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Elftes Kapitel

Seit sechs Wochen lagerte Jameson mit seiner kleinen Armee bei Pitsani, wenige Kilometer von der Transvaal-Grenze entfernt, und erwartete sehnsüchtig das Signal zum Losschlagen, das ihm seine Johannesburger Freunde geben sollten. Die Tage verstrichen und ähnelten einander wie die Blätter des Wandkalenders, den der Doktor jeden Morgen feindselig betrachtete, bevor er wieder vierundzwanzig lange, kostbare und dennoch nutzlos vergeudete Stunden herunterriß.

Selbst in Afrika hätte man lange suchen müssen, um einen zweiten Ort von ähnlicher Trostlosigkeit zu finden wie dieses Pitsani. Der Platz leitete seinen Namen und seine Existenz von einem Kaffernkraal her, dessen Hütten jedoch schon vor Jahren in Flammen aufgegangen und spurlos vom Erdboden verschwunden waren. Jetzt bestand Pitsani nur noch aus einem offenen Futterschuppen und einer Wellblechbaracke, in der die Passagiere der Postroute von Mafeking nach Buluwayo ein kärgliches Mahl einnehmen konnten, während der Kutscher die Pferde wechselte. Kaum war das Gefährt wieder in einer Staubwolke verschwunden, stürzten sich Myriaden von Fliegen auf Speisereste und Roßäpfel, die die vorüberratternde Zivilisation als unbrauchbar zurückgelassen hatte. Die Vegetation beschränkte sich auf einige schimmelig-graue, verkrüppelte Dornensträucher, die an Gerippe toter Tiere erinnerten. Von dem einstigen Baumwuchs waren nur noch Stümpfe zurückgeblieben; das übrige war als Grubenholz in die Diamantminen von Kimberley gewandert. Man hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die rasch wachsenden Eukalyptusbäume anzupflanzen, die, zusammen mit Zinkblech und billiger Konfektion, den Kolonialpionieren doch sonst überallhin zu folgen pflegten. Dafür hatte sich der Besitzer der Baracke von Gott weiß woher zwei künstliche Palmen besorgt, deren leuchtend grüner, von Zeit zu Zeit erneuerter Anstrich den einzigen Farbfleck in der öden Landschaft bildete.

Jameson und seine dreihundertundfünfzig Maschonaland-Polizisten hausten in Zelten, auf die bei Tag die Sonne unbarmherzig niederbrannte. Nachts aber froren die Männer unter ihren Dedien. Das Training der Truppe war längst beendet, und Major Willoughby, der Stabsoffizier und militärische Fachberater Jamesons, hatte seine liebe Not, die Leute einigermaßen bei Laune zu halten. Man hatte ihnen gesagt, sie würden in Kürze gegen einen aufsässigen Negerstamm eingesetzt werden; da aber weit und breit von einer Unruhe unter den Kaffern nichts zu bemerken war, wurden die Mannschaften allmählich mißtrauisch. Sie bestürmten ihre Offiziere mit Fragen, und schon begannen Gerüchte von einem bevorstehenden Krieg mit Transvaal oder sogar von einem Feldzug gegen die Deutschen in Südwestafrika zu kursieren.

Jameson wußte, daß seine Lage von Tag zu Tag kritischer wurde. Einmal mußten die Buren jenseits der Grenze Verdacht schöpfen; sobald Transvaal aber zu militärischen Vorsichtsmaßnahmen griff, verringerte sich die Chance für seine relativ schwache Truppe, unangefochten nach Johannesburg durchzukommen. Den größten Kummer jedoch bereiteten ihm die Johannesburger selbst. Mitte November hatte er den Minendistrikt besucht und im Randklub mit Hammond, Philipps, Leonard und Frank Rhodes den Feldzugsplan bis in alle Einzelheiten durchgesprochen. Man hatte verabredet, daß die Revolte in den Weihnachtsfeiertagen in Szene gehen und Jameson auf diese Nachricht hin sofort aufbrechen sollte. In seiner Brieftasche trug er ein von den Führern der National-Union unterzeichnetes Schreiben, in dem man die flehentliche Bitte an ihn richtete, sofort zum Schutz der von den rabiaten Buren bedrohten Frauen und Kinder nach Johannesburg zu kommen. Der Brief, schon am 20. November entworfen, war undatiert, da ja die angebliche Bedrohung erst als Folge der Revolte eintreten konnte, der endgültige Termin für den Aufstand der Uitländers aber noch nicht feststand. Jameson sollte das Datum selber ausfüllen, sobald er von den Verschwörern einen Wink erhielt, daß der Tanz losgehen konnte. Aber es hatte fast den Anschein, als sollte es niemals dahin kommen. Das Orchester war plötzlich unter sich und mit seinem Dirigenten Rhodes uneins geworden, und je länger man probte, um so größer wurden die Dissonanzen.

Was in Johannesburg eigentlich vorging und worin die Schwierigkeiten bestanden, konnte Jameson nur ahnen. Er war in seinem Lager von der übrigen Welt so gut wie abgeschnitten, und sein Verkehr mit den Freunden in Johannesburg und Kapstadt beschränkte sich auf einen, allerdings recht regen, Telegrammwechsel. Die Telegramme aus Johannesburg erreichten ihn via Kapstadt auf dem Privatkabel der Chartered Company und waren natürlich chiffriert. Aber selbst wenn er sie mit Hilfe seines Geheimcodes entziffert hatte, blieb ihr Sinn häufig noch unklar. Frank Rhodes und besonders Hammond trieben das ,Indianerspielen' so weit, daß sie sich in ihren Mitteilungen eines sonderbaren, selbsterfundenen Kauderwelschs bedienten. Sie sprachen von Polospiel und Aktionärversammlung, wenn sie den Aufstand meinten. Seine Soldaten bezeichneten sie als Pferde und ihn selber als den Tierarzt. Das einzige, was man aus ihren Telegrammen stets mit einiger Sicherheit entnehmen konnte, war die Tatsache, daß irgend etwas nicht klappen wollte, und daß die Revolte — und damit auch Jamesons Abmarsch — wieder um einige Tage verschoben werden mußte.

Das ewige Telegraphieren machte den Doktor fast krank. Ständig schielte er nach dem Zelt des Telegraphisten hinüber. Wenn er den Beamten, ein weißes Blatt in der Hand, herauskommen sah, trat ihm jedesmal der Angstschweiß auf die Stirn.

Am Morgen des 27. Dezember hatte er Willoughby zu sich bitten lassen. Als der Major ins Zelt trat, saß der Doktor vor seinem Arbeitstisch und brütete über einem Stapel von Telegrammen.

„Bald verstehe ich überhaupt nichts mehr”, sagte er entmutigt und sah seinen Besucher aus entzündeten Augen an. „In Johannesburg müssen schon wieder neue Schwierigkeiten aufgetaucht sein. Aber ich weiß nicht, was sie diesmal haben. Eben erfahre ich, daß die Massenversammlung, die gestern abend stattfinden sollte und die als Auftakt für die Revolution gedacht war, von Philipps auf den 6. Januar verschoben ist.”

Soll das etwa heißen, daß wir so lange warten müssen?” fuhr der Offizier auf.

„Das ist damit noch nicht gesagt. Vielleicht ist es nur eine Finte, um Krüger in Sicherheit zu wiegen.”

„Ja, und um ihm Zeit zu lassen, daß er das Fort bei Pretoria instand setzt!” höhnte Willoughby. „Ich denke, die Johannesburger wollen die Festung stürmen und die Warfen herausholen? Das Fort wird gerade umgebaut, der eine Wall ist niedergelegt. Jeder Tag ist kostbar. Sie sollen keine Finten machen, sondern endlich anfangen. Schon gestern abend hätten sie losschlagen müssen.”

„Immer haben sie Ausflüchte!” stöhnte Jameson. „Erst haben sie erklärt, der Aufstand dürfe nicht mit den großen Rennen zwischen Weihnachten und Neujahr zusammenfallen, der Schaden für die Geschäftswelt sei zu groß. Das war natürlich nur ein Vorwand. Sie hatten Angst, in den Feiertagen, wo alle Welt betrunken ist, scharfe Munition an die Minenarbeiter auszuteilen.”

„Aber diese Bedenken haben sie sich doch schließlich ausreden lassen?”

„Ja, aber nur, um ein paar Tage darauf mit etwas anderem zu kommen. Diesmal war es die Finanzierung, über die sich die Herren nicht einig werden konnten. Anscheinend hat Barnato in London Angst bekommen, Rhodes und die Chartered könnten beim Umsturz zuviel verdienen und im Minenbezirk die Gewalt an sich reißen. Er hat Philipps angewiesen, den Daumen fester auf den Beutel zu drücken. Rhodes mußte wieder mal einspringen und zusammen mit Beit zweihundertundvierzigtausend Pfund in die Kriegskasse tun.”

Willoughby machte ein angeekeltes Gesicht. Er ließ sich nicht gern daran erinnern, daß er seine Haut mehr für die Interessen des Kapitals als für eine nationale Sache zu Markte trug.

„Ich dachte, nun wäre alles in Ordnung”, fuhr Jameson mit müder, monotoner Stimme fort. „Ich habe an Frank Rhodes telegraphiert, daß wir hier unmöglich länger als bis zum Ende des Monats warten können. Das da hat er mir erst vor drei Tagen über Kapstadt geantwortet...”

Er schob dem Major eines der zahlreichen Telegramme hin, die er vor sich auf dem Tisch aufgeschichtet hatte. Es lautete:

„Sie dürfen nicht aufbrechen vor Sonnabend nacht. Wir sind voll Vertrauen, daß Gründungsversammlung stattfinden wird Sonnabend abend. Stimmung unserer Zeichner merklich gehoben.”

