouverneurs waren vergebens gewesen; erst kurz nach Sonnenuntergang kam General Lambrecht de Hundt mit seinem Stabe an Bord, wo, nach der Schiffsetikette, kein offizieller Empfang mehr stattfindet. Mit dem Gouverneur zugleich trafen fünf Mohren ein, die große Bärte hatten, anders als die übrigen Schwarzen, und den Juden glichen. Sie haben, den mohammedanischen Glauben, essen keinen Speck und trinken weder Wein noch Branntwein; auch einen fünf-oder Sechsjährigen Jungen, der schön von Positur war, brachten sie mit.

Am 14. September wurde abermals Kriegsrat über ein etwaiges Bombardement der oben erwähnten französischen Besitzung abgehalten, doch in anbetracht der dort versammelten größeren Zahl französischer Schiffe vom demselben wiederum Abstand genommen.

Kurz vor Sonnenuntergang verließ der Gouverneur unter dem üblichen Zeremoniell und begrüßt von den Salutschüssen unsrer Kanonen das Schiff, um nach Arguin zurückzukehren, von wo er tags darauf unsrem zwei Kapritten (Ziegen) und einige Paar Tauben als Geschenk sandte.

Während der nächsten Tage herrschte auf sämtlichen Schiffen eine sehr rege Tätigkeit. Waren und Lebensmittel vom Kurprinz und dem Fleut wurden auf den Friedrich Wilhelm geschafft, während andre Leute am Ufer der Bai, trotz des von den Strahlen der Tropensonne erglühten Sandstrandes, der die nackten Füße der dort gelandeten Matrosen mit Blasen bedeckte, mit Fischfang beschäftigt waren. Das Ergebnis des letzteren war äußerst ergiebig, und wurde die Arbeit trotz der glühenden Tropenhitze mit um so größerem Eifer betrieben, als sie eine angenehme Abwechslung in der einförmigen Schiffsverpflegung in Aussicht stellte; leider mußten später der großen Hitze halber viele Hunderte der gefangenen Fische wieder über Bord geworfen werden.

Am 17. September begab sich der Generaldirektor von Bellen mit dem Hauptmann Klockstein und acht Seesoldaten auf den Kurprinz, um mit demselben nach der Insel St. Thomas (Westindien) zu segeln. Seine Flagge wurde von den Kanonen unsres Schiffes mit sieben Schuß salutiert und von demselben in gleicher Zahl erwidert. Der nächste Morgen war für die Weiterreise bestimmt. Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne beschienen schon die von günstigem Winde geschwellten Segel sämtlicher dem offenen Meere zueilenden Schiffe. Am Abend wurde von Friedrich Wilhelm die Leiche des im Laufe des Tages am Skorbut verstorbenen Zimmermanns Remmert von Emden in das Meer versenkt. Er war ein starker Trinker gewesen, seine Unterschenkel waren geschwollen und mit harten, blauen und gelben Beulen bedeckt.

Auch während der nächsten Tage erfreuten wir uns eines günstigen Windes, umringt von ganzen Schwärmen fliegender Fische, von denen eine große Zahl, vor ihren Verfolgern fliehend, auf die Bordecke der Schiffe fielen, um alsbald manchem glücklichen Finder gebraten als Leckerbissen zu dienen. Weniger von Fortuna hierbei begünstigt war Peter Hansen. Er stand abends am Ruder, ohne dem Steuern die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Doch, was war das? Durch einen nassen Backenstreich aus seiner Litanei geweckt, glaubte er im ersten Augenblick, weil das Schiff vom Kurse abgewichen, vom wachthabenden Steuermannsmaat in aller Stille eine greifbare Zurechtweisung erhalten zu haben. Doch war dies Täuschung, denn kurz darauf hörte er in der Dunkelheit neben sich einen Fisch zappeln, in dem er seinen Beleidiger erkannte, der aber diese Beleidigung mit seinem Leben bezahlen mußte, da er schon bald darauf von einem der auf Deck befindlichen Schiffsoffiziere bemerkt, von demselben als gute Beute für die Abendmahlzeit entführt wurde.

