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Zweites Kapitel

Der Pförtner vom Queen's Club in Kimberley machte große Augen.

„Mein Gott, Doktor! Ich hätte Sie fast nicht wiedererkannt. — Sie sehen schlecht aus.”

Jameson warf seinen Hut auf den Garderobentisch und strich sich über die hohe, schweißnasse Stirn. „Nichts besonderes, Tom. Nur ein bißchen Fieber.” Dabei fühlte er sich hundsmiserabel und vermied es ängstlich, in den großen Spiegel zu blicken.

„Sie sind länger als ein halbes Jahr nicht hier gewesen. Sie sollen mit Mr. Harris eine Jagdexpedition in den Norden gemacht haben, heißt es. — Wie war's? Haben Sie viel erbeutet?”

„O ja”, erwiderte Dr. Jameson geistesabwesend. „Einen dicken König habe ich erbeutet.”

Der Pförtner verzog sein rotes Beefsteak-Gesicht zu einem verständnisvollen Grinsen. „Ach so! Da oben kann man wohl noch die Zulus zusammenknallen wie hier die Springböcke — was? Und auf einen dicken König läßt sich natürlich leichter zielen als auf einen mageren Sklaven...”

Toms lautes Lachen dröhnte noch schmerzhaft in Jamesons Kopf, als er durch die dicke Portiere in die Halle trat. Rasch wand er sich zwischen den Tischen, Zeitungsständern und Klubsesseln hindurch und steuerte auf einen abgelegenen Winkel los. Er hoffte, daß ihn niemand von den Anwesenden erkennen würde.

„Hallo, Doc! — Sind Sie erblindet? — Oder rieche ich schon so sehr nach Unglück und Pleite, daß man mir aus dem Wege geht? Aber meine Arztrechnung kann ich immer noch bezahlen, falls ich es zufällig vergessen haben sollte...”

„Tag, Lobs”, sagte Jameson und bemühte sich, den Makler freundlich anzulächeln. „Ich habe weder gewußt, daß Sie pleite sind, noch waren Sie jemals mein Patient. Sie sind doch gesünder als ich.”

Lobs strich sich langsam über das Gesicht. Es sah aus, als wolle er die tiefen Falten nachziehen, die ihm im Bogen von der Nasenwurzel zum Kinn liefen. Sie gaben dem Makler ein ungewöhnlich trauriges Aussehen, und nur die Goldzähne, die zahlreich seinen großen Mund zierten, belebten ein wenig dieses düstere Gemälde von Kummer und Pessimismus. Lobs wirkte schon äußerlich wie der geborene Baissespekulant.

„In diesem verdammten Kimberley ist nichts mehr los”, sagte er. „De Beer's halten den Diamantenmarkt fest in der Hand, für uns arme Makler ist nicht mehr viel zu verdienen. — Ach, Doc, was waren das noch für Zeiten, als jeder soviel im Sande buddeln durfte, wie er Lust hatte. Und wie schön war es, wenn man so einen blutigen Anfänger tüchtig einseifen konnte. Aber jetzt haben Rhodes und seine Hofjuden Barnato und Beit alle Außenseiter abgewürgt. — Na, ich will nichts sagen, Sie sind ja mit dem Chief dick befreundet”, setzte er rasch hinzu als er ein Stirnrunzeln Jamesons bemerkte. Wenn Sie Ihre Praxis hier wieder aufnehmen, werden Sie lauter Hypochonder und Selbstmordkandidaten zu kurieren haben, Doc.”

„Ich hänge den Arzt an den Nagel.”

„Wirklich? Dann ist es also wahr, daß Sie jetzt für den Chief arbeiten? Man erzählt sich ja Wunderdinge von den Schätzen, die Rhodes sich in Matabeleland gesichert hat. Sie kommen doch von da oben, Doc. Stimmt es? Liegt da das Geld wirklich auf der Straße?”

„Wenn es schon so etwas wie eine Straße gäbe — dann sicher”, bestätigte Jameson. Es konnte nicht schaden, wenn die Börse schon jetzt eine kleine Spritze erhielt. Rhodes und seine Gesellschaften konnten eine Hausse wahrhaftig gebrauchen, denn die Chartered Company, die Wahl des Chiefs zum Ministerpräsidenten, die kommende Expedition in das Neuland im Norden — alles hatte viel Geld verschlungen und würde wohl noch mehr verschlingen.

