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Die geschichtliche Entfaltung der Buddhalehre in China

Das für die sittliche Entwicklung Chinas wichtigste Ereignis unter den Han-Dynastien war die Einführung der Buddhalehre. Nach unverbürgten Nachrichten sollen schon 217 v. Chr. indische Missionare in China eingetroffen und 222 v. Chr. soll von einem bis hinter Jarkand geführten chinesischen Vorstoß ein goldener Buddha mitgebracht worden sein. Seit dieser Zeit wurden die Beziehungen zu Indien häufiger;

Nachrichten von der fremden Lehre trafen ein, und 61 n. Chr. sandte Kaiser Ming Ti, wie die Sage berichtet, auf Grund eines Traumes, Boten nach Indien, um buddhistische Bücher und Priester zu holen. Einer der letzten, Kaschiapmadanga, übersetzte in Lojang eine Sutra. Gegen des 2. Jh. n. Chr. übersetzte ein anderer Inder in Tschangan den "Lotus des guten Gesetzes".

Das Buddhatum scheint sich anfänglich ziemlich langsam entfaltet zu haben; erst zu Anfang des 4. Jh. haben angeblich Chinesen buddhistische Mönchsgelübde abgelegt; 355 erlaubte dies ein Prinz des Tschau-Hauses zur Zeit der östlichen Tsin seinen Untertanen, und 381 erbaute Kaiser Hsiao Wu Ti eine Pagode in seinem Palast in Nanking. Gleichzeitig wurden in Nordchina große Klöster errichtet, und neun Zehntel des gewöhnlichen Volkes sollen damals dort der buddhistischen Lehre angehangen haben. Der Hauptsitz des Buddhatums war, wie es scheint, das Reich von Tsin (das südliche

Schensi und Kansu), wo 405 eine neue Übersetzung der heiligen buddhistischen Bücher angeordnet wurde; hierzu wurden indische Gelehrte angeblich durch ein nach Indien entsandtes Heer nach Tschangan gebracht, um dort gemeinschaftlich mit 800 anderen Priestern unter persönlicher Leitung des Kaisers die Arbeit vorzunehmen. Damals wurde der Verkehr zwischen China und Indien sehr lebhaft; zahlreiche Reisende begaben sich nach dem Süden, brachten Sagen und Bücher zurück und beschrieben ihre Reisen; so schilderte Fa hien den blühenden Zustand des Buddhatums in der Tatarei, bei den Uiguren, den Stämmen westlich vom Kaspischen Meer, in Afghanistan, am Indus, in Mittelindien und auf Ceylon, woher er über See nach 15jähriger Abwesenheit 414 nach Tschangan zurückkehrte; er widmete sich dann mit Hilfe eines indischen Gelehrten der Herausgabe der mitgebrachten Werke.

Im Jahre 420 fiel die Tsin-Dynastie, die im Norden hauptsächlich durch die tatarischen We, im Süden durch die eingeborenen Sung ersetzt wurde. Die Fürsten der neuen Dynastien zeigten sich anfänglich dem Buddhismus abgeneigt; in We wurde die Errichtung von Tempeln und Bildsäulen streng verboten, ja 426 die Vernichtung von Büchern und Bildern angeordnet; die Priester wurden verfolgt, viele hingerichtet. Nach dem Tode des ersten Kaisers wurden diese Befehle wieder rückgängig gemacht, und 451 wurde gestattet, in jeder Stadt einen buddhistischen Tempel zu errichten, worin 40 oder 50 der Einwohner Priester werden durften; der Kaiser selbst schor einigen derselben den Kopf. Auch die Sung-Herrscher galten als dem Buddhismus besonders geneigt: aus Ceylon und von Kapilawastu (dem Geburtsorte Schakjamunis) kamen Gesandtschaften, die sich alle auf die Gleichheit der Religion beriefen und den Ruhm des Sungkaisers vom Reiche Jautschen (Kiangnan mit Teilen von Honan) priesen.

