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Neuntes Kapitel

Rhodes wurde in eine jener typischen Garconwohnungen geführt, wie man sie zu Dutzenden in den neuen Apartmenthäusern des Londoner Westend antrifft. Eine Portiere teilte die Schlafnische von dem großen, freundlich tapezierten Wohnraum ab, der sein Licht durch ein bis zum Fußboden reichendes Fenster empfing. Der Blick schweifte frei über einen grünen, baumlosen Square zu den Dächern der gegenüberliegenden Häuser, deren zahlreiche Kamine sich scharf vom blauen Londoner Sommerhimmel abhoben.

Hinter dem Vorhang vernahm er die leisen Geräusche, die die Toilette einer Frau begleiten: das Klirren eines Flakons, Rauschen von Seide und das unregelmäßige Klappern hoher Absätze. Über den Möbeln lag der Duft eines etwas herben Parfüms und mischte sich mit der frischen Kühle, die vom Rasen des eben gesprengten Squares heraufdrang.

Rhodes blickte sich aufmerksam im Zimmer um, da er möglichst rasch einen Eindruck vom Wesen seiner Bewohnerin gewinnen wollte. Miß Shaw schien diese Behausung nur als einen vorübergehenden Ruhepunkt zwischen ihren vielen Reisen zu betrachten. Die liebenswürdigen Kleinigkeiten, die einer Wohnung erst den persönlichen Anstrich verleihen, fehlten fast ganz. Nur wenige Bücher standen auf dem Regal, und auch Familienbilder konnte er nirgends entdecken. Dafür zierten eine Südsee-Tanzmaske, ein Indianerschmuck aus bunten Federn und eine primitive Negerplastik die Wand. An der Tür des eingebauten Schrankes waren die Photographien europäischer Berühmtheiten mit Reißnägeln befestigt; einige trugen Unterschriften und Widmungen. Rhodes lächelte, als er sein Bild neben dem Paul Krügers entdeckte.

Amerikanische Revuen, ein unaufgeschnittener französischer Roman und die ,Norddeutsche Allgemeine Zeitung' lagen über die Sessel verstreut. Das Frühstück auf dem kleinen Tisch am Fenster war jetzt, um die elfte Tagesstunde, noch nicht berührt.

Unordnung, ein wenig literarischer Snobismus und Verspieltheit. Aber dabei großzügig und abenteuerlustig — resümierte er. Es wird Mittel geben, sie zu gewinnen.

Flora Shaw schlug die Portiere zurück und trat ihm mit raschen Schritten entgegen. Sie trug ein enges, hochgeschlossenes schwarzes Kleid mit einem kleinen, weißen Kragen. Auf dem beweglichen, leicht gebräunten Hals saß ein zierlicher Vogelkopf mit unruhigen Augen und einer eigensinnigen Stirn. Das dunkel glänzende Haar war auf fast japanische Art frisiert und wurde über dem Nacken durch einen elfenbeinfarbenen Kamm gehalten. Der Mund war schmal und energisch.

Rhodes, der sich die vielberedete Übersee- und Reisekorrespondentin der Times immer als ein blondes, starkknochiges Mannweib vorgestellt hatte, war angenehm enttäuscht. Allerdings begriff er nun, daß er es mit einer wirklichen Frau zu tun hatte, und das Unterhandeln mit Frauen war ihm ungewohnt.

„Ich bin Rhodes”, sagte er und verbeugte sich leicht.

„Das brauchen Sie mir nicht erst zu sagen.”

Flora Shaw konnte ihre Nervosität nur schlecht verbergen. Sie hockte sich in einer bewußt-malerischen Stellung auf die Chaiselongue nieder. „Sie haben sich über meinen Aufsatz in der letzten Times geärgert?” fragte sie tapfer, während sie langsam den Rock über die Fußknöchel breitete.

Rhodes nickte und zog das Blatt mit dem bewußten Artikel aus der Rocktasche.

