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Religion, Philosophie und Kultur der alten Chinesen (1)

Religion

Die altchinesische Religion, über deren Ursprung nichts bekannt ist, kennt ein höchstes Wesen, den Himmel, Tien, verkörpert als höchster Herrscher, Schang Ti.

Sie ist indessen weit von einem reinen Monotheismus entfernt; vielmehr ist die ganze Natur von himmlischen. irdischen und menschlichen Geistern belebt, die als solche Einfluß ausüben und Verehrung genießen. Zu ersten gehören Sonne, Mond, Planeten und einzelne Sternbilder, zu den zweiten Berge, Meere, Ströme, Flüsse, Quellen. Bäumen und anderes mehr; außerdem gibt es einen besonderen Schutzgeist des Reiches und die Geister des Bodens: früher für jedes einzelne Fürstentum, jetzt für jede einzelne Stadt und Örtlichkeit, Schutzgeister des Ackerbaus, der Saaten, des Herdes usw. Zu den dritten endlich gehören die Geister der Verstorbenen in ihren Beziehungen zur Familie, d.h. die Ahnen, und die Geister hervorragender Menschen. Einen Priesterstand besaß und besitzt die Religion nicht: Der Kaiser ist ihr Hohepriester, der einzelne Handlungen wie die Gebete im Himmelstempel nur persönlich vollbringen, bei anderen sich zeitweilig oder dauernd durch Beamte vertreten lassen darf. In doppelter Eigenschaft als Kaiser und als Vater des Volkes übernimmt er dem Himmel gegenüber die Verantwortlichkeit für das Verhalten seiner Untertanen und erblickt in Landplagen die Folgen eigener Fehlerhaftigkeit.

Philosophie

Neben der Religion, die nur durch den Ahnendienst und die damit verbundenen Gebräuche mit dem Volke zusammenhängt, bestehen seit alter Zeit zwei philosophische Richtungen: eine beschaulich metaphysisch-theosophische, aus der sich der Taoismus entwickelt hat, und eine ethisch-politische, die als Konfuzianismus bekannt geworden ist. Aber weder Lao tsze* noch Kung fu tsze** (latinisiert Confucius) sind die Schöpfer der ihnen zugeschriebenen oder nach ihnen benannten Lehren; beide haben im Gegenteil stets ausdrücklich betont, daß sie nur Verkünder und Erklärer der Lehren früherer Weisen seien. Für den Konfuzianismus ist der Beweis dafür außerdem dadurch erbracht, daß seine sogenannten klassischen Werke, die gemeinhin als die "Fünf King" und "Vier Schu", oft auch als die "Dreizehn King" bezeichnet werden, einer viel älteren Zeit als Kung fu tsze angehören.