„So, so”, meinte der Makler nachdenklich, „dann wird es also einen großen Boom geben. — Schade, ich hatte mich eigentlich auf Baisse eingestellt, das liegt mir mehr. Und in Johannesburg soll es augenblicklich auch verdammt sauer riechen. Na, egal. Wenn Sie es sagen, wird es ja wohl stimmen. Jedenfalls vielen Dank für den Tip.”

„Ich habe gewaltige Goldbergwerke gesehen, die schon vor Jahrtausenden ausgebeutet wurden. Lobs, das ist wahrhaftig das langgesuchte Land Ophir, das Land der Königin von Saba, aus dem Salomo seine Schätze bezog.” Jameson fühlte, wie eine neue heiße Fieberwelle ihn überlief. Er dachte jetzt gar nicht mehr an den Makler und an die Börse, die es aufzupulvern galt. Er war ganz berauscht von den Dingen, die er in Matabeleland und in Maschonaland gesehen und geleistet hatte. Was war dagegen Johannesburg? Und er, Jameson, war der Pionier, der das alles für Rhodes gerettet hatte. „Ich gebe meine Praxis auf, Lobs”, sagte er und packte den Makler am Arm. „Aber in gewissem Sinne werde ich erst jetzt ein richtiger Arzt. Der Arzt des britischen Empire! Ich sage Ihnen, noch nie hat ein Patient ein so fürstliches Honorar gezahlt wie König Lobengula. Das Land Ophir, die Schätze der Königin von Saba für eine Morphiumspritze.”

„Na, na, Doc!” meinte der Makler und sah Jameson besorgt in die fiebrig glänzenden Augen. „Sie sollten sich vor allen Dingen mal selbst schleunigst in Behandlung nehmen, Sie sehen furchtbar klapprig aus. In den Goldgruben der Königin von Saba scheint die Malaria zu herrschen. Hoffentlich ist das nicht das einzige, was uns die alte Dame übriggelassen hat.”

Jameson zuckte ungeduldig die Achseln. „Sie werden es ja sehen”, sagte er und wandte sich ab.

Er war froh, als er endlich sicher in dem breiten, weichen Sessel saß und Lobs gegangen war. Er bestellte kalten Kaffee mit Rum. Aber als der Diener das Getränk gebracht hatte, rührte er es nicht an. Er streckte die Beine weit von sich und legte den Kopf in den Nacken. Gleich würde Rhodes kommen, dem er einen genauen Bericht von seiner Reise ins Matabeleland und zu König Lobengula geben sollte.

Jameson versuchte, Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Aber es gelang ihm nicht. Er hörte sein Blut rauschen wie einen Katarakt — oder nein, es klang eigentlich mehr wie Trommelwirbel. Ja, das waren die Kriegstrommeln, die einen ganzen Tag lang im Kraal Lobengulas gedröhnt hatten. Zehntausend Krieger umgaben ihn wie eine Mauer, die Affenfelle und Straußenfedern an ihren nackten Leibern wippten im Rhythmus der stampfenden Füße auf und nieder. Jameson wußte, daß er durch diesen Wall aus schwarzem, stinkendem Fleisch hindurch mußte, denn eine Stimme — es war die Stimme des Chiefs — rief herrisch seinen Namen. Verzweifelt warf er sich in das Gewühl der Tänzer, aber immer wieder wurde er zurückgeschleudert wie von einer Wand aus Kautschuk. Auf einmal verwandelten sich die tausend zuckenden Leiber in eine einzige, schwarzglänzende, ungeheuer dicke Schlange. Aber natürlich war das keine richtige Schlange, sondern nur der Arm des fetten Königs Lobengula. Jameson wußte, was er zu tun hatte. Er ergriff seine Morphiumspritze und stach in den Arm, der an eine prall gestopfte Blutwurst erinnerte. Immer wieder, wie in wilder Raserei, trieb er das blitzende Instrument in das zuckende Fleisch. Plötzlich schrumpfte Lobengula bis auf die natürlichen Maße eines Menschen zusammen. Und nun war es auch gar nicht mehr der Matabele-König, sondern Rhodes, der Chief! Er trug das Federkleid Lobengulas und seinen langen Speer. Gleich würde er ihn werfen, und Jameson wußte, was das zu bedeuten hatte. Wie es die Herrscher Afrikas seit Jahrtausenden zu tun pflegten, so würde jetzt auch Rhodes die Richtung des nächsten Kriegszuges bekanntgeben. Stumm, in fiebernder Erwartung, standen die zehntausend Krieger, kaum merklich in den Kniegelenken federnd.