„Sonnabend — das wäre also morgen?”

Jameson nickte.

„Und das ist auch der Termin, den wir ursprünglich verabredet hatten. Aber nun höre ich, daß das Massenmeeting gestern nicht zustande gekommen ist. Wenn nur nicht wieder etwas Schlimmes dahintersteckt!”

„Wir sollten einfach losmarschieren und die Bande zum Handeln zwingen”, knurrte der Major. Er hatte sich erhoben und lief mit klirrenden Sporen vor dem Zelteingang hin und her. Dabei ließ er seine Reitpeitsche fortwährend gegen die Stiefelschäfte knallen.

Jameson erwiderte nichts. Mit brennenden Augen blickte er über die heiße, graugelbe Wüstenlandschaft
nach Osten. Dort war die Grenze, in vier bis fünf Tagen konnte er, wenn er unterwegs nicht auf stärkere Burenkommandos stieß, in Johannesburg sein. Alles war sorgfältig vorbereitet. Es war sogar gelungen, auf dem Boden der Republik Etappenstationen einzurichten, die mit Nahrungsmitteln und Pferdefutter für die durchmarschierende Truppe versehen waren. Nach außenhin waren diese Depots für eine demnächst einzurichtende Postroute von Johannesburg nach Buluwayo bestimmt.

Aber hier saß er mit gebundenen Händen und durfte nicht losschlagen, bevor die Revolte in Johannesburg begonnen hatte. Denn die Hilfsaktion für die bedrängten Landsleute im Minendistrikt sollte ja den Vorwand für die Grenzüberschreitung liefern. Wieviel einfacher war doch alles gewesen, als er vor zwei Jahren den Krieg gegen Lobengula entfesselt hatte. Sobald seine Truppen versammelt waren, hatte er an Rhodes telegraphiert: „Ich bin bereit.” Und der Chief hatte geantwortet: „Lesen Sie Lukas XIV, Vers 31.”Er war zum nächsten Missionar gelaufen und hatte sich ein Neues Testament ausgeborgt. Er las: „Welcher König will sich begeben in einen Streit mit einem anderen König und sitzt nicht zuvor und ratschlagt, ob er könne begegnen mit zehntausend dem, der über ihn kommt mit zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er Botschaft, wenn jener noch fern ist, und bittet um Frieden.” Darauf hatte er an Rhodes gekabelt: „Ich habe gelesen.” Und einen Tag später war er aufgebrochen.

Diesmal aber hatte Jameson das quälende Gefühl, daß der Chief ihn im Stich ließ. Die Zügel, die Roß und Lenker miteinander verbanden, schleiften im Staub, und vor der entscheidenden Stunde seines Lebens war der Doktor sich selbst überlassen. Er wußte natürlich, daß Rhodes, der in Kapstadt saß, sehr vorsichtig sein mußte, und daß er nur klug daran tat, die ganze Nachrichtenübermittlung in die Hände seines Sekretärs Harris zu legen. Aber Harris war eben nicht Rhodes, und zehn seiner Telegramme erweckten in Jameson nicht die gleiche Zuversicht, wie es ein einziges von der Hand des Chiefs getan hätte.

Manchmal, wenn er endlose Stunden auf seinem Feldbett lag und den Fliegen zusah, die sich bemühten, durch die Maschen des Moskitonetzes zu schlüpfen, überfielen ihn Zweifel und Kleinmütigkeit. Das Ungeheuerliche seines Vorhabens wurde ihm bewußt. Ohne Rückendeckung durch die britische Regierung, einzig gestützt auf die unzuverlässigen Partner in Johannesburg, sollte er mit einer Handvoll Männern in ein Land einfallen, dessen Bürger vor fünfzehn Jahren die Armee des Empire zu Paaren getrieben hatten. Es bedrückte ihn, daß seine Truppe bei weitem nicht die ursprünglich vorgesehene Stärke besaß. Wenn er die Betschuanaland-Polizei, die in diesen Tagen in Mafeking zur Entlassung kam und wahrscheinlich zu ihm übergehen würde, hinzurechnete, brachte er es im besten Falle auf sechshundert Mann. Und dabei hatte er mit der doppelten Anzahl gerechnet!

Als wolle er seine Gedanken bestätigen, sagte Willoughby:

„White schreibt mir aus Mafeking, daß wir uns endlich entscheiden müßten, sonst laufen seine Leute nach Hause. Wenn es noch länger als drei Tage dauert, stehe ich für nichts mehr ein, Doc.”

In diesem Augenblick erschien der Telegraphenbeamte mit neuen Depeschen. Jameson riß ihm die Blätter aus der Hand und machte sich mit zitternden Händen an die Dechiffrierung.

Der Major rauchte eine Zigarette, während er den Bleistift des Doktors über das Papier fliegen hörte. Als er sich endlich umwandte, hielt ihm Jameson drei Telegramme hin. Er war blaß bis in die Lippen und machte den Eindruck eines Schwerkranken. „Lesen Sie!” sagte er nur.

Die erste Depesche war von Frank Rhodes. Sie lautete:

„Es ist absolut nötig, Aktion zu verschieben. Leonard reiste gestern abend nach Kapstadt.”

Harris, der dies Telegramm übermittelt hatte, drahtete:

„Sie dürfen also nicht eher aufbrechen, als bis Sie von uns hören. Es ist schrecklich. Tut mir leid.”

„Ein schöner Trost!” meinte Willoughby bitter und zerknüllte die Zettel in der Faust. „Haben die Herren wenigstens die Freundlichkeit, uns mitzuteilen, was ihnen wieder in die Quere gekommen ist?”

Der Doktor deutete nur stumm auf die dritte Depesche. Sie war von Jamesons Bruder Sam, der sich seit einiger Zeit in Johannesburg aufhielt, und lautete:

»Es ist absolut notwendig, Aktion aufzuschieben wegen unvorhergesehener Umstände, hier völlig unerwartet. Wir müssen erst Cecil Rhodes' bindende Versicherung haben, daß auf Oberhoheit der britischen Regierung nicht gedrungen werden wird. Wir werden versuchen, Deinem Wunsche, was den Dezember betrifft, zu entsprechen, aber Du darfst nicht aufbrechen, ehe Du Instruktionen empfangen hast!, Bitte, das festzuhalten.”

„Das verstehe ich nicht”, meinte der Major und drehte das Blatt hin und her. „Was heißt das: Oberhoheit der britischen Regierung? Was haben sie denn gegen die Regierung? Sie können doch froh sein, wenn uns London den Rücken deckt.”

„Aber ich verstehe es!” rief Jameson. Er schrie wie jemand, der fürchtet, im nächsten Augenblick in Tränen auszubrechen. „Dahinter stecken Hammond und Philipps. Sie wollen nicht, daß wir in Transvaal die britische Flagge aufziehen. Sie möchten den Staat in eine Goldgräberrepublik verwandeln, ihm aber seine Selbständigkeit bewahren. Hammond denkt nur an seine Minen und fürchtet die britische Bürokratie. Und Philipps ist von Barnato bestochen, der Rhodes nicht leiden kann und die Chartered fürchtet, weil sie von London protegiert wird! Darum haben sie alles aufgeschoben und Leonard nach Kapstadt geschickt. Er soll den Chief erpressen. Rhodes soll dafür sorgen, daß die Republik nicht englisch wird.”

Der Major war plötzlich sehr förmlich geworden. Er sagte schnarrend:

„Sie nehmen hoffentlich nicht an, daß ich meinen ehrlichen Namen für ein Unternehmen hergebe, das nur den finanziellen Interessen der Herren Barnato, Eckstein und Konsorten dient? Sollen diese Israeliten doch ihren eigenen Krieg mit Krüger machen.” „Glauben Sie denn, ich lasse das zu?” rief Jameson hitzig. Er war aufgesprungen und hatte den Major, der ihn um Haupteslänge überragte, bei den Schultern gepackt. „Ich werde diesen Geldsäcken, diesen Gaunern, das Geschäft gründlich verderben.”

Ich fürchte, darüber wird Mr. Rhodes zu entscheiden haben”, meinte Willoughby immer noch steif und trat einen Schritt zurück.

Aber Jameson ließ nicht locker. „Kann er das denn noch? Ist er Herr seiner Entschlüsse? Bedenken Sie, in was für einer schrecklichen Lage er sich befindet. Leonard hat ihn ja vollkommen in der Hand. Er wird ihm sagen: ,Entweder Sie sorgen dafür, daß Großbritannien Transvaal nicht annektiert — oder wir machen nicht mit!' Barnato und Philipps sind imstande, sich mit Krüger auf halbem Wege zu einigen und Rhodes, als den Anstifter, öffentlich bloßzustellen. Dann ist er verloren, dann muß ihn auch Chamberlain fallen lassen-------”

„Na, und? Was wollen Sie dagegen tun?”

„Ich will Rhodes retten — unseren Plan, die Interessen Großbritanniens! Ich kenne den Chief, ich weiß, daß er morgen, wenn er mit Leonard spricht, nur einen Gedanken hat: Jameson muß losschlagen, er muß die Johannesburger in die Revolution hineinzwingen! Sobald man in der Stadt erfährt, daß wir abmarschiert sind, haben Hammond und Philipps das Spiel verloren. Auf Frank Rhodes aber können wir uns verlassen.”

„Aber ohne ausdrücklichen Befehl von Cecil Rhodes können wir doch nicht handeln”, meinte der Major bedenklich.

Jameson schüttelte heftig den Kopf.

