zurück

Fünfzehntes Kapitel

Eine dichte Menschenmenge hielt die Kais besetzt, als der niederländische Kreuzer ,Gelderland' am 22. November 1900 auf der Reede von Marseille vor Anker ging. Das Schiff hatte über die Toppen geflaggt und zeigte neben der holländischen und französischen Fahne auch den Vierkleur. Die ,Gelderland' hatte den Präsidenten der Transvaal-Republik von Lorenco Marquez nach Europa gebracht.

Als sich das Motorboot mit Paul Krüger an Bord der Hafentreppe näherte, brachen die Zuschauer in laute Beifallsrufe aus. Georges Pauliat, der Vorsitzende des ,Komitees zur Unterstützung der Buren”, betrat die Tribüne und begann die Blätter seines Manuskriptes zu ordnen.

Der Präsident stützte sich auf den Arm seines Staatssekretärs, als er, unsicheren Schrittes und vorsichtig mit dem Stock tastend, die Stufen heraufstieg. Das entblößte Haupt mit den fast erblindeten, hinter der dunklen Brille verborgenen Augen hielt er lauschend erhoben. Obgleich sein Rücken gebeugt war, stand er doch wie ein Turm zwischen den zierlichen südfranzösischen Gestalten der Offiziere und Polizeibeamten, die mit ihm zugleich das Motorboot verlassen hatten.

Als die Ovationen sich gelegt hatten, begann Pauliat seine Begrüßungsansprache. In warmen, wohltönenden Worten schilderte er die Sympathien der französischen Nation für die um ihre Freiheit ringenden Buren. Für ihn und seine Zuhörer war es selbstverständlich, daß kein Land der Welt so heiß und inbrünstig die Sache der kleinen, unterdrückten Völker vertrat wie Frankreich, wo das Herz jedes einzelnen Bürgers ein Tempel der Freiheit und der Gerechtigkeit war. Mit den Beifallsstürmen, die seine rollenden Perioden begleiteten, schien die Menge oft mehr sich selber und den eigenen Edelmut zu feiern als das ferne Burenvolk am anderen Ende der Welt. — Krüger, der nicht Französisch verstand, lauschte geduldig und wartete, den umflorten Zylinder in der Hand, auf das Ende der Rede und die Übersetzung seines Dolmetschers. Dr. Leyds konnte sich indessen eines trüben Lächelns nicht erwehren. Er, der seit einem halben Jahr von einer Hauptstadt des Kontinents zur anderen reiste und jetzt dennoch mit leeren Händen vor seinem Präsidenten stand, wußte, daß das offizielle Frankreich nicht helfen konnte, gar nicht zu helfen wagte. Geld, Medikamente und ein paar Ärzte und Krankenpfleger, das war alles, was Europa den Buren in Wirklichkeit zu bieten hatte.

Dennoch hatte er die Europareise Krügers in amtlichen Telegrammen und persönlichen Briefen eifrig befürwortet. Denn wenn auch auf eine Unterstützung durch die Regierungen nicht mehr gerechnet werden konnte, so bestand doch noch die Hoffnung, mit Hilfe der öffentlichen Meinung wenigstens ein Eingreifen und einen Schiedsspruch des Haager Gerichtshofes zu erzwingen. In allen Ländern hatte sich die Volksphantasie der Gestalt Paul Krügers bemächtigt. Millionen Menschen, die noch an eine Gerechtigkeit glaubten, und deren Gewissen gegen die Verfälschung der politischen Moral durch einen alles zersetzenden Kapitalismus revoltierte, hatten seinen Namen auf ihre Fahne geschrieben. Der greise Burenpräsident war der Held einer Rebellion geworden, die von den Regierungen vorläufig noch mißachtet wurde, die aber doch schon das Wetterleuchten einer neuen Zeit war.

Daher konnte die Anwesenheit des Präsidenten in Europa der Sache der Buren von allergrößtem Nutzen sein. Für die Kämpfenden dagegen bedeutete seine Abreise aus dem Kriegsgebiet nur eine Entlastung. Denn die Regierungen der Burenstaaten waren inzwischen heimatlos geworden. Die Kapitulation Cronjes, die am Abend des Tages von Majuba erfolgte, hatte den Engländern den Weg nach Bloemfontem, der Hauptstadt des Oranje-Freistaates, geöffnet. Dadurch aber waren auch die vorgeschobenen Stellungen, die die Armeen der beiden Republiken im Süden und Osten einnahmen, unhaltbar geworden. Die Belagerung von Ladysmith und Mafeking mußte aufgehoben werden, und an allen Fronten erfolgte ein Zusammenbruch. Im Mai hatte sich die Transvaal-Regierung zur Räumung von Pretoria entschließen müssen und war, den Geleisen der Delagoä-Bahn folgend, vor den nachdrängenden Briten immer weiter nach Osten zurückgewichen. Bald gab es für den greisen Präsidenten, dessen Augenleiden sich verschlimmerte und der nicht einmal mehr reiten konnte, im ganzen Lande keinen sicheren Aufenthaltsort mehr. Um den Kampf fortsetzen zu können, mußte die Kriegführung auf ganz neue Grundlagen gestellt werden. Die Fronten verschwanden, und die großen Armeen lösten sich in kleine, schnell bewegliche Einzelabteilungen auf, die nun zwischen den britischen Heeren und in deren Rücken einen erbitterten Guerillakrieg begannen. In diesem Kampf auf Tod und Leben befand sich die Zentrale überall und nirgends. In einem Zelt, das, tief im Buschwald versteckt, der Aufmerksamkeit der feindlichen Streifen entging, oder im Sattel bei den Kommandos De Wets und De Lareys, die sich hinter dem ,eisernen Besen' Lord Roberts immer von neuem zu tollkühnen Vorstößen und Überfällen auf die gegnerischen Verbindungslinien sammelten, wurde von nun an über die Geschicke der Burenstaaten entschieden. Das Herz Transvaals schlug jetzt in der Brust eines jeden seiner kämpfenden Söhne.

Paul Krüger aber war die Stimme des gequälten Landes. Im Busch und auf dem einsamen Velt mußte diese Stimme stumm bleiben; in Europa aber, das Worte und Symbole brauchte, wenn sein Gewissen erwachen sollte, konnte sie vielleicht eine mächtige Resonanz finden. So hatte sich der Präsident schließlich von seinen Freunden zu dieser Reise überreden lassen. Eine Staroperation, die sich als unbedingt notwendig erwies, jedoch nur in Europa vorgenommen werden konnte, bildete nur den Vorwand für das Unternehmen, das im Grunde ein politisches war. Aber man mußte befürchten, daß andernfalls die neutralen Mächte, die einem starken englischen Druck ausgesetzt waren, Einwendungen und Schwierigkeiten gemacht hätten.

Herr Pauliat hatte jetzt seine Rede beendet. Als Paul Krüger den Dolmetscher angehört hatte, ließ er einen Augenblick den Kopf auf die Brust sinken. Die Ansprache enttäuschte ihn, denn sie enthielt nur nichtssagende, unverbindliche Phrasen. Es war viel von Mitleid und Bewunderung die Rede sowie von herzlichen Wünschen. Aber keine Anklage gegen England, kein einziges greifbares Hilfsversprechen! War dies das Gewissen Europas, das sich an Worten Genüge tat und am Schwung seiner Gefühle berauschte, wahrend das vergossene Blut in Afrika immer höher stieg? Er schämte sich für diese Menschen und empfand seine Reise fast wie eine Fahnenflucht.

