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Dreizehntes Kapitel

Da die Amtszeit des Präsidenten im Frühjahr 1898 ablief, wurden in der Republik Neuwahlen ausgeschrieben. Neben Krüger kandidierten Schalk Burger und, wie stets seit zwölf Jahren, der Generalkommandant Piet Joubert. Die beiden letzteren traten für eine Verständigung mit England ein und waren bereit, den Uitländers schrittweise die Gleichberechtigung zu gewähren. Es zeigte sich aber, daß die Erinnerung an den Jameson-Einfall und die Johannesburger Verschwörung noch zu frisch war. Die Buren hatten in England ihren Todfeind erkannt und fühlten, daß jedes Entgegenkommen und jedes Kompromiß gleichbedeutend mit dem Verlust der nationalen Freiheit sein mußte. Krüger, in dem ganz Afrika den unbeugsamen Gegner des britischen Imperialismus und den Bezwinger Cecil Rhodes' erblickte, wurde mit überwältigender Mehrheit gewählt.

Am 12. Mai leistete der greise Präsident zum vierten Male den Eid auf die Verfassung. Pretoria war an diesem Tage ein einziges Flaggenmeer, und die Buren, die zu vielen Tausenden den großen Markt füllten, jubelten ihrem Ohm Paul zu, als er auf dem Balkon des Regierungsgebäudes erschien. Die Rede des Dreiundsiebzigjährigen bewies, daß der Löwe von Rustenburg noch nichts von seiner Kraft und Wachsamkeit eingebüßt hatte. Schon der erste Satz war ein Prankenhieb gegen den hinterlistigen Gegner, der sich keine Gelegenheit entgehen ließ, ihm die Worte im Munde zu verdrehen und überall Beleidigungen und Angriffe herauszuhören, aus denen er zu gegebener Zeit seine Fallstricke drehte. „Ehe ich beginne”, sagte der Präsident, „bitte ich den Herrn Staatssekretär, meine Worte genau aufzuschreiben, damit ich nicht wieder mißverstanden werde!”

Seine dreistündige Rede enthielt nicht eine einzige Anspielung auf die außenpolitische Situation und auf das gespannte Verhältnis des Landes zu Großbritannien. Und doch war sie von Anfang bis zu Ende eine Generalabrechnung mit dem Erbfeind und seinen Methoden. Wenn Krüger die Buren ermahnte, an den alten Sitten und Idealen festzuhalten, so hieß das: Hütet euch vor der Korruption, die England ins Land gebracht hat! Wandte er sich an die Kinder, um sie auf den Wert der holländischen Muttersprache hinzuweisen, so erteilte er damit den Uitländers, die nach englischen Schulen schrien, die gebührende Antwort. Er beklagte das Elend der „armen Weißen” im Minendistrikt — und schlug damit den selbstsüchtigen Millionären ins Gesicht. Er wetterte gegen die Banken, die ihren kleinen Schuldnern über Nacht die vorgestreckten Kapitalien kündigten, um sie in den Ruin zu treiben; er drohte den Spekulanten, die in Europa Anteilscheine von Minen an den Mann brachten, obgleich sie wußten, daß ihre mit viel Reklame angepriesenen Grundstücke auch nicht eine einzige Unze Gold bargen.

Die Leute aber, denen er so rücksichtslos die Maske vom Gesicht riß, waren fast ausnahmslos Engländer. Und wenn Krüger am Schluß seiner Rede den Buren zurief: „Denkt immer daran, daß wir uns dieses geliebte Land der Freiheit nicht genommen haben, sondern daß Gott es uns gegeben hat!” — so war dies zugleich ein feierliches Gelübde, die Heimat unter allen Umständen und mit jedem Mittel gegen einen frechen Übergriff von außen zu verteidigen.

Obgleich der Präsident kein Wort von einem drohenden Kriege gesprochen, ja nicht einmal auf irgendeine akute Gefahr hingewiesen hatte, war doch den meisten zumute, als hätten sie an einem Feldgottesdienst vor der entscheidenden Schlacht teilgenommen. Sie wußten, daß dem Lande schwere Zeiten bevorstanden, und sie hatten Krüger ja auch nicht deshalb zum viertenmal gewählt, weil seine Präsidentschaft ihnen die Garantie für eine ruhige und sorglose Zukunft bot, sondern weil sie sich in der Stunde der Gefahr instinktiv um den einzigen Mann scharten, dem sie ein unerschütterliches Vertrauen entgegenbrachten.

Der Jubel, der nach dem Siege über Jameson und die Johannesburger das Land erfüllt hatte, war bald verrauscht, denn man mußte erkennen, daß der Fehlschlag von 1895 die Engländer nur noch mehr gegen Transvaal erbittert hatte. Wohl hatte Rhodes die Ministerpräsidentschaft der Kapkolonie und den Vorsitz der Chartered niedergelegt und war für eine Weile von der politischen Bühne verschwunden. Es hieß, der ,Kaiser von Afrika' widme sich jetzt nur noch dem wirtschaftlichen Aufbau Rhodesiens und befasse sich mehr mit den griechischen und lateinischen Klassikern als mit afrikanischen Angelegenheiten. Aber wenn der Mann Rhodes sich auch für den Augenblick zurückgezogen hatte, so waren doch seine Millionen noch tätig, und sein Geist schien auf einmal das ganze Empire ergriffen zu haben.

Krüger hatte von London wenig Dank für die Milde geerntet, die er gegen die Übeltäter bewiesen hatte. Die Transvaal-Regierung hatte das ursprüngliche Todesurteil gegen die Hochverräter von Johannesburg in Haft und später sogar in eine Geldstrafe umgeändert, die Cecil Rhodes, ohne mit der Wimper zu zucken, aus seiner Tasche bezahlte. Jameson, der Hauptschuldige, wurde sogar an England zur Bestrafung ausgeliefert, wofür sich die Königin Viktoria in einem überaus herzlichen Telegramm an Krüger bedankte. In London fand auch wirklich eine gerichtliche Untersuchung statt. Aber die Verhandlung war nur eine Farce. Jameson wurde vom Publikum wie ein Held bejubelt, und die Zeugen, darunter Rhodes, weigerten sich zynisch, über gewisse wichtige Zusammenhänge Auskunft zu geben. Chamberlain erschien mit hochmütig-eisiger Miene, tat, als erinnere er sich an nichts, und unterdrückte die Veröffentlichung seiner Korrespondenz mit Rhodes. Wahrend der ,Kaiser von Afrika' sich benahm, als sei nicht er, sondern Paul Krüger der wahre Angeklagte des Prozesses, wurde die Unschuld der britischen Regierung ,nachgewiesen' und der Chartered und ihrem Häuptling kein Haar gekrümmt. Als ein degenerierter Herzog, den man lediglich seines wohlklingenden Namens wegen in den Aufsichtsrat der Gesellschaft berufen hatte, in völliger Verkennung der Umstände Rhodes den Vorwurf der Eigenmächtigkeit und Unehrlichkeit zu machen wagte, wurde er so lange niedergezischt, bis er kopfschüttelnd auf die Zeugenbank zurücksank und verstummte. Da man aber immerhin, um das aufgestöberte Ausland zu beruhigen, einen Sündenbock brauchte, wurde Dr. Jameson zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt. Knappe zwei Monate verbrachte er in seiner Zelle, wo ihm der Duft von Hunderten von Blumensträußen das Atmen fast unmöglich machte, dann wurde er wegen Krankheit aus der Haft entlassen. Die englische Presse aber war übereinstimmend der Ansicht, daß — Völkerrecht hin, Völkerrecht her — Rhodes und Jameson ihre Haut für eine nationale Sache zu Markte getragen hätten, und daß es nunmehr die Pflicht der britischen Regierung sei, die Uitländers vom Witwatersrand aus ihrem menschenunwürdigen Helotendasein zu befreien.

