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Erstes Kapitel

Die Männer blickten über den Fluß, der schläfrig und scheinbar ohne Strömung unter den flimmernden Strahlen der Mittagssonne lag.

Das Jahr 1889 hatte eine außergewöhnliche Trockenheit gebracht, und schon seit Monaten war in diesem Teil Südafrikas kein Tropfen Regen mehr gefallen. Der Vaal drohte zwischen seinen sandigen, allzu weit gewordenen Ufern zu versickern. Längst hatte man die Fähren stillgelegt und schaffte Güter und Menschen auf Ochsen- oder Maultierkarren durch die ausgetrockneten Furten nach Transvaal hinüber.

Ich habe mir einen Ort, der ”Vierzehnströme” heißt, wahrhaftig anders vorgestellt”, sagte Sir Henry Loch und betrachtete geringschätzig die wenigen Holzschuppen und Wellblechbaracken, die sich hier, am Endpunkt der Kap-Eisenbahn, auf eine höchst unordentliche Art und Weise angesiedelt hatten und im hohen Büffelgras fast verschwanden. Das also war der Ort, von dem aus der größte Teil des Goldes, das die Erde gegenwärtig produzierte, seine Reise in die Welt antrat. Die Börse in London geriet in fürchterliche Aufregung, sobald auf diesem gottverlassenen Bahnhof einmal ein paar eisenbeschlagene Kisten mehr oder weniger verladen wurden.

Glauben Sie, daß er pünktlich hier sein wird?” fragte Sir Henry.

Cecil Rhodes war bisher mit kurzen, hastigen Schritten vor der Veranda des kleinen Hotels auf und ab gelaufen. Jetzt blieb er mit einem Ruck stehen.

Was weiß ich? Von einem Staatsoberhaupt, das eine krankhafte Abneigung gegen Eisenbahnen hat und es vorzieht, wie zu Methusalems Zeiten in der Kutsche zu reisen, können Sie doch keine Pünktlichkeit verlangen! Schon längst hätte er die Anschlußstrecke von hier nach Johannesburg und Pretoria bauen sollen. Geld ist ja jetzt genug in der Staatskasse ich weiß schließlich am besten, wieviel Transvaal an den Johannesburger Goldminen verdient. Aber nein, er will nicht. Wahrscheinlich hat er Angst, daß ich mit dem ersten Zug nach Pretoria komme und ihn mitsamt seiner ganzen vorsintflutlichen Republik verschlucke.” Er schlug sich vor den Kopf und nahm seine rastlose Wanderung wieder auf. Jetzt wäre die günstigste Zeit, die Eisenbahnbrücke über den Vaal zu bauen. Sobald das Wasser erst wieder steigt, kostet es die dreifache Mühe und doppelt soviel Geld. Sehen Sie, da liegt schon das ganze Material bereit, vor einem Jahr habe ich es herschaffen lassen. Wenn es noch lange da liegt, wird es verrosten.” Er entzündete eine Zigarette. Dann fügte er, plötzlich wieder ganz ruhig und mit einer harten Entschlossenheit in der Stimme, hinzu: Krüger muß bauen. Heute bekomme ich ihn so weit.” Seien Sie vorsichtig”, meinte Sir Henry, dem auf einmal unbehaglich zumute wurde. Sie wissen, wir müssen heute die Swazilandfrage unter Dach bringen. Die Eisenbahn ist für Krüger das rote Tuch. Wenn Sie ihn reizen, erschweren Sie mir nur das Verhandeln.”

Schenken Sie ihm doch sein Swaziland. Mir ist nichts daran gelegen.”

Sir Henry hätte fast erwidert: Ihnen vielleicht nicht aber um so mehr der britischen Regierung, die ich zu vertreten habe. — Aber er schwieg.

Seit er vor zwei Monaten nach Südafrika gekommen war, hatte er sich manchmal ernsthaft gefragt, ob er nun eigentlich der Statthalter der Königin Viktoria oder der des Herrn Cecil Rhodes war. Auf alle Fälle war es Rhodes, dem er die zweifelhafte Ehre seiner Berufung zum Gouverneur der Kapkolonie und zum Statthalter von Südafrika zu verdanken hatte. Zwanzig Jahre lang hatte Sir Henry friedlich auf der Ile of Man gesessen, seine Pension verzehrt und Briefmarken gesammelt. Dann war eines Tages Rhodes in England aufgetaucht und hatte vor der Presse erklärt, Südafrika brauche unbedingt einen neuen Statthalter, der ein starker Mann sein müsse. Und dieser starke Mann sei niemand anders als Sir Henry Loch. Die Mitteilung hatte Sir Henry einigermaßen verblüfft. Aber bevor er sich noch von seinem Erstaunen erholen konnte, wurde seine Ernennung auch schon im Staatsanzeiger veröffentlicht. Und gehorsam hatte er seine Koffer gepackt, die wertvollen Briefmarkensammlungen im Safe seiner Bank deponiert und war nach Kapstadt abgereist.