„Der Chief hat mir absichtlich freie Hand gelassen. Wer die volle Verantwortung trägt, darf auch die Entscheidung fällen. — Willoughby, soll denn unsere ganze Mühe, unser wochenlanges Warten in diesem verdammten Nest umsonst gewesen sein? ,Das Jahr 1896 wird keine Transvaal-Republik mehr kennen', hat mir Rhodes gesagt, und das ist der Befehl, an den ich mich zu halten habe. Dort drüben liegt Transvaal. Tausende von gut bewaffneten Männern am Witwatersrand warten auf ihre Erlösung, sie wollen dasselbe wie wir. Auch Chamberlain und Rhodes wollen es, wenn sie es auch nicht laut äußern dürfen. Nur der Erfolg entscheidet. Und an ihn glauben Sie doch, Major?”

Bei den letzten Worten war Jamesons Stimme etwas unsicher geworden. Jetzt aber warf sich Willoughby in die Brust.

„Für das Militärische stehe ich ein — vorausgesetzt, daß keine neue Verzögerung eintritt.”

„Dann marschieren wir. Wenn Rhodes keinen ausdrücklichen Gegenbefehl erteilt, drahte ich morgen der Union, daß wir Sonntag nachmittag abrücken. Dann können sie morgen nacht losschlagen, und es bleibt beim achtundzwanzigsten, dem Termin, den mir Frankie noch vor drei Tagen genannt hat.”

„Und wenn sie nun nicht losschlagen?”

„Sie müssen! Ich habe sie ja alle in der Tasche, auch Philipps und Hammond.” Er schlug sich auf die Brusttasche. „Hier steckt der Brief, den sie eigenhändig unterzeichnet haben. Sie bitten mich um Hilfe, weil das Leben ihrer Frauen und Kinder bedroht ist. Als Datum setze ich den 29. Dezember ein.”

Willoughby lachte.

„Das muß man sagen, Sie wissen, wie man von einem Blankoscheck den richtigen Gebrauch macht. Schön, Doktor, die Truppe ist bereit. Es genügt, wenn Sie mir drei Stunden vorher Bescheid sagen.”

An diesem Tage und auch am folgenden gingen noch viele Telegramme zwischen Pitsani, Kapstadt und Johannesburg hin und her. Jameson hatte sich Zelt des Telegraphisten einquartiert und war, während er mit halbem Ohr auf den unermüdlichen Ticker lauschte, eifrig dabei, zu dechiffrieren und seine eigenen Botschaften zu verschlüsseln.

Zunächst machte er seinem Ärger in einer Depesche an Harris in Kapstadt Luft.

Aktion wird niemals stattfinden, wenn Zeichner sich selbst überlassen werden. Erster Hinderungsgrund waren Wettrennen. Lächerlich. Zweiter die Policen. Bereits arrangiert. Haben nur Angst. Sie müssen Cecil Rhodes sagen, daß er mich gewähren läßt. Verliere sonst hundert gute Betschuana-Polizisten.”

Harris antwortete schon nach wenigen Stunden:

„Leonard sagt, daß Bewegung in Johannesburg nicht mehr populär ist. Man sagt, Publikum würde keinen Pfennig zeichnen, selbst nicht mit Ihnen als Direktor. Kapitän Heany kommt persönlich zu Ihnen, wird berichten. Wir dürfen kein Fiasko erleben.”

Jameson zerknüllte das Telegramm und dachte: ,Sie wollen mich nur hinhalten. Heany wird sich beeilen müssen, wenn er mich hier noch vorfinden will.'

Am Sonnabendvormittag kam wieder ein Kabel aus Kapstadt. Als der Beamte ihm den Streifen mit den Worten: „Von Rhodes persönlich” überreichte, schloß Jameson einen Augenblick die Augen und griff mit beiden Händen nach der Tischplatte. Er wußte, dies war die Entscheidung. Wenn der Chief 'hm jetzt das Losschlagen untersagte, war alles aus. Niemals würde er dann als Sieger in Johannesburg einziehen, und der verhaßte Vierkleur würde weiter vom Regierungsgebäude in Pretoria wehen. Alles, woran das Herz Cecil Rhodes' hing, stand auf dem Spiel.

Rhodes drahtete:

„Niemand braucht sich darüber aufzuregen, daß wir eine Polizeitruppe an der Grenze haben. Es ist unser gutes Recht und sogar unsere Pflicht gegen die britische Regierung. Außerdem kostet uns der Unterhalt der Truppe in Betschuanaland nur die Hälfte von dem, was er in Rhodesia kosten würde. In Pitsani gibt es keine Pferdeseuche. Wenn die Leute so töricht sind, zu glauben, Sie wollten etwas gegen Transvaal unternehmen, können wir ihnen leider nicht helfen. Cecil J. Rhodes.”

Das war alles. Kein Wort über Johannesburg und den Aufstand. Kein Marschbefehl — aber auch kein Verbot. Was wollte Rhodes also mit dieser Botschaft sagen?

Jameson verließ das Zelt und wanderte durch die Lagergasse auf das Veit hinaus. Die Sonne stand schon hoch, und der heiße, von Rissen kreuz und quer durchzogene Boden brannte durch seine dünnen Schuhe. Die beiden Blechpalmen des Kaufmanns hatten die Farbe von Laubfröschen; die Augen taten einem weh, wenn man daraufsah.

So sehr er sich auch quälte, er konnte aus dem Telegramm keinen rechten Sinn herauslesen. Wollte der Chief ihn beruhigen und seine Ungeduld dämpfen? Aber wenn er gegen eine Aktion war, hätte er doch nur „Nein” zu drahten brauchen. Was hatte es außerdem für einen Sinn, ihn, Jameson, auf die friedlichen Absichten der Truppe hinzuweisen? Worauf es allein ankam, war die Haltung der „törichten Leute”, die leider anfingen, Verdacht zu schöpfen. Sollte das Telegramm vielleicht besagen: Beeile dich, denn Krüger fängt an, unruhig zu werden? Das war es! Rhodes erteilte ihm den Marschbefehl, aber er kleidete seine Botschaft in eine unverfängliche Form, die für jeden Uneingeweihten gerade das Gegenteil besagen mußte. Das Kabel konnte später dazu dienen, die Ahnungslosigkeit und die lauteren Absichten des Chiefs zu beweisen. Es war ja von vornherein verabredet worden, daß Rhodes sich heraushalten und den Überraschten spielen sollte.

Aber im nächsten Augenblick wurde Jameson wieder schwankend. Bei aller gebotenen Vorsicht hätte der Chief doch Mittel und Wege finden können, seine Absichten deutlicher auszudrücken. Bisher hatte es niemals Unklarheiten zwischen ihnen gegeben. Über Hunderte von Meilen hinweg hatten sie sich verbunden gefühlt, und nicht einmal ein Draht war nötig gewesen, um dem einen die Gedanken des anderen zu übermitteln. Warum war diese geheimnisvolle, übernatürliche Verbindung plötzlich abgerissen? War Rhodes vielleicht selbst schwankend geworden? Befand er sich in Bedrängnis und überließ dem Freund vertrauensvoll die Initiative?

Ein heißes Gefühl der Freude und der Dankbarkeit ergriff den Doktor. Wenn es so war, wenn der große Mann sein Schicksal ohne Bedenken in seine Hände legte, dann sollte er nicht enttäuscht werden! Bisher war Jameson stets der Geführte gewesen. In dieser Stunde aber, da es sich darum handelte, ein neues Blatt in der Geschichte Afrikas zu beginnen, er frei. Nicht Rhodes und nicht die Männer von Johannesburg, nein, er ganz allein bestimmte die Ereignisse. Manchmal hatte er gemeint, der Chief habe ein allzu großes Opfer von ihm gefordert, als er ihm die ganze Verantwortung aufbürdete. Jetzt aber begriff er, daß der Freund ihm damit ein Geschenk gemacht hatte, wie es sonst nur die Götter auszuteilen pflegen.

Als Jameson sich dem Lager näherte, kam ihm Willoughby mit langen Schritten entgegen. „Wichtige Nachricht!” rief er schon von weitem.

Diesmal waren es keine verschlüsselten Depeschen, sondern Reutermeldungen, die zur gleichen Stunde wahrscheinlich über alle afrikanischen und Überseekabel liefen. Sie lauteten:

„Johannesburg, 28. Dezember. Die Lage ist kritisch geworden. Hartnäckige Gerüchte wollen von einer geheimen Bewaffnung der Minenarbeiter und von Kriegsvorbereitungen wissen. Frauen und Kinder verlassen fluchtartig den Rand. Amerikanische Kolonie hat sich in Resolutionen für Transvaal-Republik ausgesprochen. Handelskammer fürchtet schwerste Verluste im Falle von Unruhen. Börse lustlos, keinerlei Geschäftstätigkeit. Massen in politischer Erregung. In der Oper Burenhymne und ,God save the Queen' laut applaudiert.”

„Pretoria, 28. Dezember. Präsident und General Joubert zurückgekehrt. Beratungen. Eingeweihte Kreise vermuten, daß Modus vivendi mit Johannesburg gesucht wird.”

Als Jameson diese Meldungen gelesen hatte, stand sein Entschluß, am folgenden Tage aufzubrechen, unwiderruflich fest. In Johannesburg schien die Temperatur den Siedepunkt erreicht zu haben. Der geringste Anstoß würde genügen, die Revolte zum Ausbruch zu bringen. Auch in Pretoria war man endlich munter geworden; aber man blickte nur wie fasziniert auf die Stadt, während man von Jamesons Absichten nichts zu ahnen schien. Der Weg zum Rand war also noch offen. Daß Krüger anscheinend nach einem Kompromiß suchte, um den Streit mit den Uitländers friedlich beizulegen, spornte Jameson nur noch mehr zur Eile an. Mit Konzessionen von beiden Seiten und einem neuen Wählgesetz war ihm und Rhodes wahrhaftig nicht gedient. Das Wappen der Republik sollte ja nicht etwa neu angestrichen und mit einigen Schnörkeln versehen, sondern heruntergerissen werden. Über Blut und Pulverrauch sollte der Union Jack sieghaft an den Flaggenmasten emporsteigen!