Miß Shaw hatte sich über das Tauziehen lustig gemacht, das augenblicklich zwischen dem Colonial Office und der Chartered Company um Britisch-Betschuanaland, das Gebiet an der Westgrenze der Transvaal-Republik, hin und her ging. Warum, fragte sie, legt Mr. Rhodes so großen Wert auf dieses Stück Land, das doch nur aus Wüsten und Trockensteppen besteht? Weshalb will er es unbedingt dem Kolonialamt entreißen und unter die Kontrolle seiner Privatgesellschaft bringen? Daß die Bahn von Kapstadt nach Buluwayo durch Betschuanaland läuft, kann nicht der wahre Grund sein, denn die Regierung Ihrer Majestät denkt nicht daran, die Gleise aufzureißen. Was also plant Rhodes? Daß er ein großer Eroberer ist, wissen wir ja; aber muß er sein Auge ausgerechnet auf Gegenden werfen, die bereits zum Empire gehören? Oder soll Betschuanaland etwa nur ein ähnliches Sprungbrett für weitreichende Unternehmungen bilden wie einst Maschonaland für den Krieg gegen Lobengula? — An diese Betrachtung schlössen sich, scheinbar ganz zusammenhanglos, einige Ausfälle gegen die Transvaal-Republik.

Diese letzten Sätze waren es, die Rhodes am meisten beunruhigt hatten. Er sagte:

„Ich verstehe, daß Sie das Bedürfnis Ihrer Leser nach Romantik und Sensationen befriedigen müssen. Ich möchte Sie aber bitten, sich in Zukunft lohnendere Objekte auszusuchen als mich und meine Company.”

„Sensationen kann ich überall finden”, antwortete sie. „Ich habe den Artikel aus einem ganz anderen Grunde geschrieben. Ich wollte, daß Sie auf mich aufmerksam werden!”

Rhodes zog die Brauen zusammen. Einen Augenblick dachte er an Erpressung, aber er schob diese Vorstellung gleich wieder von sich.

„Was wollen Sie von mir?” fragte er. „Wenn Sie mir versprechen, Ihre journalistischen Phantasien künftig ein wenig zu zügeln...”

„Das da sind keine Phantasien!” unterbrach sie ihn und schlug leicht auf die Zeitung in seiner Hand.

„Wenn Sie mir das versprechen wollen, werde ich gern etwas für Sie tun.”

„Wagen Sie nicht, mir jetzt Geld zu bieten!” rief Flora Shaw. Mit einer raschen, schlangenhaften Bewegung hatte sie sich aus ihrer hockenden Stellung aufgerichtet. Das Kleid spannte sich straff über den schmalen Schenkeln. Ihre Augen blitzten.

Rhodes spürte sofort, daß die Empörung echt war. Er sagte beschwichtigend:

„Ich biete Ihnen viel mehr als Geld. Ich möchte Ihre Freundschaft und Ihre Mitarbeit gewinnen. Wollen Sie teilnehmen an dem großen Spiel um Afrika? Aber nicht als Zuschauer und geschwätziger Erklärer, sondern als Mitverschworener.”

Er schwieg einen Augenblick und betrachtete ihr Gesicht, auf dem Freude und ungeduldige Erwartung standen. Sie hat Sinn für das Abenteuerliche, dachte er.

„Ich wage sehr viel, Miß Shaw. Ich möchte Ihnen Dinge anvertrauen, von denen nicht einmal der Kolonialminister Chamberlain etwas wissen darf.”

„Natürlich nicht. Er ist ja dem Parlament verantwortlich und hat Rücksichten zu nehmen. Ich dagegen bin frei. Und Sie wissen, daß kein Mann so verschwiegen sein kann wie eine Frau— wenn sie will.”

Rhodes nickte. Sie verstand ihn gut. „Ich kenne Ihre politischen Überzeugungen nicht”, fuhr er fort. „Vielleicht gehören Sie zu denen, die mich einen beutegierigen Imperialisten nennen.”

„Doch”, sagte sie lachend, „so nenne ich Sie, wenn ich mit mir allein bin. Und gerade deshalb bewundere ich Sie.”

Rhodes fand, daß ihr die Begeisterung gut stand. Es würde angenehm sein, mit ihr zu arbeiten.

