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Zehntes Kapitel

Oberst Schiel inspizierte die Simmer & Jack-Mine, die Eigentum der von Rhodes kontrollierten „Goldfelder von Südafrika” war. Er wollte sich ein Bild von den Arbeitsbedingungen machen und von den Maßnahmen, die die Direktion zum Schütze der Belegschaft getroffen hatte. In den letzten Wochen waren zahlreiche Klagen der Arbeiter über gesundheitsschädliche Dämpfe in den Pochwerken und über die unerträgliche Hitze in den Stollen eingelaufen.

Schiel hatte die Uniform mit einem schmierigen Overall vertauscht und war in Begleitung Groblers auf einem Förderkarren den schrägen Stollen hinuntergesaust. Jetzt befanden sie sich auf der untersten Sohle, in einer Tiefe von fast sechshundert Metern.

In gebückter Haltung folgten sie dem Gang, der die goldführende Hauptader anschnitt. Wasser fiel in schweren Tropfen auf ihre breiten Filzhüte, es herrschte die Temperatur einer Waschküche.

„Neununddreißig Grad!” sagte Schiel nach einem prüfenden Blick auf das Thermometer, das er ständig in der Hand hielt. „Und dazu diese Feuchtigkeit.”

Andreas war blaß, und große Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. „Kein Wunder”, meinte er, „wir müssen ja auch bald in des Teufels Küche angelangt sein.”

Schiel lachte kurz auf. Er hob die Grubenlampe und ließ ihr Licht auf die Stollenwand fallen. Schneeweißer Quarz, von roten und blauen Adern durchzogen, blitzte in tausend und aber tausend Kristallen. „Wenn es wahr ist, daß der Teufel auf einem goldenen Thron sitzt, kann es freilich nicht mehr weit sein. Das ist eine gute Ader, wenn man das Gold auch mit bloßem Auge nicht sieht. Aber diesen unmenschlichen Temperaturen müßte man doch abhelfen können. Sechshundert Meter tief sind europäische Bergwerke auch. Nur gibt man bei uns mehr Geld für Belüftungsanlagen aus.”

Ein fernes Rufen drang aus der Tiefe des Stollens an ihr Ohr. Es wurde von anderen Stimmen aufgenommen. Dumpf und gedehnt und doch echolos und wie erstickt unter der Finsternis der langen, engen Gänge wanderte das Signal: „Achtung, Sprengung!” von Mund zu Mund.

Schiel und Grobler traten in einen verlassenen Seitenstollen, der einstmals zum Abstellen von Geräten und zum Wenden der Förderkarren gedient haben mochte. Während sie auf den Sprengschuß warteten, betrachtete Andreas neugierig einen Haufen verrosteten Gerümpels, den man wohl als wertlos zurückgelassen hatte. Eine zerbrochene Karre, ein alter automatischer Gesteinsbohrer und verbogene Schienen lagen wirr durcheinander.

„Sehen Sie nur diese Verschwendung!” rief er plötzlich und beleuchtete einige graugestrichene Eisentonnen. „Funkelnagelneue Petroleumfässer lassen sie hier verrotten. — Wozu braucht man eigentlich Petroleum im Schacht?”

Wahrscheinlich zum Nachfüllen der Lampen”, bemerkte Schiel gleichgültig.

In diesem Augenblick krachte in der Ferne der Sprengschuß. Die Luft drang mit der Kraft eines Orkans in den Stollen ein, wo sie sich staute und schmerzhaft auf das Trommelfell drückte. Die Lampen schimmerten nur noch trübe durch den Gesteinsstaub.

„Pfui Teufel”, sagte Andreas und hustete. „Können wir jetzt weitergehen?”

„Wir wollen noch einen Augenblick warten. Meistens schießen sie mehrere Patronen hintereinander ab.”

Groblers sparsames Bauernherz konnte sich immer noch nicht damit abfinden, daß man die schönen Fässer hier anscheinend ganz vergessen hatte.

„Ich kenne die Sorte genau”, sagte er. „Vor vier Wochen, als ich beim Zollamt Dienst machte, sind sie erst angekommen. Ob sie wohl noch voll sind?”

Neugierig rüttelte er an einer der Tonnen. Dabei geriet das schwere Faß aus dem Gleichgewicht und stürzte mit lautem Gepolter vom Stapel der übrigen herunter.

„Lassen Sie doch den Unsinn!” rief Schiel ärgerlich. Aber Grobler hatte sich bereits interessiert über das Faß gebeugt. „Petroleum ist nicht drin”, meinte er, „aber leer scheint das Ding auch nicht zu sein. Es klappert wie Eisenstangen.”

„Eisenstangen in Fässern? Das glauben Sie doch selbst nicht”, sagte Schiel, den der Eifer des jungen Polizisten belustigte.

Der Deckel der Tonne hatte sich beim Sturz gelockert. Andreas hob ihn auf und entdeckte im Innern ein zweites, kleineres Faß, dessen Verschluß mittels eines Scharniers geöffnet werden konnte. Gleich darauf stieß er einen Schrei der Überraschung aus.

„Gewehrläufe! Ein ganzes Faß voller Gewehrläufe, Herr Oberst!”

„Was?” rief Schiel. Er mußte schreien, um den Lärm der zweiten Sprengung zu übertönen, der in diesem Augenblick durch den Stollen rollte.

„Sehen Sie sich das an. Und wie raffiniert die Burschen die Waffen versteckt haben.”

„Werden denn diese Fässer bei der Zollkontrolle nicht untersucht?” fragte Schiel, während er sich über den seltsamen Fund beugte.

„Aber selbstverständlich — ich bin ja zufällig dabeigewesen. Die Beamten haben die Spunde zur Probe geöffnet, und das Petroleum tropfte heraus. Das äußere Faß war mit öl gefüllt. — Wer kann auch auf den Gedanken kommen, daß die Gewehre drinnen stecken?”

„Ein ausgekochter Waffenschmuggel!” sagte der Oberst und rüttelte an den übrigen Fässern. In allen rumpelte und polterte es.

„Wir sollten gleich Krach schlagen und die Waffen beschlagnahmen”, meinte Grobler eifrig.

Aber Schiel schüttelte den Kopf.

„Das hat nicht viel Zweck und wirbelt nur Staub auf. Solange die Dinger sechshundert Meter unter der Erde liegen, können sie kein Unheil anrichten. Aber eines Tages wird man anfangen, die Gewehre zu verteilen. Dann müssen wir zur Stelle sein, Grobler!”

Daß seit einiger Zeit an den Grenzen der Republik ein ausgedehnter Waffenschmuggel betrieben wurde, war dem Obersten bekannt. Er hatte darüber bereits nach Pretoria berichtet und von der Regierung die Anweisung erhalten, seine Wachsamkeit zu verdoppeln, aber nur dort zuzupacken, wo ein allzu großes Aufsehen vermieden werden konnte. Der eben gemachte Fund bewies eindeutig, daß die Waffen mit Billigung und wahrscheinlich sogar im Auftrag der großen Minengesellschaften ins Land kamen. Man würde es sonst schwerlich gewagt haben, sie in einer von Cecil Rhodes' Gruben zu lagern.

Die National-Union von Transvaal, ursprünglich eine Organisation der ärmeren Schichten, wurde seit einiger Zeit offen von den Millionären unterstützt. Das war nicht nur eine Folge der Unterredung, die Rhodes zu Beginn des vergangenen Jahres mit Hammond und Jameson hatte. Auch die neuerliche Krise, die vor einigen Wochen, Ende Oktober 1895, über die Goldminenindustrie hereingebrochen war, hatte die Magnaten veranlaßt, ihre Interessen der Uitländersbewegung zuzuwenden. Als die Woge der Spekulation in Goldaktien sich überschlug, und es infolgedessen an allen europäischen Börsen zu einem gewaltigen Krach kam, trat auch im Geschäftsleben Johannesburgs ein Rückschlag ein. Tausende von kleinen Spekulanten verloren ihr Vermögen, und in den Minen, denen das Kapital knapp wurde, mußten große Teile der Belegschaft entlassen werden. Um den Zorn der Massen von sich abzulenken, verfielen die Magnaten auf den bewährten Trick, .Haltet den Dieb!' zu schreien und schoben der Transvaal-Regierung die Schuld an dem ganzen Elend zu. Der Streit um die Vaalfurten, der zu einer vorübergehenden Warenverknappung am Rand geführt hatte, gab ihren Anklagen einen Schein von Berechtigung. Als dann Krüger, wie Rhodes richtig vorausgesehen hatte, unter dem Druck der britischen Regierung nachgab und die Bahntarife senkte, fühlten sich die Johannesburger als Sieger und bekundeten offen ihre Absicht, den errungenen Erfolg weiter auszubauen. Kein Mensch hielt es mehr für nötig, sich in seinen Äußerungen über Krüger und die Buren Zwang aufzuerlegen. Überall sprach man von einer gewaltsamen Aktion als dem letzten erlaubten Mittel, das den Unterdrückten zur Verfügung steht. Die Revolte wurde fast in aller Öffentlichkeit vorbereitet.

