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Japan und Korea: Anhang: Der Krieg Japan-Rußland 1904/05

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Neueste Geschichte Ostasiens (1)

Der Krieg zwischen China und Japan 1894/95

Die koreanische Frage und die sich aus derselben ergebenden Mißhelligkeiten zwischen Japan und anderen Mächten leiten die neue Zeit ein. Im Jahre 1894 brach in Korea ein Aufstand der Tonghaks, einer fanatischen Sekte, aus. Die Regierung wandte sich in ihrer Not an China; dieses sandte ihr eine kleine Truppenabteilung zu Hilfe und benachrichtigte die japanische Regierung davon. Japan erwiderte sofort, daß es die von China gebrauchte Bezeichnung Koreas als eines tributpflichtigen Staates nicht anerkennen könne und seinerseits Truppen nach Korea senden werde. Die ersten chinesischen Truppen landeten bei Assan an der Ostküste Koreas am 8., die ersten japanischen in Tschemulpo am 12. Juni 1894. Der Aufstand der Tonghaks wurde schnell unterdrückt; aber auf die chinesische Mitteilung davon sowie von der Absicht, die Truppen zurückzuziehen, erfolgte die Antwort Japans, es beabsichtige die seinen nicht eher aus Korea zurückzuberufen, als es sich mit China über die dort einzuführenden Reformen verständigt habe.

Auf die Weigerung Chinas, sich darauf einzulassen, wurde am 25. Juli der englische Dampfer "Kowshing", da sich die chinesischen Truppen, die er für Assan an Bord hatte, nicht ergeben wollten, ohne Kriegserklärung von einem japanischen Kriegsschiff in den Grund gebohrt; und am 28 Juli wurden die chinesischen Truppen bei Assan von den Japanern angegriffen und geschlagen. Die Japaner benutzten die ersten Vorteile mit großer Entschlossenheit; ein aus ihren Anhängern in Söul zusammengesetztes Ministerium schloß ein Bündnis mit Japan ab und forderte die Japaner auf, die Chinesen aus dem Lande zu vertreiben. Am 15. September nahmen die Japaner Phjöng jang; am 17. wurde die chinesische Flotte an der Mündung des Jalu geschlagen, und am 25. Oktober überschritten die Japaner diesen Fluß und schlugen die Chinesen zum zweitenmal. Während das Heer, das diese Erfolgte erreicht hatte, in die Mandschurei vordrang, wo der Feldzug allerdings während des Winters zum Stehen kam, landete Ende Oktober ein zweites japanisches Heer an der Ostküste der Halbinsel Liaotung, besetzte am 2. November Talienwan und erstürmte am 21. Port Arthur. Diese Niederlagen nötigten die chinesische Regierung zur Eröffnung von Friedensverhandlungen; doch wiesen die Japaner zwei Gesandtschaften im November 1894 und Februar wegen angeblich mangelnder Vollmachten zurück. Ende Januar 1895 setzte ein japanisches Korps nach Weihaiwei in Tschili über; am 30. wurden die Festlandforts dieses Kriegshafens genommen, und am 14. Februar ergaben sich, vom Wasser und Land aus angegriffen, der Hafen und die darin eingeschlossene chinesische Flotte den Japanern.

Jetzt entschloß sich die chinesische Regierung, Li Hung tschang als Unterhändler nach Japan zu entsenden; nach längerem Zögern erklärten sich die Japaner bereit, ihn zu empfangen. Li traf am 18. März 1895 in Schimonoseki ein, erwartet vom Ministerpräsidenten Ito und dem Minister des Auswärtigen Munemitsu Mutsu, dem geistigen Urheber des Krieges. Die ersten Forderungen der Japaner, die für die Bewilligung eines Waffenstillstandes die Übergabe der Takuforts, Tientsins und der Bahn von Schanhaikwan–Tientsin verlangten, schienen jede Verhandlung unmöglich zu machen. Doch als Li am 24. März von einem japanischen Mörder verwundet worden war, bewilligte der Mikado einen Waffenstillstand auf der Grundlage des augenblicklichen Besitzstandes. Am 17. April wurde zu Schimonoseki der Friede unterzeichnet, durch den China die Unabhängigkeit Koreas anerkannte, Formosa, die Pescadores und Liaotung an Japan abtrat und sich verpflichtete, eine Entschädigung von 200 Millionen Tael (650 Millionen Mark) zu zahlen. In Europa hatten inzwischen die Fortschritte und Forderungen der Japaner ernste Besorgnisse erregt: der Besitz von Liaotung machte Japan tatsächlich zum Herrn von China und störte damit das politische Gleichgewicht in Ostasien. Rußland, Deutschland und Frankreich traten zusammen (England, zur Beteiligung aufgefordert, lehnte ab) und empfahlen in Tokio Mäßigung; so gestand Japan die Rückgabe von Liaotung am 5. Mai gegen eine Erhöhung der Entschädigung um 30 Millionen Tael zu. Der Vertrag von Schimonoseki wurde von beiden Teilen urkundlich vollzogen und Formosa, dessen Gouverneur sich für unabhängig und zum Haupte der formosanischen Republik erklärt hatte, mit leichter Mühe von den Japanern besetzt.