Er nahm dankend die Zigarette, die sie ihm aus einer silbernen Dose reichte. Dann begann er, mit rücksichtsloser Offenheit seine Pläne zu enthüllen.

Wie ihr Artikel in der Times beweise, habe sie sich ihre eigenen Gedanken gemacht über die Zwecke, die er mit dem Erwerb von Betschuanaland für seine Chartered verfolge. Das Gebiet sei in der Tat eine Pistole, die man jederzeit auf das Herz der Transvaal-Republik, die Stadt Johannesburg, richten könne. Falls, wie er bestimmt erwarte, am Witwatersrand demnächst Unruhen ausbrechen sollten, müßten die Uitländers Unterstützung von außerhalb erhalten. Die Entfernung von Rhodesia nach Johannesburg sei aber zu groß, als daß eine Hilfstruppe noch rechtzeitig auf dem Schauplatz der Kämpfe eintreffen könne.

„Deshalb muß ich Betschuanaland unter meine Kontrolle bringen. Was sich dann in dieser Gegend Afrikas ereignet, geht auf mein Konto, und die britische Regierung kann ihre Hände in Unschuld waschen. Offiziell darf London mit der ganzen Aktion nicht das geringste zu tun haben, da es sonst zu unangenehmen Verwicklungen mit anderen Mächten, besonders mit Deutschland, kommen könnte. Meine Freunde und ich werden ein fait accompli schaffen, das vom Ministerium später nur akzeptiert zu werden braucht — meinetwegen unter Protest.”

„Aber ohne ein gewisses Einverständnis mit Chamberlain werden Sie es kaum erreichen”, sagte Flora Shaw, ein wenig außer Atem vor Erregung. „Ich weiß aus guter Quelle, daß die Widerstände gegen eine Abtretung des Betschuanalandes sehr stark sind. Der Häuptling Khama ist in London, um gegen Ihre Absichten zu protestieren. Irgendein Missionar hat ihn zu einem eingefleischten Antialkoholiker gemacht, und er fürchtet nun, die Chartered könnte sein Gebiet in Brandy ersäufen. — Sie könnten Chamberlain nur mit sehr triftigen Gründen überzeugen.”

„Diese Gründe darf ich ihm aber nicht nennen, wenigstens nicht offiziell. Bedenken Sie, er ist britischer Kolonialminister, und ich bin Premier der Kapkolonie, was man meistens vergißt. Es handelt sich schließlich um einen glatten Neutralitätsbruch und einen Überfall auf ein befreundetes Land — mitten im Frieden.”

„Oh, was das betrifft —”, sagte Miß Shaw wegwerfend, „ich kenne Chamberlain sehr gut. Im Grunde denkt er genau wie Sie und ich. Außerdem hat er neben seinem offiziellen Gewissen noch ein anderes, sehr geräumiges. Man kann ihm allerlei erzählen, wenn man ihn vorher bittet, den Minister währenddessen auf Urlaub zu schicken.”

Rhodes nickte. Ein inoffizieller Vermittler zwischen ihm und dem Minister war genau das, was er brauchte. Und für diese Aufgabe war niemand besser geeignet als Flora Shaw, die im Colonial Office aus und ein ging, mit allen Beamten gut Freund war und ihnen beim Tee Informationen entlocken oder Eröffnungen machen konnte, denen man im Bedarfsfalle keinerlei Bedeutung beizumessen brauchte. Solche kleinen Indiskretionen, wie sie beim Flirt mit einer neugierigen jungen Journalistin vorkamen, verwehten mit dem Rauch der Zigaretten und gerieten in der strengen Luft der Amtsräume rasch in Vergessenheit.

Rhodes setzte Miß Shaw auseinander, daß er in den nächsten Monaten, wenn er von Kapstadt aus seinen großen Coup vorbereitete, ihre Dienste als Zwischenträgerin und Informationsquelle brauchte. »Ich hoffe, daß es mir heute gelingt, die Betschuanalandfrage mit Chamberlain zu regeln. Aber wenn ich nicht mehr in London bin, muß unbedingt jemand hier sein, der mir über alle Stimmungen und Strömungen berichtet. Lassen Sie Chamberlain nicht aus den Augen und sorgen Sie dafür, daß er den Minister möglichst oft auf Urlaub schickt. — Sie bekommen meinen Geheimcode, so daß Sie mir rückhaltlos über alles telegraphieren können”, schloß er und stand auf.

