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Fünftes Kapitel

Dort, wo die Hauptfurt den Limpopo kreuzte, hatte man den Busch auf beiden Ufern weggeschlagen und so eine etwa hundert Meter breite Schneise geschaffen, die den Händlern und Viehtreibern, die gelegentlich von Transvaal nach Maschonaland hinüberwechselten, den Verkehr erleichterte. Der sumpfige Boden, der in sanfter Neigung zum Flußbett abfiel, war zertrampelt von tausend Hufen, und über den zahlreichen Dunghaufen summten Schwärme grüner und blauer Fliegen.

Zwischen den Büschen auf dem Nordufer standen einige runde Zelte von schmutziggrauer Farbe; und etwa fünfzig Pferde, denen man das linke Vorderbein hochgebunden hatte, weideten auf der Schneise. Einige Männer lungerten am Ufer herum. Sie hatten die Stiefel ausgezogen und kühlten ihre Füße im trüben, lauwarmen Wasser des Flusses. Auf ihren verschwitzten Khakihemden leuchteten die Abzeichen der Maschonaland-Polizei.

Tom Tindal, mager und seit Tagen nicht rasiert wie seine Kameraden, blickte prüfend zum Himmel auf. Ein regenbogenfarbener Kreis umgab die matte Sonne, und weiße Wolkenballen schoben sich von allen Seiten über den dunstigen Himmel herauf.

„Es gibt schon wieder ein Gewitter”, sagte er.

„Deswegen wird es auch nicht kühler werden”, brummte Tubet und fuhr fort, mit Interesse einen Blutegel zu betrachten, den er eben von seiner hageren Wade entfernt hatte. „Wenn die Buren nicht bald kommen, werden sie nur noch am Verwesungsgeruch merken, daß die Armee der Chartered Company hier auf sie gewartet hat.”

„Ob du hier verreckst oder in Salisbury — das ist schließlich kein großer Unterschied. Der Teufel soll das ganze Maschonaland holen. Wenn mein Alter in Bristol, der auch ein paar Chartered-Aktien gekauft hat, wüßte, wie es hier aussieht — er würde sich nicht länger wundern, weshalb seine Papierchen dauernd fallen.”

„Warum sie fallen, weiß er doch wahrscheinlich sehr genau — falls er seine Zeitung liest. Die Buren sind schuld, weil sie uns Maschonaland wegnehmen wollen.”

Tindal sah seinen Kameraden mißtrauisch an.

„Soll das ein Witz sein? Glaubst du im Ernst, daß hier irgend etwas wegzunehmen ist? Vielleicht die famosen Goldclaims, die wir uns mit gütiger Erlaubnis der Chartered abstecken durften? Ich verkaufe sie dir — das Stück für eine Flasche Whisky.”

„Dafür wirst du sie wohl nicht loswerden, jetzt, wo der Black and White in Salisbury schon sieben Pfund die Flasche kostet!” rief Sergeant Hopkins, der, mit einer Büchse bewaffnet, auf einer erhöhten Stelle des Ufers stand, höhnisch herüber. Er wartete seit zwei Stunden auf irgendein Tier, das er schießen könnte.

Tindal hörte nicht auf den Einwurf. Hitzig fuhr er zu Tubet gewandt fort:

Meiner Meinung nach sollte man die Buren ruhig hereinlassen. Wahrscheinlich verstehen sie mehr von Landwirtschaft als wir und sorgen dafür, daß wir wenigstens satt werden. Reis und Hirse, Hirse und Reis — ist das ein Essen? Ich sage dir, das ganze Maschonagold ist ein Schwindel. Hast du die verlassenen Minen hinter Salisbury gesehen? Die hat die Königin von Saba schon vor dreitausend Jahren oder so wegen Unrentabilität schließen lassen.”

„Du bist ein Narr”, schnitt ihm Tubet das Wort ab. „Das mit dem Gold ist doch gar nicht so wichtig. Davon hat Rhodes mehr als genug. Aber er will durchaus, daß dies nette Stückchen Afrika britisch wird. Nicht du sollst reich dabei werden, sondern das Empire — kapiert? Und damit das klappt und uns die Buren nicht in die Suppe spucken, darum stehen wir hier mit unserer kleinen Kanone.”

„Aber immerhin, man hat uns versprochen ...”

„Hat man, natürlich. Es kann ja auch sein, daß doch mal Gold gefunden wird. Aber schließlich sind wir Soldaten. Man hätte uns ebensogut nach Indien oder sonstwohin schicken können, wo die Bezahlung noch miserabler ist, und wo von Gold überhaupt keine Rede sein kann.”

„Sind wir denn wirklich Soldaten oder nicht? Die Chartered ist doch eine Privatgesellschaft.”

Tubet machte eine Bewegung mit der Hand, als scheuche er eine Fliege fort. „Ja und nein. Da ist irgendein feiner Unterschied, den wir niemals begreifen werden. Auf jeden Fall ist Rhodes ein großer Kerl und ein Jingo dazu. Er will das Imperium großmachen. Na, und Imperialisten sind wir doch alle, nicht wahr?”

„Natürlich”, bestätigte Tindal, „warum nicht?”

Gegen das Imperium hatte er keine Argumente, und außerdem fand er es viel zu heiß zum Streiten. Er langte nach seinen Stiefeln und stelzte langsam das Ufer hinauf auf die Zelte zu.

Tindal war keineswegs der einzige unter den Maschonaland-Pionieren— wie die Chartered Company die erste Gruppe der neuen Ansiedler genannt hatte —, für den das mit so großem Pomp angekündigte Unternehmen eine arge Enttäuschung bedeutete. Nach einem beschwerlichen Marsch von über achthundert Meilen durch ein wegloses Land hatte Jamesons Kolonne im September 1890 den Ort ihrer Bestimmung erreicht und in Fort Salisbury, der künftigen Hauptstadt von Maschonaland, feierlich den Union Jack gehißt. Dann hatten sich die Teilnehmer, bewaffnet mit Sieben, Schaufeln und Hacken, sofort auf die Goldfelder gestürzt, um die ihnen versprochenen Anteile zu bearbeiten. Aber die Ausbeute war mehr als enttäuschend. Das wenige Alluvialgold, das gefunden wurde, reichte längst nicht aus, um die hohen Lebenskosten in einem völlig unerschlossenen Lande aufzubringen, dessen Zufuhren von weit her gedeckt werden mußten. Unter den Goldgräbern brachen Krankheiten aus, die Pferdesterbe griff um sich, und einige Bezirke mußten sogar vollständig geräumt werden, da sie von der Tze-tze verseucht waren. Dann setzten — wie zum Ausgleich für das abnorm trockene Jahr 1889 — ungewöhnlich schwere Regenfälle ein. Die Hunderte von Bächen im Lande schwollen zu reißenden Strömen an, und die Zufuhren aus der Kapkolonie und von Portugiesisch-Ostafrika gerieten ins Stocken. Die Preise für Lebensmittel und Getränke schnellten in die Höhe, und die Goldsucher, die enttäuscht von ihren Feldern nach Fort Salisbury zurückgekehrt waren und sich ihre Langeweile beim Poker zu vertreiben suchten, mußten für eine Flasche Sekt zehn Pfund und mehr bezahlen. Und als es den zahlreichen Kneipwirten endlich unter großen Schwierigkeiten gelungen war, beträchtliche Mengen Alkohol herbeizuschaffen, waren die Maschonaland-Pioniere inzwischen so arm geworden, daß sie den Champagner und den Whisky nicht mehr bezahlen konnten.

