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Viertes Kapitel

In diesem Jahre wurde ganz Südafrika von einer neuen Welle der Unruhe und Nervosität erfaßt. Wieder einmal war es der Norden, der die Menschen behexte und sie mit seinen leeren Räumen und ungehobenen Schätzen anzog wie ein Magnet.

Was die Buren auf das Nordufer des Limpopo lockte, war die Möglichkeit einer neuen Landnahme. Nur der Mangel an Männern und guten Gewehren hatte sie ja vor fünfzig Jahren veranlaßt, die Nordgrenze ihrer Republik nicht über diesen Fluß hinauszuschieben. Heute aber war das alles anders geworden. Transvaal besaß Waffen genug und von solcher Qualität, daß man den Widerstand der Schwarzen nicht mehr zu fürchten brauchte. Und die Buren hatten sich so rasch vermehrt, daß sie bereits über Mangel an Siedlungsraum klagten.

Die Bewohner Transvaals waren wahrhaftig umgängliche Leute und pflegten mit ihren nächsten Nachbarn einen eifrigen Verkehr. Aber ein Nachbar, der nicht einmal eine Tagereise weit entfernt wohnte, fing an, lästig zu werden; und es machte keine Freude, ewig hinter den Rindern her sein und darauf achtgeben zu müssen, daß sie nicht das Gras der nächsten Farm abweideten.

Im Verlauf einer zweihundertjährigen Geschichte hatten die Buren vergessen, daß sie einmal aus dem übervölkerten Europa gekommen waren, und sie hatten ihre Gewohnheiten und ihre Beschäftigungen längst den besonderen Bedingungen Afrikas angepaßt. Diese aber waren die Bedingungen eines Raumes ohne Volk. Denn als die ersten Siedler gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts am Kap der Guten Hoffnung gelandet waren, hatten die zwergenhaften, jeder Kultur und Erziehung unzugänglichen Buschmänner auf sie nicht den Eindruck von gleichberechtigten Geschöpfen Gottes gemacht, und die Hottentotten, die ihnen anfangs das Land streitig gemacht hatten, wurden bald zu Zehntausenden von den aus Europa eingeschleppten schwarzen Pocken dahingerafft. Nur die Kaffern waren ernst zu nehmende Gegner. Mit ihnen hatten die Buren sich ehrlich herumgeschlagen und schließlich Frieden geschlossen. Jetzt ließen sie die Schwarzen ruhig zwischen sich wohnen und behelligten sie nicht, sofern sie sich dem Gesetz der Weißen fügten.

Die Herren des Landes aber waren und blieben die Buren. Und sie erkannten keine andere Grenze an als den weiten, verlockenden Horizont des afrikanischen Veits — eine Grenze, die unerreichbar war und stets weiterwanderte, sobald sie selbst ihre Wagen oder ihre Pferde bestiegen. Reichtum und Luxus forderten die Buren nicht, aber ihr Hunger nach Land war fast unersättlich. In der guten alten Zeit hatten sie eine einfache und praktische Methode gekannt, den neugewonnenen Grund und Boden gegen den Besitz des Nachbarn abzugrenzen: Nach beendigtem Treck galoppierten je vier Buren von einem bestimmten Punkt in alle vier Himmelsrichtungen davon. Nach vier Tagen kehrten sie zum Ausgangspunkt zurück, und jedem gehörte das, was er in dieser Zeit umritten hatte. Bisher hatten sie es auch immer so gehalten, daß ihre Söhne, sobald sie erwachsen waren, sich nach freiem Ermessen je zwei Farmen aussuchen konnten: eine auf dem Grasvelt für das Vieh und eine für den Ackerbau in den fruchtbaren Niederungen.

Heute aber war Land in Transvaal knapp und teuer geworden. Um einen und sogar um einen halben Morgen mußte gehandelt werden, und die Spekulationswut der Goldsucher, die überall Ablagerungen und verborgene Adern des begehrten Metalls vermuteten, hatte die Preise zu schwindelnder Höhe hinaufgetrieben. Die Söhne mittelloser oder kinderreicher Familien — und welche Burenfamilie war nicht kinderreich! — saßen mit ihren Frauen auf den Farmen der Verwandten herum und verrichteten Knechtsarbeit, falls sie es nicht vorzogen, sich in der Minenstadt Johannesburg eine lohnendere Beschäftigung zu suchen. Das Schicksal dieser Landlosen, die man 'Biwohner' nannte, war allmählich zu einem drängenden sozialen Problem geworden.

