zurück

Zwölftes Kapitel

Der 30. Dezember war ein strahlend schöner Tag. In der Nacht hatte es geregnet, aber schon um sieben Uhr schien die Sonne vom wolkenlosen Himmel, und die Morgenluft war von einer würzigen Frische, wie man es in Pretoria während des südafrikanischen Sommers nur selten erlebte. Krüger hatte seine Arbeit schon mit Sonnenaufgang begonnen. Er saß auf der Veranda und empfing Besuche. Durch die geöffnete Tür duftete es nach Kaffee und frischem Brot, und das Kaffernmädchen erschien von Zeit zu Zeit, um die gebrauchten Tassen fortzutragen und neues Geschirr bereitzustellen.

Bereits um sieben Uhr fand sich der deutsche Konsul ein. Wenn er auch nicht gerade ein passionierter Frühaufsteher war, so hatte er doch bald herausgefunden, daß sich mit dem Präsidenten über heikle Fragen am besten zu dieser Tageszeit und an diesem Ort unterhandeln ließ.

Der Konsul hatte in den letzten Tagen in ununterbrochener Verbindung mit Berlin gestanden. Das Auswärtige Amt wünschte über die Entwicklung im Minendistrikt genau informiert zu werden, da man fürchtete, Chamberlain könne den Uitländers-Konflikt zu irgendeiner Gaunerei benützen und vielleicht die Unabhängigkeit der Transvaal-Republik antasten. Der Außenminister hatte den britischen Botschafter bereits vor zwei Wochen darauf hingewiesen, daß Deutschland als Kolonialmacht am Status quo in Südafrika interessiert sei. In der Nacht hatte der Konsul ein Telegramm mit der Aufforderung erhalten, Krüger den Rücken zu stärken.

,,Ich darf Ihnen versichern, Herr Präsident”, sagte er, ,,daß das Deutsche Reich Sie voll unterstützt, sofern Sie auf der Wahrung Ihrer Rechte und der innerpolitischen Unabhängigkeit bestehen. Man begreift in Berlin vollkommen, daß die Republik in die Hände Englands geraten müßte, falls Sie allen Uitländers das Stimmrecht einräumen. Irgendwelche aggressive Handlungen von Seiten der Buren könnten wir dagegen nicht decken.”

,,Ich freue mich über das Interesse, das die deutsche Regierung an unserem Schicksal nimmt”, erwiderte Krüger. ,,Da sieht man doch, wie gut es ist, einflußreiche Verwandte zu haben. Sie wissen wohl, daß sehr viele Burenfamilien ursprünglich in Nord- und Westdeutschland ansässig gewesen sind? Ein gelehrter Professor hat mir sogar nachgewiesen, daß meine Vorfahren aus der Nähe Berlins stammen. Als ich vor elf Jahren dort war, ist es mir auch aufgefallen, daß sehr viele Droschkenkutscher den Bart genau so tragen wie ich.”

Der Konsul wurde verlegen und machte eine abwehrende Geste.

,,Warum nicht?” fuhr Krüger augenzwinkernd fort. ,,Es heißt ja, daß die Menschen, die mit Spreewasser getauft wurden, sehr schlau sind. Hoffentlich haben mir meine Berliner Ahnen etwas von dieser Eigenschaft vermacht.”

Der Konsul war erstaunt über die Ruhe und die gute Laune dieses Mannes, dessen Land vielleicht am Vorabend einer blutigen Revolution stand. Die letzten Nachrichten aus Johannesburg lauteten sehr bedrohlich. Die bewaffneten Uitländers wurden zu Sturmbataillonen zusammengestellt, und es hieß, daß ein Angriff auf das Fort von Pretoria geplant sei, in dem sich das Waffenarsenal der Republik befand. Dabei konnte er keinerlei Anzeichen dafür entdecken, daß die Buren mobil machten. Von der Staatsartillerie, der einzigen stehenden Truppe, waren viele Mannschaften auf Neujahrsurlaub geritten. Pretoria war friedlich wie immer.

„Ihre Regierung braucht übrigens nicht zu fürchten, daß ich angreife oder irgendeine andere Unbesonnenheit begehe. Im Gegenteil — ich werde den Johannesburgern sogar etwas entgegenkommen”, sagte Krüger.

Der Konsul hob besorgt den Kopf. Mit Konzessionen seien die Uitländers nicht abzuspeisen, meinte er. Jedes Recht, das man ihnen gewähre, mache sie nur noch begehrlicher.

Der Präsident lachte.

„Rechte bekommen sie nicht — aber dafür etwas Geld. Ich werde die Steuern auf Lebensmittel und die Abgaben für Grund und Boden heruntersetzen. Dadurch mache ich mich bei der Masse am Rand beliebt und nehme ihr das letzte Interesse an der Revolution. Die meisten verfolgen ja nur wirtschaftliche, aber keine politischen Ziele. Ich werde die Bewegung in zwei feindliche Lager spalten. Und dann, wenn die politischen Drahtzieher isoliert sind, werde ich zupacken.” Langsam schloß er die Faust, daß die Ränder der großen Narbe weiß und hornig hervortraten. Er fuhr fort: „Solange es sich nur um eine innere Auseinandersetzung handelt, brauche ich keine auswärtige Hilfe, Baron. Sie wäre mir sogar unangenehm. ”Wenn allerdings England sich offiziell einmischen sollte, dann muß ein Stärkerer zur Stelle sein.

Der Deutsche verneigte sich, zum Zeichen, daß er verstanden hatte.

Krüger war eben dabei, ihm einen Aufruf an die Bevölkerung vorzulesen, der die feste Entschlossenheit der Regierung, jeder Gewalt zu begegnen, ebenso klar betonte wie ihre Bereitschaft zur Prüfung berechtigter Beschwerden, da erschien der Generalkommandant Piet Joubert. Schwitzend und leicht hinkend wie immer, wenn er in Eile war, kam er die Stufen herauf.

„Dr. Jameson ist mit sechshundert Mann bei Pitsani über die Grenze marschiert. Er rückt auf Johannesburg!” rief er. „Eben hat es der Minenkommissar von Zeerust durchtelegraphiert.”

Krüger saß einige Sekunden unbeweglich, die schweren Lider waren ihm noch tiefer über die Augen gesunken. Er machte fast den Eindruck eines Schlafenden, und nur die sich vertiefenden Stirnfalten verrieten, daß etwas in ihm vorging. Endlich sagte er:

„Würde Ihre Regierung es für eine aggressive Handlung halten, Baron, wenn ich auf Jameson und seine Soldaten schießen lasse?”

