- zurück -

9. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich

Mein Empfang in Kuka war wenig ermutigend und bestätigte meine Befürchtung, daß die Bedeutung meiner Sendung und meiner Person gegenüber dem türkischen Gesandten in den Hintergrund treten werde. Schon als ich am Tsadsee anlangte, hatte ich einen Brief an den Scheich Omar vorausgeschickt und die Bitte ausgesprochen, mir das "Christenhaus", in dem meine deutschen Vorgänger gewohnt hatten, herrichten zu lassen. Amer Mohammed et-Titiwi, ein seit langen Jahren in Kuka lebender angesehener Mann, der anerkannte Vertreter aller von Norden kommenden Fremden, der uns als Bote des Scheich begrüßte, teilte mir mit, das Christenhaus sei in sehr baufälligem Zustand. Ich schöpfte sofort den Verdacht, daß man vergessen hatte, für meine Unterkunft zu sorgen. Auch sonst galten die Aufmerksamkeiten in erster Linie nicht mir, sondern Bu Aischa.

Kurz vor der Stadt erwartete uns der Kronprinz Aba Bu Bekr mit großem Gefolge. Voran flintenbewaffnetes Fußvolk in denkbar sonderhafter Uniformierung, mit engen Jacken und Beinkleidern europäischen Schnitts, grün, gelb, blau, rot, dann reich gekleidete Würdenträger auf edlen Pferden, hinter ihnen Panzerreiter, teils in Metallhemden, teils in wenig kriegerisch aussehenden panzer gekleidet. Dieser Panzer besteht aus umfangreichen, mit Watte dick gefütterten, abgesteppten Röcken, in denen der Körper ganz verschwindet. Sie sind steif und schwer, so daß der Träger jeder freien Bewegung beraubt ist. Dazu gehört eine ähnliche Kopfbedeckung, und auch die Pferde werden in gleicher Weise eingehüllt. Nur die stärksten Tiere können einen solchen Reiter tragen, denn für den Wattehelden ist in kritischen Lagen die Schnelligkeit und die Kraft seines Pferdes oft die einzige Rettung. In diesen Panzerreitern, die als Waffe die Lanze und ein kurzes Schwert führen, beruht die Hauptstreitmacht des Landes. Um den glänzenden Kern des Gefolges tummelten sich leichte Reiter, Sklaven mit Speer und Wurfeisen, heidnische Bogenschützen aus den südwestlichen Grenzländern Bornus.

Nachdem der Kronprinz, ein fast schwarzer Dreißiger, uns freundlich in arabischer Sprache bewillkommnet hatte, setzte sich der Zug in Bewegung, unter dem Getöse der ohrenzerreißenden Musik, dem Geheul der Menge und unaufhörlichem Flintengeknall. Wir betraten den breiten freien Raum zwischen den SChwesterstädten, bogen links in die Königsstadt ein und stellten uns vor dem Palast des Scheich auf. Der Scheich blieb unsichtbar. Nach einiger Zeit wurde Bu Aischa zur Begrüßungsaudienz hereingerufen, ich dagegen nicht. Aus den verlegenen Entschuldigungen des Titiwi hatte ich den Eindruck, daß mein Brief nicht in die Hände des Scheich gelangt war, und zog mich mit heftigen Vorwürfen in die mir bestimmte Wohnung in der Weststadt zurück.

Sie lag in dem großen Hause Ahmed Ben Brahims, vielleicht des einflußreichsten Höflings, und bestand vorläufig aus einigen Höfen und einem Erdhäuschen, das vielleicht zur Unterbringung des Gepäcks ausreichte. In ein Unterkommen für meine Person und meine Diener war nicht gedacht worden. Ich befahl kurz, mein Pferd wieder vorzuführen, und erklärte dem Titiwi, ich werde sofort zum Scheich reiten und mich beschweren. Das Pferd war noch nicht gesattelt, so war auch schon eine Axt zur Hand; in wenigen Minuten war eine Tür durch eine mauer gebrochen und eine für diese Verhältnisse anständige Wohnung gewonnen. Kaum hatte ich gerastet und etwas Toilette gemacht, als auch schon ein Bote aus dem Palst kam und mich zur Audienz einlud, zu der mich mein Hausherr begleitete.