Dann aber besann er sich auf seine Pflicht und straffte den schmerzenden Rücken. Er antwortete dem Vorsitzenden in holländischer Sprache. Und die Menge lauschte atemlos, obwohl ihr die rauhen, kehligen Laute fremd und unverständlich waren. Jedermann begriff plötzlich, daß dieser hünenhafte Greis, den die herbe Luft Afrikas und eines unvorstellbar grausamen Kampfes umwitterte, etwas ganz anderes forderte als rauschende Kundgebungen. Viele erinnerten sich daran, daß ihre Väter einst, die Marseillaise auf den Lippen und den Glauben an die Gerechtigkeit im Herzen, nach Norden marschiert waren. Aus der Menge erhob sich ein Murren, und zornige Rufe gegen England wurden laut.

Herr Pauliat wurde unruhig. Und diese Unruhe steigerte sich zu tödlicher Verlegenheit, als jetzt der Dolmetscher die Worte Krügers ins Französische übertrug. Das Komitee war vom Außenministerium strengstens angewiesen worden, jede Art von Kundgebung zu vermeiden, die das befreundete England beleidigen könnte. Der Übersetzer war instruiert und ging über die schärfsten Stellen der Rede hastig und mit leiser Stimme hinweg. Dennoch erfuhr das Volk, daß die Briten, da es ihnen nicht gelang, den Männern die Waffen zu entwinden, jetzt zum Kampf gegen Frauen und Kinder übergegangen waren, und daß Lord Roberts sich nicht scheute, die Kaffern zu bewaffnen und auf die schutzlosen Farmen loszulassen. Als eine Kapelle die Burenhymne zu spielen begann, wurde die Menge von einer fast revolutionären Raserei ergriffen. Man ließ Krüger leben, schrie nach Waffen für die Buren und forderte stürmisch das Schiedsgericht im Haag, auf das der Präsident angespielt hatte. Einige hundert Hafenarbeiter in blauen Blusen riefen ununterbrochen im Chor: „Arbitrage, Arbitrage!” und stampften dazu mit den Füßen.

Georges Pauliat hatte es auf einmal sehr eilig, die Kundgebung zu beenden. Er kletterte von seinem Podium herunter und überreichte dem Präsidenten eine große goldene Medaille, die die Inschrift trug: ,Zur Erinnerung an den Empfang durch das Komitee zur Unterstützung der Buren´.

Krüger wog die Plakette zweifelnd in der Hand und meinte auf kapholländisch zu Dr. Leyds: „Hoffentlich ist das kein Gold vom Witwatersrand.”

Pauliat, der wohl meinte, der Präsident habe die Schönheit der Medaille gelobt, lächelte geschmeichelt. Dann winkte er eilig den Wagen heran, der die Gäste ins Hotel bringen sollte.

Am Abend fand das unvermeidliche Bankett zu Ehren der Burenabordnung statt. Paul Krüger nahm nicht daran teil; er hatte sich mit dem Hinweis auf die traurige Lage seines Landes entschuldigt und ließ sich durch Leyds vertreten. Während er schlaflos auf dem Bett lag, hörte er Musik und Stimmengewirr von unten heraufklingen. Vor seinen Augen, die am Tage wie mit grauen Schleiern bedeckt waren, stiegen die Bilder der Reise und der letzten in der Heimat verlebten Wochen mit schmerzhafter Deutlichkeit auf.

Da war die beklemmende Stunde der Flucht aus Pretoria. Er hatte Sannie, die krank war und nicht reisen konnte, in der beinahe ausgestorbenen Stadt zurücklassen müssen. Als der Zug, der für die nächsten Wochen die Regierung des Landes beherbergen sollte, den Bahnhof verließ, erzitterten die Scheiben unter dem Donner der britischen Geschütze. Inmitten einer geschlagenen, zurückflutenden Armee, zwischen Lazarettzügen und Materialtransporten aller Art, war er der portugiesischen Grenze entgegengefahren, auf den Geleisen seiner Delagoa-Bahn, die er vor fünf Jahren so stolz eröffnet hatte, und die nun die einzige Verbindung des Landes mit der Außenwelt darstellte.

Dann folgten die Etappen des Rückzuges. In Machadedorp, auf der baumlosen, staubigen Ebene Osttransvaals, hatte ihn die Nachricht vom Tode Piet Jouberts erreicht. In Retspruit, das auf den eisigen, windgepeitschten Höhen der Drakensberge lag, warf ihn ein neuer Anfall von Gelenkrheumatismus aufs Lager. Der Zug war weitergefahren nach Komati Point, der letzten Bahnstation vor der portugiesischen Grenze. Hier hatte er, nach einer langen Beratung mit dem Freistaat-Präsidenten Steyn und den Generälen, den endgültigen Entschluß zur Reise nach Europa gefaßt.

Die Männer, die ihm bis zur portugiesischen Grenze das Geleit gaben, gehörten bereits einer anderen Generation an, und Krüger fühlte dunkel, daß sich in ihnen ein neues Burengeschlecht ankündigte; nicht weniger hart und volksbewußt, als es die Väter waren, aber aufgeschlossener für die Erfordernisse der Zeit und durch eine nähere Berührung mit dem Gegner im Haß geschult. Viele stammten aus der Kapkolonie oder aus Natal und wurden, da sie eigentlich britische Untertanen waren, vom Feinde als Rebellen bezeichnet. Da war der achtunddreißigjährige Louis Botha, der ursprünglich für eine Verständigung mit England eingetreten war, der aber nun, nach dem Tode Jouberts, den Oberbefehl übernommen hatte und mit unbeugsamer Energie den Guerillakrieg, den Verzweiflungskampf bis zum letzten Blutstropfen, organisierte. Neben den dunklen, fast weichen Zügen dieses Hugenottenabkömmlings erstanden vor Krügers Augen das kluge Gesicht Hertzogs und der jugendliche Apostelkopf des Reitergenerals Christian De Wet.

Damals, beim Abschied, hatte er die Männer auf dem Bahnsteig nur verschwommen wahrgenommen, denn ein Tränenschleier hatte den Blick seiner kranken Augen noch mehr getrübt. Heute aber sah er die Generäle in ihren zerfetzten und verdreckten Kleidern wieder zum Greifen deutlich vor sich. Und zwischen ihnen standen unsichtbar die Toten und die vielen anderen, die nach St. Helena, nach Ceylon oder auf die Bahamas in die Gefangenschaft gewandert waren: Joubert und Cronje, die Deutschen Graf Zeppelin, Albrecht und Schiel und der französische Oberst Villebois-Marceuil.

Dann kamen die qualvollen Wochen des Wartens in Lorenjo Marquez. Der portugiesische Gouverneur, den die Furcht vor dem Zorne Englands völlig kopflos gemacht hatte, zwang ihn, aus dem niederländischen Konsulat in das Gebäude der Kolonialverwaltung überzusiedeln, wo er wie ein Gefangener bewacht wurde. Seine Begleitung wurde von ihm getrennt, und niemals durfte er Besuche empfangen. Seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag verbrachte er einsam unter lauter gelbgesichtigen Portugiesen. Die stürmische Fahrt auf dem kleinen Kreuzer ,Gelderland', der nicht für die Aufnahme von Passagieren eingerichtet war und sich im Roten Meer in einen glühenden Eisensarg verwandelte, empfand er schließlich wie eine Erlösung.