Die ständigen britischen Drohungen führten dazu, daß sich Widerstand und Mißtrauen der Transvaal-Buren immer mehr versteiften. Die Partei, die noch an die Möglichkeit einer friedlichen Lösung glaubte, wurde immer kleiner, und es gab viele, die den Krieg, der ja doch über kurz oder lang kommen mußte, am liebsten im günstigsten Augenblick begonnen hätten. Hier freilich war Krüger, obwohl auch er nicht mehr auf eine Verständigung hoffte, anderer Ansicht. Er hatte begriffen, daß der Kampf seines kleinen Volkes gegen den unersättlichen britischen Imperialismus eine Bedeutung hatte, die weit über Südafrika hinausging. Wollte er in der Stunde der Entscheidung das Weltgewissen auf seiner Seite haben, mußte er dafür sorgen, daß seine gerechte Sache nicht durch einen mutwillig vom Zaun gebrochenen Angriffskrieg diskreditiert wurde. Seine Parole blieb auch fernerhin: keinen unbesonnenen Schritt vorwärts, aber auch keinen zurück. Und seinem unbeugsamen Willen gelang es, sowohl die Schwächlinge als auch die Übereifrigen im Lande auf diesen schwierigen politischen Kurs zu zwingen, der über einen schmalen Grat zwischen zwei Abgründen dahinführte.

Am Nachmittag des 12. Mai fanden sich zahllose Deputationen in der Präsidentenvilla ein, um Paul Krüger zu seiner Wiederwahl zu beglückwünschen. Auf der Veranda und in den Wohnräumen drängten sich die Buren aus allen Distrikten und warteten geduldig, bis auch an sie die Reihe kam, um Ohm Paul die Hand zu schütteln. Inzwischen breiteten sie die mitgebrachten Gaben umständlich auf allen Möbeln aus. Aus schweißigen Pferdedecken wickelten sie auf Holz geschnitzte Bibelsprüche, Körbe mit Weintrauben, Ananas und Pfirsichen und große Blumensträuße, die auf der langen Reise schon ein wenig welk geworden waren. Viele hielten auf Papier gemalte Glückwunschadressen in den Händen und waren ängstlich bemüht, die mit bunten Blumen, Vögeln und Schnörkeln verzierten Bogen nicht zu beschmutzen. Zwischen den Burenabordnungen, die teils in Hemdsärmeln und breitkrempigen Filzhüten, teils in modischen Gehröcken und verbeulten Zylindern erschienen waren, standen die Mitglieder des diplomatischen Korps ein wenig geniert herum. Der britische Bevollmächtigte, um den sich ein leerer Raum gebildet hatte, zog den russischen und den französischen Konsul in eine Ecke und machte spöttische Bemerkungen über die ungebildeten Landeskinder und ihren Präsidenten. Er witzelte leise über das Denkmal Krügers, das man am Vortage gerade gegenüber der ,Dopper-Kirche' eingeweiht hatte. Den unvermeidlichen Zylinder des Präsidenten hatte

man auf Tante Sannies dringende Bitte mit einer Höhlung versehen, damit die Spatzen der Hauptstadt dort ein Planschbecken und eine Tränke finden konnten.

„Ich fürchte, die Vögel werden ihn bekleckern”, sagte der Engländer. Der Vertreter Rußlands, der den deutschen Konsul in der Nähe stehen sah, erwiderte gewandt:

„Das kann ihm nur Glück bringen. Jedenfalls sind die Vögel die einzigen Wesen, denen es Krüger erlaubt, auf seinem Kopf zu tanzen.”

Der Engländer bekam schmale Lippen. Er fühlte sich heute sehr unbehaglich, denn inzwischen war es bekanntgeworden, daß von allen Regierungen es allein die britische versäumt hatte, dem Präsidenten zu seiner Wiederwahl zu gratulieren. Krampfhaft bemüht, die Lacher auf seine Seite zu bekommen, sagte er so laut, daß auch der deutsche Konsul es hören mußte:

„Die Vorliebe für das Wasser scheint Krüger ja mit den Spatzen zu teilen. Als er vor vierzehn 'Jahren in Berlin war und zum Diner ins Schloß geladen wurde, soll er sogar seine Fingerspülschale ausgetrunken haben. Bismarck und der Kaiser mußten es ihm sofort nachmachen, um dem alten Herrn eine Blamage zu ersparen.” Und als seine Zuhörer keine Miene verzogen, fügte er etwas gereizt hinzu: „In London hat man ihn lieber erst gar nicht an den Hof gebeten.”

„Natürlich nicht — Sie hatten ja auch keinen Bismarck!” meinte der Russe anzüglich. „Hat Ihre Majestät die Königin übrigens nicht kürzlich einige Negerhäuptlinge empfangen?” Inzwischen stand Krüger in seinem Arbeitszimmer und ließ die Delegationen, eine nach der anderen, an sich vorüberziehen. Viele, die ihn lange Zeit nicht aus der Nähe gesehen hatten, bemerkten erst jetzt, daß der Präsident ein alter Mann geworden war. Seit er vor zwei Jahren einen heftigen Anfall von Gelenkrheumatismus überstanden hatte, war sein Rücken gekrümmt, und der schwere Oberkörper stützte sich auf einen Ebenholzstock, dessen silberne Krücke zwischen den knorrigen Fingern des Präsidenten fast verschwand. Am meisten aber veränderte ihn die blaue Brille, die er seit einiger Zeit zum Schutz seiner kranken Augen trug. Sie gab seinem Gesicht etwas Mißtrauisches, fast Lauerndes, und wenn er die Hand mit dem zögernden und gleichsam tastenden Griff des Schwachsichtigen zur Begrüßung ausstreckte, hatte jeder die Empfindung, von dem alten Mann bis in den letzten Winkel der Seele geprüft zu werden, obwohl seine Blicke sich hinter den farbigen Gläsern verbargen.

