zurück

Vierzehntes Kapitel

Anfang Februar, nach viermonatiger Kriegsdauer, hatte noch kein einziger Engländer die Grenzen der Burenrepubliken überschritten. Dagegen waren die Heere Transvaals und des Oranje-Freistaates tief in britisches Gebiet eingedrungen und hielten fast alle wichtigen Schlüsselstellungen besetzt. An der Ostfront war General White mit zehntausend Mann in Ladysmith eingeschlossen, während gleichzeitig eine starke Burenarmee unter Generalkommandant Jou-bert am Tugelafluß stand und alle Versuche der Engländer, die belagerte Stadt zu entsetzen, blutig zurückwies. Im Süden waren die Kommandos aus dem Freistaat in die Kapkolonie vorgestoßen. Sie befanden sich in günstigen Positionen auf den Höhen der Schnee- und Stormeberge und hielten die beiden strategisch wichtigen Bahnlinien, die sich in Springfontein vereinigten und von dort über Bloemfontein nach Johannesburg liefen, fest in der Hand. An der Westfront endlich belagerten die Buren unter Cronje seit Monaten die Städte Kimberley und Mafeking, hatten die nach Buluwayo führende Bahn zerstört und den von Süden vorrückenden Engländern eine schwere Niederlage nach der anderen beigebracht.

Die psychologischen und politischen Wirkungen dieser unerwarteten Erfolge waren gewaltig. Während die Burenbevölkerung der Kapkolonie und Natals den Befreiern zujubelte und sich zu Tausenden den Kommandos anschloß, begann man in Europa ernstlich an der Wehrkraft Großbritanniens zu zweifeln, das nicht fähig schien, mit einem Gegner fertig zu werden, der kaum mehr als fünfzigtausend Gewehre zählte. Überall hatte sich die Gefechtstaktik der Buren als überlegen, ihr Feuer als wirkungsvoller erwiesen. Die Engländer, die seit Waterloo nichts hinzugelernt zu haben schienen, hatten etwa siebenmal so große Verluste wie die Buren.

Als in London eine Hiobsbotschaft nach der anderen eintraf, entschloß man sich endlich zu durchgreifenden Maßnahmen. General Buller legte den Oberbefehl nieder, und an seine Stelle trat Lord Roberts, dem man Kitchener als Generalstabschef zur Seite stellte. Fast die gesamte reguläre Armee wurde jetzt mobilisiert und durch Freiwillige und Reservisten verstärkt. Die Hilfstruppen aus dem Empire eingerechnet, sollte auf diese Weise das südafrikanische Heer auf zwei- bis dreihunderttausend Mann gebracht werden.

Der neue Oberbefehlshaber benutzte den relativen Stillstand, der im Dezember, nach den ersten großen Erfolgen der Buren, eingetreten war, zur Reorganisation seiner Truppen und zur Vorbereitung neuer Aktionen. Gegen General Cronje, der mit etwa sechstausend Buren die kleinen Belagerungskorps vor Mafeking und Kimberley deckte, warf er den größten Teil der zur Zeit verfügbaren Divisionen, nämlich vierzigtausend Mann.

Im Lager Cronjes bei Magersfontein fand in den ersten Februartagen ein Kriegsrat statt. Die Kommandanten drängten sich im Zelt des Generals zusammen. Sie mußten auf leeren Munitionskisten und zum Teil sogar auf der Erde sitzen, da das Bett, das einzige wirkliche Möbelstück, von dem General und seiner beleibten Frau eingenommen wurde. Cronjes Gattin war ihm kurz nach Kriegsausbruch ins Lager gefolgt und ließ es sich nicht nehmen, auch bei militärischen Beratungen dabeizusein. Jetzt reichte sie die Schnupftabaksdose ihres Mannes herum und nahm ab und zu selbst eine Prise.

Die meisten der Anwesenden, besonders De Wet, Oberst Schiel und die jüngeren Offiziere, zeigten sich über die militärische Lage einigermaßen besorgt. Seit den ersten so überaus günstigen Operationen zu Beginn des Krieges hatten die Buren keinerlei Fortschritte mehr gemacht. Untätig saßen sie in ihren starken Stellungen und warteten ab, was der Feind unternehmen würde, der inzwischen ständig Zuzug erhielt. „Lord Roberts und Kitchener sind im Lager am Moddernuß eingetroffen”, sagte De Wet. „Die Patrouillentätigkeit der Engländer ist in den letzten Tagen sehr stark geworden. Wenn wir nichts unternehmen, werden sie uns über den Hals kommen.”