Die Chartered Company und ihre Direktoren mußten sich in dieser kritischen Zeit sehr viele unfreundliche Dinge sagen lassen. Am meisten waren die Ansiedler darüber erbittert, daß sie der Gesellschaft für alle Goldminen oder Unternehmungen sonstiger Art, die sie in Maschonaland aufbauten, einen Besitzanteil von fünfzig Prozent überlassen mußten. Der Unternehmungsgeist wurde dadurch natürlich noch mehr gelähmt. Die Chartered wies jedoch auf ihre hohen Unkosten bei der Erschließung des Landes hin und erklärte offen, daß es ihr nur diese fünfzigprozentige Beteiligung an den Anlagen der Siedler möglich mache, in London das notwendige Kapital aufzutreiben. Inzwischen fielen die Aktien der Chartered immer weiter, und auch in Johannesburg, dessen Goldminen den finanziellen Rückhalt Cecil Rhodes' bildeten, wollte die Baisse nicht in den erhofften ,boom' umschlagen — so viele Tricks und Börsenmanöver die Agenten der Gesellschaft auch anwenden mochten.

Vor kurzem aber hatte ein neuer, harter Schlag die Chartered Company getroffen. Es war nämlich offenbar geworden, daß Abendorff und seine Buren gar nicht daran dachten, auf die Ausübung ihrer Konzession und auf den Treck nach Maschonaland zu verzichten. Zwar hatte Krüger, der sich durch den Swaziland-Vertrag gebunden fühlte, alles getan, um das Unternehmen zu verhindern; und auch in den britischen Kolonien und im Freistaat hatte man mit Warnungen und Drohungen nicht gespart. Aber wenn sich auch die Mehrzahl der trecklustigen Buren schließlich hatte abschrecken lassen, so beharrte doch Abendorff selbst immer noch hartnäckig auf seinem Schein, und man erfuhr, daß sich einige hundert Buren bereits auf dem Wege zum Limpopo befanden. Als es sich weiterhin herumsprach, daß die Trecker beabsichtigten, in Maschonaland eine selbständige Republik zu gründen, kam es an den Börsen zu einer Panik. Mehrere Großbanken in Kapstadt brachen zusammen, und die südafrikanische Wirtschaft wurde von einer allgemeinen Krise ergriffen.

Die Chartered befand sich in einer verzweifelten Lage, denn durch den klugen, von Andreas Grobler erfundenen Schachzug hatten die Buren dem britischen Gouverneur, Sir Henry Loch, alle Trümpfe aus der Hand geschlagen. Sein von Rhodes entworfener Swaziland-Vertrag untersagte zwar der Transvaal-Republik jede weitere Ausdehnung über den Limpopo hinaus — aber wenn jetzt ein paar hundert Bürger aus allen afrikanischen Staaten den Staub der Heimat von ihren Füßen schüttelten und beschlossen, im Norden ihre eigene Republik zu gründen, so war das etwas ganz anderes. Aus der politischen Angelegenheit wurde plötzlich ein privater Streit zwischen Abendorff und der Chartered, und es handelte sich jetzt nur noch darum, wer von beiden den besseren Rechtstitel auf Maschonaland besaß. Hier aber standen die Chancen der Buren nicht schlecht.

Dr. Jameson, der sich als Vertrauensmann Rhodes' in Salisbury befand, hatte Hals über Kopf ein gutes Hundert berittener Maschonaland-Polizisten zusammengerafft und war südwärts zum Limpopo marschiert, um die Hauptfurt militärisch zu besetzen. Er war nicht gesonnen, die Buren ins Land zu lassen, mochte daraus werden, was wollte. Er hatte sein Maxim-Geschütz am Ufer aufgebaut und erwartete jetzt seit fast einer Woche in ziemlicher Nervosität den nahenden Treck.

An diesem gewitterschwülen Nachmittag saß er mit Selous, dem berühmten Elefantenjäger, den sich die Chartered als Experten für innerafrikanische Angelegenheiten verschrieben hatte, auf Feldstühlen vor seinem Stabszelt. Jameson, den das Fieber schon seit Monaten nicht mehr losließ, sah aus halbgeschlossenen Augen zu, wie Selous liebevoll seine Jagdbüchse reinigte und fettete. Ihm schienen das mörderische Klima und die Strapazen nicht das geringste anzuhaben.

„Es sind schon wieder sechs Pferde gefallen, Selous”, sagte Jameson endlich, als ihm die Ruhe des anderen unerträglich wurde.

Der Jäger hob die Büchse und blickte angelegentlich durch den Lauf. Dann nickte er befriedigt und ließ mit einem harten Ruck das Schloß einschnappen. »Wir kommen schon noch zurück nach Salisbury”, meinte er gleichmütig. „Oder haben Sie vielleicht die Absicht, die Buren gleich bis Pretoria zu verfolgen? Ich bin übrigens neugierig, wie Sie es anfangen werden. Wollen Sie sofort schießen oder erst verhandeln?”

„Natürlich verhandeln...” sagte Jameson und wand nervös seine langen, ausdrucksvollen Hände umeinander.

„Und was wollen Sie den Leuten sagen?”

„Daß hier britischer Boden ist, und daß ich leider von meinem Hausrecht Gebrauch machen muß, wenn sie nicht freiwillig wieder abziehen.”

Selous lehnte das Gewehr vorsichtig gegen die Zeltwand und sagte mit seiner aufreizenden Ruhe: „Mir scheint, Sie greifen da den Tatsachen ein wenig vor. Das britische Protektorat über Maschonaland ist zwar geplant, aber noch nicht erklärt. Falls also der berühmte reitende Bote nicht vor den Buren hier eintrifft...”

„Lassen Sie doch die Scherze, Selous. Wir sind hier zum Glück nicht in London, wo die Polizeiwache und der Rechtsanwalt um die nächste Ecke warten. Wir sind im Busch, und da gelten andere Gesetze.” Selous, der jetzt seinen Tabaksbeutel hervorgekramt hatte, nickte anerkennend:

„Das muß man sagen, Doc, Sie haben sich schnell an den afrikanischen Stil gewöhnt. Aber sagen Sie mir — wozu eigentlich der ganze Streit, der unter Umständen zu bösen Verwicklungen führen kann? Lohnt es sich denn um Maschonaland? Wenn Sie ehrlich sind, müssen Sie zugeben, daß es eine glatte Fehlspekulation war.”

Jameson blickte sich ängstlich um, als fürchte er unerwünschte Zuhörer. Dann erwiderte er aus zusammengekniffenen Lippen: „Und wenn das ganze Land eine einzige Sandwüste wie die Sahara wäre — ich lasse die Buren nicht herein. In Zukunft werden auf afrikanischem Boden keine Burenrepubliken mehr gegründet werden.”

Selous lächelte leise.

„Sie sind ein gelehriger Schüler Ihres Chiefs. Rhodes hat vor ein paar Wochen in Kapstadt wörtlich dasselbe gesagt. Schön, wir wollen einmal annehmen, England deckt Ihnen den Rücken, falls die Kanonen, mit denen Sie hier auf eigene Faust herumspielen, wirklich losgehen sollten. Genau weiß man das bei den Herren in London allerdings nie, für die ist lediglich der Erfolg entscheidend. Und nicht umsonst nennt man unter britischen Diplomaten Südafrika den ,Friedhof der ehrlichen Namen'. — Aber gesetzt den Fall, es gelingt Ihnen, die Trecker einzuschüchtern. Was dann? Deswegen werden die Aktien der Chartered Company noch längst nicht in die Höhe klettern. Denn für tüchtige und anspruchslose Farmer mag Maschonaland einen gewissen Wert haben — aber für uns nicht.”

„Dann müssen wir eben nach Matabeleland hinein. Da wird es mehr Gold geben als hier, und auch das Klima ist für weiße Ansiedler besser geeignet.”

„Sieh mal an!” Selous pfiff überrascht durch die Zähne. „Und was wird Lobengula dazu sagen? Er hat es uns noch nicht mal verziehen, daß wir mit einer kleinen Armee in Maschonaland eingerückt sind. .Bezwinger der Elefanten', hat er zu mir gesagt, ,ich habe deinen Brüdern gestattet, in den Flüssen und auf den Feldern meines Landes nach Gold zu graben. Seit wann braucht man dazu Gewehre und Kanonen?' Es ist ihm wirklich nicht leicht gefallen, seine jungen Krieger im Zaum zu halten. Wenn wir nach Matabeleland gehen, werden Sie ihn zwingen, den Kriegsspeer nach Osten zu werfen.”