Am 18. September trennte sich unter den üblichen Salutschüssen der Kurprinz von uns, während wir mit den übrigen Fahrzeugen in seitlicher Richtung fortsteuerten. Abends wurde die Leiche des an den Folgen einer Amputation der großen Zehe verstorbenen Zimmermanns Bartelsen von Emden unter Abfeuern einer Kanone über Bord gesetzt.

Nur wenige Tage noch sollten wir uns des günstigen Windes erfreuen, dann folgten Windstillen mit abwechselnden Gewitter und Regenböen. Die Reise ging nur langsam von statten. Um einem eventuellen Mangel an Trinkwasser vorzubeugen, wurde ein Segel über dem Oberdeck horizontal ausgespannt, das herabströmende Regenwasser darin aufgefangen und mit demselben die leer gewordenen Wasserfässer gefüllt. War dieses Wasser des bitteren, teerigen Geschmackes halber, welche es durch das Herabfließen von dem Tafelwerk angenommen hatte, auch nicht zum Trinken brauchbar, so konnte es doch im Notfalle zum Kochen verwendet werden.

Der Gesundheitszustand der Besatzung war nicht der beste; innerhalb vierzehn Tagen starben der Oberzimmermann Jakob Klein und einige Matrosen am Skorbut, und wurden ihre Leichen unter dem üblichen Zeremoniell in das Meer gebettet. Die Effekten, wie überhaupt der Nachlaß sämtlicher Verstorbenen wurden sodann meistbietend an die Mannschaft verkauft, um den Erlös bei der Rückkehr der Schiffe an die Angehörigen abzuliefern.

Erst am 14. Oktober erreichten wir die englische Besitzung Sierra Leona, bei der auf fünf Faden Tiefe geankert wurde. Der ganz in der Nähe der Küste, gewählte Ankerplatz hätte für uns fast verhängnisvoll werden können, denn kurz nach Mitternacht fegte einer in jener Gegend häufig auftretenden Wirbelstürme — weiße Böen genannt — wie eine Windsbraut über uns fort, warf die Schiffe anfangs auf die Seite, um sie bald darauf mit großer Heftigkeit im Kreise um ihre Anker zu drehen. Wie aus der Pistole geschossen, erscheinen diese Windstöße, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Glücklicherweise hatten die Anker gut gefaßt, die Schiffe wären sonst rettungslos auf die unweit von uns liegenden Felsen geworfen worden.

Die Kapitäne fuhren am frühen Morgen ans Land, kehrten aber bald mit einem Häuptling und sechs andren Küstenbewohnern an Bord zurück.

Ganz scheu und zurückhaltend waren anfangs die Söhne des schwarzen Weltteils, weil sie erst kurz vorher durch französische Schiffe schlechte Behandlung erfahren hatten. Als sie jedoch von uns freundlich bewirtet wurden, und ihnen zwei Flinten, Branntwein und einige Käse verabfolgt worden waren, versprachen sie als Gegenleistung die Schiffe mit Trinkwasser und Brennholz zu versehen. Die Anker wurden gelichtet, die Schiffe, unter der Leitung der Mohren, dem Wasserquell möglichst nahe gebracht und unverweilt mit dem Herbeischaffen des Wassers, dem Fällen der Bäume usw. begonnen.

Ein Teil der Schiffsoffiziere, denen ich mich anschloß, benutzten diese Zeit, ans Land zu fahren, sich in dem Wasserquell zu baden und danach in der Umgegend umherzustreifen. Unweit der Quelle stießen wir auf einen großen Felsblock, auf dessen Oberfläche über hundert Namen, unter denen die der Admirale Tromp und de Reuter sowie andrer holländischer Schiffsoffiziere, Matrosen usw. eingegraben standen. Das Land umher ist fruchtbar und von Palmbäumen bedeckt; besonders ist die Fächerpalme, deren Stämme als Gebälke, die Zweige zu Verzäunungen usw. verwandt werden, in der Nähe der Küste vertreten.

