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Siebentes Kapitel

Gegen Mittag, zwei Stunden früher als gewöhnlich, verließ Krüger das Regierungsgebäude.

Rings um den großen Markt, der um diese Tageszeit verödet lag, waren die Sonnenmarkisen der Läden und Restaurants heruntergelassen. Unter den Kolonnaden faulenzten ein paar Schwarze, die wolligen Köpfe an ihre Schuhputzerkästen gelehnt, und bemühten sich, den Präsidenten nicht zu bemerken. In der Luft war der Geruch von überreifen Orangen und frischgeröstetem Kaffee.

Krüger ging über den sonnenbeschienenen Markt, der von Wagenspuren kreuz und quer durchfurcht war. Als er die Mitte des großen Vierecks erreicht hatte, blieb er stehen und wandte sich um. Die Kuppel über dem wuchtigen, dreistöckigen Block des Regierungsgebäudes gleißte und funkelte, als wolle sie alle Welt darauf aufmerksam machen, daß unter diesem Dach die Geschicke des goldreichsten Landes der Erde gelenkt wurden. Andere, kaum weniger hohe Gebäude schlössen sich zu beiden Seiten an. Auf dem Transvaal-Hotel, einem etwas protzigen Bau in antikisierendem Stil, wehten der Vierkleur und die britische Flagge einträchtig nebeneinander. Schwarze Hausdiener in Livree waren eben dabei, vor dem Portal einen breiten, roten Teppich aufzurollen. Man traf Vorbereitungen für den Empfang Sir Henry Lochs, der am Nachmittag in Pretoria erwartet wurde.

Der Präsident betrachtete das veränderte Bild seiner Hauptstadt mit gemischten Gefühlen. In weniger als fünf Jahren war aus einem Bauerndorf eine Stadt geworden, die sich in Südafrika, ja selbst in Europa sehen lassen konnte. Lehmhütten hatten sich in Paläste, Obstgärten in gepflegte Parks und Karrenwege in gepflasterte Geschäftsstraßen verwandelt. Aber der Grund, auf dem dies alles stand, war nicht fester geworden. Wohl war Pretoria nun endlich die würdige Hauptstadt der Republik, doch die Buren wurden immer seltener in ihren Mauern.

Früher hatte es eine Ausnahme und beinahe ein aufregendes Abenteuer bedeutet, wenn er auf seinen täglichen Gängen von der Wohnung zum Volksraad einmal ein fremdes Gesicht erblickte. Die paar hundert weißen Bewohner Pretorias bildeten eine einzige große Familie, und oft genug geschah es, daß sich die ganze Bürgerschaft zu einer vergnügten Landpartie in die umliegenden Berge vereinigte. Die zahllosen klaren Bäche, denen die Stadt ihr Emporblühen und ihre üppige Vegetation verdankte, rieselten damals noch ungebändigt durch die Straßen. Einmal — Krüger erinnerte sich noch gut — hatte er seinen Vorgänger, den Präsidenten Thomas Burgers, dabei überrascht, wie er mit seiner ganzen Familie am Straßenrande hockte und eifrig Goldkörner aus dem Rinnstein wusch.

Heute war alles anders geworden. Pretoria war eher eine englische Stadt, und das Gold, das niemand mehr in den wohlkanalisierten Rinnsteinen zu suchen brauchte, füllte in schweren Barren die Safes der Banken. Minenbesitzer, denen das staubige und häßliche Johannesburg nicht behagte, hatten sich in den Villenkolonien der Stadt eingenistet und erfreuten sich an den Rosenkulturen, die die Burenfrauen dort vor Jahrzehnten gepflanzt hatten. Prunkvolle Karossen, für Fahrten über das Weichbild der Stadt hinaus kaum geeignet, beherrschten das Straßenbild, und nur noch an den Markttagen tauchten die schweren Ochsenkarren der Buren und ihre grauen, selbstgewebten und -gefertigten Kleider •in Pretoria auf. Wenn Krüger heute einmal einem alten Bekannten begegnete, so war das ein Erlebnis, über das er später lange mit Sannie sprechen konnte. Er lächelte trübe, während er an Sannie dachte und seinen Weg über den Markt wieder aufnahm. Sannie hatte niemals ein Hehl aus ihrer Abneigung gegen Pretoria und das neue Leben gemacht. Noch immer weigerte sie sich eigensinnig, die Rolle zu übernehmen, die ihr als Gattin des Staatspräsidenten zukam. Abwechselnd trug sie ihre drei Kleider, die sie sich selber genäht hatte, und die Töchter hatten einen langen Kampf ausfechten müssen, bis ihre Mutter sich bequemte, einen Hut statt der holländischen Haube zu tragen. Sannie hatte sogar ihren Bauernhof, soweit das möglich war, nach Pretoria verpflanzt. Im Wirtschaftshof der Präsidentenvilla hielt sie Hühner und Kühe, und jeden Morgen und Abend verkaufte sie eigenhändig die Produkte ihrer kleinen Wirtschaft an die Einwohner Pretorias — da sie, wie sie erklärte, den schwarzen Dienstboten nicht über den Weg traute und weißes Personal in diesen verrückten Zeiten nicht mehr zu bezahlen war. Daß die Millionäre die Milch der Frau Präsidentin lobten erfüllte sie mit größerem Stolz als der internationale Ruf ihres Mannes, und sie wäre wahrscheinlich aus allen Wolken gefallen, wenn man ihr erklärt hätte, daß die reichen Uitländers die Krüger-Milch' meist nur aus Sensationslust kauften.

Anders denn als Käufer von Milch und Eiern schätzte sie die Fremden übrigens nicht in ihrem Hause. Um so anspruchsvolle Gäste zu bewirten, hätte sie ihre Speisekammer mit sündhaft teuren Dingen füllen müssen, und dagegen sträubte sich ihr sparsames Hausfrauenherz. Niemals würde sie begreifen, daß Krügers heute, mit einem Jahresgehalt von achttausend Pfund, reiche Leute waren. Wie früher grübelte sie Abende lang über ihrem Wirtschaftsbuch, in dem die Einnahmen und Ausgaben des Haushaltes nach Mark und Pfennig verzeichnet standen, und schüttelte den weißen Kopf über die teuren Zeiten. Es war ihr gleichgültig, wenn man sie belächelte, und sie hatte sich auch damit abgefunden, daß selbst die eigenen, längst herangewachsenen Kinder den Rat der schlichten, alten Frau nicht mehr brauchten. Auch für die politischen Sorgen ihres Mannes interessierte sie sich immer weniger, seit aus dem patriarchalisch verwalteten Bauernbund die komplizierte Staatsmaschine der Republik geworden war. Warum sollte sie sich den alten Kopf über Minengesetze, Handelsverträge und Eisenbahnkonzessionen zerbrechen? Sannie verbarrikadierte sich immer mehr in ihren Wirtschaftsräumen, die sie energisch gegen jeden Eindringling verteidigte — mochte es sich nun um neumodische Konserven handeln oder um die eigenen Kinder und Enkel, die in einer sträflichen Großzügigkeit die Gewohnheit angenommen hatten, ohne zu fragen, Getränke und Speisen aus ihrer Vorratskammer zu entwenden und mit Freunden zu verzehren. „Nichts als Räuber und Diebe”, hatte sie kürzlich erbost geäußert, „sogar in meiner eigenen Familie.”