„Ich sehe Sie doch noch?” fragte Flora Shaw während sie ihm die Hand hinstreckte. „Vielleicht können wir morgen zusammen essen?”

Er sah, wie ihre Augen bettelten. Sicher war es auch die Frau in ihr, die sich ihm verschrieben hatte, und nicht nur die Abenteurerin und politische Schwärmerin. Für einen Augenblick durchzuckte ihn der Gedanke an ein Abenteuer. Aber er verwarf ihn gleich wieder. Von jeher hatte er eine Scheu vor Frauen gehabt, und diese Zurückhaltung war noch stärker geworden, seit er im hellen Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit stand. Er wollte den Nimbus, den er in den Augen der jungen Frau besaß, nicht leichtfertig zerstören. Cäsar in der Toga nimmt sich besser aus als Cäsar in Nachtmütze und Pantoffeln, dachte er.

„Ich werde kaum Zeit haben”, sagte er und sah an ihr vorbei. „Mein Freund Dr. Harris wird Sie aufsuchen, von ihm können Sie alles Nähere erfahren. — Und wenn wir gesiegt haben, besuchen Sie mich in Groote Schuur, nicht wahr?”

„Gut”, erwiderte sie und schluckte ihre Enttäuschung herunter. „Dann werde ich alles tun, damit wir rasch siegen.”

Joseph Chamberlain empfing seinen Gast in einem hohen, dunkelgetäfelten Raum seines Ministeriums. Die beiden Männer, die — der eine amtlich und der andere aus freien Stücken — leidenschaftlich die Ausdehnung des Empire betrieben, musterten einander eine Weile schweigend. Rhodes hatte im Grunde wenig Sympathien für den reichen Schraubenfabrikanten aus Birmingham, der seine politische Laufbahn auf den Bänken der Radikalen begonnen hatte, und der nun auf einmal, nachdem er sich geradezu gewaltsam in die Regierung gedrängt hatte, den Stockkonservativen spielte. Während er einst, aus Anlaß der Annexion Transvaals durch Mr. Shepstone emphatisch im Unterhaus erklärt hatte: „Ich hoffe und erwarte, daß die Regierung diesen Akt der Ungerechtigkeit bedauert und möchte feststellen, daß das Haus absichtlich schlecht informiert wurde” - ließ er jetzt Männern wie Rhodes und Kitchener, den Pionieren des Imperialismus, seine volle Unterstützung zukommen. Nur sah er ängstlich darauf, daß man ihn nicht mit Verantwortung belastete; man wußte auch, daß er bereit war, jede Freundschaft seiner Karriere zu opfern.

Chamberlain wiederum betrachtete Rhodes mit ständigem Mißtrauen. In seiner kalten Verschlagenheit lehnte er das stürmische und draufgängerische Wesen des Minenmagnaten ab und fürchtete, durch die eigenmächtige Politik des ,Kaisers von Afrika' in Unannehmlichkeiten verwickelt zu werden.

Bei der Unterredung war der Unterstaatssekretär Lord Selburne zugegen. Er saß seinem Vorgesetzten gegenüber und lauschte aufmerksam auf jedes Wort, das zwischen Rhodes und Chamberlain gewechselt wurde. Rhodes hatte das Gefühl, daß der Minister den Lord absichtlich hinzugezogen hatte, um einen Entlastungszeugen zu haben.

Chamberlain zeigte anfangs wenig Neigung, der Abtretung von Betschuanaland an die Chartered zuzustimmen.

„Wir können den Einspruch des Häuptlings Kharna nicht auf die leichte Schulter nehmen”, sagte er und spielte mit seinem Monokel. „Als Premier der Kapkolonie betonen Sie unentwegt, daß Ihnen das Wohl der Schwarzen am Herzen liegt. Dabei laufen ständig Klagen der Eingeborenen gegen die Methoden der Chartered ein. Wie reimt sich das zusammen?”