Und doch hätte er gern noch viel Schwereres ertragen, wenn er nur überzeugt gewesen wäre, daß diese Reise seinen Buren ein wenig nutzen konnte. Aber nach den Erfahrungen des heutigen Tages begann er am Erfolg seiner Mission zu zweifeln. Das Gefühl von Fremdheit und Unsicherheit, das ihn schon bei seinen früheren Europabesuchen befallen hatte, kehrte wieder. War es denn möglich, daß Menschen ganz anders dachten und sprachen als sie handelten? Konnte eine Welt Bestand haben, in der solche Unterschiede zwischen Schein und Wirklichkeit klafften? Kein Zweifel, Europa war krank; und Transvaal, für dessen Bewohner Denken und Handeln ein und dasselbe bedeuteten, war gesund. Aber wenn das so war, weshalb mußte dann Transvaal verbluten, während Europa in Frieden und Wohlstand lebte? Dieser geheimnisvolle, zwiespältige Kontinent schien ihm das Gesicht Cecil Rhodes' zu tragen, das lächelnde Antlitz des triumphierenden Bösen.

Krüger erschrak, denn er fühlte, daß er an der Kraft der göttlichen Gerechtigkeit zu zweifeln begann. Er betete und zwang seine Gedanken, in die Heimat zurückzukehren. Als er sich das endlose Veit mit seinem hohen, sternenübersäten Himmel vorstellte, als er in Gedanken wieder die reine, mit dem Rauch ferner Steppenbrände gewürzte Luft der südafrikanischen Hochebene atmete, wurde er ruhiger. Er sah die Reiter durch das feuchte, mannshohe Gras traben, hörte die Sättel knirschen und roch´ Pferdeschweiß, beizenden Tabak und süßes Maisbrot. Sein Herz klopfte wieder stark und gleichmäßig.

Kurz vor Mitternacht kam Leyds und saß noch einige Minuten am Bett des Präsidenten.

„Glauben Sie, daß es recht von mir war, hierher zu fahren?” fragte Krüger nach einer Weile.

Leyds suchte ihn zu beruhigen. Sicherlich werde dem Präsidenten gelingen, was bisher weder er selbst noch irgendein anderer fertiggebracht habe. Und er wisse doch, wie unsicher die Verhältnisse zur Zeit in der Heimat seien.

„Denken Sie nur”, sagte Krüger wehmütig, „da habe ich nun dieses große Land erobern helfen und zwanzig Jahre lang regiert. Und nun ist dort nicht einmal mehr Platz für einen alten Mann.”

Leyds blickte zu Boden. So zuversichtlich wie möglich meinte er: „Ihre Reise wird ein Triumphzug werden. Ich habe jetzt vom Komitee das ganze Programm bekommen.” Und er begann die lange Liste der vorgesehenen Empfänge, Kundgebungen und Bankette herunterzulesen. Aber plötzlich unterbrach er sich. Vom Bett her kam ein qualvoller Laut, halb ein Schluchzen, halb ein bitteres Lachen.

„Ach, Leyds”, flüsterte Paul Krüger, „wenn Sie wüßten, wie mir zumute ist. Glauben Sie mir — auch ein Triumphzug kann ein Weg nach Golgatha sein.”

Der Staatssekretär stand schweigend auf und löschte das Licht. Er konnte den Anblick des alten Mannes nicht ertragen, der mit den Augen eines Gemarterten ins Leere starrte.

Der Weg nach Golgatha war lang und bitter, obwohl er mit Blumen buchstäblich übersät war. Von Marseille führte die Reise über Lyon nach Paris. Auf allen Stationen, ja selbst an den Bahndämmen drängten sich die Menschen zu Tausenden, eine einzige Kette aufgerissener Mäuler und geschwungener Hüte. Wenn nur die Hälfte von ihnen nicht schreien, sondern kämpfen wollte, wäre Transvaal gerettet — dachte Krüger voll Bitterkeit. Der ununterbrochene Reigen aus Gebrüll, öligen Reden und schmetternden Militärmärschen verfolgte ihn bis in seine Träume; es war, als wolle Europa mit diesem Gelärme das Knattern der Gewehre und die Schreie der Verwundeten übertönen.

In Paris wurde er vom Präsidenten der Republik empfangen. Die Unterredung verlief sehr herzlich bis zu dem Augenblick, da Krüger auf den Haager Gerichtshof zu sprechen kam. Außenminister Delcasse, der gleichfalls zugegen war, setzte ihm schonend auseinander, weshalb Frankreich in dieser Sache unmöglich die Initiative ergreifen könne. Die Politik des Landes werde durch das ,delikate' Verhältnis zu seinem östlichen Nachbarn bestimmt. Ein Vorstoß in der Burenfrage müsse Frankreich unvermeidlich isolieren und Großbritannien in die Arme Deutschlands treiben. Wenn allerdings der deutsche Kaiser und der Zar von sich aus... Krüger, den Leyds bereits auf diese Wendung vor bereitet hatte, ließ das Thema fallen und begann vom Roten Kreuz zu sprechen.

Er blieb etwa eine Woche in Paris. Vor seiner Abreise nach Brüssel besuchte er das verödete Gelände der Weltausstellung und ließ sich zum Pavillon der Transvaal-Republik führen. Lange stand er vor dem kleinen, anspruchslosen Bauwerk im holländischen Stil. Er sah, daß die Gipsfassade schon abzublättern begann und große Risse zeigte. Die Fenster waren zum größten Teil zerbrochen. Es war ein trüber, regnerischer Novembertag; im Wind raschelten welke Blätter und zerknülltes Zeitungspapier über die menschenleeren Asphaltplätze. Im Hintergrund stand, schön und zwecklos, der Eiffelturm, ein Symbol des neuen Frankreich, das durch glanzvolle Repräsentation seine innere Schwäche und Orientierungslosigkeit zu verdecken suchte. Auch die vielen Kundgebungen, denen er in den letzten Tagen hatte beiwohnen müssen, waren aus diesem Geist geboren. Er begann, die glänzende Theaterregie zu durchschauen, die hier gewaltet hatte. Die Regierung, die um das englische Wohlwollen besorgt war, gleichzeitig aber der Stimmung der Massen Rechnung tragen mußte, inszenierte eine Reihe prachtvoller Vorstellungen mit dem greisen Burenpräsidenten als Hauptakteur, damit die Menge sich austoben und im Beifall ihr schlechtes Gewissen betäuben konnte.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Brüssel trat Krüger die Weiterreise nach Berlin an. Hier hoffte er, wirkliche Hilfe zu finden, und nicht einmal Dr. Leyds vermochte es, ihm seinen Glauben an die Deutschen auszureden.

Aber in Köln erlebte er die bitterste Enttäuschung seiner Reise. Ein Beamter der Reichsregierung überbrachte ihm die Nachricht, daß der Kaiser sich außerstande sehe, ihn in Berlin zu empfangen. Auch sei ein Deutschlandbesuch des Präsidenten im Augenblick nicht erwünscht. Von der russischen Regierung erhielt er eine fast gleichlautende Mitteilung.

Nun wußte er, daß die Mächtigen Europas keinen Finger für die Buren rühren würden. Wohl hatten es die Massen begriffen, daß Transvaal weit mehr war als eine kleine, unwichtige Figur auf dem Schachbrett der großen Politik; das eitle Spiel vom »Gleichgewicht der Völker* war dem wirklichen Volke fremd, denn sein unverdorbener Instinkt witterte bereits die Ohnmacht, die sich hinter dem Scheinfrieden der Mächte verbarg. Aber in diesem Europa waren die Volker und die Regierungen nicht dasselbe, und nur in Demonstrationen konnte die Menge, unbekümmert um die Verlegenheit der politischen Führung, ihrem Groll und ihrer Empörung Luft machen.