Paul Krüger begriff seine Frau nur zu gut. Fühlte er sich etwa weniger fremd in der Welt des Goldes und der Uitländers, gegen die er nicht einmal seine Landeshauptstadt und das Regierungsgebäude verteidigen konnte? Er warf noch einmal einen bösen Blick auf den Palast mit der Goldkuppel. Als er vor fünf Jahren den Grundstein legte, hatte er nicht geahnt, wieviel bittere Erfahrungen in den säulengeschmückten Hallen, den teppichbelegten Gängen und holzgetäfelten Sitzungszimmern auf ihn warteten. Er hatte damals eine Rede gehalten und die Buren darauf hingewiesen, daß dieses Bauwerk die wachsende Macht und den Wohlstand ihres Staates verkörperte. Stolz wie ein Bauer, der endlich darangehen darf, eine geräumigere Scheuer für den Reichtum seiner Ernten zu bauen, hatte er von den Kosten des Gebäudes, von seiner imponierenden Länge und Höhe gesprochen und das Volk ermahnt, sich durch Einigkeit, Ehrbarkeit und Treue diesem Symbol würdig zu erweisen. Aber die alten Tugenden hatten den Einzug in das neue Regierungsgebäude nicht mitgemacht. Auf den abgeschabten Bänken des alten, von Pfeifenrauch und Stallduft: erfüllten Volksraads hatten noch die Männer der Vortreckerzeit gesessen. In den weichen Sesseln des neuen Sitzungssaales aber nisteten Korruption, Mißtrauen und Parteigeist. Es gab kaum einen Abgeordneten, an dessen Händen nicht ein wenig vom Golde Johannesburgs hängengeblieben war. Dabei war an sich nichts Unrechtes zu finden, wenn das Geld ehrlich verdient war. Kein echter Bauer wird darauf verzichten, Gewinn aus den Früchten seines Bodens zu ziehen, mögen es nun Goldkörner oder Weizenkörner sein. Schlimm aber war es, daß einer dem anderen seinen Reichtum nicht gönnte, daß die Abgeordneten durch die verwickelten Interessen, die sie vertraten, in eigensüchtige Parteien gespalten waren und einander als Reaktionäre und Reformer gehässig gegenüberstanden. Die Presse, die in den letzten Jahren üppig ins Kraut geschossen war, tat ein übriges, indem sie, selbst bestochen und aus dunklen Quellen gespeist, eifrig nach Skandalen schnüffelte und Unfrieden ins Volk trug.

Krüger faßte seinen Krückstock fester und stieß ihn im Gehen hart auf den Boden. Gerade vor seinen Augen erhob sich das neue Gebäude der Volksstimme'. Es war erst vor wenigen Tagen fertig geworden, und von der Fassade glänzte der Name des Blattes in goldenen Lettern. Viel unnützes Papier wurde jetzt in Transvaal bedruckt. Früher, vor vierzig Jahren, hatte es in der ganzen Republik nur einen einzigen Drucker gegeben, Karl Jeppe aus Potchefstrom. Einmal, als ein Konflikt um die Präsidentschaft ausgebrochen war, hatten die Buren dieses Druckers wegen beinahe eine blutige Schlacht geschlagen, da jeder das wertvolle Unterpfand der Propaganda in die Hand bekommen wollte. Im letzten Augenblick war Jeppe, unter den schützend ausgebreiteten Armen Krügers hindurch, mit flatternden Rockschößen zu der Partei übergelaufen, die eben im Begriff stand, die brennende Lunte an die Kanone zu legen.

Heute stehen jedem Kläffer genug Zeitungen zur Verfügung, dachte der Präsident, während er weiterging. Und die Uitländers reißen das Maul am weitesten auf. Man müßte den Burschen wieder mal mit Kanonen Angst einjagen; wahrscheinlich würden sie dann noch schneller laufen als der gute Jeppe!

Die Kanonen donnerten freilich auch jetzt wieder in Transvaal. Vor zwei Wochen war der Generalkommandant Piet Joubert mit einem Aufgebot nach Zootpansberg abgerückt, um den widerspenstigen Kaffernhäuptling Malapoch zur Vernunft zu bringen. Aber die Leute aus den Zeitungen waren nicht dabei. Sie saßen in ihren Redaktionsstuben und schrien Zeter und Mordio, weil die Republik es gewagt hatte, auch einige in Pretoria ansässige Uitländers zum Heeresdienst einzuziehen. Die Angelegenheit hatte viel Staub aufgewirbelt, im Volksraad sowohl wie in ganz Südafrika; und sogar der britische Gouverneur, Sir Henry Loch, hatte sich bemüßigt gefühlt, seinen Besuch in Pretoria anzusagen, um mit dem Präsidenten über den Fall zu sprechen. Heute nachmittag wurde der hohe Gast erwartet, und dies war auch der Grund, weshalb Krüger das Regierungsgebäude früher als gewöhnlich verlassen hatte.

Er hatte jetzt sein Haus erreicht und blieb einen Augenblick stehen, um sich am üppigen Wachstum der Bäume und Sträucher des Gartens zu freuen. Die Weiden und Fichten, die er vor fünfzehn Jahren selbst gepflanzt hatte, waren rasch in die Höhe geschossen. Das langgestreckte, einstöckige Haus mit den zwei behäbigen Giebeln lag schon halb versteckt im Grün. Der Blick von der Veranda auf die Straße war nicht mehr so frei wie einst. Aber was es dort zu sehen gab, war ja auch nicht mehr allzu erfreulich. Sollte er sich etwa an den gelangweilten Gesichtern seiner Leibwächter ergötzen, die den ganzen Tag vor dem Hause auf und ab schlenderten und den Eindruck harmloser Spaziergänger zu erwecken suchten? Es war wirklich weit gekommen mit Transvaal wenn der Präsident mitten in seiner Hauptstadt eine Schutzgarde brauchte. Früher war er mutterseelenallein durch das ganze Land geritten, das von räuberischen Buschmännern und kriegerischen Kaffern wimmelte. Aber Dr. Leyds bestand nun einmal auf der Garde, und der mußte ja am besten wissen, was dem Oberhaupt eines modernen, wohlgeordneten Staates geziemte.