Und wirklich war es eine große Prüfung und Heerschau seines Volkes, die Krüger in diesen Stunden abhielt. Aufmerksam wog er die Reden der Männer und den Druck ihrer Hände. Er schied die Bewohner der einsamen Grenzfarmen, die ihm rauhe, unbeholfene Worte und verarbeitete Fäuste boten, von den gewandten und verweichlichten Männern aus den Minendistrikten. Die Buren, die aus dem Oranje-Freistaat herübergekommen waren, um die Grüße der kleinen Schwesterrepublik zu überbringen, waren noch sämtlich vom alten Schlag: das Goldfieber hatte ihr Land verschont, dessen Boden keine Schätze barg, dafür aber den Bauern reiche Ernten sicherte. Die Delegation vom Witwatersrand dagegen drechselte höfliche und nichtssagende Sätze, und Krüger mußte glatte, beringte Finger drücken, aus denen ihm kalte Feindschaft entgegenströmte.

Später empfing er die Diplomaten. Aus ihren Worten glaubte er eine gewisse vorsichtige Zurückhaltung sowie versteckte Warnungen herauszuhören. Die Sympathie der europäischen Mächte, die ihm in den ersten Monaten nach dem Jameson-Einfall das Herz erwärmt und die Furcht vor politischer Vereinsamung von ihm genommen hatte, war einem kühlen, wenn auch besorgten und wohlmeinenden Interesse gewichen. Krüger wußte, daß die Ermahnungen zur Nachgiebigkeit, mit denen die Vertreter der Großmächte neuerdings so eifrig bei der Hand waren, nichts anderes besagten, als daß sich die internationale Lage geändert hatte und man ihm, wenn er einmal in Not kam, nicht helfen konnte.

Als der deutsche Konsul vor ihm stand, behielt der Präsident dessen Hand länger in der seinen. „Deutschland hat einmal sehr viel für uns getan”, sagte er. „Wir werden ihm das niemals vergessen. Ich hoffe nur, daß das Reich sich auch in Zukunft seiner armen Verwandten erinnert.”

Der Konsul konnte seine Verlegenheit nicht ganz verbergen. Er hatte strikte Anweisungen erhalten, bei den Buren keinerlei Hoffnung auf eine deutsche Hilfe im Kriegsfalle aufkommen zu lassen. Woher aber diese plötzliche pro-englische Schwenkung der deutschen Außenpolitik kam, wußte er selbst nicht. Bei seinem letzten Besuch in der Heimat hatte er gerüchtweise von einem Geheimabkommen zwischen Berlin und London reden hören, in dem die beiden Mächte ihre afrikanischen Interessen gegeneinander abgegrenzt haben sollten.

„Deutschland wird sicherlich jederzeit gern bereit sein, die Vermittlung zwischen Ihnen und England zu übernehmen”, sagte er zurückhaltend. „Und wenn Sie Herrn Chamberlain irgendwelche Vorschläge zu machen hätten...”

Aber Krüger schüttelte bekümmert den Kopf. „Ich brauche keinen Vermittler, sondern einen Verbündeten, lieber Baron. Aber ich weiß ja, kleine Leute übersieht man nur zu leicht. Und besonders jetzt, da man in Deutschland so viel von den großen und reichen Verwandten, den englischen Vettern, spricht.” „Und doch können Sie überzeugt sein, daß die Sympathien des deutschen Volkes immer auf Seiten der Buren sein werden”, verteidigte sich der Konsul. Krüger legte ihm die Hand auf die Schulter. „Das weiß ich”, sagte er, „nur fürchte ich, daß bei Ihnen die Sympathien des Volkes nicht immer den politischen Kurs bestimmen. Glauben Sie mir, eines Tages kann sich das bitter rächen. Meinen Sie, ich hätte es auch nur wagen dürfen, meinen schweren politischen Weg zu gehen, wenn der Wille meiner Buren ihn mir nicht vorgeschrieben hätte? Feindschaften zwischen Staaten sind nur dann zu verantworten, Freundschaften nur dann fruchtbar, wenn sie vom ganzen Volke getragen werden.”

Der Präsident, der die ganze Zeit gestanden hatte, ließ sich in seinen Stuhl sinken. Er nahm die blaue Brille ab und rieb sich die Augen, die ihren alten, strahlenden Glanz verloren hatten und zwischen entzündeten Lidern lagen. Der Konsul sah auf einmal, wie müde und bedrückt der alte Mann war. Er wollte irgend etwas sagen, aber Krüger winkte ihm nur stumm mit der Hand. Er war entlassen. Als er die große Wohnstube betrat, sahen ihn seine Kollegen verwundert an. Er hatte einen roten Kopf und verließ das Haus, ohne noch mit irgend jemand zu sprechen.

Noch am gleichen Abend ließ Krüger Oberst Schiel und Andreas Grobler zu sich kommen. Als die beiden Beamten eintraten, lag das Arbeitszimmer im Dunkeln, denn der Präsident mußte nach den Anstrengungen des Tages seine Augen schonen. Er saß, ein dunkler, nach vorn geneigter Schatten, am Fenster, durch das vom festlich illuminierten Markt her ein schwacher Lichtschein ins Zimmer fiel.

„Ich habe heute mit deinem Vater gesprochen”, sagte er zu Andreas. „Ich höre, daß du gern heiraten möchtest.”

Grobler stand in straffer Haltung vor dem Präsidenten, eine Gewohnheit, die nur die von deutschen Offizieren ausgebildeten Buren angenommen hatten. Er sagte:

„Daraus wird wohl noch nichts werden, Ohm. Erst haben mich die Engländer um meine Farm in Maschonaland gebracht — und jetzt auch noch um meine Stellung bei der Polizei in Johannesburg.”

Andreas war vor wenigen Wochen ungewollt Mittelpunkt und Ursache eines politischen Skandals geworden, den die englische Presse gehörig ausgeschlachtet hatte. Am Witwatersrand hatte ein übel beleumundeter britischer Staatsangehöriger namens Edgar einen Landsmann beim Poker erschlagen. Die Zeugen dieses Vorfalls riefen die Polizei zu Hilfe, und Andreas verfolgte den Mörder bis in seine Wohnung, wo dieser sich inzwischen hinter der verschlossenen Tür verbarrikadiert hatte. Als der junge Beamte schließlich gewaltsam eindrang, schlug ihm Edgar mit einer Eisenstange über den Kopf. Grobler griff zur Pistole und schoß den Engländer, der sich wie ein Tobsüchtiger gebärdete, in der Notwehr nieder. Daraus hatte man in London einen unerhörten Fall von Willkür gemacht und die Transvaal-Polizei des Hausfriedensbruches und des vorsätzlichen Mordes bezichtigt. Chamberlain selbst hatte die günstige Gelegenheit wahrgenommen und im Parlament wieder einmal eine Attacke gegen die Buren geritten. Dem Präsidenten war daraufhin nichts anderes übriggeblieben, als Grobler zu entlassen und gegen ihn eine Untersuchung einzuleiten, die natürlich mit einem klaren Freispruch endete.

„Zur Polizei nach Johannesburg kannst du nicht wieder zurück, mein Junge”, sagte Krüger jetzt. „Das ist unmöglich. Aber ich habe mit Piet Joubert gesprochen. Er braucht einen tüchtigen Vize-Feldkornett.”

