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Sechstes Kapitel

Mitte November 1893 war der Krieg gegen Lobengula zu Ende.

In einem Feldzug von wenigen Wochen hatten die Truppen der Chartered Company die Matabele-Regimenter zersprengt und aufgerieben, den Königskraal Buluwayo in Schutt und Asche gelegt und das Land besetzt. Lobengula war auf der Flucht ums Leben gekommen. Irgendwo, versteckt im Busch, war er in seinem Ochsenwagen gestorben; wie die einen sagten, an Dysenterie, nach der Meinung der anderen an gebrochenem Herzen. Niemand wußte zu sagen, wo der schwere, mit den Orden der Königin von England geschmückte Leib des letzten freien Zulukönigs begraben lag.

Was der Elefantenjäger Selous geahnt hatte, war eingetroffen. Mit einem Blatt Papier, auf das Lobengula seine drei Kreuze malte, hatte die Matabele-Tragödie begonnen, und mit Maschinengewehren und Maxim-Kanonen hatte sie geendet. Die Leichen der schwarzen Krieger faulten zu Tausenden in den Wäldern und auf den Steppen, aber auch ein paar Dutzend Weiße waren mit den Gewehren erschossen werden, die die Chartered als Preis für die Goldkonzession an Lobengula gezahlt hatte.

In den Weihnachtstagen kam Cecil Rhodes, der Sieger, nach Buluwayo. Auf dem großen Tanzplatz der Krieger, zwischen verbrannten Pontoks und hastig aufgeworfenen Massengräbern, nahm er die Parade seiner Truppen ab. Die Pioniere — abgerissen, hohläugig und noch bedeckt mit dem Schmutz des Feldzuges — jubelten ihrem von der Magie des Goldes und des Erfolges umwitterten Führer zu. Dann stürzten sie sich erneut auf die claims, die einen Teil ihrer Kriegslöhnung ausmachten, und begannen die blutgetränkte Erde nach Schätzen zu durchwühlen. Diesmal schien der rush mehr Erfolg zu versprechen, und die Kurse der Chartered-Aktien, die schon beim Eintreffen der ersten Nachrichten über den bevorstehenden Feldzug in Bewegung geraten waren, stiegen immer höher.

Mit Jameson und dem Mineningenieur Hammond durchstreifte Rhodes im Januar sein neues Königreich. Sie reisten zu Pferde, denn Rhodes war ein leidenschaftlicher Reiter, obwohl er schlecht im Sattel saß und mit seinen kurzen Beinen und seiner zunehmenden Körperfülle keine gute Figur machte.

Die sanft ansteigenden, grasbewachsenen Hänge des Matoppogebirges, nördlich von Buluwayo, waren wie geschaffen für einen kurzen, verhaltenen Galopp. Das Gespräch der Reiter verstummte, und für eine Weile waren nur das Knirschen der Sättel, das dumpfe Pochen der Hufe auf der weichen Grasnarbe und der schnaubende Atem der Pferde zu hören. Die Luft war warm, aber von einer Stärke und Reinheit, die trunken machte wie Champagner.

Als die Reiter den Höhenrücken erreicht hatten, bot sich ihnen ein großartiger Anblick.

Wie ein erstarrter Ozean, dessen Wogen im Norden und Süden allmählich verebbten, breitete sich das Hügelland zu ihren Füßen aus. Nur hier und da unterbrachen Büsche und Baumgruppen die unendliche Grasfläche, und riesige, von der Witterung der Jahrtausende rundgeschliffene Felsblöcke schienen von Zyklopenhänden darüber hingestreut. In der klaren, vom Regen der letzten Tage gewaschenen Luft warfen sie scharfe, schwarze Schlagschatten.

„Rhodesia!” sagte Jameson mit verhaltener Stimme und atmete tief auf. Er hatte das Wort ausgesprochen, das seit einigen Wochen in aller Munde war.

Welchen anderen Namen hätte man auch dem Lande geben sollen, das dieser eine Mann mit einem genialen Griff an sich gerissen hatte, und das eines Tages, nach seinem Tode, der britischen Krone als Geschenk zufallen würde?

Ein Gebiet von fast zwei Millionen Quadratkilometern Umfang mitten im Herzen Afrikas, nur zum Teil durchforscht und noch kaum zu übersehen in seinen Schätzen und Möglichkeiten, war nun für immer mit dem britischen Rot bedeckt. Die Brücke vom Kap nach Kairo, von der die englischen Imperialisten träumten, näherte sich ihrer Vollendung, denn auch von Norden her, aus dem Sudan, arbeiteten sich die Briten heran. Man erzählte sich, daß Kitchener und Rhodes eine Art Wettlauf verabredet hatten und auf der Karte schon den Punkt aussuchten, an dem sie einander eines Tages mit Bahn und Telegraph die Hand reichen wollten.

Wer in London oder in Südafrika dachte in diesem Augenblick über die Methoden nach, mit denen Rhodes sein Ziel erreicht hatte? Krüger hatte vor Jahren erklärt, jede Unze Gold, die in Transvaal gefunden würde, müsse sich eines Tages in einen Strom von Blut und Tränen verwandeln. In Matabeleland war dieses Wort bereits Wahrheit geworden. Aber das Leid Afrikas blieb auch diesmal stumm, und während das Gold, das aus dem durchwühlten Boden des Kontinents hervorquoll, klingend und blitzend durch die Welt rollte, beachtete kaum jemand die Blutbäche, die in der gequälten Erde versickerten.

Die drei Reiter auf dem Kamm des Matoppogebirges kannten die erbärmliche Geschichte des Matabelekrieges und seiner Entstehung. Aber sie fühlten in dieser Stunde nicht das Bedürfnis, an das Vergangene zu rühren. Rhodes und Jameson waren berauscht von ihren Erfolgen und schritten wohl in ihren Träumen schon wieder weiter auf der Bahn des Imperialisten, für den es keinen Stillstand gibt und geben darf, und den jeder errungene Erfolg zwangsläufig in neue, noch größere Wagnisse hineintreibt. Hammond jedoch, der als Amerikaner und Ingenieur nüchterner dachte als die beiden Engländer, stellte im stillen seine Betrachtungen an, während er mit dem geübten Blick des Geologen die Landschaft zu seinen Füßen analysierte.

In den verstreuten Felsblöcken und an den ausgewaschenen Flanken der Berge trat überall Quarz zutage. Wenn nicht alles täuschte, enthielt auch dieses Land Gold in Hülle und Fülle. Es würden freilich noch Jahre vergehen, bis sich ein Abbau großen Stils in diesen entlegenen Gegenden Afrikas lohnte. Aber wenn „Gold!” der Schlachtruf gewesen war, mit dem die Maschonaland-Pioniere nach Buluwayo aufgebrochen waren, dann hatte der Feldzug immerhin seinen Zweck erfüllt.

Die Gerüchte vom Vorhandensein eines ergiebigen Goldfeldes, das sich auf Matabelegebiet, also außerhalb des Herrschaftsbereichs der Gesellschaft, befinden sollte, hatten den Stein endgültig ins Rollen gebracht. Die Goldsucher, denen die Chartered ihr letztes Geld nahm, anstatt ihnen den versprochenen Reichtum zu verschaffen, waren rebellisch geworden und hatten den Krieg mit Lobengula gefordert. Und ihre lauten Wünsche hatten sich mit den geheimen Absichten Cecil Rhodes' vereinigt, für den seine Gesellschaft bisher ein Faß ohne Boden war, und der, um wieder flott zu werden, dem Kapitalmarkt dringend einen neuen Anreiz schaffen mußte.

So hatte denn Jameson im Auftrage des Chiefs die für Lobengula bestimmte Falle gestellt. Die Öffentlichkeit in England wurde durch sensationelle und völlig unwahre Berichte über drohende Angriffspläne der Matabele vorbereitet, und Rhodes selbst zerstreute die Gewissensbedenken der südafrikanischen Parlamentarier, indem er darauf hinwies, daß der Handel und die Wirtschaft der Kapkolonie nur dann mit der Chartered Company ins Geschäft kommen könnten, wenn die Hauptstadt des Neulandes von Salisbury nach Buluwayo, also mehr in die Nähe von Kapstadt, verlegt würde.