Noch am gleichen Abend teilte Jameson den Verschwörern in Johannisburg und Kapstadt mit, daß er entschlossen sei, am Sonntagnachmittag aufzubrechen. Einige erneute Warnungen von Harris, die ihn in den späten Abendstunden erreichten, warf er nach einem flüchtigen Blick in den Papierkorb. In einem letzten, ausführlichen Telegramm, das am Sonntagmorgen abging und für Rhodes bestimmt war, erläuterte er nochmals seine Gründe. Dann gab er Befehl, das Kabel, das ihn mit der Welt verband, südlich Mafeking zu durchschneiden. Er wollte sich nicht der Gefahr aussetzen, in letzter Minute von irgendeiner amtlichen Stelle zurückgepfiffen zu werden. Es war immerhin möglich, daß Lyonel Philipps in seiner Angst die Karten vor dem britischen Gouverneur aufdeckte. Der Hohe Kommissar wäre dann natürlich verpflichtet, Jameson und seine Armee durch ein geharnischtes Telegramm an die Kette zu legen.

Als Hauptmann Heany gegen Mittag auf schweißnassem Gaul im Lager erschien, fand er den Doktor bereits zum Aufbruch gerüstet. Eigentlich war Heany verpflichtet, Jameson mit allen Mitteln zurückzuhalten. Aber er war mit Leib und Seele Soldat und außerdem ein guter Freund des Doktors. Er sagte nur:

„In Johannesburg haben sie den Kopf verloren und die Hosen voll. Sie bekreuzigen sich, wenn sie nur deinen Namen hören. Augenblicklich packen sie Gewehre aus, aber sie sind noch lange nicht fertig.” „Sie werden sich schon beeilen, wenn sie hören, daß ich im Anmarsch bin. Und was wirst du jetzt tun?” „Ich komme natürlich mit euch”, sagte Heany und schlug sich mit der flachen Hand auf die neuen Reithosen, die er sich gerade erst in Mafeking besorgt hatte. „Ein Gewehr werdet ihr ja wohl noch übrig haben.”

Eine Stunde später trafen zweihundert Betschuanaland-Polizisten aus Mafeking ein, die ihren neuen Vertrag mit der Chartered Company soeben unterzeichnet hatten. Willoughby ließ die gesamte Streitmacht — es waren kaum fünfhundertfünfzig Mann — vor dem Lager antreten. Jameson, bereits zu Pferde, hielt eine kurze Ansprache.

Wie ihnen ja wohl bekannt sei, erklärte er den Männern, die über die unerwartete Unterbrechung der geheiligten Sonntagsruhe etwas erstaunt schienen, habe man sie ursprünglich zusammengezogen, um die Bahnanlagen und das kürzlich von der Chartered übernommene Betschuanaland zu schützen. In den letzten Tagen aber habe er aus Johannesburg alarmierende Nachrichten erhalten, und soeben sei ein Brief eingelaufen, aus dem er ihnen einige Stellen vorlesen wolle, damit sie sich selbst eine Meinung bilden könnten.

Er zog den Brief aus der Brusttasche, der nun schon länger als fünf Wochen darin ruhte und von Schweiß und Staub fleckig geworden war.

„Johannesburg, den 29. Dezember”, las er laut. Sogleich biß er sich auf die Lippen, da ihm klar wurde, daß dieses willkürlich gewählte Datum, das Datum des heutigen Tages, ja keinesfalls stimmen konnte. Aber er ließ sich nichts anmerken und fuhr fort:

„Wie wird unsere Lage sein, wenn es zu einem Konflikt mit der Transvaal-Regierung kommt? Tausende von waffenlosen Männern, Frauen und Kindern werden auf Gnade und Ungnade den bis an die Zähne gerüsteten Buren ausgeliefert sein, und ungeheure Vermögenswerte müssen der Vernichtung anheimfallen. Mit äußerster Besorgnis blicken wir in die Zukunft. Dennoch sind wir fest entschlossen, für unsere Rechte einzutreten.

Daher sehen wir uns genötigt, Sie um Ihre Unterstützung anzuflehen, falls es zu Unruhen kommen sollte. Die Umstände sind so außergewöhnlich” ernst, daß wir nicht glauben können, Sie und Ihre tapferen Männer werden ihre Landsleute im Stich lassen. Wir sind bereit, Ihnen alle Auslagen zurückzuerstatten. Glauben Sie uns, daß uns nur die bitterste Not diesen Hilfeschrei abgepreßt hat.”

Die Soldaten, die Johannesburg bisher immer nur als eine lebenslustige Stadt gekannt hatten, in der es für teures Geld Wein und Mädchen in Menge gab, machten erstaunte Gesichter. Es wollte ihnen nicht recht in den Kopf, daß die Stadt, von der sie während der endlosen Wochen ihrer Verbannung in Wüsten und Steppen wie von einem Paradies geträumt hatten, plötzlich die Hölle auf Erden sein sollte. Aber als Jameson ihnen auseinandersetzte, daß die von den Briefschreibern bereits vorhergesehene Katastrophe nun eingetreten sei, daß die Frauen und Kinder Johannesburgs sich in bitterster Not befänden und er deshalb beschlossen habe, seine Menschenpflicht zu erfüllen und Hilfe zu bringen, da fingen sie an, gerührt zu werden. Als der Doktor nun gar den Zug nach Johannesburg als einen militärischen Spaziergang hinstellte und seine feste Überzeugung zum Ausdruck brachte, daß es nicht zu Blutvergießen kommen würde, ergriff die Begeisterung auch die Schwankenden und Vorsichtigen. Viele hatten unter Jameson bereits den glücklichen Feldzug gegen Lobengula mitgemacht. Diesmal würden die Anstrengungen noch geringer, der Lohn aber um so größer sein. Schon sahen sie sich als Sieger und Befreier in die ,goldene Stadt' einmarschieren, umjubelt von der Bevölkerung, die ihnen eine ununterbrochene Kette rauschender Feste gab. Allein daß man auf diese Art und Weise endlich von Pitsani fortkam, war schon ein Gewinn.

Als der Doktor zum Schluß kam und diejenigen, die das Unternehmen nicht mitmachen wollten, mit ironischen Worten aufforderte, aus der Reihe zu treten, meldete sich nicht ein einziger. Daß auch ihre Offiziere, von denen viele in der britischen Armee einen hohen Rang einnahmen, sich dem Privatkrieg der Chartered Company unbedenklich anschlössen, machte den Soldaten Mut und gab ihnen die Vorstellung ein, daß es sich hier um eine nationale Pflicht handelte. Schon gab es Leute, die aus sicherer Quelle zu wissen behaupteten, Chamberlain sei im Bilde und habe den Kriegsplan gutgeheißen.

Einige riefen: „Hoch Jameson!”, andere ließen die Königin leben. Ein patriotisches Lied schloß die Kundgebung. Dann gab Major Willoughby den Truppen den Befehl, sich für sechs Uhr abends marschbereit zu halten.

Die untergehende Sonne färbte den Wüstensand blutigrot, als Jamesons Armee wenige Stunden später das Lager von Pitsani in östlicher Richtung verließ. Als die Truppen mit einem lauten „Hurra!” die Transvaal-Grenze überschritten, fiel eben die Dämmerung ein. Hoch am Himmel aber schwebten noch einige Wolken, die, von den letzten Sonnenstrahlen getroffen, golden aufleuchteten. Sie schienen den Weg nach Johannesburg zu weisen.

Als Rhodes an diesem Sonntagmorgen in seinem Hause ,Groote Schuur' bei Kapstadt erwachte, hatte er das Gefühl, von einer schweren Krankheit genesen zu sein. Die beiden letzten Tage hatten ihm mehr Aufregungen gebracht als alle voraufgegangenen Jahre in Afrika zusammen.

Wie ein Verzweifelter hatte er um Johannesburg gekämpft und immer wieder versucht, den verglimmenden Funken der Revolution von neuem anzufachen. Aber mit seinen Bemühungen hatte er ihn leider gerade ausgeblasen. Sein Versuch, den besorgten Verschwörern dadurch Mut zu machen, daß er sie auf das von Chamberlain bekundete Wohlwollen hinwies, hatte diese erst mißtrauisch gemacht. Die britische Flagge, deren sich die Uitländers gegenüber der Burenregierung so oft bedient hatten, war plötzlich zum Schreckgespenst geworden. Englische Hilfe wollten sie nicht, da diese allzuleicht die Annexion nach sich ziehen konnte. Selbst Jameson erschien ihnen plötzlich verdächtig, denn sein Imperialismus war allgemein bekannt. Daß sie aber aus eigener Kraft mit Krüger fertig werden konnten, glaubten die Johannesburger nicht recht. Immer noch” ruhten die mit so vieler Mühe eingeschmuggelten Waffen zum größten Teil in den Kisten und Fässern. Die Führer der National-Union hatten sich mit solcher Erbitterung um das Fell des Löwen gestritten, daß die Vorbereitungen zur Jagd darüber ganz in Vergessenheit geraten waren.