Andreas wurde rot vor Freude und nahm die Hacken noch fester zusammen. Der Präsident fuhr fort:

„Dann kannst du auch heiraten. Verstehst du — ich will sogar, daß du heiratest. Den Buren hat es, Gott sei Dank, nie an Kindersegen gefehlt. Aber noch niemals war es so nötig wie jetzt, daß viele Kinder geboren werden. Denn — —”, er sprach plötzlich leise und wandte seinen beiden Zuhörern das durchfurchte Gesicht zu, „ich glaube, es werden bald viele Männer in Transvaal sterben müssen.”

Im Zimmer wurde es sehr still nach diesen Worten, nur von der Stadt her hörte man das Krachen der Feuerwerkskörper. Die Raketen warfen rote und grüne Blitze auf das Gesicht Krügers. „Sie sollen lieber ihr Pulver sparen”, murmelte er, und es war, als habe er die beiden Besucher ganz vergessen. „Wir werden es noch brauchen.”

Plötzlich aber wandte er sich an Oberst Schiel und sagte, während er im Gesicht des Deutschen zu lesen suchte: „Sie möchten Ihre Stellung als Polizeichef aufgeben?”

„Jawohl, Exzellenz. Ich bin Soldat, und es macht mir auf die Dauer keine Freude, in den schmutzigen Affären anderer Leute herumzustöbern.”

„Sie wollen wahrscheinlich in Ihre Heimat zurückkehren, lieber Schiel?” fragte Krüger.

Der Oberst räusperte sich. „Nein, Exzellenz, ich würde gern in Transvaal bleiben. Das heißt — natürlich nur, wenn Sie mich noch brauchen können. Vielleicht in der Armee-----”

Der Präsident wandte langsam den Kopf zum Fenster. Er sagte schwerfällig: „Selbstverständlich kann ich Sie gebrauchen, Oberst. Aber warum wollen Sie bleiben? Sie sind Deutscher. Wenn Sie das Land nicht verlassen, werden Sie vielleicht bald für eine Sache kämpfen müssen, die nicht die Ihre ist. — Die Sache Transvaals ist nicht mehr die Sache Deutschlands.”

Schiel antwortete nicht gleich. Er schloß die Hände fest um seinen Degen und stieß die Waffe auf den Boden. „Die Sache Deutschlands vielleicht nicht — aber die der Deutschen!” sagte er dann. „Wenn es zum Kriege kommt, werden meine Landsleute ein Freikorps aufstellen, und sie haben mich gebeten, die Führung zu übernehmen.”

„Und wenn Ihre Regierung an der Freundschaft mit England festhält?” fragte Krüger verwundert.

„Auch dann. Ich weiß nicht, was die deutsche Regierung beabsichtigt — aber wenn England wirklich über Transvaal herfallen sollte, dann wird ... dann müßte das Volk in Deutschland eben die Regierung zwingen-------” Schiel verstummte mitten im Satz.

Mein Gott, dachte er verwirrt, ich, ein ehemaliger kaiserlicher Offizier, spreche wie ein Rebell!

Der Präsident hatte sich erhoben. Breit und klobig stand sein Schatten gegen den Nachthimmel, an dem eben ein Feuerrad kreiste und bunte Funken nach allen Seiten sprühte. „Ich fürchte, lieber Oberst, Sie irren sich”, sagte er. „Die Volker in Europa wissen heute noch nicht, was sie wollen und was sie müssen. Selbst der Haß auf England, den viele schon empfinden, ist noch nicht der rechte. Sie hassen die Briten wie Konkurrenten, deren Methoden sie im geheimen bewundern. Aber man muß sie hassen, wie man das Böse haßt. Wir Buren haben das vielleicht als erste begriffen, obwohl man uns immer für rückständig hält.”

„Aber die Völker haben doch ein Gewissen. Es muß eines Tages erwachen!” stieß der Oberst hervor. Er fühlte sich unbehaglich, denn er liebte es gar nicht, große Worte zu gebrauchen.

„Ja, aber dieses Gewissen schlummert noch, es ist begraben unter Bergen von Goldstücken. Einmal wird es erwachen, aber dann ist es für uns Buren vielleicht schon zu spät.”

„Dann werden wir es wecken, indem wir als erste kämpfen!” rief Andreas mit heller Stimme.

Der Präsident hob die Arme, es war eine Geste der Hilflosigkeit. Einen Augenblick sah es aus, als sei er an ein Kreuz geschlagen. „Du bist jung, Andreas, und ein Idealist. Da fällt es nicht schwer, sich zu opfern. Aber ein ganzes Volk opfern müssen, das man so lange gehegt und geschützt hat? Das ist schwer, und es wird auch dann nicht leichter, wenn man weiß, daß man dadurch vielleicht den ersten

Schritt zur Erlösung der Menschheit von einer furchtbaren Geißel tut.”

Er hatte sich wieder in seinen Stuhl gesetzt. Schiel und Grobler wagten sich nicht zu rühren. Endlich murmelte Krüger:

„Ihr müßt jetzt gehen. Ich bin müde.” Als er allein war, blieb er noch lange am Fenster sitzen und blickte in die Nacht hinaus. Das Feuerwerk lebte noch einmal auf und bedeckte den Himmel mit roter Glut. Dann schwieg das Krachen der Böller. Eine Wolke von Pulverrauch, der einen faden Geschmack auf der Zunge hinterließ, senkte sich langsam über die Stadt. Gruppen von heimkehrenden Bürgern gingen vorüber. Vor dem Hause blieben sie einen Augenblick stehen und brachten ein letztes Hurra auf den Präsidenten aus.

Krüger schloß das Fenster und begann mit schweren Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen. Aber soviel er auch grübelte, er fand keinen Ausweg. Er sah das Verhängnis heraufziehen, und er wußte, daß es eines Tages nur noch die Wahl zwischen Kapitulation und Kampf geben konnte. Vielleicht endete auch der Kampf mit der Kapitulation; er fühlte dunkel, daß es für die Buren nicht mehr um den Sieg, sondern nur noch um das Leben ging. Nun, das Leben würde ihnen erhalten bleiben, wenn sie sich unterwarfen. Aber Leben hieß für ihn: als Volk bestehen, wissen, daß man Bure ist! Und das Fortbestehen des Volkes war nur zu sichern durch den Kampf, auch wenn er mit der militärischen Niederlage enden sollte. Denn dann würde so viel Blut geflossen sein, daß es für alle Zeiten einen Abgrund zwischen den Siegern und den Besiegten füllte. Die Völker bestehen durch das Blut der Lebenden, dachte er. Aber in Zeiten der bittersten Not kann es geschehen, daß allein das Blut der Toten sie vor dem Untergang bewahrt!

Noch nie hatten die Buren mit dem eigenen Blut gegeizt. Hätten sie es getan, wären sie niemals über den Oranje und den Vaal getreckt, hätten das Land nicht von den Schwarzen gesäubert, hätten im Jahre 1880 die Waffen nicht gegen England erhoben. Und stets hatte es in Transvaal nicht nur Männer gegeben, die sterben konnten, sondern auch Frauen, die zu gebären vermochten.