Das übrige war nur noch eine Kleinigkeit. Einige Maschonas im Grenzgebiet der Matabele wurden gegen Lobengula aufgewiegelt und, sobald sie ihren Nachbarn einige Kühe gestohlen hatten, durch Mittelsmänner beim König in Buluwayo denunziert. Lobengula beschloß daraufhin eine Strafexpedition gegen seine räuberischen Untertanen, machte aber der Chartered ordnungsgemäß von diesem Vorhaben Mitteilung und versprach, den Weißen kein Haar zu krümmen. Als seine Regimenter im Grenzgebiet erschienen, stieß eine Abteilung der Maschonaland-Polizei „zufällig” mit ihnen zusammen und tötete einige Dutzend Krieger. Lobengula, der allmählich Böses zu ahnen begann, entschuldigte sich demütig bei der Chartered und erreichte es mit größter Mühe, daß sich seine aufgebrachten Idunas aus dem Grenzgebiet auf Buluwayo zurückzogen. Aber selbst dieser Rückzug wurde ihm als Angriffshandlung ausgelegt, denn man konnte, wie die Goldgräberzeitung in Salisbury schrieb, aus dem Benehmen des Königs nur schließen, daß er im Begriff stand, stärkere Truppenmassen für einen Überfall zusammenzuziehen. So brach denn eine bis an die Zähne bewaffnete, mit den neuesten Präzisionswaffen ausgerüstete Armee von siebenhundert Mann nach Matabeleland auf, um den Feind zurückzuschlagen. Seltsam war nur, daß sich die angeblich so angriffslustigen Krieger Lobengulas erst stellten, als man Buluwayo fast erreicht hatte.

Die Schlachten, die nun folgten, waren ein einziges Gemetzel. Einige von Lobengulas Regimentern waren freilich mit den Gewehren ausgerüstet, die Rhodes für die Konzession gezahlt hatte. Aber ihre Kugeln verfehlten fast immer das Ziel, denn die Schwarzen waren aus irgendeinem seltsamen Grunde der Meinung, ein Gewehr müsse um so besser treffen, je höher man es halte. Und auf die Granaten, die die weißen Truppen in ihre dichten Reihen feuerten, schössen die Zulus im Fluge, wahrscheinlich in der verzweifelten Hoffnung, den Zauber der schrecklichen Vögel dadurch bannen zu können. So war in wenigen Wochen der Krieg entschieden, nachdem man auch noch die von Lobengula in letzter Stunde ausgesandten Friedensboten „versehentlich” erschossen hatte.

Der nüchterne Hammond hätte auch dann wenig Sinn für die Romantik dieses Krieges gehabt, wenn ihm die näheren Umstände nicht so genau bekannt gewesen wären. Er zweifelte auch daran, daß die Eroberung Rhodesias in naher Zukunft wirtschaftliche Früchte tragen würde. Denn was der Chartered fehlte, war nicht Gold — davon gab es auf Jahre hinaus mehr als genug in Transvaal —, sondern Menschen. Und in England würden sich, von Abenteurern und Spekulanten abgesehen, nicht viele Leute finden, die zu einer Ansiedlung in Rhodesia bereit waren. Schon die Forderung nach einer fünfzigprozentigen Beteiligung an allen Unternehmungen, die die Chartered auch jetzt noch nicht fallen lassen wollte, mußte abschreckend wirken.

Der Amerikaner wußte genau, daß ganz andere, in erster Linie politische Erwägungen zur Eroberung Rhodesias geführt hatten. Und wenn ihn auch der Streit der europäischen Nationen um die afrikanische Beute herzlich wenig interessierte, so imponierten ihm doch die Energie und der unbeugsame Wille des Chiefs. Er wußte auch, daß diesem Manne, der heute zu den reichsten Leuten der Erde gehörte, am Golde selbst nichts gelegen war. Ihn verzehrte nur ein unersättlicher Hunger nach Macht.

Dabei war Rhodes im Grunde seines Herzens nicht einmal skrupellos, und ihm fehlte die unbedingte Sicherheit und Gewissensruhe, die sein Gegenspieler Paul Krüger aus seinem festen Bibelglauben schöpfte. Hammond vermutete, daß selbst die von Rhodes zu Zeiten geübte schrankenlose Wohltätigkeit, seine fast krankhafte Sucht, zu verschenken und Gutes zu tun, nur die Reaktion eines schlechten Gewissens war. Krüger dagegen hatte es wohl nicht nötig, den Philanthropen zu spielen; er betrachtete seinen Besitz als eine Gabe Gottes und fühlte nicht das Bedürfnis, sich von einer drückenden Schuld loszukaufen. Freilich handelte Rhodes, wie er selbst und wie vor allen Dingen seine Anbeter behaupteten, nur zum Besten Großbritanniens. Aber war nicht auch sein berühmter Nationalismus im Grunde nur ein Vorwand, ein glänzender Schild, hinter dem sich die hemmungslose Machtgier des Millionärs verbarg? Einmal, wenn er starb, würde er ja seinen Reichtum doch fahren lassen müssen, und Frau und Kinder, für die er hätte schaffen können, besaß er nicht.

Nein, wer Cecil Rhodes genau beobachtete, wer seinen Hochmut kannte, der keinen Widerspruch vertrug, sein ruheloses Wesen, das voller Dissonanzen war wie seine Stimme, der konnte über den wahren Charakter des Mannes nicht im Zweifel sein. Schlechte Instinkte und ein überempfindliches Gewissen vereinigten sich in einem Menschen, dem das Schicksal eine schwache Gesundheit gegeben und ihn dann, wie zum Hohn, auf ein Wirkungsfeld voll ungeheurer Möglichkeiten gestellt hatte.

Was für seltsame und grundverschiedene Pioniere die weiße Rasse doch auf afrikanischem Boden hervorbringt! — dachte Hammond. Cecil Rhodes und Paul Krüger! Zwischen ihnen klafft ein Abgrund, über den es niemals eine Brücke geben wird. Wessen Welt wird am Ende den Sieg davontragen und damit das zukünftige Schicksal Afrikas entscheiden?

Jameson schien ähnliche Gedankengänge verfolgt zu haben. Er sagte: „Wahrscheinlich fragen Sie sich auch, Hammond, weshalb wir den zweiten Schritt vor dem ersten getan haben. ”Warum nach Rhodesia gehen, wo doch Transvaal mit seinen ungeheuren Reichtümern viel näher liegt?”

„Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach”, erwiderte Hammond achselzuckend.

„Es ist nicht sehr freundlich von Ihnen, unser Rhodesia mit einem Spatzen zu vergleichen. Aber auf jeden Fall hat Krüger nicht gerade das Benehmen einer Taube.”

Hammond lachte.

„Da haben Sie recht. Gegen die Minenindustrie von Johannesburg benimmt er sich eher wie ein Raubvogel. Trotzdem mag ich ihn gern. Sehen Sie, auch in der amerikanischen Geschichte gibt es solche Patriarchen, und ohne sie wäre unser Land wohl niemals groß und frei geworden.”

„Frei von England”, sagte Jameson und verbeugte sich spöttisch im Sattel.

Aber Hammond machte sich nichts daraus, daß er den Engländer an einer empfindlichen Stelle getroffen hatte. Sicherlich kannte auch Jameson das berühmte Testament, das sein Chief als Siebenundzwanzigjähriger verfaßt hatte. Rhodes hatte darin sein schon damals recht beträchtliches Vermögen zum Aktionsfonds einer Geheimgesellschaft bestimmt, deren Zweck die Eroberung ganz Afrikas, Südamerikas und Ozeaniens durch die Briten sowie die Wiedervereinigung der USA. mit dem Mutterlande sein sollte. Hammond fand es eher erheiternd als bedrohlich, daß diese jungen Engländer absolut keine andere Farbe als ihr nationales Rot auf der Landkarte vertragen konnten.

„Natürlich, frei von England”, bestätigte er. „Finden Sie nicht, daß Paul Krüger so eine Art südafrikanischer Washington ist? Er ist Bure; können Sie da etwas anderes von ihm verlangen als Mißtrauen? Ich bin überzeugt, wir Minenleute könnten viel besser mit Krüger zusammenarbeiten, wenn —”

„Wenn was?” forschte Jameson, da Hammond nun doch ein wenig zögerte.

„Nun, wenn der alte Herr nicht ständig fürchten müßte, daß wir Uitländers nur die Vorhut einer neuen britischen Besatzungsarmee sind.”

Jameson ordnete sorgfältig seine Zügel über dem Sattelknopf, obwohl dazu im Augenblick gar keine Veranlassung vorlag. Dann sagte er:

„Nach meiner Meinung sind diese Buren nicht einmal imstande, sich selbst zu regieren — geschweige denn einen so komplizierten Apparat zu lenken, wie ihn die Goldminenindustrie darstellt. Eine Annexion der Burenrepubliken durch Großbritannien wäre für alle Beteiligten nur ein Segen. Aber lassen wir die Politik. — Die Spannung zwischen der Minenverwaltung und der Transvaal-Republik hat sich also nicht verringert?”