Als Krüger die Stufen zur Veranda hinaufstieg, warf er einen schrägen Blick auf die beiden marmornen Löwen, die rechts und links den Eingang bewachten. Sie waren Geschenke des Minenmagnaten Barnay Barnato. Böse Zungen behaupteten, daß die Tiere eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem Spender aufwiesen und unverkennbar jüdische Nasen hätten. Krüger selbst war überzeugt, daß die Löwen lächeln konnten, und dieses Lächeln steigerte sich zu Zeiten, wenn er Ärger mit den Johannesburgern hatte, zu einem herausfordernden Grinsen. Heute brauchte er gar nicht erst genauer hinzublicken, um sich zu vergewissern, daß ihr Ausdruck die Grenze des Erträglichen streifte.

Von der Veranda führte eine Flügeltür in die Wohnstube, den sogenannten Saal. Obwohl es ein recht großer Raum war, konnte man sich zwischen den zahllosen Möbelstücken kaum bewegen. Moderne englische Klubmöbel hockten breit neben zierlichen Louis-Seize-Stühlen, und auch ein roher, selbstgezimmerter Lehnstuhl aus der Zeit des großen Trecks war noch vorhanden. Die Sammlung wurde ergänzt durch das obligate Harmonium und eine verschabte Plüschgarnitur, die an einigen Stellen fleischfarben geworden war. An der Wand hing, zwischen vergilbten Daguerrotypen in ovalen Rahmen und dem Christus von Thorwaldsen, ein Löwenfell, in das die Motten gekommen waren. Es war die erste Trophäe Paul Krügers, die er vor achtundfünfzig Jahren erlegt hatte.

Für diese schrittweise Verwandlung der Krügerschen Wohnstube in ein Möbelmagazin trug Tante Sannie die alleinige Verantwortung. Immer wieder beschlossen Freunde und Verwandte, dem Präsidenten endlich eine würdige und stilgemäße Einrichtung zu schenken. Sannie nahm die Gaben dankbar in Empfang, stellte aber die neuen Möbel stets zwischen die alten, von denen sie sich um keinen Preis trennen wollte. So bot der Saal ein getreues Abbild der Wandlung, die die Familie Krügers und mit ihr das ganze Burenvolk in den letzten Jahrzehnten mehr gezwungen als freiwillig durchlaufen hatte.

Da der Präsident niemanden in der Wohnstube vorfand, öffnete er die gegenüberliegende Tür und betrat über einen Gang den Wirtschaftsflügel, der sich im rechten Winkel an das Hauptgebäude lehnte. Säuerlich-frischer Molkereigeruch strömte ihm entgegen, und er hörte die Schlegel auf die Butterklumpen klatschen.

Die Milchkammer war der modernste Raum im ganzen Hause. Denn einzig, wo es sich um die Bereitung von Butter und Sahne handelte, zollte Sannie den fortschrittlichen Ideen ihre Anerkennung. Daß in einem Lande, dessen Reichtum in seinen Rinderherden bestand, immer noch Kondensmilch zum Kaffee getrunken wurde — einfach weil man zu träge war, auf die Weiden zu gehen und die Kühe zu melken —, hielt sie für widersinnig und für eine sündhafte Verschwendung himmlischer Gaben. Sie kämpfte seit Jahren einen zähen Kampf für die Versorgung der Hauptstadt mit frischer Sahne, und sie hatte sich aus Europa die modernsten Molkereimaschinen bestellt. Eine handgetriebene Zentrifuge, die eine rationellere Entrahmung der Milch gestattete, und ein geräumiger Eisschrank waren ihr ganzer Stolz.

Krüger trat in die Milchkammer und sagte, während er mit dem Zeigefinger ein wenig von der frischen Butter probierte:

„Wir müssen gleich essen. Ich gehe heute zum Bahnhof.”

Sannie trocknete die Hände in der weißen Schürze und wandte ihm ihr gütiges, kleines Altfrauengesicht zu, in dem nur der schmale, eingekerbte Mund still ertragene Schmerzen und Enttäuschungen verriet.

„Willst du mit der Eisenbahn fahren?” fragte sie erschrocken. Sie war daran gewöhnt, daß ihr Mann monatelang mit dem Maultierwagen durch die entlegensten Grenzprovinzen reiste. Aber eine Fahrt mit der neueröffneten Bahn, selbst wenn es sich dabei nur um die kurze Strecke nach Johannesburg handelte, flößte ihr immer noch Besorgnis ein.

„Nein”, sagte Krüger, und sein Gesicht verdüsterte sich. „Ich muß den britischen Gouverneur abholen.”

„Du lieber Himmel! Der Gouverneur kommt nach Pretoria? Der ist ja seit beinahe zwanzig Jahren nicht mehr hier gewesen!”

»Es ist auch nicht mehr derselbe”, erwiderte der Präsident ein wenig gereizt. Er wußte, daß Sannie an den Besuch Sir Theophilus Shepstones dachte, der damals den Auftakt zur Annexion von 1877 gebildet hatte. Und bemüht, die aufsteigenden bitteren Erinnerungen von sich zu schieben, setzte er hinzu: „Er kommt nur wegen der Uitländers, die nicht in den Krieg wollen.”

Sannie sah ihn an und spürte, wie er sich quälte. „Wir werden gleich essen”, sagte sie und band hastig ihre Schürze ab. „Ich werde dir auch einen guten Rock zurechtlegen.” Aber in der Tür wandte sie sich noch einmal um und fragte ängstlich: „Der Gouverneur kommt doch nicht zu uns ins Haus? Ich weiß gar nicht, was ich ihm anbieten soll.”

Jetzt mußte Krüger wieder lächeln.

„Nein, Sannie, mach dir keine Sorgen. Sir Henry wohnt im Transvaal-Hotel. Unter den Uitländers fühlt er sich behaglicher.”

