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Achtes Kapitel

Gegen Abend fand sich Sir Henry Loch im Regierungsgebäude ein.

”Wie immer, wenn er sich geärgert hatte, verspürte er ein heftiges Sodbrennen. Dem Gouverneur war, als hänge ihm ein glühender Draht vom Rachen bis in den Magen hinunter. Das Gefühl einer körperlichen Mißstimmung verband sich mit dem drückenden Bewußtsein, durch die Vorgänge des Nachmittags in eine Position geraten zu sein, die für diplomatische Gespräche denkbar ungünstig war. Ihm war zumute wie einem Manne, der sich um eins neue Stellung bewirbt und plötzlich entdeckt, daß seine Manschetten ausgefranst sind und sein Kragen Schmutzflecke zeigt.

Das Zimmer, in das man den Gouverneur führte, wurde durch einen schweren Kronleuchter mit Prismen aus Bergkristall erhellt. Das elektrische Licht — die neueste Errungenschaft der Hauptstadt — spiegelte sich im blanken Parkettfußboden. Bequeme Klubmöbel, denen man es ansah, daß sie erst kürzlich aus Europa importiert waren, paradierten vor der roten Damasttapete.

Alles mit dem Geld unserer Minen bezahlt, dachte Sir Henry. Aber gleich darauf rief er sich zur Ordnung. Schließlich pflegten in jedem Lande der Erde die Steuerzahler die Regierungsgebäude zu möblieren. Das Ungewöhnliche und eigentlich Ungehörige daran war nur, daß in diesem Falle einmal Engländer für die Regierung eines fremden Volkes gezahlt hatten — und nicht umgekehrt.

Nach wenigen Minuten erschien Dr. Leyds und entschuldigte den Präsidenten. Krüger sei noch im Volksraad aufgehalten, wo er einige dringende Anfragen zu beantworten habe.

„Wegen der Vorfälle bei Ihrer Ankunft, Sir Henry”, fügte der Holländer mit einem flüchtigen Lächeln hinzu.

Der Gouverneur bewegte den Kopf hin und her, als sei ihm der Kragen zu eng. Er sagte:

„Diese Abenteurer sind in Afrika vollkommen verwildert. Aber schließlich sind es arme Teufel, die sich in ihren Erwartungen schwer getäuscht sehen.” „Ob arme Teufel oder reiche”, meinte Leyds, „das hat nichts zu besagen. Sogar die Millionäre verwildern in Afrika. Es muß irgendwie an der veränderten Umgebung und am Klima liegen. Wir machen diese Beobachtung ja auch bei Tieren und Pflanzen, die aus Europa herübergebracht wurden.”

Mr. Loch hatte die unklare Empfindung, daß der Holländer mit den verwilderten Millionären Cecil Rhodes und seine Freunde meinte. Aber er verzichtete auf eine Antwort.

Die Gesprächspause dauerte etwas lange. Während Leyds mit seinen Papieren raschelte, glaubte Sir Henry aus der Ferne das dumpfe Brausen vieler Stimmen zu hören. Das Geräusch, das durch die Wände zu dringen schien, schwoll in Abständen an wie Meeresbrandung und verebbte wieder. Der Volksraad, der irgendwo im Hause tagte, gab wahrscheinlich seiner Erbitterung über die Uitländers-Demonstrationen des Tages Ausdruck.

Jetzt begann Dr. Leyds zu sprechen. Um dem Herrn Gouverneur die späteren Verhandlungen mit dem Präsidenten zu erleichtern, wolle er ihm schon jetzt den Standpunkt der Transvaal-Regierung in der Frage der Uitländers-Dienstpflicht erläutern. Bekanntlich sei es der dringendste Wunsch der Fremden, das Bürgerrecht der Republik und damit die Stimmberechtigung zu erwerben. Die erste Voraussetzung für den Erwerb der Staatsbürgerrechte aber sei nach der Verfassung die Eintragung aller Wehrfähigen in die Aushebungslisten der Feldkornetts. Die Männer, die man heute morgen unter Polizei-Eskorte an die Front geschickt habe, seien auf eigenen Wunsch in die Stammrollen eingetragen worden. Wenn sie sich jetzt weigerten, ihre Pflicht zu erfüllen, müsse man leider Gewalt anwenden.

„Es dürfte schwerfallen, einen Briten davon zu überzeugen, daß er für die Interessen eines fremden Landes ins Feld ziehen muß”, sagte Sir Henry. Aber augenblicklich wurde ihm klar, wie unbedacht diese Äußerung war. Dr. Leyds zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe.