Das Dorf des Häuptlings, welches in einiger Entfernung vom Strande lag, mochte etwa hundert Hütten zählen. Über mannshohe Zäune aus zusammengebundenem Reisig schufen enge Straßen von unregelmäßiger Anordnung, während die Hütten selbst, wenn auch schmutzig im Innern, doch ziemlich geräumig waren. Bei unsrem Erscheinen im Dorf versammelte sich die nirgends fehlende Schar neugieriger Gaffer. Bald umringten uns etwa hundert Menschen, aber es dauerte fast zwei Stunden, bis man uns aufforderte, in das Haus des Häuptlings einzutreten. Da keine Stühle vorhanden waren, mußten wir mit dem unbequemen Sitz auf Matten vorlieb nehmen; uns zu legen und auszustrecken, verbot die Würde dem Oberhaupte gegenüber, der uns offenbar mit Mißtrauen beobachtete. Mit übergeschlagenen Beinen saß er in der Nähe des Herdes. Wie bläulicher Nebel umschwebte der seinem Munde entquellende Tabaksdampf sein Haupt, bevor er sich mit dem Rauch des Feuers einte und von diesem gleichsam nach oben ins Freie hinausgezogen wurde.

Negerei an der Goldküste

Die unstäte Beleuchtung schlich bis in die entferntesten Winkel hinein. Sie streifte Rinnen und Stangen, die von Wand zu Wand reichten und Bekleidungsstücke, Tierbälge, Waffen und zahlreiche andre, auf den ersten Blick schwer zu unterscheidende Gegenstände trugen. Sie streifte auf der Erde zusammengerollte Matten, aufbewahrte Lebensmittel und einen Vorrat dürren Brennholzes in der Nähe des Herdes. Den Häuptling selbst traf der volle rote Feuerschein. In grellem Licht schwammen Brust, Gesicht und Arme, während hinter ihm sein breiter Schatten sich zuckend und zerrend bis unter das Dach ausdehnte. Lange währte unser Besuch nicht, denn wir waren froh, die dicke schwüle Luft der Lehmhütte mit Gottes freier Natur wiederum vertauschen zu können.

Das Klima ist, wie man uns mitteilte, ungesund für Europäer. Der Oktober ist hier die Zeit, wo der tropische Winter mit seinen Regengüssen, Gewittern und Stürmen sich ganz zum Scheiden rüstet. Erscheint auch wohl noch hin und wieder ein düsterer Wolkenschatten, so entflieht er bald und läßt mit erneuter Kraft die heiße Sonne auf Meer und Land herab glänzen. Es ist die Zeit der üppigen Entwicklung; die volle Frühlingspracht entfaltet sich mit unnennbarem Zauber, und Bäume, Blumen und Gesträuch haben sich in ihr herrlichstes Gewand gekleidet. Dann scheint während der kommenden heißen Monate das Leben auf einige Zeit zu erschlaffen; doch bringt der am Mittag häufig einsetzende Seewind etwas Kühlung, gleichsam um als Vorbote der herrlichen Nächte, die sich nach den heißen Tagen erquickend auf die Erde niedersenken, zu dienen.

Am 19. Oktober stattete der Gouverneur des englischen Forts von Sierra Leona unsrem Kapitän einen Besuch ab und machte demselben gleichzeitig die Mitteilung, daß die Unterkunftsräume der Besatzung kürzlich durch die Brandgeschosse eines Piraten zerstört worden seien. Mir persönlich wurde eine große Freude dadurch bereitet, als ich in dem, den Gouverneur begleitenden Kapitän Sander, Führer eines unter dem Fort liegenden seeländischen Fahrzeuges, den früheren Kommandanten des Schiffes "Middelburg" wiedererkannte, der auf meiner ersten Seereise, vom 7. bis 10 Mai 1689 in Surinam dem Bombardement der Franzosen beigewohnt hatte, und Ende desselben Jahres mein Leidensgenosse während der stürmischen Rückfahrt nach Europa war.