Beim Mittagessen war der Präsident schweigsam und in sich gekehrt. Nur manchmal warf er einen raschen Blick zum Platz seines Schwiegersohns Koop hinüber, der sich mehrmals Whisky und Soda in ein großes Glas schenkte.

„Kannst du eigentlich am Nachmittag arbeiten, wenn du schon mittags so viel trinkst?” fragte er schließlich und legte den Löffel beiseite. „Aber du brauchst wohl nicht zu arbeiten — das besorgt dein Geld ganz von selbst.”

Um die Mundwinkel Koops lief ein Zucken.

„Was soll ich arbeiten? Ich habe heute mein Büro schließen müssen.”

„Weshalb denn?” fragte Caspar Krüger rasch. Er hoffte wohl, dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können.

„Dein Vater hat meinen Freund Henry verhaften und mit Gewalt zu Joubert an die Front schicken lassen”, sagte Koop.

Krüger machte ein unbeteiligtes Gesicht, während er fragte:

„Wer ist denn dein Freund Henry?”

„Henry Coward, mein Kompagnon.”

„Es wundert mich, daß du mit Feiglingen und Drückebergern befreundet bist.”

Krüger hatte am Morgen den Befehl gegeben, ein Dutzend Engländer, die sich geweigert hatten, dem Gestellungsbefehl Jouberts Folge zu leisten, per Schub und unter polizeilicher Bedeckung an die Front zu transportieren. Er wollte, noch bevor Sir Henry Loch in Pretoria eintraf, vollendete Tatsachen schaffen und vor aller Welt deutlich machen, daß er den Gesetzen des Landes Achtung zu erzwingen wußte. Im Grunde aber war ihm an den widerwilligen Kriegsdiensten der Uitländers gar nichts gelegen. Und er hatte dem Volksraad bereits ein Gesetz unterbreitet, das den Fremden gestattete, sich durch eine Geldbuße von der Wehrpflicht freizukaufen.

„Ich wußte nicht, daß Mr. Coward auf der Liste stand”, sagte er. „Aber selbst wenn es mir bekannt gewesen wäre, hätte ich ihn nicht geschont. Dein Geschäft wird wohl ein paar Wochen ohne Partner existieren können.”

„Natürlich”, meinte Caspar und stieß den Schwager unter dem Tisch an. „Augenblicklich kann man in Transvaal ja sein Geld im Schlaf verdienen.” Er fürchtete, Koop könnte den Vater noch mehr reizen. Krüger zeigte in letzter Zeit, besonders wenn er sich länger in Pretoria aufgehalten hatte, eine Empfindlichkeit und eine Neigung zu Zornesausbrüchen, die man früher nicht an ihm gekannt hatte.

Aber Koop schien entschlossen, den Kampf aufzunehmen. Mit etwas zu lauter Stimme, aus der der Mut der Verzweiflung klang, sagte er:

„Ich begreife nicht, wie man einen Fremden, der bei uns nur seinen friedlichen Geschäften nachgeht, dazu zwingen kann, an die Front zu gehen und auf Kaffern zu schießen. ”Wenn ihr den Leuten wenigstens das Stimmrecht einräumen würdet.”

„Aber sie haben doch den zweiten Volksraad!” warf Caspar hastig ein.

Koop schnippte verächtlich mit den Fingern.

„Das ist nur Bluff. Der zweite Volksraad ist ganz und gar von dem ersten abhängig. Und der erste ...”

Krüger ließ das Messer klirrend auf den Teller fallen.

„Der erste Volksraad würde, wenn du und deinesgleichen darin säßen, wahrscheinlich die Republik so rasch wie möglich an England ausliefern”, donnerte er. „Ihr wartet ja alle nur auf das vereinigte Südafrika, das Paradies des Fortschrittes und des Reichtums.”

„Ware ein vereinigtes Südafrika denn wirklich ein so großes Unglück?” warf Koop, aber schon um einige Grade leiser, ein.

„Wenn es den Buren gehörte, sicher nicht. Aber auf deine Art würde eine englische Kolonie daraus werden. Afrika den Afrikanern, das sagt auch Mr. Rhodes. Aber daß der Vereinsvorstand und die Kasse sich in London befinden werden, das sagt er euch nicht. Ihr Narren leckt den Briten die Stiefel und äfft sie nach, wo ihr könnt, damit sie euch nicht länger für Menschen zweiten Ranges halten sollen. Und nur deshalb wollt ihr ihnen das Stimmrecht gewähren, damit sie euch später, wenn sie uns geschluckt haben, aus Dankbarkeit auch einen Brocken hinwerfen.”

„Du brauchst mich nicht zu beleidigen.” Koop gab sich Mühe, kühl und obenhin zu sprechen. Aber seine Hand, die das Whiskyglas drehte, zitterte merklich. „Ich weiß ja, daß du jeden, der nicht so will wie du, am liebsten zum Landesverräter stempeln möchtest. Aber in Wirklichkeit sehen wir nur klarer und wollen eine Katastrophe verhindern, die unausweichlich eintreten muß, wenn nicht...”

„Wenn nicht was?” unterbrach ihn Krüger lauernd. Und als Koop nicht gleich antwortete, fuhr er fort:
„Ich weiß, was du sagen wolltest: Wenn wir uns nicht freiwillig unterwerfen! Also du bist für Kapitulation. Du verlangst, wir sollen die Waffen wegwerfen, noch bevor wir sie gebraucht haben. Weißt du, wie man das nennt? Fahnenflucht! In Europa, auch in deinem angebeteten England, werden solche Leute erschossen.” Er war aufgesprungen und hatte den Stuhl zurückgestoßen. Die Wut funkelte aus seinen Augen. „Ich will keine Feiglinge in meinem Hause, hörst du? Hunderte von Männern, die meine Freunde waren und die heute tot sind, haben bis zum letzten Atemzug gekämpft, auch wenn der Feind tausendfach überlegen war und sie keine Rettung mehr sahen.” Plötzlich ruhiger geworden, fügte er hinzu: „Geh hinaus. Ich will bei Tisch meine Ruhe haben. Das Essen widersteht mir, wenn ich deine Reden mit anhören muß.”

Koop erhob sich. Er war blaß geworden, aber er ging ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer. Krüger hatte sich schon wieder gesetzt und zerteilte sorgfältig das große Stück Rindfleisch auf seinem Teller.

„Laß den Kindern doch ihre Meinung”, sagte Sannie mit zitternder Stimme. „Du treibst sie ja aus dem Hause.”