Jameson zuckte die Achseln.

„Das ist seine Sache. Wenn er den Krieg will, kann er ihn haben.”

„Lobengula will keinen Krieg, dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Aber mir scheint, daß Sie ihn wollen!” sagte Selous nicht ohne Schärfe.

Er war Jäger und Forscher und empfand eine fast eifersüchtige Liebe zu den wenigen, den Europäern noch verschlossenen Eingeborenenländern Afrikas. Gewiß war es schön, mit Büchse und Zeichenblocks durch den Busch zu streifen und sich als Gast der Häuptlinge in den Kraals bewirten zu lassen. Aber die moderne Form der Kolonisation, die mit verklausulierten Verträgen begann und meist mit Kanonen und Maschinengewehren endete, war ihm ehrlich zuwider. Afrika war ihm eine fast religiöse Angelegenheit, aber kein Geschäft. Und in London saßen Direktoren der Chartered Company herum, die das von ihnen schon seit Jahren beherrschte Land noch nicht einmal betreten hatten.

„Jawohl”, rief Jameson, „wenn es nicht anders geht, will ich den Krieg. Selous, ich weiß, Sie verachten uns heimlich, weil Sie glauben, es ist uns nur um das Gold zu tun. Aber wahrhaftig, das Gold ist für Rhodes nur ein Mittel. Afrika britisch, vom Kap bis nach Kairo — das ist das Ziel, dem seine ganze Lebensarbeit gilt. Und er sieht viel weiter als die Regierung in London. Er ist nur deshalb unter die Kapitalisten gegangen, weil er weiß, daß heute nur noch das Kapital imstande ist, den verrosteten britischen Kriegswagen aus dem Dreck zu ziehen.” Er hatte in seiner Erregung die letzten Worte fast geschrien. Als er schwieg, lag die Stille noch bedrückender über Fluß und Busch als zuvor. Der Himmel hatte sich in ein fleckiges Schwarzgrau verfärbt, und der Horizont war enger geworden. Selous spürte, daß das Gewitter jeden Augenblick losbrechen mußte. Er fühlte sich plötzlich tief entmutigt. Lobengula ist verloren, dachte er. Er ist ebensowenig zu retten wie all die anderen schwarzen Könige, die sich nur einmal auf ein kleines, harmloses Geschäft mit den Europäern eingelassen haben. Und ich, den er seinen Freund nennt, bin mitschuldig an seinem Untergang. Wenn meine Reiseberichte nicht wären und meine Jagdtrophäen, die ich in London ausstellen ließ, würde man sich vielleicht weniger für Matabeleland interessieren. Und jetzt stehe ich im Sold der Chartered Company und werde mit dem Golde Cecil Rhodes' bezahlt. Wahrscheinlich betet Rhodes seine Goldbarren an wie andere Leute ihre Heiligenbilder. Denn Gold ist ja sein wirksamstes Mittel, und es heißt, daß der Zweck alle Mittel heiligt.

„Und was soll ich dabei tun?” fragte er und sah beharrlich an Jameson vorbei auf den Fluß. „In meiner Eigenschaft als Experte soll ich Ihnen doch sicherlich einen guten Rat geben, wie Sie am besten zu dem heißersehnten Krieg mit Lobengula kommen?”

Der Doktor schien die Bitterkeit in Selous' Worten absichtlich zu überhören. „So ist es”, sagte er. „Solange die Matabele uns in Ruhe lassen, dürfen wir nicht gegen sie vorgehen. Wir brauchen einen moralischen Kriegsgrund für die empfindlichen Gemüter in Europa...” Als Selous schwieg, fuhr er drängender fort: „Glauben Sie, daß man die Reibereien zwischen den Maschonas und den Matabele ausnützen könnte?”

„Kaum. Die Maschonas sind Untertanen der Matabele und Lobengulas. Darauf allein gründete sich ja die Konzession, die euch der König für Maschonaland erteilt hat.”

„Aber die Maschonas wollen von Lobengula gar nichts wissen. Sie sagen, er unterdrückt sie.”

Selous lachte kurz auf. „Richtig, das sagen sie. Und darum hat der Maschonahäuptling dem Buren Abendorff die Konzession erteilt, deren Rechtsgültigkeit die Chartered bestreitet. — 'Wenn heute oder morgen die Buren kommen, werden Sie ihnen vermutlich erklären, die Maschonas als Untertanen Lobengulas hätten gar kein Recht gehabt, Konzessionen zu vergeben. Und auf der anderen Seite behaupten Sie, die Maschonas gingen Lobengula gar nichts an. Jetzt erklären Sie mir bloß, wie Sie solche Widersprüche der Welt begreiflich machen wollen.”

Der Sturm war plötzlich losgebrochen. Es war, als stürze er sich gleichzeitig von oben und von allen vier Seiten auf den Busch. Das Krachen splitternden Holzes war zu hören, und irgendwo zerriß eine Zeltbahn. Es klang wie der Angstschrei eines Menschen.

Jameson war aufgestanden und klammerte sich an den schwankenden Zeltpfahl.

„Die Welt! Die Welt!” rief er verächtlich. „Zum Glück gibt es ja in Buluwayo noch keine Zeitung, die diesen Widerspruch vor der Öffentlichkeit anprangern könnte. Einmal handelt es sich um die Buren, und das andere Mal um die Kaffern. Das ist ein Unterschied.”

„Ich fürchte, Sie werden keinen Unterschied zwischen den beiden Völkern machen, wenn es sich um den Weg vom Kap nach Kairo handelt.”

Jameson zuckte die Achseln.

Jedenfalls ist es nur menschenfreundlich von uns, wenn wir die Maschonas vor Lobengula in Schutz nehmen.”

„Jawohl, Menschenfreundlichkeit plus fünf Prozent Zinsen — um wieder mal Ihren angebeteten Rhodes zu zitieren.” Selous' Entschluß, seinen Vertrag mit der Chartered zu kündigen, stand in diesem Augenblick felsenfest. Das war nicht die Welt, in die er gehörte. Plötzlich sah er alle die Direktoren und Manager der Gesellschaft vor sich: fette Börsianer, das überkluge, glatte Gesicht des Hamburger Juden Beit, die blasierten Herzöge, die an überzüchtete Windhunde erinnerten, und die ihn, eine Gardenie im Knopfloch ihres unvermeidlichen Fracks, mit aufreizend gelangweilter Stimme zu fragen pflegten: ,Was macht unser Afrika, lieber Selous?' — Der Regen, der in diesem Augenblick mit Blitz und Donner zugleich losbrach, war ihm eine Erlösung. Und mit einer gewissen Genugtuung blickte er auf den schmächtigen Doktor, dessen Zähne im Fieberfrost aufeinanderschlugen. Er sah die Kaffern, die lachend und fast nackt hin und her liefen, um die Vorräte zu bergen, und er freute sich an den Lichtern, die über ihre bronzene Haut spielten. Er mußte plötzlich an Lobengula denken, der das Gewicht seines verfetteten Körpers mit einer wahrhaft königlichen Würde trug, und seltsamerweise auch an den Präsidenten Krüger, der manchmal das Gebaren und den melancholisch-versonnenen Blick eines alten Häuptlings haben konnte.

Selous bückte sich und schob seine geliebte, eben erst gefettete Büchse unter die Zeltbahn. „Kommen Sie lieber herein, Jameson”, sagte er dann mitleidig. „Der Regen ist nichts für Sie. Und Sie sollten auch wieder mehr Chinin schlucken.”

Der Präsident befand sich auf einer seiner üblichen Rundreisen durch die Grenzbezirke der Republik.