„Im Gegenteil, es ist sogar Ihre Pflicht und Ihr gutes Recht! Das ist ein ungeheuerlicher, beispielloser Fall von Grenzverletzung — mitten im Frieden. Es ist-------” Der Konsul fand nicht die rechten Worte. Unwillkürlich hatte er vor Krüger die Hacken zusammengenommen.

„-------Ein Anschlag des Herrn Rhodes auf unsere Freiheit, den ich schon längst erwartet habe”, ergänzte der Präsident mit funkelnden Augen. „Und wenn Berlin nur dafür sorgt, daß England sich aus dem Spiel hält, wenn Deutschland die Briten nur für ein paar Tage in Schrecken setzt, dann werde ich mit diesem Mann meine Abrechnung halten.”

„Ich werde das Auswärtige Amt sofort unterrichten.”

„Sie brauchen nicht zu fürchten, daß Sie unsertwegen gegen England in den Krieg ziehen müssen. Rhodes und seinen Jameson erledigen wir, bevor Chamberlain noch richtig zum Atemholen gekommen ist, nicht wahr, Piet?” Er wandte sich dem Generalkommandanten zu, der sich auf das Hinterteil von Barnay Barnatos Löwen gesetzt hatte und mit einem großen roten Tuch seine Stirn trocknete. „Trink erst mal eine Tasse, wir müssen gleich über den Kriegsplan reden.”

Als der Deutsche gegangen war, sah Krüger ruhig zu, wie Joubert das heiße Getränk schlürfte. Eine wilde, düstere Freude hatte ihn ergriffen. Endlich war das Reptil aus seiner Höhle gekrochen! Rhodes, der Verhaßte, bisher stets Unangreifbare, hatte sich gestellt. Und Krüger erkannte sofort, daß sich der Gegner in einer sehr ungünstigen Position befand. Der Millionär hatte geglaubt, sich auf zwei starke Verbündete stützen zu können; aber der eine, England, konnte mit Hilfe Deutschlands in Schach gehalten werden, und der andere, nämlich Johannesburg mit seiner buntscheckigen Bevölkerung von nahezu hunderttausend Menschen, war im Begriff, seine eigenen Wege zu gehen. Denn daß die Drahtzieher der Uitländersbewegung irgendwie in Schwierigkeiten geraten sein mußten, konnte Krüger aus allerlei Anzeichen entnehmen. Für die Mittagsstunden hatte sich eine Deputation unter Führung des Herrn Hammond angesagt, die über eine friedliche Beilegung des Konfliktes verhandeln wollte. Wer aber in der gleichen Stunde Verhandlungen suchte, da der Verbündete bewaffnet in das Land des Gegners einfiel, der dachte nicht mehr an einen blutigen Aufstand. Zum mindesten suchte er Zeit zu gewinnen.

Oft, wenn er in diesen Monaten an Cecil Rhodes gedacht hatte, war Krüger fast mutlos geworden. Er hatte gefürchtet, eines Tages rettungslos in das Netz dieser giftigen Spinne verwickelt zu werden, dessen unsichtbare Fäden die ganze Welt überzogen. Nun aber erkannte er, wie schwach dieses Netz im Grunde war, mochte es auch aus purem Golde bestehen. Es war nur mit dem Hirn, nicht aber aus dem Herzen gesponnen.

Die Gelegenheit, Cecil Rhodes zu vernichten, war endlich gekommen. Die Nachricht vom Einfall Jamesons würde wie ein Blitz in die stickige Atmosphäre schlagen, die seit Jahren über Südafrika lag. Seine Buren aber würden sich angesichts der Gefahr im Geiste des Dingaanstages fester zusammenschließen und aus dem Siege neuen Mut schöpfen. Der Herr hatte ihm den gerechten Kampf beschert, und die ganze Welt, soweit sie sich ein ehrliches Gewissen bewahrt hatte, mußte sich auf die Seite Transvaals stellen. Piet Joubert hatte sich inzwischen soweit erholt, daß er imstande war, mit dem Präsidenten den Feldzugsplan zu erörtern. Es mache gar keine Schwierigkeiten, erklärte er, Jameson in zwei bis drei Tagen ein paar tausend Mann entgegenzustellen. Die Buren in den benachbarten Distrikten brauchten nur durch Boten aufgerufen zu werden. Jedermann hatte sein Pferd im Stall und das Gewehr, das ihm der Staat an seinem sechzehnten Geburtstag anvertraut hatte, im Schrank. Der Doktor brauchte vier Tage für seinen Marsch von Pitsani nach Johannesburg, selbst wenn er sich unterwegs keine Ruhe gönnte. Spätestens in der Nähe von Krügersdorp, wo das Terrain sehr günstig war, konnte man ihn stellen.

Krüger nickte. „Dann gibt es vielleicht eine Schlacht bei Pardekraal”, sagte er zuversichtlich. „Das ist ein gutes Omen.”

„Ich weiß nur noch nicht, ob ich die Staatsartillerie so schnell auf die Beine bringen kann”, meinte Joubert.

Nein, die Artillerie müsse zunächst dableiben, entschied der Präsident. Noch sei es nicht ausgemacht, daß sich die Johannesburger ruhig verhielten. Erst wenn die Gefahr, die der Hauptstadt und der Festung vom Witwatersrand drohe, völlig beseitigt sei, könne er die Geschütze freigeben und nach Krügersdorp schicken.

Der Generalkommandant, der auf seine neuen Krupp-Kanonen sehr stolz war und am liebsten mit einer ganzen Armee ausgerückt wäre, brummte ein wenig, aber schließlich fügte er sich. Solange er denken konnte, war es nun einmal sein Los gewesen, sich dem Stärkeren zu fügen. Dreimal hatte er Krüger als Präsidentschaftskandidat gegenübergestanden, und dreimal war er bei der Wahl geschlagen worden, das letztemal nur mit wenigen hundert Stimmen.

Gegen Mittag erschien der Ingenieur Hammond in Begleitung einiger Herren von der National-Union. Krüger merkte schon nach wenigen Minuten, daß seine Besucher noch keine Ahnung von Jamesons Einfall hatten, und er war klug genug, ihnen vorläufig nichts zu verraten. Erst wollte er wissen, wie stark sie sich fühlten und welches ihre Absichten waren.

Hammond machte einen etwas bedrückten und nervösen Eindruck. Er führte aus, daß sich die National-Union loyal auf den Boden des Staates stelle. Doch seien die Massen inzwischen so erregt geworden, daß die Gefahr bestehe, sie könnten ihren Führern entgleiten und zur Selbsthilfe schreiten.

