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7. Wüstenreise nach Bornu

 

In Mursuk verbrachte ich einen ungemütlichen Winter. Hamed Bei, der nach dem Tode des unfähigen Paschas die Verwaltung Fessans vorläufig übernommen hatte, war nicht der Mann, um den räuberischen Tubu und Tuarik sowie den gefürchteten arabischen Nomaden Achtung einzuflößen, so daß ein unbehagliches Gefühl öffentlicher Unsicherheit auf den Bewohnern lastete. Der Winter war außergewöhnlich kalt, Brennstoff wenig vorhanden, und bei einer Zimmertemperatur von nur 5 und 6 Grad, wie öfter des Morgens, ist Lesen und Schreiben keine angenehme Beschäftigung. Gegen den allerdings seltenen Regen bietet die Salzerde, aus der die Mursuker Häuser gebaut sind, einen schlechten Schutz. Weihnachten wollte ich mit Valpreda bei einem Glas Grog feiern. Aber die kunstlose Decke meines Gemachs bröckelte herunter, der Regen drang ungehindert ein, und als ich in das Zimmer Valpredas flüchtete, bekam ich Wasser und Erde ins Glas. Nach mehrmaligem vergeblichem Ortswechsel suchte ich wehmütig mein Lager auf.

Erst gegen Anfang des Jahres 1870 eröffnete sich eine Aussicht, von Mursuk fortzukommen: der türkische Gouverneur von Tripolis, hieß es, beabsichtige, eine Gesandtschaft an den König von Bornu zu schicken, um diesem Negerfürsten Geschenke zu überreichen und eine Sammlung wilder Tiere für den Großherrn in Konstantinopel zurückzubringen. Es war vorauszusehen, das der Gesandte als Bote des Großherrn glänzend auftreten und auch als Muselman mich in den Schatten stellen werde. Aber da eine größere Karawane von Kaufleuten nicht zustandekam, blieb mir nichts übrig, als mich ihm anzuschließen.

Ende Februar 1870 traf der Gesandte in Mursuk ein, Mohammed Bu Aischa, ein Araber aus dem Räuberstamm der Aulad-Soliman, der uns noch wiederholt beschäftigen wird, ein kräftiger hochgewachsener Mann in den besten Jahren, lebhaft, klug, schriftgewandt und belesen. Er hat mir in anziehender Weise die Zeit durch Erzählungen aus der Geschichte Fessans vertrieben. Er reiste mit 20 Kamelen und einem großen Gefolge von Verwandten, Klienten und Sklaven.

Dazu kamen noch einige Kaufleute und eine Gesellschaft marokkanischer Gaukler unter Führung des Hadsch Salif, der bereits zwölfmal Mekka besucht hatte. Sie waren etwa 50 Köpfe stark, durch Marokko, Algerien und Tunesien gezogen, um nach Mekka zu pilgern; doch ließ sich in Tripolis Hadsch Salif zu dem abenteuerlichen Abstecher an die Höfe der freigebigen Negerfürsten des Sudan bewegen. In Mursuk waren sie schon auf die Hälfte der früheren Zahl zusammengeschmolzen, interessante Erscheinungen, in der Mehrzahl unverfälschte Berber, die Erwachsenen junge, kräftige Männer, die hart behandelten Knaben frisch und lebendig. Einige waren vortreffliche Springer, andere führten ungewöhnliche Kraftleistungen aus. Salif balancierte in den Händen oder im Gürtel eine 6 Meter lange Stange, während drei oder vier Knaben an ihr turnten. Um mich von Bu Aischa möglichst unabhängig zu machen, suchte ich mir diese Leute, die geschickt ihre Steinschloßgewehre handhabten, geneigt zu machen; ich überreichte ihnen bei einer Vorstellung vor meinem Hause ein größeres Geschenk und schoß ihnen zum zum Ankauf eines dritten Kamels Geld vor.

Am 18. April verließ ich Mursuk, gerade ein Jahr nach meiner ersten Ankunft, nach herzlichem Abschied von so manchem lieben Bekannten und Freund. Vor einem halben Jahr war ich auf der Flucht von Tibesti dort eingezogen, zerlumpt, halb verhungert, mit einem auf Kredit gekauften Esel als einzigem Besitztum. Jetzt ritt ich hoch zu Roß, mit neun vortrefflichen Kamelen und einer Leibgarde von 25 Marokkanern.