Ihm fiel ein, daß er selbst über hundert Nachkommen hatte. Und er wußte nun: ein Volk lebt, solange seine Söhne zu sterben verstehen.

Im Sommer 1899 hielt Chamberlain die Zeit für gekommen, um mit der Selbständigkeit der südafrikanischen Buren-Republiken ein Ende zu machen. Der Feldzugsplan lag seit drei Jahren in den Geheimschränken des War Office; man hatte nur noch eine günstige außenpolitische Situation abwarten müssen, denn man wollte es nicht riskieren, noch einmal, wie seinerzeit beim Jameson-Einfall, durch Deutschland und andere Mächte mitten im Sprung aufgehalten und gedemütigt zu werden.

Jetzt aber war die Position Großbritanniens genügend gefestigt. Schon im Januar 1896 war es gelungen, Frankreich aus der europäischen Front herauszubrechen, die sich gegen die afrikanische Gewaltpolitik Englands zu bilden drohte. In Paris hatte man eingesehen, daß eben jetzt der günstigste Augenblick war, sich in die weit geöffneten Arme des isolierten England zu werfen, und daß die „verlorenen Provinzen” für Frankreich wichtiger waren als das ferne Transvaal. Nun kam es nur noch darauf an, auch die Aufmerksamkeit Deutschlands, des gefährlichsten Gegners, von Südafrika abzulenken. Als Köder mußten die portugiesischen Kolonien dienen; Portugal brauchte wieder einmal dringend Geld, und so wurde in einem Geheimabkommen zwischen Berlin und London ausgemacht, daß Deutschland den Portugiesen eine Anleihe gewähren sollte, wofür diese ihren Kolonialbesitz zu verpfänden hatten. Da Lissabon, wie vorauszusehen war, das Geld niemals oder doch nicht rechtzeitig würde zurückzahlen können, brauchte Deutschland zu gegebener Zeit die Pfänder nur einzustreichen. Darüber hinaus öffnete England dem Reich bereitwillig den Weg nach Samoa. Als Gegenleistung für alle diese Gaben ließ sich England freie Hand in Südafrika zusichern. Der famose portugiesische Handel war natürlich niemals ernst gemeint. Denn abgesehen davon, daß Paris sehr bald von dem Geheimabkommen Wind bekam und den Portugiesen schleunigst die Anleihe ohne Garantien gewährte, wurde zwischen London und Lissabon kurz danach ein anderer Geheimvertrag abgeschlossen, in dem England sich verpflichtete, den Kolonialbesitz Portugals gegen jeden Angriff zu verteidigen.

Durch dieses Doppelspiel, bei dem Deutschland der Geprellte, Transvaal aber das beklagenswerte Opfer war, hatte sich England den Rücken freigemacht. Nun handelte es sich nur noch darum, den Krieg gegen die Buren, zu dem man fest entschlossen war, durch ein diplomatisches Geplänkel moralisch vorzubereiten. Die Frage der Uitländersredite wurde, da man mit dem besten Willen keinen anderen Vorwand finden konnte, von neuem ausgegraben. Wieder ließ man die Randbevölkerung Petitionen anfertigen, deren imponierende Unterschriftenzahlen durch die bewährten Methoden der Bestechung, Fälschung und Erpressung zustande kamen. Diese Bittschriften gingen nach England und wurden von der Königin und dem Parlament in Empfang genommen, obgleich das eine ganz und gar unstatthafte Einmischung in die inneren Angelegenheiten Transvaals bedeutete. Nun forderten Presse und Politiker Paul Krüger energisch auf, die Einbürgerungsfristen herabzusetzen und den Fremden das Stimmrecht nicht erst nach vierzehn Jahren, sondern schon zu einem früheren Termin zu gewähren. Natürlich war dem Kolonialminister Chamberlain, der die ganze Kampagne organisierte, durchaus nichts daran gelegen, daß Krüger nachgab. Er wollte nur die öffentliche Meinung in Hitze versetzen und Zeit für die militärischen Vorbereitungen gewinnen. Ein „Ja” aus Pretoria bereitete ihm daher mehr Kummer als ein „Nein”, denn nun mußte er seine Forderungen wieder heraufschrauben und neue Quälereien ersinnen.

Das Hin und Her von Erpressungen, Konzessionen und neuen Forderungen währte bis in den Herbst 1899 hinein. Gleichzeitig aber wurden schon die ersten indischen Truppen in Natal ausgeschifft, und die englische Presse erörterte in aller Öffentlichkeit die Besetzung der hohen Befehlshaberstellern falls es zum Kriege kommen sollte. Daß es zu diesem Kriege kommen mußte, war auch Krüger längst nicht mehr verborgen. Dennoch ging er auf das Spiel Chamberlains ein und setzte die Fristen für die Erlangung des Uitländer-Stimmrechtes von vierzehn auf neun und schließlich von neun auf sieben Jahre herab. Er tat dies nicht etwa, weil er hoffte, England werde sich endlich zufrieden geben, sondern weil er auch dem letzten Buren im Lande, und darüber hinaus den stammverwandten Brüdern im Freistaat und in der Kapkolonie die Augen für den wahren Charakter der britischen Politik öffnen wollte. Und wenn er auch nicht mehr an ein Eingreifen der europäischen Regierungen glaubte, so wollte er doch wenigstens das Gewissen der Völker wachrütteln.

Es gelang ihm auch wirklich, durch sein Entgegenkommen England so weit ins Unrecht zu setzen, daß Chamberlain die Wahlrechtsfrage fallen ließ und sich nach einer neuen Daumenschraube umsehen mußte. Als die Buren vorschlugen, die strittigen Fragen einem internationalen Schiedsgericht vorzulegen, erklärte England plötzlich, das sei nicht angängig, da Transvaal keine vollständige Selbständigkeit besitze, sondern unter britischer ,Suzeränität' stehe. Diese Behauptung suchte Chamberlain aus dem englisch-burischen Friedens vertrag von 1881 herzuleiten, der jedoch durch die Londoner Konvention von 1884 längst überholt war. Krüger antwortete auf diesen Schachzug, indem er die Forderung nach einem internationalen Schiedsgericht fallen ließ und die Wahlrechtsfrist nochmals, diesmal auf fünf Jahre vom Tage der Einwanderung an gerechnet, heruntersetzte. Er machte diese Zugeständnisse jedoch davon abhängig, daß England auf die angemaßte Suzeränität verzichtete und sich an die Konvention von 1884 hielt. Als Chamberlain sich weigerte, diesen Verzicht auszusprechen, trotzdem aber seine Forderungen von neuem heraufsetzte, gerieten die Verhandlungen ins Stocken. Die wohlgemeinten, aber billigen Ratschläge der Großmächte, den Engländern doch noch weiter entgegenzukommen, beantwortete Krüger mit dem Hinweis, daß er die Freiheit des Landes unmöglich opfern könne. Gleichzeitig verstärkte er seine Rüstungen und knüpfte die Bande mit dem Oranje-Freistaat fester, mit dem ihn schon seit zwei Jahren ein Defensivbündnis verband. Einige weitere Noten, die im August und September zwischen London und Pretoria gewechselt wurden, brachten keine Entspannung. Schließlich erklärte England, die Vorschläge der Transvaal-Regierung seien völlig ungenügend, und behielt sich das Recht vor, die Angelegenheit ,de novo' zu betrachten. Diese sibyllinische Feststellung ergänzte Chamberlain einige Tage später, anläßlich eines Frühstücks, durch die höhnische Erklärung, Krüger gebe Konzessionen von sich wie ein ausgepreßter Schwamm. Man müsse nun endlich reinen Tisch machen.