Rhodes hielt es für überflüssig, auf diese Frage etwas zu erwidern. Er bemühte sich, in den glatten, fast maskenhaften Zügen seines Gegenübers zu lesen. Aber das Gesicht mit den wie in ständiger Verwunderung emporgezogenen Augenbrauen drückte nur Vorsicht und Verschlagenheit aus. Die niedrige Stirn gab keines ihrer Geheimnisse preis. Wie gut sein arrogantes Gesicht zu der Orchidee im Knopfloch paßt und zu der Stimme, die an kalten Pudding erinnert, dachte Rhodes unmutig.

Er sagte:

„Durch Betschuanaland führt meine Bahn nach Buluwayo, das erste Stück der geplanten Kap-Kairo-Route. Meine Agenten berichten, daß die Unruhe unter den Schwarzen wächst, und daß Anschläge auf der Strecke zu erwarten sind. Ich möchte deshalb die Bahn durch meine Polizeitruppe schützen lassen.”

„Sie meinen, daß die Truppen Ihrer Majestät dazu nicht imstande sind?” fragte Chamberlain und verzog den Mund zu einem dünnen Lächeln.

„Ich denke, die Regierung sieht es nicht ungern, wenn man ihr unangenehme Aktionen abnimmt”, sagte Rhodes. Und gedehnt, gleichsam diesen Gedanken fortspinnend, fügte er hinzu: „Ich habe noch schwerwiegendere Gründe. Die Lage im Minenbezirk von Johannesburg spitzt sich ständig zu. Von der Betschuanagrenze zum Witwatersrand sind es nur wenige hundert Kilometer. Ich könnte Ihnen, wenn Sie es wünschen, vertrauliche Mitteilungen machen...”

Ich wünsche es aber nicht!” fiel ihm Chamberlain hastig ins Wort. „Ich verhandle hier mit Ihnen als Beamter der britischen Regierung, und deshalb darf ich nur Informationen entgegennehmen, von denen ich offiziell Gebrauch machen darf. Sie verstehen?”

„Selbstverständlich. Und darum will ich lieber schweigen.” Er lächelte Chamberlain an, und dieser ließ das Einglas, durch das er strenge Blicke auf seinen Besucher und den Unterstaatssekretär geworfen hatte, befriedigt fallen.

Daß auch der Minister genau begriffen hatte, um was es Cecil Rhodes ging, bewiesen seine nächsten Worte. „Ich denke, ich werde Ihre Forderung nach Abtretung des Betschuanalandes unterstützen können”, sagte er und ließ das Monokel an der schwarzen Schnur tanzen. „Der Häuptling Khama wird sich mit der Zeit beruhigen. Wir werden ihm eine Audienz verschaffen und ihn dann abschieben. — Ich erwarte aber auch, daß Sie die Bahn und die sonstigen Anlagen in Betschuanaland wirksam schützen! Sie sind deshalb berechtigt, an der Transvaalgrenze eine Polizeitruppe zu unterhalten, deren Stärke und Zusammensetzung Ihrem eigenen Ermessen überlassen bleibt.”

Er hob den Kopf und sah seinen Besucher scharf an. Ein kurzes Aufblitzen in Rhodes' Augen verriet ihm, daß dieser zufrieden war.

Die Unterhaltung wandte sich nun Themen von zweitrangiger Bedeutung zu. In seiner Eigenschaft als Premierminister über gewisse interne Angelegenheiten der Kapkolonie befragt, verriet Rhodes eine betrübliche Unwissenheit.

„Mein Gott, dafür habe ich meine Beamten, die besser Bescheid wissen”, sagte er schließlich. „Ich habe augenblicklich größere Sorgen.”

Chamberlain lachte.

„Und was macht Ihr Fuhrwerksunternehmen?” fragte er dann.

„Oh, das klappt vorzüglich. An der Transvaalgrenze herrschen augenblicklich die reinsten Wildwestzustände.”