In bequemen Tagemärschen zogen wir südlich auf der Karawanenstraße, die wir bei der Reise nach Tibesti bis zum Tümmogebirge benutzt hatten. In Gatrun fand ich meinen Freund, den Hadsch Dschaber, nicht mehr unter den Lebenden. Ein festlicher Empfang erwartete uns in dem breiten Oasental von Kauar, das in der Gestalt eines sich nach Süden verlierenden Palmenwaldes vor uns lag. Bu Aischa hatte sich die Bewohner zu Dank verpflichtet durch erfolgreiche Schritte nach einem Überfall der Aulad-Soliman aus der Landschaft Kanem am Tsadsee, ihrer erbarmungslosen Erbfeinde. Man ehrte in ihm den Befreier und Wohltäter und brachte uns ausgedehnte Gastfreundschaft entgegen; Frauen und Mädchen veranstalteten anmutige und sittsame Tänze bei Gesang und Trommelschlag. In Anai dient, wie auch anderswo in Kauar, ein Sandsteinfelsen mit senkrechten Wänden, bedachten Steinräumen, Höhlungen und Gängen als fester Zufluchtsort bei Überfällen; eine schwanke Leiter führt hinauf. Hier traf ich einen alten bekannten, Arami, unsern Blutsauger und Lebensretter von Tibesti. Er hielt wieder die Hand offen, allerdings höflicher als früher, aber meine Begleiter behandelten ihn mit ausgesuchter Grobheit, und er zog unbeschenkt unter Drohungen ab.

Die Bevölkerung von Kanuar besteht größtenteils aus Tubu, die von Tibesti dahin ausgewandert sind. Sie ist jedoch, infolge des starken Handelsverkehrs und der besseren Lebensverhältnisse, viel zivilisierter und entgegenkommender als die armen, fremdenfeindlichen Stammgenossen, und bei der vortrefflichen Verpflegung nahmen wir uns Zeit für den Marsch durch das gastliche Ländchen, dessen Annehmlichkeiten allerdings durch die große, fast bis zu 50 Grad steigende Hitze beeinträchtigt wurden.

In Dirki begrüßte und der junge Kauarfürst Dunnoma in einfacher, fast biederer Weise. Seine Begleitung zeichnete sich durch ihre Reiterkünste aus. Ein Mann stand hoch auf dem Reitsattel seines Kamels und trieb das Tier zu rasenden Laufe an, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die Begrüßung seitens der Frauen war noch begeisterter als in den zuvor berührten Ortschaften, ihre Tänze von vollendeter Anmut.

Dunnoma war mit meinen Geschenken anfangs nicht zufrieden. Als ich mich aber weigerte, mehr aus mir erpressen zu lassen, fügte er sich mit der freundlichen Versicherung, wenn ich allein wäre, würde er es anders machen und er hoffe es bei meiner Rückkehr von Bornu nachholen zu können. Weniger gut kam ich mit dem geistlichen Oberhaupt von Kauar aus, einem Scheich der weitverbreiteten islamischen Sekte der Senussija, die mir später manche Schwierigkeiten bereitet hat. Meine Reisegenossen begrüßten ihn mit großer Ehrfurcht, selbst Bu Aischa stieg schon in einer Entfernung von fünfzig Schritt vom Pferde und küßte den Saum seines Gewandes. Als ich auf ihn zuging und ihm einfach die Hand reichen wollte, zog er die seine zurück und begnügte sich, einige Worte des Willkommens zu murmeln, wie man sie selbst einem Ungläubigen widmen kann.

Sehr geschätzt war ich als Arzt und wurde viel konsultiert. Als man hörte, ich habe einen meiner Diener von einem kranken Zahn befreit, war mein Ruf gesichert und meine Ruhe dahin, 20 bis 30 gezogene Zähne waren im Laufe eines Tages meine geringsten Trophäen. Manche opferten, ohne zu zucken, drei oder vier Zähne in einer einzigen Sitzung, und ein junges Mädchen, dem ich schon fünf Ruinen entfernt hatte, bat mich, doch ja ordentlich nachzusehen, ob nicht noch eine Wurzel zurückgeblieben sei.