„Und sie sind fast siebenmal so stark wie wir”, setzte Schiel warnend hinzu. Ihn erfüllte seit Wochen eine wachsende Nervosität. Er konnte nicht begreifen, weshalb die Buren ihre Anfangserfolge nicht besser ausgewertet und, unter Ausnutzung der anfänglichen britischen Schwäche, eine Offensive gegen die Küste eingeleitet hatten. Nicht einmal die . Belagerungen wurden mit der nötigen Energie durchgeführt. Diese Buren-Generale hatten schrecklich viel Zeit, und im übrigen wollten sie ihre Leute schonen.

Einmal, so dachten sie, mußte ihnen ja der Hunger der Belagerten die Arbeit abnehmen.

„Wenn sie siebenmal so stark sind, dann lassen sie sich auch leichter abschießen”, meinte Cronje gemütlich. „Sie werden, wie bisher immer, das Siebenfache an Verlusten haben wie wir.”

„Diese Rechnung ist etwas simpel”, sagte De Wet. „Und was geschieht, wenn sie uns gar nicht angreifen, sondern das Lager umgehen und Kimberley entsetzen?”

„Das wagen sie nicht, Christian”, erklärte der General. „Die Engelschen trauen sich niemals von den Eisenbahnen fort. Und da die Bahn nach Kimberley und Mafeking in meiner Hand ist, werden sie höchstens von Süden her auf Bloemfontein rücken. Dazu aber müssen sie erstmal die Freistaatler über den Haufen werfen.”

„Aber weshalb steht denn Roberts mit seinen vierzigtausend Mann ausgerechnet vor unserem Lager, wenn er, nach Ihrer Meinung, ganz woanders durchbrechen will?” fragte Schiel gereizt.

Cronje lächelte listig. „Bluff!” meinte er und nahm eine Prise aus der Dose, die ihm seine Frau mit einem bewundernden Blick hinhielt. „Sie kennen die Engländer eben noch nicht. Die bluffen immer, lieber Schiel.”

Jetzt sprach der alte De Larey. Er hatte sich erhoben und begann seine Rede mit den Worten: „Liebe Brüder und werte Herren Kommandanten!” Auch er war der Ansicht, daß die Heeresleitung in den letzten zwei Monaten unverzeihliche Fehler begangen hatte. „Afrika ist ein Sack”, meinte er, „in den die englischen Armeen nur von unten hineinschlüpfen können. Wir hätten beizeiten die einzigen Löcher, die dieser Sack hat, nämlich die Häfen, durch eine rasche Offensive verstopfen sollen. Statt dessen haben wir uns vor Kimberley, Ladysmith und Mafeking festgebissen. Diese Städte sind zwar wichtig für die Engländer, die ihren Krieg um Gold und Diamanten führen — aber nicht für uns.”

„Kimberley ist entscheidend!” verteidigte der alte Suyman, der die Belagerung leitete, die Wichtigkeit seiner Aufgabe. „Warum machen die Engländer denn solche Anstrengungen, die Stadt zu befreien? Warum haben sie sich denn bei Beimont, am Modder und hier bei Magersfontein dreimal die Köpfe an unseren Stellungen eingerannt? Weil Cecil Rhodes in der Mausefalle drinsitzt! Die Millionäre in London zittern bei dem Gedanken, wir könnten ihrem Oberbonzen ein Haar krümmen.”

„Weshalb tun Sie es denn nicht wenigstens?” fragte De Wet hitzig. „Weshalb wird die Stadt nicht gestürmt, wenn uns so viel an Rhodes gelegen ist?”

„Liebe Brüder”, sagte Cronje beschwörend und hob die Hand mit der Gebärde eines Pfarrers. „Wir wollen unser Blut nicht unnötig vergießen. Und ich kann euch auch sagen, warum wir die Offensive gegen die Südhäfen nicht gemacht haben. Die Präsidenten Krüger und Steyn wollen nichts als die Heimat verteidigen. Dringen wir zu tief in britisches Gebiet ein, zerschlagen wir uns selber alle Friedensaussichten.”