„Immer noch besser, als wenn sie uns hinaustreiben. Denn darauf haben sie es ja abgesehen. Wir stehen ihnen und ihrer sogenannten neuen Zeit im Wege”, antwortete er.

„Koop tut schlimmer, als er in Wirklichkeit ist”, begütigte Caspar. „Wenn es zum Schlimmsten kommen sollte, würde er ebenso gut seinen Mann stehen wie alle anderen.”

Krüger sah seinen Sohn nachdenklich an.

„Meinst du? Vielleicht täte uns allen ein tüchtiger Sturm nur gut. Wenigstens würden sich dann die Böcke von den Schafen sondern. Als ich so jung war wie ihr, gab es auch manchmal Streit in der Republik. Aber dann haben uns die Kaffern immer rasch bewiesen, daß wir nur in Einigkeit bestehen konnten.”

Er legte die Serviette beiseite und erhob sich. Die anderen folgten seinem Beispiel. Krüger sprach das Tischgebet mit lauter Stimme, fast, als stände er auf der Kanzel. Dabei hielt er die Augen auf seine Hände gerichtet, die braun und knorrig wie die Wurzelstöcke alten Efeus auf dem Tischtuch lagen. Am Mittelfinger der linken Hand glänzte ein schmaler, goldener Ring, und als der Präsident die Hände im Gebet fester umeinanderschloß, fühlte er den Druck des Metalls.

Als er vor siebzehn Jahren zum erstenmal nach London gefahren war, um von der britischen Regierung die Räumung der rechtswidrig besetzten Transvaal-Republik zu erwirken, hatte ihm ein Engländer, der ehrlicher dachte als seine Landsleute, diesen Ring geschenkt. Er trug die eingravierten Worte: „Harret aus Das Recht ist auf eurer Seite.” Das Colonial Office hatte nur taube Ohren für die Vorstellungen Krügers gehabt, und drei Jahre danach mußten die Buren zu den Waffen greifen, um sich ihr Recht zu erkämpfen. Den Ring aber hatte der Präsident behalten und niemals wieder abgelegt.

In einem der letzten Wagen des Zuges, der sich, von Johannesburg kommend, der Hauptstadt näherte, saß Oberst Schiel. Der aufgezwirbelte, blonde Schnurrbart und seine gerade, fast steife Haltung verrieten sofort den Preußen. Die Engländer, die bei weitem die Mehrheit der Reisenden bildeten, grüßten den wohlbekannten Chef der Johannesburger Polizei mit einer Mischung aus kühler Förmlichkeit und widerwilliger Hochachtung. Daß Krüger ausgerechnet einem Deutschen die Sorge für Ordnung und Sicherheit in ,ihrer' Stadt anvertraut hatte, ärgerte die Briten. Andererseits mußten sie zugeben, daß die Polizei, seit sie der ehemalige preußische Offizier neu organisiert hatte, ihre vielfältigen Aufgaben vorzüglich löste.

Als Schiel vor einigen Jahren, wegen einer unangenehmen Duellaffäre zum Verlassen der Heimat gezwungen, in die Dienste der Transvaal-Republik getreten war, hatte er sich einer fast unlösbaren Aufgabe gegenübergesehen. Zwar waren die Burenpolizisten allesamt wilde Draufgänger, die sich vor nichts in der Welt fürchteten. Aber für das, was Oberst Schiel Disziplin nannte, fehlte ihnen jedes Verständnis. Sie erschienen zum Dienst, wann es ihnen paßte, und nahmen sich ihren Urlaub nach Gutdünken. Der neue Chef hatte sich in den ersten Monaten fast die Gelbsucht an den Hals geärgert. Schließlich mußte er einsehen, daß mit Kasernenhof-Drill und strengen Strafen allein das Versäumte niemals nachzuholen war. Da hatte er kurz entschlossen alle seine überkommenen Vorstellungen •von Autorität und Prestige über den Haufen geworfen und sich einfach als Kamerad unter Kameraden gegeben. Er hatte seine jungen Polizisten bei ihrem Sportgeist gepackt und ihnen die Überzeugung beigebracht, daß sie, wenn sie nur wollten, mit Leichtigkeit die Mustertruppe der Burenarmee werden konnten. Und das hatte gewirkt. Jetzt konnte er stolz auf seine Jungens sein und wußte, daß sie für ihn durchs Feuer gingen.

Es war wahrhaftig keine leichte Aufgabe, am Witwatersrand für Ordnung zu sorgen und dabei doch alle unnötigen Reibungen mit der vielsprachigen, aus allen Rassen und Nationalitäten der Welt gemischten Bevölkerung zu vermeiden. In Johannesburg, das einen Staat im Staate bildete und sich einer weitgehenden Selbstverwaltung erfreute, wußte man niemals recht, mit wem man es zu tun hatte, und ob man nicht unabsichtlich einer hochgestellten und einflußreichen Persönlichkeit auf die Füße trat.

Aber Schiel hatte sich allmählich unter den Uitländers ein Ansehen erworben, wie man es wohl dem Deutschen und Europäer, niemals aber einem Buren gezollt hätte. Es kam seiner Popularität außerdem zugute, daß er seinen Aufgaben mit ganz und gar unbürokratischen Methoden zu Leibe ging. Kürzlich hatten ein paar verwegene Burschen, während sich fast die ganze Bevölkerung der Stadt beim Rennen um den großen Preis von Johannesburg befand, eine Bank ausgeraubt und waren mit ihrer ansehnlichen Beute davongaloppiert. Schiel, dem man den Vorfall wenige Minuten später meldete, stürmte mit dreien seiner Leute zum Rennplatz, sprang über die Barriere und requirierte kurz entschlossen die vier besten Pferde — darunter den Favoriten —, die bereits unter ihren Jockeys vor dem Startband warteten. Die Räuber wurden nach kurzer Verfolgung eingefangen und das gestohlene Geld zurückgebracht; man behauptete allerdings, die Summen, die den Aktionären der bestohlenen Bank infolge des ausgefallenen Rennens verlorengingen, seien weit höher gewesen.

Andreas Grobler, der Schiel gegenübersaß, beugte sich ein wenig vor und sagte leise:

„Es sind heute merkwürdig viel Johannesburger im Zug — finden Sie nicht, Oberst?”

Schiel, der auf die eintönige, im Schneckentempo vorübergleitende Landschaft hinausgeblickt hatte, wandte die Augen vom Fenster.