Krüger, dem es nicht unbekannt war, daß die Herren von der Union es vor ihren eigenen Arbeitern mit der Angst bekommen hatten, fragte mit hochgezogenen Augenbrauen:

„Selbsthilfe? Doch nicht etwa gegen die Minenbesitzer?”

„Nein, natürlich gegen die Transvaal-Regierung, die sich weigert, die berechtigten Forderungen der Uitländers zu erfüllen”, erwiderte Hammond gereizt. Unbegreiflicherweise, sagte er dann, sei es der Masse gelungen, sich Tausende von Gewehren zu verschaffen. Dabei blickte er verstohlen auf seine nicht ganz sauberen Hände. Er hatte die ganze Nacht in der Simmer & Jack-Mine Gewehre ausgepackt.

Krüger hatte die Drohung herausgehört. Auf einmal war er gar nicht mehr gemütlich. Die breiten Schultern ein wenig vorgeschoben, den mächtigen Schädel wie zum Angriff gesenkt, trat er einen Schritt auf den zierlichen Amerikaner zu.

„Auf Gewalt gibt es bei uns nur eine Antwort: Kugeln und Granaten. Aber wenn Sie Ihre Wünsche in geziemender Form dem Volksraad unterbreiten, so habe ich nichts dagegen.”

Hammond wollte erwidern, daß die Union jede Hoffnung auf ein freiwilliges Entgegenkommen aufgegeben habe, und daß man nicht gesonnen sei, noch länger zu warten. Aber er fürchtete, Krüger könne das wiederum als eine Drohung auffassen. Er befand sich in der fatalen Lage eines Einbrechers, der seinem Opfer mit einer Kinderpistole zu Leibe gehen muß. Wenn Krüger merkte, daß alles nur Bluff war, konnte es zur Katastrophe kommen. Frank Rhodes hatte ihm noch am Morgen, vor der Abfahrt, unmißverständlich auseinandergesetzt, daß an einen Angriff auf Pretoria überhaupt nicht zu denken war.

In diesem Augenblick ertönten vor dem Hause Stimmen und das Getrappel vieler Pferde. Etwa fünfzig Buren, die eben Jouberts Aufgebot erhalten hatten und sich auf dem Wege zu ihrem Kommando befanden, wollten den Präsidenten begrüßen.

„Mobilisieren Sie etwa schon gegen Johannesburg?” fragte einer der Herren erschrocken, als er die waffenstarrenden, staubbedeckten Reiter erblickte.

„Aber nein! Habe ich Ihnen denn nicht erzählt, daß Dr. Jameson gestern abend in Transvaal eingefallen ist?” fragte Krüger.

Im ersten Moment war Hammond versucht, an eine Falle zu glauben. Vielleicht hatten die Buren Wind von Jamesons Vorbereitungen bekommen und wollten nur erfahren, was der Doktor eigentlich beabsichtigte, und ob er mit der Union unter einer Decke steckte. Aber dann erinnerte er sich an die empörten, widerspenstigen Telegramme, mit denen ihn Jameson in den letzten Tagen überschüttet hatte. Dieser Streich war dem kribbeligen Schotten schon zuzutrauen. Und jetzt hörte er auch, wie der Anführer der Reiter, ein gedrungener Mann mit einem flachsfarbenen, bis auf den Sattel herunterhängenden Bart, dem Präsidenten feierlich versicherte, man werde Jameson und seine Banditen tot oder lebendig nach Pretoria bringen. Nun war kein Zweifel mehr möglich.

Hammond ballte vor Wut die Faust in der Tasche. Die Union war in eine verzweifelte Lage geraten. Man war nicht vorbereitet, sofort loszuschlagen und das Vorgehen des Doktors zu unterstützen. Aber wenn man den Buren gestattete, Jameson ihre ganze Kraft entgegenzuwerfen, würde er sich wohl schwerlich nach Johannesburg durchschlagen können. Es war wahrscheinlich das beste, man rückte deutlich von Jameson ab und überließ ihn seinem Schicksal. Dann aber erinnerte sich Hammond an den unglückseligen Einladungsbrief, den die Führer der Union schon im November verfaßt hatten. Jameson war imstande, ihn bekanntzumachen und als Vorwand für seinen Einfall zu benützen. Und dann erfuhr Krüger, was es mit der Loyalität der Union auf sich hatte. Er würde, sobald er Jameson erledigt hatte, seinen ganzen Groll auf die Stadt werfen, die ihm und seinen Buren ohnehin ein Dorn im Auge war.

Gerade eben erklärte der Reiterführer: „Und dann, Präsident, wenn wir die Banditen des Herrn Rhodes zermalmt haben, werden wir nach Johannesburg marschieren. Kein Stein soll auf dem anderen bleiben. Wir werden die Aufrührer alle über den Haufen schießen. Sie haben uns nun genug geärgert.” Dabei strich er seinen Bart und machte ein Gesicht wie jemand, der eben einen besonders saftigen Bissen verschluckt hat.

Krüger warf einen schnellen Blick auf die Herren von der Union, die einen recht kläglichen und verlegenen Eindruck machten und hinter seinem breiten Rücken Schutz gesucht hatten. Dann wandte er sich an den Sprecher und sagte ernst:

„Das dürft ihr nicht tun. In Johannesburg leben viele Unschuldige, und es gibt dort sogar eine Menge Uitländers, die der Republik die Treue halten. Die Rädelsführer werden wir natürlich zur Rechenschaft ziehen. Den anderen aber, die nur verführt wurden, wird wohl der Schreck genügen,”

Als die Reiter fort waren, trat Hammond vor. Sichtlich bemüht, Haltung zu bewahren, sagte er:

„Wir sind Ihnen eine Erklärung schuldig, Exzellenz. Wir haben Dr. Jameson nicht aufgefordert, die Grenze der Republik zu überschreiten. Wir haben nichts mit ihm zu schaffen. Wir sind-------”

„Wir haben ihn sogar ausdrücklich gebeten, nicht zu kommen”, rief einer seiner Begleiter eifrig dazwischen.

Hammond warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. Das Unglück wollte es, daß in diesem Augenblick auf Tante Sannies Wirtschaftshof ein Hahn laut und vernehmlich seine Stimme erhob. Ein peinliches Schweigen entstand; selbst den Herren von der Union, die weniger bibelfest waren als der Präsident, war die Symbolik dieses Vorfalls nicht entgangen.

Krüger unterdrückte ein Lachen. Er sagte:

„Es war sehr freundlich von Ihnen, Jameson ins

Gewissen zu reden. Aber als loyale Staatsbürger hätten Sie das lieber mir überlassen sollen. Warum haben Sie mir Ihre Besorgnisse nicht mitgeteilt?” Er schien jedoch keine Antwort auf seine Frage zu erwarten, was den Herren nur angenehm war.