De Wet warf Schiel einen verzweifelten Blick zu. „Es handelt sich heute nicht darum, über die gesamte Kriegsführung zu entscheiden”, sagte er. „Wir wollen nur unsere eigene Lage klären. Roberts verfügt über so viel Kavallerie, daß er sehr wohl imstande ist, uns zu umgehen und uns den Rückweg nach Osten, zu unseren Stützpunkten, abzuschneiden.”

„Wozu brauche ich einen Rückweg?” begehrte Cronje auf, dessen Ruhe nun doch einer gewissen Erregung zu weichen begann. „Solange ich hier sitze, kann mir überhaupt nichts geschehen.”

„Dann lassen Sie wenigstens die Furten über den Riet und den Modder besetzen”, schlug Schiel vor. „Damit machen Sie den Engländern das Umgehungsmanöver, das De Wet befürchtet, von vornherein unmöglich.”

„Ich denke nicht daran. Ich will meine Kräfte nicht zersplittern. Sollen sie doch das Lager stürmen, von welcher Seite sie wollen! Wir sind sechstausend Mann-------”

„Ja, und zehntausend Zugochsen, siebenhundert Privatfuhrwerke und über tausend Frauen und Kinder!” Der Oberst wahrte nur noch mühsam seine Beherrschung. „Es ist unverantwortlich, mit einem solchen Troß...”

„Wir Burenfrauen pflegen unseren Männern ins Feld zu folgen. Die Damen in Europa sind dafür natürlich viel zu verweichlicht”, sagte Frau Cronje, die die Anspielung gut verstanden hatte, beleidigt. Sie hatte als erste die Anordnung der Regierung mißachtet und war ins Lager gekommen; natürlich waren bald Hunderte von Frauen ihrem Beispiel gefolgt. Heute glich das „Biwak” Cronjes eher einem Jahrmarkt als einem Truppenlager.

Der Oberst merkte plötzlich, daß er hier ein Fremder war.

„Aber dies ist doch kein Kaffernkrieg”, sagte er resigniert und setzte sich wieder auf seine Munitionskiste. Cronje tätschelte seiner Frau den Rücken. Dann meinte er etwas von oben herab: „Ich habe schon Krieg geführt, als Sie noch in die Hosen machten, lieber Oberst. Und Majuba — das war wahrhaftig kein Kaffernkrieg.” Und mit der Geste eines würdigen Häuptlings, der seinem überwundenen Gegner die Friedenspfeife reicht, hielt er dem Deutschen seine Schnupftabaksdose hin.

Die Beratung verlief ergebnislos. Cronje erklärte hartnäckig, er allein habe das Kommando, und er denke weder daran, zu weichen, noch einen unbesonnenen Angriff zu unternehmen.

In den nächsten Tagen hatte es wirklich den Anschein, als solle der General mit seinen Prophezeiungen recht behalten. Seine Patrouillen meldeten, daß die Engländer Anstalten machten, ihr Lager abzubrechen. Die Kavallerie unter French sei bereits nach Süden abgerückt. Cronje triumphierte. „Seht ihr wohl”, erklärte er, „Roberts hat niemals im Ernst daran gedacht, nach Norden durchzubrechen. Die Freude an Kimberley haben wir ihm längst versalzen. Er hat nur geblufft.”

Lord Roberts hatte in der Tat geblufft. Allerdings nicht, wie Cronje meinte, mit seinen Angriffsabsichten, sondern mit seinem Rückzug nach Süden, der nur ein Scheinmanöver war. Drei Tage später, am 14. Februar, überschwemmten große Massen britischer Reiterei die Ebenen im Osten der Burenstellung. Die schwachen Beobachtungsposten, die die Furten über den Riet und Modder besetzt hielten, konnten ihnen nicht standhalten. General French mit seinen Kavalleriebrigaden galoppierte ungestört am Lager Cronjes vorbei und entsetzte am 15. morgens das schwer bedrängte Kimberley. Mit knapper Not konnten die Buren ihre Belagerungsgeschütze retten und nach Magersfontein schaffen.

Jetzt endlich, da nach der Befreiung Kimberleys ein weiteres Festhalten an der Stellung von Magersfontein sinnlos geworden war, entschloß sich Cronje zum Rückzug nach Osten. Noch war der Weg frei, da zwischen der britischen Kavallerie im Norden und der Hauptmacht unter Roberts im Süden eine Lücke klaffte. Wie lange aber würden die Engländer, die den Buren siebenfach überlegen waren, dies Schlupfloch offen lassen? Schiel und DeWet wollten den General überreden, den Troß zu opfern und mit den eigentlichen Truppen, die sämtlich beritten waren, so schnell wie möglich auf Bloemfontein zu marschieren. Aber Cronje sah sie groß an.