„Sie haben keine Zeit gehabt, den Gouverneur auf dem Bahnhof in Johannesburg zu sprechen. Darum sind sie wahrscheinlich zugestiegen.” Er selbst hatte dafür gesorgt, daß der Zug in der Minenstadt, ganz gegen seine sonstige Gewohnheit, nur zwei Minuten gehalten hatte. Die Johannesburger hätten diese günstige Gelegenheit doch nur dazu benutzt, dem Gouverneur mit Beschwerden gegen die Burenregierung in den Ohren zu liegen.

Andreas Grobler schüttelte den Kopf.

»Die Leute im Zuge gehören nicht zu denen, die mit Sir Henry shake hands zu machen pflegen. Es ist eine Menge berufsloses Gesindel aus den Kneipen an der unteren Commissioner-Street dabei.”

„Wieviel Polizei steht jetzt in Pretoria?” fragte der Oberst und machte sein dienstliches Gesicht.

„Da sind augenblicklich nur ein paar Nachtwächter, die aufpassen, daß die Ochsen nicht die Gartenzäune niedertrampeln. Sonst sind fast alle mit Piet Joubert an die Front gegangen.”

„So.”

Schiel blies wohl zum hundertsten Male den Staub vom Ärmel seiner peinlich sauberen blauen Uniform. Der feine Sand wirbelte durch die Ritzen der Abteilfenster und sogar zwischen den surrenden Flügeln der Ventilatoren herein. Schiel würde sich wohl niemals damit abfinden, daß — so behauptete er wenigstens — der halbe Grund und Boden der Republik sich ständig in der Luft befand. Diesem Umstand schrieb er auch die Tatsache zu, daß in der Burenarmee immer noch keine Uniformen eingeführt waren. Denn was nützte die schönste Montur, wenn man sie doch nicht sauber halten konnte?

„Aber die Leibgarde des Präsidenten ist doch noch in Pretoria?” fragte er.

„Ja. Aber die Jungens haben mehr Angst vor Ohm Paul als vor seinen Feinden. Wo er sie zu sehen bekommt, brüllt er sie an und schickt sie fort.” „Sie werden es niemals lernen, von Ihrem Präsidenten mit dem nötigen Respekt zu sprechen, Grobler”. sagte Schiel verzweifelt. Er malte sich aus, was wohl in Berlin geschehen wäre, hätte ein Soldat in Gegenwart seines Vorgesetzten Seine Majestät den Kaiser einfach ,Willi' genannt. „Merken Sie sich, Seine Exzellenz der Herr Staatspräsident brüllt niemals.”

Andreas machte große Augen.

Der brüllt nicht? Da haben Sie ihn noch nicht richtig gehört. Er brüllt sogar in der Kirche, wenn er predigt. — Und Exzellenz sage ich nicht mal zu meinem eigenen Vater.”

Schiel gab es auf.

Sehen Sie, da ist ja auch der Makler Lobs”, sagte er nach einer Weile und wies mit dem Kopf auf die gegenüberliegende Ecke des langen, offenen Wagens. „Sind Sie dem etwa auch in den Kneipen an der Commissioner-Street begegnet?”

„Nein. Aber er gehört zu denen, die in den letzten Tagen an der Börse die neue Uitländers-Petition herumgereicht haben.”

„Aha. Dann wird er den Wisch wohl in der Tasche haben. Schade, Grobler, daß das Gesetz zwar den Mann bestraft, der Schecks und Wechsel fälscht, aber daß es kein Mittel gegen Leute gibt, die Petitionen mit falschen Unterschriften sammeln.”

Daß unter der Johannesburger Bevölkerung seit Wochen eine Petition kursierte, in der die alten Forderungen nach Stimmrecht, Steuerermäßigung und Abbau der Konzessionen erhoben wurden, war Oberst Schiel und seinen Leuten natürlich nicht entgangen. Die Polizei war auch dahintergekommen, mit welchen Methoden die Drahtzieher die Unterschriften für ihr Dokument zusammenbekamen. Auf die Angestellten der Minen und Banken wurde von der Betriebsleitung ein starker Druck ausgeübt. In den Kneipen und auf den Sportplätzen zahlten die Agenten der ,National-Union' jedem armen Schlukker, der seinen Namen unter das Papier setzte, ein Handgeld von fünf Schillingen. Dabei konnte es selbstverständlich nicht ausbleiben, daß viele Leute drei- und viermal unterzeichneten, jedesmal mit einem anderen, erfundenen Namen. Da Schiel voraussah, daß man die Anwesenheit des Gouverneurs in Pretoria dazu benützen würde, um die Bittschrift an den Mann zu bringen, hatte er heute den Zug nach der Hauptstadt genommen, um nötigenfalls dem Präsidenten Aufklärung über die Machenschaften der Union zu geben. Von Andreas Grobler hatte er sich begleiten lassen, um für seine Feststellungen einen Zeugen zur Hand zu haben.

„Ich begreife nicht, daß ein Mann wie Lobs sich zu solchen Betrügereien hergibt”, sagte Andreas. „Er gilt als ein ruhiger, vernünftiger Mensch, der sich nur für seine Maklergeschäfte interessiert.”

„Was wollen Sie?” erwiderte der Oberst. „Lobs arbeitet hauptsächlich für die Chartered und für die .Goldfelder von Südafrika', Rhodes' Minengesellschaft. Wes Brot ich esse, des Lied ich singe. Das gilt zum mindesten für Johannesburg.”

„Wer sein eigenes Brot baut, braucht niemandem zu dienen”, sagte Andreas, und ein trübes Lächeln glitt über sein Gesicht.

Schiel wußte, daß der junge Bure immer noch der Farm nachtrauerte, die ihm irgendwo in Maschonaland verlorengegangen war. Er legte ihm rasch die Hand aufs Knie — hätte er das drüben in Europa jemals bei einem Untergebenen getan? — und meinte:

„Wer dem Staat dient, dient niemandem — und doch allen, Grobler.” Gleich darauf aber fuhr er im dienstlichen Ton fort: „Wir werden sofort in Pretoria sein. Sie müssen schon meinen Koffer nehmen. Schließlich kann ich unmöglich in Uniform ... Übrigens wollen wir uns im Hintergrund halten. Sonst

glauben die Leute womöglich, wir bilden die Ehrenwache für Sir Henry.”

