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Drittes Kapitel

Im Mai, als Jamesons Expeditionskorps sich zum Aufbruch nach Norden rüstete, trat in Pretoria der Volksraad, das Parlament der Transvaal-Republik, zu seiner ordentlichen Sitzungsperiode zusammen.

Innerhalb weniger Tage verwandelte die kleine Residenzstadt ihr sonst so stilles Gesicht. Von allen Seiten strömten die schweren, von acht bis zehn Ochsen gezogenen Wagen herbei und begannen den großen Marktplatz zu füllen, der an den Anger eines wohlhabenden Bauerndorfes erinnerte. Nur wenige Abgeordnete nahmen Wohnung in den Hotels der Stadt; die meisten zogen es vor, in ihren Wagen zu bleiben. Überall wurde abgeschirrt und ausgepackt. Die Männer standen in Gruppen zwischen den lagernden Zugtieren herum, redeten über die Ernte und die Viehpreise, musterten mit Kennermiene die Ochsen des Nachbarn und schwenkten ihre breiten Filzhüte, sobald ein neuer Wagen auftauchte.

Hier kannte einer den anderen, und die meisten waren sogar verwandt. Es waren die Senioren der hundert Familien, die vor fünfzig Jahren zum großen Treck nach Norden aufgebrochen waren, und sie ähnelten einander in ihrem Aussehen und in ihrem Wesen. Fast alle trugen Vollbärte und hatten Patronengürtel kreuzweise um die Brust geschlungen. Manche legten nicht einmal in Pretoria ihr Gewehr ab, das den Buren auf allen Reisen ebenso selbstverständlich begleitet wie seine Bibel. Sie alle mißtrauten den Engländern und haßten die Schwarzen — wenigstens soweit diese noch nicht gezähmt und zu tüchtigen Viehtreibern und Arbeitern erzogen waren. Denn die einen hatten sie als Kinder von Haus und Hof vertrieben und gönnten ihnen auch jetzt noch nicht ihre Freiheit — und die anderen hatten ihnen die Väter, Brüder und Schwestern erschlagen. Sie alle waren fromm, dachten und handelten rechtlich und wachten wie echte Bauern eifersüchtig über ihren Besitz und ihre Privilegien. Ihre Leiden und die seltsamen Schicksale des Burenvolkes hatten ihnen die feste Überzeugung beigebracht, daß der Herr sie zu etwas Besonderem ausersehen hatte. Ihr Gott war der strenge, aber gerechte Gott des alten Testaments, sie selber das auserwählte Volk und ihre Republik das Land Kanaan. Wenn sie von Philistern und Amalekitern sprachen, meinten sie die Zulus, die Engländer und die 'Uitländers', die sich auf ihrem Boden breitmachten.

Krüger war in diesen Tagen guter Laune. Schon bei Sonnenaufgang saß er auf der Veranda seines Hauses und beobachtete das Treiben auf dem Marktplatz. Sein scharfes Auge erkannte schon von weitem die Neuankömmlinge an den bunten Rädern ihrer Wagen, und oft verriet ihm sein Gehör, wer da mit mächtigem Peitschengeknall um die Ecke bog. Seine Frau mußte ständig frischen Kaffee bereithalten, um die vielen alten Freunde zu bewirten, die für eine halbe Stunde heraufkamen, dem Präsidenten lange und kräftig die Hand schüttelten und zu ,Tante Sannie' lärmende Begrüßungen in die Küche hineinriefen. Viele waren darunter, mit denen er als Kind Seite an Seite die Schafe gehütet, gefischt und gejagt hatte. Und oft genug hatten sie einander in den Kaffernkriegen, am Blutfluß und am Zootpansberg, herausgehauen. Sie nannten ihn, Ohm Paul' oder, Ohm Krüger' und erzählten weitschweifig, wie groß ihre Herden inzwischen geworden waren und wie viele Enkelkinder sie schon besaßen. Sie sagten: „Probiert mal meinen Tabak, Ohm!” oder „Habt Ihr in Waterkloof noch den großen schwarzen Stier? — Ach nein, der muß ja schon vor mindestens zehn Jahren eingegangen sein.” Manche neckten auch den Präsidenten und fragten: „Ist Euer Daumen schon nachgewachsen, den Ihr Euch als Junge abgeschossen habt, als das Gewehr nach hinten losging?”

