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Die ältere Geschichte Chinas (3)

Die frühere westliche Han-Dynastie unter Kao Tsu und Wu Ti (206 oder 202-87 v. Chr.)

Die Zeit der Han-Dynastie darf als die der literarischen, und wenn man den tatarischen Ursprung der vorhergehenden Dynastie oder wenigstens ihre tatarische Beeinflussung berücksichtigt, auch als die der politischen, nationalen Reaktion gegen fremde Herrschaft und Einflüsse bezeichnet werden. Es bedurfte aber harter Kämpfe, bis es dem Gründer der Dynastie gelang, Ruhe und Ordnung im Reich herzustellen. In allen 36 Bezirken des Reiches waren Prätendenten, Könige, aufgestanden, die zum mindesten Unabhängigkeit von der Zentralgewalt erstrebten.

Liu Pang, ursprünglich ein Bauer aus dem heutigen Kianhsu, hatte sich an die Spitze eines Haufens von Aufständischen zum Herzog von Pei gemacht und zusammen mit Hsiang Tschi, dem "Tyrannen oder König-Protektor" des westlichen Tschu (Honan und Nord-Anhui) und Neffen des 206 verstorbenen Hsiang Liang, der sich bereits 209 v. Chr. gegen das Haus Tschin erhoben hatte, das meiste zu dessen Sturze beigetragen. Der letzte Tschin, Tsze Jing, hatte ihm die Abzeichen des Reiches übergeben; aber Hsiang Tschi gegenüber, der 206 das ganze Heer der Tschin (200 000 Mann), das sich ihm ergeben hatte, angeblich hat niedermachen lassen, war Liu Pang nicht mächtig genug: er ließ sich von Hsiang Tschi zum Könige von Han ernennen. Erst als Hsiang Tschi oder "Pa wang" zuerst Tsze Jing und 205 v. Chr. auch den dann von ihm eingesetzten Schattenfürsten J Ti (Prinzen Huai von Tschu) ermorden ließ, erhob sich Liu Pang gegen ihn und besiegte ihn nach langem Kampfe. 202 beging Pa wang Selbstmord, und Liu Pang bestieg als erster Kaiser der Han-Dynastie den Thron unter dem Namen Kao Tsu (oder Kao Ti).

Hsiang Tschi.
Aus der Tang-Zeit
Hsiang_Tschi
Kao_Tsu
Kaiser Kao Tsu


Von Kao Tsu bis Tsching Ti

Kao Tsu (202-195) soll ein gerechter und milder Fürst gewesen sein; doch hatte auch er fast fortwährend gegen aufständische Große, denen er im Gegensatze zur Politik der Tschin wieder eigene Gebiete angewiesen hatte, zu kämpfen und starb an den in einem solchen Feldzug erhaltenen Wunden. Was unter seiner Regierung Ungerechtes und Grausames geschehen ist, wird auf die Rechnung seiner Gemahlin, der Kaiserin Lü hau, gesetzt. Deren Sohn Hui Ti (194-188) folgte seinem Vater; aber unter ihm und seinem Nachfolger, seinem Adoptivsohn Schao Ti, wie unter dem Prinzen Hung von Hengschan, den die Kaiserin nach der Entthronung Schao Tis zum Nachfolger eingesetzt hatte, regierte die Kaiserin unumschränkt: sie ist die einzige Frau, die in den chinesischen Herrscherlisten als Kaiserin unter dem Namen Lü hau oder Kao hau (187-180) aufgeführt wird. Ihr Bestreben scheint gewesen zu sein, ihrer Familie den Thron zu sichern; aber nach ihrem Tode wurde Prinz Hung abgesetzt und der Sohn einer Beischläferin Kao Tsus, der als Prinz von Tsai zurückgezogen gelebt hatte, durch Tschau Po, einem alten Anhänger Kao Tsus, nach der Niedermetzelung aller Mitglieder der Lü-Familie, als Wen Ti auf den Thron gesetzt.

Wen Ti (179-157) scheint viel für das Wohl des Volkes getan zu haben. Er hab das Bücherverbot, das schon Kao Tsu nicht mehr durchgeführt hatte, auf, schaffte eine Art allgemeiner Wehrpflicht ab, die die Leute zwischen 23 und 56 zum Dienst an der Grenze verpflichtet hatte, und legte Militärkolonien an der Großen Mauer an. Statt der "fünf Strafen": Brandmarken, Naseabschneiden, Verstümmelung, Entmannung und Tod, die seit der Tschau-Dynastie in Gebrauch gewesen waren, führte er Haarabschneiden und Prügel ein und behielt nur für die schwersten Verbrechen die Todesstrafe bei; auch hob er die Bestimmung auf, durch welche bei gewissen Verbrechen die Familie des Schuldigen mit bestraft wurde.