In Korea entwickelten sich die Verhältnisse für den Sieger weniger vorteilhaft. Noch während des Krieges waren an verschiedenen Stellen Aufstände gegen die Japaner ausgebrochen, und nach dem Friedensschlusse machte sich die Erbitterung gegen die Eingriffe der Japaner in die Verwaltung besonders stark in den Hof- und höheren Regierungskreisen bemerkbar. Der Versuch, durch die am 8. Oktober 1895 auf Anstiften des japanischen Gesandten Miura durch Japaner im Verein mit radikalen Koreanern erfolgte Ermordung der Königin, zu der wohl auch der Tai wen kun aus persönlicher Feindschaft gegen sie getrieben haben mag, die Lage zu ändern, mißlang: am 11. Februar 1896 entflohen der König und der Kronprinz aus dem königlichen Palast, flüchteten in die russische Gesandtschaft und blieben hier bis zum 20. Februar 1897. Während dieser Zeit trafen im Mai 1896 in Söul und im Juli desselben Jahres in Petersburg Japan und Rußland Vereinbarungen, die jeder der beiden Mächte gestatteten, 1000 Mann Truppen in Korea zum Schutze ihrer Interessen zu unterhalten; sonst verpflichteten sie sich, sich nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes zu mischen. Der Krieg zwischen China und Japan hatte daher, was Korea betraf, den Erfolg gehabt, dort an Stelle des ohnmächtigen China das mächtige Rußland zu setzen, obgleich für die japanische Militärpartei das hauptsächlichste Ziel des Krieges gerade gewesen war, Rußland in Ostasien zuvorzukommen und es zurückzudrängen. Es war also nur natürlich, daß Japan die Rüstungen zur Erreichung des ursprünglichen Zieles weiter fortsetzte, mit fieberhafter Eile, aber so geheim, daß sie auch den fremden Militärattachés in Tokio entgingen und man selbst in Rußland nur mit den im Rahmen der alten Heeresorganisation aufzubringenden Streitkräften rechnen zu müssen erlaubte.