In diesen glücklichen Tagen vergaß Krüger alle seine politischen Sorgen. Und selbst der Drache Johannesburg, der nur fünfundvierzig Meilen von Pretoria entfernt am Witwatersrand lag und mit seinem stinkenden Atem sogar die Träume des Präsidenten vergiftete, hatte seine Schrecken verloren. Die Männer, die dem Volksraad angehörten, waren fast alle mit ihm groß geworden und dachten wie er. Sie hielten die junge Generation, die das Geld verhext hatte, eifersüchtig von den Staatsgeschäften fern und schüttelten noch heute die Köpfe, wenn sie daran dachten, daß einmal ein Thomas Burgers Präsident der Republik gewesen war — ein unfrommer Geistlicher, der Tanzgesellschaften veranstaltete, zur Strafe von den Zulus geschlagen wurde und am Ende die Engländer ins Land ließ. Da war Ohm Krüger doch aus anderem Holz geschnitzt. Er regierte das Land „in Übereinstimmung mit dem Worte Gottes”, wie er selber feierlich erklärt hatte, und seine staatsmännische Weisheit bezog er aus der Bibel, dem Buch der Bücher.

Gottes Wort leitete auch die diesjährige Tagungsperiode ein. Freilich konnten sich die Abgeordneten nicht zu einem gemeinsamen Gottesdienst vereinigen, da sie drei verschiedenen Sekten des reformierten Bekenntnisses angehörten. Krüger selbst besuchte am Morgen der Parlamentseröffnung den Gottesdienst der christlich-reformierten Gemeinde', der sogenannten, Dopper-Kirche', die es als sündhaft ablehnte, etwas anderes als biblische Psalmen zu singen.

Dann betraten die Delegierten unter dem Geläute der Kirchenglocken den Sitzungssaal. Der schmucklose, weißgetünchte Raum erinnerte ein wenig an eine Scheune. Den Fußboden bedeckte nach guter, alter Burensitte ein Belag aus Blut und Kuhdünger, den geschickte Kaffernhände so kunstvoll verschmiert hatten, daß eine Art Parkettmuster entstanden war. Der milde Stallgeruch, der von diesem billigen und leicht zu erneuernden Fußboden aufstieg, vermischte sich mit dem scharfen Rauch der Tabakspfeifen und erzeugte eine anheimelnde Atmosphäre. Die Uitländers-Abordnungen und die Pressevertreter, die zur Beobachtung aus Johannesburg und Kapstadt herübergekommen waren, rümpften zwar die Nasen, aber die Buren-Parlamentarier fühlten sich wohl in dieser altgewohnten Umgebung, die ihnen keinerlei Hemmungen auferlegte. Bedächtig nahmen sie auf den hölzernen Bänken Platz, streckten die Beine aus und legten ihre großen Filzhüte neben sich. Beifälliges Gemurmel und joviale Zurufe begrüßten den Präsidenten, als er auf dem Podium erschien.

Krüger war in feierliches Schwarz gekleidet und trug die vierfarbige Schärpe der Republik über der breiten Brust. Er wußte nicht recht, wo er mit seinen großen Händen bleiben sollte, die gewohnt waren, die Pfeife, die Kaffeetasse oder die Zügel zu halten. Schließlich ließ er sie, zur Faust geballt, seitwärts herabhängen.

Nach einem kurzen Rückblick auf das abgelaufene Jahr, über dem, trotz Trockenheit und gelegentlichen Fieberepidemien, sichtbar der Segen Gottes gelegen hatte, ging er auf die Hauptpunkte der Tagesordnung ein. Da waren zunächst die Eisenbahnen. Das Bauprogramm würde jetzt beschleunigt durchgeführt werden, in wenigen Jahren schon sollte Johannesburg über drei Strecken mit Kapstadt, mit Natal und mit der Delagoa-Bahn verbunden sein. Was das Swaziland und den ersehnten direkten Zugang zum Meer angehe, hoffe er, der Versammlung schon in wenigen Tagen die Vorschläge der britischen Regierung unterbreiten zu können. Ferner müßten die Goldminengesetze wieder einmal abgeändert und verbessert werden. Die Minenindustrie habe hier einige Vorschläge gemacht, die wohlwollend von den jungen Leuten — das waren die Juristen mit Dr. Leyds an der Spitze — geprüft würden.

Endlich kam Krüger auf den heikelsten Programmpunkt zu sprechen, auf die Uitländersfrage. Mißfälliges Gemurmel erhob sich in der Versammlung, sobald er dieses Thema anschnitt. Die skandalösen Vorfälle in Johannesburg, deren Zeuge der Präsident vor einigen Monaten geworden war, hatten im Lande viel Staub aufgewirbelt. Aber Krüger, der entschlossen war, gerade jetzt keinerlei Verstimmung mit England aufkommen zu lassen, packte den Stier sofort bei den Hörnern.

”Wir wollen diese Vorgänge nicht zu ernst nehmen”, sagte er. „Ich selbst kann bezeugen, daß es damals in Johannesburg furchtbar staubig war. Und die Uitländers sind ja bekannt für ihren großen Durst.”

