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Die Bevölkerung

Über den Ursprung des chinesischen Volkes ist nicht Sicheres bekannt. Für seinen Zusammenhang mit dem babylonischen Turmbau fehlt ebenso die Begründung wie für die von Terrien de la Couperie und Robert K. Douglas aufgestellte Behauptung, wonach es auf Grund angeblicher Ähnlichkeiten zwischen Keilschrift und der ältesten chinesischen Schrift von den Akkadern abstammen soll. Wahrscheinlicher erscheint Richthofens Ansicht, daß der ursprüngliche Wohnsitz der nach China Einwandernden das Tarimbecken gewesen sei, wo sie mit akkadischer und indischer Kultur in Berührung gekommen wären.

Für die großen Verschiedenheiten der Chinesen von allen anderen Völkern Asiens (z.B. für das Fehlen eines Priester- und Soldatenstandes) und noch mehr für die Ähnlichkeiten (z.B. das anscheinende Vorhandensein bestimmter astronomischer Kenntnisse in ältester Zeit, so unter der Hsia-Dynastie) gäbe aber auch diese Heimat keine Aufklärung. Ebensowenig ist eine solche auf ethnographischer Grundlage zu finden.

Nach E. v. Baelz ist Ostasien der Hauptsache nach (der größte Teil von China, Japan, Korea, Formosa, die Mongolei und Tibet) von der etwa 500 Millionen zählenden mongolischen Rasse bewohnt, wozu die hinterindischen Völker mit den Malaien kämen: eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen diesen und den Mongolen sei kaum durchführbar. In Nordasien, der Mandschurei, im Gebiete des Sungariflusses, einem Teile von Korea und in einem Stück der japanischen Westküste lebe der mandschu-koreanische Typus; in China treffe man sodann noch die Miaotsze und die wenig bekannten Lolo an; in Südchina und Japan lasse sich polynesisches Blut nachweisen, während Spuren der wollhaarigen Negrito selten beigemengt seien; die eigentlichen Mongolen überwögen in Mittel- und Südchina, weiter südwärts trete der malaiische Typus mehr hervor, gegen Norden herrschten die Mandschu-Koreaner.

Das ist alles unzweifelhaft richtig; aber damit wird weder das Rätsel der Herkunft der Chinesen, noch das der Stämme, die sie bei ihrer Wanderung nach Osten vorfanden, erklärt. Und solcher unabhängigen Stämme, die von den Chinesen teils ausgerottet, teils aufgenommen wurden, muß es eine große Anzahl gegeben haben, wenn auch jeder einzelne vermutlich nicht sehr zahlreich gewesen ist.
Der San Miau wird in Schuking, dem Buch der Geschichte zur Zeit Jaos und Jüs (2145-2046 und 2255-2206 v. Chr.) Erwähnung getan; und in der Rede, die König Wu von Tschau (1134-1116 v. Chr.) vor der Schlacht von Mu gegen Tschau hsin von Schang hält, wendet er sich an acht Hilfsvölker: die Jung, Schu, Tschiang, Mao, Wei, Lu, Phang und Pho. Später werden im 8.-7. Jh. v. Chr. acht Stämme der Dsung (Jung), Westbarbaren in Schantung, Tschili, Honan, Schansi, Schensi und an den Grenzen des Reiches erwähnt; die Ti, Nordbarbaren, wohnten in Schansi und Tschili, die J-Barbaren von Schantung bis zum Hanfluß und die Man am mittleren und

oberen Jangtse, hauptsächlich auf dem rechten Ufer. Aber die Zahl der damals noch nicht unterworfenen Stämme muß viel größer gewesen sein; finden sich doch noch heute, über 2600 Jahre später, in den südlichen und westlichen Provinzen des Reiches zahlreiche, ganz oder teilweise unabhängige Stämme von Ureinwohnern. Daß sich solche auf Formosa und auf Hainan, wie die Li (Limin oder Limu; angeblich Abkömmlinge der Miaotsze, denen Kublai Khan – Schi Tzu – 1292 einen Teil der Insel angewiesen haben soll) sich noch im Inneren gehalten haben, ist weniger wunderbar als daß auch in Provinzen des Festlandes, wo China seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden herrscht, noch heute ganze Stämme der Ureinwohner ihre Unabhängigkeit bewahrt haben.

Die Miaotsze, die in sung (wilde) und schuh (zahme) eingeteilt werden, je nachdem sie etwas oder nichts von der chinesischen Kultur angenommen haben, leben in reichlich 80 verschiedenen Stämmen in Kwangtung, Kwangsi, Hunan, Jünnan und Kweitschau; man sieht in ihnen Verwandte der Siamesen und Burmanen, und vielleicht gehören die Hakkas, Fremde, die angeblich zur Zeit der Mongolen-Dynastie 1206-1368 von Kiangsu oder Schantung in die beiden Kwang eingewandert sein sollen, derselben Rasse an. Erst nach 1730 kamen die Miaotsze in Jünnan und Kweitschau unter chinesische Oberhoheit; in Kwangsi gibt es dagegen noch heute unabhängige Stämme. Die Jao oder Jau jin, die auch zu den Miaotsze gehören sollen, lebten bis zum 12. Jh. in Kwangsi und wanderten dann nach der Halbinsel Lientschau aus, wo sie eine halb unabhängige Stellung einnehmen; 1832 wurde ein von ihnen versuchter Aufstand nur mit Mühe unterdrückt.