Nur zu bald war ihm klar geworden, daß Südafrika allerdings einen starken Mann brauchte, aber daß es ihn in Mr. Rhodes bereits besaß. Er, Sir Henry, war nur ein Strohmann für den Herrn der Goldminen und Diamantfelder, für den ungekrönten Kaiser von Afrika. Ein wenig bitter war diese Erkenntnis ja. Aber wenn sogar das Colonial Office in London tat, was Rhodes verlangte, wenn es ihm, ohne mit der Wimper zu zucken, ein Stück Land, fast so groß wie Europa, in Zentralafrika schenkten ein Gebiet übrigens, über das das Kolonialamt im Grunde gar nicht zu verfügen hatte, nun, dann brauchte auch ein Mr. Loch sich nicht groß zu erregen. In wenigen Tagen würde Rhodes auch noch Premierminister der Kapkolonie sein. Dann hielt er alle Fäden in der Hand, und für den Statthalter blieb sowieso nicht mehr viel zu tun.

Sir Henry seufzte hörbar. Wenn nur diese lästigen Verhandlungen mit den Burenrepubliken, besonders mit Transvaal, nicht wären. Es war die wichtigste Aufgabe des Statthalters, hier zu vermitteln und dafür zu sorgen, daß die ununterbrochenen Reibereien zwischen der Kapkolonie und den Freistaaten, die schon so viel Staub aufgewirbelt hatten, endlich aufhörten.

Südafrika bildete nun schon seit Jahrzehnten den wunden Punkt der Empirepolitik. Die Bemühungen Londons, den ganzen südlichen Teil des schwarzen Kontinents unter britischer Führung zu vereinigen, scheiterten immer von neuem am Widerstand der eingesessenen holländisch - burischen Bevölkerung. Zwar war es gelungen, wenigstens in der Kapkolonie und im benachbarten Natal einigermaßen stabile Zustände zu schaffen, indem man auch dem nichtbritischen Element ein Mitbestimmungsrecht in innerpolitischen Angelegenheiten eingeräumt hatte. Der Versuch jedoch, auch die beiden Burenrepubliken im Innern des Kontinents den Oranje-Freistaat und Transvaal — in den britischen Herrschaftsbereich einzubeziehen, war kläglich gescheitert. Dem Oranje-Freistaat hatte England schon um die Mitte des Jahrhunderts seine Selbständigkeit zurückgeben müssen, und die britischen Truppen, die im Jahre 1877 durch einen Handstreich die Transvaal-Republik besetzt hatten, waren von den Buren vier Jahre darauf nach blutigen Kämpfen über die Grenze zurückgejagt worden.

In London hatte man sich freilich mit dieser Demütigung niemals recht abfinden können, und seit vollends vor einigen Jahren der Goldreichtum Transvaals entdeckt worden war, mehrten sich die Stimmen, die eine erneute Annexion der Burenstaaten forderten. Die Buren ihrerseits, und in erster Linie Paul Krüger, hatten ihr Mißtrauen und ihren Haß gegen Großbritannien niemals aufgegeben und verschlossen sich eigensinnig jeder politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit.

Zu diesen Schwierigkeiten gesellte sich der Streit um die wenigen freien Negergebiete, die es noch in Südafrika gab. Durch kluge Verträge war es der britischen Regierung zwar gelungen, eine weitere Ausdehnung der Burenstaaten nach Westen, Osten und Süden für die Zukunft zu verhindern. Über die weiten Gebiete im Norden Transvaals jedoch, die von den Matabele und Maschonas bewohnt wurden und unter der Herrschaft König Lobengulas standen, waren keinerlei bindende Abmachungen getroffen worden. Hier im Norden, zwischen den Flüssen Limpopo und Sambesi, war es, wo Cecil Rhodes sich kürzlich von Lobengula eine Konzession erwirkt hatte; und er hatte mit Unterstützung der britischen Regierung seine Chartered Company gegründet, die das Neuland nach Gold und anderen Metallen durchsuchen, gleichzeitig aber daran zweifelte niemand in Südafrika — eine spätere Annexion durch Großbritannien vorbereiten sollte. Jedoch auch die Transvaal-Buren erhoben Ansprüche auf Matabele- und Maschonaland, da sie dringend neue Siedlungsgebiete brauchten. Hier zog sich ein Gewitter zusammen, und der Streit um den Norden konnte nur zu leicht katastrophale Formen annehmen, da zwei so grundverschiedene Charaktere wie Paul Krüger und Cecil Rhodes einander gegenüberstanden.

London aber wollte keine Katastrophen. Die Instruktionen, die man Sir Henry Loch im Colonial Office erteilt hatte, lauteten dahin, die Interessen des Empire zwar wahrzunehmen, offene Konflikte mit den Burenrepubliken aber unter allen Umständen zu vermeiden. Er sollte die Rolle des unvoreingenommenen Vermittlers spielen und die Gegensätze so lange in der Schwebe halten, bis die weltpolitische Situation der britischen Regierung ein schärferes Zupacken in Südafrika gestattete.

Aber wie sollte er zwei Männer wie Cecil Rhodes und Paul Krüger vor einen Wagen spannen? In Kapstadt wurde erzählt, der Burenpräsident habe sich selbst einmal einen alten Ochsen und Cecil Rhodes ein junges Rennpferd genannt und hinzugefügt: ,Aber auf die Dauer vermag der Ochse doch die größere Last zu ziehen.' — Ein Ochse und ein Rennpferd also — das war das seltsame Zweigespann, das Sir Henry kutschieren sollte!

”Was für ein Mensch ist Krüger eigentlich?” fing Loch wieder an. Erzählen Sie mir ein bißchen. Kann man vernünftig mit ihm verhandeln?”