„Im Gegenteil, sie hat noch zugenommen.”

„Aber die Goldproduktion ist in den letzten Jahren doch ununterbrochen gestiegen...”

„Gerade deshalb. Die Bevölkerung Johannesburgs ist noch rascher gewachsen als die Goldproduktion. Alle diese Menschen sind in der Hoffnung nach Afrika gekommen, in wenigen Monaten Millionäre zu werden. Die Enttäuschung ist natürlich groß, und man schiebt die Schuld an den vielen fehlgeschlagenen Spekulationen der Transvaal-Regierung in die Schuhe.”

„Und das mit Recht”, fiel ihm Jameson hitzig ins Wort. „Stimmt es denn nicht, daß die Republik der Industrie und der Wirtschaft Fesseln anlegt, wo sie nur kann, und daß sie die Uitländers durch ihr Steuer- und Konzessionssystem ausbeutet?” Der Amerikaner lächelte.

„Wahrscheinlich ist Krüger der Ansicht, daß seine Buren, als die Herren des Landes, auch etwas verdienen sollen. Was er von den Uitländers fordert, ist nichts, verglichen mit der Fünfzig-Prozent-Klausel, die die Chartered in Rhodesia eingeführt hat.” Aber als er sah, daß Jameson schon wieder ein beleidigtes Gesicht machte, fuhr er versöhnlicher fort: „Ich gebe ja zu, daß unbedingt etwas geschehen muß, und daß die Uitländers einen Druck auf die Transvaal-Regierung ausüben sollten. Bei ihrer großen Anzahl dürfte ihnen das nicht schwerfallen. Wir haben in Johannesburg bereits eine Vereinigung geschaffen, die sich ,National-Union von Transvaal' nennt. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die berechtigten Forderungen der Uitländers bei Krüger durchzudrücken.”

„Ein merkwürdiger Name für einen Verein, der sich fast nur aus Engländern zusammensetzt und überwiegend englische Interessen vertritt”, warf Jameson ein.

„Die Union vertritt lediglich die Interessen der in Johannesburg ansässigen Ausländer”, korrigierte Hammond. „Sie will ihren Mitgliedern die politische Gleichberechtigung in der Burenrepublik erkämpfen, und zwar mit legalen Mitteln. Sobald wir Uitländers erst das Wahlrecht haben, muß uns automatisch die Mehrheit im Volksraad zufallen. Denn Johannesburg zählt schon heute fast ebensoviel Einwohner wie die ganze übrige Republik zusammen. Über den Volksraad können wir dann mühelos die Abänderung sämtlicher Gesetze erzwingen, die uns ungerecht oder ungünstig erscheinen.”

„Der Plan ist nicht schlecht”, meinte Jameson. „Es fragt sich nur, ob Krüger euch das Stimmrecht einräumen wird. — Sie sollten einmal mit dem Chief über die Sache reden. Ich nehme an, daß der Union mit einem Scheck sehr gedient sein wird.”

Hammond nickte.

„Daran habe ich natürlich auch schon gedacht. Wenn Sie es für richtig halten, können wir den Fall gleich zur Sprache bringen.”

Hammond wollte sein Pferd nach rechts hinüberlenken, wo Rhodes, etwa hundert Meter entfernt, unbeweglich auf der Spitze des Hügels hielt. Aber Jameson ergriff seinen Arm und hielt ihn zurück.

„Nicht jetzt”, sagte er leise. „Ich glaube, er möchte allein sein. Heute abend ist immer noch Zeit.”

„Schön”, brummte Hammond, den diese zarte Rücksichtnahme ein wenig belustigte. „Lassen wir also den Kaiser von Afrika allein auf seinem Thron. Wenn es Ihnen recht ist, können wir inzwischen die Gegend abstreifen. Ich möchte mir die Felsformationen näher ansehen.”

Hammond war sehr im Irrtum, wenn er glaubte, daß Rhodes in diesem Augenblick mit den Gefühlen eines Cäsaren auf das eroberte Land hinabblickte.

Als er Jamesons halb geflüstertes Wort „Rhodesia!” gehört hatte, war er langsam davongeritten, dorthin, wo ein paar wuchtige Felsblöcke den höchsten Punkt der Hügelkette krönten. Hier oben wehte ein schwacher Wind, die warme Luft ging in leisen Wellen, die die Atemzüge der Steppe selbst zu sein schienen, über den Reiter hin. Rhodes fröstelte, obwohl die Nachmittagssonne heiß auf den felsigen Boden herabbrannte.

Der Anblick der großartigen, in ihrer Herbheit und Öde fast bedrückenden Landschaft hatte jeden Siegesjubel in ihm ertötet. Vor dieser Umgebung erschienen Mensch und Menschenwerk verächtlich und klein, und Rhodes empfand es fast als eine Erleichterung, als er jetzt seine beiden Begleiter in einer Geländefalte verschwinden sah.

,Rhodesia' hatte Jameson soeben das Land genannt, und so würde es noch heißen, wenn er, der Eroberer, längst nicht mehr am Leben war. Dieser Name war ein Denkmal, das man ihm errichtet hatte. Aber Denkmäler pflegte man im allgemeinen nicht für die Lebenden, sondern nur für die Toten aufzustellen. Warum hatten sie gerade dieses Land, das vorläufig nur eine blutgetränkte Wüste war, nach ihm benannt? War denn sein Lebenswerk mit der Niederwerfung eines Zulukönigs schon vollendet? Er war heute kaum vierzig Jahre alt, und er hatte noch ganz andere, größere Pläne. Durfte man denn einem Vierzigjährigen schon ein Denkmal setzen und sagen: ,Seht, das hat er geleistet, um dieses Werkes willen soll uns sein Name unvergeßlich sein?'

Rhodes ballte unwillkürlich die Fäuste, die die Zügel umschlossen hielten; der Fuchs wurde unruhig und versuchte zu steigen. Ja, er war ein kranker Mann, der die Höhe des Lebens längst überschritten hatte. Das wußte er selber genau so gut wie Jameson und alle die anderen; und weil das so war, deshalb setzte man ihm schon jetzt ein Grabmal. Seine Lungen waren nur scheinbar verheilt, das Herz wurde von Jahr zu Jahr rebellischer. ,Gefäßerweiterung' hatte sein Arzt kopfschüttelnd gesagt und dann ein paar nichtssagende ,Aber' und ,Immerhin' hinzugefügt. Er wußte, daß er höchstens noch zehn Jahre zu leben hatte, wenn alles gut ging und er sich' schonte. Aber er durfte sich ja nicht schonen!

Jäh überfiel ihn die lähmende Gewißheit, daß der eigentliche Kampf seines Lebens noch bevorstand, daß alles, was bis dahin geschehen war, nur einen Anfang und ein Vorspiel bedeutete. Einmal hatte er Barnay Barnato für seinen größten Gegner gehalten. Er hatte den kleinen, aalglatten Juden gebeugt und gezwungen, sein Freund und Mitarbeiter zu werden. Dann stellte sich ihm Lobengula in den Weg. Heute war der Zulukönig nur noch ein Spuk, ein Schatten, der selbst in den Herzen der Schwarzen schon verblaßte vor dem Bilde des großen weißen Häuptlings, der ihn besiegt hatte. Aber der wahre Gegner stand immer noch aufrecht: Paul Krüger.

Barnato war nur ein Konkurrent gewesen, ein Mann, der mit den gleichen Mitteln kämpfte und ähnliche Ziele verfolgte; nur war er unendlich viel kleiner und gemeiner, und ihm hatte der eiserne Wille gefehlt. Lobengula war ein gutgläubiger Narr, den Rhodes durch seine Mittelsmänner erledigen ließ. Er verdiente keinen Haß, höchstens Mitleid. Krüger aber verkörperte ein Prinzip. Er stand für eine Welt, die so viel Zeit hatte, daß sie in Wahrheit jenseits aller Zeit stand. Er, Cecil Rhodes, aber hatte keine Zeit, denn er war ein kranker Mann. Er konnte es sich nicht leisten, wie dieser Bauernpräsident in Ruhe abzuwarten, bis die gepflanzten Bäume heranwuchsen, die Herden sich vermehrten und aus der Schar der Kinder ein Volk von Enkeln wurde. Seine Waffe war nicht die Saat, die man in den Boden senkt, sondern das Gold, das man ihm entreißt. Was konnten ihm, dem vom Tode Gehetzten, die langsam mahlenden Mühlen Gottes nützen und die alte Weisheit, nach der gut werden soll, was lange währt? Er brauchte, um seine hochgespannten Ideen zu verwirklichen, schnellwirkende Waffen, wie es die Intrige und die Überrumpelung waren. Und selbst dann, wenn er Glück hatte und ihm alles gelang, konnte er der Nachwelt nur eine flüchtige Skizze seiner Pläne hinterlassen. Krüger hatte das Land, das er als Knabe miterobert hatte, aufblühen und reich werden sehen. Er aber würde es niemals erleben, daß sich die Wüste Rhodesia in einen blühenden Garten verwandelte.