Durch mehrere Höfe des Königshauses wurden wir in den mit Teppichen belegten Empfangsraum geleitet, dessen graue Tonwände mit bunten Stoffen ausgeschlagen waren. Auf einer zu einem Diwan hergerichteten Bank saß mit unterschlagenen Beinen der Scheich Omar, die Füße in weißen Turban von ansehnlicher Größe; eine Bindeung hatte er als Litham über Mund und Nase geführt. Vor ihm lag sein Königsschwert, neben ihm ein mit Silber ausgelegter Karabiner. Seine Erscheinung war die eines wohlhabenden Fessaners, einfach und höchst sauber. Die Hautfarbe war schwarz. Als er die verhüllende Turbanwindung entfernte, dem feundlichen Lächeln. groß Körbe mit Ketten standen in seiner Nähe.

Seine Lieblingsbeschäftigung war offenbar nicht das Aburteilen der Verbrecher, sondern die sorgfältige Überwachung seiner Küche. Unaufhörlich wurden ihm Speisen zugetragen, die er mit großer Sachkenntnis prüfte und eigenhändig würzte. Als Wirtging er mir mit gutem Beispiel voran, und als ich nicht mehr konnte, bereitete er mir ein stark gewüztes Getränk, das seinem Geschmack alle Ehre machte. Dabei vergaß er keineswegs seine Geschäfte. Er sprach mit großer Anerkennung von Rohlfs und versprach mir seinen vollen Schutz.

Höchst befriedigt von meiner Bekanntschaft mit diesem Mann, suchte ich den Staats- und Geheimsekretär Moallim Mohammed auf, den Ausleger des religiösen Gesetzes und obersten Richter. Der hagere, etwas pedantische, sauber und einfach gekleidete Herr war nach allgemeinem Urteil rechtschaffen und gewissenhaft, sehr gelehrt, ein beliebter Lehrer, der über eine bedeutende Bibliothek verfügte und über die europäischen Länder mit einer für seine Verhältnisse großen Sachkenntnis sprach. Mein Hauswirt Ahmed Ben Brahim stand beim Scheich in so hoher Gunst, daß er den Kronprinzen und Lamino bisweilen erfolgreichen Wettbewerb machte, aber er war verweichlicht, eigennützig und unzuverlässig, ein Schmeichler und Ränkemacher. Ich fand ihn umringt von Sklavinnen, die durch lüsterne Gespräche seinem Geschmack huldigten. Da neben sein Lager Schüssel auf Schüssel gesetzt wurde, entsprach ich seinem sichtlichen Wunsch, die Abendmahlzeit ohne mich einzunehmen, empfahl mich bald und ging zum Schluß meiner offiziellen Besuche zum Titiwi, dem als Auslauger verschrienen "Konsul der Araber", der gerade wie tagtäglich offene Tafel hielt und ein großer Freund kulinarischer Genüsse war. Ich konnte bei ihm und auch sonst in Kuka beobachten, daß beim viel Anstand und Sitte herrscht, selbst in den Kreisen der geringeren Leute. Der den Europäer abstoßende Brauch, mit den Fingern in die Schüssel zu greifen, wird durchdie Vermeidung unschicklicher Gier und Hast erheblich gemildert. Von dem Uisch genannten Mehlbrei nimmt man sich mit den gespitzten Fingern der rechten Hand eine kleine Menge und tunkt sie in die Brühe. Man durchknetet damit etwas den Brei, formt den Bissen in der hohlen Hand und führt ihn mit großem Geschick zum Munde, ohne auch nur einen Tropfen zu verlieren. Ist die Schüssel geleert, so leckt man sich die Finger ab und tut seine Befriedigung kund durch möglichst lautes Rülpsen, das unbedingt zum guten Ton gehört, und durch den Ruf "Gott sei gelobt!" Zum Schluß wäscht man sich die Hände, wie man es auch vor der Mahlzeit getan.

Meine Geschenke für diese Herren entsprachen nicht ihrer Erwartung. Ich ließ sie durch meinen treuen Mohammed, den Gatruner, überbringen, nur diejenigen für den Lamino und den Kronprinzen überreichte ich selbst. Es war bezeichnend, daß fast alle mich vertraulich vor ihren Kollegen zu warnen und von ihrem eignen Wert zu überzeugen suchten. Der frühere Digma betitelte drei von Ihnen als Intrigant, Schurken und Kanaille. Nur der Titiwi hüllte sich in vorsichtiges Schweigen, und Moallim Mohammed beschränkte sich auf die allgemeine Bemerkung, daß man in Kuka in der Wahl seiner Ratgeber nicht vorsichtig genug sein könne und besonders den Herren vom Hofe keineswegs trauen dürfe.