Er benutzte dazu ein von acht Maultieren gezogenes Gefährt, das sich nur durch seine leichte Bauart und die bequeme Ausstattung von den in Transvaal üblichen Treckwagen unterschied. Die Hinterräder übertrafen die Vorderräder um ein Beträchtliches an Umfang. Hinter dem Sitz des Fahrers, der sich über dem Proviantkasten befand, war Platz für eine gepolsterte Sitzbank gelassen. Der rückwärtige, größere Teil des Wagens, den eine über eiserne Bogen gespannte Plane bedeckte, enthielt die Betten für den Präsidenten und seinen Begleiter sowie einen kleinen. Tisch zum Essen und Arbeiten. Wenn eine längere Rast eingelegt wurde, konnte die Deckplane nach beiden Seiten heruntergezogen und am Boden befestigt werden, so daß ein geräumiges Zelt entstand. In einem solchen Fahrzeug konnte man wochenlang reisen, ohne müde zu werden, sofern einem die mangelhafte Federung, die aus starken Ledergurten bestand, nichts ausmachte.

Paul Krüger, der einen beträchtlichen Teil seines langen Lebens im rumpelnden Ochsenwagen zugebracht hatte, fühlte sich äußerst behaglich. Wenn ihn einmal nach einer Abwechslung verlangte, vertauschte er die Kutsche mit dem Rücken seines kleinen, aber kräftigen Basutoponys und ritt eine Weile in der typischen Gangart der Burenpferde, die ein Mittelding zwischen Trab und Galopp war, nebenher. Manchmal kroch er auch zu dem Fahrer auf den Bock und handhabte geschickt die lange Peitsche aus Giraffenleder. Der Kaffer grinste verständnisinnig, als der Präsident ihm erzählte, früher hätten die Buren den linken ersten Vorspannochsen stets ,Englishman' genannt.

„Oh, Baas-Exzellenz”, lachte er glucksend, „dann muß der arme Ochse aber viel Prügel bekommen haben.”

Seine Exzellenz hätte am liebsten die Republik das ganze Jahr hindurch nur vom Reisewagen aus regiert. Zwar gab es auch in diesen Wochen gewisse lästige Amtspflichten zu erfüllen. Pfarrer und Landdroste mußten in ihr Amt eingeführt werden, Schulen und Kirchen waren einzuweihen, und ab und zu galt es auch — leider — eine Ansprache anläßlich der Eröffnung einer neuen Goldmine zu halten. Aber am wichtigsten und schönsten waren doch die Besuche auf den vielen einsamen Farmen. Ohm Paul wurde überall mit offenen Armen aufgenommen und hatte genügend Gelegenheit, sich mit seinen Buren über Milchertrag, Weinbau und Schafzucht zu unterhalten. Endlich einmal wußte er wieder, daß er ein Bauernland regierte und keinen Industriestaat. Je weiter er nach Norden und Osten vordrang, um so seltener wurden die Uitländers, denen er begegnete. Es gab zum Glück noch manchen Winkel in Transvaal, an dem die neue Zeit mit ihren Problemen und ihrem fragwürdigen Goldregen spurlos vorbeigegangen war; dort kannte man Johannesburg kaum vom Hörensagen.

Die Reise Ohm Pauls führte zunächst in östlicher Richtung an der projektierten Delagoa-Bahnlinie entlang. Hinter Middelburg wandte er sich nach Nordosten und schlug einen großen Bogen um den Goldgrubendistrikt von Barberton, weil er fürchtete, daß die Uitländers ihn hier mit ihren Anliegen belästigen und ihm dadurch die gute Laune verderben könnten. Bald erschienen am Horizont die Silhouetten der gewaltigen Drakensberge, schwarz und drohend am Morgen, wenn hinter ihnen die Sonne emporstieg, und des Abends in zartblauen Dunst gebadet, so daß sie eher schwebenden Wolken glichen als granitenen Bergen. Die Kopjes wurden immer zahlreicher, und das Veit verwandelte sich in einen lieblichen Park, dessen kulissenartig aufgebaute Baumgruppen und Büsche dem Auge immer wieder neue, überraschende Perspektiven boten.

Je weiter der Präsident nach Norden vordrang, um so seltener wurden die Ansiedlungen, und um so mehr Wild zeigte sich zu beiden Seiten des Weges. Im Gebiet von Zootpansberg geschah es nicht selten, daß Krüger und seine Begleiter des Nachts durch das ferne Brüllen eines Löwen aus dem Schlaf geweckt wurden.

Der Präsident hatte längst jenes Alter erreicht, in dem die Jugenderinnerungen beginnen, die Eindrücke der Gegenwart zu überschatten, und in dem die Bilder des Vergangenen eine geheimnisvolle Leuchtkraft bekommen. Als er die Gegenden besuchte, in denen sich die heroischen Kämpfe der Vortrecker gegen Schwarze und wilde Tiere abgespielt hatten — Kämpfe, an denen er seit seinem dreizehnten Jahr teilgenommen hatte —, wurde er gesprächiger, als es sonst seine Art war. Gar nicht weit entfernt mußte sich die Felsenhöhle befinden, in die er einmal in stockdunkler Nacht gekrochen war, um die dort versteckten Kaffern in ihrer Sprache zum Niederlegen der Waffen zu überreden.

,Alles ging gut, denn ich sprach den Zuludialekt ohne Fehler”, erzählte er, „und sie glaubten, daß ich einer der ihren sei. Aber plötzlich rief einer: ,Ein Weißer ist unter uns!' Wahrscheinlich hatte er es gerochen. Ich warf mich wie ein Bulle zwischen die aufgebrachten Kaffern und gelangte glücklich ins Freie. Aber beinahe wäre es schief gegangen, und ihr hättet heute einen anderen Präsidenten.”

Dann versuchte er sich zu erinnern, wie viele Löwen und andere wilde Tiere er in seiner Jugend geschossen hatte. Löwen mochten es wohl ein halbes Dutzend gewesen sein und sicherlich vierzig Elefanten. Und erst die Nashörner! Die Jagd auf dieses Wild, das man heute nur noch selten antraf, hatte damals zu den aufregendsten und nicht ganz ungefährlichen Abenteuern gehört. Denn die Kugel tat nur dann ihre Wirkung, wenn sie eine gewisse dünnere Stelle der Schädeldecke traf. Einmal hatte Krügers Büchse versagt, und auf der Flucht vor dem wütenden Tier war er zu Fall gekommen. Der Bulle hatte über ihm gestanden und versucht, ihn mit seinem Horn zu durchbohren. Nur weil es ihm gelungen war, im letzten Augenblick aus seiner liegenden Stellung einen wohlgezielten Schuß abzugeben, war er mit dem Leben davongekommen. Dafür aber hatte ihn sein Schwager unmittelbar danach ausgiebig mit seinem Schambock verdroschen, denn die beiden Jäger waren übereingekommen, daß derjenige Prügel bekommen sollte, der irgendeine Tollkühnheit beging.

Diese und andere Geschichten erzählte Ohm Paul seinem staunenden Sekretär, einem zierlichen, brillenbewehrten Holländer. Er sprach auch von den schweren Rückschlägen, die die Buren in den ersten Jahren nach dem Treck hier oben im Norden erlitten hatten. Am Limpopo war Rendsburg, der am weitesten vorgestoßen war, mit ein paar hundert Begleitern bis auf den letzten Mann von den Kaffern niedergemacht worden, und Krüger selbst hatte einen unglücklichen Treck in diese Gegend abbrechen müssen, nachdem seine erste Frau, Tante Sannies Schwester, und sein Sohn an Fieber gestorben waren.

„Wenn ich alles überdenke, was mir und meinem Volk in den letzten Jahrzehnten geschehen ist”, sagte er, „dann muß ich an die Vorsehung Gottes glauben. Dies schöne Land hat er uns gegeben, nachdem wir redlich dafür gestritten haben. Und deshalb ist es unsere Pflicht, Transvaal gegen jeden zu behaupten, der seine Hand danach ausstreckt.”