China und die fremden Mächte

An China, das in dem Kriege nach jeder Richtung hin am schlechtesten abgeschnitten hatte und nur durch die russisch-deutsch-französische Intervention vor den schlimmsten Folgen seiner militärischen Hilflosigkeit bewahrt worden war, schienen die Ereignisse und Erfahrungen der Jahre 1894 und 1895 spurlos vorüberzugehen; nur im Süden, besonders in Kanton, regte es sich, und es waren Kantonesen, von denen die einzigen Anklagen gegen die Unfähigkeit der chinesischen Staatsmänner und Generale kamen. Wahrscheinlich hätten auch diese keine Erfolge gehabt, wenn nicht das Gebaren der fremden Mächte selbst ihnen zu Hilfe gekommen wäre. In Petersburg beeilte man sich, die dreiseitige Verständigung in chinesischen Sachen aufzugeben und durch eine zweiseitige, russisch-französische, zu ersetzen. Von deutscher finanzieller Seite war angeregt worden, daß das für die Bezahlung der Kriegsschuld und die Einführung der notwendigsten Reformen erforderliche Geld durch ein internationales Syndikat, aus russischen, deutschen, englischen und französischen Banken bestehend, aufgebracht werden sollte; ein Vorschlag, der in den betreffenden Kreisen allgemeine Billigung fand, aber durch das Vorgehen der russischen Regierung unmöglich gemacht wurde, die eine russische finanzielle Beteiligung an diesem Projekt verbot und auf Grund eines angeblichen, mit dazu dazu nicht autorisierten chinesischen Gesandten in Petersburg abgeschlossenen Übereinkommens es in Peking durchzusetzen wußte, daß der für für die Bezahlung der ersten Quote der Kriegsentschädigung notwendige Betrag nur durch eine russisch-französische Anleihe aufgebracht wurde (Vertrag vom 15. Juni 1895). Von diesem Zeitpunkt an datiert die in ihrem Zielpunkt, der Erlangung eines eisfreien Ausgangspunktes am Meere, durchaus richtige und zielbewußte russische Politik, die trotzdem durch die unberechtigte Überschätzung der eigenen Machtstellung und die Verkennung der Lage in Ostasien der Katastrophe entgegentrieb, die in den Niederlagen des Krieges mit Japan ihren Gipfelpunkt fand. Wieviel der Schuld an den Ereignissen einer mangelhaften Berichterstattung der russischen Diplomatie in Ostasien, wieviel dem mangelnden Verständnis in Petersburg zuzuschreiben war, läßt sich heute noch nicht feststellen, man wird aber nicht weit fehlgehen, wenn man annimmt, daß die erste einen wesentlichen Anteil an dem letzteren gehabt hat.

Der erste Erfolg der russischen Diplomatie war im Januar 1896 die Gründung der russisch-chinesischen Bank, deren Kapital dieselben französischen und russischen Banken aufbrachten, welche die Anleihe für die Zahlung der ersten Quote der Kriegsentschädigung übernommen hatten. Der zweite war der Abschluß eines Vertrages zwischen dieser Bank und der chinesischen Regierung, durch den eine östliche chinesische Eisenbahngesellschaft geschaffen wurde, welcher der Bau einer von Onon in Sibirien durch die Nordmandschurei nach Nikolajewsk führende Bahn übertragen wurde. Abgesehen von der Erleichterung für den Ausbau des östlichsten Teiles der transsibirischen Linie, die sich aus der Konzession für diese über 1500 km lange Strecke durch chinesisches Gebiet ergab, wurden der Gesellschaft eine große Anzahl Rechte mit Bezug auf den Abbau von Kohlenbergwerken und das Betreiben von Handels- und industriellen Geschäften sowie für die Unterhaltung einer eigenen Polizeitruppe für den Schutz der Bahnstrecke erteilt. Die Entscheidung in allen mit der Konzession zusammenhängenden Fragen blieb dem russischen Finanzminister für die ganze Dauer der Konzession (80 Jahre) vorbehalten, auch selbst für den Fall, daß die chinesische Regierung von ihrem Rückkaufsrechte, 36 Jahre nach Fertigstellung der Bahn, Gebrauch machen sollte.

Diese ersten Erfolge der Russen reizten die französische und russische Gesandtschaft in Peking zu weiteren Bemühungen, neue Zugeständnisse zu erlangen, ein Treiben, an dem sich bald die britische und belgische Gesandtschaft sowie eine ganze Anzahl von Privatspekulanten beteiligten. So entstand eine wilde Jagd nach Eisenbahn- und Bergwerkskonzessionen und Anleihen sowie nach Zugeständnissen in Missionarfragen, Grenzregulierungen und Gebietsabtretungen, die im Falle eines Erfolges dann wieder Ersatzansprüche für angebliche oder tatsächliche Schädigungen, wie z.B. durch die Abtretung eines Teiles des Schanstaates Kiang-Hung an Frankreich seitens anderer, zeitigten. Die deutsche Regierung beteiligte sich an diesen Bemühungen nicht, wohl aber machte sie, als Li Hung tschang 1896 auf der Rückreise von Moskau, wo er der Krönung des Kaisers Nikolaus II. beigewohnt hatte, Berlin besuchte, denselben darauf aufmerksam, daß die Lage in Ostasien einen maritimen Stützpunkt dort für Deutschland dringend notwendig mache, und daß man bereit sei, über die Gewährung eines solchen mit China in Unterhandlungen einzutreten. Li versprach, seiner Gewohnheit gemäß, alles, tat aber, nach Peking zurückgekehrt, nichts, und auch die chinesische Regierung schien die Sache totschweigen zu wollen.