Zwischen der Kapkolonie und der Transvaal-Republik war seit einigen Monaten ein erbitterter Streit um die Frachttarife der Eisenbahnen im Gange. Seit Paul Krüger im Frühjahr seine eigene Linie, die von der Delagoabai in Portugiesisch-Ostafrika nach Johannesburg führte, feierlich eröffnet hatte, war der britischen Kaproute eine gefährliche Konkurrenz erwachsen. Rhodes hatte, um die Aktionäre seiner Linie zufriedenzustellen, einen neuen Verteilungskoeffizienten für die Überschüsse aller nach Johannesburg führenden Bahnen in Vorschlag gebracht. In Zukunft sollten die Gewinne nicht mehr zu je einem Drittel auf die Transvaal-Republik, die Kapkolonie und Natal entfallen, sondern das Kapland beanspruchte die Hälfte aller Einnahmen für sich allein. Da Krüger diese sonderbare Offerte ausgeschlagen hatte, war die Kapbahn dazu übergegangen, die Frachttarife unter Selbstkostenpreis zu senken. Sie verfolgte damit die Absicht, die Transporte von der Delagoabai-Linie fortzulocken und diese somit zu ruinieren.

Krüger antwortete sofort mit einem Gegenzug. Auf derjenigen Strecke der Kapbahn, die seiner Kontrolle unterstand — es handelte sich dabei um den Strang von der Transvaalgrenze bis nach Johannesburg schraubte er die Tarife zu solcher Höhe hinauf, daß die Beförderungskosten unerschwinglich wurden, und die Güter wieder anfingen, den kürzeren und billigeren Weg über die Bai zu nehmen. Rhodes dachte aber nicht daran, das Spiel abzubrechen. Seit einigen Wochen ließ er die Waren an der Grenze der Republik ausladen, auf Ochsenkarren umschlagen und durch die Furten des Vaal nach Johannesburg fahren. Das war das Fuhrwerksunternehmen, auf das der Minister soeben angespielt hatte.

,Krüger droht jedoch damit, er wolle die Furten nächstens sperren”, sagte Chamberlain. „Er hat dazu ein vertragliches Recht. Denn die Furten können als Häfen angesehen werden, und Häfen darf er gegen Importwaren schließen.”

Rhodes machte ein verblüfftes Gesicht. Das war ihm eine unangenehme Neuigkeit.

„Aber er kann doch nicht die ganze Einfuhr aus der Kapkolonie verbieten”, meinte er endlich. „Transvad ist nicht imstande, Johannesburg zu ernähren. Die Stadt würde ja verhungern.”

„Krüger ist wohl der Meinung, schon diese Drohung müsse genügen, um Sie zum Nachgeben im Tarifstreit zu zwingen”, meinte der Minister, der seine Befriedigung nicht ganz verbergen konnte. Augenscheinlich machte es ihm Freude, Rhodes in Ungelegenheiten zu sehen.

Aber jetzt mischte sich Lord Selburne ein.

»Wie man mir aus Pretoria berichtet, beabsichtigt der Präsident, die Vaalfurten nur für den Import überseeischer Waren zu sperren. Das bedeutet also, daß Sie die Lebensmittel ruhig weiter auf Ochsenaugen in die Stadt transportieren dürfen.”

„Daran ist mir nicht so viel gelegen”, sagte Rhodes ärgerlich.„Was wir in Johannesburg brauchen, sind Maschinen für die Goldminen und — —” Er unterbrach sich. Fast hätte er hinzugefügt: Waffen, — „Kurz und gut, lauter Waren, die aus Großbritannien kommen”, schloß er.

Es entstand eine Pause. Chamberlain malte mit seinem goldenen Bleistift auf der Schreibunterlage.

Plötzlich sagte Rhodes, der angestrengt vor sich hingebrütet hatte, mit lauter und heller Stimme:

„Ich habe Krüger in der Tasche.”

Chamberlain sah auf. „Nun?”

„Der Handelsvertrag, den Großbritannien mit Transvaal abgeschlossen hat, enthält doch die Meistbegünstigungsklausel?”

„Allerdings.”