Der Zug hielt kreischend auf dem neuen Bahnhof von Pretoria. Den Beamten, die aufgeregt vor den Wagen auf und ab liefen, sah man es an, daß ihnen ihr Dienst noch nicht zur Gewohnheit geworden war. Als Schiel und Grobler vom Trittbrett sprangen, sahen sie eben noch, wie der Präsident im eifrigen Gespräch mit dem Gouverneur den Perron verließ und sich zum wartenden Wagen begab. Die übrigen Ankömmlinge, die den Zug in auffälliger Hast verlassen haben mußten, drängten hinterher.

Die Musikkapelle auf dem Bahnsteig hatte eben ,God save the Queen' gespielt, und die Bläser intonierten nun, nachdem sie umständlich den Speichel aus ihren Trompeten geschüttelt hatten, die Transvaal-Hymne. Aber die Menschenmenge — in überwiegender Mehrzahl Reisende, die dem Johannesburger Zuge entstiegen waren — hatte die Pause benutzt, um ,Rule Britannia' anzustimmen. Sie gröhlten laut und immer lauter, um die Blasmusik zu übertönen. Die Kapelle, wenig geschult, geriet bald aus dem Takt.

Andreas, der seinen Hut aus Achtung vor der Burenhymne bereits abgenommen hatte, setzte ihn mit einem Ruck wieder auf. Er warf seinem Chef einen verwunderten Blick zu.

Schiels Schnurrbart hatte sich gesträubt, und er blies vor Ärger die Backen auf. Augenscheinlich wollte er etwas unternehmen, wußte aber noch nicht, was. Es war schwer zu übersehen, was hier eigentlich vorging. Die Fahnen an den hohen Masten wehten lustig im Wind, und die bunte Menge — sowohl die Sänger als die Zuhörer — lachte, da der Lärm sie belustigte. Der schwitzende Dirigent vor seiner Kapelle warf noch einmal die Arme in die Luft wie ein Ertrinkender. Dann klopfte er ab. Das englische Lied behauptete das Feld.

Um die Staatskarosse, die Krüger und sein Gast bereits bestiegen hatten, entstand eine Bewegung. Rufende und Hüte schwenkende Männer drängten sich heran.

„Eine Ovation”, sagte Schiel, „aber ich möchte wissen, wem von den beiden sie eigentlich gilt.”

Plötzlich sah er, wie der Kutscher des Präsidenten, ein schlanker, gelbhäutiger Bastard, vom Bock heruntergezerrt wurde. Gleichzeitig machten sich mehrere Männer an den Pferden zu schaffen. Einer der Rappen erhielt einen kräftigen Schlag mit dem gelösten Strang. Die Pferde bäumten sich erschrocken auf und galoppierten, Zügel und Geschirr nachschleifend, mit klappernden Hufen davon. Der Wagen aber setzte sich, von einem Dutzend Männer gezogen, in Richtung auf die Stadt in Bewegung.

Schiel lüftete seinen Korkhelm und trocknete sich die Stirn.

„Ach so”, sagte er erleichtert. „Sie haben ihnen nur die Pferde ausgespannt.”

„Sehen Sie doch!” rief Grobler plötzlich.

Ein großer Kerl in einem faltigen Flanellanzug hatte sich im Fahren auf den verwaisten Kutschbock der Karosse geschwungen. Er entfaltete ein buntes Tuch und begann es über den Köpfen der Insassen zu schwingen. Jetzt bauschte der Wind die Fahne.

Es war der Union Jack.

„Verdammt, diese Schufte!” rief Grobler und begann hastig an seiner Revolvertasche zu fingern.

Aber schon hatte ihn der Oberst am Arm gepackt.

Sind Sie wahnsinnig? Lassen Sie das Ding stecken!”

Dann rief er mit heller Stimme über den Bahnhofsplatz:

Leibwache! Wo ist die Leibwache? Alles folgt mir zum Markt. Der Präsident ist beleidigt worden!”

Ein halbes Dutzend Herren, gekleidet wie müßige Spaziergänger, löste sich aus der Menschengruppe und trat verlegen näher. Andere schlössen sich an, darunter ein Weichensteller, der kriegerisch seine Eisenstange schwang.

„Wir nehmen den kürzesten Weg, durch die Gärten. Wir müssen den Wagen überholen und zuerst auf dem Markt sein. Grobler, Sie halten die Leute zusammen. Sehen Sie zu, daß Sie unterwegs noch mehr finden. Je mehr Menschen auf dem Markt sind, um so besser.”

Er hakte bereits den Degen los, um beim Laufen nicht behindert zu sein.

„Aber es wird auf keinen Fall geschossen!” fügte er mit drohend erhobener Stimme hinzu. Dann machte er kehrt und setzte mit einem eleganten Sprung über die nächste Hecke. Die Buren folgten ihm. —

Der Wagen kam auf der holprigen, ungepflasterten Straße nur langsam und ruckweise vorwärts. Die Männer an der Deichsel drehten sich immer wieder um. Ihre schweißnassen Gesichter glänzten, und sie brüllten unverständliche Worte.

Sir Henry klammerte sich an der Laterne fest. Er hielt den Kopf gesenkt und murmelte immerfort:

”Peinlich, Exzellenz, überaus peinlich!”

Der Präsident erwiderte nichts. Er saß hochaufgerichtet, seine Fäuste lagen geballt auf den Knien. Wenn der Wagen, der alle Augenblicke stehenblieb, wieder anruckte, stemmte er die Füße gegen den Vordersitz. Sein Gesicht war wie eine Maske, nur die kleinen Augen zwischen den schweren Lidern funkelten böse. Er hatte den Blick eines gereizten Büffels.

Der fahnenschwingende Mann auf dem Bock gebärdete sich wie rasend. Gleich einem Schaubudenbesitzer, der seinen Einzug in die Stadt hält, verbeugte er sich nach rechts und links und schnitt Grimassen. Dann wieder wandte er sich um, salutierte vor Sir Henry — der hastig den Kopf zur Seite drehte — und rief dem Präsidenten etwas zu, das wie ,very good fellow' klang. Er versuchte auch ,God save the Queen' zu singen, aber die Melodie ging unversehens in einen Gassenhauer über.

Krüger spürte den heißen Whisky-Atem auf seinem Gesicht. Das Fahnentuch streifte seinen Hut und verhüllte ihm für Sekunden die Augen. Fast hätte er danach gegriffen und den Fetzen mit einem einzigen Ruck vom Schaft gerissen. Aber er preßte die Faust nur noch fester zusammen.