Krüger war über diese Vorgänge gut unterrichtet. Aber er gab sich den Anschein, als sehe und höre er nichts. Er wollte das Geschwür erst reifen lassen und abwarten, bis der Eiterherd deutlich zu erkennen war. Während einer Beratung in Pretoria, bei der auch Schiel zugegen war, hatten einige Volksraad-Mitglieder den Präsidenten bestürmt, doch endlich Maßnahmen zu ergreifen. Aber mit einem bösen Lächeln in den kleinen Augen hatte Krüger erwidert: „Man muß warten, bis die Schildkröte den Kopf herausstreckt, erst dann kann man ihn abschlagen.” Er fürchtete die Johannesburger nicht und war überzeugt, daß er mit dem Mob immer noch leicht fertig werden konnte. Daß aber der Hauptschlag gegen die Republik an ganz anderer Stelle, nämlich im Lager Jamesons an der Betschuanalandgrenze vorbereitet wurde, ahnte niemand.

Sobald die Sprengungen vorüber waren, kehrten Schiel und Grobler durch den Hauptstollen zum Förderschacht zurück. Immer noch war die Luft erfüllt von Quarzstaub, der sich wie Kleister auf der feuchten Haut niederschlug. Den halbnackten Negern die die erzgefüllten Hunde vor sich herschoben lief der Schweiß in Bächen über den Rücken und spülte den Staub von der schwarzen Haut. Man konnte meinen, das Blut ströme ihnen über die Flanken, die vom schweren Atemholen in der stickigen Luft bebten.

Ein leerer Förderwagen brachte die beiden Beamten rasch ans Tageslicht zurück. Sie mußten geblendet die Augen schließen, als sie den sonnenüberfluteten Werkhof betraten, und der rasche Aufstieg hatte ein taubes Gefühl in ihren Ohren zurückgelassen.

Über Gebirge aus weißem Quarzsand, den Rückständen aus dem Goldgewinnungsprozeß, schwangen sich auf eleganten Stahlträgern nach allen Richtungen die Förderbänder. Wasserdampf quoll aus den Kesselhäusern und schwarzer Rauch aus den zahlreichen Schornsteinen. Als Schiel und Grobler die große Maschinenhalle betraten, empfing sie betäubender Lärm. Ein halbes Hundert Pochstempel war im Betrieb. Jeder dieser tausend Kilogramm schweren Stahlblöcke sauste zweimal in der Sekunde auf das Quarzgestein nieder und zerstampfte es zu Pulver. Mit Wasser vermischt, floß der weiße Brei dann über schwach geneigte Kupferplatten, die mit Quecksilber bestrichen waren. Das Gold machte mit dem Quecksilber einen Amalgamierungsprozeß durch und wurde später, durch Verdampfung der Masse in großen Retorten, wieder ausgeschieden. Dem über die Kupferplatten abgeflossenen Gesteinsbrei wurde außerdem der letzte Rest von Gold noch durch eine Nachbehandlung mit Zyankalium entzogen.

In der Luft war ein scharfer Geruch von Chlor, der sich beizend auf die Schleimhäute legte. Viele Arbeiter hatten sich feuchte Tücher um Mund und Nase gebunden. Auf einem freien Platz inmitten der Halle entdeckte Schiel den Obersten Frank Rhodes, der seit einigen Monaten seinen Bruder in der Direktion der „Goldfelder von Südafrika” vertrat. Er trug auch jetzt noch seine Uniform, obgleich er den Dienst längst quittiert hatte. Seine soldatisch straffe Erscheinung und sein offenes, umgängliches Wesen hatten ,Frankie', wie er allgemein genannt wurde, rasch die Herzen der Johannesburger erobert. Ein Gefühl gegenseitiger Hochachtung verband Oberst Schiel und den ehemaligen britischen Offizier; daran vermochte auch die Tatsache nichts zu ändern, daß sie auf verschiedenen Seiten der Barrikade standen und einander nach aller Voraussicht bald im offenen Kampf gegenübertreten würden. Insgeheim bedauerte Schiel den Engländer, den sein Bruder gezwungen hatte, die unwürdige Rolle eines politischen Verschwörers zu spielen, und der nun seinen guten Namen hergab, um damit die ”Wühlereien der Minenmagnaten unter dem Mob von Johannesburg zu decken.

Nachdem Schiel Frank Rhodes begrüßt hatte, schnupperte er und verzog das Gesicht zu einer Grimasse.

„Es riecht nach Chlor!” brüllte er so laut er konnte. Aber der fürchterliche Lärm der Pochstempel verschlang seine Worte. Die Männer in den Maschinensälen pflegten zu Papier und Bleistift zu greifen, wenn sie sich etwas mitzuteilen hatten, und verkehrten miteinander wie Taubstumme.

Frankie hob hilflos die Schultern und wies dem anderen seine Armbanduhr. Sie zeigte eine Minute vor zwölf, die Mittagspause mußte gleich beginnen. Als die Maschinen die Arbeit einstellten, verbreitete sich eine lähmende Stille in der riesigen Halle. Schiel, dessen Ohr sich noch nicht an die plötzliche Veränderung gewöhnt hatte, wiederholte mit viel zu lauter Stimme seine Bemerkung. „Es müssen Vorsichtsmaßregeln ergriffen werden”, fügte er hinzu.

„Irgendwas an der Anlage ist falsch”, sagte der Oberst. „Das Chlor wird nicht richtig absorbiert. Aber die Gesellschaft bewilligt kein Geld zum Umbau.”

„Wozu brauchen Sie denn überhaupt Chlor?” erkundigte sich Schiel.

„Ein neues Verfahren — die Amerikaner haben es erfunden. Das Metall verbindet sich mit dem Chlor zu Goldchlorid und wird dann wieder her ausgelaugt oder so ähnlich. — Ich habe keine Ahnung.”

Während sie dem Ausgang zuschritten, bemerkte Schiel kopfschüttelnd:

„Wenn die Frauen in Europa wüßten, aus was für einer Sudelküche ihre Trauringe stammen: Quecksilberdämpfe, Chlor, Zyankali — nichts als Gift und Gestank.”

Frank Rhodes lachte. „Sie wissen doch, was man vom Golde sagt: non ölet.”

Er versprach, für eine bessere Ventilation der Arbeitsräume zu sorgen und wenigstens die notwendigsten Veränderungen an der Chlorieranlage vornehmen zu lassen. Beim Abschied fragte Schiel beiläufig:

»Was halten Sie von Lee-Medford-Gewehren, Colonel?”

„Lee-Medford? Die besten Waffen, die England zur Zeit herstellt”, erwiderte Frankie arglos.

Schiel nickte. Dann sagte er: „Schon möglich. Nur verträgt es das beste Gewehr schlecht, wenn man es mit gewöhnlichem Petroleum einfettet.”

Die Augen des Engländers, die in kleine, humoristische Fältchen eingebettet lagen, wurden starr. Aber bevor er noch eine Erwiderung finden konnte, hatten sich Schiel und Grobler bereits entfernt.

Die Stadt Johannesburg war das größte Gemeinwesen Südafrikas, zugleich aber auch das jüngste. Am ganzen Witwatersrand stand kein einziges Haus, das älter war als zehn Jahre. Und doch hatte sich um die Entstehung Johannesburgs bereits ein Kranz von Legenden und romantischen Geschichten gebildet.