Dabei mangelte dem Pfarrerssohn Cecil Rhodes durchaus nicht der Sinn für die unvergänglichen Werte, gegen die mit vergänglichen Waffen zu kämpfen ihn sein Geschick zwang. Er hatte sein Haus ,Groote Schuur' in Kapstadt mit schönen holländischen Möbeln und wertvollen Altertümern ausgestattet, und er erzählte voll Stolz bei jeder Gelegenheit, daß er einmal ein halbes Jahr lang mit Erfolg Farmer in Natal gewesen war. Er interessierte sich eifrig für die Kultur der Neger, an deren Ausrottung er hervorragend beteiligt war, und er schleppte unter seinem Reisegepäck stets einige griechische Klassiker mit sich herum, wenn er auch selten Zeit fand, in ihnen zu lesen. Und wie stolz war er auf das Diplom, das ihm die Universität Oxford, mehr wegen seines großen Reichtums als um seiner wissenschaftlichen Bemühungen willen, nachgeworfen hatte!

Cecil Rhodes fühlte, wie ihm der Angstschweiß auf die Stirn trat. Geschichten von Männern, die ihre Seele für einen Sack voll Gold dem Teufel verschrieben hatten, kamen ihm in den Sinn, und sie erschienen ihm mit einem Male gar nicht mehr so lächerlich und absurd. Für einen Mann wie Paul Krüger war es wahrhaftig kein Kunststück, alt zu werden und gesund zu bleiben. Und er war gefeit gegen das Gold.

Meine beste Waffe, für die ich meine Seele geopfert habe, erweist sich stumpf gegen den einzigen würdigen Gegner! — dachte Rhodes. Krüger haßt mich wie den Leibhaftigen, und dieser Haß hat sein Auge scharf und sein Herz unbestechlich gemacht. Und doch muß ich ihn niederzwingen. Solange er und seine paar tausend Buren noch aufrecht stehen, ist meine ganze Arbeit umsonst. Mehr noch. Krügers Bauernrepublik ist ein einziger Hohn auf meine Methode, auf die Lehre von der Allmacht Kapital, zu deren Priester ich mich gemacht habe. Die Welt ist sehend geworden und erwartet längst das Duell, dessen Schauplatz Afrika sein wird. Dieser Boden aber trägt im Augenblick nur zwei Männer, die sich mit Recht Afrikaner nennen dürfen: Paul Krüger und Cecil Rhodes. Bauer, Patriarch und Volksmann der eine — Spekulant, Millionär, Imperialist der andere! —

Rhodes lachte bitter auf — und erschrak sogleich vor seiner eigenen Stimme, die, flach und ohne Resonanz, den großen Frieden der Landschaft störte. Schön war die Rolle, mit der ihn das Geschick bedacht hatte, gerade nicht, und die Namen, die ihm die Nachwelt geben würde, besaßen keinen guten Klang. Aber war es seine Schuld, daß das Leben ihm einst statt der Kugelbüchse der Vortrecker die Diamanten von Kimberley in die Hände gespielt hatte? Auch er verkörperte ein Prinzip, das Prinzip seiner Zeit.

Er atmete tief und langsam auf, um das schmerzhaft pochende Herz zu beruhigen. Er mußte den Kampf beginnen, lieber heute als morgen, bevor ihm das Leben zerrann. Und wenn die gewohnten Waffen sich als wirkungslos erweisen sollten, dann gab es noch ein Mittel, gegen das selbst ein Krüger nicht gefeit war: die Gewalt. Ihm fiel ein, daß Dr. Leyds damals in Vierzehnströme zynisch lächelnd gemeint hatte, er, Rhodes, würde es wohl vorziehen, Transvaal zu vergolden, statt es mit Blut zu färben. Leyds hatte recht. Der Anblick vergossenen Blutes bereitete ihm körperliche Übelkeit, und als moderner Mensch zog er das Gold bei weitem vor. Aber wenn es nicht zu vermeiden war, würde er auch den anderen Weg nicht scheuen.

Seine verkrampften Hände lösten sich. Er ließ dem Pferd die Zügel, und sofort begann es spielerisch die Trense zu kauen. Ein selten gekanntes Gefühl des Friedens befiel den einsamen Reiter auf der Höhe des Matoppogebirges. Rhodes glaubte an seinen Erfolg, und nun, da der Entschluß gefaßt war, schien auch die Erfüllung selbstverständlich. Noch kannte er den Weg nicht, den er zu gehen hatte. Aber wenn es ihm beliebte, brauchte er nur sein Gehirn, diese tadellos arbeitende Maschine, einzuschalten, und bald würde der Plan in allen seinen Einzelheiten vor ihm liegen. In dieser Stunde aber mochte er nicht an Details denken.

Sein Gesicht veränderte sich. Das Auge, das fast trübe und stumpf geschienen hatte — wie immer, wenn Cecil Rhodes träumte —, wurde wieder klar und umfaßte mit einem weiten Blick die Landschaft zu seinen Füßen. Auf einmal wußte er, wie sehr er dieses Afrika liebte, dem er sein Leben verdankte und zugleich opferte, und dem zuliebe er sein Gewissen vergewaltigte. Er empfand ein tiefes Mitleid mit sich selbst. — Ich werde mir in der Nähe ein paar Kaffernhütten bauen lassen, dachte er; ganz schlicht und schmucklos, wie sie zu Hunderten im Lande stehen. Dort will ich in der wenigen freien Zeit, die mir noch bleibt, mit ein paar Freunden wohnen. Ich werde lesen, reiten oder einfach auf den Felsen sitzen und in die Steppe hinausblicken. Und am liebsten möchte ich hier oben sterben und begraben werden. Gibt es eine schönere Grabstätte als diesen Platz zwischen den Felsblöcken? Dieses Landschaftsbild müßte man hinter geschlossenen Lidern mit hinübernehmen in den Tod. Das Bild einer Welt, die rein und unberührt ist wie am ersten Schöpfungstag.

„ Weltblick soll die Stelle heißen”, sagte er laut vor sich hin. Er wollte noch heute Anweisung geben, daß der Hügel unberührt blieb. Am besten war es wohl, er erwarb das ganze umliegende Land als persönlichen Besitz.

Als Jameson und Hammond hinter dem nächsten Hügel zum Vorschein kamen, hob Rhodes grüßend die Hand. Im Schritt ritt er ihnen entgegen. Als sie ihre Pferde gewandt hatten und nach Buluwayo zurücktrabten, sagte er:

„Können Sie sich vorstellen, Jameson, wie einem Manne zumute ist, der plötzlich bemerkt, daß er eine Stunde lang auf seinem eigenen Grabe gestanden hat?”

Jameson blickte ihn erschrocken an. Rhodes lachte, als er die Bestürzung seines Freundes gewahr wurde, und fuhr fort:

„Dafür gibt es wohl in Ihrer ärztlichen Praxis kein Beispiel, Doc? Aber geben Sie mir um Gottes willen eine Zigarette. Ich habe meine natürlich wieder vergessen.”

Am Abend, als die drei Männer rauchend vor ihrem Zelt saßen, begann Jameson von Johannesburg zu sprechen. In düsteren Farben schilderte er die Lage der Uitländers, ihre politische Rechtlosigkeit und das Ausbeutungssystem, dem sie wehrlos von Seiten der Transvaal-Regierung ausgesetzt waren.

„Es muß unbedingt etwas geschehen”, schloß er. „Sie sollten Ihren ganzen Einfluß in London dafür einsetzen, daß Großbritannien den Johannesburgern zu Hilfe kommt. Auch Mr. Hammond ist dieser Meinung.”

„Halt, Doktor, das stimmt nicht ganz!” warf der Amerikaner dazwischen. „Ich habe zwar gesagt, daß etwas geschehen muß. Aber ich glaube nicht, daß die Aktion von England ausgehen sollte.”

„Sie denken doch nicht im Ernst, daß die Uitländers sich selber helfen können?” wehrte sich Jameson. „Krüger ist nur durch einen starken politischen Druck von außen zur Vernunft zu bringen.”