Eine lange Unterredung mit Charles Leonard, der am Freitag im Auftrag der Verschwörer nach Kapstadt herübergekommen war, hatte Rhodes schließlich davon überzeugt, daß auf Johannesburg im Augenblick nicht zu rechnen war. Die Stadt befand sich in Panikstimmung. Ein vor drei Tagen veröffentlichtes Manifest, das von Protesten und Drohungen gegen die Transvaal-Regierung strotzte, hatte bei der Bevölkerung die Ahnung kommenden Unheils heraufbeschworen. Angesichts der kläglichen Vorbereitungen glaubte niemand an den Sieg. Von Jameson und seiner Armee aber wollte und durfte man ja den Massen nichts verraten. Tausende — und keineswegs nur Frauen und Kinder — stürmten die Bahnhöfe, um nach Kapstadt und Port Durban zu entkommen. In der Nähe von Potschefstrom war bereits ein überfüllter Zug entgleist, und es hatte sechzig Tote gegeben. Aber die furchtbare Bedrohung der Frauen und Kinder, auf die die Draht- zieher in ihrem Brief an den Doktor angespielt hatten, und von der man sich einen Ausbruch ritterlicher Empörung versprach, wollte absolut nicht eintreten. Denn Krüger hatte etwas getan, was gerade von ihm kein Mensch erwarten konnte: er hatte seine gesamte Polizei aus Johannesburg zurückgezogen und die Minenkammer höflich ersucht, in der Stadt selber für Ordnung zu sorgen. So mußte Frank Rhodes in aller Eile eine Bürgerwehr zusammentrommeln, die freilich keine Zeit fand, sich mit der Bekämpfung der Buren zu befassen, sondern schleunigst die großen Bestände an Brandy und Whisky in den Kneipen der Stadt vernichtete. Auf einmal waren es nicht mehr die Buren, die Leben und Eigentum bedrohten, sondern die Arbeiter, denen man Gewehre in die Hand gegeben hatte. Und schon wartete man mit Zittern und Zagen auf einen freundlichen Wink aus Pretoria, der den Weg zu Friedensverhandlungen ebnen sollte.

Irgendeine kleine Konzession würde ja auf jeden Fall herausspringen, hatte Leonard tröstend gemeint, und dann habe man sich doch nicht ganz umsonst in Unkosten gestürzt. Falls Mr. Rhodes jedoch darauf bestehe, sein bedeutendes, in das Unternehmen investiertes Kapital voll zu verzinsen, müsse er den Uitländers die feierliche Garantie geben, daß nach dem Siege der Union Jack in der Republik nicht gehißt werden würde. Sei er dazu bereit, so könne man den Aufstand immer noch versuchen und in den nächsten Tagen mit Jamesons Hilfe Krügers Regierung stürzen.

Rhodes hatte gedankt und gemeint, es sei wohl besser, die ganze Angelegenheit zunächst zu vertagen. Über die Folgerungen, die später aus der Aktion zu ziehen seien, müsse man in Ruhe unterhandeln. Inzwischen sollten die Aufstandsvorbereitungen am Rand energisch fortgesetzt werden. In einigen Wochen würde man weiter sehen. Es sei ja noch nichts verloren, und Jameson stehe auch fernerhin an der Transvaal-Grenze bereit.

Daß dieser neuerliche Aufschub unter Umständen den ganzen Plan gefährdete, war ihm natürlich klar. Aber da er die verlangte Garantie nicht geben wollte und gar nicht daran dachte, die Transvaal-Republik den Herren Philipps, Eckstein und Barnato in die Hände zu spielen, galt es, vor allen Dingen Zeit zu gewinnen. Vielleicht war es möglich, die Gegner durch ein großes Börsenmanöver mattzusetzen. Durch die Vermittlung Flora Shaws wollte er erneut mit Chamberlain in Verbindung treten. ”Womöglich konnte man auch die Masse der Uitländers umstimmen. Letzteres war nur eine Geldfrage. Und da er nun schon mal ein Vermögen in die Revolution investiert hatte, sollte sie auch in seinem Sinne zu Ende geführt werden. Um seinem alten Feind Barnay Barnato zur Macht zu verhelfen, dafür gab er sein Geld wahrhaftig nicht her! Transvaal sollte britisch werden, das war er seinem Gewissen schuldig.

Die Morgensonne lag hell auf der Veranda, als Rhodes sich zum Frühstück setzte. Er fühlte sich noch etwas schwach, aber trotzdem guter Dinge. Wenn er sich vorstellte, welcher Gefahr er soeben glücklich entronnen war, durfte er sich eher für einen Sieger als für einen Geschlagenen halten. Zwar war sein Vorhaben fürs erste gescheitert, aber er hatte sich seine volle Bewegungsfreiheit und seinen guten Ruf bewahrt. Der Premierminister der Kapkolonie und Vertrauensmann der britischen Regierung stand vor der Öffentlichkeit untadelig da, und niemand durfte es wagen, ihn der Mittäterschaft an dem Komplott gegen die Transvaal-Regierung zu beschuldigen. Aber wie leicht hätte es anders kommen können! Was wäre geschehen, wenn Jameson vorzeitig losgeschlagen, wenn seine Gegner in Johannesburg ihn beim Hohen Kommissar denunziert hätten? Nein, er konnte zufrieden sein. Und zu seiner Freude stellte er fest, daß er mit gutem Appetit frühstückte — ganz wie es einem Rekonvaleszenten geziemt.

Später machte er einen Gang durch den Garten und freute sich an seiner Menagerie, die sich ständig vermehrte und prachtvoll gedieh. Kudus, Gnus und Elen-Antilopen weideten verstreut auf der riesigen Besitzung, die sich bis an den Fuß des Tafelberges erstreckte. Auch eine Giraffe war nun endlich eingetroffen und schien den Transport gut überstanden zu haben. Die Beschaffung war nicht leicht gewesen; vor zwei Monaten hatte sich ein prächtiger Giraffen-Bulle, den man aus dem Landesinneren auf der Bahn zur Küste transportierte, in einem Tunnel das Genick gebrochen. Nur die Singvögel, die er aus allen Weltgegenden herangeholt hatte, bereiteten Rhodes Kummer. Die Nachtigallen und Drosseln hatten in Afrika das Singen völlig verlernt, und die Stare vermehrten sich so stark, daß sie schon die Obstplantagen der Umgegend zu ruinieren drohten.

Vor dem Löwengehege blieb Rhodes einen Augenblick nachdenklich stehen. Neuerdings hatte er wieder drei Tiere, ein Pärchen und ein einzelnes Männchen. Das letztere hatte er eigentlich dem Zoologischen Garten in Pretoria zum Geschenk machen wollen. Aber Krüger hatte die Gabe postwendend zu rückgeschickt mit der Bemerkung, er besitze in Transvaal Löwen genug. Es hieß, im Volksraad sei es wegen dieses Tieres sogar zu einer Debatte gekommen, und ein Abgeordneter habe vorgeschlagen, dem Löwen ein goldenes Halsband mit der Aufschrift „Swazilandvertrag, Stimmrecht, Zollverein” anzulegen. — Wartet nur, dachte Rhodes grimmig, wir wollen euch schon noch an die britische Kette legen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!

Als er ins Haus zurückkehrte, fand er seinen Sekretär Harris vor. Auch er sah nach der Anstrengung der letzten Tage ein wenig angegriffen aus. Durch seine Hände war die gesamte Nachrichtenübermittlung zwischen Johannesburg und Pitsani, Kapstadt und London gegangen.

„Neue Telegramme?” rief Rhodes ihm entgegen. Es war die Frage, die er in den letzten Tagen ständig gestellt hatte.

Harris hob abwehrend die Hände.

„Nein, zum Glück nicht! Gestern abend um sechs habe ich übrigens die Office geschlossen. Es ist ja nun alles in Ordnung.”

Rhodes nickte. „Sie haben sich Ihr Wochenende redlich verdient, Harris.” Er ließ eine Flasche von seinem berühmten, sechzig Jahre alten Ale bringen. Das Getränk hatte die Farbe alten Portweins angenommen. „Trinken Sie”, sagte er. „Nach der Schlacht dürfen wir uns wohl etwas Gutes leisten.”

„Haben wir die Schlacht nun eigentlich verloren?”

„Aber nein! Unsere Truppen sind ja nicht geschlagen. Wir müssen sie nur umgruppieren.”

„Der arme Jameson!” sagte Harris nachdenklich und blinzelte aus halbgeschlossenen Augen zur Bai hinüber, die in der Sonne funkelte. „Er wird ein trauriges Neujahrsfest in Pitsani feiern. Mein Gott, er war so ungeduldig. Wenn man einen Menschen per Kabel töten könnte — ich glaube, ich säße heute nicht hier.”

„Jameson!” Über Rhodes' Gesicht lief ein Schatten und seine Hände auf dem Tisch wurden plötzlich unruhig. „Hat er sich nun endlich beruhigt? Was hat er zuletzt gedrahtet?”

„Proteste, immer nur Proteste. Ich habe ihm gestern nachmittag noch zweimal klipp und klar auseinandergesetzt, warum es nicht geht. Er wird sich damit abfinden müssen. Aber es wäre vielleicht besser gewesen, Sie hätten ihm selbst ganz unmißverständlich Ihren Standpunkt klargemacht.”

„Sie wissen doch, Harris, daß ich in dieser Sache nicht deutlich reden darf — weder en clair noch verschlüsselt. Außerdem habe ich dem Doktor ja telegraphiert und ihn beruhigt.”

Rhodes war aufgestanden und zu einer der alten portugiesischen Kanonen getreten, die Jameson tief im Innern Afrikas, auf seinem Zuge nach Buluwayo, aufgestöbert und ihm zum Geschenk gemacht hatte. Sorgfältig untersuchte er den Lauf nach Rostflecken.