„Bin ich etwa auf der Flucht?” fragte er. „Ich überlasse die Frauen und Kinder nicht auf Gnade und Ungnade den Engländern. Bei uns sind sie sicher. Wir können jederzeit ein Lager aufschlagen und uns verteidigen.” So hatte man es zur Zeit des großen Trecks gehalten, und so sollte es auch bleiben. Für ihn, der in hundert Schlachten gegen die Kaffern gefochten hatte, war das Lager, die Wagenburg, die ultima ratio der Strategie.

Lord Roberts aber tat, was Cronje versäumte. Er ließ seinen Train und die Proviantdepots, wo sie waren, und zwang seine Truppen, ohne Rücksicht auf Hunger und Durst, den Ring um die kostbare Beute zu schließen.

Der Marsch der Buren, die durch die siebenhundert Ochsenwagen stark behindert wurden, führte langsam den Modder aufwärts in nordöstlicher Richtung. Um sich etwas Luft zu schaffen, ließ Cronje De Wet mit zweitausend Reitern zurück und gab ihm den Auftrag, sich mit den nachdrängenden Engländern herumzuschlagen. Diese Maßnahme ermöglichte es ihm auch wirklich, den Marsch noch drei Tage ungestört fortzusetzen. Dann aber waren die Zugochsen so überanstrengt, daß man bei Pardeberg ein neues Lager beziehen mußte. An diesem Tage, dem 18. Februar, verstopfte Roberts der Burenarmee den letzten Ausweg.

Das Lager Cronjes befand sich zu beiden Seiten des Modder und im ausgetrockneten Flußbett selbst. Der breite Strom, der an dieser Stelle eine Schleife machte, wand sich zwischen steilen, ziemlich hohen Ufern wie ein Graben dahin. Ein Angriff auf das Lager war nur im Bett des Modder möglich, und hier ließ der General darum im Schlick und Sand tiefe Gräben ausheben.

Am 19. versuchte Roberts den Sturm. Aber die schottischen Regimenter, die zwar Khakiröcke und khakiüberzogene Helme, darunter aber über den nackten Knien ihre bunten Kilts trugen, boten den sicheren Burenschützen ein leichtes Ziel. In dichten Reihen, genau so, wie sie gestürmt hatten, blieben sie vor den Gräben liegen. Am Nachmittag war der Angriff unter schwersten Verlusten für die Briten zusammengebrochen. Cronje bat jetzt den englischen Oberbefehlshaber um einen vierundzwanzigstündigen Waffenstillstand zur Beerdigung der Gefallenen. Aber obwohl über tausend tote Highlander vor den Gräben der Buren lagen, während diese selbst nur einige sechzig Opfer zu beklagen hatten, , verweigerte Lord Roberts seine Zustimmung und forderte bedingungslose Übergabe. Als Cronje darauf nicht einging, eröffneten die Engländer am 20. ein Bombardement aus hundertundzwanzig Geschützen auf das Lager.

Die auf den Kopjes über dem Flußbett aufgestellten Flachbahngeschütze erzielten nur geringe Wirkung. Furchtbare Verheerungen aber richteten die Lydditbomben an, die unaufhörlich in das wirre Durcheinander von Wagen und Zugtieren prasselten. Bald lag eine Wolke grünen Rauches über dem Lager. Feuer brach aus, und der Gestank verbrannten Fleisches vermischte sich mit dem beißenden Geruch der Explosionsgase, Was vom Zugvieh am Leben blieb, riß sich los und flüchtete in die Rinnsale, die das schlammige Bett des Modder durchzogen. Hier verbluteten und starben Hunderte von Ochsen und Pferden und verpesteten das Wasser, mit dem die Eingeschlossenen ihren Durst löschen mußten. In der hochsommerlichen Hitze verwesten die Kadaver innerhalb weniger Stunden; entsetzlicher Gestank erfüllte bald das ganze Tal und wehte bis in das englische Lager hinüber.