„Wenn Krüger die Furten nur für Überseegüter sperrt, die Lebensmittel aus der Kapkolonie jedoch nach Johannesburg läßt, begeht er einen Vertragsbruch. Denn er gewährt damit dem Kapland einen eindeutigen Vorzug gegenüber dem Mutterland.”

Das Einglas entfiel dem Auge des Ministers, diesmal aber ganz unbeabsichtigt.

„Sie wollen Krüger dafür bestrafen, daß er die von Ihnen vertretene Kolonie entgegenkommend behandelt — und daß er Ihren Minenarbeitern in Johannesburg das tägliche Brot sichert?”

„Ich will niemanden strafen”, erwiderte Rhodes gelassen. „Ich will nur den Streit um die Tarife gewinnen.”

„Der Gedanke ist gut”, sagte Chamberlain, und die Hochachtung verlieh seiner Stimme zum erstenmal ein wenig Wärme. „Gesetzt also den Fall, Krüger sperrt die Furten. Dann müßte Großbritannien ihm klarmachen, daß es nicht gesonnen ist, den Vertragsbruch hinzunehmen. Um diesem Schritt das nötige Gewicht zu geben, müßten wir unter Umständen zu einer militärischen Demonstration schreiten.”

„Gewiß.”

Der Minister schwieg und sah auf seine Manschetten. Sein Gesicht hatte wieder den gewohnten abweisenden Ausdruck bekommen. Jetzt fürchtet er, ich will ihn in eine Falle locken, dachte Rhodes. Auch er möchte gar zu gern, daß Transvaal britisch wird. Aber die Arbeit soll ich natürlich übernehmen! — Er sagte:

„Glauben Sie nicht, daß ich die Regierung in einen Krieg verwickeln will. Ich garantiere Ihnen, daß Krüger nachgibt, sobald Sie ihm die Faust zeigen, Der Präsident ist nicht der Mann, der wegen ein paar Millionen Schilling Tarifeinnahmen zu den Waffen greift.”

„Dann ist es gut. Ich werde mit dem Kriegsministerium Fühlung nehmen. Im Bedarfsfalle können Sie auf uns rechnen.”

Chamberlain erhob sich, ein Zeichen, daß die Audienz zu Ende war. Als er schon in der Tür stand, wandte Rhodes sich noch einmal um.

„Sie kennen Miß Flora Shaw — ich meine: privat?” fragte er, wobei er das Wort ,privat' stark betonte.

Der Minister bejahte, wenn auch ein wenig mißtrauisch.

„Miß Shaw ist auch eine gute Freundin von mir und in alle meine Pläne eingeweiht. Sie wäre Ihnen sicher sehr dankbar, wenn Sie sie ab und zu privat empfangen könnten”, fuhr Rhodes fort.

Einen Augenblick kreuzten sich ihre Blicke. Sie warfen einander ein Lächeln zu wie einen Ball.

Dann nickte Chamberlain unmerklich. Rhodes war entlassen.

Im Vestibül des Colonial Office wartete Jameson. Er saß auf einer roten Plüschbank und blätterte in der Times. Als er den Chief bemerkte, kam er ihm einige Schritte entgegen.

„Bleiben Sie einen Moment stehen, hier, hinter der Säule. Drüben steht der Häuptling Khama.”

Rhodes blickte in die angedeutete Richtung. Der schwarze Fürst, begleitet von zwei seiner Trabanten, stand in der Nähe eines großen Pfeilerspiegels. Er hatte sich ganz europäisch herausstaffiert, nur waren seine weißen Manschetten etwas zu lang, und statt der üblichen schwarzen Glocke trug er einen weißen Panamahut. Er konnte es sichtlich nicht unterlassen, hin und wieder wohlgefällige Blicke auf sein Spiegelbild zu werfen.

„Der ist schon erledigt”, sagte Rhodes. „Dies wird seine letzte Audienz bei Chamberlain sein. Kommen Sie, Doc”, fuhr er fort und faßte den Freund unter den Arm, „ich habe Ihnen viel zu erzählen.”