Schon vor vierzig Jahren, so erzählte man, seien ein paar jagende Buren auf die große Goldader gestoßen. Aber da sie fürchteten, ihre Entdeckung könne für die Engländer ein Anreiz zur Besetzung des Landes sein, hätten sie sich feierlich Stillschweigen gelobt, und der Fund sei bald darauf wieder in Vergessenheit geraten. Ein Menschenalter mußte vergehen, bis ein Reisender, der auf der Farm der Witwe Geldenhuis eingekehrt war, von neuem auf die Ader stieß. Während die Frau ihm das Essen kochte, streifte er auf dem Hof umher und stolperte buchstäblich über eine Quarzrippe, die aus dem Erdreich herausragte. Das war das ,mainreef, die Hauptader, an deren Ausbeutung heute mehr als ein Dutzend großer Minengesellschaften beteiligt war.

Der glückliche Finder sicherte sich von der ahnungslosen Witwe sofort das Vorkaufsrecht für eine lächerlich geringe Summe. Aber Geld war damals noch rar in Transvaal. Er konnte nicht einmal die paar Pfund zusammenbringen, die er für den Schatz geboten hatte, und so ging die Farm noch im gleichen Jahr in die Hände der Brüder Struwen über, die das ganze Gelände von Wissenschaftlern untersuchen ließen und bald mit einem geregelten Abbau begannen.

Bald entdeckte man, daß die goldführenden Quarzflöze eine Länge von sechzig Kilometer hatten und sich, in wechselnder Tiefe und Mächtigkeit, den ganzen Witwatersrand entlang erstreckten. Eine Mine nach der anderen wurde gegraben. Krüger selbst besuchte das neue Dorado und ließ sich in einen Stollen führen. Er mußte feststellen, daß tatsächlich Gold genug vorhanden war; aber weit mehr erregte es ihn, daß bei dieser Gelegenheit sein neuer Zylinder durch Schmutz und Wasser verdorben wurde. Sein Hut war der erste, aber bei weitem noch nicht der höchste Preis, den er für das Danaergeschenk des Goldes zu zahlen hatte.

Die Transvaal-Regierung nahm sich jetzt der Goldfelder an. Sie stellte die Farmer und ihr Land unter Staatsschutz, regelte die Parzellierung und ließ das Terrain für die zukünftige Stadt Johannesburg abstecken. Die große Völkerwanderung zum ,goldenen Rand' konnte beginnen.

Die Gegend war baumlos, wasserarm und öde und hatte bisher zu den wertlosesten Weidegebieten der Republik gehört. Plötzlich aber stiegen die Grundstückspreise in der Zukunftsstadt auf eine solche Höhe, daß sie mit denen europäischer Großstädte konkurrieren konnten. Dabei bestand Johannesburg in den ersten Jahren nur aus einem unordentlichen ,camp' mit Hunderten von Zelten und Wellblechbuden. Es gab noch keine Wohnhäuser und keine Hotels. Die Glückssucher, die täglich scharenweise den Postkutschen entstiegen, mußten froh sein, wenn sie die ersten Nächte auf oder unter dem Billard irgendeiner Kneipe verbringen durften. Dann aber begann die Stadt aus dem Boden zu schießen. Alle Materialien mußten auf Ochsenwagen über hundert und mehr Kilometer herangeschafft werden. Zum Bauen gehörte viel Kapital, aber an Geld war plötzlich kein Mangel mehr. Über Nacht entstanden ganze Häuserblocks und Straßenzüge. Man erzählte sich gern die Geschichte eines Mannes, der nach Johannesburg gekommen war und seinen Ochsenwagen auf dem Veit abgestellt hatte. Als er nach einer Woche zurückkehrte, fand er sein Gefährt zwischen Häusern und Schuppen derartig eingekeilt, daß ihm nichts anderes übrigblieb, als es auseinanderzunehmen und stückweise davonzuschleppen.

Heute, nachdem noch nicht einmal ein Jahrzehnt seit der Auffindung der Goldfelder verstrichen war, bedeckte die schachbrettartig angelegte Stadt schon ein Areal von vielen Quadratmeilen. Es gab mehrstöckige Verwaltungsgebäude, Bankpaläste, vornehme Klubs, Kirchen aller Konfessionen, eine Börse und sogar eine Oper. Zwischen den Prunkbauten fanden sich freilich noch immer häßliche Baracken aus Holz oder Wellblech, und die Straßen besaßen zwar elektrische Beleuchtung, aber immer noch keine Pflasterung. In der trockenen Zeit wirbelten die großen Schaf- und Rinderherden, die zum Schlachthof getrieben wurden, gewaltige Wolken roten Staubes auf, während sich bei Regenwetter die Straßen in schlammige Bäche verwandelten.

Bunt und uneinheitlich wie die Stadt war auch das Bild der Bevölkerung. Elegante Frauen, die meist über keine ganz einwandfreie Vergangenheit verfügten und nach Johannesburg gekommen waren, um den Glücksrittern das Geldausgeben zu erleichtern flüchteten schreiend und mit gerafften Röcken, wenn die Buren, das Gewehr auf dem Rücken und den Patronengurt über der Brust, durch die Stadt galoppierten. Weißgekleidete Herren wanderten zeitunglesend umher und waren hier und da gezwungen, einem toten Schaf auszuweichen, um dessen Beseitigung sich tagelang niemand kümmerte. Fast jede Straßenecke war eine Börse, und wenn wieder einmal ein großer ,boom' im Gange war oder eine Mine verkrachte, wimmelte der Markt von schreienden und gestikulierenden Menschen.

Das Sprachgewirr war babylonisch: neben dem Englischen beherrschte der jüdische Dialekt das Feld; das Kapholländische, die Sprache der Buren, war dagegen nur wenig zu hören. Unter die weiße Bevölkerung, die aus aller Herren Ländern stammte, mischten sich die Schwarzen. Nahezu fünfzigtausend Zulus und Kaffern, die aus Natal, Portugiesisch-Ostafrika und dem nördlichen Transvaal gekommen waren, arbeiteten in den Minen. Sie hausten am Rande der Stadt in großen Baracken. Wenn sie im Rand eintrafen, waren sie nackt bis auf einen schmalen Lendenschurz, und ihre einzige Habe bestand aus einem Kochgeschirr. Einige Monate arbeiteten sie verbissen in den feuchtheißen Stollen der Bergwerke. Auf dem Rücken liegend, zwängten sie ihre Körper unter das Quarzflöz und bearbeiteten es mit Hammer und Meißel. Sobald sie genug Geld zusammen hatten, um sich eine Frau kaufen zu können, kehrten sie wieder in ihre Heimat zurück, oft bis zur Lächerlichkeit behängt mit Glasperlen und in grotesken Fetzen europäischer Kleidung. Der ununterbrochene Wechsel der schwarzen Boys, die keine Macht der Welt länger als irgend nötig an den Minenbezirk zu fesseln vermochte, bereitete den Gesellschaften große Sorgen. Sie versuchten, die Neger länger am Rand festzuhalten, indem sie reichlich Alkohol an sie ausgaben und sie dadurch in Verschuldung stürzten. Auch existierte seit einiger Zeit eine Bewegung, die den Schwarzen die Vielweiberei untersagt wissen wollte. Dabei spielten freilich christliche und humane Vorstellungen keine Rolle; man wollte den Arbeitern dadurch nur den Anreiz zum Sparen nehmen. Der Mangel an billiger schwarzer Arbeitskraft, der in Zeiten der Konjunktur regelmäßig in Erscheinung trat, führte zu immer rigoroseren Werbemethoden der Minenbesitzer. In manchen Gebieten waren die Kaffern in ihrer Not auf den Trick verfallen, sich stumm und taub zu stellen, nur damit die Minenagenten das Interesse an ihnen verloren.

