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Der Rückblick

China ist das einzige große Reich der bewohnten Erde, das aus uralter Vergangenheit in die Neuzeit hinüberragt. Jünger als Ägypten und die westasiatischen Reiche, kann es doch auf eine beglaubigte ununterbrochene Geschichte von mehr als 2500 Jahre zurückblicken, während für weitere 1500 Jahre genügender Stoff zu dem Schlusse berechtigt, daß das Land sich auch damals bereits einer verhältnismäßig hohen Zivilisation erfreut hat. Auf Überlieferungen aus alter Zeit aufgebaut, ward die konfuzianische Weltweisheit 600 Jahre v. Chr. die Grundlage derselben chinesischen Sittlichkeit und politischen Philosophie, wie wir sie noch heute finden. Die väterliche Gewalt, der Einfluß der Familie und des Geschlechts (Klans) bestehen in China heute, wie vor 2500 und mehr Jahren. Weder die philosophisch und poetisch viel höherstehenden Lehren des mit dem Konfuzianismus ungefähr gleichaltrigen Taotums, noch der 600 Jahre später nach China gebrachte Buddhismus haben die sittlichen Begriffe des chinesischen Volkes wesentlich beeinflußt: sie sind beide zu Aberglauben herabgesunken und darin aufgegangen, während der Konfuzianismus noch heute die Grundlage des inneren und äußeren Lebens aller Volksklassen bildet. Der einzelne Mensch ist in China nicht wertlos: schon die Tatsache, daß, theoretisch unbestritten und vielfach wirklich, nur persönliches Wissen die Möglichkeit oder fast die Gewißheit des Erfolges gewährt, beweist dies;aber es ist trotzdem nicht von der Familie und dem Geschlecht losgelöst zu denken: Jahrtausende alte Vorschriften und Gebräuche halten ihn in den Banden fest, die, wenn sie nach der einen Seite schützend und stützend wirken, nach der anderen jede freie Entwicklung hindern.


Auch politische Einflüsse haben sich der alteingewurzelten Sitte gegenüber machtlos erwiesen. Wohl lassen sich Anschauungen und Gebräuche nachweisen, die ihr Bestehen der Herrschaft fremder Dynastien, der Einwirkung fremder Lehren und Beispiele verdanken; der Schamanismus und die Menschenopfer bei Begräbnissen, die bis zur Mitte des 17. Jh. immer wiederkehren, sind solche Erscheinungen; dennoch hat es die chinesische Kultur stets verstanden, die fremden Eindringlinge sich zu unterwerfen und einzugliedern. Die Dynastien tatarischen, mongolischen oder mandschurischen Ursprungs, die China zeitweilig oder ganz beherrscht haben, sind alle dem Banne der chinesischen Kultur unterlegen und haben zum Teil mehr zu deren Erhaltung beigetragen, als dies von national-chinesischer Seite geschehen ist. Das Vorhandensein dieser Dynastien, das Eindringen der Buddhalehre in China und die Anwesenheit zahlreicher Mohammedaner im Reich sind ebenso viele Beweise gegen die weitverbreitete Ansicht von der Unbeweglichkeit der chinesischen Kultur; mittelasiatische, indische, teilweise sogar japanische und seit dem 17. Jh. auch europäische Einflüsse haben sich in Religion, Philosophie, Literatur und Kunst, besonders im Kunstgewerbe, geltend gemacht. Unbeweglich sind nur die Grundlagen der Familie und des Staates, damit die der Erziehung und Verwaltung geblieben, ebenso wie die Gebräuche der alten Staatsreligion und der mit ihr und dem Konfuzianismus verknüpften Verehrung der Ahnen.

bronze Bronzegefäß der Tschau-Dynastie


Ähnlich hat es sich mit einer Anzahl von Erfindungen verhalten, die den Chinesen zugeschrieben worden sind. Von dem Schießpulver z.B., das sie erfunden haben sollen, haben sie die ballistischen Eigenschaften erst von den Fremden zu Anfang des 15. Jh. kennen gelernt, wenn ihnen dasselbe vielleicht auch schon im 5. oder 6. Jh., ebenfalls durch Fremde, für andere Zwecke bekannt geworden ist. Die Herstellung des Porzellans datiert erst aus dem 7. Jh. n. Chr.; und ob die Chinesen den Gebrauch der Magnetnadel, die sie, auf Wagen südwärts zeigend, angewendet haben sollen, auf Schiffen nicht auch erst von Fremden gelernt haben, ist fraglich. Dagegen haben sie das Drucken von Holzplatten 500 Jahre gekannt (992) ehe es in Europa erfunden wurde; auch bewegliche Typen sind in China, wenn auch nur sehr vereinzelt, seit Anfang des 11. Jh. in Gebrauch gewesen. Die Benutzung der Steinkohle ist in China älter als in Europa; bei den Salzquellen in Sz'tschwan mit ihren einfach hergestellten, bis zu 700 m tiefen Bohrlöchern, kommt seit Jahrhunderten natürliches Gas für Feuerung zur Verwendung. Hängebrücken, von Bambusseilen, Draht und Ketten getragen, von 100 m Länge, sind nicht selten; Deiche, Hunderte von Kilometern lang, schützen tiefer gelegene Gegenden gegen Verheerungen durch Flüsse und Meer, und manche der Tempel, Pagoden und Paläste erregen mit Recht auch die Bewunderung der Fremden. Der Bronzeguß stand bereits 1200 Jahre vor Chr. in hoher Blüte; chinesische Seidenstoffe waren schon in Rom und Byzanz berühmt, und was die chinesische Kunstindustrie in Porzellan, Zellenschmelz, Email, Lack und hundert anderen Dingen geleistet hat, ist bekannt. Erst der Taipingaufstand hat der Blüte dieser Industrien ein Ende gemacht; wie die Verwüstungen des Dreißigjährigen Krieges Deutschland tiefe Wunden schlugen, so leidet auch China noch heute an den Schäden, die es in dem erst 1865 beendeten Aufstandes davongetragen hat.