„Für die Interessen eines fremden Landes?” fragte er gedehnt. „Ich dachte bisher, diese Leute sehnten sich danach, Bürger der Republik zu werden...”

„Trotzdem: Brite bleibt Brite.”

„Natürlich — und Bur bleibt Bur. Das ist auch die Anschauung der Transvaal-Regierung. Und deshalb sahen wir uns genötigt, für alle Uitländers die Frist vom Tage der Ansiedlung in Transvaal bis zum Erwerb der vollen Bürgerrechte auf vierzehn Jahre festzusetzen. Wer so lange im Lande bleibt, von dem kann man wohl annehmen, daß er hier nicht nur ein Vermögen, sondern auch eine Heimat gefunden hat. Sie werden mir aber zugeben, daß solche Menschen zu den Ausnahmen gehören.”

„Vierzehn Jahre sind eine ungewöhnlich lange Frist. Nicht einmal in Europa-------”

„Wir sind hier in Südafrika, wo die Verhältnisse ebenfalls ungewöhnlich sind”, unterbrach Leyds höflich, aber bestimmt.

Sir Henry fühlte sich nicht imstande, die Diskussion über die Einbürgerungsfristen länger fortzusetzen. Das Blut hämmerte ihm in den Schläfen, und er verspürte eine sonderbare Leere im Gehirn. Das machte wahrscheinlich der geringe Luftdruck. Vor zwei Tagen hatte er noch in Kapstadt gesessen, und Pretoria lag zweitausend Meter über dem Meeresspiegel.

Er sagte müde: „Das Stimmrecht ist für die Uitländers im Grunde eine Frage von sekundärer Bedeutung. Die Leute wollen nur bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, das ist alles. Schaffen Sie von sich aus die nötigen Gesetze, und kein Fremder wird sich dazu drängen, in Ihren Volksraad einzuziehen.” — Auch das war wieder recht ungeschickt, dachte er, als er geendet hatte. Wo habe ich heute nur meine Gedanken? Es mag zwar stimmen, daß das Gerede von Bürgerrecht und Wahlbeteiligung nur eine Phrase ist im Munde dieser Uitländers, die zwar für ihr Leben gern ins britische Unterhaus einziehen möchten, die aber für das Bauernparlament von Pretoria nur ein geringschätziges Lächeln haben. Dennoch läßt sich mit Menschenrechten eine bessere Propaganda treiben als mit Zinsen und Dividenden.

Leyds schien etwas Ähnliches zu denken. Er sagte: „Der Präsident ist der Ansicht, daß es den Uitländers in Wirklichkeit weniger um dieses oder jenes Recht geht als um die Gewalt im Staat.”

Loch zog es vor, diese Äußerung zu überhören. Auf der Straße wurden jetzt Vivat-Rufe laut. Die Raadssitzung schien vorüber zu sein, und die Buren, die sich auf dem großen Markt versammelt hatten, begrüßten ihre Abgeordneten. Krüger mußte jeden Augenblick erscheinen.

Sir Henry schielte nach dem dritten, noch leeren Stuhl, der fraglos für den Präsidenten bestimmt •war. Auf der linken Armlehne war ein häßlicher, brauner Fleck. Er vermutete, daß Ohm Paul dort das Mundstück seiner Pfeife abzuwischen pflegte. Hastig — denn gewisse Dinge erledigte er immer noch lieber mit dem glatten Holländer als mit dem Präsidenten — sagte er:

„In einem Punkte muß ich den Uitländers allerdings recht geben, Herr Staatssekretär. Nämlich in der Frage der Konzessionen und Monopole. Warum überläßt die Regierung das Recht des Eisenbahnbaues, der Elektrizitätsanlage, ja sogar das Privileg der Marmeladenfabrikation und der Dynamitherstellung immer nur einzelnen, bevorzugten Gesellschaften? Dieses Konzessionssystem hindert doch nur die freie Entwicklung der Wirtschaft und verteuert die Lebenshaltungskosten für die Bevölkerung. Sie sollten einmal sehen, wie die Industrie bei freiem Wettbewerb aufblühen würde. — Mein Gott, Sie als Holländer müßten doch Verständnis für einen gewissen Wirtschaftsliberalismus haben”, fügte er mit einem ermunternden Kopfnicken hinzu.

Leyds lächelte undurchsichtig und schlug die Beine übereinander.