Als sie in der Victoria saßen und zu ihrem Club im Westen der Stadt hinausrollten, berichtete Rhodes von seiner Unterredung mit dem Kolonialminister. „Sobald wir wieder unten sind, können Sie sofort ins Betschuanaland abrücken. Vier- bis fünfhundert Mann von der Chartered-Polizei stelle ich Ihnen zur Verfügung. Sie werden dann mit den Leuten ein paar Wochen tüchtig exerzieren. Es ist ja immerhin ein Unterschied, ob man gegen Kaffern kämpft oder gegen Buren.”

„Fünfhundert sind nicht gerade viel”, überlegte Jameson.

Die Regierung wird, sobald sie Betschuanaland abgetreten hat, die dortige Schutztruppe entlassen. Viele von den Jungens werden froh sein, wenn sie dann bei guter Bezahlung von uns übernommen werden.”

Wenn nur die Johannesburger zur Stelle sind. Männer genug gibt es ja am Rand, und Waffen bekommen sie auch. Vorgestern war ich in Liverpool. Die ersten Transporte sind schon abgegangen. Aber was nützen die schönsten Gewehre, wenn man nicht den Mut hat, zu schießen?”

„Machen Sie sich keine Sorgen, Doc. Ich habe eben mit Chamberlain besprochen, daß er uns im Streit um die Vaalfurten den Rücken stärkt. Er wird tüchtig mit dem Säbel rasseln. Wenn Krüger nachgibt, legt man ihm das als Feigheit aus, und den Leuten am Witwatersrand wird der Kamm schwellen.”

Jameson schwieg. Er sah, wie sich das Netz immer enger um Krüger zusammenzog. Die Fäden der wunderbar gesponnenen Intrige liefen bereits von Groote Schuur in Kapstadt zum Colonial Office und von den Waffenfabriken in Liverpool nach Johannesburg. Dieses ganze gewaltige London mit seinen weltumspannenden Bankhäusern, mit seiner Presse und seinen Millionen rastlos arbeitender Gehirne wirkte, wenn auch noch unbewußt, mit im großen Spiel um Südafrika. Der Mann aber, der im entscheidenden Augenblick alle diese Kräfte auslösen und das Netz zusammenziehen sollte, war er selber.

Jamesons Selbstsicherheit war in den letzten Monaten sehr gewachsen. Diese Reise nach England, die er mit dem Chief unternommen hatte, war ein einziger Triumphzug geworden. Man hatte ihn als den Sieger über Lobengula stürmisch gefeiert, man hatte ihm zugejubelt als dem Mann, der die Fahne Großbritanniens im Herzen des schwarzen Kontinents aufpflanzte. Die alte Queen hatte ihn empfangen und mit dem Bathorden ausgezeichnet. Vor dem kaiserlichen Institut, in Gegenwart des Prinzen von Wales, hatte er einen Vortrag über die Zukunft Afrikas gehalten. Vor seinen Zuhörern beschwor er das Bild eines großen, wirtschaftlich und politisch geeinten Kontinents herauf, ein Ideal, gegen dessen Verwirklichung sich nur noch ein paar tausend störrische, hinterwäldlerische Buren sträubten. Wenn die würdigen Mitglieder des Instituts geahnt hätten, daß der Mann bereits vor ihnen stand, der dieses lästige Hindernis, diesen Schönheitsfehler auf der Karte Afrikas, in naher Zukunft beseitigen würde!

„Wann werden wir losschlagen, Chief?” fragte er.

Rhodes fuhr zusammen. Die Fahrt im offenen Wagen, der auf Gummirädern lautlos durch die sonnigen, mittäglich heißen Straßen rollte, und das gleichmäßige Klappern der Hufe auf dem Pflaster hatten ihn schläfrig gemacht.

„Sobald Johannesburg bereit ist”, sagte er. „Ich denke, das Jahr 1896 wird keine Transvaal-Republik mehr kennen.”

Noch ein knappes Vierteljahr also, dachte Jameson. Eine plötzliche Erregung schnürte ihm die Kehle zusammen. Ihm war zumute wie einem Artisten, der, in der Kulisse verborgen, mitansehen muß, wie das Seil über die Bühne gespannt wird, auf dem er in der nächsten Minute angesichts einer atemlosen Menge balancieren soll.