Rhodes hatte bisher mit unbeteiligter Miene dabeigesessen. Er hielt die Hände über den Knien verschränkt und starrte auf den Himmel, der rot und golden über der rasch verdämmernden Landschaft glühte. Der träumerische Ausdruck war immer noch nicht ganz von seinem Gesicht gewichen.

Jetzt aber wandte er mit einem Ruck den Kopf.

„Selbst wenn die Uitländers imstande wären, ihre Forderungen auf eigene Faust durchzukämpfen — was ich nicht glaube; auch dann dürften wir es nicht zulassen”, sagte er scharf. „Ich werde mich jeder Aktion widersetzen, die nicht im Namen Englands, beziehungsweise zum Besten Englands unternommen wird.”

„Aber die Mehrzahl der Uitländers fühlt ganz und gar nicht das Bedürfnis, das Regiment der Buren gegen die britische Herrschaft einzutauschen”, wagte Hammond zu widersprechen. „Was nützt den Johannesburgern das Stimmrecht, wenn gleichzeitig die Republik unter britische Kontrolle gerät? Was die Uitländers brauchen, ist ein selbständiger Staat, in dem sie die Mehrheit besitzen, und den sie ganz nach ihren besonderen Bedürfnissen einrichten können.”

„Das könnte ihnen so passen!” meinte Rhodes verächtlich. „Wir wollen doch einen Unterschied machen zwischen der Masse der Uitländers und der eigentlichen Goldminenindustrie. Mr. Hammond, ich möchte jetzt Ihre Meinung als Fachmann hören: Sind die Bedingungen und Gesetze, die die Transvaal-Regierung der Goldindustrie auferlegt hat, gut oder schlecht?”

Der Amerikaner überlegte eine Weile.

„Sie sind gut”, sagte er dann. „Kein Land der Welt besitzt so praktische und liberale Minengesetze. Die Abgaben sind, wenn man sie mit den anderwärts üblichen vergleicht, gering. Als Fachmann und Leiter der Produktion habe ich der Regierung kaum etwas vorzuwerfen. Und auch die Aktionäre der Goldgesellschaften könnten zufrieden sein. Oder sind den Herren vierhundert Prozent Dividende noch nicht genug?”

„Sehr gut.” Cecil Rhodes nickte befriedigt. „Für uns Minenbesitzer handelt es sich demnach also nicht um ein wirtschaftliches, sondern nur um ein politisches Problem. Und nun zu der Masse der ärmeren Uitländers: Welche Beschwerden haben sie gegen Krüger vorzubringen?”

Der Amerikaner hob die Schultern.

„Alles und nichts. Sie sitzen an der Quelle des Reichtums, und doch dürfen sie nur hier und da einen Tropfen aus dem großen Goldstrom auffangen. Deshalb sind sie dauernd unzufrieden und suchen einen Prügelknaben.”

„Und warum suchen sie sich dafür ausgerechnet den alten Krüger aus? Gewiß, sie müssen Steuern bezahlen. Aber mit viel größerer Berechtigung könnten sie doch den Aktionären und Direktoren auf die vollen Taschen klopfen. Die überwiegende Masse des Goldes und der Gewinne wandert nach London und nicht in die Hände der Buren.”

Hammond grinste.

„Das stimmt. Und nach meiner Meinung sollten die großen Gesellschaften nur froh sein, daß sie in der Burenregierung einen so prachtvollen Blitzableiter besitzen. Ein richtiger Abenteurer findet es ganz in Ordnung, wenn sein Geld bei einer fehlgeschlagenen Spekulation zum Teufel geht. Aber wenn er es für Fleisch und Brot bezahlen soll oder womöglich als Steuer an den Fiskus abführen, dann wird er rebellisch. Seien wir doch ehrlich: Warum bringt es die Masse der Uitländers zu nichts? Doch nicht deshalb, weil die Goldförderung von Krüger künstlich unterdrückt wird oder weil die Lebenskosten zu hoch sind. Nein, sie sitzen einzig deshalb in der Tinte, weil sie ihre mühsam verdienten Pfunde an der Börse verspekulieren. Jeder von ihnen glaubt, das Zeug zu einem Barnay Barnato, Alfred Beit oder gar zu einem Rhodes in sich zu haben. Sie kaufen jede Aktie, die ihnen offeriert wird, stecken ihr Geld in völlig wertlose Grundstücke und steigen bedenkenlos mit beiden Beinen zugleich in die haarsträubendsten Schwindelgründungen ein. Die Folge ist, daß die Massen am Witwatersrand immer ärmer und die angebeteten Millionäre immer reicher werden. So ist es doch in der Goldindustrie: Wer viel hat, dem wird gegeben, und wer wenig hat, dem wird auch noch das Letzte genommen.”

Hammond hatte sich in Hitze geredet. Er hatte zwar kein besonders zartes Gewissen und schon ganz und gar nicht, wenn es sich um die Sünden anderer handelte. Aber als Mann der Praxis hatte er es mehr als einmal erleben müssen, wie die sachliche Arbeit durch die Spekulationswut des Publikums und die Börsenmanöver der allmächtigen Finanzleute gestört wurde.

„Jetzt müssen Sie nur noch hinzufügen, daß die Uitländers nicht von den Buren, sondern von uns Millionären ausgebeutet und unterdrückt werden”, sagte Rhodes.

Er stand auf und schleuderte seine Zigarette mit einer hastigen Bewegung von sich. Jameson fürchtete einen Zornesausbruch. Er wußte, daß der Chief, besonders seit er in den letzten Jahren allmächtig geworden war, Kritik und Widerspruch nur schlecht vertrug.

„Sie reden wahrhaftig, als ob Sie Paul Krüger hießen”, sagte er ärgerlich zu Hammond. „Auch dem will es nicht in seinen dicken Bauernschädel hinein, daß wir, um überhaupt richtig in Gang zu kommen, erst einen gewaltigen Wirbel auf dem Kapitalmarkt erzeugen müssen. Wie Krüger begreifen Sie nicht, warum wir dauernd neue Aktien ausgeben und wieder einziehen, warum wir Haupt- und Tochtergesellschaften gründen, sie fusionieren und sie am Ende wieder liquidieren und je nach Bedarf Haussen oder Baissen inszenieren. Krüger hält Rhodes und die anderen für Wechsler, die er am liebsten mit der Ochsenpeitsche aus seinem Tempel hinausprügeln möchte. Aber Sie, als moderner Mensch, sollten mehr von der Wirtschaft verstehen.”

Hammond erwiderte nichts auf die Vorwürfe Jamesons. Er starrte wie fasziniert auf den Zigarettenstummel, der langsam im Grase verglomm, und sagte trotzig wie ein Schuljunge:

„Sie wollten ja meine Meinung hören, Mr. Rhodes.” Dabei überlegte er fieberhaft, welche Mine am Witwatersrand wohl unabhängig genug war, um einen Ingenieur wiedereinstellen zu können, den Rhodes an die Luft gesetzt hatte.

Aber Rhodes war durchaus nicht böse.

„Sie haben genau das gesagt, was ich hören wollte”, rief er lebhaft. „Und jetzt passen Sie einmal gut auf. Auch Sie, Doc.”

Er ergriff seinen Feldstuhl und pflanzte ihn mit einem Schwung vor den beiden auf. Dann nahm er rittlings darauf Platz und legte die Arme breit über die Lehne.

„Sie haben völlig recht, Hammond”, begann er. „Die großen Gesellschaften leben von der Torheit der Uitländers. Wir Millionäre sind es, die sie und ein paar tausend andere Narren in Europa dazu verlocken, ihr gutes Geld in unsere unsicheren Unternehmungen zu investieren. Aber das muß nun einmal so sein. Denn eine Goldmine kostet ein Vermögen, noch bevor sie überhaupt angefangen hat, eine einzige Unze Gold zu produzieren. Und dazu kommt, daß sich von drei Minen mindestens eine als unrentabel erweist. Woher sollten die Klugen das nötige Geld nehmen, wenn nicht von den Dummen?” „Aber —”, versuchte Jameson einzuwenden, der vor der Ehrlichkeit seines Chiefs erschrak.

„Kein aber, Doc! Sie verstehen von der Wirtschaft so viel wie die Kuh vom Radfahren. Aber nun stellen Sie sich einmal vor, was geschehen würde, wenn die Uitländers in Transvaal das Stimmrecht erhielten und damit die Mehrheit im Parlament. Da könnten wir unsere Minen und Pochwerke gleich schließen.” „Wieso?” fragte jetzt auch Hammond.