Rhodes lachte geringschätzig.„Verhandeln kann man mit ihm überhaupt nicht. Man kann ihn höchstens überlisten. Vielleicht auch durch Drohungen einschüchtern und bluffen. Wie ich ihn kenne, ist er jetzt schon fest entschlossen, alle Ihre Vorschläge abzulehnen, aus dem einzigen Grunde, weil sie von einem Engländer kommen. Passen Sie auf, er wird sich sofort in eine Wolke von Pfeifenrauch hüllen und Ihnen Bibelzitate an den Kopf werfen oder Anekdoten erzählen. Krüger hat einen Wahlspruch: Mißtraue jedem, aber sei selber vertrauenswürdig.”

„Ganz ohne Berechtigung ist sein Mißtrauen schließlich nicht. Er vergißt es wahrscheinlich nicht so leicht, daß wir Engländer vor zwölf Jahren seine Republik besetzt hatten und erst wieder abzogen, nachdem uns die Buren bei Majuba fürchterlich verprügelten.”

„Daß wir abzogen, war die größte Dummheit, die wir jemals begangen haben”, erwiderte Rhodes heftig.„Wir hätten die Prügel ruhig einstecken und in aller Ruhe neue Truppen heranschaffen sollen. Freilich, damals hielten wir Transvaal noch für eine wertlose Viehweide. Das Gras war so schlecht, daß man nicht einmal Tennisplätze darauf hätte anlegen können. Heute wissen wir, daß es die größte Schatzkammer der Erde ist. Für jede Unze Gold, die wir aus Johannesburg holen, müssen wir diesen Bauern und Viehtreibern jetzt gute Worte geben und vor ihnen auf dem Bauch herumrutschen. Ich möchte nur wissen, wie lange die Regierung in London das noch mitansehen wird.”

„Die britische Regierung lebt im besten Einvernehmen mit der Transvaal-Republik und ihrem Präsidenten”, sagte Loch.

Ihm wurde plötzlich heiß unter dem Korkhelm, und ihm war, als habe er sich noch niemals mit solcher Inbrunst nach der Ile of Man und seinen Briefmarken zurückgesehnt. Sir Henry war gewiß ein guter Patriot und hatte in langjährigem Kolonialdienst die unumstößliche Überzeugung gewonnen, daß die englische Herrschaft für alle anderen Völker nur ein Segen des Himmels war. Aber er war immerhin noch ein Mann der alten Schule und huldigte den humanitären Prinzipien der liberalen Partei. Die neue Generation, die sich jetzt mit Männern wie Rhodes, Kitchener, Joseph Chamberlain und anderen stürmisch in die Führung drängte, war ihm unheimlich. Ihr ungeschminkter Imperialismus, der sogar das Versteckspielen hinter Bibelsprüchen und schönen Idealen ablehnte, paßte so gar nicht zum geheiligten Stil des alten England. Die Karriere dieses Mr. Rhodes, der dort in einer salopp geöffneten Homespun-Jacke und in nicht ganz sauberen Flanellhosen auf und ab lief, war eigentlich geradezu ungehörig.

Mit siebzehn Jahren, in einem Alter, in dem andere junge Engländer noch die Schulbank drücken, war er nach Afrika gegangen, um seine Schwindsucht auszukurieren. Als einen Todeskandidaten, dem die afrikanische Sonne das Leben bestenfalls noch um ein halbes Jahr verlängern konnte, hatte ihn sein Vater, ein kleiner Landpfarrer, ziehen lassen. Aber Rhodes hatte in kurzer Zeit nicht nur seine Gesundheit wiedergefunden, sondern noch einen stattlichen Berg Diamanten dazu. Sechs Monate des Jahres pflegte er damals auf den Diamantfeldern von Kimberley zu verbringen, ein Auge auf die griechische Grammatik, das andere auf den Schwarzen gerichtet, der auf einem Tisch die Edelsteine aus dem Sand heraussortierte. Im Sommer aber spielte er in Oxford den Studenten in den letzten Semestern schon ein Millionär, vor dem die Diamantenbörsen in Amsterdam und Kapstadt erzitterten. Heute, mit kaum siebenunddreißig Jahren, gehörte er zu den reichsten Männern der Welt. Gemeinsam mit dem Hause Rothschild und dem Hamburger Juden Alfred Beit kontrollierte er die Minen von Johannesburg und die Felder von Kimberley. Seit wenigen Wochen war er Herr über das riesige Reich Lobengulas in Zentralafrika, das unermeßliche Goldschätze bergen sollte, und in einigen Tagen würde er Premierminister der Kapkolonie sein. — Nein, dieser Rhodes beschränkte sich wahrhaftig nicht aufs Geld verdienen. Wie die Piraten-Kapitäne der Königin Elisabeth maßte er sich an, Länder zu erobern und das nachzuholen, was die britische Regierung in einer — nach seiner Meinung — sträflichen Gleichgültigkeit bisher versäumt hatte. Sir Henry Loch empfand ein leichtes Schwindelgefühl, wenn er daran dachte, daß dieses ungebärdige Rennpferd nun vor den ehrwürdigen Wagen des Empire gespannt war.

Rhodes riß ihn aus seinen Gedanken.

„Da kommt Krüger”, sagte er und beschattete die Augen mit der Hand.„Anscheinend hat er Dr. Leyds, den jungen Holländer, bei sich.”