Da wurden im Herbst 1897 zwei Missionare der unter deutschem Schutz stehenden katholischen Steyler Mission in Südschantung von einer chinesischen Bande ermordet, und dies Ereignis wurde nicht der Vorwand, aber die Veranlassung zur Besetzung von Kiautschau durch die an Ort und Stelle befindlichen deutschen Kriegsschiffe. Bereits 1895, während der Dauer der Verhandlungen über die Rückgabe Liaotungs, waren Missionare dieser deutschen Mission von chinesischen Banden bedroht worden, und die deutsche Regierung hatte damals der chinesischen mitgeteilt, daß,wenn sie nicht die Macht besäße, die Mission zu schützen, Deutschland selbst diese Pflicht übernehmen werde. Die Besetzung Kiautschaus war die Konsequenz dieser Erklärung. In Laufe der Verhandlungen wurde auf das Verlangen der deutschen Regierung der Gouverneur von Schantung, Li Ping hang, seines Amtes entsetzt, und schließlich wurde durch Vertrag vom 6. März 1898 das Gebiet von Tsingtau auf 99 Jahre an Deutschland verpachtet, und demselben wurden zugleich in den umliegenden Distrikten der Provinz gewisse Eisenbahn- und Bergwerksrechte zuerkannt.

Blick auf
die Stadt
Tsingtau
vom
Wasserberge
aus

Diese Erwerbung Deutschlands nahmen die anderen Mächte als Vorwand, um neue Forderungen an China zu stellen. Rußland forderte und erlangte, daß das Liaotunggebiet (Port Arthur und Talienwan) verpachtet und das Recht erteilt würde, von dort eine Eisenbahn zur Verbindung mit der ostchinesischen Bahn zu bauen (27. März 1898); England ließ sich das von den Japanern nach Empfang der letzten Quote der Kriegsentschädigung zu räumende Weihaiwei und den noch übrigen Teil des Kaulungebietes, gegenüber von Hongkong, zuerteilen, während es gleichzeitig Zugeständnisse für seine Schiffahrt auf den inneren Gewässern und die Zusicherung erlangte, daß der Leiter des fremden Seezollwesens stets ein Engländer sein sollte. Frankreich beanspruchte und erhielt den Hafen von Kwangschauwan auf der Halbinsel Leitschau sowie die Zusicherung, daß die an Tongking grenzenden Provinzen und die Insel Hainan niemals an eine andere Macht abgetreten werden dürften. Japan verlangte und erhielt eine ähnliche Zusicherung für die Provinz Fokien, und schließlich beanspruchte Italien die Abtretung der Samunbai in Tschekiang, was aber von der chinesischen Regierung entschieden zurückgewiesen wurde

China: Der Sturz der japanfreundlichen Reformpartei
durch die gemäßigt fremdenfeindliche Clique der Kaiserin Tsze hsi

Auf die Bevölkerung im allgemeinen machten die Bedrohungen der Integrität des chinesischen Reiches keinen Eindruck, anders in Peking, wo sich eine Reformpartei gebildet hatte, an deren Spitze bald ein Kantonese, Kang Dschu wei, trat. Dieser hatte schon seit 1888 durch seine Denkschriften und sonstigen Veröffentlichungen, in denen er die Ungerechtigkeit und Landgier der Fremden angegriffen und als Rettungsmittel für das Reich eine Erstarkung des Chinesentums auf Grundlage des Konfuzianismus unter Benutzung westlicher Hilfsmittel nach dem Beispiel Peters des Großen und Japans empfohlen hatte, die Aufmerksamkeit und den Beifall vieler der höchsten Würdenträger auf sich gezogen. Auf Veranlassung eines derselben, des Lehrers des Kaisers, der nach chinesischen Begriffen demselben gegenüber in loco parentis steht, Wen Tung ho, wurde er nach Peking berufen und dort in persönliche Berührung mit dem Kaiser gebracht, über den er bald vollständige Gewalt gewann. Leider waren weder er noch der Kaiser Kwang hsü sich über die Grenzen der Möglichkeiten klar, in denen sich die Reformen zu halten hätten; in überstürzter Eile folgten sich die wundersamsten kaiserlichen Edikte aufeinander, so daß in allen Beamtenkreisen, auch unter den meisten früheren Freunden Kangs, die Besorgnis vor einer vollständigen Desorganisation der Verwaltung immer weiter um sich griff. In der richtigen Erkenntnis, daß die Persönlichkeit der früheren Kaiserinregentin und Adoptivmutter des Kaisers, Tsze hsi, die seit der Mündigkeitserklärung des Kaisers anscheinend von dem Geschäften zurückgezogen auf ihrem Lustschloß Wan tschau schan bei Peking lebte, das größte Hindernis für seine Pläne sei, versuchte Kang Dschu wei sie zu beseitigen, aber die alte Kaiserin kam ihm zuvor.