Abends verließen der Gouverneur und sein Begleiter, unter dem üblichen Zeremoniell, das Schiff und kehrten nach dem Fort zurück.

Das Resultat unsres Tauschhandels beschränkte sich nur auf die Erwerbung von sechs Elefantenzähnen.

Am nächsten Morgen führte uns eine leichte Landbrise wieder in das offene Meer, wo unsre Weiterreise fortgesetzt wurde. Zwar hatten wir vorläufig genügend Trinkwasser, allein die Verpflegung blieb nach wie vor mangelhaft, da wir bei unsrer letzten Landung nur wenig Lebensmittel erstehen konnten.

Zur Abwechslung während des langsam dahinschleichenden Schiffslebens diente der Fischfang, speziell der des Haifisches. Der Seemann haßt den Hai, wie eine giftige Schlange und wer, besonders in heißen Klimaten, das Bedürfnis eines kühlen Bades gefühlt und durch die nur zu begründete Furcht vor diesen Tieren sich zurückschrecken ließ, hat keine Ursache, diesen Haß zu mildern. Mit der Leidenschaft der Jagd mischt sich deshalb bei den Seeleuten auch noch ein wohltuendes, wenn auch eben nicht humanes Gefühl der Rache, und die Vorwürfe unsres Gewissens bei der manchmal etwas grausamen Behandlung dieses Räubers der Tiefe, beschwingten wir leicht durch die Entschuldigung, daß wir an dem Mörder so manches nur eine gerechte und billige Strafe ausübten.

Auch auf unsrem Schiffe wurde der Haifischfang mit einer gewissen wollüstigen Gier betrieben, sei es auch nur, um die räuberischen Tiere zu zerstückeln und sie wieder ins Meer zu werfen. Sobald sich einer dieser räuberischen Insassen der Tiefe in der Nähe des Schiffes blicken ließ, wurde ein fingerdicker eiserner Angelhaken mit einigen Fuß Kette daran, an einer Leine befestigt und mit einem tüchtigen Stück Speck versehen — das Fleisch vom Haifisch ist als Lockspeise das beste für den Hai selber, denn er schnappt gerade danach am allergierigsten — über Bord gelassen. Sobald das Ungeheuer den Köder wittert, zieht es seine Kreise enger und enger, schießt endlich darauf los und wirft sich auf den Rücken, um danach zu schnappen. Der weiße Schein seines Bauches ist das Zeichen, daß er gebissen hat und nun herüber und hinüber an de Leine zieht.

Dies ist das Signal zum Einholen; eine Zahl kräftiger Arme faßt die durch einen Leitblock geschorene Leine und mit einem Hurra wird das Ungeheuer aus dem Wasser gezogen, bereits erwartet von andren mit Enterpiken, Beilen und Bootshaken bewaffneten Leuten. Zappelnd hängt er solange außer Bord, bis eine andre Schlinge ihm um den Hals geworfen ist, mit der er auf das Deck geholt wird. Mit wuchtigen Schwanzschlägen sucht er vorläufig alles von sich fern zu halten, zertrümmert nicht selten die Glasscheiben der Decklichter, wenn er denselben zu nahe gebracht wird, bis er, von dem scharfen Stahl der Lanzen durchstoßen, sein Blut in Strömen ausspritzt, während Beile und Messer endlich das allgemeine Blutbad vollenden. Der Chirurg bemächtigt sich gern des Kopfes, um die Kiefern mit den sieben Reihen Zähnen bloß zu legen, und der Eingeweide, um in denselben umherzuwühlen; das Rückgrad wird von andren zum Spazierstock präpariert, die scharfe Haut dient zum Glätten des Holzes, die Leber liefert Tran für die Seestiefel. Nicht ungewöhnlich ist es dabei, daß nach ein solchen Haifange auch ein Stück des Fleisches seinen Weg nach der Kombüse findet, um als zweifelhaften Leckerbissen auf der einen oder anderen Tafel zu erscheinen.

