zurück

Geheimnisvolles Doppelspiel um den Goldschatz von Ohm Krüger

In einem demnächst erscheinenden Buch berichtet der Autor Günter Seuren über die Jagd nach verlorenen Schätzen. Einer dieser Schätze gehörte der Buren-Regierung des Präsidenten Ohm Krüger. Von 1899 bis 1902 tobte ein blutiger Krieg zwischen Engländern und Buren in Südafrika. Die Buren verloren. Ohm Krüger floh in einem Sonderzug aus Pretoria, der Hauptstadt Transvaals, ins Exil. In dem Zug sollen angeblich auch Kisten mit Goldbarren und Diamanten aus der Bank von Pretoria im heutigen Wert von einer Milliarde Mark gewesen sein. Doch wo blieb der ungeheure Schatz?

Mit elf Jahren schoß er auf die schwarzen Krieger vom Stamm der Matabele. Das war am 16. Oktober 1836 in der Schlacht von Vegkop. Der Junge hieß Paul Krüger.

Die Matabele verteidigten ihr Land gegen die Buren, die seit 1836 mit Planwagen und Viehherden in den Norden Südafrikas vorstießen. 15 000 Buren suchten Neuland, denn im Süden, in der Kapkolonie, herrschten die Briten. Und die Buren, Nachkommen holländischer Siedler, wollten keine Untertanen der Engländer sein. So zogen sie nach Norden, in die Wildnis.

Fünf Jahre lang war Paul Krüger mit seinen Eltern in der Wagenkolonne unterwegs. Nachdem die Matabele besiegt und nach Norden ausgewichen waren, gründeten die Buren die Staaten Transvaal und Oranje.

Aus dem jungen Mann wurde später Ohm Krüger, der weißbärtige Präsident der Republik Transvaal, der gern im steifen schwarzen Gehrock auftrat und einen Zylinder trug. Die Buren nannten ihn liebevoll "Ohm", weil er wie ein guter Oheim seine schützende Hand über das Land hielt.

Als er Transvaal regierte (von 1883 bis 1900) herrschte dort ländliche Ruhe. Zwar wurde immer wieder Gold gefunden, und Goldjäger aus aller Welt durchstreiften mit Schaufel und Flinte das Land. Die gottesfürchtigen Buren jedoch wollten mit dem Metall nichts zu tun haben.

Aber Transvaal hatte Geldprobleme. Die Republik war arm. Ein armes Transvaal aber war schwach und eine leichte Beute für die landhungrigen Briten.

Da wurde im Jahr 1884, im Süden von Pretoria am Witwatersrand eine riesige Goldader gefunden. Transvaal war plötzlich reich. Das mußte die Engländer noch mehr reizen, die Burenprovinzen zu annektieren. Cecil Rhodes, seit 1890 Ministerpräsident der britischen Kapkolonie, plante ein vereinigtes Südafrika unter britischer Führung.

Der erste Umsturzversuch der Briten, organisiert von einem Dr. Leander Jameson, mißlang. Eine britische Truppe von etwa 500 Mann hatte die Grenze Transvaals überschritten, wurde aber von den Buren am 2. Januar 1896 bei Doornkop geschlagen. Rhodes mußte als Ministerpräsident der Kapkolonie abdanken, doch er blieb Krügers politischer Gegenspieler.

Rhodes hatte vor allem das Gold der Buren im Auge, die Minen und den Staatsschatz Ohm Krügers: Gold- und Silberbarren und Diamanten, die in der Bank von Pretoria lagen.

Seit den Schüssen von Doornkop war den Buren klar, daß es bald zum offenen Krieg kommen würde. Jetzt konnten sie ihr Gold gut gebrauchen. Sie kauften im deutschen Kaiserreich Mauser-Gewehre und Kanonen von Krupp.

Der letzte Versuch Ohm Krügers, die Briten zum Rückzug ihrer Truppen zu bewegen, war das Ultimatum vom 10. Oktober 1899. In London löste das Schreiben nur Gelächter und Verachtung aus: Abgelehnt.

Am 12. Oktober griffen die Buren zu Pferd, mit Infanterie und Krupp-Kanonen die unbewegliche Armee der Briten an.

Britische Panzerzüge rollten an die Front. Die Buren zogen sich zurück. Sie begannen, ihr privates Vermögen zu vergraben, Verstecke für Goldmünzen und Diamanten anzulegen.

Auf dem Vormarsch fanden britische Soldaten solche Kisten mit Privatschätzen der Buren. Weitere Kisten liegen noch immer in den Verstecken zwischen den Flüssen Vaal und Oranje. Ihre Besitzer verloren in den Wirren der letzten Kriegstage ihr Leben.