„Wir sind hier nicht in Holland”, sagte er. „Mit ihrem vielgelästerten Konzessionssystem verfolgt die Regierung einen ganz bestimmten Zweck.”

„Bitte, erklären Sie”, bat Sir Henry, der sich für einen versierten Nationalökonomen hielt. Seit langem plante er eine Schrift unter dem Titel: „Die Briefmarke im Wirtschaftsleben.”

„Die freie Konkurrenz mag dort berechtigt sein, wo es sich bei den im Wettbewerb stehenden Personen ausschließlich um Bürger des betreffenden Staates und Angehörige des gleichen Volkes handelt”, begann Leyds. „Aber als sich die Republik in die Notwendigkeit versetzt sah, die Industrie ins Land zu lassen, gab es keinen einzigen kapitalkräftigen Buren. Wir mußten den Ausbau unserer Wirtschaft wohl oder übel fremden Unternehmern überlassen, bis wir stark genug waren, die Produktion selbst in die Hand zu nehmen. Nun, wenn ich einem bestimmten Unternehmer, den ich vorher sorgfältig auf Herz und Nieren geprüft habe, ein Monopol einräume und ihn zu diesem Zweck mit besonderen Rechten ausstatte, so kann ich dem Mann auch gewisse Bedingungen stellen. Nur auf diese Weise war es uns möglich, die Kontrolle über eine Entwicklung in der Hand zu behalten, die im Grunde gar nicht beabsichtigt war, und deren Folgen auch heute noch kaum abzusehen sind. Weniger höflich ausgedrückt: Der Präsident hat sich bemüht, eine Seuche so lange einzudämmen und auf bestimmte Herde zu beschränken, bis er das ganze Volk immun gemacht hat.”

„Immerhin hat eine Monopolwirtschaft große Ungerechtigkeiten zur Folge”, sagte Loch, der sich der Argumentation des Holländers nicht ganz verschließen konnte. Hier wurde um die Macht gekämpft. Was half da alles Gerede über Menschenrechte und Wirtschaftstheorien?

Seine Augen blieben unwillkürlich an einer klobigen, alten Büchse hängen, die sich sehr seltsam an der Wand dieses geschmackvollen Konferenzzimmers ausnahm. Vielleicht hatte der Präsident mit diesem Gewehr eigenhändig Kaffern und Elefanten geschossen.

„Ungerechtigkeiten?” sagte Leyds achselzuckend. „Schon möglich. Aber die Monopolstellung, die sich gewisse Leute mit Hilfe ihres Vermögens geschaffen haben, hat sicher keine größere Berechtigung. Glauben Sie, daß Mr. Rhodes und irgendeiner von den armen Schluckern, die Ihnen heute die Pferde ausgespannt haben, gleichberechtigte Konkurrenten sind? Das Weltmonopol auf dem Diamantenmarkt, das die De Beer s' Company ausübt, ist auch keine schlechte Sache. Meine Güte, was will dagegen die Marmeladenkonzession besagen, die wir einem braven Buren erteilt haben? Aber”, setzte er mit veränderter Stimme und mit einer solchen Schärfe im Ton hinzu, daß Sir Henry zusammenschrak, „ich will Ihnen offen sagen, was hier gespielt wird: Die Leute vom Witwatersrand sind von vornherein gegen die Transvaal-Regierung als solche eingestellt und nicht etwa gegen unsere Methoden im einzelnen. Wir könnten tun, was wir wollen, es wird uns stets im Bösen ausgelegt. Sogar wenn es einmal nicht regnet und es daher den Pochstempeln am Rand an Wasser fehlt, gibt man dem Präsidenten und seinen Buten die Schuld.”

„Mit Recht, vollkommen mit Recht”, sagte Sir Henry, der die Diskussion gern ins Lächerliche ziehen wollte. „Haben sich die guten Buren nicht aufgeregt, als die Johannesburger in ihrer Verzweiflung den Versuch machten, den Regen durch ein Massenfeuer aus ihren Jagdgewehren vom Himmel zu locken? ,Das ist Blasphemie und Gotteslästerung', hieß es. ,Der liebe Gott ist bei uns der einzig konzessionierte Wettermacher.' — Lieber Dr. Leyds, auch ich halte die Kirche für die wichtigste Stütze des Staates. Aber hierzulande treibt man die Frömmigkeit wirklich zu weit.” — Leyds ist doch ein moderner Mann und Europäer, dachte er. Es muß doch irgendeinen Punkt geben, wo selbst ihm die fossilen Anschauungen dieser Bauerntölpel über die Hutschnur gehen.

