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Hangchow, das Venedig des Ostens

Von Alfred Heinicke

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Zu den zahlreichen heiligen Stätten Chinas gehört auch der Westsee, an dessen malerischen Ufern Hangchow lieht. So reich hat Mutter Natur hier die chinesische Erde beglückt, daß dieser von vielen Seen und Kanälen durchsetzte Teil des Landes infolge seiner unendlichen Fruchtbarkeit der "garten des Großen Reiches" genannt wird.

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Hangchow, weit über tausend Jahre älter als das Venedig des Abendlandes, wurde in altersgrauer Zeit am Gestade dieses herrlichen, achtzig Kilometer langen, mit zahlreichen Inseln bedeckten Binnensees erbaut. Damals, als Hauptstadt des Königreiches "Wu", hat dieser blühende Handelsplatz wechselvolle Zeiten der chinesischen Geschichte gesehen. Geschlechter kamen und verschwanden, oft wurde Hangchow belagert, zerstört und immer wieder aufgebaut. Sein jedesmaliges Aufblühen verdankt es nur seiner günstigen geographischen Lage am südlichen Terminus des "Großen Kanals" (Kaiserkanal), der gleich der "Großen Mauer" ein Wunder chinesischer Baukunst ist.

Dieser ungefähr 1600 Kilometer lange Wasserweg, der sich bis hinauf nach Tientsin erstreckt und durch seine vielen kleinen Nebenkanäle die dicht bevölkerte Provinz "Chekiang" so ertragsfähig macht, ist der längste künstliche Wasserweg der Welt. Die chinesischen Herrscher, die ihn erbauten, haben Großartiges geleistet und alle Geländeschwierigkeiten überwunden. Höhenzüge wurden umgangen oder, wie nördlich vom Yangtse, überbrückt. Über diese Wasserwege schwimmen die beladenen Warenkähne mit ihren breiten, eckigen Mattensegeln an Hütten und Gärten der fleißigen Bauern vorüber oder inmitten wohlbestellter Felder an meilenlangen Deichen entlang.

Viele hunderttausend Kulis, Gefangene und Verbrecher arbeiteten Jahrzehnte an diesem Riesenwerk mit seinen zahlreichen Bassins, Schleusen und Dämmen. Nach Fertigstellung war der Kanal jahrhundertelang die einzige Verkehrsader zwischen dem Süden und Norden des Drachenreiches. Die daran gelegenen Städte gelangten zu einem derartigen Wohlstand, daß folgendes Sprichwort entstand: "Im Himmel oben ist das Paradies und auf der erde in Hangchow und Soochow!"

Aber auch das Mystische das sich in Sagen und Religion von Generation zu Generation im Charakter dieses 400 Millionen Volkes festgesetzt hat, umgibt Hangchow und seinen idyllischen Westsee mit einer Romantik, die jährlich viele Hunderttausende von Besuchern und Pilgern an diese heilige Stätte lockt, um hier der "Weisen Dame" zu huldigen.

In längst vergangenen Zeiten, als China in viele kleine Staaten zerfallen war, regierte im Königreich "Wu" neben einem schwachen Herrscher der kluge Minister "Isu". Von einer geheimnisvollen Reise in die westlichen Berge brachte er sich eine Braut von wunderbarer Schönheit und Klugheit mit, über deren Heimat und Herkunft niemand etwas in Erfahrung bringen konnte. Durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten und ihr erstaunlichen staatsmännischen Wissen, durch ihre fortschrittlichen Ideen und weisen Ratschläge bei Bau von Kanälen und Brücken verdoppelte sich rasch die Macht des Reiches.