Lautes Gelächter antwortete, und es schwoll noch an, als eine tiefe Stimme rief:

„Dann sollen sie Kaffee trinken — wie Ohm Paul!”

Krüger spürte, daß die Stimmung freundlicher wurde, und fuhr fort:

„Ich hatte einmal, vor vielen Jahren, einen zahmen Pavian. Er liebte mich sehr und saß jeden Abend neben mir am Feuer. Einmal aber kam er den Flammen zu nahe und versengte sich den Schwanz. Sofort wurde er wütend, stürzte sich auf mich und versuchte, mich in den Arm zu beißen. Das dumme Vieh glaubte natürlich, ich sei an seinem Unglück schuld.” Er machte eine Pause und studierte die erwartungsvollen und etwas erstaunten Gesichter seiner Zuhörer. Dann fügte er hinzu:

„Wir haben den Uitländers gestattet, nach Johannesburg zu kommen und sich an unserem schönen Feuerchen zu wärmen. In ihrem Unverstand haben sie es gemacht wie der Pavian und sind zu nahe herangerückt. Ich will damit sagen, sie wollten zu schnell reich werden und haben nur an der Börse spekuliert, statt tüchtig in den Minen zu arbeiten. Seht ihr, dafür haben sie jetzt eine Krise. Die Aktien sind gefallen, und viele haben sich das Fell verbrannt.”

In das losbrechende Gelächter hinein schloß er mit erhobener Stimme:

„Natürlich denken sie nun, daß ich schuld bin. Darum haben sie neulich vor meiner Wohnung in Johannesburg die Katzenmusik vollführt und unsere Fahne heruntergerissen.”

Das war eine Rede ganz nach dem Herzen der Volksraad-Abgeordneten. Sie klatschten in die Hände und jubelten ihrem Ohm Paul zu. Gleichzeitig aber sahen sie sich schadenfroh nach den anwesenden Uitländers um, die den Pavian auf sich sitzen lassen mußten und verlegen die Köpfe senkten.

Krüger hatte die Schlacht gewonnen. Als er jetzt seine Vorschläge für eine Verfassungsrevision vorlegte, stieß er kaum noch auf Widerspruch. Neben dem ersten Volksraad, der auch in Zukunft den eingesessenen Buren vorbehalten bleiben würde, sollte eine zweite Kammer eingerichtet werden, in die die Uitländers ihre Vertreter schicken konnten. Dieser .Zweite Volksraad' sollte sich mit der Gesetzgebung in allen denjenigen Fragen befassen, die für die Uitländers und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen in Transvaal von Bedeutung waren. Hier blieb dem 'Ersten Volksraad' nur das Vetorecht vorbehalten. „Ich möchte”, schloß Krüger seine Ausführungen, „daß der zweite Volksraad eine Brücke bildet. Meine Bürger sollen einsehen lernen, daß wir die neue Bevölkerung ruhig an der Regierung des Landes teilnehmen lassen können. Sobald sie sich davon überzeugt haben, daß dabei nichts Böses entsteht, können die beiden Kammern zu einer einzigen verschmolzen werden, und der Unterschied zwischen der alten und der neuen Bevölkerung kann dann wieder verschwinden.”

Jetzt nahmen die Beratungen ihren Anfang. Die Volksraad-Mitglieder äußerten sich breit und umständlich zu allen Punkten und schweiften dabei häufig vom Thema ab. Sie waren Bauern, die das ganze Jahr über wenig Gelegenheit zum Reden fanden. Wenn sie aber einmal sprachen, wichen sie nicht so leicht vom Platz. Sie erfreuten sich am Klang ihrer eigenen rauhen Stimmen und gönnten es den anderen, daß sie stillsitzen und zuhören mußten. Ihre Ansichten zu den Regierungsvorschlägen belegten sie mit zahlreichen Bildern und Beispielen, die sie teils aus der Bibel, teils aus der Rinderzucht nahmen; und sie waren ehrlich genug, auch den eigenen Vorteil offen ins Auge zu fassen.

„Ich bin gegen die Eisenbahnen”, erklärte ein Farmer aus der Gegend von Potschefstrom. „Denn wovon soll dann, mein Schwiegersohn leben? Er hat mit seinen Ochsen immer Lebensmittel nach Johannesburg gefahren und dabei gut verdient, besonders in diesem Sommer, als die Waren in der Stadt knapp waren und die höchsten Preise gezahlt wurden.” Und er ließ sich erst beruhigen, als Dr. Leyds ihm im Namen der Regierung versprach, daß sein Schwiegersohn bei der Heranschaffung des Baumaterials seine Ochsen noch genügend werde brauchen können. Einen anderen stürzte die Uitländersfrage in Gewissensnöte. „Vor Gott sind alle Menschen gleich, und diese Republik wird in Übereinstimmung mit Gottes Wort regiert. Wie dürfen wir da die Menschen in zwei Klassen einteilen und ihnen verschiedenes Recht zugestehen? Der zweite Volksraad ist eine Sünde!”