Krüger ließ darauf nach London drahten, er wünsche die endgültigen britischen Forderungen kennenzulernen. England dachte aber nicht daran, sich festzulegen und dadurch die Schraube ohne Ende abzubrechen. Es erfolgte darum keine Antwort. Statt dessen wurden in Großbritannien zwei Divisionen mobilisiert, und die Truppenzusammenziehungen an der Transvaalgrenze wurden fortgesetzt. Ein letzter verzweifelter Vermittlungsversuch des Freistaat-Präsidenten Steyn scheiterte. Jetzt endlich riß den Buren die Geduld, denn es war nun jedermann klar geworden, daß es den Engländern aus militärischen Gründen nur auf einen Zeitgewinn von Tagen ankam.

Am 9. Oktober überreichte die Transvaal-Regierung dem britischen Geschäftsträger ein Ultimatum, in dem die schiedsrichterliche Entscheidung aller Streitfragen und die Zurückziehung der englischen Truppen von der Grenze gefordert wurden. Die Antwort wurde für den n. Oktober, nachmittags fünf Uhr, erwartet.

In den Mittagsstunden dieses Tages, der die Entscheidung über Krieg und Frieden bringen mußte, war das erste Gewitter des südafrikanischen Frühsommers über Pretoria niedergegangen. Noch lange hing das entleerte Gewölk, eine fahlgelbe, mit violetten Schatten durchsetzte Riesenkuppel, über der Stadt. Eine blasse, kränkelnde Sonne warf ihre schrägen Strahlen über die Dächer und Gärten, deren Farben seltsam verfälscht erschienen. Der Gesang der Vögel, die aufgeregt hin und her flatterten und die Nässe aus ihren Federn schüttelten, klang schriller als sonst.

Um so gedämpfter aber sprachen heute die Menschen. Das Leben der Stadt, das bisher breit und behaglich dahingeflossen war, hatte sich verändert. Man sah bewaffnete Bürger, die mit ihren Frauen und Kindern flüsternd, fast ohne sich zu rühren, seit Stunden vor den Haustüren standen. An diesen gleichsam im Abschiednehmen erstarrten Gruppen vorbei sprengten erhitzte Reiter, einzeln oder in kleineren Trupps. Durch die Straßen, die sie mit ihren lauten Stimmen und dem erregenden, synkopierten Rhythmus galoppierender Hufe erfüllten, lief jedesmal eine Welle der Unruhe. Auf dem großen Markt, gegenüber dem Regierungsgebäude, staute sich seit den Mittagsstunden eine schwarze Menschenmenge. Manchmal erhob sich Gesang, der aber gleich wieder verstummte. Die Stille, Ausdruck einer lähmenden Erwartung, wurde dann doppelt spürbar. Wohl zweifelte kaum noch jemand daran, daß es Krieg geben würde. Die Mobilmachung war in vollem Gange, und die meisten Bürger waren schon zu ihren Kommandos abgerückt. Aber noch war das letzte, entscheidende Wort nicht gesprochen. Als die Turmuhr der ,Dopper-Kirche' zehn Minuten vor fünf zeigte, wurde die nach Tausenden zählende Menge von wachsender Unruhe ergriffen. Es entstand eine leichte, kreisende Bewegung. Manche entblößten das Haupt, andere richteten ihre Blicke auf die Seitenstraße, aus der jeden Augenblick der Wagen des britischen Geschäftsträgers auftauchen mußte.

Im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes hatte sich der vollziehende Raad der Transvaal-Republik versammelt. Im Raum befanden sich nur wenige, meist alte und weißbärtige Männer. Piet Joubert und andere Mitglieder der Regierung waren bereits an die Front gefahren. Es war nichts mehr zu besprechen. Krüger saß unbeweglich auf seinem Platz, vor der Mitte des großen Tisches, und hatte den Blick nach seiner Gewohnheit starr auf die Wand gerichtet. Auch die anderen schwiegen, und nur die Feder des Staatssekretärs, die emsig und etwas kratzend über das Papier lief, unterbrach die Stille.

Als von der Turmuhr fünf rasch aufeinanderfolgende, ein wenig scheppernde Schläge ertönten, wandten alle die Augen zur Tür. Wie gebannt starrten sie auf die blitzende Messingklinke und verfolgten im Geiste den Weg des britischen Geschäftsträgers, dessen schnelle Schritte jetzt deutlich auf der Freitreppe zu hören waren. Nun mußte er den fliesenbelegten Gang erreicht haben und kam auf die Tür zu. Die Klinke wurde niedergedrückt.

Der Engländer erschien pünktlich auf die Sekunde. Die hastige und etwas ungeschickte Art, mit der er über die Schwelle trat, verriet seine innere Erregung. Er ging ein paar Schritte auf den Platz des Präsidenten zu, der sich mit den Raadsmitgliedern erhoben hatte. Dann aber schien ihn der ruhige, prüfende Blick des alten Mannes zu verwirren. Er blieb stehen und begann ein Schriftstücks aus seiner Aktenmappe hervorzusuchen. Als er es gefunden hatte, sagte er laut, wobei er es vermied, den Augen Krügers zu begegnen:

„Die Regierung Ihrer Britischen Majestät bedauert es außerordentlich, Ihnen mitteilen zu müssen, daß sie die in Ihrer letzten Note erhobenen Forderungen nicht akzeptieren kann.”

Eine sekundenlange Stille folgte seinen Worten. Nur das Gewirr der Stimmen auf dem Platz schien plötzlich anzuschwellen. Der Engländer hatte wohl erwartet, seine Mitteilung, die unvermeidlich Krieg, Krieg mit der Weltmacht des Empire, bedeutete, würde unter den Buren Schrecken und Verwirrung auslösen. Als jetzt keinerlei Reaktion erfolgte, wagte er es, seine Blicke wieder auf den Präsidenten zu richten. Aber Paul Krüger bemerkte ihn wohl gar nicht. Langsam verließ er seinen Platz und ging zur Wand hinüber, wo ein dunkles Kruzifix über einem kleinen Pult hing. Als er sich mit gefalteten Händen zum Gebet niederließ, hörte man deutlich den harten Aufschlag seiner Knie auf dem Fußboden. Auch der Staatssekretär und die anderen Ratsmitglieder falteten die Hände und folgten stehend dem Beispiel des Präsidenten.