So war in Transvaal der Gedanke an einen neuen Treck aufgetaucht, sobald man Näheres über Abendorffs Konzession in Maschonaland gehört hatte. .Treck' war ja das Zauberwort, mit dessen Hilfe die Buren bisher stets aller Schwierigkeiten Herr geworden waren, und so sollte ihnen auch diesmal ein Treck zu neuem Siedlungsland und zu einem Leben nach altgewohnter Art verhelfen. Das Trecken saß den Bewohnern Südafrikas im Blut wie ein Fieber, das nach jahrelangen Pausen immer von neuem ausbricht. Die älteren Buren hatten in ihrem Leben schon mehr als einmal die Ochsen vor die langen, schweren Reisewagen gespannt, hatten das Vieh zusammengetrieben und waren, nach einem besonders langen und inbrünstigen Gebet, mit Weib und Kind, Bibel und Büchse nach Norden aufgebrochen. Und durchaus nicht immer war es nur die bittere Not, die sie in unbekannte Fernen getrieben hatte. Dem ersten großen Treck vor fünfzig Jahren, den die Engländer mit ihrer Herrschsucht und ihrer Verständnislosigkeit für die Sorgen und Bedürfnisse der Buren verschuldet hatten, war manch anderer gefolgt, und im Laufe der Zeit war aus der Not eine Gewohnheit und aus der Gewohnheit ein Bedürfnis geworden. Diese Buren waren Bauern, die ihre Pflugschar liebevoll in die jungfräuliche Erde senkten, sobald sie einen Ort fanden, der ihnen gefiel und den sie Heimat nennen konnten; und stets führten sie die Saat für Acker und Garten als ihren kostbarsten Besitz auf den langen Wanderungen mit sich. Aber wenn sie aus diesem oder jenem Grunde plötzlich vom Treckfieber ergriffen wurden, wenn sie mit Hunderten von Wagen, umgeben von ihren nach Zehntausenden zählenden Rinder- und Schafherden und gefolgt von den Scharen gehorsamer Kafferndiener, in monatelangen Wanderungen über das kahle Veit zogen, glichen sie den Wikingern der Vorzeit, und die weißen Planen ihrer Ochsenwagen ähnelten Segeln, die der Wind in unbekannte, abenteuerliche Welten trug.

„Wir wollen in den Norden trecken”, sagten die Buren und dachten dabei an neue Weiden für die wachsenden Herden und an Urwald und Busch, die durch ihre Pflüge in frisches Ackerland verwandelt werden sollten.

Aber auch die vielen Abenteurer, die der Reichtum der Diamant- und Goldfelder aus aller Herren Ländern, besonders aber aus dem britischen Empire, nach Südafrika gelockt hatte, richteten ihre Blicke auf den Norden. Freilich sprachen sie nicht, wie die Buren, vom Trecken und von einer neuen Landnahme, sondern sie dachten an einen ,run', an einen ,big rush' zu den Goldfeldern, die in Matabele- und Maschonaland vermutet wurden. Die großen Gesellschaften in Kimberley und Johannesburg hatten ihnen alle Hoffnung auf ein schnelles Weiterkommen genommen; im Norden aber würden, wie sie glaubten, die guten alten Zeiten wieder auferstehen. Es kam nur darauf an, daß man die Gefahren und Strapazen der Reise überstand, und daß man rechtzeitig zur Stelle war. Wer dann noch ein wenig Glück und einen guten Blick hatte und sich bei der Verteilung der ,claims' die ergiebigsten Felder sicherte, mußte unfehlbar in kürzester Zeit ein reicher Mann werden. Die Agenten der Chartered Company geizten auch nicht mit Versprechungen. Jeder Teilnehmer an der Expedition Dr. Jamesons sollte das Recht haben, sich in Maschonaland fünfzehn ,claims' zu hundertfünfzig mal vierhundert Fuß auf den Goldfeldern abzustecken; darüber hinaus sollte er eine genügend große Fläche Farmland erhalten. Bei solch verlockenden Aussichten war es nicht verwunderlich, daß sich bald einige hundert Männer in Kimberley anfanden, die bereit waren, gemeinsam mit der Polizeitruppe der Company den Marsch in das Land der Verheißung anzutreten. Einige Sorge bereitete r die Haltung der Buren, denn man wußte von der Abendorff-Konzession, und schon trafen die Buren überall, nicht nur in der Transvaal-Republik, sondern auch im Freistaat und selbst in der Kapkolonie, ihre Vorbereitungen für den neuen Treck. Daher atmete man in den Büros der Company erleichtert auf, als Krüger das britische Ultimatum annahm, die Nordgrenze seines Staates als endgültig anerkannte und sich gegen den Abendorff-Treck erklärte. Jameson trat den Marsch nach Maschonaland jetzt unverzüglich an.