Er wußte selbst am besten, daß er es versäumt hatte, Jameson ein klares und bestimmtes Nein zuzurufen. Aber stets, wenn er in den beiden letzten Tagen an den Doktor gedacht hatte, war es wie eine Lähmung und fast wie ein Gefühl der Feigheit über ihn gekommen. Er wußte, daß die Truppe in Pitsani Gewehr bei Fuß stand und der Feldzug bis in die geringsten Einzelheiten für die letzten Tage des Monats vorbereitet war. Tat er recht daran, seine beste und schärfste Waffe, an der er und Jameson seit Monaten geschmiedet hatten, eigenhändig zu zerbrechen? Wer wußte denn, ob die Chance noch einmal wiederkehrte? Jamesons Befürchtung, die Buren könnten mißtrauisch werden, war nur allzu begründet. Anfangs, bis zum Morgen des Vortages, hatte er immer noch auf einen plötzlichen Umschwung in Johannesburg gehofft. Und selbst als die letzten Telegramme vom Rand diese Erwartung zunichte machten, hatte er noch einen Augenblick mit dem Gedanken gespielt, Jameson trotzdem losschlagen zu lassen und damit das Schicksal zu zwingen. Aber dann hatte die Vernunft gesiegt. Er hatte Harris beauftragt, den Doktor schonungslos über die wahre Lage aufzuklären und hatte außerdem selbst das beruhigende Telegramm abgeschickt, daß Jamesons Befürchtungen über die Gegenmaßnahmen der Buren zerstreuen sollte. Er wußte freilich, daß das eine Lüge war, und daß Jameson ihm nicht glauben würde. Aber er hatte nicht die Kraft besessen, ein klares Verbot auszusprechen. Seine alte Sicherheit, seine Lust am Befehlen und an harten Entscheidungen hatten ihn plötzlich verlassen. Übersah er denn wirklich alle Fäden des großen Spiels? War nicht Jameson der einzige, der in diesem Augenblick entscheiden durfte? Er allein kannte die Lage in Pitsani, und wie es um Johannesburg stand, wußte er aus den zahllosen Depeschen, die man ihm übermittelt hatte, genau so gut wie alle anderen. Wenn er Jameson jetzt eine bestimmte Weisung erteilte, die sich später als falsch herausstellte — setzte er damit nicht für immer seine Autorität aufs Spiel? — Jameson muß selbst zu der Überzeugung kommen, daß es nicht geht, hatte er sich gesagt. Das wird weniger bitter für ihn sein, als wenn er sich einem Befehl beugen muß! — Außerdem vertraute Rhodes auf ihre alte, hundertmal erprobte Übereinstimmung in Urteilen und Entschlüssen. Und je mehr er einsah, daß der Überfall auf Transvaal verschoben werden mußte, um so fester war er davon überzeugt, daß auch Jameson zu der gleichen Erkenntnis gelangt war> — Mit diesem tröstlichen Bewußtsein war er gestern abend eingeschlafen.

Rhodes war wieder ganz ruhig und heiter, als er sich jetzt an Harris wandte:

„Telegraphieren Sie heute gegen Abend an Miß Shaw nach London. Sie soll Chamberlain sagen, daß der erwartete Uitländers-Aufstand nicht stattgefunden hat. Deshalb sei natürlich auch an der Betschuanalandgrenze alles ruhig geblieben. — Im übrigen aber sei noch nicht aller Tage Abend!”

Am Nachmittag begannen sich Haus und Park von ,Groote Schuur' mit Gästen zu füllen. Rhodes gab seine alljährlich wiederkehrende Christmasparty, diesmal allerdings mit einer viertägigen Verspätung, die durch die Krise am Witwatersrand verschuldet war. Ein Fest im Hause des Ministerpräsidenten und Direktors der Chartered bedeutete immer ein Ereignis für die Gesellschaft von Kapstadt. Rhodes galt als großzügiger Gastgeber, und niemand versäumte gern die Gelegenheit zu einem Besuch in ,Groote Schuur', das ein einzigartiges Museum holländischer und afrikanischer Altertümer war.

Die Villa, ein umgebautes Speicherhaus der holländisch-ostindischen Kompanie aus dem 17. Jahrhundert, lag außerhalb der Stadt auf einem Hügel, von dem aus man sowohl den Hafen und die Bai erblicken konnte, als auch den Tafelberg, der wie eine drohende Bastion der Festung Afrika über dem Kap hing. Rhodes hatte viel Geld und Geschmack auf die Ausstattung seines Hauses verwandt. Die schwere Haustür stammte aus der niederländischen Festung am Hafen und hatte allein sechstausend Pfund gekostet. Eine ganze Schiffsladung Teakholz für die Täfelung der Decken und Wände war aus Indien gekommen. Das Badezimmer des Kaisers von Afrika, mit farbigen Marmorfliesen aus aller Welt bekleidet, bildete schon für sich eine Sehenswürdigkeit und war eines Cäsars würdig. In der Halle, der Bibliothek und im Speisesaal fanden sich nur ausgewählte Möbel altniederländischer Herkunft. Dazwischen standen Bildwerke und Vasen aus Rhodesia, die schon zur Zeit der Phönizier nach Afrika gekommen sein mußten. Rhodes' größter Stolz war ein uralter Tisch unbekannter Herkunft mit eingeschnitzten Tierkreiszeichen, den Jameson in den verlassenen Minen bei Salisbury gefunden hatte. Das einzige, was in diesem Hause an die angelsächsische Abstammung und Mentalität des Besitzers erinnerte, war eine kleine britische Flagge über Rhodes' Schreibtisch. Einer' seiner Freunde, der die symbolische Reise vom Kap nach Kairo gemacht hatte, trug sie zwei Jahre lang in der Satteltasche bei sich.

Neben Parlamentariern, Ministern und angesehenen Kaufleuten hatte sich auch die elegante Jugend der Kapkolonie zahlreich eingefunden. Sie war zum Teil in Faschingskostümen erschienen, denn Rhodes' Christmasparty bildete traditionsgemäß den Auftakt zum kapländischen Karneval. Viele Damen, die am Arm befrackter Herren den Gastgeber begrüßten trugen holländische Schifferkostüme. Rhodes sah' ein schlankes, junges Mädchen, dessen seidenes Kleid mit der Karte von Afrika und der geplanten Kap-Kairo-Route bemalt war. Er sagte ihr einige Komplimente über den hübschen Einfall.

Später, als das Orchester in der Halle zu spielen begann, zog er sich mit dem britischen Gouverneur in die Bibliothek zurück. Sir Hercules Robinson, der neue Kommissar Ihrer Majestät, war erst seit zwei Monaten im Lande. Er hatte Sir Henry Loch abgelöst, der auf seinen dringenden Wunsch im Herbst pensioniert worden war.

Das Verhältnis zwischen Rhodes und Mr. Robinson war kühl und förmlich. Man sagte dem neuen Kommissar gewisse private Sympathien für Paul Krüger nach, und Rhodes hatte daher sorgfältig vermieden, ihn in seine Beziehungen zu den Johannesburger Verschwörern einzuweihen.

Sir Hercules, ein siebzigjähriger Herr mit einem gepflegten weißen Vollbart, ließ sich aufseufzend in einen Sessel sinken und sagte:

„Ein Glück, daß sich die Wogen in Johannesburg wieder geglättet haben. Ich denke, Krüger wird nun ein übriges tun und den Uitländers ein wenig entgegenkommen.”

„Wahrscheinlich”, erwiderte Rhodes. „Ich habe diesen Sturm im Wasserglas niemals ernst genommen.”

„Verwicklungen mit Transvaal wären uns im Augenblick äußerst unangenehm”, fuhr Robinson fort und schnupperte an seiner Zigarre. „Ich höre aus London, daß man in Berlin bereits nervös geworden ist und durch den Botschafter interveniert hat. Der Kaiser tut gerade so, als habe er Transvaal in seinen persönlichen Schutz genommen.”

„So? Nach meiner Ansicht fordert die Ehre Englands dann erst recht...”

Aber Rhodes beendete den Satz nicht. In der Tür hatte er Harris entdeckt, der ihm aufgeregt Zeichen machte. Er sah es seinem Sekretär an, daß irgend etwas Ungewöhnliches vorgefallen sein mußte. Rhodes entschuldigte sich bei Sir Hercules und verließ das Zimmer.

Harris ging schweigend vor ihm her. Als sie die menschenleere Veranda erreicht hatten, blieb er stehen. Eine Weile rang er sichtlich nach Worten, dann sagte er:

„Jameson hat die Nerven verloren. Heute, in dieser Stunde vielleicht, fällt er in Transvaal ein.”

Rhodes fuhr zurück. „Das ist nicht wahr!” rief er.

„Ich war in der Office, um nach London zu kabeln. Diese Telegramme fand ich vor.”

Rhodes griff nach den Papieren. Seine Hand tastete, Halt suchend, nach der portugiesischen Kanone, während er las:

„Werde heute abend in Transvaal einrücken. Hatte mit Briefschreibern verabredet, sofort und ohne besondere Aufforderung loszuschlagen, falls Verdacht besteht, daß Buren mißtrauisch werden. Wir gehen, wie Einladungsbrief fordert, um Frauen und Kinder zu beschützen, während Uitländers gegenwärtige unehrliche Regierung absetzen.”

Rhodes ließ das Blatt sinken. „Jetzt ist alles aus. Und gerade Jameson mußte mir das antun. Er geht durch wie ein schlecht gerittenes Pferd!” Er stöhnte und krampfte die Hand über dem Herzen zusammen. „Der Narr! Wie kann er sich auf den Brief der Union berufen, wenn in Johannesburg alles hier ist? Er allein ist es, der jetzt Frauen und Kinder bedroht!”