„Aber Piete”, warf jemand dazwischen, „willst du denn, daß die Uitländers und vielleicht auch die Schwarzen genau so zum Volksraad wählen sollen wie wir Burghers?”

Der Redner sah sich empört um.

„Habe ich das etwa gesagt? Ich meine nur, daß sie überhaupt nicht wählen sollen, weder zum ersten noch zum zweiten Volksraad. Es sind keine Burghers, sondern Gäste. Außerdem gehören sie nicht mal einer der drei reformierten Staatskirchen an.” Damit setzte er sich und fuhr fort, kräftig an seiner Pfeife zu saugen.

Nach einigen Tagen jedoch war es Krüger gelungen, alle seine Vorschläge durchzubringen. Der Volksraad vertagte sich für eine Woche. Nach der Wiedereröffnung sollte der Swaziland-Vertrag, dessen Fertigstellung der Gouverneur nunmehr endlich angekündigt hatte, beraten werden.

In diesen Tagen stand die Haustür des Präsidenten nicht still, und die Asche im Herd wurde nicht kalt. Denn auch die Söhne Krügers, einige seiner Töchter mit ihren Männern und mehrere Enkel waren zu Besuch gekommen. Die jungen Leute hielten es sonst im stillen Pretoria nicht lange aus; aber zur Zeit der Parlamentstagung, die für die Hauptstadt so etwas wie eine Saison bedeutete, füllten sie das Haus bis unters Dach und brachten oft noch ihre englischen Freunde mit.

Krüger hatte nichts dagegen einzuwenden. Er liebte es, Jugend um sich zu haben, und erst recht, wenn es Blut von seinem Blut war. Sannie hatte ihm neun Söhne und sieben Töchter geboren, und er hätte sich
geschämt, wenn es anders gewesen wäre. Er dankte Gott dafür, daß er es ihm gestattete, auch als Familienoberhaupt seinen Buren ein Beispiel zu geben. Und doch ging es bei den Familienzusammenkünften nicht immer ohne Reibungen und Verstimmungen ab. Viele von den jungen Leuten fanden, daß die Hausordnung gar zu patriarchalisch und altmodisch war. Sie ärgerten sich, wenn sie mit der Sonne aufstehen und an den allmorgendlichen Bibelstunden teilnehmen mußten. Die langen Gebete zu Beginn und am Ende jeder Mahlzeit und das gemeinsame Psalmen-singen waren ihnen lästig, und oft schämten sie sich ihrer Mutter, die eine schlichte Farmersfrau geblieben war und die Küchenschürze nur selten ablegte. Wenn sie mit ihren Freunden über neue Bücher sprachen, erklärte der Präsident seelenruhig, für ihn gäbe es nur ein Buch, die Bibel. Nur für die Bibel und durch die Bibel habe er lesen gelernt, und zu etwas anderem sei diese Kunst auch nicht nütze.

Krüger wiederum mußte mit Bitterkeit erkennen, wie der neue Geist, der seinen Ausgang von Johannesburg genommen hatte, auch in seiner eigenen Familie an Boden gewann. Es war ihm unangenehm, wenn seine Enkel und Schwiegertöchter mit Tennisrackets und Golfschlägern hantierten, während Buren aus dem Norden zu Besuch waren.

Der alte Jan Grobler, der den Bezirk Nilstrom im Volksraad vertrat, lächelte grimmig, als er das moderne Sportarsenal in einer Ecke der Veranda entdeckte. „So sind die jungen Leute, Ohm Paul”, sagte er. „Sie treffen keinen Büffel mehr auf tausend Schritt — aber wenn sie einen Ball fünfzig Meter weit schleudern, sind sie gewaltig stolz. Was hätten wir wohl mit solchen Dingern gegen die Kaffern ausrichten sollen?”

„Mit den Kaffern ist es sowieso zu Ende, Jan”, meinte Krüger, und man konnte nicht recht erkennen, ob er sich darüber freute, oder ob er es bedauerte.

„Dafür gibt es jetzt Engländer — die sind genau so lästig. Bei uns in Nilstrom fangen sie auch schon an, nach Gold zu suchen.”

„Und für die Engländer sind jetzt die Buren das, was für euch früher die Kaffern waren”, warf Krügers Schwiegersohn Koop dazwischen, der rauchend an der Brüstung der Veranda lehnte.

