Home

 

Sitemap

Die chinesische Baukunst
Erklärung der "umstehenden" Bauten

Kaiserpavillon Sogenannter" Tempel des Himmels", zweidachig; bei Anwesenheit des Kaisers in Kanton dessen Aufenthaltsort

In der chinesischen Baukunst tritt der Mangel an monumentaler Größe und Festig-keit nicht nur in der Leichtigkeit des Holz- und Ziegelmaterials hervor, das, wie bei den polynesischen Naturvölkern, nur in den mächtigen Terrassen- und Treppen-unterbauten monumentalen Quadern Platz macht, sondern er zeigt sich auch in dem kleinen Maßstabe der ganzen Formensprache, die selbst in Tempeln und Kaiser-palästen die räumliche Größe nur durch die Vervielfältigung und Nebeneinander-stellung kleinerer Einzelbauten in gemeinsamer Umfriedung erreicht. Ein freies Wal-ten künstlerischer Einbildungskraft wird in der chinesischen Baukunst schon durch die engherzigen und nüchternen obrigkeitlichen Bauvorschriften unmöglich gemacht, die jedem Hausbesitzer eine bestimmte, seinem Rang entsprechende Säulenzahl vorschreibt, die Verhältnisse aller Teile zueinander ziffermäßig feststellt und höch-stens in dem den Augen der Vorübergehenden entzogenen Teile des Grundstücks der Laune des Baumeisters einigen Spielraum gestattet. Die chinesische Baukunst verwendet die Wölbung, von Unterbauten abgesehen, nur für Tor- und Brücken-bauten; und auch bei diesen tritt die unechte Wölbung durch Vorkragung noch oft an die Stelle der echten Keilwölbung. Den Kuppelbau verschmäht sie fast ganz; Ansätze zu eigentümlich ausgestalteten Kuppelbauten finden sich, freilich in sehr spärlicher Anzahl, in den Kultusstätten des Himmels.

Der hölzerne Dachstuhl aller Gebäude, der im Innern manchmal offen bleibt, manchmal durch Kassettenfelder verdeckt wird, trägt das vorspringende und nach außen geschweifte Ziegeldach, wird selbst aber von einem hölzernen Stützengerüst getragen, dessen Formen in den Hauptteilen natürlich durch die Gesetze der Tek-tonik, in manchen Teilen aber auch durch die Gesetze des aus dem Flechtwerk hervorgewachsenen Gitterwerks bedingt werden. Die Mauer zwischen diesem Stützgerüst trägt nur ihre eigene Last. Sie ist , wie Semper sagt, "genau genommen nur eine in Ziegeln ausgeführte spanische Wand, ein Tapetengerüst", das so wenig tragendes und stützendes Glied sein soll, daß sie überall sorgfältig "als etwas Be-

 

wegliches, seitwärts Eingespanntes, von der Last des Daches vollkommen Unabhängiges" symbolisiert wird. Die in der Regel runden, meistens hölzernen, nur an den Kaiserpalästen wohl einmal marmornen Säulen des Stützgerüstes können daher bald vor, bald hinter, bald in die Mauer gestellt werden. Im ersten Falle bilden sie eine Veranda vor dem Gebäude, im zweiten Falle sind sie von außen gar nicht, im dritten nur als Halbsäulen sichtbar. Ihre Fußstücke pflegen aus einfachen Rundwulsten zu beste-hen; ihre Kopfstücke zeigen oft nur, wie in Indien, konsolenartige Armstützen, die manchmal die Gestalt des Drachens, des Sinnbildes des chinesischen Himmels und der chinesischen Kaisermacht, oder anderer symbolischen Fabeltiere annehmen. Im übrigen aber bildet, um abermals mit Semper zu reden, das Gitterwerk die Grundlage der Ornamentik der chinesischen Bau-kunst: als eigentliches feines Bambusgitterwerk in der Bekleidung des unteren Teiles der inneren Wände, als stärkeres Schran-kenwerk mit zierlich wechselndem, manchmal verschnörkeltem geometrischen Gemuster im äußeren Abschluß von Garten-häuschen und sonstigen luftigen Gebäuden, als tektonische Holzkonstruktion, mit Pfahl- und Astwerk wechselnd, besonders in den Geländern, die den leichten Oberbau der Gebäude dem massigen Unterbau vermählen. Für den künstlerischen Eindruck der sich hauptsächlich in waagerechter Richtung entfaltenden Gebäude aber bleibt die Vorherrschaft des weit über die Mauer-flächen hinausragenden, hohl (konkav) geschweiften Daches maßgebend.

Das gleiche Dach, daß in der Regel Walmdach ist und nur in Ausnahmefällen Giebelansätze zeigt, stets durch einander deck-ende Hohlziegel gerippt erscheint, auf den Firsten und an den Firstenden aber manchmal tönerne Schlangen-, Drachen- oder andere Tiergestalten neben reichdurchbrochenem und mit Drachenzähnen verbrämtem Balkenwerke trägt, krönt Tempel, Hüt-ten, Paläste, Türme und Tore und fehlt in schlichtester, balkenloser Gestaltung sogar auf den einfachen Umfriedungsmauern nicht. Zu den größten Eigenheiten der chinesischen Baukunst aber gehört es, daß dieses Dach, um seine Wirkung zu erhöhen, nicht selten in der Höhenrichtung verdoppelt oder gar verdreifacht wird, so daß die Gebäude verschiedene Dachstockwerke übereinander zeigen. Ja, die bekannten, Stadt und Land beherrschenden chinesischen Türme, Pagoden, erheben sich in neun bis fünfzehn Stockwerken, deren jedes durch den vorspringenden Teil eines Daches begrenzt wird; und manchmal verschwinden die senkrechten Linien dieser Stockwerke in solchem Maße hinter den Dachansätzen , daß eher Dächer, an deren Rändern Glocken hängen, als wirkliche Geschosse übereinander getürmt zu sein scheinen. Die oft ausgesprochene Ansicht, daß die chinesische Dachform eine Nachbildung des tatarischen Zeltes sei, hat Ferguson mit dem Hinweis auf die vorherrschend konische Form dieser Zelte entkräftet.

Vielmehr sieht der englische Forscher in ihr eine dem chinesischen Geschmack angepaßte besonders praktische Gestaltung,

um zugleich die Regengüsse und die Sonnenstrahlen abzuhalten. Maßgebend für den Gesamteindruck aller chinesischen Gebäude, der höchsten wie der niedrigsten, bleibt daneben das überaus reiche, oft grelle Farbenkleid, das, abgesehen von dem massiven steinernen Unterbau, die ganzen Gebäude einhüllt. Mit farbigem Stuck-bewurfe sind die Backsteinwände bekleidet; mit bunten Farben sind die Holzteile der Bauten bemalt, manchmal obendrein lackiert; die Anwendung gelb und grün glasierter Dachziegel scheint aber ein Vorrecht der Tempelbauten und kaiserlicher Anlagen zu sein.

(Größtenteils nach Karl Woermann, Geschichte der Kunst aller Zeiten und Völker, I., Leipzig 1905)

Empfangshalle
Empfangsraum (Gar-tenhaus) der Som-merresidenz des Tataren-generals, erbaut auf verwittertem Granitfelsen