Dann flog der Speer. Zischend fuhr er nach Norden und entschwand wie ein Pfeil in der dunstigen Ferne. Jameson und die zehntausend Krieger aber begannen zu laufen. Nach Norden jagten sie, über die Steppe, gerade in einen riesigen Brand hinein. Immer heißer wurde die Luft, immer schwerer und schmerzhafter das Atemholen. Einzelne hohe Bäume reckten ihre von den Flammen kahl gefressenen Äste klagend gen Himmel, Tiere brachen aus dem funkensprühenden Busch hervor und rasten brüllend zwischen den Menschen nach Norden. Jameson fühlte, daß er nahe am Zusammenbrechen war. Aber die Stimme in seinem Rücken, diese unerbittliche Stimme des Chiefs, die Tiere und Menschen vorwärts trieb, war stärker. „Jameson!” klang es, und immer wieder „Jameson!” — wie man einen Hund hetzt.

„Jameson! Doc! Mann, Sie schlafen ja mit offenen Augen! Los, aufwachen!”

Gehorsam riß Jameson sich hoch. Ihm gegenüber im Stuhl saß Cecil Rhodes. Salopp gekleidet wie immer, und natürlich ohne den schwarzen Abendanzug, den man im Queen's Club zu tragen pflegte, seit Kimberley eine Stadt der feinen Leute geworden war.

„Sie sehen gut aus, lieber Doktor. Ein bißchen magerer allerdings, aber das steht Ihnen. Sie wirken gar nicht mehr wie ein studierter Mann, eher wie ein Löwenjäger.”

Jameson fühlte, daß das Fieber ihn verließ. Wie durch Zauberei hatte er plötzlich seinen klaren Kopf wiedergewonnen. Das machte die Gegenwart Rhodes', von dem wahre Energieströme ausgingen. „Fein, daß wir uns endlich mal wiedersehen, Chief!” sagte Jameson in einer Aufwallung von Herzlichkeit und doch zugleich scheu. „Soll ich gleich berichten?”

Rhodes blickte seinen Mitarbeiter prüfend an. Jamesons Schädel, der schon immer viel zu groß für den zarten Körper gewesen war, wirkte womöglich noch mächtiger als sonst, und der dünne, blonde Haarkranz war im letzten Jahr wieder spärlicher geworden. Zwischen entzündeten Lidern glänzten die Augen mit unnatürlich geweiteten Pupillen. Der Mann ist am Ende seiner Kraft und weiß es nicht einmal, dachte Rhodes. Er ist wie ein gut dressierter Rassehund, er wird gehorsam hetzen und apportieren, bis er tot zusammenbricht.

Noch niemals hatte Rhodes, dem es leicht fiel, Seelen zu fangen, einen Menschen so rasch und so bedingungslos erobert wie den Arzt Leander Starr Jameson. An dem Tag, als er ihm in Kimberley zum erstenmal begegnet war, hatte Jameson die Sache Cecil Rhodes' zu der seinen gemacht. Er hatte seine gutgehende Praxis, die ihm ohne Mühe acht- bis zehntausend Pfund jährlich einbrachte, bedenkenlos aufgegeben und nur noch den einen Wunsch gehabt: ein Werkzeug Rhodes' zu sein. Er war ein Instrument geworden, auf dem es sich meisterlich spielen ließ. Rhodes brauchte nur zu denken — und Jameson handelte.

Der Grund für diese restlose Übereinstimmung war vielleicht darin zu suchen, daß beide Männer ein ähnliches Schicksal hatten. Wie Rhodes war auch Jameson in den siebziger Jahren nach Südafrika gekommen, weil seine angegriffene Lunge das feuchte englische Klima nicht vertragen konnte. Und auch an ihm hatte der neue Kontinent Wunder gewirkt. Jamesons Lungen verheilten, und das Fieber wich. Aber dafür verzehrte nun auch ihn jenes andere, geistige Fieber, das so viele der nach Afrika verschlagenen Europäer zu rastloser, wagehalsiger Tätigkeit trieb und ihre Hirne mit ungeheuren Plänen und Spekulationen erfüllte. Ist es wirklich die unvorstellbare Weite dieses Erdteils, die uns berauscht und von Eroberungen träumen läßt, dachte Rhodes. Oder hetzt uns die heimliche, nur für eine Ungewisse Zeitspanne zurückgedrängte Krankheit und das Wissen um einen frühen Tod von einem Abenteuer ins andere? Jameson verzehrt sich. Ich muß ihn schonen, denn ich werde ihn noch oft brauchen. — Und mit einer besorgten Herzlichkeit, die sonst nicht seine Art war, sagte er:

„Trinken Sie ruhig erst Ihre Mixtur und hören Sie zu. Erst werde ich berichten, ich bin heute frischer als Sie.”