Der britische Geschäftsträger hatte lange genug in Transvaal gelebt, um durch solche Beweise einer selbstverständlichen Religiosität nicht mehr überrascht zu werden. Aber heute war er gekommen, um aus den Händen der Regierung eine formelle Kriegserklärung entgegenzunehmen. Er hatte sich diesen Vorgang ganz anders ausgemalt. Nun stand er, ohne zu wissen, wie er sich benehmen sollte, unbeachtet und tödlich verlegen mitten im Zimmer. Schließlich schlich er mit knarrenden Stiefeln an den verlassenen Platz Krügers, legte das Aktenstück, das er eben verlesen hatte, auf den Tisch und wandte sich zur Tür.

Aber der Staatssekretär rief ihn zurück. „Bitte, noch einen Augenblick!” sagte er mit ruhiger, fast geschäftsmäßiger Stimme.

Der Engländer drehte sich erschrocken um, als habe man ihn bei einem Diebstahl ertappt. Paul Krüger saß bereits wieder an seinem Platz und unterschrieb einige Papiere, die der Staatssekretär ihm vorlegte. Und während auf dem Marktplatz, wo man den Ausgang der Unterredung bereits irgendwie erfahren haben mußte, die Stimmen zu einem dumpfen Brausen anschwollen, erhob sich der Präsident und reichte dem Geschäftsträger wortlos die Pässe.

Eine Kriegserklärung auszusprechen, hielt er für unnötig und unwürdig. Der Kampf, der nun bevorstand, war ein Gottesgericht. Der Herr allein eröffnete es ebenso, wie er auch die Entscheidung fällen würde.

Das Wort „Oorlog” — Krieg — aber bildete den einzigen Inhalt der Telegramme, die wenige Minuten später durch das Land und zu den Truppen an den Grenzen liefen.

Gegen Abend entdeckte der Vize-Feldkornett Andreas Grobler auf dem Bahnhof von Pretoria, wo er das Verladen seines Kommandos überwachte, zufällig seinen ehemaligen Vorgesetzten. Der Oberst stand vor einem langen Truppentransportzug, den die Männer seines deutschen Freikorps über und über mit Fahnen, grünen Zweigen und Inschriften geschmückt hatten. Die beiden begrüßten sich inmitten eines wirren Durcheinanders von scheuenden Pferden, Geschützlafetten und Munitionskisten. Da sie noch über eine Stunde Zeit hatten und das Verladen glatt vonstatten ging, beschlossen sie, sich persönlich von Ohm Paul zu verabschieden.

Auf der Veranda der Präsidentenvilla fanden sie nur Tante Sannie vor. Die alte Frau saß, wie immer um diese Stunde, über eine Stickerei gebeugt. Sie hatte in den letzten Tagen drei Söhne und eine ganze Schar von Enkeln an die Front gehen sehen; aber sie ließ sich nichts anmerken. Ihre Augen waren klar wie immer, und nur das straff gescheitelte Haar, das unter der schwarzen Spitzenhaube hervorschaute, schien dem Obersten heute noch weißer als sonst zu sein.

„Mein Mann ist nicht hier”, sagte sie und beugte sich noch tiefer über ihre Arbeit. Aber jeder mußte sofort merken, daß sie die Unwahrheit sprach und die ungewohnte Lüge ihr sehr schwerfiel. Überdies lag der steife Hut des Präsidenten mitten auf dem Tisch.

„Na, Tante Sannie”, meinte Andreas, „uns dürfen Sie es ruhig sagen, wo der Ohm steckt. Wir fahren gleich an die Front.”

Einen Augenblick sah sie die beiden zweifelnd an. Dann aber legte sie ihre Handarbeit zusammen und sagte: „Sehen dürft ihr ihn meinetwegen, aber nicht sprechen.”

Tante Sannie führte Schiel und Grobler durch die große Wohnstube auf den Hinterflur des Hauses. Vor einem kleinen vergitterten Fenster blieb sie stehen. Den Finger auf die welken Lippen gelegt, flüsterte sie:

„Er darf nicht merken, daß ihr hier seid!” Dabei überzog eine feine Röte ihr kleines, faltiges Gesicht, das in diesem Augenblick vor Stolz und Zärtlichkeit leuchtete.

Auf dem Wirtschaftshof stand Paul Krüger. Er war barhäuptig und ohne seinen schwarzen langen Rock. Er hatte den Kopf auf die Schulter seines Basutoponys gelegt, das geduldig vor ihm stand und sich nur manchmal, wie es schien, ein wenig verwundert, nach seinem Herrn umdrehte. Gleich darauf begann es wieder das Gras zu rupfen, das zwischen den Pflastersteinen wuchs. Jetzt richtete Krüger sich auf und fuhr mit dem Handrücken über die gerötete Stirn. Nachdem er eine Weile am Sattel herumgeschnallt hatte, hob er den linken Fuß, um ihn in den Bügel zu schieben. Aber es gelang ihm nicht, so sehr er sich auch anstrengte. Schließlich machte das Pony, das inzwischen das Gras zwischen seinen Vorderfüßen abgefressen hatte, einen Schritt vorwärts. Der Präsident stolperte und wäre fast hintenüber gefallen. Nur mit Mühe gelang es ihm, sich mit beiden Händen am Sattel festzuhalten.

„Er möchte so gerne mit an die Front!” wisperte Tante Sannie. „Wenn er wenigstens wieder reiten könnte.”

Schiel antwortete nicht. Aber er schloß die Finger so fest um die Gitterstäbe des Fensters, daß es schmerzte.

Krüger hatte jetzt seinen achtjährigen Enkel Tjaard herbeigerufen, der bis dahin ein stummer, aber interessierter Zuschauer der Reitversuche seines Großvaters gewesen war. Mit Hilfe des Kindes gelang es ihm, den Fuß in den Bügel zu bekommen. Aber als er das rechte Bein über den Rücken des Ponys schwingen wollte, brach er plötzlich mit einem unterdrückten Schmerzenslaut zusammen. Das Kind mußte ihn mit allen Kräften stützen, damit er nicht auf die Steine schlug.

Oberst Schiel wandte sich ab. Mit heiserer Stimme sagte er: „Kommen Sie, Grobler. Wir haben kein Recht, das mitanzusehen.”

Als sie wieder auf der Straße standen, meinte Andreas, als müsse er die Schwäche des Präsidenten vor dem Deutschen entschuldigen: „Er ist vierundsiebzig Jahre alt. Und dann hat er kürzlich Gelenkrheumatismus gehabt.”

„Wir müssen Gott dafür danken, Grobler, daß wir jung und gesund sind und in diesem Kriege kämpfen dürfen.”

„Wir Buren selbstverständlich. Ich kann mir denken, wie Ohm Paul sich quält, weil er nicht mehr dabeisein kann. Aber Sie, Herr Oberst...”

Schiel blieb mit einem Ruck stehen und sah den anderen fast zornig an. „Warum ich mitkämpfe?” stieß er hervor. „Weil sich meine Landsleute in Europa eines Tages schämen müßten, wenn sie sich nicht sagen könnten: Ein paar von uns sind wenigstens zur Stelle gewesen — damals —” Und so rasch, daß Andreas kaum folgen konnte, setzte er seinen zum Bahnhof fort.