Aber Leyds bemerkte nur sachlich:

„Der eine glaubt an die Unfehlbarkeit Gottes und der andere an die Unfehlbarkeit der Times. — Übrigens hat das Regenschießen der Johannesburger keinen Erfolg gehabt.”

„Wenn der Präsident wenigstens das Dynamitmonopol aufheben wollte”, meinte Loch entmutigt. „Das wirbelt den meisten Staub auf. Dynamit wird in den Goldminen gebraucht. Die Kiste würde sich um mindestens zehn Schilling billiger stellen, wenn die Regierung sich entschlösse, die Sprengstoffeinfuhr freizugeben.”

„Ich denke nicht daran! Mit Sprengstoffen füllt man Patronen und Granaten. Dann könnte ich den Johannesburgern auch gleich erlauben, eigene Munitionsfabriken zu bauen.”

Sir Henry fuhr herum und erhob sich etwas mühsam aus seinem tiefen Sessel. Auch Dr. Leyds war aufgestanden.

Der Präsident stand in der Tür. Im Zimmer wirkte seine herkulische Gestalt im langen, schwarzen Rock noch größer und muskulöser, als sie Sir Henry am Nachmittag unter freiem Himmel erschienen war. Er war in den letzten Jahren abgemagert und sichtlich gealtert, aber er bewahrte immer noch seine straffe Haltung. Das Licht des Kronleuchters, das von oben auf sein Gesicht fiel, ließ die tiefen Falten um Augen, Nase und Mund stark hervortreten. Die Züge Krügers hatten alle Behäbigkeit und Weichheit früherer Jahre verloren, und auch der etwas pastorale Ausdruck war verschwunden. Die breite, knollige Nase schien das einzig Fleischige in diesem durchfurchten, gleichsam gebeizten Gesicht zu sein; sie warf ihren Schatten über den mürrischen Mund des alten Mannes mit der etwas vorspringenden, vom Stiel der Pfeife eingekerbten Unterlippe. Die Augen über den faltigen Tränensäcken, fast bernsteingelb und meist halb geschlossen, erinnerten an die einer Eule. Sie drückten Mißtrauen aus, zugleich aber eine lauernde Angriffsbereitschaft. Nur das weiße, kaum gelichtete Haupthaar und der auf der Brust viereckig geschnittene Backenbart verliehen dem Schädel Ohm Pauls eine gewisse greisenhafte Milde.

Selbst der Tod muß sich fürchten, Hand an einen solchen Mann zu legen, dachte Loch, während er seine Hand vorsichtig aus den knochigen Fingern Krügers befreite.

„Ihre Johannesburger Verehrer haben Ihnen, aber vor allen Dingen sich selber keinen guten Dienst erwiesen”, sagte Krüger. „Der Volksraad ist durchaus nicht in der Stimmung, um irgendwelche Beschwerden mit besonderem Wohlwollen zu prüfen. — Denn Beschwerden haben Sie doch, wie ich annehme?”

„Wie wir über die Dienstpflicht der Fremden denken, habe ich Seiner Exzellenz bereits auseinandergesetzt”, fiel Leyds rasch ein, um dem Gouverneur den Absprung zu erleichtern.

„Die Sache ist schon erledigt”, fuhr der Präsident mit einer wegwerfenden Handbewegung fort. „Das Waffentragen und die Verteidigung unserer Grenzen haben wir in Transvaal von jeher als eine Ehre betrachtet, die wir keinem Menschen aufzwingen wollen. In Zukunft wird niemand mehr gegen seinen Willen an die Front geschickt. Wer zu Hause bleiben möchte, kann sich mit fünfzig Pfund freikaufen. Das Gesetz ist bereits durchgegangen. — Was die Fremden britischer Abstammung an Transvaal bindet, ist ja ohnehin nur ein finanzielles Interesse. Den Deutschen und Holländern dagegen, die sich freiwillig an die Front gemeldet haben, werden wir sofort die Staatsbürgerrechte verleihen. Mein Grundsatz lautet: Erst Pflichten — dann Rechte.”

Der Gouverneur bekam einen roten Kopf. Krüger hatte ihn übertölpelt. Ohne sich auf Verhandlungen einzulassen und ohne auch nur um einen Millimeter von seinen Prinzipien abzuweichen, hatte er ein kleines Zugeständnis gemacht, das, bei Lichte besehen, wie eine Ohrfeige wirkte.