Dann informierte er Jameson kurz über die Ergebnisse seiner Londoner Reise. Es war ihm gelungen, von der britischen Regierung den Freibrief zu erhalten, der ihm, als dem Direktor der neugegründeten Chartered Company, die unumschränkte Gewalt über ein Gebiet in Afrika sicherte, das fast so groß war wie West- und Mitteleuropa zusammengenommen. Er hatte das Recht, dieses Gebiet mit einer eigenen Armee zu erobern, zu kolonisieren und wirtschaftlich auszubeuten.

„Cortez und Pizarro waren stärker gebunden als ich. Ich darf schalten und walten, wie es mir behagt. Die Chartered Company hat sich lediglich verpflichten müssen, das britische Empire später zu ihrem Erben zu machen.”

„Als ob wir jemals etwas anderes beabsichtigt hätten. Afrika muß englisch werden.”

Rhodes nickte. „Das habe ich denen in London auch gesagt — es war mein stärkstes Argument. Und trotzdem war es nicht leicht. Das Komitee zum Schütze der Eingeborenen hat Krach geschlagen, und ich mußte versprechen, daß wir den Negern ihre eigene Kultur lassen. Dann gab es Schwierigkeiten im Parlament. Um die Stimmen der Iren zu erhalten, mußte ich mich für die Homerule-Bill einsetzen. Anderen Abgeordneten pflasterte ich das Gewissen mit De Beer's-Anteilscheinen und Goldminen-Aktien, und ein paar erlauchte Herzöge kamen in den Aufsichtsrat der Chartered Company. Glücklicherweise ist ja jeder Mensch zu kaufen, es kommt nur auf den Preis an. Es liefen auch noch einige Leute in London herum, die behaupteten, ältere Konzessionen von Lobengula und seinen Unterhäuptlingen zu besitzen. Ich habe sie alle geschluckt.”

Jameson nickte trübe. „Davon kann auch ich ein Lied singen. Als ich nach Buluwayo kam, wurde Lobengulas Kraal von Abenteurern aller Rassen und Nationen belagere. Es ging nicht immer ohne einen Scheck ab. — Die Rechnung ist nicht klein, Chief.”

„Das sind unvermeidliche Spesen. Das Matabelegold wird es hundertfach wieder einbringen. Außerdem haben wir jetzt den Freibrief in der Tasche und dazu einen erheblichen Vorsprung. Zeit ist Geld, und Geld haben wir ja. Wichtig ist nur, daß uns Lobengula keine Schwierigkeiten mehr macht.”

„Es war meine Aufgabe, das zu erledigen. Und ich habe es geschafft. Aber leicht ist es wirklich nicht gewesen.”

Jameson berichtete, wie er die Lage vor einigen Monaten in Buluwayo vorgefunden hatte. Es sah damals wahrhaftig so aus, als sei die ganze Konzession, für die Rhodes dem König hundert Pfund monatlich und außerdem tausend gute Gewehre zahlte, keinen Pfennig mehr wert. Lobengula war ausgesprochen schlechter Laune. Erstens, weil seine Häuptlinge ihm vom Morgen bis zum Abend in den Ohren lagen: er solle Regen machen. Und wie konnte er das tun, wenn sein Barometer, das er in einer Ecke seiner Hütte versteckt hielt, beharrlich auf ,Schönwetter' stand? Zweitens aber hatte man ihn vor Rhodes gewarnt und ihm eingeredet, die Weißen hätten es durchaus nicht nur auf Gold und andere Bodenschätze abgesehen, wie es im Vertrag stand, sondern sie wollten Matabeleland mit Waffengewalt erobern und ihn aus seinem Königskraal vertreiben.

Außerdem war auch noch ein Brief des Komitees zum Schütze der Eingeborenen eingetroffen, der in wenig schmeichelhaften Worten von der Chartered Company sprach.