Der Präsident fuhr noch am gleichen Abend nach Holland weiter. Aber während der wenigen Stunden, die sein Zug auf deutschem Boden stand, erfuhr er so viele Beweise warmer Sympathie und echter Hilfsbereitschaft, daß in ihm die Gewißheit wuchs: das Band, das Buren und Deutsche miteinander verknüpfte, war unzerreißbar. Gleiches Blut forderte auch ein gleiches Geschick. Hier wuchs eine Welt herauf, die, wenn sie in den Kampf um die Freiheit der Buren auch nicht eingreifen durfte, die südafrikanische Tragödie doch als eine Mahnung und eine Verpflichtung begriff. Vielleicht würde der Geist eines Cecil Rhodes einmal von hier aus überwunden werden.

Schon Anfang Juni 1900, nach der Besetzung von Bloemfontein, Johannesburg und Pretoria, hatte Lord Roberts zuversichtlich nach London berichtet, er hoffe, die beiden Burenrepubliken bis Ende August liquidieren zu können, und beabsichtige, die Zahl seiner Truppen bis zum Herbst auf fünfzigtausend Mann herabzusetzen. Aber der Siegesjubel, der daraufhin in England und besonders an der Londoner Börse ausbrach, erwies sich als verfrüht. Schon im Herbst flammte der Widerstand der Buren von neuem auf. Völlig abgeschnitten von der Welt und mit der Zeit fast vergessen, entfesselten sie mit ihren schwachen Kräften einen erbitterten Kleinkrieg und zwangen die Engländer, ihre Armee nicht, wie Lord Roberts großartig versprochen hatte, zu verkleinern, sondern sie im Gegenteil auf fast dreihunderttausend Mann zu erhöhen. Louis Botha und Christian De Wet hielten das britische Oberkommando ständig in Atem, und letzterer drang sogar mehrfach bis tief in die Kapkolonie und in die unmittelbare Nähe von Kapstadt vor.

England, das den Krieg unter allen Umständen beenden wollte, sah sich schließlich zu Maßnahmen gezwungen, die allen Grundsätzen des Völkerrechts ins Gesicht schlugen und in der bisherigen Kriegsgeschichte zivilisierter Nationen ohne Vorgang waren. Obgleich die Burenstaaten nach wie vor über aktionsfähige Regierungen verfügten und ihre Heere ungeschlagen im Felde standen, wurden der Freistaat und später auch Transvaal zu britischen Kronkolonien erklärt. Von nun an galten die Burenkommandos als Rebellenbanden; ja mehr noch: man machte die Zivilbevölkerung für ihre Kriegshandlungen verantwortlich. Wo ein Telegraph zerstört oder ein Blockhaus der britischen Armee gesprengt wurde, ließen Lord Roberts und Kitchener die benachbarten Farmen ausrauben und in Brand stecken. Die Bewohner dieser Gehöfte — Frauen, Kinder und kampfunfähige Greise — wurden ,zu ihrem eigenen Schutz' in Konzentrationslager geschafft. Ebenso erging es den Angehörigen derjenigen Buren, die sich weigerten, den Neutralitätseid abzulegen (der sie übrigens nicht, wie man hätte annehmen sollen, vor der Deportation nach St. Helena oder Ceylon schützte). Aber alle diese Brutalitäten verdoppelten nur noch den Selbstbehauptungswillen der Buren. Nun erst begriffen sie, daß es den Engländern gar nicht um einen militärisch-politischen Sieg zu tun war, sondern um die völlige Ausrottung der holländischen Bevölkerung Südafrikas und um die Zerstörung ihrer Lebensquellen. Die Welt, sofern sie nicht absichtlich die Augen vor diesen ungeheuerlichen Tatsachen verschloß, erlebte das Schauspiel eines Kampfes, der von der einen Seite mit ständig wachsender Verrohung und Gewissenlosigkeit, von der anderen aber mit einem unvergleichlichen Heroismus geführt wurde.

Die Einrichtung der Konzentrationslager, die von den Buren ,Exterminationslager' genannt wurden, bewährte sich so vorzüglich, daß Kitchener sich entschloß, sie in Zukunft zum Angelpunkt der Kriegführung zu machen. Er erfand die Methode der ,sweepings'. In breiter Front kämmten die Truppen ganze Provinzen durch. Sie steckten die Farmen, die auf ihrem Wege lagen, zu Hunderten in Brand, schössen das Vieh nieder, vernichteten die Ernten und Vorräte und schleppten die Bewohner in die Sammellager, wobei sie ihnen nicht einmal gestatteten, das zum Leben Notwendigste mitzunehmen.

Und nun begann zwischen Limpopo und Oranjefluß das große Sterben. An der Front waren es zwar die Engländer, die zu Hunderten unter den Kugeln der Buren fielen; aber sie rächten sich, indem sie die Frauen und Kinder ihrer Gegner der Vernichtung preisgaben. England besaß Waffen, und es konnte auch, wenn es sein mußte, ein paar tausend Männer verlieren. Aber es war nicht fähig, den heiß begehrten südafrikanischen Boden mit der nötigen Anzahl von Siedlern angelsächsischen Blutes zu versorgen. Darum mußte das Volk, das den Briten das Land auf Grund älterer Rechte streitig machte, an der Wurzel verfaulen.

Im Frühjahr 1902, als der Krieg in den letzten Zügen lag, befanden sich in den südafrikanischen Konzentrationslagern etwa achtzigtausend Frauen, Kinder und Nichtkämpfer. Eigentlich hätten es mehr sein müssen. Aber inzwischen waren über zwanzigtausend in die Friedhöfe hinübergewandert, die sich stets in der nächsten Nachbarschaft dieser organisierten Fegefeuer befanden und ihren Bewohnern zwar noch etwas weniger Raum, dafür aber Ruhe und Erlösung von ihren Qualen boten. Es gehörte nicht einmal ein besonders ausgeprägter Sadismus dazu, um diese Massenhinrichtungsmaschine ordnungsgemäß arbeiten zu lassen. Man brauchte nur Menschen, die an Raumverschwendung, reichliche Nahrung und Freiheit gewöhnt waren, bei magerer Kost in Zeltstädten zusammenzupferchen und sie den Einwirkungen eines ungesunden Klimas und der zahllosen, stets angriffsbereiten Seuchen Afrikas auszusetzen, um den gewünschten Erfolg zu erzielen. Das einzig Verwunderliche war nur die Zähigkeit, mit der die Mehrzahl der Eingeschlossenen die Strapazen ertrug. Neben der natürlichen Vitalität dieses Volkes war es wohl Haß und Hoffnung, die die Gefangenen bis zum letzten Tage aufrechterhielten.

Es waren nun anderthalb Jahre vergangen, seit man Maria Grobler in das Lager von Riensloo im nordwestlichen Transvaal gebracht hatte. Sie hatte inzwischen erfahren, daß sogar das Leben in der Hölle zur alltäglichen Gewohnheit werden kann. Anfangs hatte sie um das Kind getrauert, das in den ersten Monaten der Internierung an Typhus gestorben war. Heute aber waren die kurzen Monate ihrer Ehe mit Andreas, die Farm, die sie sich nach achtjährigem Warten errichtet hatten, und die Tage der Freiheit für sie nur noch ein ferner Traum. Nach den ersten Monaten einer tiefen Niedergeschlagenheit und nach einem mißglückten Selbstmordversuch hatte sie, inmitten einer Welt des Todes und der Vernichtung, einen ungestümen Lebenswillen in sich aufkeimen fühlen. Die Hoffnung auf eine Zukunft, für die sie sich bewahren mußte, obgleich sie ihr keinen Namen zu geben vermochte, reifte in Maria wie eine Frucht. Das hagere Gesicht der Siebenundzwanzigjährigen, deren blondes Haar einzelne graue Strähnen durchzogen, konnte manchmal den verträumten Ausdruck einer Schwangeren annehmen. Und selbst die verrohten Wachtmannschaften, die ihr eigenes Elend in Fässern voll Rum ersäuften, beugten sich vor der stillen Kraft dieser Frau, die das Sterben einen Verrat nannte und das Leben, das sie einmal hatte von sich werfen wollen, für ihre einzige Pflicht hielt.