„Ich bin nach Pretoria gekommen, um das Problem grundsätzlich zu erörtern”, sagte Loch gekränkt. „Mit einer Geldbuße ist die Frage doch längst nicht geklärt.”

„Das ist Ansichtssache. Jedenfalls haben wir das Problem aus der Welt geschafft. Sind Sie nicht froh darüber? Die Praxis, unangenehme Dinge auf dem Zahlungswege zu regeln, dürfte der britischen Regierung ja nicht unbekannt sein”, erwiderte Krüger grimmig.

Sir Henry wußte im Augenblick nicht, auf welchen Vorfall der Präsident hier anspielte. Aber er hielt es für klüger, keine weiteren Fragen zu stellen. Warum sitze ich eigentlich noch hier und lasse mich beleidigen? — dachte er. Krüger macht sich nur lustig über mich. Hier helfen keine Unterhändler mehr, nur noch Generäle!

In seiner Verärgerung suchte Sir Henry nach irgendeinem Knüppel, den er dem Präsidenten zwischen die Beine werfen konnte.

„Ihr Krieg gegen die Kaffern vom Zootpansberg wird in Großbritannien mit sehr geteilten Gefühlen betrachtet”, sagte er und machte ein besorgtes Gesicht. „Die eingeborenenfreundliche Bewegung hat an Einfluß gewonnen. War es denn wirklich notwendig, die Aufgebote gegen Malapoch ins Feld zu schicken?”

„Zum Spaß führe ich keinen Krieg”, erwiderte Krüger ungerührt. „Es wundert mich übrigens gar nicht, daß man sich in England aufregt. Vor siebzehn Jahren besetzte Sir Theophilus Shepstone die Republik, weil wir angeblich nicht scharf genug gegen die Kaffern vorgingen. Aber die Anschauungen des Kolonialamtes sind ja sehr wandelbar. Vielleicht bringt Mr. Rhodes demnächst eine Strafaktion gegen die Buren in Vorschlag, weil wir die Kaffern nicht mit der nötigen Schonung behandeln? Seit Lobengula geschlagen ist, muß man die Schwarzen wie Edelwild hegen. Sie sind selten und kostbar geworden.”

Sir Henry sah die Augen seines Gegners mit einem spöttischen Funkeln auf sich gerichtet. Statt zu antworten, machte er nur eine unbeherrschte Handbewegung und erhob sich. Einzig ein stolzer Abgang konnte ihm weitere Demütigungen ersparen. — Ich habe schon allzulange vergessen, daß hinter mir das britische Weltreich steht, dachte er und preßte das Kinn auf die Halsbinde.

Aber in diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Ein bärtiger Amtsdiener meldete einige Herren aus Johannesburg, die dem Gouverneur ihre Aufwartung zu machen wünschten.

„Gerade hier wollen sie mich sprechen?” fragte Sir Henry mit einem unsicheren Blick auf den Präsidenten.

„Aber bitte”, sagte Leyds. „Ihr Anliegen dürfte auch uns interessieren.”

Die Deputation aus Johannesburg schob sich ins Zimmer.

Der Wortführer war Mr. Lyonel Philipps, der am Witwatersrand die mächtige Kapitalgruppe der Brüder Barnato vertrat und seit einiger Zeit Vorsitzender der Minenkammer war. Auch der Makler Lobs war dabei. Sein faltiges Gesicht wirkte heute noch bekümmerter als sonst.

Philipps, ein Vierziger mit einem glatten Advokatengesicht, überbrachte dem Gouverneur die Grüße der Johannesburger. Am Witwatersrand bedaure man es außerordentlich, daß Sir Henry auf der Durchreise der Stadt keinen Besuch gemacht habe. Man hoffe jedoch, er werde das Versäumte bei seiner Rückkehr nach Kapstadt nachholen. Alle Vorbereitungen seien getroffen, um dem Empfang einen festlichen und würdigen Rahmen zu geben.

Bei den letzten Worten des Mr. Philipps räusperte sich Krüger und wechselte einen raschen Blick mit seinem Staatssekretär. Loch hatte es bemerkt. Ohne Zweifel hegten der Präsident und Leyds, angesichts der heutigen Vorgänge, ein starkes Mißtrauen gegen den würdigen Rahmen der geplanten Kundgebung. Da Sir Henry stumm blieb und weder Ablehnung noch Einverständnis bekundete, fuhr Philipps fort: „Jedenfalls erlauben wir uns schon heute, Ihnen im Namen der Uitländers eine Petition zu überreichen, die die Unterschrift von fünfunddreißigtausend angesehenen Männern trägt. Wir fordern die Erfüllung unserer alten, schon wiederholt geäußerten Wünsche nach Gewährung des Stimmrechtes, Abbau der ungerechten Konzessionen und Ermäßigung der Zoll- und Steuertarife.”