Sir Henry betrachtete eine Weile die altmodische, hochrädrige Kutsche, die, von sechs Maultieren gezogen, langsam die Furt passierte. Das Gefährt rumpelte und schwankte bedenklich, denn zwischen den tiefen Rinnen, die das versickernde Wasser in das Flußbett gegraben hatte, lagen abgebrochene Äste, ganze Baumstämme und mitgeschwemmte Steine in wirrem Durcheinander. Aber der Präsident saß kerzengerade im offenen Fond des Wagens, ohne sich anzulehnen. Die Sonne glänzte auf seinem hohen, schwarzen Zylinder, und deutlich war das wettergebräunte, von einem struppigen, weißen Bart umgebene Gesicht zu erkennen.

Das also ist der Mann, den die Bauern Südafrikas wie einen Heiligen und Helden zugleich verehren! — dachte Sir Henry. Der Mann, der es vom Schafhirten zum Präsidenten des goldreichsten Landes der Erde gebracht hat.

Er wußte, daß auch Paul Krüger eine Karriere hinter sich hatte, wie sie einzig in Südafrika möglich war. Aufgewachsen in den primitiven Verhältnissen einer Grenzfarm, war er als Zehnjähriger mit seiner Familie zum großen Treck des Jahres 1835 aufgebrochen. Früh hatte er die Peitsche des Hirten mit der schweren Burenbüchse vertauschen und in den großen Schlachten am Vechtkoop, am Blutfluß und beim Zootpansberg gegen einen hundertfach überlegenen Feind mitkämpfen müssen. Über einem Meer von Blut und Gebirgen von Leichen hatte er mitgeholfen, seinem Volk eine neue Heimat an der äußersten Grenze der Zivilisation zu schaffen. Jetzt ragte er, als einer der letzten überlebenden Mitspieler im nationalen Epos der Buren, in eine veränderte Zeit hinein: Ein Psalmensänger und biblischer Patriarch, ein Kafferntöter und Elefantenjäger und — das war das Seltsamste — zugleich ein Staatsmann, an dessen strenggläubiger Redlichkeit und harter Entschlossenheit alle Mittel und Intrigen einer modernen Diplomatie abprallten. Für die Buren war das Leben ihres Präsidenten eine Saga, und viele glaubten felsenfest daran, daß einst, als Paul Krüger tagelang hungernd und betend im Veit umherirrte, der Engel des Herrn herniedergestiegen sei, um ihn mit himmlischer Speise zu laben und ihm den Willen Gottes zu verkündigen. — In England freilich belächelte man Ohm Paul: man spottete über seine mangelhafte Bildung — in der Tat hatte er in seinem langen Leben kein anderes Buch gelesen als die Bibel — und erzählte zahllose Anekdoten aus dem Familienleben des Bauernpräsidenten. Mit einem Gemisch aus Grauen und Bewunderung betrachtete die moderne Welt einen Staatsmann, der sich nicht scheute, die Schlachten eigenhändig mitzuschlagen, die seine Politik für notwendig erachtete, und aus dessen Lenden ein Geschlecht von fünfzehn Kindern und einem halben Hundert Enkeln entsprossen war.

Angesichts dieses Mannes, der die unverwüstliche Kraft und Lebensunmittelbarkeit einer längst vergangenen Epoche verkörperte, fühlte sich Sir Henry hilflos und unbedeutend. Was war er denn mehr als ein Routine-Diplomat, den ein unseliges Geschick zwischen die Mühlsteine der afrikanischen Geschichte geworfen hatte, die Cecil Rhodes und Paul Krüger hießen?

„Ich werde nachsehen, ob alles vorbereitet ist”, sagte er nervös.„Wissen Sie, was Krüger trinkt?”

„Nur Kaffee. Aber den in fürchterlichen Mengen. Lassen Sie die größte Kanne aufbrühen, die zu finden ist.”

Krüger hatte Rhodes schon von weitem entdeckt.„Jetzt werden Sie einen interessanten Menschen kennenlernen, Leyds”, sagte er, während er elastisch vom hohen Wagen herabsprang.„Cecil Rhodes, das goldene Kalb von Afrika, um das die ganze Welt herumtanzt. Aber ich möchte wirklich wissen, was er heute hier zu suchen hat. Wenn dieser junge Mann nicht bald die Hände von der Politik läßt, wird es noch viel Ärger geben, fürchte ich.”

„Er wird die Hände immer tiefer hineinstecken. Jetzt hat er die Konzession von Lobengula bekommen, und er war auch in London, um sich den Freibrief für seine famose Chartered Company zu besorgen. Die ganze Welt spricht davon.”

„Aber wir werden heute nicht davon sprechen, wenn es zu vermeiden ist”, sagte Krüger rasch und legte seine schwere, verarbeitete Bauernhand auf den Arm des jungen Holländers.„Ich möchte ihn nicht unnötig darauf aufmerksam machen, daß der Weg nach Norden der einzige ist, der vorläufig auch uns Buren noch offensteht. Genau an dieser Stelle, vor fünf Jahren, hat mir Rhodes schon einmal die Tür verrammelt.”

Die tiefe Stimme Krügers war bei den letzten Worten rauh und grollend geworden. Bittere Gefühle stiegen in ihm auf, wenn er sich an seine erste Begegnung mit dem arroganten, jungen Millionär erinnerte.

