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8. Eine afrikanische Großstadt

Kuka, schon seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wiederholt von europäischen Forschern, namentlich deutschen, besucht und beschrieben, ist mehrere Jahre hindurch, vom Sommer 1870 bis Frähling 1873, mein Standquartier gewesen. Ende der vierziger Jahre wurde die alte Stadt von dem Sultan von Bardai zerstört, dann hat der im Sudan so berümte "große Scheich" Mohammed, der Vater des gegenwärtigen Herrschers, sie in Gestalt zweier Städte wieder aufgebaut.

Der breite Zwischenraum, der die Schwesterstädte trennt, ist in seinem nördlichen Teil wenig bebaut; der südliche Teil enthält ein fast ebenso dichtes Häusergewirr als die Städte selbst. Wenn man diesen Zwischenraum einrechnet, haben die beiden Städte eine Länge von West nach Ost von etwa 4 Kilometer, die Breite von Nord nach Süd beträgt annähernd die Hälfte. Bei einer Bevölkerung von etwa 50 - 60. 000 Seelen gehört Kuka zu den größten Städten Innerafrikas. Zwei Drittel mögen auf die Weststadt kommen, in der die kleineren Wohnungen dichter gedrängt stehen, während die ausgedehnten Behausungen in der östlichen, der "Königsstadt", einen unverhältnismäßig großen Raum einnehmen. Beide sind ummauert, aber diese Befestigung ist schwach; die etwa 20 Fuß hohe mit Zinnen versehene Mauer der Königsstadt bestand aus kiesgemischter Tonerde und trug schon zahlreiche Spuren der kaum begonnenen Regenzeit. Der obere, dünnere Teil war hier und da bereits zusammengestürtzt oder weggewachsen; die terassenförmige Innenseite hatte sich in eine abschüssige Wiese umzuwandeln begonnen, die von den Ziegen der benachbarten Einwohner abgeweidet wurde.

Die Umgebung ist eine reizlose Ebene mit sandigem, aber nicht unfruchtbarem Boden. Zahlreiche Ackerdörfer und zerstreute Häusergruppen beleben das Landschaftsbild in freundlicher Weise. Am Fuß der Umschließungsmauer stößt man häufig auf mächtige Gruben, aus denen der Lehm zum Häuserbau gewonnen wird, und auf arg vernachlässigte Begräbnisplätze. Aus den oberflächlichen Gruben sehen die Matten, in die man die Leichen einwickelt, oft mit einem Zipfel heraus. Die niedrigen Grahügel sind fast schmucklos, alles ist den nächtlichen Verwüstungen der Hyänen preisgegeben.

Die Weststadt bildet ein nahezu quadratisches Viereck. Eine fast gerade verlaufende Hauptstraße, der Dendal, verbindet das West- mit dem Osttor; eine platzähnliche Verbreiterung dient zur Abhaltung des täglichen Hauptmarktes, der an Lebhaftigkeit fast den Wochenmarkt von Tripolis übertrifft. Die Erdhäuser zu beiden Seiten des Dendal sind niedrig und unansehnlich, haben aber oft eine sehr bedeutende Ausdehnung. Etwa in der Mitte der Stadt wird die Hauptstraße durch eine Wohnung des Scheich und eine daranstoßende Moschee eng eingeschnürt. Außer dem Dendal gibt es nur wenige gerade Straßen, die zahlreichen Verkehrswege sind vielmehr gewundene Pfade.

Auch die Oststadt hat eine regelmäßige Gestalt. Ihr Dendal ist sehr breit, am Ende des zweiten Drittels der Längenausdehnung hört er mit eigentlichen Königspalast und der vor diesem liegenden Moschee auf. Die Oststadt wird von den in unmittelbarer Beziehung zum Hofe stehenden Personen bewohnt, während in der Weststadt die Masse des Volkes und die Fremden leben.

An den Hauptverkehrswegen trifft der Blick vornehmlich nackte, graue, fensterlose Tonmauern, doch wird die Eintönigkeit zuweilen durch schöne Bäume unterbrochen. Das Baumaterial der Lehmhäuser hat nur eine geringe Widerstandsfähigkeit gegen den Regen, und jeder starke Guß wäscht einen Teil der platten Bedachung und der Wände hinweg. Oft werden dann die Wohnräume überschwemmt, und der Vorsichtige verpackt beizeiten seine Habe in Kisten oder Ledersäcke. Die Erdhäuser sind geräumiger und kühler als die Stroh- oder Rohrhütten, die aber noch mehr als jene den Sinn der Bornuleute für gemütliche Häuslichkeit und zierliche Unordnung verraten.