Lobs trat vor und präsentierte dem Gouverneur eine dicke, blaue Mappe. Er machte dabei ein Gesicht, als lüfte er eben den Deckel von der Büchse der Pandora.

Loch griff mit spitzen Fingern nach dem Dokument und sagte verlegen:

„Meine Herren, ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß ich mich hier als Gast der Transvaal-Regierung aufhalte. Ich bin in keiner Weise befugt, Ihre Beschwerden offiziell zur Kenntnis zu nehmen. Es handelt sich um Fragen, die allein zwischen Ihnen selbst und der Regierung der Republik geklärt werden müssen. Das schließt natürlich nicht aus, daß Sie die volle Sympathie der britischen Regierung besitzen.”

Sir Henry war wütend. In was für eine Lage hatten ihn da Rhodes und seine Freunde wieder gebracht! Wenn sie absolut Gelegenheit zu Pöbeleien mit der Burenregierung suchten, so mochten sie sich dazu einen ändern Mittelsmann aussuchen. Er war Diplomat und gab etwas auf gute Manieren. Heute übers Jahr bin ich bereits pensioniert, dachte er. Gott sei Dank!

In diesem Augenblick griff jemand nach der blauen Mappe, die er immer noch unschlüssig in der Hand hielt. Es war Oberst Schiel, der unbemerkt eingetreten war.

„Dieses Dokument gehört weder in die Hände des britischen Gouverneurs, noch in die des Herrn Präsidenten”, sagte der Preuße mit einer knappen, gleichsam entschuldigenden Verbeugung. „Dafür interessiert es die Polizei.”

Schiel öffnete die Mappe und entnahm ihr einige Bogen. Die Stille im Zimmer war bedrückend. Krüger stand wie eine Säule mitten im Raum, es zuckte verräterisch um seine Lippen. Leyds machte ein Gesicht, als erwarte er im nächsten Augenblick das Zuschnappen einer Mausefalle.

Jetzt ertönte wieder die etwas knarrende Stimme des Obersten. Wahrend er in leicht angedeuteter dienstlicher Haltung vor dem Präsidenten stand, berichtete er, daß die Polizei von Johannesburg das Zustandekommen der Petition aufmerksam verfolgt habe. Es sei ihr gelungen, einige der ausgelegten Bogen vorübergehend in die Hand zu bekommen. Graphologische Untersuchungen hätten ergeben, daß zahlreiche Personen mehrfach, jedesmal mit anderem Namen, unterzeichnet hätten. Auch seien verschiedentlich Minenarbeiter durch Geldprämien und kostenlose Verabfolgung von Alkohol zur Unterschrift verführt worden.

„Das Dokument trägt die Unterschrift von fünfunddreißigtausend Johannesburgern. Die erwachsene männliche Bevölkerung am Witwatersrand zählt aber höchstens fünfundzwanzigtausend”, schloß Schiel seinen Bericht.

Die Deputation stand mit roten Köpfen da. Nur Lobs versuchte ein bekümmertes Lächeln, als wollte er sagen: Ich habe gleich gewußt, daß es schief geht. Schließlich sagte der Präsident ernst, aber ohne Schärfe: „Glauben Sie nicht, daß Sie mich durch solche oder ähnliche Mittel zum Nachgeben zwingen können. Es gibt für die Uitländers nur einen einzigen Weg, der zur politischen Gleichberechtigung führt: Erwerben Sie sich unser Vertrauen! Sie sind Gäste in einem Hause und wünschen, in die Familie aufgenommen zu werden. Also benehmen Sie sich dementsprechend.”

„Wir bilden schon heute die Mehrheit der Bevölkerung und zahlen neun Zehntel aller Steuern!” trumpfte Mr. Philipps auf.