Die großen klassischen Werke sind nach dieser Einteilung: 1) das Iking (Buch der der Verwandlungen), dazu bestimmt, die für Wahrsagezwecke gebrauchten, aus ganzen und gebrochenen Linien zusammengesetzten acht Trigramme und die daraus weiter entwickelten 64 Hexagramme zu erklären; diese Zeichen, die in die mythische Zeit hinüberreichen, sind unzweifelhaft älter als das 13. Jh. v. Chr. Wen wang von Tschau, der Vater, und Tschau kung, der Bruder des ersten Kaisers dieser Dynastie, sollen die im Iking bewahrten Erklärungen dieser Zeichen gegeben haben; die weiteren zehn Abteilungen des Werkes werden, wohl irrtümlich, Kung zugeschrieben. 2) Das Schu king (Buch der historischen Aufzeichnungen) enthält die von 2357 bis 627 v. Chr. reichenden Überreste einer einst viel umfangreicheren Sammlung geschichtlicher Vorgänge und Zeugnisse. Die Zusammenstellung dieses Werkes wird ebenfalls Kung zugeschrieben; aber die erste Erwähnung seiner Verfasserschaft findet sich erst 350 Jahre nach seinem Tod. Überhaupt hat Kung während seines Lebens durchaus nicht die Rolle gespielt, die ihm nach seinem Tode hauptsächlich nach dem Vorgehen Schi Huang Tis (220-210) zugefallen ist, als die Literaten eine Fahne brauchten, um die sie sich scharen konnten. In seinem Geburtsfürstentume Lu wurden ihm nach seinem Tod auf Befehl des Herzogs Tempel errichtet, in denen vierteljährliche Opfer gebracht wurden; doch erst 1. n Chr. verlieh ihm Kaiser Ping Ti aus der älteren westlichen Han-Dynastie nachträglich einen Ehrentitel, und erst 57 n. Chr. wurden Opfer für ihn in allen kaiserlichen und Landesschulen eingeführt. Bis 609 n.Chr. teilte er diese Ehren mit Tschau Kung, dem Herzog von Tschau, und erst 628 wurden ihm außerhalb Lus eigene Tempel geweiht; keine Dynastie hat aber so viel für seine Ehrung getan, wie die bis 1912 regierenden Mandschu. 3) Das Schi king (Buch der Lieder) enthält 305 Lieder, am besten wohl als Volkslieder zu bezeichnen, und Festgesänge für verschiedene Gelegenheiten aus der Zeit von 1765-585 v. Chr. Auch das Schi king wird wohl unberechtigterweise Kung zugeschrieben; jedenfalls haben ein Schi, wie auch ein Schu lange Zeit vor ihm bestanden. 4) Das Tschauli, die Staatseinrichtungen (Staatskalender) der Tschau-Dynastie, angeblich aus dem 12. Jh. v. Chr. , ging wie die meisten anderen Bücher unter der Tschin-Dynastie verloren und wurde erst 40 n. Chr. wieder entdeckt. 5) Das Ili (Buch der Zeremonien) besteht in seiner heutigen Form aus zwei im 2. Jh. n. Chr. wieder aufgetauchten Texten. Erwähnt wird ein Ili durch Meng Tsze; doch hat ein solches jedenfalls schon zu Zeiten Kungs, wenn nicht vor ihm, bestanden. 6) Das Liki (auch: Buch der Zeremonien) ist wahrscheinlich eine Arbeit aus dem 2. Jh. n. Chr., das ältere Erklärungen über die im Ili behandelten Fragen enthält. In Ihm befindet sich der sogenannte Kalender der Hsia-Dynastie, der, wäre er echt, astronomische Daten gäbe, die 2000 Jahre älter wären als die christliche Zeitrechnung. 7 bis 9) Das Tschun Tschiu (Chronik des Kung fu tsze), eigentlich Herbst und Frühling, d.h. Jahrbuch, enthält die Chronik des chinesischen Reiches von 722-484 v. Chr., nach den Fürsten von Lu geordnet. Das Werk, von Meng tsze Kung zugeschrieben, ist eine trockene und unvollständige Arbeit, ein Knochengerüst, das erst durch die Zusätze der drei Erklärer Tso schiu ming, Kung jang und Ku liang Fleisch und Blut erhalten hat. 10) Das Lun Jü, die Gespräche des Kung fu tsze, enthält Aussprüche des Weisen, von seinen Schülern gesammelt. 11) Die Werke des Meng tsze, nach einigen ein Werk des Philosophen selbst, der von 371-289 v. Chr. lebte, nach anderen von seinen Schülern verfaßt, bietet ebenfalls eine Zusammenstellung von Aussprüchen dieses Meisters. 12) Das Hsiao king (Buch der kindlichen Liebe), angeblich von Kungs Enkel Tsze sze, nach Gesprächen Kungs mit einem seiner Schüler, behandelt die Frage der Erfüllung der Pflichten der kindlichen Liebe, die auch die zwischen Herrn und Diener umfassen. 13) Das Wörterbuch Urhja, aus dem Jahre 500 v. Chr., enthält angeblich bis in das 13. Jh. zurückgehende Teile. 14) Das Tahio (große Lehre), ebenfalls dem Enkel Kungs zugeschrieben, lehrt Tugend zu betätigen, das Volk zu erziehen und in der Vollkommenheit zu beharren. 15) Das Tschung jung (unveränderliche Mitte), ein Werk des Enkels Kungs, lehrt, daß das, was der Mensch vom Himmel empfangen habe, seine Natur sei; daß, wer in Übereinstimmung mit ihr handle, auf dem Pfade der Pflicht wandle, und daß der Mensch diesen Pfad durch Unterweisung zu gehen lerne. Jeder, insbesondere aber der Fürst, müsse durch sein Beispiel wirken und, um dadurch Einfluß ausüben zu können, selbst nach Vollkommenheit streben; der Weg nach diesem Ziele liege aber in der Mitte. 16) Das Tschu schu (Bambusbücher), das 279 n. Chr. im Grabe des 319 v. Chr. gestorbenen Königs von We gefunden wurde. Die mit mehr als 100 000 Zeichen beschriebenen Bambustäfelchen, aus denen dasselbe bestand, enthielten außer den Jahrbüchern von Tschin und We eine Abschrift des Iking und dreizehn anderer, zum Teil sehr phantastischer Werke. — Ein unechtes, aber wegen seiner großen Menge von Überlieferungen geschätztes Werk ist das aus dem 3. Jh. n. Chr. stammende Kung tsze kia ju (Aussprüche des Kung fu tsze im Kreise seiner Schüler).