In einer klaren Herbstnacht Ende April ging Maria an der Seite eines jungen Burenmädchens durch die Gassen der Zeltstadt. Jakoba Marais war erst vor wenigen Wochen ins Lager von Riensloo gekommen. Ihr Vater und ihre drei Brüder waren auf Kommando, und sie hatte allein mit der Mutter und ein paar Kaffern auf der Familienfarm im nördlichen Natal gelebt. Die Engländer behelligten die Frauen zunächst nicht, obwohl sie sie mieden und als ,Rebellenweiber' mißtrauisch beobachteten. Eines Nachts aber kam der Vater, dessen Abteilung gerade in der Nähe operierte, von Sehnsucht und Sorge getrieben auf den Hof. Jakoba wußte im gleichen Augenblick, da sie ihn auf der Schwelle erblickte, was ihnen nun bevorstand. Wahrend sie dem Vater etwas zu essen brachte und ruhig über alles Wichtige, was in der Zwischenzeit auf der Farm geschehen war, Auskunft gab, zermarterte sie sich den Kopf über die Frage, was nun geschehen sollte. Das Gesetz verpflichtete sie, die britischen Behörden sofort vom Auftauchen des Rebellen zu verständigen und alles zu seiner Verhaftung zu tun, was in ihren Kräften stand. Natürlich dachte sie nicht daran, diesem barbarischen Gesetz zu gehorchen. Aber die Ankunft des Vaters konnte den Kaffern, die sämtlich Spitzeldienste für die Engländer verrichteten, nicht verborgen geblieben sein. Morgen früh schon mußte das Strafkommando erscheinen, Der Vater würde dann freilich längst über alle Berge sein. Aber das Schicksal des Hofes und seiner Bewohner war besiegelt. Jakoba wußte, daß die kranke Mutter die Hölle des Konzentrationslagers niemals überstehen würde. Sie hatte also zu wählen zwischen dem Leben des Vaters und dem der Mutter. Und sie entschied sich für den Vater, denn heute war jeder Mann, der ein Gewehr tragen konnte, für das Land unersetzlich.

Der Rebell schlief traumlos und glücklich unter dem eigenen Dach und ritt im Morgengrauen des anderen Tages davon. Eine Stunde später erschienen die Engländer, steckten die Farm in Brand und schleppten die weißen Bewohner mit sich fort. Jakobas Mutter starb schon auf dem Transport ins Lager. Maria Grobler hörte die Geschichte des jungen Mädchens schweigend an. Sie war ihr nicht neu — Hunderte von Frauen in diesem Lager hatten Gleiches und Ähnliches erlebt.

Jakoba sagte: „Es heißt, daß jetzt Friedensverhandlungen im Gange sind. Die Männer müssen die Waffen niederlegen, sie haben keine Munition, keine Pferde und keine Lebensmittel mehr. — Dann ist also alles umsonst gewesen”, schloß sie mit zitternder Stimme und ließ die Augen über das Lager wandern, dessen graue, zu langen Reihen geordneten Zelte im Licht des großen, honiggelben afrikanischen Mondes an ein Gräberfeld erinnerten. Die Nacht war sehr still, nur manchmal erklang hinter einer Zeltbahn das halberstickte Weinen eines Kindes oder das dumpfe Murmeln der Schlaflosen. An den Kreuzungen der Lagerstraßen standen Bahren und längliche Holzkisten; alles war vorbereitet, um am nächsten Morgen die Ernte dieser Nacht zu bergen.

Maria legte den Arm um die schmächtige Schulter des jungen Mädchens und führte es bis ans Ende der Zeltstadt. „Es war nicht umsonst”, sagte sie fest. »Daß wir noch leben — dein Vater, deine Brüder, du und ich — das ist auch ein Sieg! Andreas sitzt als Gefangener auf den Bahama-Inseln. Aber er wird zurückkommen, und wir werden unsere Farm wieder aufrichten und Kinder haben. Transvaal wird uns auch in Zukunft gehören. Oder glaubst du, daß diese Engländer fähig sind, das Land, das sie nun erobert haben, auch selbst zu bebauen?”

Sie standen jetzt vor dem Drahtzaun, der das Lager auf allen vier Seiten umschloß. Ein dumpfes Rollen unterbrach die nächtliche Stille. Einen Kilometer weiter östlich, wo die Bahnlinie Kapstadt— Kimberley—Buluwayo die Transvaalgrenze berührte, ratterte ein Zug nach Norden. Die Scheinwerfer der Lokomotive und die erleuchteten Wagen waren deutlich zu erkennen. Maria starrte hinüber und verfolgte die entschwindenden Lichter, bis ihre Augen zu tränen begannen. Diese Züge, die zweimal wöchentlich am Lager von Riensloo vorüberrollten, erinnerten die Eingeschlossenen jedesmal schmerzlich an die verlorene Freiheit; gleichzeitig waren sie für viele ein Kalender, von dem sie die Zahl der qualvollen Wochen und Monate ihrer Haft ablasen.

„Das war ein Sonderzug”, murmelte Maria. „Wahrscheinlich sitzt irgendein General darin. Hast du den Salonwagen in der Mitte gesehen? Vorn und hinten läuft eine Lore mit Panzerplatten an den Seiten. Es könnte ja noch ein Bur in der Nähe sein, der ein paar Patronen übrig hat...”

Der Wachtposten schlenderte heran. Der linke Ärmel seiner Khakiuniform hing ihm schlaff von der Schulter.

„Das war Cecil Rhodes' Luxuszug”, sagte er, „der heute seine erste Fahrt macht.”

Die Frauen schwiegen. Tindal jedoch, der sich zu langweilen schien, fuhr fort: „Aber Mr. Rhodes hat nicht viel von dieser Reise. Er ist vor ein paar Wochen gestorben. Jetzt bringen sie ihn zu den Matoppobergen. Es ist nur sein Sarg, der im Salonwagen steht.”

„Rhodes ist tot?” fragte Maria hastig, mit einer Stimme, die vor verhaltenem Jubel klirrte. Tindal sah die junge Frau, die in fadenscheinige, hundertmal geflickte Lumpen gekleidet war, unsicher an.

„Ja”, sagte er und grinste verlegen. „Er hat seinen Krieg nicht überlebt. All sein vieles Geld, die teuersten Ärzte und die schönsten Luftkurorte haben ihm nicht helfen können. An Atemnot ist er krepiert wie ein-------” Er unterdrückte das Wort und spuckte den Zigarettenstummel, den er zwischen den Lippen hielt, in weitem Bogen von sich.

„Sie scheinen nicht übermäßig um Englands größten Sohn zu trauern”, bemerkte Maria ironisch.