Sie nahmen sich nicht einmal Zeit zum Essen, sondern kehrten mit dem ersten Zuge nach Johannesburg zurück.

Jamesons Truppe war die ganze Nacht marschiert, ohne auf irgendwelchen Widerstand zu stoßen. Die Mannschaften waren guter Stimmung. Als am Montagmorgen die Sonne aufging, befand man sich schon tief in Feindesland. Die leicht hügelige Landschaft bot einen trostlosen Anblick. Sand und wieder Sand, hier und da von Felsrippen durchzogen und mit Dornengewächsen wie von Aussatz bedeckt. Willoughby ließ singen, um die Leute munter zu machen.

Gegen Mittag erreichte Jameson die Farm Willem Malans, auf der sich die erste Proviantstation befand. Malan, ein biederer Bure und Abgeordneter des Volksraads, wollte seinen Augen nicht trauen, als plötzlich eine kleine Armee erschien und sich über die Vorräte hermachte, die er im Auftrage der Chartered für den künftigen Postdienst nach Buluwayo aufgestapelt hatte. Sobald er sich von seinem Schrecken erholt und eingesehen hatte, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen, sagte er zu Jameson:

„Daß Sie aus heiterem Himmel einen Krieg mit der Republik anfangen, ist Ihre Sache. Aber warum lassen Sie Ihre Leute mutwillig meine Koppeldrähte durchschneiden? Vor einer Stunde ist die Herde durchgebrochen. Die Stiere sind zwischen die einjährigen Kälber geraten.”

„Ich lasse keine Koppeldrähte durchschneiden!” unterbrach ihn Jameson ärgerlich. „Ich führe eine disziplinierte Truppe.”

Sergeant Hopkins, der mit Timdal und Tubet im Hintergrund stand, hatte es gehört. Sein weißes, aufgedunsenes Trinkergesicht wurde noch um einen Schein blasser.

„Allmächtiger!” sagte er leise. „Das war ich. Ich sollte das Kabel von Zeerust nach Krügersdorp durchschneiden — ich muß mich geirrt haben.”

„Sei bloß still”, zischte Tindal. „Wenn das Willoughby erfährt — —” Und zu Tubet gewandt, setzte er hinzu: „Das kommt davon, wenn man einen Säufer mit wichtigen Aufgaben betraut. Jetzt werden die Buren wohl Zeit haben, sich auf einen feierlichen Empfang vorzubereiten.”

In der Abenddämmerung mußte die Abteilung ein enges Tal passieren, das zu beiden Seiten von felsigen Kuppen überhöht wurde. Willoughby ließ aufklären und stellte zu seiner großen Erleichterung fest, daß die Buren es versäumt hatten, diesen strategisch sehr wichtigen Punkt zu besetzen. Als man die Schlucht glücklich im Rücken hatte, wurde eine mehrstündige Rast angeordnet. Gegen Morgen meldete eine Patrouille, daß schwache Burenabteilungen inzwischen die Höhen über dem Tal bezogen hätten.

„Wir sind ihnen entwischt!” sagte der Major aufatmend zu Jameson. „Jetzt können sie meinetwegen bis Johannesburg hinter uns hermarschieren.”

Den ganzen Dienstag geschah nichts von Bedeutung. Da es der letzte Tag des alten Jahres war,

ließ Jameson am Abend doppelte Rumrationen ausgeben und hielt eine kurze Ansprache.

Er lobte die Truppe wegen ihrer vorzüglichen Marschleistung und Disziplin und wies darauf hin, daß dieser Jahreswechsel in der Geschichte Südafrikas unvergeßlich bleiben werde. Die Sonne der Zukunft, so schloß er pathetisch, schicke sich an, die Fahne der Maschonaland-Polizei mit ihren Strahlen zu vergolden.

Am Neujahrsmorgen, kurz nachdem sie eine verlassene Goldmine passiert hatten, kam ihnen ein Reiter entgegen, der eine weiße Fahne schwenkte. Als er vor Jameson und Willoughby aus dem Sattel sprang, brach sein abgehetztes Pferd in die Knie. Der Mann überbrachte eine schriftliche Botschaft von Sir Hercules Robinson, die per Kabel von Kapstadt nach Pretoria gelangt war.

Der Doktor drehte den versiegelten Brief unschlüssig zwischen den Fingern. Er blickte abwechselnd auf den verschwitzten Reiter und auf das Pferd, das keuchend, mit fliegenden Flanken dalag. Jeder seiner Atemzüge wirbelte eine kleine Staubwolke vor den Nüstern auf. „Wie steht es in Pretoria?” fragte Jameson.

„Gut. Von der Uitländers-Armee haben wir noch nichts gemerkt”, sagte der Bure und lachte ihm frech ins Gesicht.

Willoughby, der dem Doktor die Enttäuschung ansah, meinte ziemlich grob: „Robinson macht sich wahrscheinlich wichtig und schickt uns einen papierenen Protest. Aber was geht uns dieser Nußknacker an? Hinter Ihnen stehen Rhodes und Chamberlain!” Jameson, den diese Worte etwas ermutigten, erbrach das Siegel. Als er gelesen hatte, reichte er dem Major das Blatt und sagte mit dünner, leicht schwankender Stimme: „Das ist mehr als ein papierener Protest.”

„Die Regierung Ihrer Majestät mißbilligt aufs schärfste Ihren bewaffneten Einfall”, schrieb Robinson. „Ihr Vorgehen wurde öffentlich verurteilt. Man befiehlt Ihnen, das Land unverzüglich zu verlassen und macht Sie persönlich für Ihr nichtautorisiertes und unqualifizierbares Benehmen verantwortlich.”

„So!” sagte der Major und schlug mit der flachen Hand auf den Brief. „Jetzt sind wir keine Soldaten mehr, sondern nur noch Freibeuter. Und Sie sind unser Räuberhauptmann, Jameson!”

Der Doktor zuckte zusammen, als habe der andere ihm ins Gesicht geschlagen. Er fühlte, daß seine Knie nachgaben, und vorsichtig schob er den rechten Fuß vor, um fester zu stehen. Er fing an, einzusehen, daß er einen ungeheuren, nie wiedergutzumachenden Fehler begangen hatte. Wahrend er zwei Tage lang, immer nur das Ziel Johannesburg vor Augen, durch die Wüste marschiert war, hatte sich die Welt weitergedreht, unbekümmert um seine Pläne und Hoffnungen. Ohne es zu wissen, hatte er mit seinem eigenmächtigen Aufbruch aus Pitsani eine Lawine ins Rollen gebracht, die ihn selbst, Rhodes und alles, was sie in Jahren mühevoll geschaffen und erträumt hatten, unter sich zu begraben drohte.