„Wie meinst du das?” fragte Krüger mißtrauisch. „Na, sie halten uns eben für rückständig, für einen Hemmschuh an der Entwicklung Südafrikas. Und das vielleicht nicht ganz mit Unrecht.”

„So?” fragte der Präsident. „Und wer war es denn, der Afrika erobert hat? Wem verdankt ihr es denn, daß ihr hier Tennis spielen könnt oder Dividende von Goldminenaktien bezieht?”

„Natürlich, ich weiß!” Koop zuckte ungeduldig die Achseln. „Aber ich kann mir auch vorstellen, wie ein Mann wie Cecil Rhodes denkt. Er sagt sich: Fortschritt und Entwicklung gibt es nur bei England. Wo die Buren sitzen, ist es mit dem Fortschritt aus. Und die Buren vermehren sich immer weiter, bald werden sie ganz Südafrika besetzt haben. Man muß ihnen einen Riegel vorschieben. Die Engländer haben nun zwar nicht so viele Kinder wie die Buren, aber dafür haben sie Geld. Und deshalb hat Rhodes Matabeleland von Lobengula gekauft, bevor wir es besiedeln konnten.”

Krüger nahm seine Pfeife aus dem Mund und sah seinen Schwiegersohn kopfschüttelnd an. „Eins scheinst du ja von deinem Rhodes gelernt zu haben”, meinte er endlich. „Daß nämlich Geld verdienen leichter ist als Kinder kriegen. — Jetzt geh lieber Ball spielen und misch dich nicht hinein, wenn alte Leute reden.”

Als Koop gegangen war, sah ihm der alte Grobler nachdenklich nach. „In einem hat der Junge recht”, sagte er langsam. „Manche Engländer glauben wirklich, uns wie die Kaffern behandeln zu können.”

„Das weiß ich, Jan. Und viele von den jüngeren Abgeordneten denken, daß ich selber daran schuld bin. Sie sagen: Warum sperrt Ihr Euch auch so eigensinnig gegen die neue Zeit, Präsident? Warum sollen die Engländer nicht so viele Eisenbahnen in Transvaal bauen, wie sie wollen? Und warum wehren wir uns gegen den Zollverein? — Aber ich sage dir, diese Multimillionäre nehmen gleich die ganze Hand, sowie man ihnen nur den kleinen Finger reicht. Siehst du, Transvaal ist heute noch ein schwaches, kleines Land, und darum müssen wir gut achtgeben, daß uns die großen Nachbarn nicht schlucken. Seit dem verfluchten Tage, da man das Gold bei uns gefunden hat, blickt die ganze Welt auf unseren armen, dürren Boden. Nun, das Gold ist einmal da, der liebe Gott wird es ja wohl nicht umsonst in die Reefs am Witwatersrand getan haben. Das Schlimme dabei ist nur, daß wir selber vorläufig viel zu arm und zu schwach sind, um diesen Schatz aus eigener Kraft zu heben. — Wer Geld verdienen will, muß erst einmal Geld haben, so ist das heute, Jan. Das nennt man, glaube ich, Kapitalwirtschaft.”

„Dann hätten wir das Gold lieber in der Erde lassen sollen”, meinte Grobler.

Aber Krüger schüttelte den Kopf. „Du kannst mir glauben, ich habe damals lange darüber nachgedacht. Aber es ging nicht. Wenn wir uns gesträubt hätten — sie hätten es uns eines Tages doch mit Gewalt aus den Zähnen gerissen. Darum mußte ich einen anderen Weg wählen. Ich habe die Uitländers ins Land gelassen, damit sie uns mit ihrem Kapital den Boden erschließen. Sollen sie reich werden dabei. In unseren Felsen liegt Gold für viele hundert Jahre, und mit der Zeit werden wir selber so stark werden, daß wir unsere Bodenschätze ohne fremde Hilfe ausbeuten können. — Siehst du, die Uitländers zahlen Steuern und Abgaben. Sie holen Waren ins Land und machen es uns möglich, Fabriken für Dinge zu bauen, von denen wir früher nicht einmal die Namen kannten. Ich bin nicht gegen den Fortschritt, wenn er unserem Volk zugute kommt, und wenn alles hübsch langsam vonstatten geht. — Auch die Eisenbahn ist eine schöne Sache. Aber ich habe immer gesagt: Erst will ich eine Bahn haben, über die wir zu bestimmen haben, nämlich die Strecke nach der Delagoa-Bay. Jetzt, wo diese Bahn bald fertig ist, sollen meinetwegen auch die Engländer bauen. Ich muß den Kapitalisten, wenn es nötig ist, mit der Konkurrenz drohen können. Das ist wie bei einem Steppenbrand, Jan. Sobald du imstande bist, ein Gegenfeuer zu entzünden, ist alles halb so schlimm.”