Die Buren mußten diesem Blutbad unter dem Vieh und der Zerstörung ihrer Fahrzeuge untätig zusehen. Ihre eigene Artillerie war viel zu schwach, um die englischen Batterien zum Schweigen zu bringen. Die Menschen freilich, in erster Linie die Frauen und Kinder, fanden einigermaßen Schutz in tiefen Höhlen, die sie in die lehmigen Steilufer gegraben hatten.

In der zweiten Nacht, als die Beschießung ein wenig nachgelassen hatte, erschien Andreas Grobler im Lager. De Wet, dessen Reiterabteilung er sich angeschlossen hatte, schickte ihn mit einer Botschaft zu Cronje. Nach einer halsbrecherischen Kletterei durch den dichten Buschwald und über die Uferhänge war es ihm gelungen, sich unbemerkt an den britischen Postenketten vorbeizuschleichen. Als er das Flußbett vor sich sah, enthüllte ihm das Licht der Mondsichel das ganze Ausmaß der Verwüstung. Die Nachtluft, die über dem Veit kühl und rein geweht hatte, war hier unten stickig und bereitete ihm fast Übelkeit. Er sah wirre, schwärzliche Haufen zusammengeschossener Wagen, von denen zum Teil noch Rauchsäulen aufstiegen. Manchmal heulte eine Lydditbombe durch die Luft und schlug mit einem fauchenden Geräusch in den Schlamm. Bei der Explosion sprühte sie grüne Blitze. Der Widerhall an den Steilufern schien die sterbenden Tiere noch einmal aus ihrer Betäubung zu wecken; die hohen Schreie der Pferde und Mulis mischten sich in das dumpfe Blöken der Ochsen. Andreas glaubte zuerst, das Lager sei ausgestorben. Dann aber, als er sich am Ufer weiterschlich, stolperte er fast in den Deckungsgraben eines Vorpostens. Er ließ sich zum General führen.

Cronje hockte mit seiner Frau in einer unterstandähnlichen Erdhöhle. Er hielt eine Lage grauer Wolle zwischen den gespreizten Händen, während seine Gattin, unberührt von Lärm und von den Gefahren der Beschießung, den Faden zu einem Knäuel aufrollte. Cronje schob, ohne seine häusliche Beschäftigung deswegen zu unterbrechen, zur Begrüßung Groblers nur seinen schmutzigen Hut ein wenig weiter ins Genick. Er schien den Mut noch nicht verloren zu haben.

„Nun?” fragte er. „Habt ihr den Engelchen die Hölle ordentlich heiß gemacht?”

Andreas berichtete, daß es De Wet zweimal gelungen sei, den nachdrängenden Feind empfindlich zurückzuschlagen. Einige Schwadronen Lanzenreiter, die von den Buren wegen ihrer Grausamkeit besonders gehaßt wurden, hatten sie in einen Hinterhalt gelockt und bis auf den letzten Mann abgeschossen. Schließlich war De Wet auch noch der Train einer britischen Division mit achthundert Wagen und riesigen Vorräten in die Hände gefallen.

„Das freut mich für die Jungens”, sagte Cronje. „Da konnten sie doch mal tüchtig Beute machen.”

Andreas zog die Unterlippe zwischen die Zähne. „Das haben sie auch getan”, erwiderte er. „Nur sind sie leider mit der Beute gleich nach Hause geritten. De Wet hat kaum noch vierhundert Mann behalten.”

„Was?” rief der General und ließ die Wolle fallen. „Na, wartet nur, wenn ich erst wieder aus diesem verdammten Hexenkessel heraus bin! Den Kerls werde ich eine Predigt halten!”

Andreas erwiderte nichts. Wer weiß, ob du hier noch heil herauskommst, dachte er. Und du selbst mit deinem Schlendrian bist schuld daran, daß unsere Leute keine Disziplin wahren können. — Er war lange genug bei Oberst Schiel in die Schule gegangen, um zu begreifen, daß man mit Mut und Dickköpfigkeit allein noch keinen Krieg gewinnen konnte. Er errötete, wenn er sich das Gesicht vorstellte, das Schiel zu dieser Hiobsbotschaft machen würde.