Auf einem Termitenhügel sitzend, beriet er mit Willoughby, was nun zu geschehen habe. Sie kamen zu der Überzeugung, daß an eine Umkehr nicht zu denken war. Zwar begannen ihre Hoffnungen auf einen Erfolg zu schwinden, aber noch mehr als die Niederlage und selbst den Untergang fürchteten sie den Hohn und das Gelächter der Welt, die sie bei

ihrer Rückkehr erwarten würden. Trotzig wie entlaufene Schuljungen beschlossen sie, das Abenteuer fortzusetzen, obwohl ihnen die Freude daran längst vergangen war.

Als Antwort auf den Brief des Gouverneurs kritzelte Jameson ein paar Zeilen auf ein Blatt seines Notizbuches. Er könne nicht mehr umkehren, da seine rückwärtigen Etappen von Pferdefutter und Lebensmitteln entblößt seien. Außerdem dürfe er die Frauen und Kinder Johannesburgs nicht im Stich lassen.

„Sie hätten ruhig noch dazuschreiben können, daß wir uns nicht zurücktrauen, weil wir Schulden in der Kantine in Pitsani haben”, sagte der Major bitter, nachdem er den Wisch gelesen hatte.

Der Marsch wurde wieder aufgenommen. Die Soldaten sangen nicht mehr. Viele, die an ein solches Tempo nicht gewöhnt waren, hatten sich wundgeritten, und wer kein Pferd besaß, klagte über durchgelaufene Füße. Zudem begannen die meisten zu ahnen, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Sie kamen sich auf einmal verlassen und verraten vor.

Sie konnten freilich nicht wissen, daß in diesem Augenblick die ganze Welt in fieberhafter Erregung ihren Marsch verfolgte. Die Lawine, die Jameson entfesselt hatte, drohte noch weit größere Ausmaße anzunehmen, als selbst der Doktor ahnte. Die Nachricht von dem Einfall in Transvaal war bereits am Montagabend nach Berlin gelangt, und am folgenden Tage hatte der deutsche Botschafter in London amtlich angefragt, ob die britische Regierung die von der Chartered Company begangene Völkerrechtsverletzung billige. Sei dies der Fall, habe er den Auflag, um seine Pässe zu bitten. Lord Salisbury hatte entsetzt versichert, England habe mit Dr. Jameson nichts zu schaffen. Die Regierung sei entschlossen, diesen Wahnsinnigen zur Ordnung zu rufen und ihn in schärfster Form zu desavouieren. Die Folge dieser Unterredung war das Telegramm Sir Hercules Robinsons, das Jameson soeben erhalten hatte. Gleichzeitig hatte Chamberlain an Krüger gedrahtet, er sei weit davon entfernt, die Handlungsweise Jamesons zu decken. Er sei jedoch, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, gern zu einer Vermittlung zwischen der Transvaal-Regierung und den Truppen der Chartered bereit.

Dieser Nachsatz und Jamesons Weigerung, dein Befehl des Gouverneurs Folge zu leisten, sollten die europäischen Kabinette noch zwei weitere Tage in Atem halten.

Gegen Abend erschienen zwei Radfahrer aus Johannesburg, denen es gelungen war, sich durch die Linien der Buren zu schlagen. Sie überbrachten einen Brief von Frank Rhodes. Der Oberst teilte mit, daß Johannesburg sich noch in der Hand der Uitländers befinde und völlig ruhig sei. Mordtaten an Frauen und Kindern, die seine, Jamesons, Anwesenheit notwendig machten, seien nicht vorgekommen. Man treffe jedoch Vorbereitungen für die Verteidigung der Stadt und würde die Truppe gern empfangen. Philipps hatte daruntergeschrieben: „Sie sind ein sehr mobiler Bursche. Wir freuen uns, bald ein gemütliches Glas mit Ihnen zu trinken.”

Dieser seltsame Brief, der weder eine Absage noch eine klare Einladung enthielt, und mit dem Jameson überhaupt nichts anzufangen wußte, spiegelte getreu die Kopflosigkeit und Unschlüssigkeit der Johannesburger wider. Als Hammond und seine Begleiter

Mit der Schreckensnachricht von Jamesons Einfall in die Stadt zurückgekehrt waren, hatte die Verwirrung ihren Höhepunkt erreicht. Ein Teil der Bevölkerung faßte wieder Mut und begann bereits, die Häuser und Straßen für einen würdigen Empfang der siegreichen Verbündeten zu schmücken. Andere hingegen .— und es waren die meisten — sahen jetzt die Rache der Buren und die Katastrophe unabwendbar heraufziehen. In einem Punkte aber waren sich Optimisten und Pessimisten einig: das Schicksal Jamesons würde auch das Schicksal Johannesburgs sein. Denn inzwischen war es leider aller Welt offenbar geworden, daß sie das Komplott gegen die Unabhängigkeit Transvaals gemeinsam geschmiedet hatten.

Flora Shaw hatte nämlich den Einladungsbrief der Union an Jameson veröffentlicht, da sie hoffte, auf diese Weise die Tat des Doktors wenigstens einigermaßen zu rechtfertigen und Rhodes von jeder Schuld reinzuwaschen. Allerdings hatte sie sich eine kleine Fälschung geleistet. Im Originaltext des Briefes fand sich die Stelle: „Daher sehen wir uns genötigt, Sie um Ihre Unterstützung anzuflehen, falls es zu Unruhen kommen sollte. Die Umstände sind so außergewöhnlich ernst, daß wir nicht glauben können, Sie und Ihre tapferen Männer werden ihre Landsleute im Stich lassen.” Daraus ging nun leider unmißverständlich hervor, daß Jamesons Unterstützung erst im Falle von Unruhen einsetzen sollte. Diese Unruhen aber waren wider Erwarten nicht eingetreten. Deshalb änderte die tüchtige Journalistin ein wenig die Interpunktion und übergab der Times folgenden Text: „Daher sehen wir uns genötigt, Sie um Ihre Unterstützung anzuflehen. Falls es zu Unruhen kommen sollte, sind die Umstände so außergewöhnlich ernst-----”

Den Johannesburgern nützte diese Fälschung freilich auch nicht viel. Ihre Konspiration mit Jameson, also mit einer auswärtigen Macht, war erwiesen. Und während sie sich in aller Hast auf eine Verteidigung der Stadt einrichteten, warteten sie ängstlich auf Krügers Gnade, die Vermittlung Sir Hercules Robinsons oder irgendein anderes rettendes Wunder...