Der Sekretär, der auf seine moderne Weltanschauung sehr stolz war — wenn er sie auch vor dem Präsidenten sorgfältig verborgen hielt —, wußte nichts zu erwidern. Mit Staunen bemerkte er, wie die Haltung Krügers von Tag zu Tag aufrechter und elastischer wurde. Der Holländer war überzeugt, daß er den kürzeren ziehen würde, falls der Präsident mit seinem Vorschlag, einmal ein Wettrennen über das Veit zu veranstalten, Ernst machte. Ohm Paul hatte als junger Mann den besten Kaffernläufer des Landes geschlagen!

Und doch lag ein Schatten über der diesjährigen Reise des Präsidenten. Denn er hatte die schwere Pflicht, überall, wohin er kam, die trecklustigen Buren von ihrem Vorhaben zurückzuhalten. Und obwohl er seinen ganzen persönlichen Einfluß geltend machte, gelang es ihm nicht immer, die dickköpfigen Farmer umzustimmen.

„Die Regierung kann uns das Auswandern nicht verbieten”, sagten sie. „Schlimm genug schon, Ohm Paul, daß Ihr unsere Ansprüche auf Maschonaland nicht zu vertreten wagt.”

Biblische Argumente, auf die die Buren noch am ehesten gehört hätten, fielen ihm diesmal nicht ein, und so mußte er, ganz gegen seine Gewohnheit, Vernunftsgründe und politische Überlegungen ins Feld führen.

„Die Engländer werden sich nicht viel darum kümmern, ob ihr in Maschonaland unseren Vierkleur aufzieht, oder ob ihr eure eigene Republik gründet. Sie werden das Land haftbar machen, aus dem ihr kommt — und das ist Transvaal.”

„Aber doch ist es unser gutes Recht. Und habt Ihr Euch nicht immer selbst einen Streiter für das Recht genannt, Ohm?”

Krüger wurde ärgerlich; wahrscheinlich darum, weil er mit dem Herzen ganz auf ihrer Seite war.

„Ihr könnt sicher sein, daß ich für das Recht eintrete, wo es möglich ist. Aber sollen sechzigtausend Buren leiden — nur damit ihr paar euren verdammten Dickkopf durchsetzen könnt? Wenn die Engländer versuchen sollten, uns ein Stück Land wegzunehmen, würde ich nicht mal den Krieg scheuen. Aber euch soll ja nichts genommen werden, sondern ihr wollt etwas haben. Und dafür kämpfe ich nicht. Wenn euch das nicht paßt, so sucht euch einen anderen Präsidenten.”

Die Rücktrittsdrohung verfehlte in den wenigsten Fällen ihre Wirkung, das wußte der Präsident. Fürst Bismarck, dem Krüger im Jahre 1884 einen Besuch gemacht hatte, und den er sehr verehrte, hatte mit einem Augurenlächeln auf diese ultima ratio der Staatsführung hingewiesen und gesagt: ,Wenn alle Stricke reißen, erklären Sie, daß Sie sich zurückziehen wollen. Da Männer wie Sie und ich nun einmal unentbehrlich sind, haben wir auch das Recht, uns so fressen zu lassen, wie wir sind. Die Leute werden zwar Gesichter schneiden — den Bissen aber trotzdem herunterwürgen.'

Sobald Krüger erfuhr, daß sich ein größerer Treck bei Jan Groblers Farm zum Aufbruch sammelte, reiste er in aller Eile nach Norden. Aber als er das Gehöft erreichte, fand er es bereits verlassen. Aus dem Hause war alles, was nicht niet- und nagelfest war, entfernt worden, sogar die Fenster und Türen hatte man ausgehoben. Auf dem Veit, nicht weit von der Farm entfernt, war noch der Lagerplatz der Buren zu erkennen: ein großer Kreis von tief eingeschnittenen Wagenspuren, in der Mitte festgestampft wie eine Tenne. An einen freistehenden Baum hatten die Trecker vor dem Aufbruch ein großes, weithin leuchtendes Blatt Papier genagelt.

Krüger stieg vom Wagen und setzte seine Brille mit dem altmodischen Drahtgestell auf. Dann las er das von Jan Grobler und vielen anderen unterzeichnete Manifest:

„Wir, das Volk von Südafrika, machen im Hinblick auf die ernsten Gefahren, die durch die Anmaßung und die Pläne der Chartered Company verursacht werden, hiermit bekannt und erklären:

1. Daß wir den Anspruch der britischen Reichsregierung, nach dem sie das Recht über die Binnenländer ausschließlich der Chartered Company verliehen hat, als eine unverantwortliche Anmaßung der Gewalt betrachten, und daß diese im Widerspruch steht mit den nationalen und konstitutionellen Rechten der verschiedenen Völker Südafrikas.

2. Daß die Verantwortlichkeit für alles Blutvergießen und andere Übel, welche die Folge dieser ungesetzlichen Anmaßung sein werden, auf diejenigen fällt, die etwas Derartiges verübt haben. Daß das Recht, über das Los des südafrikanischen Festlandes zu verfügen, allein dem südafrikanischen Volk zusteht, und daß jede Verkürzung dieses Rechtes ungesetzlich ist und eine Beschimpfung und Verachtung der natürlichen Freiheit des südafrikanischen Volkes bedeutet.”

Als er zu Ende gelesen hatte, blickte Krüger seinen Sekretär an. „Was sagen Sie dazu?” fragte er.

Der Holländer zuckte die Achseln. „Reichlich ungeschickt und anmaßend. Wie kommen sie dazu, sich ,Volk von Südafrika' zu nennen? Es sind doch kaum zweihundert Menschen!”

„Darauf kommt es nicht an”, brummte der Präsident. „Die Vortrecker waren auch nur ein paar, und doch stand hinter ihnen das ganze Volk. Aber als unsere Eltern die Kapkolonie verließen, haben sie weniger von Recht und Konstitution geredet als von unserem Herrgott. Was verstehen die Leute überhaupt von konstitutionellen Fragen? Darüber weiß im ganzen Lande nur ein einziger Bescheid, nämlich Dr. Leyds. Den frage ich sogar um Rat, bevor ich solche hochtrabenden Worte in den Mund nehme. — Kommen Sie, wir müssen versuchen, die Narren einzuholen.”

Drei Tage lang folgten sie dem Treck, dessen Spur unmöglich zu verfehlen war. In breiter Front war das Gras von den Herden niedergetreten, und hier und da lagen die Kadaver gefallener Tiere. Anfangs waren es nur noch Haufen weißgenagter Knochen und bläkende Schädel. Aber bald, als sich der Abstand zwischen dem Wagen des Präsidenten und den Auswanderern weiter verringerte, hockten Scharen von Aasgeiern über den Leichen. Krächzend und träge mit den Flügeln schlagend hüpften sie um ihre Beute herum und ließen das Gefährt ohne Scheu passieren. In regelmäßigen Abständen fanden sich die verlassenen Feuerstellen der Buren und die ringförmigen Spuren ihrer Wagenburg. Einmal entdeckte Krüger auch ein frisches Grab. Ein Holzkreuz steckte schief in einem Berg dunkler Erde.

Während der Präsident bei Tage reiste, bevorzugten die Buren für ihre Wanderung die kühleren, mondhellen Nächte, da sie das Vieh schonen wollten. Am dritten Abend, als Ohm Paul sich unter der herabgezogenen Plane seines Reisewagens schlafen legte, verspürte er ein leises Erzittern des Bodens: die Herden der Trecker setzten sich wieder zum Nachtmarsch in Bewegung.

Am nächsten Morgen bestieg er in aller Frühe sein Basutopony und schlug eine so scharfe Gangart an, daß sein holländischer Sekretär kaum folgen konnte und mehrmals vernehmlich aufseufzte. Sie erreichten den Treck kurz nach Sonnenaufgang, noch bevor die Buren ihren Halteplatz erreicht hatten. Eine gewaltige Staubwolke, über der hier und da die gehörnten Köpfe der Rinder, die Oberkörper hin und her galoppierender Reiter und die tonnenförmigen Wagendächer hervorschauten, lag über dem Velt.