„Zwei Tage vor meiner Ankunft erlitt Lobengula einen Tobsuchtsanfall. Einen seiner Idunas, der sich immer sehr für uns eingesetzt hatte, ließ er mitsamt seiner Familie öffentlich hinrichten. Die Pontoks, in denen unsere Vertreter wohnten, wurden von einer brüllenden, waffenschwingenden Menschenmenge belagert. Der König war fest davon überzeugt, daß man ihn hereingelegt hatte, und daß die ”große, weiße Königin” gar nicht existierte. Das Porträt der Queen, das wir ihm vergangenes Jahr schenkten, hatte er mit dem Gesicht zur Wand gedreht. Die überstandene Aufregung trug ihm natürlich einen schweren Gichtanfall ein. Als ich zu ihm kam, lag er auf seinem Löwenfell und konnte sich nicht rühren. Er schnaufte nur vor Wut durch die Nase.”

Dann erzählte Jameson, wie er den kranken König mit Morphium und russischen Bonbons — die Lobengula für besonders wirksam hielt — gesund gemacht hatte. Er hatte ihm einen Feldstecher und einen hübschen, kleinen Revolver überreicht und in tagelangen Palawern allmählich sein Mißtrauen zerstreut. Zum Glück war eines Tages auch das Barometer gefallen, und Lobengula konnte endlich den ersehnten Regen machen.

„Am Ende kam alles wieder in Ordnung. Lobengula hat sich feierlich verpflichtet, in Zukunft ohne unsere Erlaubnis keine Land- oder Goldkonzessionen mehr zu vergeben. Auch gegen eine bewaffnete Expedition zu den Goldfeldern im Innern seines Landes hat er nichts mehr einzuwenden.”

„Ausgezeichnet, Doktor — das war die Hauptsache.”

„Bevor ich abfuhr, inszenierte ich einen großen Theatercoup. Sie erinnern sich, daß wir uns vom Buckingham-Palast zwei Dutzend Offiziere und Mannschaften der Leibgarde ausgeliehen haben. Die Leute kamen gerade zur richtigen Zeit in Buluwayo an. Ihre Uniformen waren eine Sensation, besonders die Bärenfellmützen. Lobengula und alle Idunas mußten sie aufprobieren. Nur die Brustpanzer gefielen dem König nicht, er meinte, tapfere Krieger hätten keine Eisenplatten nötig. Die Leibgarde spielte mitten im Kraal ein Cricket-Match, und auch ein Pferderennen wurde veranstaltet und ein Totalisator eingerichtet. Natürlich fielen die Idunas fast alle herunter, aber trotzdem konnten wir es so drehen, daß Lobengula mit ,Sieg' herauskam und ein paar Pfund gewann.”

Rhodes lachte. „Sie verstehen es noch besser als mein Kompagnon Barnato — der als Schmierenschauspieler anfing und es bis zum Multimillionär gebracht hat.”

„Sie lachen”, fuhr Jameson fort, „und auch die Zeitungen in London haben sich weidlich über uns lustig gemacht. Aber die Vorstellung hat ihren Zweck voll erfüllt. Lobengula revanchierte sich königlich und veranstaltete einen großen Kriegstanz. Er selbst konnte freilich nicht mittanzen, denn die Gicht plagte ihn schon wieder. Er war sehr traurig, weil er nun auch den Speer nicht werfen konnte, um dem obligaten Kriegszug dieses Jahres seine Richtung zu geben. Natürlich sollte ich ihm eine rettende Spritze geben. Ich tat es auch, nahm aber Wasser statt Morphium. Denn ein Kriegszug in jeder Richtung wäre uns jetzt nur unangenehm. Zum Schluß gab es Ströme von Kaffernbier und eine Sondervorstellung für das ,Komitee zum Schütze der Eingeborenen': die betrunkenen Krieger stürzten sich auf einen lebenden Stier und verspeisten ihn mit Haut und Haaren. — Ich habe nur bedauert, daß die Vorstandsdamen nicht dabei waren.”