Sie kehrte am 20. September 1898 unerwartet nach Peking zurück, erklärte, daß sie wieder die Regentschaft übernähme, informierte den Kaiser und befahl die Verhaftung der Mitglieder der Reformpartei. Einigen gelang es, sich rechtzeitig zu retten, unter ihnen Kang Dschu wei, und mit englischer und japanischer Hilfe Japan und die englische Kolonien zu erreichen, aber manche wurden ergriffen und hingerichtet. In wenigen Tagen war die Sache zu Ende, und die Tatsache, daß sich weder in Peking noch in den Provinzen eine Hand für die Reformatoren rührte, ist der beste Beweis dafür, wie wenig Wurzeln ihre Bestrebungen im Volke gefaßt hatten. Ob Kang Dschu wei und seine Genossen auf japanische Unterstützung gerechnet hatten, muß dahingestellt bleiben; jedenfalls befand sich der frühere japanische Premierminister Ito zur Zeit des Staatsstreichs der Kaiserinregintin in Peking, wo er nach demselben schnell verschwand; aber es kann wohl kaum einen Zweifel unterliegen, daß die Reformatoren im Falle des Gelingens ihrer Pläne auf die Sympathien und vielleicht auf die Unterstützung Japans hätten zählen können.

Fürst Ito

Auch die Kaiserinregentin konnte sich der Bedenken über die Absichten und Pläne der fremden Mächte um so weniger entschlagen, als die europäische Presse, die englische voran, in der offensten Weise die Möglichkeit und Tunlichkeit einer Aufteilung Chinas unter die Vertragsmächte erörterte und dadurch den chinesischen Besorgnissen eine greifbare Grundlage gab. Dieser Gefahr gegenüber griff die Kaiserinregentin zu einem in der Geschichte Chinas öfter angewandten und manchmal wohl erfolgreichen Mittel. Sie rief eine Art Landsturm ins Leben, indem sie der Bevölkerung befahl, sich zusammenzuschließen und in den Waffen zu üben. Gleichzeitig beschloß sie die Nachfolgefrage zu regeln und damit eine Quelle der Beunruhigung zu beseitigen, die um so größeren Einfluß auf weite Kreise ausübte, als man dem durch die Wahl Kwang hsüs zum Kaiser begangenen Verstoß gegen die zeremoniellen Regeln alle Unglücksfälle zuschrieb, die seitdem die Dynastie getroffen hatten. Kwang hsü gehörte nämlich derselben Generation an wie sein Vorgänger Tungschih und konnte demselben daher nicht die vorgeschriebenen Totenopfer bringen. Jetzt wurde ein Großneffe Hienfengs, Prinz Putschün, der Enkel des fünften Prinzen (von Tun), eines Bruders Hienfengs, am 24. Januar 1900 zum Thronfolger ernannt. Sein Vater, Prinz Tuan, ein Feind der Fremden, wurde zum Leiter des Tsungli Jamen bestimmt, vielleicht in der Hoffnung, ihn durch die Herstellung näherer Beziehungen von seiner Animosität gegen die Fremden zu heilen, wie das früher wiederholt mit hohen Beamten, die ähnliche Gesinnungen gehegt hatten, mit Erfolg geschehen war. In diesem Falle mißlang der Versuch indessen, und Prinz Tuan muß vielmehr eine wesentliche Schuld an den weiteren Ereignissen zugeschrieben werden.