Er hat es gut gemeint”, sagte Harris. „Aber sein Telegramm enthält eine Unwahrheit. Es war niemals verabredet, daß er ohne ausdrückliche Aufforderung losschlagen sollte, unter gar keinen Umständen. Ich selbst habe ihm noch gestern-------”

Aber Rhodes, der sich die Depeschen noch einmal vorgenommen hatte, ließ ihn nicht ausreden.

„Das Kabel ist heute morgen um neun Uhr aufgegeben. Die anderen, die an meinen Bruder und Lyonel Philipps, sogar schon gestern gegen Abend. Und Sie Idiot schließen sonnabends um fünf Uhr die Office! Sie machen Ihr Weekend wie ein Kommis in einem Wäschegeschäft Haben Sie noch nicht begriffen, daß wir in Afrika sind? Glauben Sie, die Weltgeschichte hält Ihretwegen die Sabbatruhe ein?”

Harris war blaß geworden. Unwillkürlich blickte er auf die geöffnete Verandatür. Drinnen sah man die Paare im Walzer vorübergleiten.

„Was stehen Sie noch hier?” rief Rhodes und stampfte unbeherrscht mit dem Fuß. „Wie konnten Sie den Telegraphen überhaupt verlassen? Laufen Sie! Vielleicht können wir ihn noch zurückrufen. So pünktlich wird er nicht fortgekommen sein. Drahten Sie ihm, ich befehle — hören Sie? Ich befehle!”

Harris rannte durch die Halle, die Tänzer mit den Ellenbogen zur Seite stoßend. Vor dem Portal war die Auffahrt der Gäste immer noch nicht beendet. Schwarze Diener in Livree leuchteten den Ankömmlingen mit Fackeln die Stufen hinauf. Die Dämmerung setzte eben erst ein, die Flammen loderten düster und rauchend gegen den noch hellen Himmel.

Harris schwang sich in ein zweirädriges Gab und schrie dem Kutscher zu:

„Zur Office der Chartered — rasch, was die Pferde hergeben!”

Dann saß er mehrere Stunden in dem kleinen, muffigen Telegraphenbüro und versuchte verzweifelt, eine Verbindung mit Mafeking oder Pitsani herzustellen. Aber der Draht war und blieb tot, so oft er auch auf den Taster drückte. Der Schweiß troff ihm von der Stirn und brannte in den Augen. Der große Zeiger auf dem Zifferblatt der Uhr kreiste und kreiste.

Um neun Uhr unterbrach er seine Bemühungen und gab ein Kabel an Flora Shaw durch. Er teilte ihr mit, daß Jameson auf eigene Faust, unter Berufung auf den Einladungsbrief der Union, losgeschlagen habe, daß aber in Johannesburg vorläufig noch keine Anzeichen einer Revolution zu bemerken seien. Die weitere Entwicklung sei noch undurchsichtig. Immerhin könne es geschehen, daß sich die Union nun doch noch zum Handeln entschlösse.

Er war so nervös, daß ihm die Verschlüsselung der Depesche kaum gelang. Dann versuchte er von neuem, Verbindung mit dem Norden zu bekommen. Endlich, gegen zehn Uhr, meldete sich Mafeking. Die dortige Dienststelle kabelte zurück, der Draht sei an mehreren Stellen durchschnitten gewesen. Man habe seit den Mittagsstunden fieberhaft gearbeitet und den Schaden jetzt endlich gefunden und repariert.

„Was ist mit Jameson?” fragte Harris. Der Doktor sei, wie die Passagiere der soeben aus Pitsani eingetroffenen Postkutsche berichteten, schon vor fünf Stunden in großer Eile nach Osten abmarschiert. Auch die Betschuanaland-Polizei von Mafeking habe sich ihm angeschlossen.

Harris gab Auftrag, der Truppe einen Kurier nachzusenden und Jameson die Umkehr zu befehlen. Doch er hatte keine Hoffnung mehr, der Vorsprung war zu groß. Schließlich versuchte er noch, sich mit dem Büro der .Goldfelder von Südafrika' in Johannesburg in Verbindung zu setzen. Aber dort meldete sich niemand. Da griff er nach seinem Hut und verließ die Office.

„Zurück nach ,Groote Schuur'”, sagte er dem wartenden Kutscher und drückte sich fröstelnd in die Polster. „Aber Sie brauchen sich nicht mehr zu beeilen.”

Inzwischen durchlebte Rhodes qualvolle Stunden. In der Bibliothek saß immer noch Sir Hercules Robinson, der sichtlich nur darauf gewartet hatte, das unterbrochene Gespräch wiederaufzunehmen. Er verbreitete sich ausführlich über die politische Lage in Europa, die Isolierung Großbritanniens und die Spannung zwischen Berlin und London.

„Ja, ja, lieber Rhodes”, sagte er, „nur in Europa wird Geschichte gemacht. In unserem lieben Afrika geschieht im Grunde nie etwas von internationaler Bedeutung.”

Rhodes hielt es nicht mehr aus. Es gelang ihm, unter einem Vorwand die Bibliothek zu verlassen und dem Gouverneur zur Gesellschaft ein paar würdige Kap-Parlamentarier hereinzuschicken. Er selbst irrte ruhelos durch die Halle und über die Veranda. Überall waren jetzt Menschen, die tranken, flirteten, tanzten. Er mußte Hände schütteln, Klatsch anhören und mit abwesender, lächelnder Miene Liebenswürdigkeiten sagen. Dann ging er ins Badezimmer und ließ sich von seinem Diener Sam, der ein Sohn König Lobengulas war, eine Arznei für sein rebellisches Herz bereiten. Als der Schwarze gegangen war, preßte er die Stirn eine Weile gegen den kühlen Marmor der Wandverkleidung.

„Alles verloren”, stöhnte er, „alles!”

Aber vielleicht war noch Hoffnung, es durfte ja nicht sein! Die Unruhe trieb ihn wieder unter die Menschen. Als man ihn entdeckte, blies die Musik' einen Tusch. Die Tänzer räumten die Mitte der Halle, und nun ordneten sich ein paar Masken zu einem Zuge. Das Mädchen mit der Kap-Kairo-Route auf dem Kleid ging voran. Dann folgte ein beleibter jüdischer Bankier, der sich als Lobengula ausstaffiert hatte. Zwei gefesselte Frauen, die eine in einem tief ausgeschnittenen Kleid aus Goldflitter, die andere über und über mit Similibrillanten bedeckt, stellten die von Rhodes gebändigte Gold- und Diamantenindustrie dar. Den Beschluß machte ein Mann, der sich einen Krügerbart angeklebt hatte; ein zweiter, der einen weißen Arztkittel und die Maske Jamesons trug, führte ihn an einem goldenen Gängelband.

Während die Zuschauer lachten und klatschten, fragte sich Rhodes sekundenlang allen Ernstes, ob man seine Niederlage bereits erfahren habe und ihn mit dieser Demonstration verhöhnen wolle. Er meinte, den Anblick der vielen Menschen nicht mehr ertragen zu können; das ununterbrochene Dudeln der Musik und die Hitze, die die zahllosen Wachskerzen ausströmten, bereiteten ihm Übelkeit. Er ging in sein Arbeitszimmer und ließ sich vor dem Schreibtisch nieder, die Augen wie in Hypnose auf die Fahne gerichtet, die vom Kap nach Kairo gereist war. Er dachte an Jameson, der in dieser Stunde vielleicht schon die ersten Schüsse mit Krügers Buren wechselte. Wie ein unachtsames Kind hatte er das mühevoll aufgerichtete Kartenhaus seines Lebens niedergerissen. Das Bild eines geeinten Südafrika unter seiner, Rhodes', Führung und britischer Flagge war nur eine Fata Morgana gewesen, und sein Lebenswerk blieb ein Torso. Was war denn Rhodesia? Eine Wüste, groß und öde genug, um sich darin ein Grab zu suchen. Ja, das Grab auf den Matoppohügeln und ein Haufen Goldbarren — das war alles, was er der Nachwelt hinterließ.

Plötzlich schrak er zusammen, da er merkte, daß er nicht mehr allein im Zimmer war. Das Mädchen im Goldflitterkleid, das die gebändigte Minenindustrie dargestellt hatte, war hinter ihn getreten und beugte sich über seinen Stuhl. Rhodes kannte sie, sie war die Tochter eines der größten Chartered-Aktionäre.

„Cäsar träumt gewiß von neuen Eroberungen”, sagte sie und blickte dabei gleich ihm auf die Fahne an der Wand.

Ihre warme Stimme, die vom Tanz oder vom Champagner ein wenig bebte, tat ihm wohl; sie war wie ein Streicheln. Das Mädchen sollte weiterreden, irgend etwas. Vielleicht erzählte sie ihm von ihren Hunden und Pferden. Rhodes legte den Kopf zurück und lächelte kaum merklich mit geschlossenen Augen.

Aber sie verstand ihn wohl falsch. Sie trat noch einen Schritt näher, und plötzlich fühlte er ihre warmen, kleinen Brüste durch die Seide des Kleides. Ohne daß er die Lider zu heben brauchte, sah er ihre gebräunten Arme, die sie auf die Seitenlehnen seines Stuhles gelegt hatte. Sie waren nackt wie ihr Hals und ihre Schultern.

„Ich möchte wohl wissen, wie es im Herzen eines Titanen aussieht”, sagte sie. Dabei bewegte sie ihren Körper ganz leise hin und her, in einem vielleicht unbewußten, wiegenden Rhythmus.