Die Pflege, die dem Buddhismus zuteil wurde, gab den Konfuzianisten vielen Grund zur Klage und Veranlassung zu Angriffen gegen die neue Lehre. Schon unter dem Sungkaisern wiesen Beamte darauf hin, daß die frühere Reinheit des Buddhatums verloren gegangen sei. Prunksucht und Eifersüchteleien hätten die Stelle von Einfalt und Reinheit eingenommen; neue Tempel würden mit größter Pracht errichtet, aber niemand stelle die alten wieder her. Darum sei amtliche Aufsicht notwendig, und niemand solle ein Götterbild aufsetzen dürfen ohne obrigkeitliche Genehmigung. Eine 458 entdeckte Verschwörung, bei der ein buddhistischer Priester die Hauptrolle spielte, gab Veranlassung zur Verwirklichung dieses Gedankens. Eine kaiserliche Verordnung führte aus, daß sich unter den Priestern viele Leute befänden, die vor Strafe geflohen seien, die Gelübde nur zu ihrer persönlichen Sicherheit abgelegt hätten und den angenommenen Charakter als Deckmantel neuer Verbrechen benutzten; die Behörden sollten daher die Führung der Mönche scharf untersuchen und die Schuldigen mit dem Tode bestrafen. Ein späterer Erlaß ordnete an, daß die Mönche, welche die Gelübde der Enthaltsamkeit und Armut nicht beobachten, zu den Familien und früheren weltlichen Beschäftigungen zurückkehren sollten; zugleich wurde den Nonnen verboten, den Palast zu betreten und mit den Frauen des Kaisers zu sprechen. Auch zu öffentlichen Disputationen gaben die Unterschiede zwischen Buddhisten und Konfuzianisten Veranlassung. 483 vertrat bei einer solchen ein Staatsminister Tse Liang die buddhistische Seite; der Hauptbeweis des Konfuzianisten wende sich gegen die Auffassung, daß der gegenwärtige Zustand des Menschen auf die Vergeltung der während eines früheren Daseins begangenen guten oder schlechten Taten zurückzuführen sei. "Die Menschen sind wie die Blüten an den Bäumen", sagt er, "sie wachsen gemeinsam auf ihnen und werden von demselben Wind abgebrochen und zerstreut; einige fallen auf Vorhänge und Teppiche, wie Menschen, die in Palästen geboren werden, während andere zwischen Schmutzhaufen fallen, ähnlich denen, die in niedrigem Stande geboren werden." Reichtum und Armut ließen sich daher auch ohne die Lehre von der Vergeltung recht gut erklären. Außerdem verhalte sich die Seele zum Körper wie die Schärfe zum Messer; die Seele könne ebensowenig nach der Zerstörung des Leibes fortbestehen, wie die Schärfe ohne das Messer.

Im Jahre 518 wurde Sun jün durch Kaiser Hsiao ming Ti von Pei We nach Indien gesandt und kehrte nach längerem Aufenthalt in Kandahar und Udjana mit 75 Werken zurück. 526 kam der 28. der buddhistischen Patriarchen, Ta mo (Bodhidharma), über See nach China; der Niedergang des Buddhatums in dem Lande seiner Entstehung war wohl für ihn, wie für viele seiner Landsleute (in China, in Lojang, sollen zu Anfang des 6. Jh. 3000 Inder gelebt haben) die Veranlassung, eine neue Heimat aufzusuchen. Eine Zusammenkunft in Nanking mit Wu Ti, dem ersten Kaiser der Liang-Dynastie (502-549), war für beide Teile wenig befriedigend.

 

Ta mo begab sich daher nach Lojang, wo er in schweigender Beschaulichkeit neun Jahre ohne zu sprechen mit dem Gesicht nach der Wand des Zimmers gesessen haben soll, was ihm beim Volke den Namen des "auf die Wand schauenden Heiligen" einbrachte; er starb an Altersschwäche, nachdem fünfmal der Versuch gemacht worden war, ihn zu vergiften, und hinterließ die Patriarchenwürde einem Chinesen, dem zweiten der sechs östlichen Patriarchen.