Die meisten der aufgeführten Werke sind, mit Ausnahme des Iking, der Werke des Meng tsze und des Urhja, bei der Zerstörung der Bücher unter Schi Huang Ti verloren gegangen und teilweise erst nach längerer Zeit wieder zum Vorschein gekommen: vielfach nur unvollständig oder in verschiedenen, nicht übereinstimmenden Texten. Der Fleiß der Sammler und Erklärer hat dann hergestellt, was herzustellen war; aber die chinesische Kritik hält selbst viele der amtlich als echt anerkannten Stellen für zweifelhaft oder gefälscht. Trotzdem müssen die klassischen Werke der Chinesen, wie sie heute vorhanden sind. als ein treues Bild der Zeiten angesehen werden, in denen sie entstanden sein sollen, oder wenigsten wie sie den späteren Chinesen erschienen sind.

Von der anderen Richtung, dem Taoismus, bestehen keine älteren Werke als das dem halb sagenhaften Lao tsze zugeschriebene Tao teh king, das Buch des Weges und der Tugend. Li R, wie der eigentliche Name Lao tszes (des alten Knaben) gelautet hat, soll 604 v. Chr. geboren und 517 nach einer (kaum geschichtlichen) Zusammenkunft mit Kung fu tsze verschwunden sein. Vielfache im Tao teh king mit den Worten "Ein Weiser", "Ein Alter" eingeschaltete Anführungen beweisen, daß die Lehren Lao tszes ebenfalls nicht neu gewesen sein können. Was Lao tsze als das Ergebnis der Weisheit früherer Zeiten empfehlt, ist vollständige Enthaltung und Beschaulichkeit. Die Bedeutung des Wortes "Tao" ist nie ganz aufgeklärt oder verstanden worden; wie das hellenistische "Logos" ist es Ursache und Wirkung zugleich. Es mag daran erinnert werden, daß auch im Neuen Testament die Bezeichnung "der Weg" für die Lehre gebraucht wird.