„Wieso? — Sie haben mir eben erst sehr klug auseinandergesetzt, daß die Masse der Uitländers in Wahrheit nur einen Feind hat, nämlich die großen Gesellschaften. Nur wissen sie es, Gott sei Dank, noch nicht. Nun, auch die Buren haben den gleichen Feind, aber ihnen ist diese Tatsache bereits klar geworden. Was würde also geschehen? Transvaal würde eine Regierung erhalten, die zwar die Goldproduktion nicht drosselt, wohl aber die Gewinne der großen Kapitalgesellschaften derartig beschneiden würde, daß es für uns wahrscheinlich lohnender wäre, Kartoffeln zu graben statt Gold.”

Er schwieg einen Augenblick und atmete langsam, fast ängstlich. Seine Finger tasteten über die Brust, als wolle er den Schlag seines Herzens prüfen. Dann fuhr er fort:

„Es gibt nur einen Weg. Transvaal muß britisch werden. Nicht den Uitländers zuliebe. Auch nicht, weil der Fortbestand der Goldminengesellschaften davon abhängt. Es muß britisch werden, weil ich es will, weil mein Leben und meine ganze Arbeit sinnlos wären, wenn ich dieses Ziel nicht erreichte. Die Uitländers mit ihren demokratischen Forderungen, mit ihrem Wunsch nach politischer Gleichberechtigung sollen uns nur den Vorwand zum Einschreiten liefern. Es ist traurig, daß man zu solchen Taten solche Vorwände braucht.”

Jameson und Hammond antworteten nicht. Rhodes hatte in einem Ton gesprochen, der jeden Widerspruch von vornherein ausschloß. In seiner Stimme war ein Klang von Metall, wie man ihn noch niemals vernommen hatte. Rhodes hatte die Parole gegeben, und Jameson und Hammond durften jetzt nur noch auf ihre Befehle warten.

Ein flackernder Lichtschein fiel auf das Gesicht des Chiefs. Er drang aus dem Zelt, wo Rhodes' Diener, der Griquabastard Jonas, eben die Petroleumlampe entzündet hatte. Jameson, der in den Zügen des angebeteten Mannes wie in einem offenen Buch zu lesen verstand, erkannte plötzlich die Veränderung, die seit einigen Stunden mit Rhodes vorgegangen war. Das Gesicht sah aus, als sei er magerer geworden; denn das Fett, das sich — eine Folge der Krankheit — an Kinn und Wangen abgelagert hatte, schien sich in festes, straffes Fleisch verwandelt zu haben. Die senkrechte Falte über der großen Nase war vertieft, und von der Stirn, die höher wirkte als sonst, strahlte eine gesteigerte Energie aus. Und doch wußte Jameson, doppelt hellsichtig als Arzt und Freund, daß dies nicht die Anzeichen einer körperlichen Genesung waren. Die Haut um die Augen zeigte mehr denn je das poröse Grau, das allen Herzkranken eigentümlich ist, und der festgeschlossene, nach unten gekrümmte Mund verriet unterdrückte Schmerzen und sogar Angst.

„Und wie werden wir es anfangen?” fragte Jameson mit rauher Stimme.

Hammond hingegen, weniger sensibel als der Schotte und ohne wirkliches Gefühl für die Bedeutung der Stunde, meinte skeptisch:

„Transvaal englisch? Meinetwegen. Aber das bedeutet Krieg. Und ein Krieg mit Krüger dürfte selbst für Sie weniger leicht zu entfesseln sein als eine Expedition gegen Lobengula. Außerdem wird das kein militärischer Spaziergang.”

Rhodes schüttelte den Kopf.

„Krieg ist ein viel zu großes Wort. Wahrscheinlich wird es nicht ohne Gewalt und Blutvergießen abgehen. Aber ich denke, daß ich mein Ziel auch ohne Krieg erreiche, und daß es nicht nötig sein wird, die britische Regierung offiziell einzuschalten.”

Noch am gleichen Abend beriet Rhodes mit Jameson und Hammond über alle Einzelheiten des Anschlages, der die Burenrepublik ihre Unabhängigkeit kosten sollte. Denn sobald der Plan einmal gefaßt war, gab es keine Zweifel und keine Skrupel mehr, und nur noch die Ausführung stand zur Diskussion.

Als die Nachtkälte hereinbrach, die die Hitze des Tages auf dem Hochplateau fast ohne Übergang ablöste, gingen sie ins Zelt. Jonas trug die Steaks auf, die zäh wie Leder waren, da sie von frischgeschlachteten Rindern stammten. Die Luft unter der starken Leinwand erwärmte sich rasch und wurde schwer vom Duft des gebratenen Fleisches und der süßen Zigaretten. Als sie fertiggegessen hatten, schickte Rhodes den Diener hinaus und stellte eine Flasche seines geliebten russischen Kümmels auf den Tisch.

Während er sprach, trank er häufig mit hastigen Schlucken. Aber sein Kopf blieb klar, und er entwickelte seinen Plan so kühl und sachlich, als handle es sich um eine belanglose geschäftliche Angelegenheit. Jameson und selbst Hammond dagegen wurden die Köpfe heiß, sie wußten nicht, ob vom Alkohol oder von dem Bewußtsein, daß sie in diesem Augenblick ihre Rollen in einer Verschwörung von weltpolitischer Bedeutung zugewiesen bekamen.

Rhodes wollte, wie bei allen seinen Unternehmungen, so auch hier mit möglichst geringem Einsatz die größte Wirkung erzielen. Den Hauptstoß sollte darum die Johannesburger Bevölkerung selber führen. Die Agitation der National-Union mußte verstärkt und die Masse der Uitländers in einen Zustand höchster politischer Erregung versetzt werden. Die Forderung nach Wahlberechtigung und nach Abänderung bestehender Gesetze war in einem Ausmaß zu erheben und in einem Tone vorzubringen, daß der Transvaal-Regierung ein Entgegenkommen unmöglich gemacht wurde.

„Denn es kommt gar nicht darauf an, daß den Uitländers dieses oder jenes Recht zugestanden wird”, sagte er. „Wichtig allein ist es, die Welt in Alarmzustand zu versetzen und eine Situation zu schaffen, die allgemein für unhaltbar angesehen wird. Wir müssen der öffentlichen Meinung suggerieren, daß eine gewaltsame Lösung unvermeidlich ist. Für diese Propaganda stelle ich die Presse zur Verfügung, und ich werde auch dafür sorgen, daß es niemals am nötigen Gelde fehlt.”

„Und was geschieht, wenn der Topf auf dem Feuer steht?” fragte Hammond.

„Dann lassen wir ihn überkochen. In Johannesburg leben mehr Männer als im ganzen übrigen Transvaal. Was können wir dafür, wenn ihnen schließlich die Geduld reißt, wenn es zu einem Aufstand kommt?”

Jameson machte ein bedenkliches Gesicht.

„Es wird für Krüger ein Vergnügen sein, diesen Aufstand niederzuschlagen. Gewiß gibt es Männer genug am Witwatersrand. Aber als Soldaten sind sie nichts wert. Ein Bur erledigt zehn von ihnen, ohne dabei erst groß in Hitze zu geraten. Und woher sollen die Johannesburger die Waffen nehmen?”

Rhodes zog ärgerlich die Brauen zusammen. Er war es gewohnt, jede Sache auf dem Papier zu berechnen, und er addierte Menschen nicht anders als Pfundnoten.

„Wir werden aus den Leuten eben Männer machen. Doc, Sie haben mit siebenhundert Maschonaland-Pionieren, von denen kaum die Hälfte militärisch ausgebildet war, die Matabele geschlagen. Und in Johannesburg leben mehr als fünfzigtausend Menschen! Ich werde dafür sorgen, daß Waffen in die Stadt eingeschmuggelt werden. Ihr bekommt auch einen Organisator für alle militärischen Fragen. Meinen Bruder Frank. Er ist Oberst und hat unter Kitchener im Sudan gekämpft.”

Aber Hammond hatte immer noch Bedenken. Nach seiner Meinung war Johannesburg ein denkbar ungeeigneter Ausgangspunkt für kriegerische Aktionen. Die Stadt war auf Lebensmittelzufuhren von außerhalb angewiesen. Was geschah, wenn die äußerst bewegliche Burenkavallerie die Bahn nach Kimberley abriegelte? Wahrscheinlich kam es zu einer Belagerung der Stadt. „Krüger verfügt über gute Artillerie”, schloß er. „Er wird uns die Minen zusammenschießen und seinem Herrgott danken, daß er ihm eine so prächtige Gelegenheit verschafft hat, den Krebsschaden seines Landes mit Stumpf und Stiel auszurotten.”