Jamesons Kolonne zog weiter durch Sand und Staub. Am Nachmittag mehrten sich die Anzeichen dafür, daß größere berittene Burenabteilungen ihrer Spur folgten. Auch hinter den Hügelketten, die den Marschweg zu beiden Seiten säumten, wurde es jetzt lebendiger. Ab und zu sang eine Kugel über ihre Köpfe hinweg, und die ausgesandten Sicherungen meldeten Reitergruppen, die aber jeder Berührung auswichen und sich stets im Galopp entfernten. Um fünf Uhr gab es einen längeren Aufenthalt, da erst ein den Weg sperrender Drahtverhau beseitigt werden mußte. Kurz darauf erreichte man wieder ein Proviantdepot. Es war jedoch ausgeräumt, ein Beweis dafür, daß sich auch vor der Kolonne feindliche Kräfte befanden. Sie schienen sich langsam auf Krügersdorp zurückzuziehen.

Da eine Verproviantierung aus dem Store nicht möglich war, beschlossen Jameson und Willoughby, ohne Aufenthalt bis nach Krügersdorp durchzumarschieren. Müde und in der Gewißheit, noch vor Nacht ins Feuer zu müssen, traten die Mannschaften abermals an. Aber schon nach einer halben Stunde stieß man auf starke Stellungen des Gegners. Die Buren hatten sich auf den jenseitigen Höhen eines quer zur Marschrichtung laufenden Tales festgesetzt, die Gebäude der alten Queen's Mine bildeten das Zentrum ihrer Stellung. Sie hatten sich hinter Mauern, in den Fensternischen und sogar in den Gräben verschanzt, die einstmals von Goldsuchern ausgehoben worden waren.

Willoughby ließ von seinen Maxim-Geschützen einige Lagen hinüberfeuern. Sobald man sah, wie die Buren hier und da zurückwichen, traten die Betschuana- und Maschonaland-Polizisten zum Sturm an. Anfangs kamen sie gut vorwärts. Aber als sie sich der gegnerischen Stellung auf etwa fünfhundert Meter genähert hatten, empfing sie ein so mörderisches und gutgezieltes Kreuzfeuer, daß sie Hals über Kopf zurückfluteten. Willoughby mußte Jameson die ersten Verluste melden.

Die Nacht stand nun unmittelbar bevor, wodurch die Aussichten auf einen Durchbruch an dieser Stelle sich noch verringerten. Deshalb beschloß Jameson, nach Süden auszuweichen und über Randfontain auf die große Johannesburger Straße vorzustoßen. Er ließ die Truppe nach rechts einschwenken und noch etwa zehn Kilometer weitermarschieren. Dann wurde, angesichts eines jetzt aus allen Richtungen feuernden Gegners, das Lager für die Nacht bezogen.

Jameson fand keinen Schlaf. Die ganze Nacht über wollte das Geschützfeuer nicht verstummen, und ab und an bellte ein Maschinengewehr oder eine Maxim los, um sich den herandrängenden Gegner vom Leibe zu halten. Aus der Richtung der Ambulanzwagen vernahm er das Stöhnen der Verwundeten, über die sich die Ärzte hergemacht hatten. Seit dem frühen Morgen hatte die Truppe nichts Rechtes mehr zu essen bekommen; er selbst hatte im Magen ein bohrendes Gefühl, nur konnte er nicht unterscheiden, ob es Hunger oder Übelkeit war. Noch glaubte er fest daran, daß er sich bis Johannesburg werde durchschlagen können, Zwar war die Munition für die Geschütze knapp geworden, aber vielleicht schickte Frankie ihm Verstärkung entgegen. Außerdem betrug die Entfernung bis zum Ziel nur noch einige zwanzig Kilometer. Aber er wußte auch, daß der Kampf mit dem Einzug in die Stadt noch längst nicht entschieden war. Wurden die Uitländers das Duell mit Krüger wagen, ja, würden sie ihn und seine Männer überhaupt noch als Verbündete anerkennen, nachdem England ihn aufgegeben hatte?

Als die Kolonne am Morgen des z. Januar ihren Marsch wiederaufnahm, hatte der Feind Verstärkungen erhalten. Er war jetzt in ihrem Rücken und auf beiden Flanken tätig, und der ganze Weg bis Randfontain wurde zu einem für die Engländer außerordentlich zermürbenden und verlustreichen laufenden Gefecht. Hoffnungslos wurde die Lage jedoch erst, als man hinter Randfontain die Bahnlinie nach Petschefstrom überschritten hatte und sich einer von starken Burenabteilungen besetzten ,Kopje', dem Dornkoop, gegenübersah. Laut Willoughbys Karte sollte sich hier flaches Gelände befinden, statt dessen war man in ein System von Hügeln geraten, das der Feind zu einer doppelt und dreifach gesicherten Falle ausgebaut hatte. Für die Truppe gab es von nun an kein Vorwärts und kein Zurück mehr. Willoughby war froh, als er einige hundert Meter nördlich die Wirtschaftsgebäude einer Farm ausmachte. Sie boten den Mannschaften und Geschützen wenigstens etwas Deckung. Hier machte er halt und ließ das Feuer auf den Gegner eröffnen — wobei er sich freilich im stillen fragte, welchen Nutzen dieser Widerstand noch haben konnte.

Der Major war in den letzten Stunden sehr schweigsam geworden. Er gab nur noch die allernotwendigsten Befehle und vermied es, Jameson ins Gesicht zu sehen. Dieser war plötzlich in einen Zustand von Apathie verfallen, der fast an Bewußtlosigkeit grenzte. Er lag zwischen einigen Maschonaland-Polizisten hinter der niedrigen Umfassungsmauer eines Rinderkraales. Er hörte die Kugeln gegen die Blöcke prallen. Ein abgesplitterter Stein schlug ihm den Tropenhelm vom Kopf, ein zweiter riß ihm die Wange auf. Neben ihm wurde der Sergeant Hopkins von einem Querschläger ins Genick getroffen und walzte sich sterbend über seine Beine. Jameson schob den Toten, der nach Rum und Schweiß roch, ruhig zur Seite. Er sah seine Hände an und dachte: Nun weiß ich nicht einmal mehr, ob eigenes oder fremdes Blut daran klebt. Nun, Blut klebte auf jeden Fall an seinen Händen, das würde morgen die ganze Welt wissen und sich voll Abscheu von ihm, den die Heimat ausgestoßen und das Glück verlassen hatte, abwenden. Plötzlich dachte er an den Chief und biß die Zähne zusammen. Es knirschte, und jetzt erst merkte er, daß er den Mund voll Sand und Blut hatte. War er es nicht Cecil Rhodes und seiner eigenen Ehre schuldig, daß er ein Ende machte? Sollte er nicht aufspringen und sich den Kugeln der Buren aussetzen, die jetzt wie Hagel gegen die Mauer prasselten? Oder sollte er rufen: „Rhodes und die Chartered!” und die Mannschaften zu einem verzweifelten Angriff vorwärtsreißen? Aber er wußte, daß er gar nicht die Kraft besaß, sich zu erheben. Wahrend er sich in plötzlicher Todesangst noch tiefer in den Sand drückte, dachte er verzweifelt: „Für Rhodes!” — nein: „Gegen Rhodes!” müßte ich rufen! — Seit der Stunde, da er von Pitsani aufgebrochen war, tat er ja nichts anderes als Rhodes bekämpfen. Er war ein Verräter und ein Feigling dazu.