Ein britischer Journalist interessierte sich 1899 für diesen Krieg. Er war 25 Jahre alt, schrieb für die Londoner "Morning Post": Winston Churchill. Im Zweiten Weltkrieg wurde er Premierminister der Briten und Gegenspieler Adolf Hitlers.

Am 15. November 1899 stand Winston Churchill noch als Kriegskorrespondent in einem britischen Panzerzug, der von den Buren angegriffen wurde. Die Buren nahmen den Pressemann gefangen. Sie brachten Churchill nach Pretoria in eine Schule, in der britische Kriegsgefangene untergebracht wurden.

Churchills Flucht aus der Gefangenschaft der Buren ist berühmt geworden. Es heißt, daß ein Deutscher namens Theo Wild, der damals bei den Buren Lagerwächter war, Churchill zur Freiheit verhalf.

Jahre später bedankte sich Churchill mit einem Brief bei Theo Wild, der in dem Drama um Ohm Krügers Schatz eine geheimnisvolle Rolle spielen sollte.

Am 10. Januar 1900 traf der neuernannte britische Oberbefehlshaber Lord Frederick Roberts of Kandahar auf einem Schiff im Hafen von Kapstadt ein. Sein Stabschef war Lord Kitchener, und diese beiden Strategen entschieden den Krieg.

Am 5. Juni 1900 marschierten die Briten in Pretoria, der Hauptstadt Transvaals, ein. Mit Kisten voll Gold, Silber und Diamanten floh Ohm Krüger nach Ost-Transvaal, wo er in Nelspruit bis zum 1. September blieb und dann auf dem holländischen Kreuzer "Gelderland" Südafrika für immer verließ. Im Schweizer Exil starb er am 14. Juli 1904.

Als Pretoria in die Hände der Briten fiel, meldeten die internationalen Presse-Agenturen, Präsident Ohm Krüger habe den Staatsschatz in seinem Sonderzug mitgenommen. Sein Berater, der Jurist und General Jan Smuts, habe die Angestellten der Staatsbank von Pretoria aufgefordert, ihm alles verfügbare Gold, das Silber und die Diamanten zu übergeben.

Nach dem verlorenen Krieg war es die Absicht der Buren, Größe und Fluchtweg des Schatzes zu verschleiern, um nicht die Briten auf seine Spur zu bringen. Nach heutiger Schätzung hat der Burenschatz einen Wert von mehr als einer Milliarde Mark.

Die großen Städte der Buren waren in der Hand der Briten:

Pretoria, Johannesburg und Bloemfontein, die Hauptstadt des Oranje-Freistaates. Aber die Buren kapitulierten nicht. Sie gingen zum Guerillakampf über.

Lord Kitchener führte daraufhin den Krieg der "verbrannten Erde". Die Höfe der Buren, ihre Ernte, Wagen, Vorräte gingen in Flammen auf. Die Frauen und Kinder wurden in "Concentration Camps" zusammengetrieben. In diesen ersten Konzentrationslagern der Geschichte waren die hygienischen und medizinischen Zustände so katastrophal, daß es zu einem Massensterben kam: 6000 Frauen und 25 000 Kinder überlebten diese Lager nicht.

Die letzten Burenkommandos kapitulierten. Am 31. Mai 1902 wurde in Pretoria der Friedensvertrag unterzeichnet.

In den Berichten der britischen Soldaten, die die Gefangenenlager bewachten, war immer wieder von einem oder mehreren großen Schätzen die Rede. Die Briten haben diese Schätze nie gefunden, auch nicht den Schatz Ohm Krügers.

Gesehen hat diesen Schatz ein gewisser H. W. Seaward, der damals, als der Schatz verladen wurde, ein kleiner Junge war. 1953 machte er Schlagzeilen, als er der Presse in Johannesburg erzählte, was in jener Nacht geschah: Er hörte den Kanonendonner der britischen Offensive vor den Toren Pretorias. Er hatte Angst, und sein älterer Bruder brachte ihn in einem Zug unter, der mit dampfender Lokomotive auf die Abfahrt wartete.

Der Junge sah aus seinem Versteck, wie ein großer Karren hielt, der von Mauleseln gezogen wurde. Seawards Bruder überwachte das Verladen eisenbeschlagener Kisten, es waren so viele, daß der Junge sie nicht zählen konnte.

Dann rollte der Zug in die dunkle Nacht. Er hielt an einem Fluß. Die beiden letzten Wagen, in denen die Kisten gestapelt waren, blieben stehen. Der elegante Salonwagen fuhr weiter. Seaward hörte von seinem Bruder: "Da vorn sitzt Ohm Krüger. Bete für ihn."