Jameson schwieg und lehnte sich in plötzlicher Erschöpfung zurück. Auch Rhodes sah eine Weile stumm vor sich hin. Endlich sagte er:

„Schön, Doktor. Sie sind wohl so freundlich und verfassen über die ganze Angelegenheit einen Bericht für die Chartered Company. Natürlich etwas offizieller, damit wir ihn in die Presse geben können. — Aber erst legen Sie sich ein paar Tage ins Bett. Sie fahren noch heute mit dem Schlafwagen nach Kapstadt. In meinem Hause, in ,Groote Schuur', haben Sie alle Ruhe und Bequemlichkeit, die Sie brauchen. Jetzt nur noch eine Frage...”

Rhodes unterbrach sich und warf einen prüfenden Blick über die Halle. Aber niemand hatte es gewagt, sich in ihrer Nähe niederzulassen. Der Queen's Club war eine Gründung der ,De Beer's Diamanten-Company' und Cecil Rhodes der Direktor dieser Gesellschaft. Das genügte, um alle Besucher in Respekt und gehörigem Abstand zu halten. Trotzdem beugte sich Rhodes über den Tisch und dämpfte die Stimme zu einem Flüstern herab:

„Wie weit erstreckt sich das Herrschaftsgebiet Lobengulas nach Osten?”

Jameson machte eine vage Handbewegung. „Das weiß niemand, nicht einmal er selbst. Die Matabele gehorchen ihm. Von den Maschonastämmen weiter östlich behauptet er das auch, aber in Wirklichkeit denken die gar nicht daran, sich von Lobengula befehlen zu lassen.”

„Das ist schlimm, Jameson.”

„Wieso? Die Goldkonzession, die er uns erteilt hat, erstreckt sich jedenfalls auch auf Maschonaland, bis an die Grenze von Portugiesisch-Ostafrika. Und der Freibrief für die Chartered Company umfaßt ebenfalls das ganze Gebiet. Wir werden uns bei den Schwarzen schon den nötigen Gehorsam verschaffen.”

Rhodes schüttelte heftig den Kopf.

„Es handelt sich nicht um die Schwarzen, Doc. Aber Sie wissen so gut wie ich, daß man eine rechtsgültige Konzession nur über Gebiete vergeben kann, in denen man auch die effektive Gewalt ausübt. Wissen Sie, daß Krügers Buren wieder trecken wollen? Ein Mann namens Abendorff hat eine Konzession für Siedlungsland von einem Maschonahäuptling erhalten. Sie ist älter und wahrscheinlich gültiger als die unsere.”

Jameson fuhr auf.

„Verdammt — das darf auf keinen Fall geschehen. Gerade in Maschonaland wollten wir anfangen. Es ist besser, wenn die Expedition, zu der Lobengula seine Einwilligung gegeben hat, das eigentliche Matabeleland meidet. Ich fürchte, der König wird seine Idunas nicht genügend im Zaum halten können.”

„Was sollen wir tun, Jameson?”

„Die britische Regierung muß Krüger das Trecken verbieten. Wozu hat sie uns den Freibrief gegeben?”

„Darauf läßt sich London nicht ein. Erstens, weil die Chartered eine private Gründung ist — wenigstens offiziell —, und zweitens, weil die Souveränitätsverhältnisse in Maschonaland ganz ungeklärt sind. Sie sagen es ja selbst. Niemals wird sich das Colonial Office unsertwegen in einen Konflikt mit der Transvaal-Republik einlassen. Wir sind es doch, die für Großbritannien die Kastanien aus dem Feuer holen sollen — und nicht etwa umgekehrt.”

„Ja, dann —”, sagte Jameson düster und starrte auf das Tischtuch.

„Nicht England muß das Trecken verbieten, sondern Krüger selbst!” rief Rhodes plötzlich triumphierend, aber mit unterdrückter Stimme, aus. Jameson sah ihn verwundert an:

„Das tut er niemals. Der Londoner Vertrag sichert der Transvaal-Republik das Recht der freien Ausdehnung nach Norden zu. Wie sollen wir Krüger dahin bringen, daß er verzichtet? Er braucht kein Morphium, denn er ist kerngesund. Und die königliche Leibgarde dürfte ihm ebenfalls nicht imponieren— es sei denn, wir ließen gleich ein paar tausend Mann herüberkommen.”

„Nein, nein”, sagte Rhodes, „nur keine militärischen Demonstrationen und diplomatischen Verwicklungen. Wenn die Geschichte der Chartered Company mit einem politischen Skandal beginnt, sind wir geliefert.” Er unterbrach sich und lachte leise auf. „Hat man Ihnen schon einmal erzählt, wie ich Barnay Barnato vor fünf Jahren hereingelegt habe — damals, als wir die Fusion der Kimberley-Gruben und der De Beer's Company zustande brachten?”