In dieser Stadt der Gegensätze, des ewigen Auf und Ab zwischen Konjunktur und Krise, war die Arbeit der Polizei vielfältig und schwer. Andreas Grobler, der nun vier Jahre in Johannesburg Dienst tat, war von Oberst Schiel schon für alle möglichen Aufgaben eingesetzt worden. Nachdem er anfangs bei der Marktpolizei gearbeitet hatte, wurde er dem Kommando zugeteilt, das für die Sicherheit der Straßen und des Transportwesens zu sorgen hatte. Die Postkutschen, die vor der Fertigstellung der Eisenbahn die Goldbarren nach Vierzehnströme oder Pretoria beförderten, waren häufig den Anschlägen tollkühner Wegelagerer ausgesetzt. Verbrecher von internationalem Ruf und Format strömten, vom Reichtum der Stadt angezogen, nach Johannesburg. Als harmlose Reisende verkleidet, bestiegen sie die Postwagen, um bei passender Gelegenheit ihre Schießeisen zu zücken, Kutscher und Mitpassagiere zu bedrohen und mit den erbeuteten Schätzen das Weite zu suchen. Nachts, wenn der Wagen vor einer Etappenstation oder einem Wirtshaus hielt, krochen sie heimlich zwischen das Fahrgestell, wo sie dann während der Fahrt die goldgefüllten Kisten, die meist auf einem Gestell zwischen den Federn befestigt waren, losschnallten und unbemerkt auf die Straße fallen ließen. Grobler hatte während dieser Zeit manche halsbrecherische Verfolgung und ab und an auch einen aufregenden Kugelwechsel mitgemacht. Als er einen Schuß ins Bein erhielt und infolgedessen eine Zeitlang nicht reiten konnte, hatte ihn Schiel mit der Aufspürung von Gold- und Materialdiebstählen in den Minen betraut. Andreas brachte viele Stunden in den stinkenden Quartieren der Schwarzen zu, hielt sich aber auch häufig in den Minen auf und wurde so mit einer großen Zahl von Arbeitern und Angestellten gut bekannt. Als im Herbst des Jahres 1895 die Unruhe unter der Uitländers-Bevölkerung wuchs und der Waffenschmuggel einen immer größeren Umfang annahm, erhielt Andreas daher von seinem Vorgesetzten den Auftrag, ein wenig in der Stadt herumzuhorchen und festzustellen, wie die wirkliche Stimmung unter der Bevölkerung war.

Einige Tage nach dem Besuch der Simmer & Jack-Mine schlenderte Andreas durch die Kommissioner-Street, die Hauptverkehrsader der Stadt. Eben hatte er eine Stunde lang zugesehen, wie auf dem Freigelände einer der Barnato-Minen etwa fünfzig Johannesburger Schieß- und Exerzierübungen abhielten. Unter den Männern, die eifrig Schwarmlinien bildeten, auf das Kommando „Sprung auf, marsch, marsch!” brüllend vorwärts stürzten und ihre hellen Anzüge durch den Staub schleiften, hatte er zu seiner Belustigung auch eine Anzahl würdiger, älterer Herren entdeckt, so auch den Makler Lobs.

Derartige Schieß- und Wehrsportvereine waren in den letzten Monaten wie Pilze aus der Erde geschossen, und in Johannesburg verstieß es gegen den guten Ton, sich von ihnen fernzuhalten. Jeder Mensch in der Stadt wußte, was sich hinter dieser Woge sportlicher Begeisterung verbarg. Aber die besonderen, äußerst komplizierten Rechtsverhältnisse in der Stadt, deren Bürger den Gesetzen und Organen der Republik nur zum Teil unterstanden, sowie die von Krüger befohlene Politik des Abwartens machten der Polizei ein offenes Einschreiten unmöglich. So konnte es vorkommen, daß ein Uitländer einen Burenpolizisten treuherzig fragte, wie man ein Gewehr reinigen müsse oder wie man das Visier einzustellen habe, und je nach der Schlagfertigkeit des Gefragten erhielt er die richtige oder auch die falsche Auskunft.

Grobler kam an dem erst kürzlich vollendeten Neubau des Randklubs vorüber, der den Mittelpunkt für das gesellige Leben der wohlhabenderen Bevölkerung bildete. Vor dem Portal fand eine ununterbrochene Auffahrt eleganter Kutschen statt. Er entdeckte die vier Schimmel des Mr. Lyonel Philipps und konnte gerade noch sehen, wie Frank Rhodes und der Mineningenieur Hammond im Hause verschwanden. Auch die Wagen einiger anderer bekannter Magnaten warteten auf der Straße.

Andreas fragte den Portier, dem er einmal seine gestohlene Uhr zurückverschafft hatte, ob etwas Besonderes los sei.

”Irgendeine große Sitzung. Der Klub ist heute für den freien Verkehr geschlossen, man muß einen Ausweis haben”, sagte der Portier und zählte wichtig die Namen der Anwesenden auf. Es waren alles Männer, die häufig im Zusammenhang mit der National-Union von Transvaal genannt wurden. „Ich glaube, sie geben ein Essen für Dr. Jameson, der heute aus Mafeking herübergekommen ist”, schloß er.

Andreas überlegte einen Augenblick, ob er nicht durch den Wirtschaftseingang in den Klub eindringen sollte, um ein wenig zu spionieren. Er kannte ein paar Kellner und hätte von ihnen leicht etwas über die Dinge erfahren können, die bei Tisch besprochen wurden. Aber schließlich war das nicht seine Aufgabe. Der Auftrag, den Schiel ihm erteilt hatte, ging dahin, der großen Masse der Bevölkerung und besonders der Arbeiterschaft den Puls zu fühlen.

So folgte er der Kommissioner-Street noch einige hundert Meter weiter nach Osten und bog dann in eine Seitenstraße ein, die auf das Wohnviertel der Angestellten und besser bezahlten Arbeiter zulief. Hier standen in langen Reihen einzelne weißgetünchte Häuschen, hastig und lieblos zusammengemauert. Auf den Straßen und in den kleinen Gärten hatte man Oleander und Eukalyptus gepflanzt, um ein wenig Farbe in die trostlose, öde Landschaft zu bringen. Aber die Trockenzeit hatte bereits eingesetzt, und das spärliche Grün verschwand schon unter einer dicken Staubschicht. Obwohl es später Nachmittag war, herrschte immer noch eine drückende Hitze, denn der Wind war seit einigen Tagen ganz ausgeblieben.

An einer Kreuzung hatte sich ein Menschenauflauf gebildet. Etwa dreißig weiße Arbeiter, die mit Gewehren bewaffnet waren, sperrten die Straßen ab. Anscheinend führten auch sie eine militärische Übung durch und probten gerade für den Straßenkampf. Sie hatten eine zweispännige Kutsche angehalten und verhandelten mit dem Insassen, während einige Spaziergängerinnen, Negerboys und Kinder gaffend dabeistanden. Als Andreas nähertrat, erkannte er Oberst Schiel im Wagen. Er hatte einen roten ”Kopf und sah verärgert aus.

„Hier darf niemand vorbei”, sagte gerade ein Arbeiter. „Wir machen Manöver, der Verkehr ist für Wagen und Fußgänger gesperrt.”

Andreas hatte den Eindruck, daß sein Chef im nächsten Augenblick explodieren würde. Es fiel dem Obersten sehr schwer, die von Krüger befohlene Zurückhaltung zu wahren, und er fürchtete ständig, er könne sich und seine Polizei durch allzu große Nachgiebigkeit lächerlich machen. Ganz und gar würde sich der Preuße wohl niemals an die hiesigen Bedingungen gewöhnen, die er als „Wildwest-Zustände” bezeichnete.

Andreas kannte die meisten der Arbeiter. Sie waren in der Simmer 8t Jack-Mine tätig, und der Wortführer hatte sogar zu der Abordnung gehört, die kürzlich bei der Polizei wegen der gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen im Werk vorstellig geworden war. Er schlug ihm auf die Schulter ui sagte gemütlich:

Das geht zu weit, Jungens. Ihr könnt doch Beamten der Republik nicht den Durchgang verbieten - besonders nicht, wenn sie in Uniform sind!”

Der Mann stellte das Gewehr auf die Erde — n dem Lauf nach unten, wie Oberst Schiel entsetzt bemerkte — und schüttelte Grobler kräftig Hand.