Die andere große Gruppe der Ureinwohner, die sich erhalten hat, sind die Lolo in Sz'tschwan und Jünnan, in denen man Verwandte der Kakjen, Schan und Burmanen finden will; auch sie zerfallen in solche, die sich den Chinesen wenigstens den Namen nach unterworfen haben, und solche, die den Chinesen keinen Eintritt in ihre Berge gestatten, von denen aus sie Raubzüge in die Umgebung unternehmen.

Auch die jüngsten archäologischen Untersuchungen, die der Engländer Aurel Stein und die Deutschen Albert Grünwedel und Albert v. LeCocq im Neuen Gebiet, letzterer besonders bei Turfan, vornahmen, haben in dieser Beziehung nichts ergeben, da die Funde nur aus der Zeit von 200-700 n. Chr. stammen. Jedenfalls hat sich aber herausgestellt, daß in dem durchforschten Gebiet an der alten Handelsstraße nach Indien sich damals blühende Städte befanden, in denen eine große Anzahl Angehöriger von ganz oder teilweise unbekannten Stämmen lebte und der Buddhismus in hoher Blüte stand.

Bei diesem Mangel an bestimmten Anhaltspunkten erscheint es geraten, sich für die Beurteilung des Bildungsgrades, den die Vorfahren des das heutige China bewohnenden Mischvolkes bei ihrer Einwanderung besessen haben mögen, nach anderen Quellen umzusehen. Das zuverlässigste Zeugnis dürfte die älteste, nachahmende (hieroglyphische) Klasse der chinesischen Schrift bilden, welche die Zeichen (angeblich 608, in Wirklichkeit mehr) umfaßt, die Bilder der auszudrückenden Gegenstände waren; bei ihnen ist die Ähnlichkeit zwischen der ursprünglichen Form und dem darzustellenden Gegenstande deutlich zu erkennen. Die Erfindung dieser Schrift reicht in sagenhafte Zeit hinauf, aber bereits vor dem 4. Jh. v. Chr. hatten die hieroglyphischen Zeichen aufgehört, Bilder der Gegenstände zu sein, und an ihre Stelle waren konventionelle Zeichen getreten.

Die ältesten Zeichen sind besonders in den Zusammensetzungen mit Westen, Schaf, Kuh und Frau bedeutsam. Westen und zurückkehren bedeutet: als Richter urteilen; Westen und Erde: Opfer des Herrschers; Westen und Frau: wünschen, suchen; Westen und wertvoll: kaufen oder verkaufen (westliche Wertsachen?); Schaf und groß: gut, ausgezeichnet; Schaf und ich: Selbstgefühl, Selbstachtung (der Besitz des Schafes ein Zeichen des Ansehens); Schaf und Mann: falsch (Schafdieb?); Schaf und Fürst oder Weiser: eine Herde, Menge (Fürst als Herdenbesitzer); Schaf und Worte: genau untersuchen, über etwas reden; Schaf und Flügel: schweben, zurückschauen, würdig, ernst (geflügelter Widder?); Schaf und krank: jucken, kratzen; Kuh und bedecken: Gewahrsam. Gefängnis; zwei Kühe: Freund; Kuh und selbstsüchtig: wegnehmen (Rinderdieb?); Frau und Wahrheit: einschmeichelnd, überredend, wohlbewandert im Sprechen; eine Frau über der anderen: schön; Hände über Frau: sicher, fest, ruhig; Dach über Frau: Ruhe, Frieden, beruhigen; zwei Frauen nebeneinander: zanken, streiten: Getreide über einer Frau: unter einer schweren Last sich beugen, Last oder Amt tragen, schicken, um etwas zu tun; Frau neben Schmutz: Gattin, gehorchen; Frau und nehmen: heiraten; Mann und Feld: ein Mann.

Versucht man, sich aus den hieroglyphisch dargestellten Gegenständen sowie aus den vorstehenden


 
Zusammensetzungen ein Bild der Zustände zu machen, die zu den Zeiten der Bildung dieser Zeichen geherrscht haben mögen, so darf man auf ein von Westen her eingewandertes und noch manche, wenn auch unklare Erinnerungen an die alte Heimat bewahrendes Volk schließen oder auf ein Volk, dem von Westen gekommen war,was es an Kultur besitzt, ein Volk, das sich im Übergang vom Nomadenleben zu Ackerbau und festeren Wohnsitzen befindet. Noch aber besteht der Reichtum hauptsächlich in großen Herden; ihr Besitz gewährt Macht und Einfluß; Schaf - und
Rinderdiebstahl sind die gewöhnlichsten Verbrechen, der Gesundheitszustand, das Verlaufen eines Tieres hauptsächlicher Gegenstand des Interesses. Die Frau, die der Mann vielleicht noch mit Gewalt raubt, wird als ein untergeordnetes, neidisches, eifersüchtiges Geschöpf betrachtet, das in strenger Zucht gehalten werden muß; ihr liegen Haushalt und die niederen Geschäfte ob. Der Mann bebaut das Feld, ihm gehören Freiheit und Ansehen, der Frau Arbeit und Zurückgezogenheit.
Ein ausgebildeter (Geister- oder Ahnen-) Kultus scheint zu bestehen; wenigstens deuten die zahlreichen, in derselben Form vielfach bis auf den heutigen Tag erhaltenen Opfergefäße auf umfassende, bis ins kleinste geregelte Gebräuche.