Die Geschichte des chinesischen Reiches bietet kein erfreuliches Schauspiel, unterscheidet sich aber in nichts von dem, was uns die Geschichte anderer asiatischer Völker in Vergangenheit und Gegenwart zeigt. Die Vielweiberei mit ihrem Gefolge von Harems- und Eunuchenwirtschaft ist der Fehler, an dem alle Dynastien zugrunde gehen. Ein kräftiger Mann bemächtigt sich der Herrschaft, besiegt seine Wettbewerber und gewinnt das Reich oder einen Teil davon, seine ersten Nachfolger treten in seine Fußstapfen und vermehren oder erhalten den Besitz. Dann setzt die Entartung ein. Eunuchen werden die Ratgeber, vielfach auch die ausführenden Beamten der Fürsten; die Verwandten der Lieblingsfrauen werden mit Besitz, Titeln und Ämtern überhäuft; Statthalter und Generale machen sich mehr oder weniger unabhängig, bis einer von ihnen sich selbst zum Generalissimus und Reichsverweser ernennt und an Stelle des vom Thron gestürzten Fürsten eine neue Dynastie gründet. In den herrschenden Familien selbst ist der Mord an der Tagesordnung; im Laufe der Jahrtausende dürfte fast ein Drittel der Herrscher das Ende auf gewaltsame Weise gefunden haben. Auf die Männer scheint die Haremswirtschaft in schlimmerem Maße entartend eingewirkt zu haben als auf die Frauen; wenigstens findet man trotz der niederen Stellung, die Sitte und Gesetz dem chinesischen Weib in Familie und Gesellschaft anweisen, eine ganze Anzahl fürstlicher Frauen, die als Vormünder ihrer Söhne wie als Regentinnen des Reiches Bedeutendes geleistet haben. Wenn sie vielfach der Unenthaltsamkeit beschuldigt werden, so mag das auf höfische Verleumdung oder auf die Tatsache zurückzuführen sein, daß ein Überwiegen männlicher Eigenschaften bei der Frau häufig mit dem Verluste der Tugend verbunden zu sein scheint.

Dem Auslande gegenüber machte sich die Zerfahrenheit und der Verfall der verschiednen Regierungen weniger bemerkbar; vielmehr nötigten Größe und Einheit des Reiches Achtung ab. Das Elend schwacher Regierungen verschwindet dem Fernerstehenden vor dem überwältigenden Eindruck, den ein kraftvoller und glücklicher Herrscher hervorbringt; die weiten Entfernungen und die Seltenheit der Verbindung umgaben das Land, das für ganz Ostasien das gewesen ist, was Griechenland und Rom für Europa waren, mit einem Glanze, der oft zu einer falschen Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse geführt hat. Solche Irrtümer gehören nicht nur den älteren Zeiten an; mehr als alles andere haben die Berichte der katholischen Missionare aus dem 17. und 18. Jh. zur Überschätzung Chinas beigetragen. Eigentlich haben erst die Ereignisse der Jahre 1894-95 darin Wandel geschaffen, wobei freilich die Grenze wieder nach der anderen Seite überschritten worden ist.

Der Verkehr mit dem Auslande hat China manchen Schaden in materieller Beziehung zugefügt. Rußland hat 1845 das ganze rechte Ufer des Amur an sich gerissen, 1860 weiteres Gebiet am Ussuri und Songtscha, das es früher gemeinschaftlich mit China besessen hatte, 1864 Grenzgebiete in der westlichen Mongolei, 1861 den westlichen Teil von Ili, 1893 den größten Teil des chinesischen Pamir erworben, und das ganz abgesehen von allen sonstigen politischen und Handelsvorteilen, die es sich in der Mandschurei und Mongolei, Kansu und dem neuen Gebiet (Chinesisch-Turkistan) zu sichern wußte. England hat 1842 Hongkong, 1860 einen Teil des demselben gegenüberliegenden Festlandsdistrikts von Kaulun erworben, sich 1843 durch gewaltsame Besetzung und darauf folgenden Vertrag Vorzugsrechte auf den Tschusan-Archipel und 1887 ebenso auf Port Hamilton gesichert, 1886 das tributpflichtige Burma von China losgerissen, 1889 dasselbe mit Bhutan, 1891 mit Hunza-Nagar und Kanjut und 1894 mit Tschitral und einem Teil der tributpflichtigen Schanstaaten getan. Frankreich hat 1885 das tributpflichtige Anam erobert, Japan 1878 die China tributpflichtigen Liukiu-Inseln einfach annektiert, und selbst Portugal hat es verstanden, sich 1888 Macao, das es bis dahin nur gepachtet gehabt hatte, abtreten zu lassen. Daß alle diese Abtretungen ihren Stachel im Herzen der chinesischen Regierung zurückgelassen und sie mit Argwohn gegen weitere Pläne der fremden Mächte erfüllt haben, kann nicht wundernehmen.