„Schlimme Sache, bei dieser Hitze in Uniform h< umzulaufen, was, Sergeant? Wir schwitzen sehe obwohl wir nur im Hemd sind. Wie war's n einem kleinen Drink? Sie auch, Herr Oberst? \( meinen Sie dazu? Dann löst sich die Frage der Durchfahrt von selbst. In einer halben Stunde ist i Übung sowieso vorbei.”

Schiel warf Andreas einen zweifelnden Blick : Aber schließlich kletterte er doch vom Wagen h unter. Alle dreißig Arbeiter vergaßen ihre militärischen Pflichten und drängten sich hinter ihnen her in die nächste Kneipe. Sobald der Brandy auf den Tischen stand, erhob der eine der Uitländers sein Glas und sagte:

„Prost, Herr Oberst! Wer weiß, ob wir noch mal so gemütlich zusammensitzen werden. Aber offen gestanden, es sollte mir leid tun, wenn Sie dabei draufgingen.”

„Wobei denn?”

„Na, wenn es richtig losgeht!” Die Arbeiter stießen sich an und lachten. Sie hielten immer noch ihre Gläser in den Händen.

„Ich trinke nicht mit Ihnen, solange sie bewaffnet sind. Sie tragen Ihre Waffen gegen den Staat”, sagte der Oberst steif.

„Das gilt nicht”, rief jemand aus dem Hintergrund. „Sie haben sich einladen lassen und damit gut.”

Jetzt legte sich Andreas ins Mittel. „So tut doch eure Knarren weg! Gleich wird der Krieg ja nicht losgehen. — Bei dem Gedränge hier passiert bloß noch ein Unglück.”

Dies Argument war überzeugend. Die Leute brachten ihre Gewehre fort und warfen sie auf der Veranda auf einen Haufen. Dann folgte rasch eine Runde der anderen. Nach dem dritten Glas schien auch der Oberst aufzutauen und fragte seinen Nachbarn:

„Wieviel Gewehre habt ihr denn nun zusammenbekommen?”

„Mr. Hammond sagt, es werden wohl dreißigtausend sein. Aber gesehen haben wir sie noch nicht alle.”

„Bloß die Kanonen fehlen euch.”

„Ach, die machen wir uns schon selber. Ich habe früher mal in einer Waffenfabrik gearbeitet”, rief ein anderer über den Tisch. Inzwischen wurde Andreas von einem Engländer mit einem aufrecht stehenden, blonden Haarschopf beiseitegenommen. Während sie einen Extra-Whisky tranken, sagte der Mann leise:

„Soll ich dir mal ein schönes Gewehr besorgen? Das modernste, das es überhaupt gibt. Ich kann mir ja immer eine neue Knarre holen.”

„Danke”, erwiderte Andreas freundlich, „wir sind ja auch einigermaßen versorgt.”

Plötzlich machte er ein nachdenkliches Gesicht und sagte: „Warte mal, ich bin gleich wieder da. Die nächste Runde ist meine.” Gleich darauf hatte er die Kneipe verlassen.

Ein kleiner Mann mit einer eisernen Brille und einem klugen Handwerkergesicht wandte sich vertraulich an Schiel. „Wenn man nur wüßte, was die Union eigentlich will und wer dahintersteckt. Neulich, bei einer Versammlung, habe ich gefragt, ob Rhodes mit der Sache was zu tun hat. Da haben sie mich niedergeschrien und an die Luft gesetzt.”

,Mögen Sie Rhodes nicht?” fragte Schiel. Das Groteske dieser Situation begann ihm Spaß zu machen.

„Rhodes ist sicher ein großer Mann. Aber ich meine nur, wenn die Union nun siegt, und der Rand wird ein eigener Staat oder so ähnlich, dann könnte er doch leicht in die Hände der Chartered kommen. Und das möchte ich nicht — ich glaube, wir alle wären dagegen. Ich war ein Jahr oben in Rhodesia beim Eisenbahnbau. Sie haben uns zu Tode gehetzt. Keine Ärzte und keine Medikamente, dazu das Fieber! Dreihundert Schotten kamen hin, alles blühende junge Leute. Keine fünfzig sind am Leben geblieben.”

Der Mann schwieg und begann seine Brille zu putzen, die plötzlich beschlagen war.

„Und dann das mit der Fahne!” rief ein anderer, dem der Alkohol das Gesicht gerötet hatte.

„Natürlich, das ist schwierig!” sagte Schiel, obgleich er keine Ahnung hatte.

„Neulich sollen sie sich im Unionskomitee an die Köpfe gekriegt haben”, fuhr der andere fort. „Sie können sich nicht einig werden, ob wir den Vierkleur oder den Union Jack aufziehen sollen. Ich bin Amerikaner und habe mit der Queen nichts zu schaffen. Die Transvaal-Republik wäre gar nicht so schlimm — wenn man nur einige Gesetze ändern wollte.”

„Das mag ja alles mit der Zeit kommen”, meinte Schiel begütigend. „Aber wenn ihr Gewalt braucht, zieht ihr doch nur den kürzeren. Und selbst wenn es gut geht — womöglich kommt ihr vom Regen in die Traufe.”

Er sah sich nach Andreas um, dessen Verschwinden er erst jetzt bemerkte. Die Arbeiter waren inzwischen recht laut geworden. Jemand rief:

„Ganz egal, geschossen muß werden! Eine richtige Goldgräberstadt ohne Geknalle — das ist überhaupt nichts. Jungens, ich war in Kalifornien dabei und oben in Alaska — ich sage euch —” Und er zerbrach aus reiner Begeisterung einen Stuhl.

Andreas hatte die Kneipe durch den Hintereingang wieder betreten. Schiel gab ihm einen Wink und erhob sich. Einige ältere Männer wollten ebenfalls aufbrechen, und nach einem kurzen, ziemlich hitzigen Streit über die Frage, wer die Ehre haben solle, die Zeche zu bezahlen, verließ die Mehrzahl der Gäste das Lokal.

„Wo ist denn mein Wagen geblieben?” fragte Schiel erstaunt und blickte die leere Straße auf und ab. Andreas machte ebenfalls ein sehr verwundertes Gesicht.

„Die Polizei läßt sich am hellichten Tag bestehlen!” rief eine Stimme hinter ihnen. Die Arbeiter johlten und schlugen sich vor Vergnügen auf die Schenkel. Schiel wandte sich ärgerlich um.

Aber im selben Augenblick rief jemand erschrocken:

„Jungens — unsere Gewehre sind auch weg!” Während der allgemeinen Verwirrung, die nun stand, fing der Oberst ein Augenzwinkern Grob-”s auf. 'Jetzt erst fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Deshalb also hatte sich Andreas aus der Kneipe entfernt!

Schiel legte erst sein Gesicht in besorgte Falten und sagte dann zu den ratlosen und heftig debattierenden Arbeitern:

Das tut mir schrecklich leid, Leute. Was wird Mr. Hammond dazu sagen? Im Grunde bin ich ja schuld daran. Hätten wir nicht zusammen getrunken...

„Oh, machen Sie sich keine Vorwürfe!” unterbrach ihn der Anführer großmütig. „Wir holen uns einfach neue Gewehre. Hammond und Frankie haben ja genug. — Aber Sie müssen nun in der Hitze zu Fuß nach Hause gehen!”

Der Oberst und Andreas mußten auf den Schreck unbedingt noch eine letzte Runde mit den Arbeitern trinken. Als sie sich endlich unter Schwierigkeiten verabschiedet hatten und zur Kommissioner-Street zurückgingen, sagte Andreas. ,,Die Gewehre sind im Polizeiarsenal. Ihr Kutscher hat sie auf den Wagen geladen.”

„Großartig, Grobler. In Europa hätten Sie jetzt einen Orden verdient. Ich sehe übrigens ein, daß der Präsident ganz recht hat. Diese Kriegsvorbereitungen der Union sind blutiger Dilettantismus. Die Republik braucht sich deswegen keine Sorgen zu machen.”

Auch in diesem Jahre strömten die Buren am 16. Dezember in Pardekraal zusammen, um gemeinsam den Dingaansdag, den Nationalfeiertag der Republik, zu begehen.