Tindal lachte heiser. „Englands größter Sohn? Ich bin auch ein Sohn Englands — allerdings nur ein kleiner. Deshalb ist Rhodes noch längst nicht mein Bruder. Vielleicht ist er mein Bruder, wie Kain der Bruder Abels war!” Und plötzlich brach es aus ihm heraus. Wütend an seinem leeren Ärmel zerrend, keuchte er: „Meinen Sie, dieser Krieg macht mir Freude? Glauben Sie, ich hätte etwas davon? Da, diesen Arm habe ich verloren! Meine Freunde! Meine Gesundheit! Vor dreizehn Jahren bin ich nach Afrika gekommen, weil man mir gesagt hat, hier könnte ich reich werden. Nun — wir sind vom Oranje bis zum Sambesi gelaufen und wieder zurück; Afrika ist groß, kann ich Ihnen sagen — groß wie Cecil Rhodes. Aber das Gold, das man uns versprochen hat, haben wir nirgends zu sehen bekommen. Glauben Sie etwa, er hat uns wenigstens sein Gold hinterlassen? Er hätte es ruhig tun können, denn er hat ja keine Nachkommen. Aber nein: sein Gold soll dazu dienen, andere Imperialisten, neue Kaiser von Afrika heranzuzüchten, lauter große Söhne Englands, für die andere Tom Tindals ihre Haut zu Markte tragen werden!” Auf einmal aber schien er sich zu erinnern, daß er nur Gefangene vor sich hatte. Ruhiger und ein wenig von oben herab fuhr er fort: „Ihr Buren seid nur kleine Leute und ein ungebildetes Pack. Aber vielleicht könnt ihr froh sein, daß ihr keine so großen Männer habt wie den da!” Er schüttelte die geballte Faust nach Norden, dorthin, wo der Zug mit der Leiche Cecil Rhodes' entschwunden war, und wandte sich mit einem Fluch zum Gehen.

Maria hielt die Augen unverwandt in die Ferne gerichtet.

„Da fahren sie ihn hin, Jakoba”, sagte sie leise, fast inbrünstig. „In der Wüste werden sie ihn begraben, dort, wohin auch die Raubtiere flüchten, wenn ihre Sterbestunde kommt. Rhodesia aber war nicht groß genug, um für diesen Mann einen würdigen Begräbnisplatz abzugeben — ihm zum Ruhme mußte auch noch Transvaal zur Wüste werden. Er war groß und schrecklich wie einer der vier Reiter der Apokalypse. Und dennoch wird er frieren in der Gruft auf den Matoppobergen, wenn sich die Löwen an seinem Grabstein scheuern, und nicht einmal ein goldener Sarg wird ihn vor der Einsamkeit schützen.” Sie schwieg und atmete tief. Für Sekunden war nur das schrille Zirpen der Zikaden unter dem großen Mond zu hören.

Plötzlich aber lachte sie laut auf und schlug mit der Faust auf den straffgespannten Draht, der einen dumpfen, klagenden Laut, ähnlich dem Vibrato einer Baßsaite, von sich gab.

„Wir aber”, rief sie, „wir kleinen Leute begnügen uns mit dünnen Brettersärgen und brauchen nur wenig Platz: drei Quadratmeter, solange wir leben, und zwei, wenn wir gestorben sind — laut Lagerordnung. — Und doch wird uns einmal die Welt gehören, denn wir leben. Wir leben — hörst du es, Cecil Rhodes?” schrie sie wild in die Nacht hinaus und begann, mit beiden Fäusten rhythmisch auf den Draht zu hämmern. „Wir leben! Wir leben! Wir leben!”

Ende Mai hatten die meisten Kurgäste die Riviera verlassen.

Tag für Tag brannte eine glühende, beinahe afrikanische Sonne auf die staubgrauen Pinienwälder und die kahlen Küstenberge herab, und manchmal wehte der trockene Südwind den feinen Sand der Sahara über das Meer, dessen schimmernde, unbewegte Oberfläche an blaues Email erinnerte. Über den verödeten Parkanlagen des Cap d'Antibes schien die Luft zu kochen, und der ausgedörrte Boden, der rot war wie die Erde Transvaals, zeigte große Risse.

Im Oktober 1903 hatte Paul Krüger aus Gesundheitsgründen sein Haus in Hilversum aufgeben müssen und war in eine kleine Villa an der äußersten Südspitze des Kaps gezogen. Hier war er der Heimat ein wenig näher, und wenn er in den Mittagsstunden, barhäuptig und den Blick zum Meer gewandt, auf der Terrasse saß, vermeinte er den Atem Afrikas zu spüren.

Der nun fast Achtzigjährige hatte sich in Amsterdam einer Staroperation unterzogen, die auf beiden Augen geglückt war. Er hatte seine volle Sehkraft wiedergewonnen, und das quälende Gefühl körperlicher Hilflosigkeit, doppelt schwer zu ertragen in einer Zeit bitterster seelischer Verzweiflung, war von ihm gewichen. Und doch gab es Stunden, in denen sich der Sehende einsamer und verlassener fühlte, als es der Blinde jemals gewesen war. In den Monaten der Finsternis hatten ihn die Bilder der Heimat umgeben, und ungestört war er in seinen Wachträumen den Buren auf allen ihren Zügen, durch Siege und Niederlagen gefolgt. Jetzt aber gewahrte er rings um sich her eine heitere Welt des Friedens und des sorglosen Wohlstandes, deren Anblick ihn schmerzte wie allzu helles Licht. Denn über das zertretene und gedemütigte Südafrika hatte sich die Nacht gesenkt.

Die Nachricht vom Friedensschluß, der ohne sein Wissen und seine Mitwirkung zustande gekommen war, hatte ihn hart getroffen. Lange hatte er sich gegen die Vorstellung gewehrt, daß die ganze Arbeit seines Lebens und die ungeheuren Opfer des Landes an Gut und Blut vergebens gewesen sein sollten. Verzweifelt hatte er sich gefragt, ob er die Katastrophe nicht doch hätte verhindern können, wenn er bei den Kämpfenden in der Heimat geblieben wäre, statt diese fruchtlose und demütigende Reise zu unternehmen. Sein Glauben an Gott, aus dem er bis zum letzten Augenblick eine unzerstörbare Siegeszuversicht geschöpft hatte, war so erschüttert, daß er seine Bibel monatelang nicht mehr anrührte. Mit der Zeit aber wurde er ruhiger. Aus den Berichten der Burenführer, die bald nach Beendigung des Krieges nach Europa kamen, konnte er sich ein klares Bild von der Lage machen, die zur Einstellung der Feindseligkeiten in Südafrika geführt hatte. Alle diese Männer, von denen einige nur durch eine abenteuerliche Flucht den Nachstellungen der Engländer entgangen waren, während andere aus den Internierungslagern auf den Bahamas kamen, waren zwar tief verbittert und hatten zum größten Teil ihre Gesundheit eingebüßt, aber sie fühlten sich keineswegs als Besiegte.

Als die Engländer ihren Gegnern das Recht auf eigene Schulen und die Möglichkeit eines ”Wiederaufbaues angeboten und darüber hinaus dem Lande für die Zukunft eine gewisse Selbstverwaltung gewährt hatten, waren überall im Freistaat und in Transvaal die Burenkommandos zu Beratungen zusammengetreten. Die überwiegende Mehrheit hatte sich für die Waffenstreckung ausgesprochen. Zwar mußte die politische Selbständigkeit geopfert werden, aber es galt vor allen Dingen, das Leben der in ihrem Bestände bedrohten Nation zu retten. Noch schlug das starke Herz Transvaals. Weder dem Golde eines Cecil Rhodes noch den Waffen und Foltermethoden Englands war es gelungen, das Selbstbewußtsein und den Lebenswillen der Buren zu brechen. Und die Erinnerung an vierzigtausend Tote, von denen mehr als zwei Drittel Frauen und Kinder waren, stand als unübersteigbare Mauer zwischen den Siegern und den Unterlegenen.