Gegen Mittag, als Jamesons Armee bereits auf knapp vierhundert Mann zusammengeschmolzen war, mischten sich die Detonationen schwerer Granaten in das Feuer der Gewehre und leichten Geschütze. Krüger hatte seinen Buren die Staatsartillerie zu Hilfe gesandt, nachdem auf Befehl Mr. Robinsons auch die letzten flackernden Flämmchen des revolutionären Geistes in Johannesburg erloschen waren.

Eine halbe Stunde später lief Major Willoughby gebückt an der Steinmauer entlang. Als er Jameson erreicht hatte, ließ er sich zu Boden fallen. „Es hat keinen Zweck mehr!” brüllte er durch den Lärm. „Wir müssen Schluß machen. Die Munition geht zu Ende, und die Maxims haben sich heißgelaufen. Kein Kühlwasser!”

Jameson wandte langsam den Kopf. Er schien nur die ersten Worte verstanden zu haben. „Keinen Zweck mehr”, murmelte er. „Schluß machen...”

Willoughby warf ihm einen geringschätzigen Blick zu und entfernte sich wieder.

In der nächsten Viertelstunde beherrschte die vierhundert Mann nur die eine Sorge, wo eine weiße Fahne aufzutreiben sei. Es gab niemanden, der die Chartered Company jetzt nicht verflucht hätte. Sie fühlten sich plötzlich nicht mehr als Soldaten, und vielen erschienen die Buren als die Retter, die gekommen waren, um sie aus den Händen einer Räuberbande zu befreien.

Das weiße Tuch war zunächst nirgends aufzutreiben. Tindal war rasend vor Wut und dachte nur daran, wie sinnlos es wäre, wenn diese letzte, unnötige Verzögerung ihm noch das Leben kosten sollte. Am besten, man wäre gleich von Anfang an mit einer weißen Fahne losmarschiert. Mit drei Sätzen rannte er über den Hof und erreichte das Farmhaus, einen einstöckigen, aus rohen Feldsteinen zusammengemauerten Bau. Das Gebäude schien ausgestorben. Erst in der hintersten, fensterlosen Kammer fand er ein halbwüchsiges Kaffernmädchen, das sich in Todesangst in einen Winkel gedrückt hatte. Es trug ein weißes, hemdartiges Kleid.

„Gib den Fetzen her!” herrschte Tindal es an und streckte die Hand aus. Aber das Mädchen verstand nicht englisch und sah ihn aus erschrockenen Augen, die das Weiße hervorkehrten, an.

„Los!” schrie Tindal und zerrte ihr das Kleid mit einem Ruck von der Schulter. Knirschend zerriß die Leinwand von oben bis unten. Das Mädchen schien ihn mißzuverstehen. Es schlug die Hände vors Gesicht und wimmerte, machte jedoch Anstalten, sich nackt, wie es war, auf die Erde zu legen.

„Blödsinn”, knurrte Tindal. „Hab' für Liebesabenteuer keine Zeit!” Den weißen Fetzen schwingend, rannte er aus dem Hause, das in diesem Augenblick durch die Detonation einer Granate bis in die Grundmauern erschüttert wurde.

Gleich darauf stieg die Fahne an der Deichsel eines Munitionswagens in die Höhe. Das Feuer wurde eingestellt.

Willoughby verhandelte mit den Buren wegen der Obergabe. General Cronje weigerte sich, irgendwelche Zusagen zu machen, die das Schicksal der Gefangenen betrafen. So erfolgte die Kapitulation auf Gnade und Ungnade.

Jameson hatte mit leeren Blicken dabeigestanden und kein Wort gesprochen. Es nahm auch niemand Notiz von ihm. Als kurz darauf die ”Wagen erschienen, die die Buren zum Abtransport der todmüden, größtenteils verwundeten Gefangenen aus Randfontain beordert hatten, mußten ihm zwei Mann beim Einsteigen behilflich sein. Er stolperte hinein und wühlte sich zwischen den Verwundeten ins Stroh. Wenige Augenblicke danach war er eingeschlafen.

Als er später vom Rattern und Stoßen des ungefederten Fahrzeuges erwachte, überfiel ihn eine solche Verzweiflung, daß er zu weinen begann. Es war nicht so sehr seine eigene Zukunft, die ihn quälte, obgleich er wußte, daß nur Hohn und Schande, vielleicht sogar Gefängnis und Tod ihn erwarteten. Er dachte nur an Rhodes, der ein kranker Mann war, und dem er nun alles zerstört hatte. Der Gedanke, noch länger zu leben, erschien ihm unerträglich. Plötzlich erinnerte er sich, daß die Buren vergessen hatten, ihm seinen Revolver abzunehmen. Er tastete im Liegen nach der Ledertasche. Aber sie war leer, wahrscheinlich hatte er die Waffe hinter der Feldsteinmauer verloren.

Ich bin schon ein tüchtiger Soldat, dachte er. Aber vielleicht soll es sein, daß ich weiterlebe. Rhodes braucht einen Arzt für sein krankes Herz. Wird es mir der Chief wohl noch erlauben, sein Arzt zu sein, obwohl ich fast sein Mörder geworden bin? Die Nachricht vom Siege der Buren über die Tameson-Armee, die am Freitag nach Europa gelangte, beendete eine diplomatische Krise, die die Welt ums Haar in einen Krieg gestürzt hätte.