Unter Wen Tis Nachfolger, seinem Sohn Tsching Ti (156-141), brach 155 ein großer Aufstand der hauptsächlichsten Lehensträger aus, der nur mit Mühe unterdrückt wurde. Mit dem mächtigsten dieser Großen, Tschao To, der seit dem Sturze der Tschin-Dynastie als Fürst von Süd-Jueh in Kwangtung und Kwangsi herrschte, war es schon früher wiederholt zu Zwistigkeiten gekommen, die aber immer wieder beigelegt worden waren. 196 v. Chr. erkannte Tschao To die Oberherrschaft des Kaisers Kao Tsu an; eine Erhebung unter Kaiserin Lü hau fügte seinen Besitzungen Hunan hinzu. Er starb 137 v. Chr. über hundert Jahre alt; sein Enkel, der ihm nachfolgte, wurde von Wu Ti, dem Sohn und Nachfolger Tsching Tis, unterworfen.

Wu Ti

Wu Ti (140-87) ist wohl der bedeutendste Herrscher dieser Dynastie, obgleich er vollständig in den Händen der Taoisten gewesen zu sein scheint, die damals schon ganz Alchimisten und Nekromanten geworden waren. Auf der anderen Seite tat er viel für die Entwicklung der chinesischen Literatur, indem er die Schriftsteller durch Einrichtung öffentlicher Prüfungen, Gründung einer Akademie und Bibliothek, Erörterung und Neuordnung der einen wesentlichen Teil der chinesischen Bildung ausmachenden Zeremonien unterstützte. Er führte auch die Sitte der Jahresdevisen (nien `hao) ein, d.h. die Bezeichnung einer längeren oder kürzeren Reihe von Jahren mit besonders als glückbringend angesehenen Namen, wie "Ewiger Frieden", so daß die Vorfälle, die sich in einer solchen Jahresreihe ereignet haben, als im ersten, zweiten usw. Jahre vom "Ewigen Frieden" vorgekommen bezeichnet werden. Während in alten Zeiten diese Devisen häufig wechselten (Wu Ti hatte deren bei einer Regierungsdauer von 53 Jahren elf), haben seit der Ming-Dynastie die Kaiser während ihrer Regierungszeit nur ein Nien hao gehabt und sind, wenigstens den Fremden, nur unter diesem bekannt, z.B. Jung lo, Wang li (Ming), Kang Hsi, Kien Lung, Kwang Hsü (Mandschu).

Die gewöhnliche Zeitrechnung der Chinesen erfolgt nach Kreisen von 60 Jahren, von denen jedes durch einen aus zwei Zeichen (Wörtern) zusammengesetzten Namen bezeichnet wird: eins von ihnen ist den zehn Zeichen der Himmelsäste, das andere einem der zwölf Erdzweige entnommen. Diese werden der Reihe nach zusammengesetzt, so daß die ersten zehn Himmelsäste mit den ersten zehn Erdzweigen zusammengestellt werden, dann der erste der ersteren mit dem elften der zweiten, der zweite der ersteren mit dem zwölften der zweiten, dann der dritte der ersteren mit dem ersten der zweiten usw., bis die zehn Himmelsäste sechsmal, die zwölf Erdzweige fünfmal verbraucht sind und so die Zahl von 60 Zusammenstellungen erreicht ist. Die Erfindung dieses zuerst ausschließlich für Wahrsagezwecke verwandten Systems wird Ta Nao, einem Beamten Huang Tis, im Jahre 2697 v. Chr. zugeschrieben; doch der wohl zurückgerechnete erste Kreis beginnt erst mit 2637 v. Chr. Für chronologische Zwecke (Jahresbezeichnung) sollen diese Zyklen zuerst unter der Han-Dynastie von dem Usurpator Wang Mang (33 v. Chr. bis 23 n. Chr.) eingeführt worden sein; doch gehen Spuren älterer Anwendung viel weiter zurück: die beiden ältesten so bestimmten Tage fallen in die Jahre 1753 und 1122 v. Chr. Die Verwendung der zwölf Zeichen des Tierkreises für chronologische Zwecke, d.h. für einen zwölfjährigen Zyklus, scheint tatarischen Ursprungs und zuerst unter der Tang-Dynastie (618 -907) in Gebrauch gekommen, aber erst unter der Mongolen-Dynastie (1206-1368) allgemein geworden zu sein; chinesische Geschichtsschreiber wollen indessen Spuren dieser Kreise auch schon unter der Han-Dynastie entdecken. Man spricht so von einem im Jahr der Ratte usw. geschehenen Ereignisse. Die Zeichen des chinesischen Tierkreises sind: Ratte, Ochse, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund und Schwein.