Der Dingaansdag war für die Transvaaler ein Fest des Gedenkens und der Besinnung. Aber auch äußerlich schien es, als seien die Zeiten des großen Trecks wiedererstanden. Rings um den schlanken Obelisken, den man zur Erinnerung an die beiden großen Freiheitskriege der Nation errichtet hatte, fuhren in langen Reihen die Ochsenwagen auf. Zelte wurden aufgeschlagen, Koppeln für die Pferde abgesteckt und freie Plätze für die Kampfspiele der Jugend vorbereitet. Der Rauch der Lagerfeuer stieg zum blauen südafrikanischen Sommerhimmel auf, und überall roch es nach dem Fleisch der Ochsen und Hammel, die an den Bratspießen schmorten.

Es war der Tag der alten Generation. Die letzten Überlebenden des großen Trecks hatten sich aufgemacht, um die Ansprache des Präsidenten zu hören. Es waren hagere, von Alter und Arbeit gebeugte Männer, deren faltige Gesichter die Steppenwinde gegerbt hatten, und deren weiße Barte wie Flammen loderten. Wo sie vorübergingen, wichen die Massen scheu zur Seite, und ihre Namen gingen geflüstert von Mund zu Mund: Prätorius, Duplay, Bisser, Maritz, Wessels — Mitkämpfer oder gar Führer in den Kaffernkriegen der ersten schweren Jahre, Gründer der Republik, Politiker und Freiheitshelden aus dem Kampf gegen England. Stolz, aber auch ein wenig gerührt und verlegen, nahmen diese Veteranen die Huldigung der Jugend entgegen. In ihren alten, farblos gewordenen Augen standen Tränen, und wenn sie einmal den Mund öffneten, war es meist rauhe Spruchweisheit, die sie von sich gaben.

Als die Ankunft des Präsidenten gemeldet wurde, die Buren näher an das Denkmal heran. Sie lagerten im Grase, auf Kisten und Fässern. Viele ;aßen auch auf den Wagendeichseln, auf den Rücken der Zugochsen und selbst auf den Planendächern der Fahrzeuge. Unter die breiten Filzhüte der Männer mischten sich die grauen und schwarzen Frauenhauben und die blonden Schöpfe der Kinder.

Ein gemeinsamer Psalm wurde gesungen. Dann betrat Krüger das Podium, das man vor dem Obelisken aufgeschlagen hatte. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit war er barhäuptig. Denn ihm und 'den ältesten Buren war der Dingaansdag ein religiöses Fest und kein Staatsakt; er fühlte sich heute als Hirte seines Volkes, und das weite, freie Veit unter dem blauen Himmel erschien ihm wie ein Gotteshaus, in dem für den hohen, blanken Hut des Staatsbeamten kein Platz war.

Er blickte über die Menge hin, die nach Tausenden zählte, und ihm war, als kenne er sie alle. In den ersten Reihen saßen die alten Freunde, mit denen er die Not und Gefahren der ersten Jahre der Freiheit geteilt hatte, und in den jungen Gesichtern, die sich dahinter drängten und ihm erwartungsvoll entgegenleuchteten, waren die gestorbenen und verschollenen Gefährten wiedererstanden. Sie alte waren von einem Stamm, die Nachkommen der hundert Familien, die vor sechzig Jahren den Zug ins Ungewisse angetreten hatten, beseelt vom Gedanken der Freiheit und voll gläubigen Vertrauens auf einen Herrgott, der in ihrer Vorstellung inzwischen fast die Züge eines Piet Relief, Hermann Potgieter oder eines der anderen großen Vortrecker angenommen hatte.

Ein Gefühl tiefer Dankbarkeit und fester Zuversicht erfüllte den Präsidenten, als er die Hand hob und Schweigen gebot. Ihnen allen, den Treuen, den Schwankenden und den Abtrünnigen, wollte er es heute in die Seele hämmern, daß Transvaal und sein Volk unter der Gnade und dem Gesetz des Herrn standen; er wollte sie im Geiste durch die wundersame Geschichte der letzten sechzig Jahre führen, deren lebendige Zeugen er selber und die alten Männer zu seinen Füßen waren, damit sie den Bund mit Gott erneuerten; jenen mystischen Bund, der sich in der Vergangenheit bewährt hatte und ihnen auch in einer vielleicht düsteren und Ungewissen Zukunft Kraft und Zuversicht verleihen sollte.

„Volk Gottes”, rief er mit starker Stimme über die Menge, „alteingesessene Bewohner des Landes, ihr Neuankömmlinge, Uitländers, Diebe und Mörder!” Im Hintergrund saßen einige Johannesburger, die die Neugier nach Pardekraal gelockt hatte. Unter ihnen war auch der Makler Lobs. Die National-Union hatte ihn beauftragt, ein wenig zu spionieren und herauszufinden, wie man im Burenlager über die Reformbewegung am Witwatersrand dachte. Er beugte sich zu dem Redakteur der Johannesburger Times hinüber und flüsterte:

„Schreiben Sie das auf. Schon im ersten Satz eine Beleidigung.”

„Ihr alle”, fuhr der Präsident fort, „beugt euch in Demut und erkennt die Güte Gottes, der uns durch Not und Gefahr bis hierher geführt hat.” Dann erinnerte er seine Zuhörer an die Bedeutung des Dingaanstages. Zweimal in der Geschichte hatte sich an diesem 16. Dezember das Schicksal der Buren aus tiefster Not zum Siege und zur Freiheit gewendet. Im Jahre 1837, bald nach dem Aufbruch zum großen Treck, hatten sich einige hundert Burenfamilien im heutigen Natal niedergelassen, wo ihnen von dem Zulukönig Dingaan vertraglich Siedlungsland zugesichert worden war. Der Häuptling aber brach sein Wort, ließ den Burenführer Piet Relief und dessen Begleiter, die als Gäste in seinem Kraal weilten, hinterrücks ermorden und überfiel mit zehntausend schwarzen Kriegern die ahnungslosen Siedler in ihren Lagern. Kaum einer kam mit dem Leben davon; die verstümmelten Leichen der Frauen und Kinder bedeckten zu Hunderten das Feld. Dann aber, sobald das erste Entsetzen vorüber war, sammelte Hermann Potgieter alle waffenfähigen Männer und Knaben aus den nördlichen Distrikten und brachte den Zulus am Blutfluß eine vernichtende Niederlage bei. Dingaan mußte Frieden schließen, und seither wurde der 16. Dezember, der Tag der siegreichen Schlacht, als Erinnerungsfest gefeiert.

Krüger erzählte weiter von den vielen Kämpfen, die die Buren später im Freistaat und in Transvaal mit Mosilekatze, dem Vater Lobengulas, zu bestehen hatten. Immer waren es nur wenige, die die Wagenburgen und die Farmen gegen eine zehn- bis fünfzigfache Übermacht verteidigten. Aber sie verloren den Mut nicht und beantworteten das Kriegsgeheul der Schwarzen mit Psalmen; oft fehlte ihnen die Zeit zum Beten, aber dafür schlössen sie die Hände um so fester um den Büchsenlauf..

„Auch damals gab es Schwächlinge, die uns sagten: Ihr seid in der Minderheit, und darum müßt ihr nachgeben und weichen! Aber wir sind nicht zurückgewichen, und der Sieg gab uns recht!” rief Ohm Krüger und wandte unwillkürlich das Gesicht nach Osten, wo am Horizont der Rauch von den Schloten der Johannesburger Minen aufstieg.

Ein Murren ging durch die Reihen der Buren, die die Anspielung verstanden hatten. Lobs stieß den Redakteur in die Seite; der aber warf ihm nur einen ärgerlichen Blick zu und schrieb emsig weiter.

Der Präsident sprach nun von der Gründung des Transvaal-Staates und von den inneren Kämpfen und Wirren, die das Land erschüttert hatten. Wie schwer hatte es gehalten, diesen Männern, die nur an ihre Freiheit dachten und an die Farm, die sie sich in der Einsamkeit, fern von den anderen, errichten wollten, den nötigen Sinn für Gemeinschaft und Verantwortlichkeit beizubringen. Hätte das Schicksal dem Burenvolk nicht die harte Geißel der Kaffernkriege auferlegt — was wäre wohl aus seinem Glauben, seiner Staatstreue und aus seinem Sinn für Gerechtigkeit geworden? So hatte Gott die Buren mit weiser Hand abwechselnd gezüchtigt und gesegnet.