Am Vortage nämlich hatte die deutsche Regierung durch ein Telegramm ihres Konsulats in Pretoria erfahren, daß Jameson sich dem Rückzugsbefehl des Hohen Kommissars widersetzt hatte und weiter auf Johannesburg zumarschierte. Darüber hinaus hatte das Anerbieten Chamberlains an Krüger, die Vermittlung zwischen Transvaal und Jameson zu übernehmen, in Berlin sehr verstimmt. Man ersah daraus, daß der schlaue Kolonialminister das Spiel immer noch nicht verloren gab und heimlich den Konflikt für seine Zwecke auszunützen suchte, während er nach außen hin den entrüsteten Biedermann spielte. Daher hatte die Reichsregierung in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag ihren Londoner Botschafter beauftragt, dem Premierminister Lord Salisbury eine offizielle, äußerst scharf gehaltene Note zu überreichen, die von England wirksame Schritte gegen Jameson und die Drahtzieher der Uitländersbewegung forderte. Der Ton der Note war derart, daß die Annahme für England eine unerträgliche Demütigung bedeutet hätte. Als der Botschafter am Freitagmorgen seinen Auftrag ausführte, war er sich denn auch darüber im klaren, daß die Tage seines Londoner Aufenthaltes gezählt waren. Da Lord Salisbury, wie man ihm im Foreign Office sagte, aufs Land gereist war, übergab er das versiegelte Schriftstück einem Sekretär und kehrte in seine Wohnung zurück. Er drahtete nach Berlin: »Telegramm erhalten und entsprechende Note eben nach dem Foreign Office gebracht. Dieselbe wird wahrscheinlich morgen vormittag in die Hände Lord Salisburys gelangen.”

Zwei Stunden später erhielt er eine Depesche vom Staatssekretär des Auswärtigen, die sich mit der seinen gekreuzt hatte:

„Der Gesandte Transvaals teilt mir soeben mit, daß die Truppen Jamesons die weiße Flagge gezeigt haben. Unter diesen Umständen bitte ich, die in meinem letzten Telegramm enthaltene Note vorläufig nicht zu übergeben.”

Zur gleichen Stunde, da Jameson und seine Soldaten in das Gefängnis von Pretoria eingeliefert wurden und Krügers Polizei die Rädelsführer der Johannesburger Bewegung, darunter Frank Rhodes, Hammond, Lyonel Philipps und Leonard, verhaftete, erschien der deutsche Botschafter noch einmal blaß und verstört im Foreign Office und erbat seine Note zurück. Kurz darauf konnte er nach Berlin berichten:

„Ich habe die Note, die bereits auf dem Foreign Office abgegeben war, zurückverlangt und uneröffnet wiedererhalten.”

So hatte Paul Krüger durch sein rasches Zupacken nicht nur den Frieden Transvaals, sondern auch den der Welt gerettet. Ob aber Lord Salisbury an diesem kritischen Freitag wirklich in der Stimmung gewesen war, aufs Land zu fahren, oder ob er diesen Ausflug nur vorschützte, weil er im Augenblick keinerlei Neigung verspürte, deutsche Noten zu lesen, wurde niemals geklärt. Jedenfalls war die Lage Großbritanniens zur Zeit nicht so, daß es sich einen Krieg mit Deutschland gewünscht hätte.

Der Sieg der Buren über ihre Feinde wurde in Berlin mit fast noch größerem Enthusiasmus gefeiert als in Pretoria. Noch am Freitagabend sandte Kaiser Wilhelm an den Präsidenten Krüger folgendes Telegramm:

„Ich spreche Ihnen meinen aufrichtigen Glückwunsch aus, daß es Ihnen, ohne an die Hilfe befreundeter Mächte zu appellieren, gelungen ist, aus eigener Kraft gegenüber den bewaffneten Scharen, die als Friedensstörer in Ihr Land eingefallen sind, den Frieden wiederherzustellen und die Unabhängigkeit des Landes gegen Angriffe von außen zu wahren,”

Als Rhodes diese Depesche in der Cape-Times las, erschien seit Tagen zum erstenmal wieder ein schwaches Lächeln auf seinem Gesicht. Er sagte zu Harris:

„Kennen Sie das Wort ,Gott schütze mich vor meinen Freunden — vor meinen Feinden will ich mich schon selber schützen'? Ich glaube, es stammt von Bismarck, der übrigens Krüger einen der größten Staatsmänner seiner Zeit genannt hat. Nun, ich denke, vor dieser Freundschaft wird Gott selbst einen Paul Krüger nicht schützen.”

„Ich verstehe nicht ganz, wie Sie das meinen”, sagte Harris. „Die Deutschen haben den Buren doch wirklich einen großen Dienst erwiesen...”

„Ja, für diesmal schon. Aber sehen Sie, mit diesem Telegramm, das einen Affront für England bedeutet, ist aus der afrikanischen Angelegenheit eine weltpolitische geworden. Von nun an steht das Prestige Großbritanniens auf dem Spiel.” Er lachte bitter. „Unser Prestige, das wir für England eingesetzt haben, hat Chamberlain geopfert, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber das Prestige Ihrer britischen Majestät ist etwas wertvoller und fordert, daß die Aktes über Transvaal noch nicht geschlossen werden. England wird warten, bis sich eine bessere Gelegenheit ergibt, mit Paul Krüger abzurechnen, Übrigens — ehe ich es vergesse, Harris: Drahten Sie an Chamberlain, daß ich den Vorsitz der Chartered Company niederlege.”

„Warum tun Sie das?” fragte Harris erschrocken.

„Weil ich ab heute den Märtyrer spielen werde. Ich bin jetzt nur noch Privatmann und nebenher das personifizierte Gewissen Englands. Daß dieses Gewissen nicht stumm bleiben wird, dafür sorgt mein Geld, das in der englischen Presse steckt. — Ich habe heute erfahren, daß Krüger den Doktor nicht aufhängen, sondern zur Bestrafung an England ausliefern will.”

„Sehr geschickt. Statt aus dem armen Jameson einen Märtyrer zu machen, zwingt er Großbritannien dadurch, seinen treuen Sohn moralisch zu vernichten.”

„Meinen Sie?” fragte Rhodes und sah seinen Sekretär ein wenig mitleidig an. „Sicher wird die Queen dem Präsidenten ein überschwengliches Danktelegramm schicken, und Jameson muß wohl für einige Zeit ins Gefängnis. Aber Paul Krüger ist, wie die meisten frommen und anständigen Menschen, kein guter Psychologe — zumindest, was die Engländer angeht. Jameson, den man in London heute noch in Grund und Boden verdammt, weil man ihm sein Unglück nicht verzeiht, wird das Gefängnis als ein Triumphator verlassen. Das Glückwunschtelegramm des Kaisers hat England bewiesen, daß meine und Jamesons Demütigung im Grunde die Demütigung der ganzen Nation ist. Di? Schuld wird es bei Krüger suchen und sich an den Buren rächen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.”