Er schwieg einen Augenblick und sah nachdenklich vor sich hin. Dann fuhr er fort, während er seine Hand vertraulich um Groblers Schulter legte:

„Wenn es nach mir und dir ginge, brauchte es kein Kapital und keine Eisenbahnen und keine Fabriken zu geben. Aber wir sind es ja nicht, die die Welt regieren. Das Gold ist wie das Feuer: Es kann Gutes wirken und Böses, je nachdem. Transvaal wird eines Tages reich und stark sein, es soll eine gute Armee haben und ein paar tausend junge Männer, die es in jeder Beziehung mit den Uitländers aufnehmen können. Aber wenn wir das erreichen wollen, müssen wir sehr vorsichtig zu Werke gehen. — Vorläufig ist Transvaal wie ein hilfloses, kleines Kind, das die Räuber in ihre Höhle verschleppt haben. Es hat keine andere Wahl, als stillzuhalten und zu wachsen, bis es eines Tages stark genug ist, seine Peiniger an die Luft zu setzen.”

„Und Ihr glaubt, daß es niemals Frieden zwischen uns und ihnen geben wird?” fragte Grobler leise.

„Niemals, es sei denn, daß sie uns fürchten lernen!” Krüger hatte die Fäuste auf seinen Knien geballt, und seine Augen, die er meist halb geschlossen hielt, öffneten sich zu einem harten Leuchten. „Denn diese Millionäre sind wie die Aasgeier, die am liebsten noch mehr verschlingen möchten, als sie verdauen können! — Weißt du, wie sie es machen? — Erst besitzen sie nur ein Pfund, und das stecken sie irgendwo hinein. Dann tun sie jahrelang nichts als herumgehen und spionieren. Und auf einmal ist aus dem einen kleinen Pfund eine Million geworden, und sie erklären: Das alles ringsherum gehört mir!”

„Das ist unrecht Gut, Ohm”, bestätigte Grobler. „Eine Kuh hat jedes Jahr ein Kalb, und eine Frau ein Kind; wenn Gott es gnädig mit uns meint, sind es vielleicht auch zwei. Aber wie sich diese Vermögen vermehren ...” Er schwieg und schüttelte den Kopf.

„In Europa gibt es viele Millionäre”, fuhr Krüger fort, „da kann ein einzelner nicht viel Unheil anrichten. Aber hier in Afrika, wo die wohlhabenden Leute selten sind, bedeuten Männer wie Rhodes, Beit und Barnato eine furchtbare Gefahr. Sieh dir diesen Rhodes an. Ein kranker Mann, der nicht einmal Kinder hat. Es heißt, er sollte sogar einmal Geistlicher werden. Und heute kauft er ganze Länder zusammen. Dabei kann er wahrscheinlich nicht mal ein Gewehr richtig in die Hand nehmen und einen Springbock schießen. Er hat mir mal erzählt, wie er einem Löwen begegnet ist — das einzige Mal in seinem Leben übrigens. Er war irgendwo unterwegs, um Gold oder Diamanten zu suchen, und wohnte im Zelt. Morgens steht er auf und geht im Schlafanzug ein bißchen auf dem Veit spazieren ...”

„Im Schlafanzug spazieren?” fragte Grobler entgeistert.

„Ja. Ich weiß auch nicht, wie er auf den Gedanken kam. Auf einmal brüllte irgendwo ein Löwe. Da flüchtete er, so rasch ihn seine kurzen Beine tragen konnten. Unterwegs riß ihm der Gürtel, und er kam ohne Hosen bei seinem Zelt an.”

Grobler wollte sich ausschütten vor Lachen und schlug sich vor Begeisterung auf die Schenkel.

„Nein, diese Engländer!” keuchte er. „Das sind Leute. Der hätte dabeisein müssen, als wir jung waren!”

Eine Weile sprachen sie von ihren Jagdabenteuern. Sie hatten zusammen manches Rhinozeros und manchen Löwen erlegt, und das zu einer Zeit, als die Gewehre noch längst nicht so zuverlässig und leicht zu handhaben waren wie heutzutage. Grobler war dabeigewesen, als Krüger mitsamt einem Büffel, den er verfolgte, in ein Wasserloch stürzte und nur deshalb mit dem Leben davonkam, weil es ihm dank seiner gewaltigen Körperkraft gelungen war, den Schädel des Bullen so lange unter Wasser zu halten, bis das Tier ertrank.

Aber die Löwen und die Büffel werden immer seltener bei uns”, meinte endlich Grobler, nachdem ausgiebig in ihren Erinnerungen geschwelgt hatten „Und das ist nicht gut. Denn dafür ist viel unzuverlässiges Volk ins Land gekommen. Transvaal ist längst nicht mehr dasselbe Land, das die Vortrecker vor fünfzig Jahren fanden. — Wir wollen wieder trecken, meine Kinder und ich!”