In den nächsten Tagen wurde die Lage der Eingeschlossenen immer verzweifelter. Die Briten setzten ihr Bombardement mit kurzen Unterbrechungen fort und wiesen alle Versuche De Wets und anderer von entfernteren Fronten herbeigeeilter Kommandanten, eine Bresche in den eisernen Ring zu schlagen, dank ihrer gewaltigen Überlegenheit mit Leichtigkeit zurück. Dennoch wollte Cronje die Hoffnung nicht aufgeben. Bei Tage, und wenn die Sonne schien, konnte er mit Hilfe des Heliographen die Verbindung mit der Außenwelt aufrechterhalten. Die Botschaften, die auf diese Weise zwischen dem belagerten Biwak im Modderfluß, Pretoria, Bloemfontein und den Hauptquartieren der verschiedenen Burenkommandos gewechselt wurden, waren allerdings nicht sehr inhaltsreich. Die Buren außerhalb des Lagers signalisierten: „Harret aus, wir hoffen, euch bald Hilfe bringen zu können”, und Cronje antwortete: „Wir haben den Mut noch nicht verloren, aber es geht uns sehr schlecht.” Beide Parteien schlössen ihre Lichtdepeschen jedesmal mit dem Hinweis auf einen Psalm, dessen Text auf die gegenwärtige Lage gerade Anwendung finden konnte. So signalisierte Cronje am 24. an De Larey: „Meine Nahrungsmittel werden knapp. Im übrigen aber hoffe ich, den Feind mit Gottes Hilfe nach Norden auseinandersprengen zu können. Psalm 20, Vers 8.” De Larey schlug nach und las: „Jene verlassen sich auf Wagen und Rosse, wir aber denken an den Namen des Herrn, unseres Gottes.” Seine Antwort lautete: „Verstärkung kommt hoffentlich heute. Haltet euch bis morgen. Sende Vorräte so bald wie möglich. Psalm 59, Vers 16.” Cronje war bibelfest. Er brauchte nicht erst nachzuschlagen, um zu wissen, daß der von De Larey bezeichnete Vers lautete: „Laßt sie hin und her laufen um Speise und murren, wenn sie nicht satt werden.”

Aber weder gelang es dem General, den Feind nach Norden auseinanderzusprengen, noch konnte De Larey Lebensmittel schicken. Den Buren, die das Flußbett ober- und unterhalb des Lagers besetzt hielten, , ging die Munition aus; Hunderte von Verwundeten blieben ohne ärztliche Pflege, da die Engländer den Ambulanzen, darunter auch der Mission vom Deutschen Roten Kreuz, den Zutritt zum Lager verweigerten. Am 25. gelang es den britischen Truppen, die Höhen über dem Südufer des Modder zu besetzen, so daß nun auch die Unterschlupfe am Nordhang unter dem Feuer der Infanterie und der Maximgeschütze lagen. Da zudem alle Hoffnungen auf Entsatz sich als trügerisch erwiesen, konnte die Kapitulation nur noch ein^ Frage von Tagen sein.

Cronje hätte den schweren Entschluß vielleicht schon am Abend des 26. Februar gefaßt. Aber der 27. war der Jahrestag der Schlacht von Majuba, seines Sieges über die Engländer. Vielleicht hoffte er, der Himmel werde an diesem Tage ein Wunder tun, vielleicht verbot ihm auch nur sein Stolz, gerade den Nationalfeiertag der Buren für die Waffenstreckung zu wählen. Jedenfalls weigerte er sich hartnäckig, mit Lord Roberts in Unterhandlungen zu treten, obwohl sämtliche bei der Beratung anwesenden Kommandanten die Übergabe für unvermeidlich hielten.

Am Abend dieses Tages bezog sich der stahlblaue Himmel mit schwerem Gewölk, und als die Sonne rot und glasig unterging, begann es zu regnen. Bald rauschte ein Wolkenbruch auf das Lager herab. Die Erde, infolge der monatelangen Trockenheit hart wie Zement, konnte die Wassermassen nicht aufnehmen. Nach zwei Stunden hatten sich die brakigen Rinnsale im Bett des Modder in brausende Katarakte verwandelt, und die aufgeblähten Leichen der Ochsen begannen sich träge in den Strudeln zu drehen.

Als die Dämmerung einbrach, stand Oberst Schiel, einen grauen Umhang um die Schultern gezogen, unter einer Trauerweide am Nordufer. Er blickte zu den britischen Stellungen hinüber. Beim Gegner war es still, nur ab und zu sandten die Vorposten einen vereinzelten Schuß herüber, dessen Detonation vom Rauschen des Regens fast verschluckt wurde. Plötzlich stand Andreas Grobler neben dem Obersten.

„Der Krieg ist für uns zu Ende, Kornett”, sagte Schiel, ohne sich zu rühren.