Am 18. Dezember wurde von der holländischen Besitzung Axim geankert, wo uns am nächsten Tage der Fiskal derselben einen offiziellen Besuch abstatte, der beim Verlassen des Schiffes mit fünf Schuß salutiert wurde, worauf der Gegengruß vom Fort mit drei Schuß erfolgte. Tags darauf gelangten wir bis zum Kap Drei Spitzen in 4° 45' nördl. Breite und 2° 6' westl. Länge von Greenwich, wo wir unter dem kurfürstlichbrandenburgischen Fort Groß-Friedrichsburg ankerten, die Flagge mit elf, neun und fünf Schußvon den Schiffen begrüßt und von den Kanonen des Forts mit gleicher Schußzahl erwidert wurde. Hiermit war unser erstes Reiseziel erreicht, wo ein längerer Aufenthalt genommen werden sollte.

Quelle: Schorers Familienblatt, Verlag Schorer, Berlin, 1885, von rado jadu 2001

 

Hier geben wir den Grundriß des kurbrandenburgischen Forts Groß Friedrichsburg in Guinea. Die Trümmer des Forts sind durch die Offiziere des deutschen Kriegsschiffes "Sophie" im Februar vorigen Jahres besichtigt worden. Der Grundriß des Forts war ein quadratischer, nach fortifikatorischem Ausdruck mit eingezogener Kehle und rechtwinklicher Eckbastionen.
Die Länge der Front betrug 40, die der beiden Flanken je 35 Meter, die der Bastionen 16 Meter bei einer Tiefe von 7 Meter. Die äußere Mauer, welche aus groben Granitquadern aufgeführt, war 0,9 Meter stark, sie erhob sich 5,2 Meter über den Erdboden und lag etwa 15 Meter über dem Meeresspiegel. Der zur Aufstellung der Geschütze dienenden Wallgang war 3 Meter breit, die Brustwehr 1 Meter hoch.

Die Scharten lagen 3 Meter auseinander und erstreckten sich über die Front und beide Flanken, von dem Wachturm bis zum Beobachtungsturm. Auffällig ist es, daß die zur Unterbringung der Besatzung dienende zweistöckige Kasematte die Krone der Brustwehr um 3,16 Meter überragt und daher nach der See zu ein gutes Zielobjekt abgegeben haben muß.

In der Südostbastion entdeckten die Offiziere der "Sophie" unter Schutt vergraben und von Schlingpflanzen überwuchert sechs alte Geschützrohre, die jetzt in der Ruhmeshalle zu Berlin aufgestellt sind. Neben den Turm finden sich noch heut die Reste eines nach Süden gehenden, unter dem Wallgang hindurchführenden Ausfalltores, welches wahrscheinlich durch drei in einer Entfernung von etwa 4 Meter auseinander liegenden Türme verschließbar gewesen war.

Jedenfalls war die Lage des Forts für die Verteidigung nach dem Lande sowohl wie nach der See zu eine sehr günstige. Die vorspringende Halbinsel gestattete von den Flanken aus eine sichere ausreichende Bestreichung des Strandes und die erhöhte Lage machte den Angriff vom Lande aus sehr schwierig. Es konnte im Kriegsfall etwa 400 Mann im Fort untergebracht werden. Die Reste einer Zisterne deuten übrigens darauf hin, daß das letztere genügend mit Wasser versehen war.

Quelle: Schorers Familienblatt, Verlag Schorer, Berlin, 1885, von rado jadu 2001

Ein deutscher Kolonisator: Der große Kurfürst.



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