Krügers Treck-Verbot traf die Buren wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Besonders in den nördlichen Bezirken, die dem Limpopo am nächsten lagen, herrschte große Empörung, und der Präsident verlor in diesen Monaten viel von seiner Popularität.

Im Herbst trafen eine Anzahl von Buren auf Jan Groblers Farm Witfontain zusammen, um die Lage zu besprechen. Einige, die von weit her kamen, hatten bereits ihren Grund und Boden verkauft und konnten jetzt nicht mehr zurück. Sie hatten ihre Wagen auf dem Veit im Kreis zusammengefahren und ließen die Herden das magere Gras der Umgegend abweiden. Nach kurzer Zeit würde das wenige zur Verfügung stehende Land kahlgefressen sein, und dann mußten sie ihr Vieh schlachten oder verkaufen, falls der Treck bis dahin nicht zustande kam. Sie wollten deshalb ihr Vorhaben unter allen Umständen durchführen.

Die Männer debattierten ganze Tage lang in Groblers großer Wohnstube, dem sogenannten Saal. Es mangelte an Sitzgelegenheiten für so viele Menschen, und einige mußten auf dem Harmonium und auf der Nähmaschine Platz nehmen. Ihre rauhen, schwerfälligen Stimmen drangen, zusammen mit Wolken von Tabaksrauch, durch die geöffneten” Fenster ins Freie.

„Ich begreife Krüger nicht”, sagte Jan Grobler. In Pretoria, im Mai, hat er mir zum Treck noch Glück gewünscht und gesagt, er käme am liebsten selber mit.”

„Ja, aber dann kam das Ultimatum. Er mußte es annehmen, sonst hätten die Engländer alle Farmer aus Swaziland hinausgeworfen und uns die letzte Möglichkeit genommen, je an die Küste zu kommen”, erwiderte jemand.

„Das haben sie sowieso getan — als sie Tongaland einsteckten. Sie haben Krüger betrogen. Aber da er das Ultimatum nun einmal unterschrieben hat, muß er sich pflichtgemäß auch gegen den Treck erklären”, sagte Eiselen, in dessen Familie es einige Juristen gab, so daß er mehr von Politik verstand als die anderen.

Groblers Sohn Andreas hatte bisher geschwiegen und den älteren Männern aufmerksam zugehört. Jetzt rief er heftig dazwischen: „Daß Krüger warnt und abrät, kann ich begreifen. Aber er darf den Treck nicht verbieten. Es gibt kein Gesetz' in der Republik, das ihn dazu berechtigt. Außerdem ist der Treck durchaus keine Angelegenheit, die nur Transvaal angeht. Es sind auch Buren aus dem Freistaat dabei und sogar britische Untertanen aus der Kapkolonie.”

„Ein wirkliches Verbot hat der Präsident auch gar nicht ausgesprochen, mein Sohn”, sagte Grobler. „Wir sind freie Buren und können unser Haus in Afrika bauen, wo es uns paßt. Aber wenn wir das ausgerechnet auf dem Nordufer des Limpopo tun, sind wir nicht mehr Bürger der Republik und haben von ihr keine Hilfe und keinen Schutz mehr zu erwarten. Denn die Nordgrenze von Transvaal ist für alle Zeiten festgelegt. Möchtest du, daß wir in Maschonaland britische Untertanen werden oder — was beinahe noch schlimmer ist — Untertanen des Herrn Rhodes und seiner Chartered Company?”