Jetzt, da es nicht mehr um den Sieg, sondern nur noch um die Existenz des Volkes ging, wären weitere Opfer nicht mehr zu verantworten gewesen. Die Verluste an Menschenleben waren so groß, daß man in vielen Familien nicht mehr die Toten, sondern nur noch die Überlebenden zählte. Paul Krüger selbst hatte vor dem Feinde zwei Schwiegersöhne und fünf Enkel verloren. Sein ältester Sohn Tjaard war an den Folgen einer Verwundung gestorben, und auch seine Frau, die er schwer krank und ohne Pflege in Pretoria hatte zurücklassen müssen, war im Sommer 1901 ihrem Herzleiden erlegen.

Heute, zwei Jahre nach dem Friedensschluß, hatte sich der Präsident in das Unvermeidliche gerügt; ja mehr noch: aus der anfänglichen Resignation war mit der Zeit eine starke Zuversicht geworden. War es nicht auch den Kaffern in den ersten Jahren nach dem großen Treck gelungen, die Buren mehrmals zu dezimieren? Hatte es nicht immer wieder Rückschläge gegeben? Und doch war es bisher noch keinem möglich gewesen, die Buren für immer von dem Boden zu vertreiben, in dem sie sich einmal mit der Pflugschar festgekrallt hatten. Auch heute, nach dem verlorenen Kriege, gruben sie wieder zäh und beharrlich ihre Furchen in die rote Erde Südafrikas. Durch ihr Bauerntum vor Vergänglichkeit geschützt, wurden sie selbst dort noch zur Saat der Zukunft, wo ihre blutenden, verstümmelten Leiber den Boden der Heimat düngten. Sie waren wie das Korn, das vermöge seiner Schwere zur Erde fällt, wenn der Hagel die Ähren schlägt, und sie würden zu ihrer Zeit wieder auferstehen und neue Frucht tragen. Die britischen Eroberer aber glichen der leeren Spreu, die der Glückswind hin und her bläst über die große Tenne, die sich die Bühne der Weltgeschichte nennt.

Das Ringen um Transvaal war noch nicht zu Ende. Ein kommendes Geschlecht würde den Kampf von neuem beginnen, mit anderen Mitteln vielleicht und unter neuen Parolen. Für ihn aber, der länger als zwanzig Jahre an der Spitze seines Volkes gestanden hatte, war die Zeit des Handelns vorüber. Er ertrug es ohne Murren, denn er fühlte sich geborgen in einer großen Kraft, die ständig fortwirkte, auch wenn sie zu ruhen schien. Am Ende war er doch Sieger geblieben über Cecil Rhodes. Als sein großer Widersacher wenige Wochen vor Beendigung des Krieges und noch nicht einmal fünfzig Jahre alt in Südafrika starb, hatte er in die Todesstunde gekeucht: „Zu früh, Jameson, zu früh — es bleibt noch so viel zu tun!” Paul Krüger, der Bauer, aber wußte: für ihn gab es nichts mehr zu tun. Er hatte das Korn in die Erde gelegt, und ein anderer, stärkerer, würde es wachsen und reifen lassen. Und diese Zuversicht, die er nicht nur aus seiner Religiosität, sondern auch aus den Erkenntnissen der letzten schweren Jahre gewonnen hatte, vermochte er auch den Freunden mitzuteilen, die nach der militärischen Niederlage zu ihm gekommen waren, um Trost zu suchen.

Es waren stille Gäste, die Paul Krüger in sein kleines Haus auf dem Cap d'Antibes geladen hatte. Da war Steyn, der Präsident des ehemaligen Oranje-Freistaates, den ein Schlaganfall an den Rollstuhl gefesselt hatte; Staatssekretär Reitz, verbittert und ständig von Selbstvorwürfen gequält, da er die Schuld an der unvermeidlichen Katastrophe in seiner diplomatischen Unzulänglichkeit zu erblicken glaubte; und endlich der Deutsche Lukas Meyer, der neben Botha und De Wet bis zum letzten Augenblick an der Spitze seines kleinen Kommandos gekämpft hatte, und der nun, lungenkrank und dreimal schwer verwundet, im Hause Krügers auf den Tod wartete.

Lange Stunden saßen die vier weißhaarigen Männer auf der kleinen Terrasse, die in die Küstenfelsen eingeschnitten war und mit ihrer Brüstung senkrecht über der stillen See hing. Die Bucht von Nizza zu ihrer Linken versank allmählich in blaue Dämmerung, während der Golf von Juan im Westen unter den Strahlen der sinkenden Sonne in rote Glut getaucht war.

„Ihr sagt, es ist unmöglich”, nahm Reitz mit klangloser Stimme das unterbrochene Gespräch wieder auf. „Aber der Mann, der vor neunzig Jahren dort drüben, im Golf von Juan, landete, um Frankreich ein zweites Mal zu erobern, hat das Wort ,unmögliche nicht gekannt.”

Krüger, der an der steinernen Brüstung lehnte, schüttelte den Kopf. „Hundert Tage nur hat dieser letzte, heroische Traum Napoleons gedauert, und das Ende hieß St. Helena. Wollt ihr einen Verzweiflungskampf entfesseln, nur damit noch mehr von uns auf die verfluchte Insel der Verbannten gebracht werden? Denkt an Cronje, an Major Albrecht und Schiel. — Nein, wir müssen Geduld haben. England hat viele verwundbare Stellen, es muß ja nicht gerade in Afrika geschlagen werden.”

„Wo dann?” fragte Lukas Meyer. Blaß und abgezehrt lag er unter einem Berg von Decken in seinem Stuhl. „Etwa in Europa? Europa hat sich gehorsam vor den Wagen des Empire spannen lassen. Haben wir es nicht gerade erst wieder erlebt? Weil die Chinesen in Peking ein paar Diplomaten erschlugen, fand sich der ganze Kontinent unter Englands Führung zu einer Strafexpedition gegen die Schänder der Zivilisation zusammen. Aber als die Briten Zehntausende von Frauen und Kindern weißen Blutes hinter Stacheldraht verrecken ließen, hat Europa geschwiegen. Nicht einmal Deutschland hat...” Er konnte den Satz nicht vollenden, denn ein furchtbarer Husten erschütterte seine Brust. „Europa hat nicht geschwiegen. Seine Stimme war zwar noch nicht laut, aber ihr Echo in der Zukunft wird um so gewaltiger sein”, sagte Krüger.

Reitz lachte bitter auf. Er wies mit der Hand nach links, wo eben die Lampen der Strandpromenade von Nizza aufflammten. Eine kilometerlange Schnur schimmernder Perlen schwang sich in sanftem Bogen von Antibes bis zur Spitze des Cap Saint Martin. Darüber, bis hoch hinauf ins Gebirge, funkelten die erleuchteten Fenster zahlloser Hotels und Restaurants; selbst weit im Osten, in der Richtung auf die italienische Grenze, glomm der Himmel im Widerschein der Lichter von Monte Carlo und Mentone.

„Die Stimme Europas?” sagte Reitz. „Dort drüben könnt ihr sie hören, im Klirren der Goldstücke, im Klappern der Roulettekugeln! »Das ist die Melodie, die im Konzert der Völker gespielt wird. Das Gold Transvaals, an dem unser Blut klebt, rollt über die Spieltische, und Menschen aller Nationen sind zusammengekommen, um es anzubeten: eine glänzende Internationale des Friedens!” Er ließ den Kopf auf die Brust fallen. Durch die Stille der sinkenden Nacht wehten die Klänge ferner Musik zu ihnen herüber. Lukas Meyer röchelte in kurzen Abständen.