Damals war er gerade aus England zurückgekommen und trug den Londoner Vertrag vom Jahre 1884 in der Tasche, der der Transvaal-Republik endlich die mit viel Blut und Tränen zurückgewonnene politische Selbständigkeit garantierte. Die Buren hatten sich lediglich im Paragraphen IV des Vertrages verpflichten müssen, ohne Einwilligung der britischen Regierung keine politischen Verträge mehr mit auswärtigen Mächten abzuschließen. Diese Klausel bezog sich auch auf die noch selbständigen Negerhäuptlinge an der Ost- und Westgrenze der Republik. Als Krüger damals, von London kommend, in Durban an Land ging, wurde ihm erst klar, weshalb das Colonial Office auf den letzten Punkt so besonders großen Wert gelegt hatte. Während seiner Abwesenheit hatten einige Buren mit den Betschuanastämmen an der Westgrenze friedliche Vereinbarungen getroffen, und ein größerer Treck war in das Gebiet, das politisches Niemandsland darstellte, eingerückt. Aber sofort hatten die Engländer Alarm geschlagen. London hatte ein Protektorat über Betschuanaland erklärt, und auf Betreiben der Regierung von Kapstadt wurden sogar Truppen in Südafrika gelandet. Zwischen Krüger und dem britischen Oberbefehlshaber, der von Cecil Rhodes begleitet wurde, fand damals eine Zusammenkunft in , Vierzehnströme' statt. Als die beiden ihm, unter nicht mißzuverstehenden Anspielungen auf die bereitgestellte Armee, den Paragraphen IV des Londoner Vertrages unter die Nase hielten, hatte er um des lieben Friedens willen nachgegeben und die inzwischen in Betschuanaland gehißte Flagge der Republik wieder einziehen lassen. — Seit diesem Tage wußte Krüger, daß man drauf und dran war, die Transvaal-Republik einzukreisen, ihr allmählich den Atem abzuschnüren. Und er war sich auch nicht mehr darüber im Zweifel, daß in erster Linie Cecil Rhodes hinter dieser Intrige steckte.„Wenn der Suezkanal für uns den Weg nach Indien bedeutet, dann ist Betschuanaland unsere Straße nach Norden, nach Zentralafrika”, hatte er erklärt.„Großbritannien duldet nicht, daß irgendeine fremde Macht ihre Hand auf dieses Gebiet legt.”

Inzwischen hatten die europäischen Großmächte immer neue Teile des afrikanischen Kontinents mit ihren Hoheitsfarben bedeckt, und besonders das britische Rot hatte sich außerordentlich vermehrt. Nur im Innern, nördlich des Limpopo, gab es noch ein riesiges Niemandsland, das bisher — von einigen Missionaren und Jägern abgesehen — noch kaum ein Weißer betreten hatte. Dieses Land hatte Gott, nach der Überzeugung Paul Krügers, dazu ausersehen, den Buren Platz für ihre ständig wachsenden Kinderscharen und Viehherden zu bieten. Kinder und Kühe waren ein Geschenk des Himmels. Gott, der sein Volk so sichtbar gesegnet hatte, würde es nicht zulassen, daß man die Buren um ihren Lebensraum betrog. Sie allein waren es doch, die unter ungeheuren Blutopfern Afrika erst vom Süden her erschlossen hatten. Auf der Flucht vor den Engländern waren sie mit ihren Wagen und Herden vor fünfzig Jahren nach Norden gewandert, auf der Suche nach Kanaan, dem Lande, das der Herr ihnen verheißen hatte. Sie hatten mit harter, aber gerechter Hand die Schwarzen gezüchtigt und gezähmt, sie hatten die Wege sicher gemacht und geschafft und gebetet vom Morgen bis zum Abend. — War es erlaubt, daß jetzt andere kamen, um zu ernten, was sie mühsam gesät hatten? Rhodes, dieser Goldgräber und Spekulant, reiste herum, schrieb Schecks aus, verhandelte mit weißen und schwarzen Königen und war im Begriff, seine Hand auch auf das Land im Norden zu legen!

Manchmal glaubte Paul Krüger, er müsse handeln wie der Büffel, den die Jäger auf dem Veit eingekreist haben, und der mit gesenkten Hörnern seinen Peinigern zu Leibe geht. Und nur sein Gottvertrauen gab ihm die Kraft, sich in Geduld zu fassen und auf den Sieg der Gerechtigkeit zu warten.

So trat er auch, jetzt den beiden Engländern, die ihn vor der Veranda erwarteten, freundlich entgegen. Er schüttelte Loch und Rhodes kräftig die Hand und nahm vor dem mit Landkarten und Schreibzeug bedeckten Tisch Platz. Den Zylinder legte er nach seiner Gewohnheit nicht ab.

Sir Henry Loch hielt sich nicht lange bei den Formalitäten auf. Nach einigen Worten über das Wetter — einem Thema, das in Südafrika, und ganz besonders in diesem Jahr, zum eisernen Bestand aller Unterhaltungen gehörte — räusperte er sich und begann auf den Zweck der Zusammenkunft einzugehen.

Die britische Regierung sei zu der Überzeugung gekommen, daß man über das Swaziland, das kleine, von Zulus bewohnte Gebiet an der Südostgrenze der Republik, endlich zu einer Verständigung gelangen müsse. Zum mindesten müsse irgendein Modus vivendi gefunden werden.