„Das Geld dafür haben Sie vermutlich aus England importiert?” fragte Krüger bissig zurück. „Und da Sie gerade von Mehrheit reden, kann ich Ihnen eine lehrreiche Geschichte erzählen. Als England im Jahre 1877 zur Annexion der Transvaal-Republik schritt, stützte es sich auf eine Petition, die die Unterschriften von einigen hundert eingewanderten Diamantensuchern, Goldgräbern und Viehhändlern trug. Diese Leute hatten Mr. Shepstone und die britischen Truppen eingeladen, ins Land zu kommen. ”Wir Buren protestierten gegen den Gewaltakt und forderten eine Volksabstimmung. Die Engländer erklärten jedoch, das sei unnötig, denn das Resultat sei von vornherein klar und könne nur die Rechtmäßigkeit des britischen Vorgehens bestätigen. Um ihnen das Gegenteil zu beweisen, beriefen wir Volksversammlungen ein und brachten Tausende von Unterschriften zusammen. Mit diesen Dokumenten fuhr ich nach London und forderte noch einmal eine Abstimmung. Diesmal hieß es: Das sei ja alles recht schön und gut, aber eine Volksabstimmung könne nicht gestattet werden, da sie notwendigerweise zu Unruhen führen müsse. — Wir stimmten trotzdem ab, und es gab keine Unruhen. Zehntausend Männer erklärten sich für eine Wiederaufrichtung der freien Republik, sechshundert für die Vereinigung mit der britischen Kapkolonie. Ich fuhr noch einmal nach London. Jetzt aber gab man sich nicht einmal mehr die Mühe, nach Argumenten zu suchen. Schließlich mußten wir die Waffen entscheiden lassen. Bei Majuba hat es sich dann gezeigt, daß das Recht auf unserer Seite war.”

Krüger schwieg eine Weile. Er hatte die Augen auf die schwere Büchse an der Wand gerichtet. Dann fuhr er fort:

„Wundern Sie sich nicht darüber, daß wir aus diesen bitteren Erfahrungen eine Lehre gezogen haben. Vor der Annexion war jeder Einwohner Transvaals abstimmungsberechtigt. Die Wahlgesetze wurden erst nach dem Befreiungskrieg geändert. Und ich werde sie nicht eher revidieren lassen, als bis nicht jede Gefahr für die Republik beseitigt ist.”

Niemand hatte etwas zu erwidern. Die Herren von der Deputation standen mit mürrischen Gesichtern. Lyonel Philipps warf dem Gouverneur einen fragenden Blick zu. Aber Sir Henry hob nur die Schultern und sah verstohlen auf seine Armbanduhr. Die Audienz war beendet, und die Johannesburger verabschiedeten sich etwas überstürzt. Wenige Minuten später kehrte auch Sir Henry in sein Hotel zurück.

Krüger hatte Oberst Schiel gebeten, noch einen Augenblick zu bleiben.

Der Gouverneur will den Johannesburgern einen Besuch machen. Was werden Sie unternehmen, wenn es wieder zu Demonstrationen kommt?” fragte er, als sie allein waren.

„Ich werde es gar nicht erst so weit kommen lassen.”

„Hier waren es nur ein paar Dutzend. Am Rand werden es Tausende sein.”

„Das macht nichts”, meinte Schiel unbekümmert. „Ich kann mich auf meine Leute verlassen. Schlimmstenfalls genügen ein paar Schüsse — wenn es sein muß, sogar scharfe.”

Aber Krüger schüttelte den Kopf.

„Nein, lieber Schiel”, sagte er, „den Gefallen wollen wir Mr. Rhodes nicht tun. Wenn die Scheune unbedingt brennen soll, mag er doch selber das Streichholz ins Stroh werfen. Ich stelle mich lieber beizeiten an die Feuerspritze.”

Sir Henry saß gerade beim Essen, als ihm ein Brief des Präsidenten überbracht wurde. Krüger schrieb, er würde ihm außerordentlich dankbar sein, wenn er unter den gegenwärtigen Umständen auf seinen Besuch in Johannesburg verzichtete. Andernfalls sähe sich die Transvaal-Regierung gezwungen, ihn schon jetzt mit der vollen Verantwortung für etwaige Zwischenfälle und deren Folgen zu belasten.

Verantwortung war nun allerdings das letzte, wonach sich Sir Henry sehnte. Er zählte die Tage bis zu seiner Pensionierung. Er fühlte seit einiger Zeit, wie es im Gebälk des südafrikanischen Friedens knisterte. Dunkle Kräfte waren am Werk, und die britische Regierung, der er mehrmals Mitteilung von seinen Besorgnissen gemacht hatte, hüllte sich in ein immer undurchdringlicheres Stillschweigen. Sir Henry befand sich in der Lage eines Mannes, der in einem lecken Boot der Küste zutreibt. Würde er das Ufer seiner geliebten Ile of Man noch erreichen, bevor die Wasser über ihm zusammenschlugen? — Auf Abenteuer verspürte er jedenfalls keine Lust.