Andreas schwieg und schüttelte nur heftig den Kopf. Schlank und groß lehnte er an der Wand, die mit Angoraziegenfellen behängt war. Sein gebräuntes Gesicht, dunkler als das von der Sonne gebleichte Haar, hob sich scharf von den seidig glänzenden, schneeweißen Fellen ab. Es war bartlos und hatte nichts von der Breite und gewissen Behäbigkeit der meisten Burengesichter. Wie es seine Gewohnheit war, wenn er sich über etwas ärgerte und keinen Ausweg wußte, hatte Andreas die Unterlippe zwischen die starken, weißen Zähne gezogen.

Grobler wußte recht gut, weshalb Andreas mit solchem Eigensinn auf dem Treck bestand. Er war seit zwei Jahren mit Maria Eloff, einer entfernten Nichte seiner Mutter, verlobt und wollte endlich heiraten. Aber in Witfontain war kein Bargeld vorhanden, um eine neue Farm zu kaufen, und Maria war ganz mittellos. Ihr Vater war vor einigen Jahren an der Malaria gestorben, und die Witwe hatte die Farm aufgeben müssen, als die Rinderpest des Jahres 1888 fast den gesamten Viehbestand vernichtete. Deshalb klammerte sich Andreas an den Gedanken, in Maschonaland eine eigene Farm zu finden; und seit die Zulus vor drei Jahren seinen älteren Bruder Piet erschlagen hatten, fühlte er sich mit Norden vollends verbunden. Piet war für das Sand gestorben, und Andreas hielt es für seine Pflicht, das Werk fortzusetzen, das der Bruder nicht hatte vollenden können.

Wenn wir keine Bürger der Republik mehr bleiben können, brauchen wir deshalb noch längst nicht Untertanen der Chartered zu werden”, sagte er jetzt. „Die Company ist nur eine Privatgesellschaft und besitzt keine Souveränitätsrechte über Maschonaland. Das weiß man in London und Kapstadt genau. Sobald es sich herumsprach, daß wir trecken wollen, fielen die Aktien der Chartered unter Pari.”

Die alten Männer sahen ihn unsicher an. Viele von ihnen wußten kaum, was eine Aktie war, und die Chartered Company war ihnen ein leerer Begriff. Sie fühlten nur, daß Rhodes und die Engländer ihnen wieder einmal Unrecht tun wollten.

„Ohm Abendorff, sagt selbst”, fuhr Andreas eindringlich fort, „ist Eure Konzession nicht ebenso gut wie irgendeine andere?”

Abendorff, ein kleiner, hagerer Mann mit einem langen, weißen Bart, nickte eifrig. „Sie ist gut”, bestätigte er. „Und ich habe sie schon bekommen, lange bevor Rhodes daran dachte, mit Lobengula zu verhandeln. Der Häuptling, der sie mir gab, ist auch kein Untertan Lobengulas. ,Die Matsbele rauben meine Frauen und Kühe und erschlagen meine jungen Krieger', hat er zu mir gesagt. ,Ich will dir und deinen Brüdern Land geben, wenn ihr mich gegen Lobengula schützt.' Jawohl, so hat er gesprochen. Er hat mir den Vertrag gegeben und seine drei Kreuze daruntergesetzt.”

„Seht ihr?” rief Andreas. „Lobengula hat an Rhodes etwas verkauft, was er in Wirklichkeit gar nicht besaß. Einer hat den anderen betrogen. Aber wir Buren lassen uns nicht betrügen. Warum machen wir es nicht wie die alten Vortrecker und gründen in Maschonaland eine neue Republik? Das darf uns niemand verbieten, weder Krüger noch Rhodes.”