Hier warf Krüger, der inzwischen sorgfältig seine Pfeife gestopft und in Brand gesteckt hatte, dem Statthalter einen forschenden Blick zu. Er sagte ruhig:

„Es handelt sich nicht um einen Modus vivendi, sondern um eine endgültige Lösung. Neunzig Prozent der weißen Bewohner von Swaziland sind Buren. Die schwierige Besiedlung und Erschließung des Landes ist von Transvaal aus geschehen, Transvaal hat also ein Recht, das Gebiet zu annektieren. So viel ich weiß, hat sich auch der Königlich britische Kommissar Mr. Winton, der Swasiland kürzlich bereiste, in diesem Sinn geäußert. Der gegenwärtige Zustand ist unhaltbar. Wie sollen die Zulus sich an die Autorität der Weißen gewöhnen, solange sie gleichzeitig von Pretoria und von Kapstadt aus regiert werden, und solange die eine Instanz stets ,hü' sagt und die andere ,hot'?”

„Die britische Regierung denkt natürlich nicht daran, den Buren den Aufenthalt in Swasiland streitig zu machen...”

„Das ist wirklich sehr gütig von ihr”, warf Krüger sarkastisch dazwischen und paffte gewaltige Rauchwolken. Jetzt hatte die Pfeife erst den richtigen Zug.

Loch hüstelte und wehrte mit der Hand den lästigen Qualm ab. Etwas hastig fuhr er fort:„Aber gerade in der Eingeborenenfrage kann England unmöglich auf jede Kontrolle über Swasiland verzichten. Das einflußreiche Komitee zum Schütze der Eingeborenen...”

„Lassen Sie doch bloß das alberne Komitee aus dem Spiel!” warf Rhodes ein, der bis jetzt geschwiegen hatte. Auf diesen menschenfreundlichen Verein, der sich in erster Linie aus teetrinkenden Damen und abgehalfterten Missionaren zusammensetzte, war er nicht gut zu sprechen. Das Komitee hatte sich nämlich über die Methoden erregt, mit denen er sich seine Konzession von König Lobengula verschafft hatte.„Ich bin überzeugt, daß die Buren in der Behandlung der Schwarzen mindestens ebenso große Erfahrungen gesammelt haben wie das Colonial Office.”

„Bessere sogar. Ich erinnere nur an den Zulukrieg vor zwölf Jahren!” warf Dr. Leyds kampflustig ein.

Die beiden Engländer schwiegen. Sie fanden es taktlos, daß man sie an diesen Feldzug erinnerte, der mit einer beispiellosen militärischen Katastrophe für die britische Armee geendet hatte.

Krüger hatte Rhodes einen schrägen Blick zugeworfen. Wenn dieser Mann, den er für seinen geschworenen Todfeind hielt, sich auf seine Seite stellte, war bestimmt irgend etwas nicht in Ordnung. Man mußte achtgeben.

Auch Mr. Loch war über Rhodes' Stellungnahme verwundert. Er fühlte sich im Stich gelassen und sah unruhig von einem zum anderen. Aber schließlich würde Rhodes wohl am besten wissen, worauf es den Herren in London im Grunde ankam. Darum hielt er es für das Klügste, die Diskussion vorläufig abzubrechen. Er sei fest davon überzeugt, erklärte er, daß England gegen eine Annexion von Swaziland durch die Transvaal-Republik nichts einzuwenden habe. In dieser Beziehung könne er den Präsidenten beruhigen. Was freilich die Eingeborenenfrage angehe, müsse er in London noch einmal Instruktionen einholen. Aber wahrscheinlich würde man sich auch hier entgegenkommend zeigen. Er werde sich erlauben, in wenigen Wochen einen Vertragsentwurf in Pretoria vorzulegen.

„Na, also!” sagte Rhodes, der erst jetzt lebendig zu werden schien, jovial. Wie Krüger stirnrunzelnd bemerkte, drückte er seine Zigarette achtlos auf dem Tischtuch aus und schob mit einem raschen Griff die Landkarten zurecht.

»Wie ich annehme”, begann er geschäftlich,„handelt es sich in der ganzen Swazilandfrage für die Transvaal-Republik nicht nur um die Gewinnung Siedlungsland, sondern darüber hinaus um einen Zugang zum Meer. Zwar grenzt Swaziland nicht direkt an den Ozean, aber bei einiger Großzügigkeit ließe sich die Grenzziehung derartig gestalten, daß für Transvaal ein brauchbarer Hafen gewonnen würde. Wenn Sie uns in einigen anderen Punkten entgegenkommen könnten, Herr Präsident ...”

„In welcher Eigenschaft haben Sie mir Angebote zu machen, Herr Rhodes?” fragte Krüger.

„Mr. Rhodes wird in einigen Tagen Premierminister der Kapkolonie sein”, warf Loch rasch, beinahe entschuldigend, dazwischen. Krüger wechselte einen schnellen Blick mit Leyds, seinem juristischen Berater.

„Ich gratuliere”, sagte er dann ruhig.„Es ist eine große Gnade Gottes, in so jungen Jahren auf den Posten eines verantwortlichen Staatsmannes berufen zu werden. — Womit soll ich Ihnen also entgegenkommen?”

„Die Bahn nach Johannesburg muß gebaut werden!” rief Rhodes. Er hatte sich zurückgelehnt und schob erwartungsvoll seine starke Unterlippe vor.