Als die Kafferngefahr beseitigt und Mosilekatze mit seinen Horden über den Limpopo zurückgedrängt war, begannen für Transvaal die Jahre des inneren Unfriedens. Das Volk, von der äußeren Not befreit, spaltete sich in politische und selbst in konfessionelle Parteien. Der Zusammenschluß mit dem benachbarten und blutsverwandten Oranje-Freistaat wurde durch den Ehrgeiz und die Eifersüchteleien der politischen Führer verhindert. Allmählich verloren die Jungen den Glauben an die Tugenden und die Lehren der Vortrecker. Und am Ende kam es dahin, daß man den falschen Pfarrer Burgers zum Präsidenten wählte, der im Grunde nur ein Scharlatan und Schönredner war.

In diesen Jahren, da Glück und Unglück miteinander abwechselten”, rief Krüger, „vergaßen wir das feierliche Gelübde, das wir nach der Schlacht am Blutfluß abgelegt hatten. Wir betrachteten den Frieden und die Freiheit nicht mehr als den kostbaren Schatz, den Gott uns anvertraut hatte. Der Schwur vom sechzehnten Dezember wurde vergessen, und darum kamen die dunklen Tage der Sklaverei über uns. Aber auch das war eine Fügung des Himmels. Wir sollten den Wert der Freiheit erst wieder recht schätzen lernen. Als die Not am größten war, kamen wir hier in Pardekraal am Dingaansdag zusammen, beklommenen Herzens, und alle Streitfragen und Wirtschaftsinteressen traten in den Hintergrund. Wir hatten nur den einen Wunsch, die Freiheit zurückzuerobern und unseren Staat wiederherzustellen. Ohne daß die Führer ein Zeichen gegeben hätten, nahm damals jeder von uns einen Stein und warf ihn an diese Stelle, wo heute das Denkmal steht — als ein Zeichen zwischen uns und dem Herrn. So wurde das Gelübde vom Blutfluß erneuert.”

Er schilderte den Freiheitskampf der Buren gegen England in den Jahren 1880 und 1881. Damals hatte sich das Wunder ereignet, daß ein kleines, schwaches Volk ein Weltreich besiegte. Nicht allein die bessere Taktik und der größere Mut, die die Schlacht bei Majuba entschieden, hatten den Erfolg davongetragen. Der Geist der Vortrecker, der am Blutfluß gesiegt hatte und der in der denkwürdigen Versammlung bei Pardekraal im Dezember 1880 von neuem heraufbeschworen worden war, hatte sich als stärker erwiesen.

»Wer mag noch daran zweifeln, daß es einzig der Geist des Dingaanstages ist, der die Gewähr für das Fortbestehen unseres Volkes bietet? Wir sind nur eine kleine Nation, und unsere schwache Stimme verhallt im Geschrei der Großmächte. Mag sein, daß wir hinter der Zeit zurückgeblieben sind, und daß wir im Konzert der Mächte um ein paar Takte nachhinken. Eins aber wissen wir: Kein Volk hat ein größeres Recht auf seinen Boden als wir, die wir jeden Zoll mit Blut und Tränen gedüngt haben. Und wenn Gott es so gewollt hat, daß dieses Land zwar arm an fruchtbarer Erde, aber dafür um so reicher an Gold und anderen Schätzen ist, so kann das doch nichts daran ändern, daß es unser Land ist! Wir haben den Fremden gestattet, unsere Grenzen zu überschreiten, das Gold zu bergen und es auf ihren Schiffen fortzuschaffen. Wir haben nichts gegen diese Leute und wissen, daß sie uns den Wohlstand ins Land gebracht haben. Aber wir wissen auch, daß sie unsere Erde, die sie ausbeuten, gering achten; unsere Erde, an der wir nicht weniger hängen als die arme Witwe der Bibel an ihrem einzigen Lamm. Wenn sie daher kommen und scheinheilig erklären: ,Gebt uns Rechte, laßt auch uns hinein in euren Staat!' — so wissen wir: Sie sind von der Art jenes reichen Mannes, der nur deshalb nach dem Lamm der Witwe verlangte, weil er es seiner Herde einverleiben und später an den Schlächter verkaufen wollte.

Volk von Transvaal! Unser Vaterland, für das wir bluteten und litten und das Gott bisher so sichtbar gesegnet hat, ist wie ein See voll klaren, reinen Wassers. Nur ein schmaler Damm trennt ihn von den schmutzigen Fluten, die ihn von allen Seiten umbranden. Sollen wir die Schleusen öffnen und all die Unlauterkeit, die Gier und den moralischen Schmutz hereinlassen? Ich sage: nein! Wir brauchen einen Filter, der die, welche es ehrlich meinen, von den Betrügern und Verrätern scheidet. Das möchte ich denen erwidern, die zu mir kommen und gleiches Stimmrecht für alle, ohne Unterschied, fordern. Das Recht, über die Geschicke unseres Vaterlandes zu entscheiden, bleibt nur denen vorbehalten, die es lieben und die dafür gelitten und gestritten haben. Jene aber haben in ihrer überwiegenden Mehrzahl nur für ihren eigenen Reichtum gestritten, und sie freuen sich auf den Tag, da sie den Staub Transvaals wieder von ihren Füßen schütteln können.

Wenn sie aber glauben, sie könnten uns erpressen und einschüchtern, dann irren sie sich. Ich habe, als wir uns an dieser Stelle vor fünfzehn Jahren zum Freiheitskampf entschlossen, feierlich geschworen, die Unabhängigkeit des Landes zu wahren, und diesen Schwur werde ich halten, solange ich auf meinem Platz stehe. Wenn es sein muß, werde ich mich nicht scheuen, von meinem Hausrecht Gebrauch zu machen. Ihr alle wißt, daß ich den Mut habe, nötigenfalls tief ins eigene Fleisch zu schneiden.”

Bei diesen Worten zeigte der Präsident seinen Zuhörern die mächtige, gebräunte Faust, an der der Daumen bis zur Wurzel fehlte. Jedermann konnte die Verstümmelung gut erkennen. Krüger fuhr fort:

„Diesen Daumen, den ich mir auf der Jagd verletzt hatte, habe ich eigenhändig abgeschnitten, weil der Brand hineingekommen war und das Fleisch faul wurde. Und so würde ich auch in jedem anderen Falle handeln. Es würde mich auch nicht stören, wenn infolgedessen das Gold in Europa ein wenig knapp werden sollte. Wir Buren haben das Gold ja nicht so nötig wie gewisse andere Leute. Wir sind nicht schuld daran, daß das goldene Kalb gerade in unserem Stalle steht. Wenn aber der Tanz, den sie um dieses Götzenbild herum aufführen, gar zu wild wird, dann werden wir das Kalb zertrümmern und die Tänzer an die Luft setzen!”

Als der Präsident geendet hatte, brach ein unbeschreiblicher Jubel los. Noch niemals hatten es die Buren so stark gefühlt wie heute, daß Krüger einer der ihren war. Denn in der Geschichte seines Lebens spiegelte sich ja das Schicksal des ganzen Volkes. Es gab in den letzten sechzig Jahren kaum ein Ereignis, aus dem man seine Erscheinung hätte wegdenken können. In der Versammlung befanden sich nicht wenige, die Ohm Paul schon als Kind gekannt hatten.