Andreas schüttelte den Kopf. „Heute nacht rücke ich aus. Wollen Sie nicht mitkommen, Herr Oberst?”

Schiel sagte — und Andreas hörte es am Klang seiner Stimme, daß er trübe lächelte: „Nein, Grobler. Ich habe meine Krupp-Geschütze, um die ich mich kümmern muß. Solange der General nicht kapituliert, darf ich sie nicht im Stich lassen. Und wenn es so weit ist, muß ich sie unbrauchbar machen. Die Engländer dürfen sie nicht bekommen.”

„Sich gefangennehmen lassen? — Nein.” Groblers Zähne schlugen wie im Frost aufeinander. „Ich habe vor einem Jahr geheiratet. Wir waren nur drei Monate zusammen. Meine Frau hat ein Kind.”

Schiel breitete mit einer raschen Bewegung sein Regencape um Andreas” Schultern. „Dann müssen Sie natürlich versuchen, sich durchzuschlagen”, sagte er. „Aber sehen Sie, ich — — in meiner Heimat bin ich fremd geworden, und hier wird es wahrscheinlich bald einen Guerillakrieg geben; das ist nichts für einen Preußen. Die Engländer werden mich wohl nach St. Helena bringen. Nun, dieses Schicksal haben schon größere Leute auf sich nehmen müssen als ich.” Er schwieg einige Sekunden und lauschte auf das Heulen einer Lydditbombe. Nach der Explosion schien es, als rausche der Regen noch lauter. „Gehen Sie allein?” fragte er.

„Ich nehme meinen Vater mit. Er würde es niemals überleben, wenn er den Engländern in die Hände fiele.”

„Aber was Sie vorhaben, Grobler, ist nicht leicht. Ihr Vater ist siebzig Jahre alt. Wird er Ihnen bei der Flucht nicht hinderlich sein?”

„Ich habe versprechen müssen, mich nicht um ihn zu kümmern, wenn ihm etwas geschieht. Er sagt, er möchte viel lieber fallen, als sich den Engländern ergeben”, erwiderte Andreas leise.

„Wenn ihr doch nur halb so diszipliniert wäret, wie ihr tapfer seid”, meinte der Oberst und versuchte, seine Rührung unter einer scheinbaren Härte zu verbergen. „Da führt ihr nun Krieg für ein Ideal von morgen — aber eure Mittel sind von gestern. — Grobler”, fuhr er plötzlich erregt fort, dem jungen Buren sein blasses, übernächtiges Gesicht zuwendend, „wahrscheinlich sehen wir uns heute zum letztenmal. Der Krieg wird noch lange dauern, und es ist möglich, daß ihr ihn am Ende verliert. Jedes Volk erlebt in seiner Geschichte einmal eine Katastrophe. Aber sie braucht nicht zum Untergang zu führen, wenn nur die Erinnerung an eine große, heroische Epoche erhalten bleibt. Eure große Vergangenheit kann euch niemand rauben, und auch dieser Krieg wird einmal ein Heldenlied sein, selbst wenn er mit der Niederlage endet. Gebt eure Sache niemals auf, kämpft, wenn es nicht anders geht, mit geistigen Waffen weiter. Die Freiheit kann uns ja niemand anders nehmen als wir selbst. Glaubt daran, daß euch die Geschichte noch einmal eine Chance geben wird, und sorgt dafür, daß ihr dann in Bereitschaft seid. — Wann wollen Sie fort?” fügte er fast ohne Übergang hinzu, als wolle er verhindern, daß Grobler das Gespräch fortsetze.

„Sobald es ganz dunkel ist. Später kommt der Mond.” „Gut. Ich bringe euch über den Fluß”, sagte Schiel und verschwand im Schatten des überhängenden Ufers.

Der Oberst wartete bereits, als eine Stunde später Andreas und sein Vater an der schmalen, inzwischen schon halb zerschossenen Laufbrücke erschienen, die die Buren vor einigen Tagen über das Bett des Hauptstromes geschlagen hatten, um den Verkehr von einem Ufer zum anderen zu erleichtern. Der alte Grobler war hager wie ein Skelett und vom Alter gebeugt. Sein langer Bart hing ihm bis auf den Gürtel herab, der seine durchlöcherten Leinenhosen zusammenhielt. Seine Augen funkelten in der Dunkelheit wie die einer Katze.