Der Befestigung seiner Herrschaft scheint Wu Ti besondere Aufmerksamkeit zugewendet zu haben; er brach aufs neue die Macht der großen Vasallen und setzte 106 v. Chr. an die Stelle der 74 Bezirke, worein das Reich allmählich geteilt worden war, 13 Provinzen: 1) Sy li Tschiao Wei: der nordwestliche Teil des heutigen Schansi; 2) Jü: Honan; 3) und 4) Tschi und Jen: Teile von Schantung und Tschili; 5) Hsü: Teile von Schantung und Kiangsu; 6) Tsing: der östliche Teil von Schantung; 7) Tsching: Hupeh und Hunan; 8) Jang: Kiangsu, Kiangsi und Anhui; 9) J: Teile von Hupeh und Sz`tschwan; 10) Liang: Teile Schensi und Kansu; 11) Ping: Kansu; 12) Ju: Teile von Tschili und Liaotung; 13) Tschiao: Kwangtung, Kwangsi und Tongking. Die Aufstellung ergibt, daß der bevölkertste und darum wichtigste Teil des Reiches damals an den beiden Seiten des unteren und mittleren Laufes des Hoangho gelegen haben muß.

Chinesische Quellen geben das von der älteren Han-Dynastie beherrschte Gebiet auf 145 136 405 Tsching (1 Tsching = 100 Mau) an, von denen 8 270 536 Tsching Ackerland gewesen sein sollen; hierzu sei angemerkt, daß eine Schätzung von 1874 nur 7 368 050 Tsching und die letzte vor dieser Zeit gemachte 8 150 188 Tsching Ackerland, beide also erheblich weniger als zwei Jahrtausende vorher ergeben haben. Die hauptsächliche Einnahmequelle der Regierung war schon damals die Grundsteuer, die allgemein auf ein Fünfzehntel des Bodenertrags festgesetzt war; manchmal wurde sie zeitweilig auf ein Dreißigstel ermäßigt, auch in Notjahren oder in Gegenden, durch die der Kaiser auf seinen Reisen gekommen war, ganz erlassen. Die Steuerdeklamation erfolgte von den Besitzern selbst; auf falscher Angabe stand der Tod. Die Zahlung erfolgte in Naturalien, unter der späteren Han-Dynastie in Baumwollentuch und Seide. Die 13 Provinzen standen unter ebenso vielen reisenden Überwachern, den Vorläufern der späteren Gouverneure.

Auch nach außen hin suchte Wu Ti die Macht des Reiches zu mehren. Verschiedene Züge gegen die Hiung nu (123, 121 und 110) waren erfolgreich, weniger ein solcher 99; 108-107 wurde Korea unterworfen und wenigstens ein Teil davon China zeitweilig einverleibt. Die Bemühungen des Kaisers, den Einfluß Chinas nach Westen hin auszudehnen, scheinen zur Entsendung verschiedener Boten geführt zu haben, deren bekanntester General Tschang kien war, der zu den mit den Hiung hu fortwährend im Kriege liegenden Juetschi (Jueh Ti = Geten?) geschickt, aber von den Hiung nu gefangengenommen und viele Jahre zurückgehalten wurde. Endlich freigelassen, wurde er wieder mit einem diplomatischen Auftrage nach Ta Jüan (Ferghana) entsendet und 122 nach Si Jü (Turkestan). Durch seine Vermittlung wurde bereits 115 ein diplomatischer und Handelsverkehr mit 36 in jenen Gegenden gelegenen Staaten angeknüpft. In An hsi und Ta tsin, die seit dieser Zeit häufiger erwähnt werden, erblickt Friedrich Hirth Parthien und Syrien (Hauptstadt Antu = Antiochien).

Die Zeittafel der vollständigen Han-Zeit befindet sich am Ende der Seite Han-Dynastie 2 (nach Wu ti, 86 v. Chr.-220 n. Chr.)