Krüger wandte langsam den Kopf zur Seite und blickte über den flimmernden Fluß nach Transvaal hinüber. Vor seinem Auge bevölkerte sich die stille, mittägliche Landschaft plötzlich mit Hunderten von Wagen. Er sah wimmelnde Menschen, blökende Ochsen, die unruhig die gehörnten Köpfe aufwarfen, und große Herden von Rindern und Schafen, über denen gelbe Staubwolken wogten. Wie lange war es her, daß der große Treck seines Volkes an dieser Stelle den Vaal überschritten hatte, auf dem Wege in ein unbekanntes Land! ,Vierzehnströme hatten sie damals den Ort genannt, nach den vierzehn heiligen Wassern, die das Land Kanaan bewässerten. Ach nein, sie hatten keine Eisenbahn gebraucht, um herüberzugelangen. Aber natürlich, diese Engländer mußten sie haben, um bequemer nach Johannesburg kommen zu können, nach ihrer Stadt, die sie auf dem Boden der Burenrepublik gebaut hatten. Sie wollten die Stadt und ihre Goldfelder mit eisernen Klammern an die Kapkolonie binden, damit sie noch mehr Gold herausholen und noch mehr Menschen — lästiges, sündiges, nichtstuerisches Volk — hineinpumpen konnten.

Und doch war Krüger fast froh, daß Rhodes nur von der Bahn gesprochen hatte. Gewiß, auch diese Bahn würde den Buren ein Stück von ihrer Freiheit rauben. Aber noch viel schlimmer wäre es gewesen, wenn Rhodes jetzt von der Nordgrenze gesprochen hätte, wenn er den Verzicht auf eine weitere Ausdehnung der Republik nach Norden, über den Limpopo hinaus, gefordert hätte. Der Präsident wußte, daß die Buren der nördlichen Distrikte einen neuen Treck planten. Noch war der Weg also nicht verschlossen. Der Herr würde sein Volk nicht im Stich lassen.

„Sie sollen Ihren Willen haben, Mr. Rhodes”, sagte er.„Jetzt, da die Bahn nach der Delagoa-Bay, über portugiesisches Gebiet, sich ihrer Vollendung nähert und wir Ihnen deshalb nicht mehr auf Gnade und Ungnade ausgeliefert sind, habe ich nichts mehr gegen eine Verbindung mit Kapstadt einzuwenden. Ganz so altmodisch, wie Sie denken, bin ich gar nicht. Die Einzelheiten können Sie ja mit Dr. Leyds regeln. Selbstverständlich gehört die Strecke von der Grenze bis Pretoria unter die Kontrolle der niederländisch-südafrikanischen Eisenbahngesellschaft. Ich möchte Herr im eigenen Hause bleiben.”

Rhodes war sichtlich überrascht. Einen so leichten Sieg hatte er nicht vorausgesehen. Jetzt galt es, das Eisen zu schmieden, solange es heiß war. Während er dem Präsidenten eine neue Tasse Kaffee einschenkte, sagte er beiläufig:

„Da Transvaal nun hoffentlich bald Bahnverbindung mit verschiedenen Küstenplätzen haben wird, müßte wohl noch eine andere Frage endlich einmal geklärt werden. Sie wissen, daß wir uns in Kapstadt seit Jahren darum bemühen, einen allgemeinen südafrikanischen Zollverein zustande zu bringen. Natal sowohl als auch der Oranje-Freistaat sind grundsätzlich einverstanden. Ich hoffe, daß auch Transvaal sich nun entschließen wird.”

Jetzt ist die Katze aus dem Sack!' dachte Sir Henry erschrocken. Er wußte, daß Rhodes dem Afrikanerbund der Kapkolonie, dem die Mehrzahl der Farmer angehörte, diesen Zollverein versprochen hatte. Es war der Preis, den er den Landwirten dafür zahlen sollte, daß sie, die fast alle holländischer Abstammung waren, einen Engländer zum Ministerpräsidenten machten. Der Gedanke, innerhalb des ganzen südafrikanischen Kontinents freien Absatz für ihre Produkte zu erhalten, zugleich aber hohe Zollmauern gegen die Einfuhr aus Übersee zu errichten, war für die Farmer sehr verlockend. Aber Sir Henry wußte auch, daß Krüger diesen Zollverein noch mehr haßte als die Eisenbahnen.

Der Präsident setzte langsam die Tasse ab und wischte sich mit dem Handrücken den Bart.

„Ich weiß, was Sie wollen, Mr. Rhodes”, sagte er grollend.„Sie möchten den überschüssigen Kapwein und den Branntwein der Kolonie gern in Transvaal an den Mann bringen. Aber ich versündige mich nicht an meinem Volk und will die Buren nicht zu Säufern erziehen. Und ich ziehe es vor, die Bedürfnisse Transvaals so billig aus Übersee zu decken, wie ich nur kann. Warum sollen die Buren hohe Zölle zahlen, wenn ich die Staatskasse ohnehin voll habe?”

”Ja — voll mit dem Gelde, das Ihnen meine Goldminengesellschaft bezahlt”, sagte Rhodes unbeherrscht. Er fühlte, daß er diese Schlacht schon verloren hatte.

„Vorläufig liegen die Minen noch auf unserem Territorium”, bemerkte Dr. Leyds sachlich.

„Meine Herren, bleiben wir doch beim Thema”, suchte der Statthalter zu vermitteln.„Nur ein Zollverein vermag auf lange Sicht die Wirtschaft Südafrikas zum Blühen zu bringen.”

Aber Krüger hörte gar nicht auf ihn. Er hatte das Mundstück seiner Pfeife wie eine Pistole auf Rhodes gerichtet und ließ seinen Gegner nicht für eine Sekunde aus den Augen. Die Adern auf seiner Stirn waren bedrohlich angeschwollen.