Schweigend schritten die drei Männer über den Steg, unter dem das Wasser gurgelnd dahinfloß. Als sie das Ende der Brücke fast erreicht hatten, blieb Andreas stehen. „Wir haben nicht mehr viel Zeit”, flüsterte er und wies nach Osten, wo ein fahles Licht wie von einem entfernten Brand über den schwarzen Steilufern lag. Der Regen hatte nachgelassen, die Wolken wurden schon fleckig und zogen rasch über den Horizont.

„Das Südufer ist auf der Höhe nur schwach besetzt”, erwiderte der Oberst. „Die Engländer wissen genau, daß sie keinen Ausfall mehr zu befürchten haben. Trotzdem ist es keine leichte Sache. Ich möchte Ihnen ein wenig Entlastung schaffen.” Er unterbrach sich, denn die Brücke erzitterte leise unter dem Anprall eines schweren Gegenstandes.

„Nichts besonderes”, krächzte der alte Jan Grobler, „nur ein Engelscher.”

Der tote Highlander, den die Strömung von den oberen Schanzen herangeschwemmt hatte, war jetzt deutlich zu erkennen. Er hatte die nackten, weißschimmernden Knie an den Leib gezogen und scheuerte, leise schaukelnd, mit dem Rücken gegen den Pfeiler.

„Ich habe noch ein Dutzend Granaten”, fuhr Schiel fort. „Die übrigen sind mir gestern mit dem Munitionswagen in die Luft geflogen. Ein paar werde ich für euch opfern und sie zwischen die englischen Vorposten am Unterlauf pfeffern. Dann wird es Lärm und Aufregung geben, und ihr könnt weiter östlich leichter durchschlüpfen. Also — viel Glück!” Er drückte Andreas und dem Alten rasch die Hand und kehrte über den Steg zurück.

Das Südufer war mit Weiden und niedrigem Buschwerk bewachsen. Andreas hatte absichtlich die steilste Stelle für den Aufstieg gewählt, da die Briten hier vermutlich am sorglosesten waren. Während er sich an Wurzelstöcken und dornigen Zweigen in die Höhe zog, lauschte er auf den keuchenden Atem seines Vaters, der ihm mit einigen Metern Abstand folgte. Eben hatten sie die Höhe erreicht, da dröhnte Schiels Geschütz los. Die Granate schlug etwa zwei Kilometer weiter westlich ein und reizte den Feind zu einem heftigen Gegenfeuer aus Gewehren und Maxim-Kanonen.

„Komm — jetzt ist die beste Gelegenheit!” sagte Andreas.

Vorsichtig schoben sie sich über die leichtgewellte Ebene vorwärts. Rechts, links und vor ihnen blitzten einzelne Schüsse auf. Aber die Kugeln galten nicht ihnen und gingen hoch über ihre Köpfe hinweg. Die Briten machten ihrem Ärger und ihrer Nervosität in einem wahllosen Geschieße auf das Burenlager Luft.

Plötzlich aber hörte Andreas in unmittelbarer Nähe den harten Knall einer Pistole. Im gleichen Augenblick bäumte sich sein Vater in die Höhe, und er sah, wie ein zweiter Schatten, ein •”vereinzelter feindlicher Posten, ebenfalls auf die Füße sprang. Andreas schlug dem Briten, der eben seine Waffe zum zweitenmal auf den Alten abdrücken wollte, den Kolben über den Kopf. Lautlos sank er nach vorn und fiel über den Vater, der in die Knie gebrochen war.

Andreas warf einen raschen Blick in die Runde. Als alles still blieb, beugte er sich über die beiden Männer. Jan Grobler hatte im Sturz die dürren Finger um den Hals des Engländers gekrallt. Jetzt aber löste er den würgenden Grill mit der stillen, endgültigen Gebärde, die nur die Hände der Sterbenden haben. Im brechenden Auge des Vaters las Andreas einen Befehl. Und er erinnerte sich an das gegebene Wort.

Lautlos tauchte er im hohen Grase unter und kroch weiter dem Mond entgegen, der nun schon zwei Handbreit über dem Horizont stand, glanzlos und noch halb verhüllt von den abziehenden Regenwolken.

Nach einigen Minuten spürte Andreas, daß ihm etwas heiß und feucht über das Kinn rann. Er hatte die Zähne so tief in die Unterlippe gebissen, daß sie blutete.