Rhodes hatte aufmerksam zugehört. Jetzt erhob er sich und schlug den Vorhang am Zelteingang zurück. Draußen herrschte tiefe Dunkelheit, nur das Feuer der schwarzen Boys glomm rötlich in einer Entfernung von etwa hundert Metern.

Er sah sich um, ob keine Lauscher in der Nähe waren. Dann kehrte er ins Zelt zurück, in das ein Strom kühler, herber Nachtluft eingedrungen war.

„Sie kennen meinen Plan erst zur Hälfte”, sagte er, während er die Gläser wieder vollschenkte. „Vergessen Sie nicht, daß die Uitländers hilflose, mißhandelte Leute sind, die nur aus Verzweiflung zu den Waffen greifen. Nicht wahr, Hammond, dafür halten Sie sie doch auch?” Er lächelte und machte eine genießerische Pause wie ein Pokerspieler, der endlich seine lange zurückgehaltenen Trümpfe auf den Tisch werfen darf. „Nun, die unglücklichen Johannesburger werden einen Hilfeschrei in die Welt senden, sie werden um auswärtige Unterstützung bitten. Bedenken Sie doch, es sind arme, friedliche Kaufleute und Arbeiter! Sie haben Frauen und Kinder, die der Willkür der rohen Buren schutzlos preisgegeben sind. Darf man sie im Stich lassen? Darf man es außerdem ruhig mit ansehen, daß ein halbes Hundert Bergwerke, aus denen der Reichtum der Welt gewonnen wird, von fortschrittsfeindlichen Bauern in Grund und Boden geschossen wird?”

Großartig, Chief!” Jameson war aufgesprungen. Seine Augen leuchteten und der blonde Schnurrbart zitterte vor Erregung. „Johannesburg ruft das britische Weltreich zu Hilfe, und England wird zur Stelle sein!”

„Also doch Krieg”, sagte Hammond. Aber eigentlich war ihm schon alles gleich. Auch seine angeborene Skepsis begann allmählich einer tiefen Erregung zu weichen. Er hatte plötzlich das Gefühl, als spiele er hier mit Rhodes und Jameson Indianer. Das Zelt, das vom flackernden Licht der Lampe erfüllt war, Jamesons tanzender Schatten auf der Wand, die nächtliche Einsamkeit und Stille draußen — das alles erinnerte ihn an seine Knabenzeit. Auch damals war er während der Ferien mit den Schulkameraden in den Wäldern Louisianas umhergestreift, und niemand hatte gelacht, wenn der .Häuptling* eines Abends am Lagerfeuer sachlich und todernst verkündete: „Morgen machen wir einen Überfall auf New-Orleans.” — Der Überfall, der heute geplant wurde, sollte nicht nur in der Phantasie stattfinden, und es war diesmal ein sehr mächtiger Häuptling, der die Befehle erteilte.

„Es gibt keinen Krieg”, sagte Rhodes gelassen, „und niemand wird England um Hilfe bitten.”

„Aber wen sonst sollen denn die Uitländers rufen? Etwa Sie?”

Rhodes lachte.

„Mich? Den Premierminister der Kapkolonie? Den Vertrauensmann der britischen Regierung und zugleich den Treuhänder der holländisch sprechenden Bevölkerung Südafrikas? Nein, das wäre unmöglich. Einen ganz anderen wird man zu Hilfe rufen: nämlich Sie, Jameson!”

Jameson wich einen Schritt zurück. Er wollte fragen, protestieren — aber er fand nicht gleich die Worte. War er denn etwas anderes als das Werkzeug Rhodes', als der Freund, der willig die empfangenen Befehle ausführte? Es war schon viel, wenn er sich heimlich die rechte Hand des Chiefs nennen durfte. Und jetzt?

Aber bevor er sprechen konnte, hatte Rhodes ihm schon den Arm um die Schulter gelegt und führte ihn mit raschen Schritten in dem schmalen Gang zwischen Tisch und Zeltwand auf und ab.

„Begreifen Sie nicht, daß sowohl ich als auch die Regierung in London offiziell ganz aus dem Spiel bleiben müssen? Die Partie geht zwischen Krüger, den Uitländers und Ihnen. Die Großmächte Staat und Kapital dürfen sich erst einschalten, wenn ihr drei Südafrika gründlich in Unordnung gebracht habt und alle Welt nach Friedensstiftern schreit. Jameson, Ihre große Stunde ist da, Sie sollen jetzt ganz selbständig handeln. Sie erhalten eine kleine Armee, ähnlich der, mit der Sie Lobengula geschlagen haben. Wenn die Erregung in Johannesburg auf den Höhepunkt gestiegen ist, werden Sie sich mit Ihrer Truppe gerade irgendwo in der Nähe der Transvaalgrenze aufhalten. Da erhalten Sie aus heiterem Himmel einen dringenden Hilferuf. Was werden Sie tun? Ihr gutes Herz, Ihr ritterliches Gefühl für die bedrohten Johannesburger wird mit Ihnen durchgehen, und ohne mich oder irgend jemand sonst zu fragen, werden Sie mit Ihrer Armee in Transvaal einrücken. Gleichzeitig bricht der Aufstand am Witwatersrand los, und eine zweite Armee, aus Uitländers bestehend, gut bewaffnet, marschiert auf Pretoria. Die Buren sind völlig überrumpelt, sie wissen nicht, gegen wen sie ihre Kräfte zuerst werfen sollen. Wenn Krüger nicht sofort kapituliert, wird er zermalmt sein, bevor seine Beschützer in Berlin und Paris überhaupt recht begriffen haben, was vorgeht. Inzwischen biete ich mich als Vermittler an, eine Rolle, für die ich als Premier des Kaplandes und zugleich reichster Mann Johannesburgs denkbar geeignet bin. Britische Truppen rücken in Transvaal ein, um die Ruhe wiederherzustellen, die Kampfhähne zu trennen und die wertvollen Gruben am Rand vor Zerstörung zu schützen. Na, und glauben Sie, wir werden wieder herausgehen, wenn wir erst einmal im Lande sind? Freiwillig nie. Und daß uns die Buren diesmal nicht wieder herausprügeln wie im Jahre 1880 — dafür wird gesorgt werden!”

„Donnerwetter!” sagte Hammond nur, als Rhodes geendet hatte. Dabei griff er sich an den Kopf, denn ihm wurde fast schwindlig. Der Plan war überzeugend und klar durchdacht, daran war nicht zu zweifeln. Fast etwas zu glatt und einfach, dachte er und suchte eigensinnig nach der Unbekannten in der Gleichung, die Rhodes übersehen haben mußte.

Endlich glaubte er, den Fehler gefunden zu haben.

„Sie sagen, die Buren werden überrumpelt werden. Aber das bezweifle ich. Wenn fünfzigtausend Johannesburger sich an Jameson und seine Armee um Hilfe wenden, dann müssen sie doch auch wissen, daß und wozu diese Armee an der Grenze bereitsteht. Und Sie glauben, Krüger wird das nicht ebenso früh in Erfahrung bringen?”

Rhodes hob die Hände und markierte eine komische Verzweiflung.

„So klug bin ich auch, Hammond”, sagte er. „Von der Existenz und dem Zweck der Jameson-Armee brauchen in Johannesburg höchstens ein Dutzend Leute zu wissen. Die Uitländers sollen ruhig glauben, daß sie allein stehen und ihre Sache mit Krüger selbst durchzufechten haben. Erst wenn das Geschwür platzt, werden die paar Eingeweihten im Namen der anderen den Hilferuf loslassen. Seit wann macht die Masse Politik? Die wird immer nur im Namen der Masse gemacht. Nein, Johannesburg soll seinen Retter erst kennenlernen, wenn er schon vor den Toren steht. Jameson!” Er wandte sich wieder dem Doktor zu. „Wenn ich vom Retter spreche, dann meine ich Sie! Was sagen Sie überhaupt? Werden Sie es schaffen? Ich habe da für Sie keine leichte Aufgabe ausgesucht.”

Er fragte ihn nicht einmal, ob er auch bereit war, die schwere Last und Verantwortung dieses Abenteuers auf sich zu nehmen. Das verstand sich für Rhodes von selbst. Entscheidend war allein, ob die Nerven des Doktors stark genug waren, die neue Belastungsprobe auszuhalten.