Wieder spürte er den goldenen Ring, der sich ihm schmerzhaft ins Fleisch drückte. Damals, als der britische Kommissar Shepstone im Sommer 1877 nach Pretoria gekommen war, um die Annexion der Republik vorzubereiten, hatten sich ganz ähnliche Szenen abgespielt. Auch ihm hatten sie die Pferde ausgespannt, und die Ausländerkolonie Pretorias hatte englische Lieder gesungen. Der damalige Präsident Thomas Burgers verlor den Kopf, und der Brite hatte leichtes Spiel mit dem Volksraad, der kein Vertrauen mehr zu sich selber besaß.

Unter welchem Vorwand war Shepstone damals doch nach Pretoria gekommen? Richtig, Transvaal hatte einen langwierigen und nicht gerade glücklichen Krieg mit dem Kaffernhäuptling Sekukumi zu früh. Und die Uitländers — schon damals gab es ein paar hundert im Lande — hatten den Anschluß an Großbritannien gefordert, weil, wie sie behaupteten, die Existenz der Weißen in Südafrika auf dem Spiel stand.

Nun, auch heute knallten im Kafferngebiet wieder die Gewehre. Aber die in Transvaal ansässigen Briten zogen es vor, den Buren die Verteidigung der weißen Rasse zu überlassen. Wahrscheinlich erinnerten sie sich an die vielen Blamagen, die England inzwischen in seinen Eingeborenenkriegen erlitten hatte. Und dennoch wühlten die Uitländers auch heute wieder und trieben, genau wie damals, Propaganda für eine Annexion des Landes durch England.

Der Präsident spürte, daß die Gefahr näherkam und sich verdichtete. Aber es war gut, daß der Feind jetzt wenigstens Anstalten machte, aus seinem Versteck hervorzukriechen und sich zu stellen. Bald würde er so nahe herangekommen sein, daß es sich lohnte, auf den Abzug zu drücken und die Kugel herauszulassen. Wie oft hatte er diesen Augenblick in seiner Jugend erlebt, wenn die Kaffern zu Tausenden gegen die Wagenburg anrannten, und die Buren, versteckt zwischen den mit Leder überzogenen Rädern ihrer Karren, auf den Feuerbefehl warteten, der für sie eine Erlösung aus qualvoller Spannung bedeutete.

Krüger schob mit einem ruhigen aber energischen Griff den Fahnenschaft zur Seite, der sich auf seinem Zylinder niedergelassen hatte.

„Halten Sie sich fest, Sir Henry”, sagte er freundlich, „gleich kommt ein Loch.” Er kannte die Straßen seiner Hauptstadt mit allen ihren Tücken.

Eben bog der Wagen in die Hauptstraße ein. Die Männer an der Deichsel wollten die Kurve im Galopp nehmen. Dabei geriet das rechte Vorderrad in das tiefe Loch, um das jeder Eingeweihte in Pretoria einen großen Bogen zu machen pflegte. Die Vorderachse schlug herum, es knirschte gefährlich, und irgend etwas splitterte. Eine Feder war gebrochen. Sir Henry flog fast mit dem Kopf gegen den Vordersitz.

Krüger lachte.

Am Ende der breiten Hauptstraße lag der große Markt. Schon von weitem erblickte Krüger eine schwarze Menschenmenge. Auch dort schwenkte man Fahnen und sang. Aber das Lied, das ertönte, war die Burenhymne, und überall wehte der bunte Vierkleur im Winde.

Als der Wägen den Markt erreicht hatte, wichen die dichtgedrängten Menschen nur langsam und widerwillig zur Seite. Durch eine schmale Gasse von düster blickenden Zuschauern rollte die Staatskarosse auf das Transvaal-Hotel zu. Oberst Schiel, der mit seinen Leuten in aller Eile diese Kundgebung zustande gebracht hatte, stand in der ersten Reihe und hob die Hand grüßend an den Helm. Krüger nickte ihm zu und lächelte kaum merklich.

Die Männer, die den Wagen zogen, blickten jetzt verlegen zu Boden. Einer hob mehrmals die Schultern, als wollte er sagen: Ich weiß auch nicht, wie ich dazukomme. Der Mann auf dem Bock war eifrig dabei, seine Fahne zusammenzurollen.

Vor dem Transvaal-Hotel hatten sich etwa zwanzig junge Buren postiert. Der Wagen war noch nicht ganz zum Halten gekommen, da drängten sie schon heran und schoben die Johannesburger mit den Schultern zur Seite. Diese überließen ihnen willig die Deichsel.

Rasch, steigen Sie aus, Sir Henry”, raunte Krüger. „Jetzt kommt mein Triumphzug.”

Der Engländer gehorchte. Er hatte den Fuß noch nicht vom Trittbrett, da setzte sich der Wagen schon wieder unter dem Vivat-Geschrei der Menge in Bewegung. Sir Henry stolperte in die Arme des schwarzen Portiers. Zwei befrackte Herren führten ihn in die Halle und schlössen hastig die Tür.

Als die Karosse die Villa des Präsidenten erreicht hatte, stieg die Begeisterung auf den Höhepunkt. Man ließ die Republik hochleben, Ohm Paul und sogar Tante Sannie, die in ihrer Küchenschürze erstaunt zwischen die beiden Marmorlöwen getreten war. Aber auch drohende Rufe gegen England und die Johannesburger wurden laut.

Bevor Krüger vom Wagen stieg, sprach er ein paar Worte. Er wollte seinem britischen Gast peinliche Demonstrationen ersparen; darum hielt er es für das beste, den Zorn seiner Bürger zu dämpfen, indem er sie zum Lachen brachte.

Nachdem er den Einwohnern Pretorias für ihre Treue gedankt hatte, kam er auf die ewig unzufriedenen Uitländers zu sprechen, die das volle Mitbestimmungsrecht in der Republik forderten. Mit einer unmißverständlichen Anspielung auf das eben Vorgefallene rief er:

„Wir lassen die Uitländers in unserem Wagen mitfahren. Und nun rufen sie auch noch: Gebt uns die Zügel in die Hand! Ist es etwa unbillig, wenn wir zuerst fragen: Ja, aber wohin wollt ihr fahren? Zum Regierungsgebäude oder vor ein internationales Hotel? Und können wir uns auch auf euch als Kutscher verlassen? Werdet ihr auch nicht die Federn zerbrechen und umwerfen? Heute bin ich zu der schmerzlichen Überzeugung gekommen, daß sie nicht fahren können”, schloß er und rieb sich vor aller Augen seine Rückseite.

Seine Zuhörer lachten. Krüger lüftete den Zylinder und schritt befriedigt ins Haus.