Als Jameson ihn nur fragend ansah, lehnte Rhodes sich behaglich zurück und nahm eine neue Zigarette.

„Jahrelang hatten wir uns an der Börse gerauft und beide viel Blut verloren. Schließlich tat ich mich mit Rothschild zusammen, und Barnato als finanziell Schwächerer konnte nicht mehr länger durchhalten. Er erklärte sich grundsätzlich mit der Fusion einverstanden. Nur über die Bedingungen konnten wir uns nicht einigen. Hier im Queen's Club, in dieser Halle, fand die entscheidende Sitzung statt. Wir schacherten achtzehn Stunden ohne Unterbrechung, und Barnato kämpfte wie der Löwe von Juda. Seine Gesellschaft, die Kimberley-Grube, besaß fast gar keine flüssigen Mittel mehr, dafür aber einen riesigen Haufen Diamanten. Dort auf dem Tisch lagen sie, in wochenlanger, mühevoller Arbeit sortiert, fertig zum Versand. Gegen Morgen, als wir alle schon ganz durcheinander waren, erklärte Barnato: Wenn ich seine Vorschläge nicht annehmen wollte, würde er seine Diamanten mit einem Schlage auf den Markt werfen — und dann wäre es mit mir zu Ende. Ich stand auf und sah mir seine Ware an. Die Steine lagen in zwei- bis dreihundert verschiedenen Sortierungen säuberlich nebeneinander. .Glauben Sie', fragte ich ihn, ,daß man mit diesen Diamanten einen Papierkorb füllen kann?' Er sah mich ganz erstaunt an. ,Einer wird nicht reichen — es sind zu viel!' sagte er ganz stolz. — ,Schön, Barnay. Wenn dieser Korb hier Ihre Steine nicht faßt, kaufe ich Ihnen Ihr ganzes Sortiment auf der Stelle zum vollen Marktpreis ab.' Er muß mich wohl für verrückt gehalten haben. ,Ich sage Ihnen, es sind zu viel!' wiederholte er nur. Da fegte ich mit einem einzigen Griff den ganzen Schatz in den Korb — und zum Glück gingen die Steine hinein, es blieb sogar noch etwas Platz. ,So', sagte ich, ,jetzt können Sie drei Wochen lang sortieren, bis Sie Ihre Ware wieder versandfertig haben. Und inzwischen kriege ich Sie klein. Oder wollen Sie die Fusion doch zu meinen Bedingungen akzeptieren?' — Er hat angenommen, es blieb ihm gar nichts anderes übrig.”

Jameson blickte seinen Chef bewundernd an.

„Ich wollte Ihnen damit nur beweisen”, fuhr Rhodes ein wenig selbstgefällig fort, „daß man immer einen guten, überraschenden Trick zur Hand haben muß. Und jetzt weiß ich auch, wie wir Krüger überrumpeln können. Was ihm augenblicklich am meisten am Herzen liegt, ist das Swaziland. Er muß es haben, denn ein paar tausend Buren haben sich dort schon häuslich eingerichtet, und überdies öffnet es der Republik den Weg nach Tongaland und zur Küste. Jetzt wartet er sehnsüchtig auf den Vertrag, den der Gouverneur ihm versprochen hat. Ich werde mit Loch reden. Er soll ihm das Swaziland als Köder hinhalten, aber so hoch, daß er danach schnappen muß und es niemals ganz zwischen die Zähne bekommt. In seiner Not wird er auf alles andere verzichten und den Norden aufgeben.”

Rhodes erhob sich und griff nach seinem Hut.

„Mit Ihrem Urlaub wird es nun doch nichts werden, Doc”, sagte er beiläufig. „Maschonaland brennt mir auf den Nägeln. Sie müssen hier in Kimberley sofort die Expedition zusammenstellen. Spätestens Ende Mai soll sie nach Norden abrücken.”

„Großartig, Chief!” Jameson war ebenfalls aufgestanden. „Ich hätte auch gar keine Lust gehabt, nach Kapstadt zu gehen. Und ich fühle mich schon wieder ganz wohl.”

Dabei mußte er sich mit der Hand an der Sessellehne festhalten, so sehr zitterten ihm die Knie. Er hoffte nur, Rhodes würde es nicht bemerken.