Die Männer schwiegen und sogen kräftig an ihren Pfeifen. Schließlich nickte Eiselen bedächtig mit dem Kopf. „Dein Junge hat einen guten Gedanken ausgesprochen, Jan. Warum sollen wir nicht auswandern und einen eigenen Staat gründen? Auch Transvaal bestand ja einmal aus vier kleinen Republiken, die sich erst später zusammengeschlossen haben. Außerdem: kommt Zeit, kommt Rat. Wer weiß? Vielleicht können wir uns nach ein paar Jahren, wenn sich die Engländer beruhigt haben, an Transvaal anschließen?”

„Wir tun damit nichts, was wider das Recht ist”, sagte Hans van Niekerk. „Bis jetzt haben wir jeden Fußbreit Boden in Afrika, den wir genommen haben, mit unserem Blut bezahlt. Auch für Maschonaland ist schon Blut geflossen — das deines Sohnes Piet, Jan Grobler. Womit aber zahlt Rhodes für das Land, das er uns rauben will? Mit Geld!”

„Ja, mit Geld”, warf Andreas hitzig ein. „Und woher hat er das Geld? Aus unserem Boden, aus den Minen am Witwatersrand hat er es genommen.”

Sie redeten noch eine Weile hin und her. Die Köpfe wurden heiß, und immer fester wurde ihr Entschluß, ohne Rücksicht auf Verbote und Widerstände nach Maschonaland zu ziehen und sich dort ihren eigenen Staat zu gründen. Eiselen sollte im Lande herumreisen und mit den verschiedenen Gruppen Fühlung nehmen, die an dem Treck interessiert waren. Es sollte auch ein Manifest ausgearbeitet werden, das, mit den Unterschriften von Bürgern aller afrikanischen Staaten versehen, gegen das Vorgehen Englands und der Chartered Company Verwahrung einlegte.

Es war schon Nacht, als die Männer das Haus Groblers verließen und zu ihren Wagen zurückkehrten. Andreas ging über den dunklen Hof zum Viehkraal hinüber, wo Maria ihn erwartete. Sie hatte das Eintreiben und Melken der Kühe beaufsichtigt und saß jetzt auf der niedrigen Feldsteinmauer, die den Schlafplatz der Rinder einfriedete.

„Nun?” fragte sie. „Ist das Palawer endlich vorbei?”

„Ja, und wir sind uns einig geworden, daß wir trecken wollen”, erwiderte er und wollte ihr den ganzen Hergang der Beratung erzählen. Aber Maria unterbrach ihn.

„Laß nur, ich weiß schon alles. Ihr habt ja geschrien, daß man es über das ganze Veit dröhnen hörte. Und du warst am lautesten. Wahrscheinlich wirst du noch mal Präsident der neuen Republik.”

„Warum nicht?” lachte Andreas. „Du würdest auch eine gute Tante Sannie abgeben. Und warum soll ein junger Staat nicht von den jungen Leuten regiert werden? Einmal müssen die Burenrepubliken endlich aufhören, ihre Präsidenten unter den letzten überlebenden Vortreckern auszuwählen.”

„Du bist ja recht eingebildet”, sagte sie und stieß ihm kräftig den Ellenbogen in die Seite. Aber im stillen bewunderte sie ihn. Es geschah nicht oft, daß die alten Männer auf die Stimme der jungen Leute hörten. Heute aber war es Andreas gewesen, der die anderen mitgerissen und ihnen einen Weg gezeigt hatte.

Sie rückte näher an ihn heran, und Andreas legte den Arm fest um ihre Hüfte. Maria war breit und kräftig gewachsen wie fast alle Burenmädchen, die von Kind an ritten und arbeiteten und später mühelos ein Dutzend Kinder zur Welt brachten, ohne Schaden an ihrer Gesundheit zu nehmen. „Ich bin nicht eingebildet”, sagte er, „aber ich meine, daß wir manchmal zu viel auf die alten Männer sehen. Waren die denn nicht auch jung, als sie die Vortrecker anführten? War Hermann Potgieter etwa ein Greis? Gewiß, ich verehre Ohm Krüger, und ich glaube, daß Transvaal heute keinen besseren Mann hat. Und ich hasse Rhodes. Aber meinst du nicht auch, es wäre besser, wenn Krüger heute achtunddreißig wäre und Rhodes fünfundsechzig — statt umgekehrt? Die Alten begreifen manches nicht mehr, was uns ganz selbstverständlich und vertraut ist.”