Krüger trabte an den letzten Wagen in der Reihe heran. Es war eins von den Fahrzeugen Jan Groblers, wie er sofort an der Farbe der Speichen erkannte.

„Wo ist der Vater?” fragte er das Mädchen, das damit beschäftigt war, die Betten zusammenzulegen.

Maria betrachtete ein wenig erstaunt den unbekannten Reiter im schwarzen Rock mit dem blanken Zylinder auf dem Kopf.

„Ihr meint Ohm Grobler, Mynheer?” fragte sie und richtete sich aus ihrer knienden Stellung auf. „Er ist dort drüben, bei den Pferden.”

Der Präsident wandte das Pony und trabte in der bezeichneten Richtung davon. Groblers Frau, die auf der Polsterbank hinter dem Fahrer saß, steckte ihr rotes, erhitztes Gesicht durch das Fenster und rief in den Wagen hinein: „Allmächtiger! Maria, weißt du, wer das ist? Paul Krüger!”

Maria wurde blaß vor Schreck und versuchte noch nachträglich ihr Haar vor dem kleinen Spiegel, der seitlich an einem Bindfaden baumelte, in Ordnung zu bringen.

Jan Grobler ritt im Schritt mitten unter seinen frei laufenden Pferden und beobachtete sorgenvoll eine junge Rappstute, die vorn links ein wenig lahmte. Plötzlich hörte er neben sich die wohlbekannte tiefe Stimme des Präsidenten:

„Man sollte sie einreiben und gut bandagieren, Jan.”

Grobler fuhr im Sattel herum. Ihm lag ein Ausruf der Freude und der Überraschung auf der Zunge. Aber dann wurde ihm klar, daß die Anwesenheit Ohm Pauls nichts Gutes bedeuten konnte. Deshalb griff er nur flüchtig an seinen breiten Schlapphut und erwiderte, als sei dies Zusammentreffen das natürlichste von der Welt:

„Bandagen haben da auch keinen Zweck. Wahrscheinlich muß man sie brennen.”

„Möglich. Aber auf jeden Fall gehört das Pferd in den Stall. Jan Grobler, sag deinen Leuten, daß sie sofort umkehren und wieder nach Hause kommen sollen”, orgelte Krüger in seinem tiefsten Baß.

Grobler nahm die Schenkel fester und setzte seinen hochbeinigen Fuchs in leichten Trab, so daß sie die Schar der neugierig lauschenden Kaffern hinter sich ließen.

„Ich weiß, weshalb Ihr gekommen seid, Präsident”, sagte er. „Und ich weiß auch, daß Ihr uns in Pretoria öffentlich verurteilt und sogar mit Strafen bedroht habt. Ob Ihr dazu ein Recht hattet — das müßt Ihr mit Eurem Herrgott ausmachen.”

Krüger konnte es ganz und gar nicht vertragen, wenn man sich in seine Rechnung mit dem Herrgott mengte. Er erwiderte grimmig:

„Wahrscheinlich hat euch der liebe Gott persönlich das Manifest in die Feder diktiert, das ihr in Transvaal an die Bäume nagelt. Denn von selbst wären euch wohl solche großartigen Worte nicht eingefallen. — Hast du dir überlegt, Jan”, fuhr er eindringlich fort, „was euch über dem Fluß erwartet? Ich weiß es. Und ich sage dir: Ich werde keinen Finger für euch rühren, sobald ihr den Boden von Transvaal verlassen habt.”

„Als wir vor vielen Jahren die Kapkolonie verließen und über den Oranje treckten, kamen auch die vorsichtigen Leute und warnten: Laßt die Finger davon; drüben warten die wilden Kaffern zu Tausenden, und sie werden euch alle erschlagen! —Nun, wir haben uns damals nicht vor den Kaffern gefürchtet. Seilen wir heute vor einem halben Dutzend Millionäre Angst haben?”

Krüger schüttelte bekümmert den Kopf.

„Ihr seid wie die Kinder, die an die Gefahr erst glauben, wenn sie unmittelbar vor ihnen steht. Die Macht eines Kaffern reicht nur so weit, wie er seinen Assagai werfen kann. Aber Rhodes und die anderen Millionäre sitzen gemütlich in ihren Büros in London oder Kapstadt, und doch können sie uns treffen. Hier oder sonstwo in Afrika. Die Gefahr ist viel größer, als ihr ahnt. England wartet nur auf eine günstige Gelegenheit, um über uns herzufallen. Und wenn ihr zehnmal erklärt, ihr handelt auf eigene Rechnung und Gefahr und Transvaal hat mit dem Treck nichts zu tun — sie werden es dennoch uns Buren auf das Schuldkonto schreiben. Ja, Grobler, wir sind ein Volk und haben darum nur ein Schicksal! Wir sind nur wenige gegen die Welt — aber immerhin: ein Bündel Pfeile kann man nicht so leicht zerbrechen. Wenn man dagegen jeden einzeln nimmt, ist es ein Kinderspiel.”

Aber Grobler wollte nicht hören. Er kniff die Lippen zusammen und sagte eigensinnig:

„Ihr seid die Regierung, Ohm, und wißt wohl mehr von der Welt und von Politik als wir. Aber was wir tun, das hat mit Politik nichts zu schaffen. Wir wollen nur Land haben, und ich meine, nicht umsonst hat der Herrgott dieses Afrika so groß gemacht. Heute sind wir die Vortrecker, und vielleicht kommt noch mal der Tag, an dem Ihr uns folgen werdet — so klug Ihr heute auch reden mögt.” Er drückte die Sporen ein und galoppierte davon.

Der Präsident wollte ihm folgen. Er wollte ihm nachrufen: „Und wenn ihr bis ans Ende der Welt treckt, und wenn ihr noch so viele Flüsse zwischen euch und die Engländer bringt — einmal werdet ihr doch mit dem Rücken gegen die Mauer stehen und zum Kampf gezwungen sein. Und wehe euch, wenn ihr dann nicht alle für einen steht!” Aber er fühlte sich plötzlich müde und mutlos, und auch die Knochen schmerzten ihn von dem scharfen Ritt des Tages. Er wandte sein Pony und ritt im Schritt zu seinem Sekretär zurück.

Der Holländer wagte nicht zu fragen. Er ahnte, was vorgefallen war, und blickte dem Treck nach, der langsam in einer Staubwolke verschwand. Diese Wolke hüllte die Zurückbleibenden ein wie ein Nebel und folgte ihnen noch immer, als sie ihre Pferde längst nach Süden gewandt hatten.

Krüger blieb schweigsam. Vielerlei ging ihm durch den Kopf, aber es waren nur trübe Gedanken, die ihm kamen. Ihm fiel eine Sage von Gott Thor ein, er hatte sie kürzlich in einem Buch seiner Enkelkinder gelesen. Thor war der stärkste von allen und besiegte jeden, der sich ihm stellte. Und doch zwang ihn am Ende ein altes zahnloses Weib in die Knie. Denn dieses Weib war die Zeit. Vielleicht war die Zeit darum der größte Feind der Buren, weil sie nicht in ihr lebten, kaum etwas von ihr ahnten? Irgendein kluger Forscher, den er einmal in Pretoria mit Kailee bewirtet hatte, sagte damals: „Afrika ist so alt wie die Welt, und doch ist es ein Erdteil ohne Geschichte. Es ist, als gäbe es hier keine Zeit. Sehen Sie die Schwarzen an: sie leben heute noch genau so wie vor tausend Jahren.” — Der Mann hatte wohl recht gehabt. Auch die Buren in Transvaal lebten heute kaum anders, als sie vor zweihundert Jahren gelebt hatten. Draußen aber, in der Welt, arbeitete die Zeit, und sie begann nun auch von allen Seiten in Afrika einzubrechen. Sie war auch schon nach Transvaal gekommen, die Batterien der Goldminen, die Schornsteine und die vierstöckigen Bankhäuser von Johannesburg und Barberton waren ihre Wahrzeichen. Aber an alledem hatten die Buren keinen Anteil. Die Zeit war englisch.