„Ich habe Ihnen jetzt die Eisenbahn bewilligt. Der Abschaum der Menschheit, den Sie mir nach Johannesburg zu schicken belieben, kann in Zukunft bequem die Reise im Schlafwagen zurücklegen, die wir Buren zu Pferde, zu Fuß oder im Wagen machen mußten. Jetzt wollen Sie uns auch noch den Schnaps, ohne den die Johannesburger anscheinend nicht leben können, zollfrei hinterherschicken. Glauben Sie wirklich, ich lasse das zu? Wissen Sie, was vorgestern in Johannesburg geschehen ist? Ich habe in der Stadt, die übrigens in den letzten Jahren nicht schöner geworden ist, übernachtet. Ihre Uitländers waren so freundlich, mir ein Ständchen zu bringen. ,God save the Queen' haben sie gesungen. Und dann haben sie unsere Fahne, den Vierkleur, heruntergerissen. — Wer weiß, was sie getan hätten, wenn der Schnaps noch billiger wäre.”

„Diese Vorfälle sind wirklich bedauerlich”, erwiderte Rhodes.„Ich habe mir genau berichten lassen. Aber gehen Sie mit den Minenarbeitern nicht zu hart ins Gericht. Sie sind zum größten Teil erst kurze Zeit im Lande. Sie können von ihnen kaum verlangen, daß sie die Nationalhymne der Republik kennen sollen.”

„Natürlich nicht.” Krüger nahm die Pfeife aus dem Mund und spie über die Brüstung der Veranda, so daß Sir Henry fühlbar zusammenfuhr.„Aber trotzdem verlangen die Minenarbeiter, daß wir Burghers der Republik ihnen das Stimmrecht einräumen. Wahrscheinlich würden sie englisch stimmen, da sie ja noch gar nicht bemerkt haben, daß sie Gäste in einem fremden Lande sind.”

„Auf die Dauer werden die Uitländers aber nicht gänzlich ohne politische Rechte bleiben können”, sagte Rhodes.„Ihre Zahl und ihre wirtschaftliche Bedeutung wächst von Tag zu Tag.”

„Gerade deshalb!” Krüger ließ die geballte Faust — allerdings mit einiger Vorsicht, wie es Sir Henry schien — auf den Tisch fallen.„Die Wanderung nach den Goldfeldern stellt eine englische Invasion dar, die für die Republik nicht ungefährlich ist. Wir Buren haben Ihre Landsleute durchaus nicht gerufen, und wenn es an uns läge — ich glaube, die Mehrzahl wäre dafür, die Minen wieder zuzuschütten und Gras darüber zu säen. Daß wir Herren im eigenen Lande bleiben, ist uns wichtiger als alles andere.”

”Aber dieses Recht will Ihnen ja niemand nehmen...

So? Es ist noch nicht allzulange her, daß wir uns unsere Freiheit mit dem Gewehr in der Hand von Ihnen zurückerobern mußten. Und wie man sich erzählt, sollen Sie, Mr. Rhodes, einmal geäußert haben, ganz Afrika müsse rot, also britisch werden. Wenn Sie das bei Transvaal versuchen sollten, so würden Sie sehr viel Blut, britisches und burisches, brauchen.”

Krüger hatte ganz ruhig, fast freundlich gesprochen und dabei an Rhodes vorbei auf die Wand geblickt. Und doch fühlten alle den furchtbaren Ernst, der hinter seinen Worten stand. Loch, der solche Art von Verhandlungen nicht gewohnt war, rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Leyds, der geborene Diplomat, versuchte, die Situation zu retten.

„Ich glaube, Mr. Rhodes ist ein moderner Mann. Er würde es doch vorziehen, unsere Republik zu vergolden, statt sie mit Blut zu färben”, sagte er.

Rhodes kniff die Lippen zusammen, aber Krüger stimmte kräftig in das beflissene Lachen Sir Henrys ein.„Na”, meinte er,„da hat es keine Sorge. Wir Buren sind fromm und beten viel. Das ist der beste Schutz gegen den Teufel und seine goldenen Kälber. — Übrigens will ich auch in der Uitländersfrage nicht unerbittlich sein. Ich denke, ich werde einen Weg finden, der den Uitländers wenigstens in denjenigen Punkten ein Mitbestimmungsrecht sichert, die sie wirklich etwas angehen.”

Sir Henry erhob sich, denn er fühlte, daß jetzt der günstigste Augenblick gekommen war, die Verhandlung abzuschließen. Er wies noch einmal darauf hin, daß bei dieser Zusammenkunft im Grunde ja nur die Swazilandfrage zur Debatte gestanden habe. Und hier hoffe er, daß, besonders angesichts der ungetrübten Beziehungen, die zwischen Großbritannien und der Transvaal-Republik beständen, bald ein für alle Teile befriedigendes Übereinkommen erzielt werden könne.

Und damit hob er die Sitzung auf.

”Wie gefällt Ihnen Rhodes?” fragte Krüger, als er mit Dr. Leyds zum Wagen zurückkehrte.

Der Holländer zuckte die Achseln. ”Er ist eben Engländer und ein hundertprozentiger dazu.”

”Ich mag ihn nicht”, sagte Krüger und schob den Arm unter den seines Begleiters. ”Er schläft zu wenig und raucht eine Zigarette nach der anderen. Außerdem wird erzählt, daß er sehr viel russischen Kümmel trinkt.”