Lao_tsze   Lao tsze

Lao tsze sagt vom Tao: "Es war unbestimmt und vollkommen, vorhanden vor Himmel und Erde. Ruhig war es und nicht greifbar, allein und unwandelbar, alles erfüllend und unerschöpflich, die Mutter aller Dinge. Ich weiß seinen Namen nicht, und ich bezeichne es als Tao. Ich suche nach seinem Namen, und ich nenne es das Große. Groß fließt es für immer; es entfernt sich und kehrt zurück. Darum ist das Tao groß." Eine andere Stelle hat die Vermutung hebräischer Einflüsse hervorgerufen. "Wir schauen nach dem Tao, und doch sehen wir es nicht: es ist farblos; wir horchen nach ihm, und wir hören es nicht: es ist tonlos; wir versuchen es zu ergreifen und können es nicht fassen: es ist körperlos. Was farb-, ton- und körperlos ist, kann nicht beschrieben werden, darum nennen wir es: Eins." Die Tatsache, daß farblos, tonlos und körperlos in dem chinesischen Texte ji, hi, wei lauten, hat Abel Remusat, Viktor v. Strauß und Joseph Edkins auf den von fast allen anderen Sinologen bekämpften Gedanken gebracht, daß Lao tsze damit habe den hebräischen Jehova ausdrücken wollen. Wahrscheinlicher ist, daß allerdings auch nicht nachweisbare indische Einflüsse auf die Entwicklung dieser Beschaulichkeitslehre eingewirkt haben.

Kosmogonisch steht Lao tsze auf dem alten chinesischen Standpunkte:"Das Tao brachte Eins hervor; Eins Zwei und Zwei Drei. Drei brachte alles hervor. Alles läßt hinter sich die Dunkelheit, aus der es kam, es geht vorwärts zum Lichte, während der Odem der Leere es vervollkommnet"; d.h. aus dem Urchaos, das alle Keime enthält, aber, weil unkörperlich, als Leere bezeichnet wird, entwickelt sich die hier zweigeteilte, männliche und weibliche Kraft, welche die tote Form schafft, dargestellt durch ihre drei höchsten Erscheinungen Himmel, Erde und Mensch, denen der Odem das Leben gibt.

Die weitere Entwicklung der Tao-Lehre läßt sich dahin zusammenfassen, daß ihre Höhezeit die des Kampfes gegen den Konfuzianismus und der scharfen Kritik Kung fu tszes war; Tschwang tsze, Lieh ju kan (lateinisch Licius) und vielleicht auch Tschang Tschu, bei dem Epikureismus und Zynismus etwas zu scharf hervortreten, stehen als Denker hoch über Kung fu tsze und auch über Meng tsze (Meng ko, Mencius, 371-288 v. Chr.), der selbst seinen Meister weit übertrifft. Aber schon zur Zeit des Meng tsze tritt die alchimistisch-nekromantische Richtung, die immer im Taoismus gelegen zu haben scheint, schärfer hervor und gewinnt allmählich ganz die Oberhand; mit der sich daraus ergebenden zunehmenden Verflachung der Lehre wenden sich die Tao-Priester immer mehr von der Beschäftigung mit der Philosophie ab und der Ausbeutung des Aberglaubens zu. Wo sie trotzdem Einfluß auf Fürsten und Staatsmänner erworben haben, ist er stets der gesunden Entwicklung nachteilig gewesen.

Im Gegensatze zu diesem Herabgehen des geistig ursprünglich höher stehenden Taotums hat sich die trockene Weltweisheit Kungs und seiner Schule auf ihrer alten Stufe behauptet und übt bis auf den heutigen Tag ihren Einfluß auf die Chinesen unvermindert aus. Was der Konfuzianismus lehrt, ist die Kunst, ein guter Hausvater, Beamter, Minister, Landesherr und Kaiser zu werden, die Pflichten der eignen Stellung zu erfüllen und darauf zu sehen, daß die Untergeordneten, Kinder und Volk wie Beamte, dies auch ihrerseits tun. Mit der Liebe des Kindes zu seinem Vater beginnend und mit der des Kaisers zu seinem Volk endigend, umfaßt die Philosophie dieser Schule die ganze Stufenleiter der menschlichen Beziehungen: zwischen Fürst und Minister, Vater und Sohn, Ehemann und Ehefrau, älterem und jüngerem Bruder, Freund und Freund, und hat damit einen Halt über die Lebensführung des einzelnen und der Gesamtheit erworben, den bisher nichts zu erschüttern vermocht hat.

* nach moderner Transkription: Laotse
** nach moderner Transkription: Kungfutse