Krüger mußte an seine erste Europareise im Jahre 1878 denken. Wie fremd und unwirklich waren ihm die Städte, die Eisenbahnen und sogar die Menschen vorgekommen. Es war wie ein Besuch auf einem anderen Stern gewesen, und es hatte wirklich nicht an dem Dolmetscher gelegen, wenn ihm die Unterhaltung mit den Europäern oft so schwer geworden war. Er hatte viel beten müssen, um seine Sicherheit beizubehalten.

Ja, das Gebet half freilich immer. Und nicht umsonst nannten sich die Buren das Volk Gottes. Der Gott der Bibel war allmächtig und darum auch Herr über die Zeit. Er brauchte sie nicht zu fürchten wie der Heidengott Thor aus dem Sagenbuch. — Krüger fühlte sein Selbstvertrauen zurückkehren. Das Volk Gottes mochte Fehler haben, und der größte war vielleicht, daß die Buren eben noch kein wirkliches Volk geworden waren, daß sie noch nicht gelernt hatten, wie ein Mann zu handeln und zu denken. Würden sie die letzte, größte Probe bestehen, die vielleicht schon unmittelbar vor der Tür stand? Was hatte er versäumt, was konnte noch geschehen, um die Buren für den letzten Gang zu wappnen? Er dachte an die vielen Reformen, mit denen ihm die Uitländers und seine holländischen Berater ständig in den Ohren lagen, und er erinnerte sich, wie oft man ihn in den Zeitungen einen Starrkopf, einen verbohrten Reaktionär genannt hatte. Einmal hatte man ihn auch einen Felsblock genannt, der aller Welt im Wege liegt.

Gut denn — er würde liegen bleiben und noch härter, noch kantiger werden, wenn es nötig war. Wenn er den ändern im Wege lag, dann war das wohl die Absicht Gottes, der auch den Felsen ihre Plätze anwies. Sollte er auf seine alten Tage ein Revolutionär werden und sein Transvaal von oben bis unten umkrempeln? Als junger Mann war er einmal drei Tage ins Veit hinausgeritten und hatte gefastet und gebetet, bis die Erleuchtung über ihn gekommen war. Damals hatte er seinen Bund mit Gott geschlossen. Es wäre verräterisch und kleingläubig zugleich, wenn er heute die Gesetzestafeln zerbrechen wollte, die das Unterpfand dieses Bundes waren.

Mit England ist die Zeit, aber mit uns ist Gott! — dachte er ingrimmig. Wir wollen sehen, wessen Verbündeter stärker ist.

Jetzt sehnte er die Gefahr und die Entscheidung fast herbei.

Der Treck aber zog weiter nach Norden.

Jan Grobler war nach seinem Gespräch mit dem Präsidenten recht still und in sich gekehrt. Auch Andreas erhielt auf seine Frage lediglich die Antwort: „Laß nur — es ist schon gut.”

Nach zwei Tagen erreichte der Zug der Wagen und Herden den Limpopo. Die Buren wählten für ihren Lagerplatz eine trockene, etwas höher gelegene Stelle, die von Mücken und anderem Ungeziefer einigermaßen frei zu sein schien. Die Fuhrwerke wurden in der üblichen Weise im Kreis zusammengefahren. Man rückte die Wagen eng aneinander, so daß die Vorderräder des einen immer an die Hinterräder des anderen stießen und die Deichseln schräg nach außen ragten. Die Zugochsen blieben im gelockerten Geschirr. Wenn sie sich niederlegten, umgaben sie die Wagenburg wie ein doppelter Wall.

Feraira von Springfontain ritt mit einigen jüngeren Buren zum Fluß hinunter, um die Furt zu untersuchen. Sobald sie die Uferhöhe erreicht hatten, zügelten sie ihre Pferde.

„Drüben sind Männer in Uniformen”, sagte Feraira. „Sie winken und wollen uns irgend etwas klarmachen. Aber es ist viel zu weit.”

Die Buren berieten eine Weile. Dann ließen sie die Pferde mit einem Mann als Bedeckung zurück und stiegen die glitschige Böschung zum Fluß hinunter. Die Männer auf dem anderen Ufer, die hinter Büschen halb versteckten Zelte und die Pferde auf der Schneise waren jetzt deutlich zu erkennen. Eine lebhafte Bewegung entstand. Die Uniformierten liefen eilig hin und her, und man sah, wie zwei von ihnen eine schwere Kiste aus einem Zelt schleppten.

„Das sieht eigentlich nicht wie ein Empfangskomitee aus”, meinte Andreas Grobler. „Was sollen wir jetzt anfangen?”

„Natürlich hinüberrudern. Was sonst?” sagte Feraira und wies auf den Einbaum, der, halb im Schilf versteckt, am Ufer lag und für den Pendelverkehr über den Fluß bestimmt war.

Aber als sie darangingen, das Boot ins offene Wasser zu ziehen, fiel drüben ein Schuß. Die Kugel zog singend über ihre Köpfe hinweg.

„Teufel auch!” rief Andreas aufgebracht und griff nach seiner Büchse. Aber Feraira beruhigte ihn.

„Das sollte wohl nur eine Art Signal sein. Seht ihr? Jetzt schwenken sie ein weißes Tuch.”

„Wahrscheinlich wollen sie sich ergeben”, witzelte einer der jungen Leute. Aber ihm war anscheinend nicht ganz wohl dabei.

Feraira überlegte. „Wir müssen zurückwinken, damit sie sehen, daß wir friedliche Absichten haben. Und dann werde ich zunächst allein hinüberrudern”, meinte er.

Andreas widersprach.

„Wozu die Umstände? Wir müssen die anderen holen und denen da begreiflich machen, daß wir übersetzen werden!” sagte er energisch.

Aber Feraira hatte schon einen Lappen, der ehemals weiß gewesen sein mochte, hervorgekramt und am Büchsenlauf befestigt. „Du siehst, daß es Soldaten sind, und zwar eine ganze Menge. Mit denen kann man nicht umspringen wie mit Kaffern”, sagte er. Dabei schwenkte er das Gewehr hin und her und näherte sich gleichzeitig dem Einbaum. Von drüben wurde das Signal zum Zeichen des Einverständnisses erwidert.

Feraira ruderte los. Es dauerte einige Zeit, bis er das andere Ufer erreicht hatte. Die Zurückgebliebenen beobachteten, wie er drüben von ein paar Soldaten in Empfang genommen wurde, eine Weile heftig gestikulierte und dann in eines der Zelte ging. Es verstrichen etwa zwei Stunden, aber nichts ereignete sich. Andreas und seine Kameraden holten das mitgenommene Maisbrot und den Bültong — an der Sonne gedörrtes und in Streifen geschnittenes Rindfleisch — aus ihren Satteltaschen und begannen zu essen. Die Sonne hatte inzwischen die Mittagshöhe erreicht. Der Aufenthalt in der feuchten Hitze wurde allmählich recht unangenehm, und sie hatten viel unter den Moskitos und Fliegen zu leiden.

„Feraira ist ein altes Waschweib”, meinte Andreas, nachdem eine weitere Stunde vergangen war. „Was meint ihr, wenn wir ein bißchen baden und uns bei dieser Gelegenheit mit den Tommies unterhalten? Ich bin wirklich neugierig, was da los ist. Es kann sich doch nur um irgendeine Formalität handeln.”

Die anderen waren einverstanden. Sie warfen ihre Kleider ab und sprangen in den Fluß. Krokodile waren an dieser Stelle nicht zu fürchten. Lachend und prustend schwammen sie auf das jenseitige Ufer zu.