„Es heißt aber, der Bauer wird mit den Jahren nur klüger”, sagte Maria. Sie tat es nur, um ihn zu reizen. Denn wenn Andreas sich am Widerspruch erregte, hitzig nach Worten suchte und seine mageren, großen Fäuste ballte, als hätte er sie am liebsten als Argumente verwandt, dann liebte sie ihn noch mehr als sonst.

„Ein Staat ist kein Bauernhof!” rief er jetzt ärgerlich und schlug im Takt seiner Worte mit den eisenbeschlagenen Stiefeln gegen die Mauersteine. „Selbst in Afrika ist das heute nicht mehr so. Und es genügt nicht, immer davon zu reden, wieviel schöner die Vergangenheit war und dann Trost in der Bibel zu suchen. Wenn wir unsere Freiheit und die alte Art behalten wollen, dann müssen wir sie auch mit allen neuzeitlichen Mitteln verteidigen. Sieh mal — da ist das Gold vom Witwatersrand. Hat es einen Sinn, sich dauernd darüber zu ärgern, daß es gefunden wurde? Wir hätten lieber dafür sorgen sollen, daß es kein anderer bekommt. Wir hätten den Schatz für uns selber heben sollen. Gold ist Macht, das weiß Cecil Rhodes besser als wir. Mit Gold hätten wir uns mächtige Freunde schaffen können, vielleicht Verbündete in Europa, die den Engländern in den Arm fallen, wenn es zum Schlimmsten kommt. Aber was tun die Buren? Sie sagen: ,In Johannesburg sitzt der Teufel', schlagen drei Kreuze und machen einen großen Bogen um das Sündenbabel. Na, ich fürchte den Teufel nicht, und wenn er Rhodes heißt!”

„Ich glaube, du möchtest am liebsten nach Johannesburg. Vielleicht kommst du gar nicht mit, wenn wir trecken?” Maria war auf einmal gekränkt. Was ging sie schließlich das Gold und die Politik an? Seit Monaten kreisten alle ihre Gedanken einzig um die neue Farm, die sie und Andreas in Maschonaland finden würden. „Ich gehe aber nicht mit in die Stadt”, fügte sie eigensinnig hinzu.

Andreas schwang sich mit einem Satz wieder auf die Mauer, von der er in der Erregung heruntergesprungen war. „Keine Angst, Meisie, wir trecken”, sagte er und griff zärtlich nach ihrer Hand. „Wenn wir unsere eigene Republik haben, werden wir schon aufpassen, daß sie etwas moderner regiert wird. Sicher gibt es auch in Maschonaland Reichtümer unter der Erde, und die sollen die Engländer nicht bekommen. — Aber das sage ich dir: wenn aus dem Treck nichts geworden wäre, hätte ich mich nach Johannesburg zu Krügers neuer Geheimpolizei gemeldet. Eine großartige Idee von Ohm Paul, den Uitländers endlich mal genauer auf die Finger zu sehen. Ich möchte wissen, ob es auch die Bibel war, die ihn auf den Gedanken gebracht hat.”

„Ich will aber keinen Polizisten”, sagte Maria und legte den Kopf in den Nacken, damit er sie küßte. Sie fand, Andreas hatte nun genug geredet.

Der Mond war aufgegangen, aber die Zweige des riesenhaften Feigenbaumes, der hinter dem Farmhaus stand, verdeckten noch seine bernsteingelbe Scheibe. Die wilden Tauben gurrten lauter und inbrünstiger, und aus dem Kraal, in dem jetzt die breiten Rücken der lagernden Rinder zu erkennen waren, wehte der Nachtwind ab und zu ein behagliches Schnaufen und eine Woge warmen Dunstes herüber. Weit draußen im Veit, in der Wagenburg der Trecker, erklangen die zittrigen Töne eines Harmoniums, und ein paar Kaffernweiber schnatterten noch in ihren Hütten. Sonst war es still, und über dem dunklen, schlafenden Land führten die Sterne ihr erregendes, glitzerndes Leben.