Kaiser Wu Ti wurde zum Schlusse seines Lebens Mönch. Sein Sohn Tschien Wen Ti begünstigte den Taoismus und versuchte diesen mit dem Buddhismus zu verbinden. Die Taoisten, die sich dagegen sträubten, wurden hingerichtet. 558 wurde auch Kaiser Wu Ti aus der Tschen-Dynastie Mönch. Unter dem ersten Kaiser der Sui-Dynastie, Wen Ti (581-604), wurde dem Buddhismus volle Duldung zuteil; gegen Ende seiner Regierung verbot er jede Zerstörung von Heiligtümern und Bildern der Buddhisten oder Taoisten. Auch die Tang-Kaiser, die sich bei Beginn der Dynastie (618) dem Buddhismus nicht freundlich

erwiesen, wandten ihm bald ihre Gunst zu. Besonders der zweite Herrscher der Dynastie, Tai Zsung (627-649), unter dem 639 auch

die syrischen Christen nach China kamen, erwies sich ihm günstig: als Hinen Tsang 629 ohne kaiserliche Erlaubnis nach Indien ging und nach 16jährigen Abwesenheit zurückkehrte, empfing ihn der Kaiser freundlich und beauftragte ihn, in Tschangan die 637 mitgebrachten Werke zu übersetzen. Damals sollen in China 3716 Klöster bestanden haben. 714 brach eine starke Verfolgung der Buddhisten aus: 10 000 Priester und Nonnen mußten in ihre Familien zurückkehren; trotzdem behielten einzelne Priester Staatsämter, und Inder wurden mit der Feststellung des Kalenders betraut. Unter den späteren Kaisern der Tang-Dynastie, besonders Su Tsung (756-762), Tai Tsung (763-779) und Hsien Tsung (806-820), machte der Buddhismus große Fortschritte; und als 819 unter dem letzteren Han Jü (Han Wen kung) gegen die Überführung einer buddhistischen Reliquie in den kaiserlichen Palast Einspruch erhob, wurde er von Hofe verbannt und als Gouverneur nach dem damals noch ganz barbarischen Tschaotschau in Kwangtung geschickt.

Im Jahre 845 fand unter dem Kaiser Wu Tsung eine dritte, besonders scharfe Verfolgung statt: 4600 Klöster mit 40 000 kleinen Gebäuden wurden zerstört, der eingezogene Besitz der Tempel zur Errichtung von Regierungsgebäuden verwendet, die Glocken und Bildsäulen eingeschmolzen, um Käsch (runde durchlöcherte Münzen) daraus zu machen, und über 260 000 Priester und Nonnen mußten ins Volk zurückkehren. Aber schon unter Wu Tsungs Nachfolger Hsüan Tsung durften neue Klöster errichtet werden, wenn er auch einige Jahre später den Eintritt neuer Mönche untersagte. Kaiser Ji Tsung (860-873) war ein ebenso eifriger

 

Buddhist wie seine Nachfolger und die Herrscher der späteren Tang-Dynastie (923-936). Unter der kurzen späteren Tschau-Dynastie (951- 960) wurden ebenfalls viele Tempel aufgehoben und nur 2694 beibehalten; auch wurde den Priestern untersagt, sich selbst zu martern und zu verstümmeln. Die ersten Kaiser der nördlichen Sung-Dynastie (960-997) waren dem Buddhismus weniger günstig, ihre Nachfolger desto mehr, wenn sie auch oft eigenmächtig eingriffen. Auch unter dieser Dynastie fand viel Verkehr mit Indien statt, und der Einfluß des indischen Buddhatums auf das chinesische fuhr fort, recht erheblich zu sein.

Eine wesentliche Unterstützung fand der Buddhismus unter der Mongolen- (Jüan-)Dynastie (1280-1368). Kublai Khan (Schi Tsu 1280-94) war dem Buddhismus sehr zugetan; die der alten nationalen Religion der Chinesen gewidmeten Tempel wurden in buddhistische verwandelt, während der Taoismus verfolgt wurde. Kublai wird dabei allerdings mehr an seine Mongolen als an die Chinesen gedacht haben: schon bevor er das chinesische Reich unter seinem Zepter vereinigte, hatte er seinen Landsleuten Unterricht durch Kwoschi, nationale Unterweiser, erteilen lassen. Seine Nachfolger folgten seinem Beispiel. Eine gegen das Ende des 13. Jh. aufgenommene Schätzung ergab 42 318 buddhistische Tempel und 213 148 Mönche in China. Auch Übersetzungen aus dem Tibetanischen werden häufig erwähnt und fanden Anwendung, ebenso, d.h. nur bei den Mongolen, die unsittlichen, aus dem brahmanischen Schiwadienst in den tibetanischen Buddhismus übergegangenen Darstellungen. Dagegen scheinen die chinesischen Buddhisten auch damals noch Belehrung und Eingebung in Indien gesucht zu haben. Ein chinesischer Priester, Tau wu, zog zu Lande nach Indien und brachte von dort, über See zurückkehrend, eine Anzahl Werke nach China zurück. Dies Beispiel, aus der ersten Zeit der Mongolenherrschaft, ist das letzte seiner Art.