Aber Seaward vergaß das Beten und sah zu, wie die Kisten, von einem Trupp Buren am Flußufer vergraben wurden.

Jahrzehnte hatte Seaward geschwiegen. Erst als alter Mann, als 65jähriger, machte er seine Geschichte bekannt. Er verlangte von der Regierung der Südafrikanischen Union eine offizielle Erlaubnis, den Schatz zu bergen. Aber die lehnte seine Anträge, die Schatzsuche auch noch zu finanzieren, ab.

Seaward sagte vor der Presse: "So wahr ich hier stehe - ich habe Ohm Krügers Gold gesehen. Die Lokomotive hat am Ufer des Vaal gehalten, an der Stelle, wo er in den Vrystaatsesee fließt. Ich bin zu alt, um allein hinauszugehen. Und selbst wenn ich es könnte, ich würde nicht gehen. Da draußen hat Ohm Krüger seine Wächter, die lassen keinen an die Schatzkiste ran." In der Öffentlichkeit galt Seaward als Narr.

Aber es gab noch einen anderen, der Ohm Krügers Schatz gesehen hatte: Theo Wild, der deutsche Lagerkommandant, der dem jungen britischen Journalisten Churchill im Jahr 1899 zur Flucht verholfen hatte.

Gegen Ende des Krieges wurde Wild zu einem Sondereinsatz abkommandiert. Nach seiner Aussage hat er eines Nachts im Buschland nahe bei der Stadt Vereeniging beobachtet, wie neben dem Zug, den seine Gruppe zu bewachen hatte, ein zweiter Zug hielt und schwere Kisten, die angeblich Munition enthielten, auf Mauleselkarren verladen wurden.

Die Kameraden riefen ihm zu: "Faß mal mit an."

Er merkte, daß die Munitionskisten so schwer waren wie nie zuvor. Was konnte schwerer sein als Granaten?

Gold! Theo Wild hat viele Jahre später erzählt, es habe sich um zehn bis zwanzig Tonnen Gold gehandelt, vielleicht auch mehr, er wollte sich da nicht festlegen.

Das Gold, versicherte der 80jährige Wild, sei auf den Mauleselkarren in die Gegend von Naboomspruit gebracht worden. Wild begleitete den Transport und schaufelte mit den anderen eine tiefe Grube.

Er hatte damals gehört, daß zwei Schätze versteckt wurden. Der andere Schatz liegt, wie Wild gehört hatte, dort, wo der Vaal in den Vrystaatesee fließt. Und das ist genau der Platz, den auch H. W. Seaward 1953 in Johannesburg nannte.

Warum hat Theo Wild nie versucht, den einen oder anderen Schatz aus dem Versteck, zu holen? Sein Kommentar auf diese Fragen war stets: "Es ist ungefährlicher, einen Löwen zu schießen, als Ohm Krügers Gold auszugraben."

Theo Wild hielt sich aber nicht an seine Worte. Er setzte sich eines Tages ans Steuer seines Wagens und fuhr nach Pretoria. Er wollte dort ein großes Geschäft machen, deutete er an. Und dann verunglückte Wild auf dem Rückweg. Sein Wagen fuhr gegen einen Baum. Seltsam aber: Wild hatte eine Kugel im Kopf. Hatte er sein Geheimnis verraten wollen?

Wild hatte immer gesagt, man solle die Toten ruhen lassen. Aber er fand keine Ruhe, nicht einmal im Grab. Denn es begann ein Spiel mit doppelten Rollen.

In Deutschland machte 1965 ein anderer Theo Wild Schlagzeilen. Er erzählte haargenau dieselbe Geschichte. Auch er hatte Ohm Krügers Schatz vergraben. Auch er hatte Winston Churchill im Gefangenenlager bewacht, ihm zur Flucht verhelfen und besaß einen Dankesbrief von Churchill.

Als junger Mann hatte er in Kimberley und am Witwatersrand nach Diamanten und Gold gesucht. Dann trat er in die Polizeitruppe der Buren ein, später begleitete er als Wachsoldat Ohm Krügers Sonderzug und den Schatz bis zum Versteck.

Jetzt saß er in einem Altersheim in Idar-Oberstein und wunderte sich, daß er im fernen Südafrika einen Doppelgänger hatte.

Wer war der Tote am Steuer des Wagens? Wer hatte den Mann getötet? Wer war der richtige Theo Wild? Der im Grab von Naboomspruit? Der im Altersheim von Idar-Oberstein?

Hatte da jemand ein doppeltes Spiel gespielt, um die Spur von Ohm Krügers Schatz für alle Zeiten zu verwischen?

Quelle: Welt am Sonntag, 26. März 1989, S. 25 von sykr by Jadu 2003