Krüger hatte indessen das Pony mit einem Schlag der flachen Hand in den Obstgarten getrieben. „Mit dem Reiten wird es wohl nichts mehr werden, Tjaard”, murmelte er. „Ich weiß nicht, es kann ja auch an den Bügeln liegen. — Jetzt hol mir mal meine Büchse.”

Das Kind lief ins Haus und kehrte gleich darauf mit einem Mausergewehr, dem neuesten deutschen Modell, zurück. An der rückwärtigen Mauer des Hofes befand sich eine Scheibe mit Kugelfang, auf die die Söhne und Enkel des Präsidenten häufig zu schießen pflegten.

„Lauf hin und sag mir die Ringe an!” befahl Krüger. Tjaard, der dieses Geschäft nicht zum erstenmal besorgte, stellte sich hinter den Schießstand.

Der Präsident hatte seine Brille abgesetzt. Er hob das Gewehr und zielte sorgfältig und lange. Endlich drückte er ab.

„Nun, Tjaard — zehn oder elf, denke ich? Ich bin wohl etwas links abgekommen.”

Das Kind musterte die Scheibe. „Gar nichts, Großvater!” verkündete es schließlich mit heller, verwunderter Stimme.

„Sieh gefälligst genau nach!” rief Krüger ärgerlich. „Sie muß noch drin sein! Vielleicht genau im Zentrum?” Aber Tjaard konnte keinen Einschuß entdecken.

Krüger zielte noch einmal. Die Scheibe war so merkwürdig schwer zu erkennen. Ob er die Augen zusammenkniff oder weit aufriß, immer sah er nur einen verschwommenen weißen Fleck. Und er wußte nicht einmal genau, ob er das Korn richtig in der Kimme hatte. Kopfschüttelnd setzte er wieder ab und fuhr sich mit der Hand über die Augen, vor denen graue Spinnweben auf und nieder wogten.

„Los, Großvater, schieß doch!” rief Tjaard ungeduldig.

„Die neuen Gewehre sind auch nicht das richtige. Viel zu kleines Korn”, murmelte der Präsident halb für sich. Aber mit dieser Waffe hatte er doch seine ganze Armee ausgestattet!

Er versuchte es noch einmal. Aber die Schleier vor seinen Augen wurden immer dichter. Jetzt konnte er nicht einmal mehr die Scheibe erkennen. Die Welt schien nur noch aus Nebel und Wolken zu bestehen, durch die unförmige, schwärzliche Schatten glitten. Er gab es auf.

„Komm, Tjaard, es hat keinen Zweck. Es ist ja schon viel zu dunkel. Da kann man nicht mehr schießen”, rief er mit nicht ganz fester Stimme.

Das Kind kam, die Hände in den Hosentaschen, hinter dem Kugelfang hervor. „Dunkel?” fragte es erstaunt. „Aber die Sonne ist ja eben erst untergegangen. Soll ich mal mein Luftgewehr holen?”

Der Großvater schüttelte stumm den Kopf. Er stöhnte nur leise und wollte das Gewehr mit zitternden Händen an die Mauer lehnen. Es fiel klirrend zu Boden.

Mit kleinen, schlürfenden Schritten ging der Präsident auf das Haus zu. Er hatte die Hände vor sich gestreckt und tastete wie ein Blinder nach dem Türrahmen. Als er in seinem Zimmer war, griff er nach der schweren Hausbibel. Er schlug die Klagelieder Jeremias auf und las, vor sich hinmurmelnd und die Zeilen mühselig mit dem Finger verfolgend:

„Er hat mich geführet und lassen gehen in die Finsternis und nicht in das Licht. Er hat seine Hand gewendet wider mich und handelt gar anders mit mir für und für. Er hat mein Fleisch und Haut alt gemacht und mein Gebein zerschlagen. Er hat mich in die Finsternis gelegt wie die Toten in die Welt.”

Die großen gotischen Lettern schienen sich aufzulösen und verschwammen zu grauen Flecken. Zornig fuhr er sich über die schmerzenden Augen. Seine Hand wurde naß von Tränen.

„Er läßt mich des Weges fehlen, er hat mich zerstückelt und zunichte gemacht”, las er weiter. „Ich bin ein Spott all meinem Volke und täglich ihr Liedlein. Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränkt.”

Krüger schloß die Bibel. Die rostigen Eisenbeschläge fühlten sich kühl an, als er den Kopf auf den Deckel legte. Er dachte daran, daß jetzt, vielleicht schon in dieser Stunde, an allen Grenzen des Landes der Kampf und das Sterben begannen. Und er saß hier, unfähig, mit der Waffe in der Hand seine Pflicht zu tun, halb blind, nicht einmal mehr imstande, auf ein Pferd zu steigen. In Europa bewunderte man ihn und nannte ihn einen großen Politiker. Aber was war jetzt daran gelegen, da der Geist zum Schweigen verdammt war und nur noch das Blut sprach? Sein ganzes Leben lang hatte er sich mehr für einen Kämpfer als für einen Politiker gehalten. Und kämpfen hieß doch, sich nicht nur mit dem Hirn, sondern auch mit den Fäusten für die Sache einzusetzen, die man vertrat. Wie lange war es her, daß er sich anheischig gemacht hatte, einen Streit mit den Freistaat-Buren durch einen Ringkampf zum Austrag zu bringen! Im Londoner Foreign Office hatte er einmal ums Haar einen Lord zu Boden geschlagen, der es gewagt hatte, die Transvaal-Regierung der Lüge zu zeihen; und wie oft hatte er sich danach gesehnt, einen Cecil Rhodes oder einen Chamberlain vor die Fäuste zu bekommen.

Auf der Straße marschierte wieder eine Abteilung vorüber. Die Buren sangen, und ihre Stimmen wurden lauter und siegesgewisser, als sie sich dem Hause des Präsidenten näherten. Krüger aber neigte den weißen Kopf noch tiefer, als fürchte er, durch das Fenster erkannt zu werden. Sein ganzes Leben hatte er in der Gewißheit verbracht, daß dieser Tag der Entscheidung kommen mußte. Nun, da es so weit war, konnte er nicht dabeisein. Er war alt und hilflos und den bedrängten Buren nicht mehr von Nutzen als sein Denkmal, das draußen vor der Kirche stand.

„Paul Krüger ist uns ein Symbol für alles, was Freiheitsliebe und nationale Selbstbehauptung heißt. Sein Leben und sein Werk sind eine nie versiegende Quelle der Kraft für jeden Menschen, dem die Ideale der Väter noch etwas wert sind”, hatte eine Zeitung anläßlich der Denkmalsenthüllung geschrieben. Symbol, Symbol! dachte der Präsident verächtlich. Wenn ich tot bin, sollen sie mich meinetwegen zum Symbol machen. Aber solange ich lebe, möchte ich lieber ein guter Scharfschütze sein!