Die nationale Erhebung der Chinesen gegen die Mongolen, die mit der vollständigen Ausrottung ihrer Herrschaft endete, brachte keine ähnliche Erscheinung auf religiösem Gebiete hervor; im Gegenteil erwiesen sich auch die ersten Herrscher der national-chinesischen Ming-.Dynastie den Buddhisten durchaus freundlich. Erst 1426 wurden Maßregeln ergriffen, um dem Überhandnehmen des Mönchswesens entgegenzutreten. Leute, die in die Klöster eintreten wollten, mußten sich einer Prüfung unterwerfen, und 1450 wurde bestimmt,,daß kein Kloster mehr als als 60 Mau Grundeigentum besitzen dürfe, eine Maßregel, wie sie ähnlich auch schon unter den Mongolen stattgefunden hatte. Unter Schi Tsung (1522-66) wurden Versuche der Konfuzianisten, eine Verfolgung der Buddhisten herbeizuführen, von der Regierung zurückgewiesen; sie erreichten nur die Zerstörung des im kaiserlichen Palaste befindlichen Tempels.

Von der bis 1912 regierenden Mandschu-Dynastie war der erste Herrscher, Schi Tsu (1644-61), ein Freund der Buddhalehre; aber schon sein Nachfolger Scheng Tsu wandte sich wohl aus politischen Gründen dem Konfuzianismus zu. Aus ähnlicher Ursache haben er und seine Nachfolger dem lamaistischen Gottesdienst ihrer tibetanischen und mongolischen Untertanen besondere Förderung zuteil werden lassen; die Errichtung lamaistischer Tempel und Klöster in Peking stammt aus dieser Zeit.

 

Der Einfluß des Buddhismus auf die chinesische Kultur

Wenn man sich über die Wirkung klar werden will, die der Buddhismus und seine Priester auf China ausgeübt haben, so kommt man zu dem Ergebnisse, daß sie, abgesehen von dem politischen persönlichen Einfluß von Anhängern und Verkündern der indischen Lehre auf einzelne Kaiser und Staatsmänner, hauptsächlich auf philologischem und philosophischen Gebiete zu suchen sei. Hervorragend ist jedenfalls der verdienstvolle Versuch, für die Silbensprache und Schrift der Chinesen ein Alphabet einzuführen: im 3. Jh. begann man mit 16 Symbolen und machte im 6. Jh. unter der Liang-Dynastie mit 36 ein Ende. Der Erfinder dieser letzten Reihe, der Priester Schen kung, und seine Nachfolger haben die Chinesen gelehrt, die Laute ihrer Sprache mit ihren eigenen Zeichen zu schreiben: ein nicht geringzuschätzendes Verdienst, wenn es auch nach einigen Jahrhunderten infolge von Veränderungen in der Sprache viel an praktischen Wert eingebüßt hat. Auch in literarischer Beziehung hat sich der Buddhismus befruchtend erwiesen: es gab eine Zeit, da buddhistische Werke zahlreicher als konfuzianische waren: so werden in der Geschichte der Sui-Dynastie (589-618) 1950 verschiedene buddhistische Werke aufgeführt.