Kein Wunder, daß Isu und seine Gattin in höchster Gunst des Königs standen und dadurch bei Hofe die erste Rolle spielten. Dies erregte den Neid der anderen Höflinge, und sie beschlossen, Isus Macht zu brechen, dadurch, daß sie seine kluge Frau aus dem Weg schafften. Lange fand sich nicht das rechte Mittel. Endlich aber entdeckten einer der Minister eine Zauberin, die tief im Gebirge hauste. Für vieles Geld verschaffte diese ein Kraut, das, in das Schlafgemach der "Dame Isu" gebracht, diese in eine Schlange verwandelte. Isu hatte wieder einmal die Provinzen des Reiches besucht, kam bereits am nächsten Tage zurück nach seinem herrlichen Wohnsitz dicht am See, um mit seinem klugen Weibe eine wichtige Sache zu beraten. Beim Öffnen ihres Zimmers erblickte er eine große weiße Schlange, die sich verzweifelt hin und her wand und dann blitzschnell durch die offene Tür flüchtete. Darauf ertönte ein gewaltiger Donnerschlag, und die ganze Besitzung Isus verschwand in den aufschäumenden Wogen des Sees, aus dem sich eine spiralenförmige Wolke zum Himmel erhob. Als Isu und seine kleiner Sohn wieder zu sich kamen, lagen beide weit außerhalb der Besitzung auf einem Hügel. Weder von der "Weisen Dame" noch von der Schlange fand sich eine Spur.

An der Unglücksstätte errichtete der tiefunglückliche Isu die "Donnerberg - Pagode". Der Volksmund erzählt: "Wenn diese Pagode einmal einstürzt, kommt die "Weise Frau" wieder!" Als im Jahre 1924, nach zehn Jahren, ein Teil dieser Pagode zusammenbrach, will man sie gesehen haben! ...

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Natürlich ist seitdem der Andrang der Pilger und Besucher noch viel größer geworden, besonders nach dem chinesischen Neujahr beginnt eine Völkerwanderung nach Hangchow. Dann segeln von Ningpo flußabwärts die Dschunken mit ihren großen den Weg suchenden Augen am Bug und setzen ihre Menschenfracht hier ab; die Kanäle wimmeln von Hausbooten, über deren Decks die gelben Drachenflaggen flattern; Lamas aus den Klöstern im fernen Tibet stellen sich ein, um die Heiligtümer am See zu besuchen; weit aus der Mongolei kommen fromme Pilger, um hier zu beten; Studenten der alten und neuen Zeit sieht man in Scharen zur "Donnerberg - Pagode" ziehen; besorgte Mütter , immer noch auf ihren verkrüppelten Füßen, führen ihre neuzeitlich erzogenen Töchter zu den heiligen Stätten; vornehme Würdenträger lassen sich in ihren Sänften hierher tragen; Bettler, Kulis, Dandies, junge chinesische Patrioten, rauhe Bauern und seine Städter in lila, grünen, blauen und karmesinroten Roben erscheinen, alle wollen der "Heiligen Frau" ihre Verehrung zollen.

An solchen Tagen wimmeln die engen Gassen von Menschen, und auf den zahlreichen, die Stadt durchziehenden Kanälen, die Hangchow das venezianische Gepräge geben, herrscht ein Leben, das einen tiefen Einblick in die chinesische Volksseele gibt.

Das milde Neujahrswetter hat alles, jung und alt, arm und reich, ins Freie gelockt. Die Ladeninhaber breiten vor ihren Buden ihre Schätze aus, sitzen dabei mit ewig lächelndem Gesicht auf niedrigen Hockern und warten geduldig auf Käufer. Neben der buntesten Auswahl getragener Kleider locken die schönen Silberwaren und die wirklich reizenden Jadeschnitzereien aus Kanton. Das wunderbare Porzellan aus Kiu - Kiang, so dünn, daß man fast durchsehen kann, zeigt den Kunstsinn der Chinesen, der bereits Tausende von Jahren alt ist. Die öffentlichen Speisehäuser sind gefüllt mit Gästen, ein Duft entströmt ihnen, der jeden chinesischen Feinschmecker begeistert. Dicht daneben hockt das bittere Elend, Bettler in Lumpen, mit allerlei Gebrechen behaftet, bitten um Almosen. Und o schreck! Da sitze eine Frau, die zwei niedliche Knaben zum Verkauf anbietet. Chinesische Mütter haben ihre Kinder auch lieb, wenn aber der Kindersegen gar zu reichlich ist, die bittere Not an die Tür klopft, so werden die kleinsten - Knaben besitzen den größeren Wert - zum Verkauf in die Städte gebracht.