Prüfend musterte Rhodes seinen Paladin. Nun, Jameson machte jetzt einen viel gesünderen und kräftigeren Eindruck als vor vier Jahren. Das Fieber hatte ihn verlassen, seit er die feuchten Niederungen von Salisbury mit der Hochebene von Buluwayo vertauscht hatte, und durch den raschen Sieg über Lobengula war sein Selbstbewußtsein erheblich gesteigert. Das Gesicht des Doktors war gebräunt und straff, und es schien sogar, als sei er breiter in den Schultern geworden.

Nun, Doc, was ist?” fragte Rhodes und nickte ihm ermunternd zu.

In Jamesons Hirn jagten sich die Gedanken. Er begriff, daß die große Stunde der Bewährung gekommen war, daß Rhodes ihm für eine jahrelange Hingabe mit einem geradezu königlichen Vertrauen dankte. Zugleich aber wußte er auch, daß er nun für das Glück, sich Rhodes' Freund nennen zu dürfen, einen hohen Preis zu bezahlen hatte. Er, der in Wahrheit doch nur das Werkzeug war, wurde mit der ganzen Verantwortung für eine Tat belastet, die, wenn sie mißlang, den Haß, ja sogar das Gelächter der Welt erregen mußte. Ein Abenteurer und Freibeuter sollte er werden, ein Bandenführer, der über Nacht in ein friedliches Land einfiel. Einer, den man mit Fug und Recht am nächsten Baum aufhängen konnte, wenn man ihn erwischte.

Ihm war völlig klar, weshalb der Chief bei diesem Unternehmen im Hintergrund bleiben wollte. Er rechnete mit einem Fehlschlag und sicherte sich daher schon jetzt die Rückzugslinie. Scheiterte der Anschlag auf Transvaal, so konnte er seine Hände in Unschuld waschen und mit Entrüstung von seinem Untergebenen abrücken. Darum legte er solchen Wert darauf, daß Jameson selbständig handelte' und ,niemanden um Erlaubnis fragte'. Sein gutes Herz sollte mit ihm ,durchgehen'. Durchgehen auf Befehl. Was aber geschah, wenn das Vorhaben glückte? Dann würde kein Mensch auch nur einen Augenblick zweifeln, daß Rhodes der Urheber war. Dann würde der Chief der Sieger sein und Jameson nur ein tüchtiger Söldner seines Herrn.

Doch es war ungerecht, so zu denken. Was wäre er denn heute, wenn Rhodes ihn nicht unter Hunderten ausgewählt und zu seinem Vertrauten gemacht hätte? Ein unbekannter Arzt, der Tag für Tag seine Krankenbesuche erledigte, Glieder zusammenflickte, die zu nichts nütze waren, und Leben verlängerte, um die es sich nicht lohnte. Rhodes hatte ihn den Rausch der Macht und der großen Taten kennen gelehrt. Jetzt sollte er auch lernen, was es heißt, aus eigener Kraft und ohne Rückhalt zu handeln und darüber hinaus die Verantwortung zu tragen für Taten, die im Grunde nicht einmal seine eigenen waren. Durfte er nein sagen, wenn die größte und schwerste Bewährung von ihm gefordert wurde?

Vor ihm stand Rhodes und erwartete seine Antwort. Hatte er schon zu lange gezögert? Er glaubte Ungeduld und aufsteigende Enttäuschung im Gesicht des Chiefs zu bemerken.

„Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihr Vertrauen”, sagte er mit heiserer Stimme. „Selbstverständlich führe ich den Auftrag aus, und ich bin überzeugt, daß es gar nicht mißlingen kann.” Und mit einem Blick auf Hammond, als wollte er ihn zum Zeugen für seine Worte nehmen, fügte er lauter hinzu: „Ich allein übernehme die volle Verantwortung, was auch immer geschieht.”

Rhodes streckte ihm die Hand hin, und auch der Amerikaner hatte sich wie unter einem inneren Zwange erhoben.

Aber Jameson schien es gar nicht zu bemerken. Seine Augen blickten ins Leere, und mit dem Ausdruck eines Schlafwandlers schritt er auf den Ausgang zu.

Draußen stand die Dunkelheit wie eine Mauer. Das Gras war glitschig vom Nachttau, und schmerzhaft empfand er die Kälte an Knöcheln und Handgelenken. Dennoch tastete er sich immer tiefer in die Höhle der Finsternis hinein. Das Licht, das aus dem Zelt in seinen Rücken fiel, ängstigte ihn und trieb ihn vorwärts. Er machte sogar einen Bogen, um ihm rascher zu entkommen.

Der Boden unter seinen Füßen wurde plötzlich uneben. Als er den Hang ersteigen wollte, geriet er ins Rutschen und sank in die Knie. Aber sobald er die Nässe an seinen Händen spürte, wurde er ruhiger.

Warum soll es mißlingen? — dachte er, während er die Finger fest um die harten Grasbüschel schloß. Ich habe Maschonaland besetzt, die Buren am Limpopo zurückgetrieben, die Matabele geschlagen. Ich werde auch mit Krüger fertig werden, und dann habe ich dem Chief ganz Südafrika erobert. Ich darf nicht schwach werden vor dem Ziel, vor dem Sieg. Und wenn seine Aufgabe erfüllt war, was dann?

Jameson wußte plötzlich, was er tun würde, wenn alles vorüber war. Er wollte fort aus Afrika, wenn möglich mit dem ersten Schiff. Er wollte nach Schottland zurückkehren und wieder Arzt werden. Vor seinen Augen stand ein Bild, das er lange Jahre nicht mehr geschaut hatte: ein Operationssaal, weiß, warm, lichtdurchflutet. Blitzende Instrumente, Schwestern in sauberen Kitteln und das leise Summen der Gasbrenner. Ja, er haßte Afrika, diesen ungeheuren, dunklen Kontinent, der den Männern das Mark aus den Knochen sog und sie in die Wirbel unbegreiflicher Geschehnisse hineinriß. Warum war er nicht schon längst zu seinem guten, ehrlichen Handwerk zurückgekehrt? Seit Jahren fühlte er sich elend und einsam. Denn selbst Rhodes, der große Freund, duldete ihn nur selten in seiner Nähe.

Ständig hetzte er ihn durch Busch und Steppe und pfiff ihn nur zurück, wenn es ihm einfiel, ihn mit neuen, immer schwierigeren Aufträgen zu beladen.

Und doch sehnte er sich nach Ruhe und Geborgenheit. Er beneidete die Schwarzen, die unerschüttert und unberührt von der erregenden Größe ihres Kontinents dahinlebten, sich in den schmutzigen Pontoks vergnügt zusammendrängten und jedem Tag seine kleinen, harmlosen Freuden ablisteten.

Wenige Schritte entfernt hörte Jameson in der Dunkelheit ein heißes Flüstern. Er glaubte, die Stimme eines der Boys zu erkennen, die andere mußte einer Frau gehören. Sie gurrte tief und zärtlich wie eine Kaptaube. Ja, immer und überall fanden die Schwarzen Mädchen, mitten im Busch, in den Städten und in den einsamen Zeltlagern. Sie suchten, witterten und fanden einander wie die Tiere der Steppe. Er aber hatte seit langem keine Zeit mehr gefunden, mit und für Frauen zu leben. Afrika und Rhodes verbrauchten ihn, er zehrte sich auf für einen Ruhm, der nicht einmal sein eigener war.

Er stand auf und strich sich das dünne Haar aus der feuchten Stirn. Diesen letzten, größten Dienst würde er Rhodes noch erweisen und dann das afrikanische Abenteuer, in das er so unversehens hineingeraten war, liquidieren. Er war jetzt vierzig Jahre alt. Vor ihm lag noch ein behagliches Dasein, das ausgefüllt sein würde mit ein wenig Arbeit, einer Frau und einem eigenen Haus. Wahrhaftig, nicht einmal ein Haus besaß er. Er hatte einfach vergessen, sich eins zu bauen oder zu kaufen. Aber das sollte nun anders werden. Er mußte sich beeilen, wenn er noch einmal sein eigenes Leben leben wollte. Eine ruhige, friedliche Zukunft wollte er sich schaffen, die die Bilder der bunten, erregenden Vergangenheit nur manchmal erhellen sollten wie das Wetterleuchten eines abziehenden Gewitters die Stille eines wohlbehüteten Parks.

„Das ist der Arzt Leander Starr Jameson”, sollten einmal die Leute von ihm sagen. „Er war früher ein sehr bekannter Mann in Afrika und ist Cecil Rhodes' bester Freund.”

Er schritt auf den erleuchteten Zelteingang zu und lächelte vor sich hin. Nun, da er schon das Ende seiner Odyssee absehen konnte, erfüllte ihn das bevorstehende Abenteuer mit Freude und Spannung.