Der Einfluß buddhistischer Anschauungen und Lehren auf die philosophische Entwicklung der Chinesen ist ebenfalls, namentlich was die Kosmogonie begrifft, bedeutend gewesen; er tritt besonders bei dem größten der modernen Erklärer der alten klassischen Lehren, Tschu hi (1130-1200) hervor, dessen Werke noch heute die maßgebende Grundlage für den sozusagen offiziellen Konfuzianismus sind. In den letzten 150 Jahren hat sich allerdings eine schärfere Kritik unter den Chinesen selbst gegen den letzteren bemerkbar gemacht, hauptsächlich wohl wegen der in ihm zutage tretenden buddhistischen Einflüsse; trotzdem blieb seine offizielle Anerkennung davon unberührt. Für die große Masse ist die mit allen möglichen eigenen und fremden, taoistischen und chinesischen Sagen und Persönlichkeiten vermischte Lehre, in der vom ursprünglichen Buddhismus wenig übriggeblieben ist, im wahrsten Sinne des Wortes Volks- oder Aberglaube geworden. Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus spielen dieselbe Rolle im Leben des ganzen Volkes; aber der Buddhismus hat seinen Einfluß vor allem bei dem Ausgang aus diesem Leben bewahrt: bei dem Begräbnisse des Kaisers wie des ärmsten Untertanen stehen buddhistische Gebräuche und das Lesen der heiligen Bücher im Vordergrunde.

 

Der Islam in China

Als das Jahr der Ankunft des ersten mohammedanischen Sendboten in China wird gewöhnlich 628 n. Chr. angenommen. Ein Onkel Mohammeds mütterlicherseits, Wahl-Abi-Kabcha (alias Kos Kasim), soll als Abgesandter seines Neffen mit Geschenken für den Kaiser (damals Tui-Tsung der Tang-Dynastie) in Kanton eingetroffen sein und sich nach der Hauptstadt Singanfu begeben haben. Jedenfalls wird ihm die Errichtung von einer oder zwei der noch in Kanton vorhandenen Moscheen zugeschrieben, es ist aber mehr als wahrscheinlich, daß schon früher wie später vielfach arabische Händler über See nach China gekommen sind. Eine andere zahlreichere Einwanderung von Mohammedanern hat über Land durch ein von dem Khalifen Abu Giaffar 755 nach China bei der Unterdrückung eines Aufstandes zu Hilfe gesandtes Heer stattgefunden. Den 4000 Soldaten desselben wurde später gestattet, sich in Jünnan anzusiedeln, wo sie sich mit den Töchtern des Landes verheirateten. Sie werden als der Grundstock der mohammedanischen Bevölkerung im Westen des Reiches angesehen. Später, zur Zeit der Eroberungszüge Dschengis Khans, Anfang des 13. Jh., kamen zahlreiche Scharen von Uiguren in diese Gegenden, und noch später erhielten die chinesischen Mohammedaner weitere Zuzüge aus den mohammedanischen Staaten Zentralasiens.

Heute wird die Zahl der Mohammedaner im Gebiet nördlich vom Jangtse auf über 10 Millionen angegeben, im Süden ist sie geringer, aber man irrt wohl nicht, wenn man, die Ausländer mit eingerechnet, die Gesamtzahl auf 18-20 Millionen veranschlagt. In Jünnan sollen 3-4 Millionen Mohammedaner leben, in Kansu 8 350 000, in Schensi 350 000, und Peking allein zählt über 200 000 Mohammedaner. Moscheen findet man überall, oft vier und mehr in einer Stadt. Die Mohammedaner, denen man ihren Ursprung vielfach ansieht, sind Uhrmacher, Juwelen- und Kuriositätenhändler, Hammelschlächter (nach mohammedanischem Ritus), Gastwirte, die in ihren Gebäuden kein Schweinefleisch zubereiten lassen, und betreiben auch andere kaufmännische Geschäfte.