Als ihm Mr. Philipps in den späten Abendstunden noch einmal einen privaten Besuch machte, erklärte Loch mit dürren Worten, er sähe sich außerstande, die Stadt Johannesburg diesmal zu besuchen.

Philipps kniff enttäuscht die Lippen ein.

„Sie nehmen uns eine unwiederbringliche Gelegenheit, für unsere Forderungen zu demonstrieren. Die Minen haben sogar beschlossen, eine Arbeitsschicht ausfallen zu lassen, damit zehntausend Arbeiter und Angestellte auf die Straße gehen können. Den Lohn zahlen wir natürlich. Ich weiß auch, daß Mr. Rhodes der Ansicht ist, man müsse Krüger unter Druck setzen.”

„Rhodes ist in England”, sagte Loch verärgert. „Weshalb kommt er nicht her und demonstriert selbst? — Was wollen Sie eigentlich mit alledem erreichen?”

„Die Nachgiebigkeit der Transvaal-Regierung”, erwiderte Lyonel Philipps mit einem undurchdringlichen Gesicht. „Wenn wir unsere Forderungen nicht auf legalem Wege durchsetzen können, müssen wir zu anderen Mitteln greifen. Zwanzigtausend Männer am Witwatersrand warten nur auf das Signal.”
Loch machte ein paar erregte Schritte. So weit war es also schon! Die Johannesburger spielten mit dem Gedanken an einen Aufstand. Und er, den die britische Regierung absichtlich ohne Direktiven ließ,
sollte ihnen womöglich das erwartete Signal geben. Was sollte er tun? stemmte er sich gegen die Bewegung, so zog er sich wahrscheinlich den Zorn Cecil Rhodes' und der anderen Allgewaltigen zu, die hinter den Kulissen wirkten. Und wenn er die Verantwortung übernahm — wer garantierte ihm, daß das Unternehmen nicht kläglich scheiterte? Krüger und seine Buren verstanden keinen Spaß, und daß der alte Mann schlau genug war, den Schuldigen von vornherein festzunageln, hatte er eben erst durch seinen Brief bewiesen.

Zeit gewinnen, dachte er, darauf allein kommt es jetzt an. Nach mir die Sintflut!

„Fühlen Sie sich denn stark genug, um Ihre Sache mit der Republik durchzufechten?” fragte er so besorgt wie möglich. „Denn auf eine offizielle Unterstützung durch Großbritannien können Sie nicht rechnen.”

Philipps sah den Gouverneur erstaunt an. Wenn er auch keine bindende Zusage erwartet hatte, so kam ihm diese klare Ablehnung nach allem, was er bisher gehört hatte, doch überraschend.

„Wir verfügen über rund tausend gute Gewehre und annähernd zehntausend Schuß Munition”, sagte er zögernd.

Sir Henry schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

„Und damit wollen Sie Krüger zu Leibe gehen? Ich warne Sie! Die Welt und die Geschichte sind mitleidslos in ihrem Urteil über diejenigen, die ihre Ziele mit unzulänglichen Mitteln anstreben und deshalb scheitern. Mögen diese Ziele nun gut oder schlecht sein. Einzig der Erfolg entscheidet.”

Nachdem Mr. Loch seinem Besucher noch einige Belehrungen allgemein-politischer Natur erteilt hatte, komplimentierte er ihn zum Zimmer hinaus.

Wahrend Mr. Philipps die Treppe zum Vestibül des Transvaal-Hotels hinunterstieg, dachte er: Nur gut, daß es ein Pensionsgesetz für Staatsbeamte gibt!

Sir Henry hatte ähnliche Gedanken, während er sich schlafen legte. Lange konnte er keine Ruhe finden, und als er endlich eingeschlafen war, verfolgten ihn bedrückende Träume.

Er hatte eine Briefmarke gekauft, die den bärtigen Kopf Ohm Krügers zeigte. Froh über seine Neuerwerbung, durchsuchte er alle seine Alben, um den für die Marke vorgeschriebenen Platz ausfindig zu machen. Aber soviel er auch wühlte und blätterte, er fand die Stelle nicht. Und doch war ihm, als hänge seine Seligkeit davon ab!