Ein so ausgedehntes, von mehreren Millionen Menschen sehr verschiedener Stämme bevölkertes Reich, wie Bornu erfordert natürlich eine zahlreiche Verwaltungshierarchie, deren Mitglieder allerdings seit dem letzten Wechsel der Dynastie zum Teil mehr Titulare als wirkliche Beamte sind. Da ist der Kaigamma, der höchste Kriegsanführer, der Generalsteuereinnehmer, der Verwalter der königlichen Getreidevorräte, der Aufseher über die königlichen Pferde, der Vorsteher der Frauenabteilung, der Bewahrer des Hausschatzes und viele andere, die oft mit den Beamtenobliegenheiten Stellungen als Gouverneure von Provinzen und Basallenstaaten vereinigen. Der Einfluß von Frauen der Königsfamilie tritt nicht so stark hervor wie in anderen mohammedanischen Negerstaaten.

Jeden Vormittag wurde im Palast die Ratsversammlung, die Nolena, abgehalten, gebildet aus den Brüdern und Söhnen des Scheich und den Ratsherren, die teils freigeborene Vertreter der verschiedenen Bevölkerungselemente, teils Kriegshauptleute von Sklavenursprung sind. Die ganze Nokena ist ein Schatten einer früheren aristokratischen Versammlung. Jetzt galt nur der Wille des Herrschers und der Einfluß seiner Günstlinge.

Die stets bereite Kriegsmacht, zur größeren Hälfte Reiter, betrug etwa 7000 Köpfe. Sie würde ausgereicht haben, wenn kriegerischer Sinn im Volk und Willenskraft beim Herrscher uns seinen Ratgebern lebendig gewesen wären. Aber das Land war in reißendem Verfall begriffen.

Der Vater des Scheich Omar, der Begründer der Dynastie, schien dem schon damals demoralisierten Volk neue Lebenskraft einzuflößen und war ihm in Tatkraft und Sittenreinheit mit gutem Beispiel vorangegangen. Der friedliche, fromme, liebenswürdige und schwache Sohn war leider nicht geeignet, das Werk des Vaters fortzusetzen. Seine Umgebung verfiel wieder in Genußsucht und weibliche Schwäche, und er selbst geriet trotz seines hervoragenden Verstandes mehr und mehr in die Hände seiner feigen, selbstsüchtigen Ratgeber.

Der Handelsverkehr mit den Mittelmeerländern nahm bei den unsicheren Rechtsverhältnissen immer mehr ab. Bezirke und Ortschaften wurden von Söhnen, Enkeln und Günstlingen schonungslos ausgesogen. Das Ansehen nach außen sank. Zwar waren die westlichen Grenznachbarn, dieHaussastämme, politisch so schwach, daß von ihnen nichts zu fürchten war. Aber ein gefährlicher Nebenbuhler erstand Bornu in dem östlichen Nachbarreiche Wadai, wo ein tatkräftiges, wenn auch rohes Volk von einem hervorragenden Fürsten zu Wohlstand und kriegerischer Macht erzogen wurde. Der einst sichere Weg nach Kano wurde unaufhörlich beunruhigt, die halbunterworfenen, tributzahlenden Heidenstämme an den Westgrenzen machten sich die Schwäche des Lehnsherrn durch Widersetzlichkeit und offene Gewalt zunutze. Noch bedrohlicher war das Betragen des Vasallenfürsten Tanemon von Zinder, der in Nordwesten ein unabhängiges Reich aufrichten zu wollen schien. Schon hatte er einen der treuesten Vasallen des Scheich erschlagen und sein Gebiet dem seinigen einverleibt. Beständig war die Rede von einem großem Zuge gegen ihn, den Omar selbst anführen werde, schon wurden Vorbereitungen getroffen, aber die Erfahrenen glaubten nicht an die Ausführung.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





© Copyright 2000 by JADU

www.jadland.de

 

Webmaster