„Mit Abendorff?”

„Ja. Ihr wißt, Abendorff ist ein Vetter meiner Frau. Die Konzession, die er in Maschonaland bekommen hat, ist gut. Die Häuptlinge da oben sind froh, wenn wir sie vor den Engländern und Lobengula in Schutz nehmen.”

„Aber das Klima in Maschonaland ist gefährlich für Menschen und Vieh. Die Hochflächen weiter westlich, in Matabeleland, sind gesünder.”

Grobler zuckte die Achseln. „Dahin ist uns der Weg verschlossen. Rhodes hat Lobengula in der Tasche. Ihr wißt ja so gut wie ich, warum mein Sohn Piet hat sterben müssen?”

Krüger nickte schweigend. Der Tod Piet Groblers war ein Ereignis, an das niemand in Südafrika gerne rührte. Die Engländer nicht, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten, und die Buren nicht, weil sie keine Verstimmung mit ihren britischen Nachbarn aufkommen lassen wollten, und weil ihnen die letzten Beweise für die Schuld Englands fehlten. Vor drei Jahren, als sich die ersten Anzeichen von Cecil Rhodes' Geschäftigkeit am Hofe Lobengulas bemerkbar machten, hatte Krüger den ältesten Sohn Groblers nach Buluwayo geschickt, um Lobengula einen Protektoratsvertrag mit der Transvaal-Republik anzubieten. Der Matabelekönig schien nicht abgeneigt, sich unter den Schutz der Buren zu stellen, bat aber um einige Tage Bedenkzeit. Piet Grobler sah voraus, daß die Verhandlungen sich in die Länge ziehen würden, und reiste noch einmal nach Süden, um seine Frau und seine Kinder zu holen. Auf dem Wege aber wurde er von Schwarzen, die britische Untertanen waren und aus dem Betschuana-Protektorat stammten, ohne jeden Grund überfallen und ermordet. Alle Umstände deuteten auf eine Intrige Englands oder Cecil Rhodes' hin, und die Kapkolonie erklärte sich auch sofort bereit, der Familie Groblers ein Schmerzensgeld zu zahlen. Die durch den Tod Piet Groblers verursachte Unterbrechung der Verhandlungen aber hatte Rhodes geschickt benutzt, um sich von Lobengula eine Art Vorkaufsrecht geben zu lassen.

„Macht Euch keine Sorge, Ohm”, sagte Grobler nach einer langen Pause. „Wir werden auch in Maschonaland leben können. Mit dem Wetter und mit der Natur sind wir immer fertig geworden — denn die sind von Gott. Aber mit den Engländern... Ich will nicht, daß meine Kinder und Enkel verdorben werden. Sie sollen aufwachsen wie wir.”

„Ich wünsche dir Glück für den Treck, Jan”, erwiderte Krüger. „Wenn ich jünger wäre und mein Amt nicht hätte — wahrhaftig, ich glaube, ich würde mit euch kommen. Manchmal war ich schon soweit, daß ich daran gedacht habe, alle Buren von Transvaal aufzurufen und mit ihnen weiter nach Norden zu trecken. Aber einmal muß das Wandern ein Ende haben, Jan. Aus der Kapkolonie sind wir nach Natal gezogen, von Natal über den Oranje und von da weiter über den Vaal, immer vor den Engländern her. Hier werden wir bleiben, so oder so. Und wenn es zum Schlimmsten kommt, werden wir uns stellen.”

Er erhob sich, um ins Haus zu gehen. Die Sonne war verschwunden, und ein kalter Wind, der gelbe Staubwolken vor sich herwehte, strich über den großen Marktplatz.

„Wir sehen uns noch in Nilstrom, wenn ich um Weihnachten meine Rundreise mache”, sagte der Präsident. „Ich werde dabeisein, wenn ihr über den Limpopo treckt.”

Am nächsten Morgen erschien der britische Konsul bei Krüger, um ihm im Auftrage Sir Henry Lochs den Swaziland-Vertrag zu übergeben.

Als der Präsident das Schriftstück gelesen hatte, nahm er schweigend die schwere, eisenbeschlagene Hausbibel vom Wandbord und ging in sein Arbeitszimmer. Er verschloß die Tür hinter sich und antwortete auf kein Klopfen und keine Frage. Seine Frau und seine Kinder hörten, wie er mit lauter Stimme die Klage Hiobs las.

Am Nachmittag ging er in den Volksraad. Sein Gang war aufrecht und elastisch wie immer, und doch erkannte jeder sofort, daß mit dem Präsidenten eine Veränderung vor sich gegangen war. Seine Wangen erschienen fleischloser, die grauen Augen unter den starken Brauen loderten stärker, und der große Mund zeigte eine harte Entschlossenheit.