Er war noch nicht elf Jahre alt, als sein Vater als einer der ersten Vortrecker der Kapkolonie den Rücken kehrte und den Oranjefluß überschritt. Am Vechtkoop, bei der Verteidigung der Wagenburg, feuerte der Knabe die ersten Schüsse auf die stürmenden Kaffern ab. Ein Jahr darauf machte er den Rachezug Potgieters nach Natal mit und kämpfte in der Schlacht am Blutfluß. Auch an den späteren Feldzügen gegen Mosilekatze nahm er teil und wurde bereits mit sechzehn Jahren zum Vize-Feldkornett ernannt. Immer in der vordersten Reihe, jederzeit bereit zu tollkühnen Handstreichen und gefährlichen Patrouillenritten, war er dem Tod oft nur um Haaresbreite entronnen. Manch einer von den Anwesenden verdankte ihm sein Leben, aber es gab auch einige, die den Blutüberströmten unter einem Hagel von Kaffernspeeren aus dem Kampf getragen hatten. Einst war er der sicherste Schütze und der beste Läufer im Heer gewesen. Niemand beherrschte die Kaffernsprache so sicher wie er, und die Häuptlinge schätzten ihn als Unterhändler nicht weniger, als sie ihn als Gegner fürchteten.

Seine stete Einsatzbereitschaft, seine Gewissenhaftigkeit und sein klarer Kopf hatten ihm früh das Vertrauen der Buren verschafft. Ohne daß er sich dazu gedrängt hätte, sah sich der kaum Dreißigjährige schon als Führer einer politischen Partei. Man nannte ihn den Löwen von Rustenburg, und wenn es in der jungen Republik wieder einmal drunter und drüber ging, schickte man zu ihm und erbat seinen Rat. Gerieten die Bürger untereinander in Streit und machten Miene, zu den Waffen zu greifen, dann konnte man sicher sein, daß der blonde Hüne im letzten Augenblick auf schäumendem Pferde erschien, seine Löwenmähne schüttelte und die Kampfhähne so lange beschimpfte und bestürmte, bis sie sich zum Frieden bequemten. Niemals hatte er gezögert, sich mit seiner ganzen Persönlichkeit und selbst mit den Fäusten für seine Überzeugung einzusetzen. Einst, als um die Präsidentschaftskandidatur des alten Prätorius ein Krieg mit den Bürgern des Oranje-Freistaates auszubrechen drohte, hatte Krüger dem Führer der Gegenpartei einen Ringkampf angeboten und erklärt: „Derjenige von uns beiden, der gewinnt, darf die Entscheidung fällen. Es ist nicht nötig, daß sich die Buren deswegen zu Hunderten die Köpfe einschlagen.”

Als Präsident Burgers in den siebziger Jahren einen liberalistischen Kurs einschlug, überstürzt Reformen durchführte und leichtfertig den Staatsschatz verschleuderte, führte Krüger bereits die konservative Opposition und kandidierte selber für die Präsidentschaft. In seiner Eigenschaft als Generalkommandant der Armee sträubte er sich gegen eine Teilnahme des lebenslustigen Burgers am Feldzug gegen den Kaffern Sekukumi. Nach seiner Ansicht hatte eine Truppe am Abend vor der Schlacht zu beten oder zu schlafen, nicht aber fröhliche Gelage und Tänzchen zu veranstalten. Als Präsident Burgers dennoch auf seinem Recht bestand, legte er den Oberbefehl nieder und prophezeite die Katastrophe, die dann auch wirklich eintrat.

Am Ende kam das Unvermeidliche. Burgers manövrierte das Land in die von England gelegten Schlingen, und Mr. Shepstone hißte in Pretoria den Union Jack. Burgers trat zurück und hinterließ in der Staatskasse die ansehnliche Summe von einem ganzen Pfund Sterling sowie einen Haufen Schuldverschreibungen. In dieser Stunde der Not aber rief das Volk nach dem einzigen Mann, der noch helfen konnte, nach Paul Krüger. Und ohne zu zögern, nahm er den Kampf um die Befreiung des Landes auf. Zuerst versuchte er, alle friedlichen und diplomatischen Mittel zu erschöpfen. Er redete, verfaßte Denkschriften, organisierte Versammlungen und Petitionen. Zweimal fuhr er nach England, von den Segenswünschen und Hoffnungen des ganzen Volkes begleitet. Aber die Briten hatten auf alle seine Vorstellungen nur ein kühles „Nein” zur Antwort. Doch selbst dann gab er seine Bemühungen um eine friedliche Lösung nicht auf und beschwichtigte seine Landsleute, die ungeduldig geworden waren und lieber heute als morgen zu den Waffen gegriffen hätten. Viele hatten ihn damals für einen Feigling, ja selbst für einen Verräter gehalten. Als man sich schließlich am Dingaansdag des Jahres 1880 in Pardekraal versammelte, um eine Entscheidung zu fällen, hatte er die Buren mit schonungsloser Offenheit auf die Opfer und Gefahren des bevorstehenden Kampfes hingewiesen. In der Nacht vor der großen Beratung war er heimlich kreuz und quer durch das Lager gewandert und hatte auf die Gespräche an den Feuerstellen, in den Wagen und Zelten gelauscht. Und erst als es ihm klar geworden war, daß alle ohne Ausnahme bereit waren, ihr Letztes für die Freiheit herzugeben und jedes Opfer zu wagen, hatte er sich zum Kriege entschlossen. Dann aber, am anderen Morgen, war er einer der ersten gewesen, die das Gelübde, bis zum bitteren Ende zu kämpfen, durch einen Steinwurf besiegelten.

Von diesem Tage an hatte er fünfzehn Jahre lang ununterbrochen an der Spitze des Staates gestanden. Er war das Gewissen und die Stimme Transvaals, und allen Buren galt er als Bürge und Symbol der Freiheit. Er war der Steuermann, und längst hatten sie sich daran gewöhnt, ihre Augen im Sturm auf ihn zu richten. Daß wieder einmal ein Unwetter aus der Richtung von Johannesburg heraufzog, fühlten alle, die heute um das Denkmal von Pardekraal versammelt waren. Aber die Rede ihres Präsidenten hatte ihnen auch bewiesen, daß der Steuermann fester stand als je, und wenn es hier und da noch Uneinigkeit und Unsicherheit gegeben haben mochte — den soeben erteilten Befehl: „Klar Schiff!” hatten alle verstanden.

Aus dem minutenlangen Jubel, der den letzten Worten Krügers gefolgt war, lösten sich einige tiefe Männerstimmen und begannen einen Psalm zu singen. Die hellen Organe der Frauen und Kinder nahmen die Melodie auf, und bald klang sie, von Tausenden gesungen, über den weiten Platz.

Die Männer hatten die Köpfe entblößt, und vielen standen Tränen in den Augen. Man sah Generalkommandant Joubert auf Krüger zugehen und ihn bewegt in die Arme schließen. Maria Eloff, die neben Andreas Grobler auf dem Dach eines Wagens saß, drückte ihrem Verlobten die Hand, während sie mit weit auf gerissenen Augen sang. Andreas aber ballte die Faust, daß die Knöchel weiß wurden, und murmelte:

„Auf uns von der Polizei kann er sich verlassen — wenn es mal losgeht!”

Der Johannesburger Redakteur bemerkte zu seiner Verwunderung, daß sogar Lobs aufgesprungen war und mit in den Choral der Buren einstimmte. Er sang zwar falsch, aber dafür um so lauter.

„Was fällt Ihnen denn ein?” fragte er und versuchte, den Makler auf den Sitz zu ziehen. Lobs unterbrach sich und sagte mit krächzender Stimme:

„Warum soll ich denn nicht singen? Das war schon als Kind meine Leidenschaft.”

Als die beiden später in der Bahn saßen, die von Krügersdorp nach Johannesburg führt, war Lobs sehr schweigsam und in sich gekehrt. Plötzlich aber fuhr er in die Höhe und sagte, sein goldenes Gebiß zu einem satanischen Lächeln entblößend:

„Ich möchte Ihnen einen guten Rat geben: Falls Sie noch irgendwelche Minen-Aktien besitzen sollten, geben Sie mir sofort Verkaufsorder. Sonst können Sie sie nämlich in einigen Tagen als Einwickelpapier gebrauchen.” Und mit fast verzücktem Gesichtsausdruck setzte er hinzu: „Mann, das wird die wunderbarste, die gewaltigste Baisse, die ich in meiner langen Maklerlaufbahn mitgemacht habe. Wer jetzt richtig liegt...” Er sprach nicht weiter, überwältigt von den Perspektiven, die ihm sein bis an den Rand mit Zahlen gefülltes Maklergehirn eröffnete.