Stundenlang kann man diesem Treiben zuschauen, das Leben auf den Kanälen betrachtet man am besten von einer der vielen hohen Bogenbrücken aus. Hin und her gleiten die Hausboote geschickt aneinander vorüber. In breiteren Kanälen liegen sie in Gruppen beieinander. Für Tausende von Familien ist das Hausboot das Heim. Hier werden sie geboren, wachsen auf, heiraten in andere Boote hinein und sterben auch auf dem Wasser. Der große Teil dieser Fahrzeuge ist für den Passagierdienst eingerichtet, in der Mitte befindet sich die drei bis vier Meter lange Kabine. Hier unter dem runden Mattendach haust die Familie, hier ist auch die Kombüse. Im Bug, unter den Decksplanken, schläft die Mannschaft größerer Kähne. Infolge der vielen Wolkenkratzer unternehmen diese Fähren lange Reisen, der orthodoxe Chinese benutzt sie bis Tientsin, eine wochenlange Fahrt. Die an den Kanälen wohnenden Bauern bringen darauf ihre Ernten ein und befördern sie weiter auf den Markt nach Hangchow.

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Der Hausfrau eines solchen Bootes werden Einkäufe dadurch erleichtert, daß schwimmende Kramläden ihr alles Gewünschte längsseit bringen.

Unser Fahrzeug trieb kein schmucker Gondolier über den Westsee, zwei geduldige, sich redlich plagende Frauen bedienten die schweren Ruderstangen. Die eine hatte dabei ihr Jüngstes auf den Rücken gebunden, sein kleiner Kopf rutschte bei jedem Ruderschlag von einer Seite zur anderen, ruhig schlief er trotzdem weiter. Die zwei nächstältesten spielten auf Deck. Die vorsichtige Mutter hatte jedem einen Holzklotz an dem Körper befestigt. Fiel einmal eines über Bord, so verrichtete diese Boje vortreffliche Dienste.

Zwischen herrlichen, rosa schimmernden Kelchen der heiligen Lotus segelten wie an den Seeufer dahin. Weite Flächen sind mit diesen wunderbaren Blumen bedeckt, die seit Jahrhunderten der fruchtbare Schlamm auf dem Seeboden nährt. Die weißen Wurzelknollen sind ein Nahrungsmittel; aus den Hazelnußgroßen Samenkernen bereiten die geschickten, chinesischen Köche eine süße Speise; die getrockneten Stengel dienen als Feuerungsmaterial, und die großen Blätter werden in den Basaren zum Einwickeln von Lebensmitteln benutzt.

Die Seeufer bringen die Eigenart der chinesischen Landschaft besonders zum Ausdruck. Aus dem herrlichen Grün der Natur leuchten die vom Sonnenlicht übergossenen Tempel; von den zahlreichen Höhen grüßen 2000 Jahre alte interessante Pagoden, und hinter den zierlichen, weit in den See hinaus auf Pfählen erbauten Landungsstegen mit den reizenden Pavillons erheben sich majestätische Torbögen ( Pailus).

Die Gewässer sind fischreich, abgerichtete Kormorane werden viel zum Fang benutzt. Damit diese geschickten Vögel die Beute nicht verschlucken können, ist jedem ein Metallring um den Hals gelegt. Durch eine Leine am Fuße wird das Wegschwimmen verhindert. Während abends der Fischer seinen Fang in den Kanälen der Stadt ausruft und verkauft, fressen die von ihrem Ring befreiten Kormorane die ihnen überlassenen kleinen Fische. — Herrlicher alter bauten kann sich Hangchow rühmen, ein Kunstwerk chinesischer Architektur ist der Eingang zum großen Tempel am Westsee. Hier ist es des Abends, wenn die hundertjährigen Zypressen und Landbäume über den Tempelhof lange Schatten werfen und das bunte Völkergemisch am Strand Erholung sucht, besonders schön und interessant. Von den letzten Strahlen der Sonne beleuchtet, schimmert der See in allen Farben, und der ferne heilige Berg "Taishan" erglüht in alpinem Rot! Mit der eintretenden Dunkelheit blaßt das wunderbare Bild, aus dem See erheben sich lange Nebelschwaden, und in ihnen schwebt, so sagen die Chinesen, segenbringend die "Weise Frau" durch die stille Nacht! ......

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Quelle: Welt und Wissen, 1928 Peter j. Oestergaard Verlag, von rado by jadu 2002

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Hangzhou (Hang-chou or Hangchow)