Das öffentliche Leben bewegt sich hauptsächlich in den beiden Hauptstraßen. Spazierritte durch dieselben waren für mich stets von neuem, fesselndem Interesse und enthüllten ein Leben von solcher Mannigfaltigkeit und selbst Großartigkeit, wie es ein Europäer mit der Vorstellung von einer Stadt in Innerafrika kaum verbinden kann. Selbst die Folgen der Regenzeit, die seeartigen Wasseransammlungen und ihre kotige Umgebung, vermochten das rege Treiben nur wenig zu stören. Männer und Frauen, Freie und Sklaven, Einheimische und fremde durchwateten die Tümpel des westlichen Dendal, nackte Kinder tummelten sich vergnügt in ihnen herum, eingeborene und fremde Reiter, oft auf hübschen Pferden, durcheilten die breite Straße. Die Städtebewohner, die wohlsituierten Kanuri und Kanembu, die Bewohner der Landschaft Kanem östlich vom Tsadsee, und die einflußreichen Sklaven angesehener Häuser behängen sich gern mit Kleidungstücken, deren Anzahl in schreiendem Widerspruch zur Temperatur steht; zwei, drei oder vier Gewänder von ansehnlichem Gewicht sind ihnen Stolz und Vergnügen. So werden die Vornehmen zu Maschinen, die mühsam von ihren Dienern auf die Pferde gehoben werden. Das sind Günstlinge der Neuzeit. Daneben wandelt wohl ein Greis, in ein grobes, weißes Gewand gekleidet, den Kopf sauber rasiert, mit bescheidener Würde einher, durch einen langen Stab mit olivenförmiger Endanschwellung als Edelmann gekennzeichnet, dessen Vorfahren zu den Großen des Reiches unter der früheren Dynastie zählten.

Ein scharfer Unterschied trennt die echten Vertreter ihres Landes von dem tripolitanischen Kaufmann in arabischer Tracht und von dem Wüstenbewohner, der sich durch seinen Kopfschal und dem Nase und Mund verhüllenden Litham kenntlich macht. Die nicht arbeitenden Frauen und Mädchen schlendern mit Vorliebe auf den Straßen herum, um ihre Reize zu zeigen, in kurzen gestickten Hemdchen und Hüftenschals, deren Schleppe den Boden fegt. Auch die Vertreter des niederen Volkes fehlen nicht.

Die tiefen, durch ein Dorngehege eingefriedigten Brunnen sind belagert von Frauen und Mädchen, die schwatzend ihre großen Tonkrüge füllen und geschickt auf den Köpfen nach Hause tragen. Sklaven, die das Gewand beiseite gelegt haben und nur ein Schurzfell tragen, sind beschäftigt, eine eingestürtzte Mauer wieder aufzurichten. In der Vorhalle eines Hauses hat ein Lehrer seine Schule eingerichtet und plärrt seinen Schülern die Verse des Koran vor. Handwerker aller Art sehen wir in ihrer Tätigkeit; an einer trockenen Stelle hat eine Geschäftsfrau ihre Bude errichtet, in der sie früchte und Kuchen feilbietet; der Barbier lockt durch schrilles Pfeifen die Kunden an, bearbeitet die Köpfe vor ihm kniender Männer und frauen mit den beliebten steiermärkischen Rasiermessern oder schröpft kunstgerecht am Hinterkopf; Milchfrauen rufen ihre ware aus. Karawanen von Kamelen, Packpferden, Ochsen und Eseln bringen Handelswaren, Getreidebedarf, Steuern in Naturprodukten aus den Provinzen.

Unter den Bäumen und Schattendächern sitzen vom Morgen bis zum Abend schwatzende Männer. Wenn die Sonne untergeht, erteilen die Vornehmen gern öffentliche Audienzen auf der Straße, inmitten ihrer Klienten, Dienstmannen und Sklaven, mit denen sie wohl gemeinsam da maghrebgebiet zum Sonnen untergang verrichten. Erst später vereinigt sich die Jugend in den Straßen und auf den Plätzen zu Musik und Tanz. Unglaublich groß ist die Zahl der Blinden, die halb nackt und verhungert die Mildtätigkeit anflehen. Eigentümliche Erscheinungen sind die vielen Bettelstudenten, die aus allen Nachbarländern Kuka aufsuchen, um Gelehrsamkeit und Brot zu erwerben. Man findet unter ihnen die verschiedensten Lebensalter, Knaben und Greise, wahrhaft "bemooste Häupter". Das Leben auf dem Dendal der Oststadt ist weniger mannigfaltig, aber glänzender durch die Menge der Hofbeamten, schöner Pferde und reich gekleideter Reiter.

In den Nebenstraßen schwächt sich der Verkehr erheblich ab Die Pfade sind winklig und schmal, die Wohnungen bescheidener; man stößt auf Ruinen, unbebaute Plätze, große Gruben, Abfallhaufen, stinkende Pfützen und tiefe Regenteiche. In einem der letzteren lebte sogar ein kleines Krokodil, das auch eine mehrmonatige Trockenzeit überstand. Diese Teiche sind Brutstätten der Malaria, dazu kommt die Anhäufung von allerhand Unrat. Der Gesundheitszustand Kukas würde noch weit schlimmer sein, wenn nicht die vielen Aasgeier die Wohlfahrtspolizei ausübten.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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