Wegen ihrer Religion sind sie von der chinesischen Regierung nie beunruhigt worden; in ihren Moscheen befindet sich wie in den buddhistischen und taoistischen Tempeln die Tafel mit der Inschrift: "Möge der Kaiser zehntausend Jahre herrschen", die als die Anerkennung der politischen Oberhoheit desselben angesehen wird und den Ansprüchen der Regierung genügt. Trotzdem haben besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jh. an verschiedenen Orten im Westen des Reiches Aufstände der mohammedanischen Bevölkerung stattgefunden, die in ihrem weiteren Verfolg oft religiöse Färbung annahmen und zu blutigen Wiedervergeltungen seitens der Chinesen führten. In Jünnan, in dem sich seit der ersten Hälfte 19. Jh. die mohammedanische Bevölkerung sehr stark vermehrt hatte, auch durch Übertritte von Chinesen, scheinen 1817-34 zahlreiche lokale Unruhen stattgefunden zu haben; der große Aufstand der Panthais dort (nach Sir Thomas Wade vom chinesischen Puntai, Eingeborene oder älteste Bewohner des Landes), der 1856 in den Bergwerksdistrikten ausbrach, war anfänglich auf wirtschaftliche Fragen zurückzuführen. Der Versuch der chinesischen Provinzialbehörden, ihn durch Niedermetzelung der mohammedanischen Bevölkerung in einigen Distrikten zu unterdrücken, führte zu einem allgemeinen Aufstande, bei dem aber ein Teil der Mohammedaner zur Regierung hielt, wie auch einer der erfolgreichsten kaiserlichen Führer ein Mohammedaner war. Die Erhebung, die zur Errichtung eines mohammedanisches Sultanats in Talifu geführt hatte, wurde schließlich mit furchtbarem Blutvergießen unterdrückt. Anders entstand der mohammedanische Aufstand, der 1862 in Kansu, der Dsungarei und in Chinesisch-Turkistan ausbrach und erst 1878 unterdrückt wurde. Dort waren verschiedene Faktoren tätig. Eine sehr zahlreiche mohammedanische Bevölkerung, die Dunganen (auch Tunganen; nach Bambery aus dem Türkischen: "Bekehrte"), saß dort und hatte der chinesischen Regierung schon seit dem 17. Jh. mannigfache Schwierigkeiten bereitet. Trotzdem war sie gewissermaßen eine Stütze derselben; die Dunganen waren gute Soldaten, noch bessere Polizisten und erfreuten sich auch als Kaufleute eines ausgezeichneten Rufes. Unruhen in einem Dorfe waren schnell unterdrückt worden und die Ruhe wiederhergestellt, als plötzlich ein allgemeiner Aufstand gegen die "Khitai", die Chinesen, ausbrach, dem sich auch die Tarantschi, d.h. die ackerbauende Bevölkerung, anschloß, und der sehr schnell die Form eines Vernichtungskriegs gegen die Chinesen annahm. Es war wohl hauptsächlich ein Kampf der Nationalitäten, der nur dadurch eine gewisse religiöse Färbung erhielt, daß die Leitung besonders bei den späteren munizipalen und staatlichen Einrichtungen hauptsächlich in der Hand der Mollas, der Gesetzgelehrten, lag. In unglaublich kurzer Zeit waren die Chinesen und auch ihre Herrschaft in Kansu und einem Teil von Schensi ausgerottet, die Bewegung sprang dann nach Hamil, Urumtsi, Turfan, Manas, Korla, Karaschar und Kusch über und erstreckte sich gegen Westen bis nach Aku. Überall entstanden kleine Fürstentümer, an deren Spitze ein Molla oder ein Rat von Mollas oder ein Abkömmling der alten ölötischen Fürsten stand. Einen ausgesprochenen religiösen Charakter nahm die Bewegung erst mit dem Einfall der Khokander an, deren nominelles Haupt Busurk Khan, dessen Seele Jabub Beg war. Als letzter schließlich auch die nominelle Herrschaft an sich gerissen hatte (1868), ging er an die Eroberung des aufständischen Gebietes (nur Kuldscha, wo auch eine Empörung gegen die Chinesen ausgebrochen war, wurde von den Russen besetzt), nahm den Titel "Atalik-Ghasi" ("Verteidiger des Glaubens") an, führte das Schariat, das geistliche Gesetz, ein und hielt auf dessen strenge Beobachtung, kurz, er fühlte sich und handelte ganz als mohammedanischer Herrscher im Sinne der strengeren zentralasiatischen Richtung gegenüber dem laxeren Mohammedanismus der Dunganen. Mit seinem Tode 31. Mai 1877 ging auch das von ihm gegründete Reich in Trümmer und fiel wieder unter chinesische Herrschaft.

In den letzten Jahrzehnten ist wiederholt vom Konstantinopel aus versucht worden, mit den in China ansässigen Glaubensgenossen in nähere Beziehungen zu treten. Ob mit Erfolg, muß dahingestellt bleiben. Solange die zentralasiatischen Khanate als selbständige Mächte bestanden, hätten die chinesischen Mohammedaner im Bunde mit ihnen oder mit ihrer Unterstützung eine politische Rolle spielen können, heute würde ein Erfolg der letzteren nur ein Einschreiten Rußlands, eventuell Englands, zur Folge haben.