Endlich sagte Steyn — und es war, als sammle sich alles Licht des schwindenden Tages auf seiner hohen Märtyrerstirn: „Europa ist noch nicht erwacht, aber es hat den Notschrei Südafrikas im Traum vernommen. Sein Schlaf fängt an, unruhig zu werden wie der eines Menschen am Morgen. Dieser Kontinent hat uns verraten, um sich einen faulen Frieden zu bewahren. Doch das Unbehagen der Welt wächst, und die Stimmen, die es verkünden, mehren sich.” Mühsam streckte der Halbgelähmte die Hand nach” einem Zeitungsblatt aus, das auf seinen Knien lag.

„Selbst in Rußland beginnt man die Gefahr zu erkennen, die England für Europa bedeutet”, fuhr er fort. „Eine Moskauer Zeitung schreibt: ,Über dem Siegesgeschrei wird man in London bald die Opfer und die Schande dieses entsetzlichen Krieges vergessen, und die unvermeidliche Folge wird sein, daß die Habgier Großbritanniens ins unendliche wächst. Europa aber, ohnmächtig in seiner Zerrissenheit und seiner wahren Kraft noch nicht bewußt, hat sich wieder einmal dem Diktat des britischen Kolosses gebeugt”

„Und wann wird aus diesem Unbehagen die befreiende Tat entstehen?” fragte Reitz mutlos. „Wird Transvaal so lange warten können?”

„Transvaal und die Buren werden warten!” sagte Paul Krüger, und die Stimme des alten Mannes schien einen Befehl und zugleich ein Versprechen zu enthalten. „Eines Tages werden die Schächte ausgeraubt, die Minenstädte verlassen sein. Das Volk, die Herden und die Gehöfte aber werden sich vermehren. Die Erde gehört am Ende immer denen, die ihr dienen und ihren Hunger nach Fruchtbarkeit stillen. Die anderen aber, die nur kommen, um zu plündern, bleiben ewig Uitländers. Sie sind wie Schimmel, der die Welt überzieht. Sie leben vom Gold und werden eines Tages mit dem Gold sterben.” Gebeugt, aber ungebrochen, immer noch ein Hüne von Gestalt, stand der Greis schwer und dunkel vor dem verdämmernden Himmel. Sein Blick ging nach Süden, hinüber zur unsichtbaren Küste des großen, schlummernden Erdteils, dem er sein Leben lang gedient hatte. „Auch Afrika wird eines Tages aufhören, ein Tummelplatz für Eroberer und Abenteurer zu sein und ein Bauernland werden. Die Sterbestunde des Goldes wird die Stunde unserer Wiedergeburt sein!”

Bis Mitte Juni 1904 blieb Paul Krüger in der Villa auf dem Cap d'Antibes. In der Nacht, die er am Bett des sterbenden Lukas Meyer verbrachte, zog er sich eine hartnäckige Erkältung zu. Als seine Ärzte ihm rieten, die heiße, vom Schirokko heimgesuchte Mittelmeerküste mit dem milden Klima der Schweiz zu vertauschen, gehorchte er, obgleich er wußte, daß allein die klare, reine Luft des südafrikanischen Hochfeldes ihm hätte Heilung bringen können.

Die letzten Wochen seines Lebens verbrachte er in Clarence am Genfer See. Die Bewohner des kleinen Ortes blickten in scheuer Bewunderung zu dem Greis auf, der nun für Europa eine fast sagenhafte Figur geworden war. Die Kinder aber liebten ihn und gaben ihm den Namen, mit dem ihn seine Buren genannt hatten: Ohm Paul. An sonnigen Tagen, wenn es ihm besser ging, saß er lange Zeit auf einer Bank am Ufer und blickte hinüber zum Dent du Midi, der sein weißes Haupt in unirdischer Schönheit, geheimnisvoll und fern, über dem Rhonetal erhob. Die besonnten Firne des Gletschers schienen ihm ein Abbild jener anderen Welt zu sein, die ihre Tore bald, vielleicht schon in wenigen Tagen, vor ihm öffnen würde.

Einmal war er eingeschlafen. Als er erwachte, hörte er Stimmen in seiner Nähe. Jemand sagte: „Das ist Paul Krüger. Ich habe ihn schon einmal gesehen, vor vier Jahren in Berlin. Er saß vor dem Schloß und weinte, weil niemand den Buren helfen wollte.”

„Ja, die Welt ist voller Unrecht”, erwiderte eine Frauenstimme.

Krüger rührte sich nicht, aber er lächelte. Der Mann irrte sich, denn er war seit zwanzig Jahren nicht in Berlin gewesen. Aber Steyn hatte recht gehabt: hier sprach das gequälte Gewissen Europas. Die Völker, die das große Unbehagen ergriffen hatte, begannen Legenden um ihn zu bilden. Er hatte seine letzte Reise doch nicht umsonst gemacht.

Am 10. Juli ging die Lungenreizung in eine akute Entzündung über. Vier Tage lag der Präsident bewußtlos und mit hohem Fieber. Als er am Morgen des 14. erwachte, fühlte er sich sehr schwach, aber er war bei klarem Bewußtsein. Er erkannte, daß die Glut, die das Zimmer erfüllte, nicht von dem Golde herrührte, das sich in seinen Fieberphantasien rings um ihn her zu Bergen getürmt hatte. Es war die Sonne, die eben über den Höhen von Montreux heraufstieg.

Später kam Dr. Leyds, und auch Präsident Steyn, der dem Freunde in die Schweiz gefolgt war, ließ seinen Stuhl ins Krankenzimmer rollen. In den kurzen Augenblicken, die seinen Schlummer unterbrachen, sprach Krüger mit leiser Stimme von der Zukunft Südafrikas. „Wir haben für etwas Zukünftiges gekämpft und nicht, wie viele sagen, für ein überlebtes Ideal der Vergangenheit”, sagte er einmal. „Darum wird uns auch die Zukunft gehören.” Nach einer Weile nahmen seine Augen den alten, beinahe verschmitzten Ausdruck an, den sie so oft gehabt hatten, wenn er di? Streitigkeiten seiner Buren durch ein salomonisches Urteil entscheiden mußte. „Leyds”, sagte er, „Transvaal hat der Welt mehr Gold gegeben, als sie verdauen kann. Aber ich denke manchmal, daß wir ihr durch unseren Kampf auch das Mittel gezeigt haben, mit dessen Hilfe sie sich eines Tages von diesem Fluch wieder befreien wird. Ohm Krüger wird einmal dabeisein, wenn der große Krieg gegen das Gold beginnt.”

In den Abendstunden erwachte er zum letztenmal. Aber er erkannte die Freunde nicht mehr, und seine Worte waren an eine unsichtbare Menge gerichtet, die sich irgendwo auf der großen Ebene Transvaals um ihn geschart hatte. Er hob die abgezehrte Hand, als wolle er Schweigen gebieten, und flüsterte:

„Hütet euch und seid vorsichtig, wenn man euch vom Fortschritt spricht. Wir leben in der Dunkelheit, aber das Licht von morgen ist das gleiche, das uns auch gestern geleuchtet hat. Darum denkt an das Schöne und Große der Vergangenheit und schöpft daraus die Kraft für die Zukunft. Nur das Gegenwärtige ist vergänglich. Die Ewigkeit eines Volkes aber ist die Brücke, die sich zwischen dem Gestern und dem Morgen spannt.”

Der Tod kam so leise, daß die Anwesenden ihn lange Zeit nicht bemerkten. Niemand brauchte Ohm Paul den letzten Dienst zu erweisen. Er hatte die Hände über der Brust gefaltet, und die Lider waren über die Augen herabgesunken, die so viel Leid gesehen hatten, und denen doch die Kraft nicht verlorengegangen war, den Felsen des Unvergänglichen im Strom der Geschichte zu schauen.