Rhodes machte sich unwillkürlich schmal, um noch tiefer in die Warme und den Schutz dieses jungen Körpers hineinzutauchen. Er dachte — und fast hätte er es auch laut gesagt: Das Herz tut weh und ist krank. Ein minderwertiges Herz! Es wäre vielleicht gut, jetzt, in dieser Stunde, eine Frau zu haben. Sie war leichter zu bändigen als ein widerspenstiger Kontinent, und sie war ein besserer Besitz als ein Felsengrab, über das bei Tag und Nacht der Sand wehte. Aber dann befiel ihn wieder seine Angst vor Frauen. Er wußte, daß er schwach werden würde, sobald er in ihren Armen lag.

Rhodes öffnete die Augen und erhob sich. Das Mädchen sah ihn ein wenig ängstlich, aber mit begehrlich geöffneten Lippen an. Im Lichtschein, der durch die angelehnte Tür hereindrang, gleißte und schimmerte ihr Goldkleid.

„Gefalle ich Ihnen in diesem Kostüm?” fragte sie und lachte, als kitzelte sie etwas. Sie machte eine halbe Wendung auf ihn zu, und eine funkelnde Welle lief über ihren Körper. Es war, als wolle der Flitter im nächsten Augenblick von den bloßen Schultern zu Boden gleiten. Rhodes runzelte die Stirn.

„Ihr Kostüm scheint mir recht gewagt zu sein. Es paßt nicht in dieses Haus!” sagte er und ging zur Tür.

Nach einer weiteren Stunde verzweifelten Wartens kam Harris zurück. Rhodes sah schon an der hilflosen Handbewegung, mit der ihn sein Sekretär begrüßte, daß alles vergebens gewesen war. Sie standen sich in der Halle gegenüber, durch die die Gäste paarweise und in größeren Gruppen drängten, um an das Büfett zu gelangen. Es roch nach Puder, Parfüm und schweren Bratensaucen.

„Es ist gut”, sagte Rhodes. „Ich gehe jetzt nach oben. Morgen werden wir weitersehen.”

Harris sah seinen Chef besorgt an. „Wenn Sie mich noch brauchen sollten...”

„Nein. Aber Sie können hierbleiben — der Gäste wegen.”

Rhodes stieg schwerfällig die Treppe zum obersten Stockwerk hinauf. Durch die großen Fenster seines Schlafzimmers fiel das Mondlicht. Grau und wuchtig hob sich der Tafelberg gegen den schwarzblauen Himmel ab, eine unüberwindliche Barriere, die sich vor den Kontinent der Geheimnisse und Widersprüche gelegt hatte. Rhodes schloß die Läden und warf sich, angekleidet wie er war, aufs Bett. Die Hände ließ er zu beiden Seiten über die Lade herabhängen. Hart und kühl preßte sich das Holz gegen die Pulsadern.

Als er versuchte, die Bilanz der letzten Ereignisse zu ziehen, fühlte er ein Schwindelgefühl, und ihm war, als stürze das Bett in einer Spirale mit ihm in die Tiefe. Er begriff, daß es mit seiner politischen Karriere ein für allemal zu Ende war. Das Empire, für dessen Wohltäter, ja Lenker er sich in seiner Verblendung gehalten hatte, mußte ihn ausbooten, wenn es nicht selbst in seinen Sturz verwickelt werden wollte. Für Männer in seiner Stellung gab es keine Verzeihung und keine Entschuldigung. Wenn er wenigstens seinen Namen und seine Ehre retten wollte, mußte er sogar freiwillig die ganze Schuld auf sich nehmen. Wen kümmerte es jetzt noch, daß die Uitländers versagt hatten, daß Jameson seine Befugnisse überschritten und durch seinen Übereifer alles zerstört hatte? Er allein war der Schuldige, und er war ein Narr gewesen, als er glaubte, er könnte dem Doktor, seiner Kreatur, listig einen Teil der Verantwortung zuschieben.

Nein, dachte er, so klein bin ich nicht, Paul Krüger! Und auch nicht so dumm. Wenn ich mich von England in die Wüste schicken lasse, bleibt der Schild Großbritanniens unbefleckt. Und an diesem Schild wirst du dir eines Tages doch noch deinen Büffelschädel einrennen. In England aber wird man mich als einen Märtyrer der nationalen Sache beweinen und dich hassen, weil du mein Feind warst. Dies wird dein letzter Sieg sein, und er wird dir teuer zu stehen kommen!

Rhodes klingelte und ließ Harris und Sir Hercules Robinson zu sich bitten.

Robinson hatte gut getrunken und gegessen. Sein Gesicht war gerötet, und mit seinem viel zu weißen Bart und den ausdruckslosen Zügen erinnerte er ein wenig an einen Weihnachtsmann.

„Ist Ihnen nicht wohl?” fragte er polternd.

„Jameson ist mit fünfhundertfünfzig Mann und acht Geschützen in die Transvaal-Republik eingefallen”, sagte Rhodes, als handle es sich um das gleichgültigste Ereignis von der Welt. Aber plötzlich richtete er sich auf und schrie mit klirrender, ins Falsett umschlagender Stimme: „Ich lege die Ministerpräsidentschaft nieder!”

„Was ist? Warum...?” stotterte Sir Hercules, der etwas schwerhörig war. Rhodes lag schon wieder flach auf dem Rücken, die Hände über die Augen gepreßt.

„Erklären Sie es ihm, Harris”, sagte er matt.

Als Robinson endlich begriffen hatte, begann er tappend hin und her zu laufen. Im Halbdunkel stieß er gegen die Möbel. Wie er verwirrt die Arme hob und wieder fallen ließ, erinnerte er an einen kranken Vogel.

„Was werden Sie nun tun?” fragte Rhodes endlich.

„Ich muß Jameson in aller Form verurteilen. Es ist notwendig, daß Großbritannien seine Hand unmißverständlich von ihm zurückzieht.”

„Dann sind er und seine Leute vogelfrei. Krüger ist imstande, sie wie Banditen an den nächsten Baum zu hängen.”

„Das tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern. Ich bin es nicht gewesen, der ihn in dies wahnwitzige Abenteuer hineingehetzt hat”, sagte der Gouverneur beleidigt.

Rhodes gab es schließlich auf, für Jameson zu bitten. Er fühlte auch, daß seine alte Überredungskunst ihn verlassen hatte. Er war bereits jetzt eine gefallene Größe, das merkte man dem Benehmen Robinsons deutlich an.

Als Rhodes wieder allein war, kam eine große Müdigkeit über ihn. Sie erleichterte es ihm, alle Gedanken an das Geschehene aus seinem Hirn zu verbannen. Aber dennoch konnte er nicht einschlafen. Er sah zu, wie das Mondlicht, das durch die Spalten der Jalousien drang, langsam über den Boden und an der Wand hinaufwanderte. Schließlich schien sich der Lichtstrahl auf einem Porträt Clives festgesogen zu haben. Er erinnerte sich, daß Jameson diesen Soldaten und Eroberer Indiens glühend verehrte. Übrigens hatte auch Clive seine Gesundheit im Dienste Englands ruiniert, war in der undankbaren Heimat verfolgt und beschimpft worden und hatte als Selbstmörder geendet. Armer Jameson, dachte er, wenn du wenigstens so viele Erfolge aufzuweisen hättest wie dein Idol!

Erst gegen Morgen schlief Rhodes ein. Am anderen Tage stand er schon früh auf und ließ ein Pferd satteln. Er ritt zu einer Jagdhütte am Hang des Tafelberges und blieb dort vier Tage. Als Begleitung hatte er nur seinen schwarzen Diener Sam mitgenommen, der es längst vergessen zu haben schien, daß er der Sohn eines Königs war. Nur wenn er schwere Arbeit zu verrichten hatte, erinnerte er sich seiner Herkunft und verlangte, daß man ihm einen seiner Sklaven wiedergeben solle.

Rhodes schlief viel, ging spazieren und las in seinen Lieblingsklassikern Cäsar, Livius und Plutarch. Bald wurde er ruhig, ja fast getröstet. Er sah ein, daß ihn kein Unglück betroffen hatte, sondern daß alles sein eigenes Verschulden war. Er hatte die Menschen nicht richtig eingeschätzt. Die Johannesburger nicht, die das Gold, das ihm selbst nur ein Mittel dünkte, als ihren Lebenszweck betrachteten, und auch Jameson nicht, der nur ein Werkzeug war. Er hätte den Willen des Doktors lieber zerbrechen und ertöten sollen, als ihm eine Freiheit vorgaukeln, die er nicht besaß. Aber das alles kam nur daher, daß sein eigener Wille im entscheidenden Augenblick versagt hatte. Sein unseliges inhaltsloses Telegramm an Jameson bewies das. So hätte Krüger niemals gehandelt, dachte er beschämt.

Als er aus seiner freiwilligen Verbannung zurückkehrte und die Straße nach Kapstadt hinunterritt, blickte er eine Rauchwolke in der Gegend seines Hauses. Er fragte einen Farmer, der ihm entgegenkam was dort brenne. Der Mann, der ihn nicht erkannt hatte, erwiderte:

Wissen Sie das nicht? Die ,Groote Schuur' brennt schon seit zwei Tagen.”

Rhodes dankte für die Auskunft und ritt ohne ein weiteres Wort und ohne das Tempo zu beschleunigen davon.

Auch das gehörte wohl dazu. Und es war ebenfalls kein Unglücksfall. Der Haß, der sich bisher versteckt gehalten hatte, begann sich zu regen — nun, da er von seiner Höhe herabgestürzt war.

Aber ein Mann, den man so haßte, war noch nicht ganz gestorben!