Drüben hatte Sergeant Hopkins wieder seinen täglichen Beobachtungsposten bezogen. Er befand sich in einer äußerst gereizten Stimmung, denn seit Tagen hatte er nichts Jagdbares vor die Büchse bekommen, und er hatte es sich doch in den Kopf gesetzt, mit einer wirkungsvollen Trophäe nach Salisbury zurückzukehren. Seine ganze Beute bestand bisher in zwei unansehnlichen Vögeln, deren Namen er nicht kannte, und die sich auch im Kochtopf als eine Enttäuschung erwiesen hatten. Es kam hinzu, daß der Sergeant ein notorischer Trinker war. Aber seit einiger Zeit war im Lager der Alkohol ausgegangen, und nicht einmal die üblichen Rumrationen wurden mehr an die Leute ausgegeben. Bei Hopkins machten sich infolgedessen schwere Abstinenzerscheinungen bemerkbar. Seine Kameraden gingen ihm vorsichtig aus dem Wege, da er überall Streit suchte und ständig mit seinem Colt herumfuchtelte.

Als er jetzt die jungen Buren in einer Reihe auf das Ufer zuschwimmen sah, packte ihn die Wut.

Was fällt denen ein? — dachte er. Haben die immer noch nicht begriffen, daß hier die Grenze ist? Es genügt doch wohl, wenn wir diesen Kuhbauern erlauben, einen Parlamentär herüberzuschicken!

Die mittägliche Stille, die Hitze und die Einsamkeit machten ihn rasend. Von seinen Kameraden war keiner zu sehen. Natürlich, niemand kümmerte sich um ihn; nicht einmal die Befehle, die inzwischen ausgegeben sein mußten, hatte man ihm überbracht. Aber vielleicht war hier die Gelegenheit, sein gesunkenes Prestige wieder zu heben. Wenn er jetzt die Feindseligkeiten eröffnete, nahm die Geschichte Afrikas womöglich einen anderen Verlauf. Sein Name würde genannt werden, und die Chartered Company hatte für besondere Leistungen Dekorationen und Geldprämien vorgesehen. Geld aber konnte man in Alkohol umsetzen!

Hopkins empfand plötzlich das unbezähmbare Bedürfnis, den Knall seines Martini-Henry-Gewehres zu hören. Als fände sein gestörtes Selbstbewußtsein allein in der Betätigung der wundervollen blanken Präzisionswaffe seinen letzten Halt, tastete seine Hand unwillkürlich nach dem Abzug. Sobald er den kleinen, kaum merklich federnden Hebel fühlte, riß er das Gewehr an die Backe und zielte auf einen der Schwimmenden. Er drückte ab, und noch bevor er die Wirkung des Schusses beobachten konnte, repetierte er zweimal.

Die Kugeln gingen weit über das Ziel hinaus, denn die Hand des Sergeanten, dem der gewohnte Alkohol fehlte, hatte stark gezittert.

Aber seine Knallerei hatte eine andere, ganz und gar nicht beabsichtigte Folge. Die Bedienungsmannschaft des Maxim-Geschützes, das etwas zurückgezogen hinter den Büschen neben der Schneise stand, hatte die Buren schon seit geraumer Zeit aus den Augen verloren. Denn der Fluß selbst und die Uferstelle, an der Andreas und seine Kameraden ihre Kleider abgelegt hatten, wurden durch eine Bodenwelle verdeckt. Als die Schüsse ertönten, wurden die Leute nervös, besonders da sie nicht erkennen konnten, was vorging.

„Die Kerls wollen uns in den Rücken kommen, sicher haben sie den Fluß weiter westlich überschritten!” schrie Tubet.

Der Sergeant, der das Geschütz kommandierte, sah sich unschlüssig um. Kein Offizier war zu entdecken. Jameson verhandelte noch mit Feraira in seinem Zelt, und Selous, auf den sich die Leute am meisten verließen, war ausgerechnet heute auf die Jagd geritten.

„Wenn die Buren dahinterkommen, daß wir eine Kanone haben, bekommen sie es vielleicht mit der Angst”, drängte Tubet. „Wir sollten mal ein paar Dinger hinüberpfeffern.”

Dieser Gedanke schien dem Sergeanten einzuleuchten.

„Feuer!” kommandierte er mit überschnappender Stimme.

Das Schnellfeuergeschütz bellte los. Es war auf die Stelle gerichtet, an der Feraira und seine Begleiter ihre Pferde zurückgelassen hatten. Eine der 3,5 cm-Granaten krepierte mitten zwischen den Tieren. Zwei Pferde brachen sofort zusammen. Die übrigen rissen sich los und galoppierten in panischer Angst davon.

Die Schwimmer waren sofort getaucht, als ihnen die Kugeln um die Ohren pfiffen. Im Zickzack schwammen sie zurück und hoben nur, wenn sie Luft schöpfen mußten, die Köpfe aus dem Wasser.

„Diese Schweine!” schimpfte Andreas, als sie das Ufer erreicht hatten und keuchend hinter ein paar großen Steinen lagen. „Auf nackte, unbewaffnete Leute zu knallen!”

In diesem Augenblick begann das Geschütz zu feuern, und deutlich sahen sie, wie das Geschoß zwischen den Pferden einschlug. So rasch sie konnten, aber in geduckter Haltung, liefen sie hinüber. Der Mann, den sie zur Bewachung zurückgelassen hatten, hielt sich den blutenden Arm. Ein Granatsplitter hatte ihn gestreift. Unter den getroffenen Pferden befand sich Andreas' Grauschimmel. Er war bereits verendet. „Was machen wir jetzt?”

„Zurückschießen — was denn sonst?” rief Andreas. Schon hatte er seine Büchse in Anschlag gebracht, da wurde drüben erneut das weiße Tuch geschwenkt. Die Engländer hatten das Feuer eingestellt.

Andreas hob zur Antwort die geballte Faust. Er hatte Tränen der Wut in den Augen. „Das könnte ihnen so passen. Jetzt sollen sie mal sehen, daß wir auch treffen können.”

„Halt, nicht schießen!” rief jemand. „Feraira kommt zurück.”

Wirklich sah man, wie sich der Einbaum vom anderen Ufer löste und eilig näherkam.

Als Feraira an Land stieg, wurde er von den anderen umringt und mit erregten Fragen bestürmt. Aber wie es zu der Schießerei gekommen war, wußte auch er nicht zu sagen. Er hatte mit Jameson im Zelt gesessen, als das Geknalle losging. Der Doktor war selbst sehr aufgebracht gewesen. Wahrscheinlich handelte es sich um ein Versehen.

,Schönes Versehen”, knurrte Andreas. „Mein Pferd ist hin. Und was wird jetzt? Können wir wenigstens hinüber?”

Feraira schüttelte den Kopf. Es war nichts zu machen. Jameson hatte erklärt, auf dem Nordufer sei britischer Boden, das Protektorat über Maschonaland sei bereits in London erklärt.

„Kann er das beweisen?”

„Nein. Aber er sagt, er werde sich mit allen Mitteln widersetzen, falls wir versuchen sollten, über den Fluß zu gehen. Er hat über hundert Mann, eine Maxim-Kanone und mehrere Maschinengewehre.”

Eine Weile war es still. Dann fragte einer:

„Und wieviel Gewehre zählt der Treck?”

„Blödsinn”, sagte Andreas. „Wir können nicht allein gegen das ganze Empire kämpfen. Und daß uns die Republik nicht den Rücken deckt, wissen wir ja. — Es ist aus, wir können umkehren.”

Feraira sah ihn verwundert an.

„Du läßt dich doch sonst nicht so rasch einschüchtern. Willst du gleich alles aufgeben und wieder zurück auf die Farm?”

„Ich gebe nichts auf und gehe auch nicht auf die Farm zurück. Und ich werde auch meinen Krieg gegen das Empire führen. Aber nicht hier, wo wir keine Aussichten haben. — Ich melde mich nach Johannesburg zur geheimen Polizei. Ich will mir das Nest einmal genauer ansehen, in dem Rhodes seine goldenen Eier ausbrütet.”

Er nahm seinem toten Grauschimmel Sattel und Zaumzeug ab und ging, ohne noch einen Blick auf das andere Ufer zu werfen, in Richtung auf die Wagenburg davon.