Mit dürren Worten teilte Krüger dem Volksraad den Inhalt der britischen Vorschläge mit. Mit einer endgültigen Annexion des Swazilandes durch die Republik war England zur Zeit noch nicht einverstanden, die gemeinsame Verwaltung sollte vorläufig noch bestehen bleiben. Der Bau einer Bahn durch Tongaland an die Küste wurde der Republik gestattet, jedoch sollte Tongaland zunächst unter britischer Territorialhoheit bleiben. „Man gewährt uns also einen Zugang zum Meer, aber unter Bedingungen, die das Angebot für uns wertlos machen. Denn Großbritannien könnte uns jederzeit auf rechtmäßige Weise vom Ozean absperren”, sagte er. Und ohne auf die Zwischenrufe zu achten, fuhr er fort:

„Aber das ist noch nicht alles. Denn selbst diese ganz und gar unbefriedigende Lösung macht England noch von gewissen Bedingungen abhängig. Die Republik soll dem südafrikanischen Zollverein beitreten und für alle Zukunft feierlich auf eine weitere Ausdehnung nach Norden verzichten. Wenn wir diese Vorschläge — besser gesagt: dieses Ultimatum — nicht annehmen, werden britische Truppen innerhalb vier Wochen Swaziland besetzen. Damit aber wäre jede Hoffnung, daß die Republik noch einmal den ersehnten Zugang zum Meer erhält, hinfällig geworden. Ich bitte daher den Volksraad, das Ultimatum, so demütigend es auch sein mag, anzunehmen. Denn es kann einmal die Zeit kommen, da unsere Freiheit und unser Leben davon abhängen werden, ob wir über einen Hafen am Indischen Ozean Hilfe erhalten können oder nicht.”

Die Opposition war heftig. Vor allem die Vertreter der nördlichen Distrikte, deren Interesse an der Abendorff-Konzession natürlich besonders groß war, sträubten sich gegen den Vertrag. Denn daß die Republik im Falle der Annahme den geplanten Treck nach Norden verbieten mußte, unterlag keinem Zweifel. Aber Krügers eiserner Wille brach jeden Widerstand. Immer wieder wies er auf die strategische Bedeutung des Swazilandes hin und erklärte, eine spätere Annexion des angrenzenden Tongalandes mit dem dazugehörigen Küstenstreifen läge durchaus im Bereich des Möglichen, besonders, da in London bald ein liberales Kabinett ans Ruder kommen würde.

Schließlich nahm der Volksraad mit geringer Mehrheit das britische Ultimatum an. Nur der Beitritt zum südafrikanischen Zollverein wurde zunächst hinausgeschoben. Denn Krüger selbst hatte erklärt: Ohne Zugang zum Meer keine Zollunion.

Wenige Tage nach Unterfertigung des Vertrages rückten britische Truppen überraschend in Tongaland ein. Damit waren alle Hoffnungen, die sich die Transvaal-Republik auf eine künftige Annexion dieses Küstenlandes gemacht hatte, zerstört. Rhodes und Loch aber hatten erreicht, was sie wollten. Krüger hatte, fasziniert von der Möglichkeit eines Zugangs zum Meer, den Norden aufgegeben. Sobald sie den Vertrag in der Tasche hatten, zogen die Engländer den ausgeworfenen Köder zurück.

Nach und nach verließen die Volksraad-Abgeordneten die Hauptstadt. Wenn ihre langen, Planen-gespannten Wagen am Hause des Präsidenten vorüberfuhren, schwenkten sie grüßend ihre Hüte und knallten mit den Peitschen. Krüger winkte zurück, aber er lächelte nicht mehr. Er war in diesen Tagen ein anderer geworden, und zum erstenmal sah man ihm seine fünfundsechzig Jahre an. Er hatte jetzt seinen Todfeind erkannt: Cecil Rhodes, hinter dem das ganze britische Empire und das Kapital der halben Welt standen. Hinter ihm aber standen nur seine zwanzigtausend Buren mit ihren guten Gewehren.

Dodi Krüger glaubte unerschütterlich daran, daß Gott immer die Partei dessen nehmen würde, der die gerechte Sache vertrat. Deshalb hatte er darauf zu achten, daß die Sache seines Volkes stets makellos blieb. Er wollte alles tun, um den Kampf, der vielleicht eines Tages kommen mußte, zu vermeiden. Gleichzeitig mußte er jedoch hart und wachsam bleiben und durfte in Zukunft keinen Fußbreit mehr zurückweichen. Denn Gott half zwar den Gerechten, aber nur dann, wenn sie bereit waren, sich selbst zu helfen.