Erst am 10. Juni verließen wir die übliche Oase Kauars, Bilma; sie versorgt einen großen Teil der Sahara und der Haussastaaten mit Salz. Der Rest des Monats verlief ohne erhebliche Zwischenfälle. Gleich hinter Bilma beginnt der mit steinigen Ebenen abwechselnde Dünenstrich, der etwa 120 Kilometer breit ist und den schwierigsten Teil der ganzen Reise ausmacht; er stellt mehrere Tage hindurch Geduld und Kraft der Reisenden und mehr noch der Kamele auf die Probe. Diese Ketten von Flugsandhügeln sind meist nur etwa 15 Meter hoch, aber wegen ihrer steilen Abhänge schwer zu überwinden. Der überwältigende Eindruck dieses Sandmeers, das an Großartigkeit dem Meere nicht nachsteht, an majestätischer Ruhe es aber übertrifft, schwächt sich allmählich ab und geht unter im Kampf mit der Natur.

Schon innerhalb des Dünengürtels zeigten sich Spuren des Übergangs in andere Zonen. Die zunehmende Vegetation in kleinen Oasen, das lebhafte Treiben der Vögel, die zahlreichen Spuren von Gazellen und größeren Antilopen ließen die Nähe fruchtbarerer Himmelsstriche ahnen. An die Stelle der Wüste tritt die Steppe.

Anfangs nur in den Tiefen der Bodenwellen, zeigt sich der Pflanzenwuchs auch in der Höhe derselben, und südlich der Oase Dibbela beginnt ein fortlaufender Vegetationsschmuck. Der früher wolkenlose Himmel zeigt in der zweiten Tageshälfte nicht selten Haufenwolken, und die in der mittleren Wüste selbst bei großen Anstrengungen trocken bleibende Haut beginnt sich mit Schweiß zu bedecken.

Gegen die Oase Agadem hin war die ganze Gegend krautreich und von Tieren belebt. Überall sah man grasende Antilopen, einzeln, in kleinen Trupps, in Herden von Hunderten, und reiche Jagdbeute ermöglichte eine üppige Abendmahlzeit. Nachdem wir die Nordgrenze der regelmäßigen Sommerregen überschritten hatten, änderte sich der Charakter der Landschaft noch wesentlicher.

Die spärlichen Baumgruppen der Steppe machen einem fortlaufenden lichten Wald Platz. Zu den Füßen der laubreichen Bäume entwickelt sich zur Regenzeit ein grüner Bodenteppich. Welcher Reichtum der Färbung, welche Mannigfaltigkeit der Formen! Mit inniger Lust weilt das Auge des Wüstenwanderers auf diesen Schöpfungen der Natur, wenn auch die eigentliche tropische fülle noch fehlt. Wir fühlten uns neu belebt, von fröhlicher Hoffnung erfüllt.

Am 28. Juni traten wir aus dem Wald auf die sandige Hügelreihe hinaus, die den ersten Blick auf den Tsadsee bietet. Ein halbes Stündchen grasreicher Ebene trennte uns von der augenblicklichen Grenze des vielgenannten Sees. Flach und schmucklos lag er vor uns, mit einförmigem Ufer und schilfigem Rande. Als Knabe hatte ich auf den Karten oft träumerisch seine Umrisse betrachtet, die damals allein mit dem fabelhaften Mondgebirge den weißen Fleck des unbekannten Innerafrikas unterbrachen. Meine eigenen Erwartungen befriedigte die Wirklichkeit nur im geringen Maß, und diejenigen meiner Gefährten, die zum erstenmal Bornu besuchten, waren lebhaft erstaunt und enttäuscht, als sie statt ausgedehnter Wassermassen unbestimmte Ufer mit dem weit ins Innere sich erstreckenden Schilfgewirr erblickten und in der Ferne das seichte Wasser durchsetzende flache Landstreifen.

Dafür entschädigte das fremdartige Leben auf dem Ufer. Die große Wiesenfläche, die die nächste Ortschaft Ngigmi umgab, war bedeckt mit Haustieren, die Einwohner bewegten sich geschäftig hin und her, zahllose Wasservögel gingen ihrer Nahrung nach, und nahe dem Dorfe stand ein Elefant, der seinen Durst löschte und seinen mächtigen Körper bespritzte. Als ich zur nächstgelegenen Stelle des Sees eilte, tummelten sich 20 bis 30 Flußpferde im Wasser.

Der folgende Tag brachte einen heftigen Sturm, der unser Zelt zu Boden warf, dann einen Regen von tropischer Kraft und Fülle, der uns in einen kläglichen Zustand versetzte und unser Gepäck gründlich durchnäßte. Nach einer höchst erquicklichen Nacht überschritten wir den von Westen her in den See mündenden Fluß an einer trockenen Stelle und hielten, wiederholt durch Vertreter des Sultans Omar begrüßt und beschenkt, am 6. Juli unsern Einzug in Kuka, der Residenz des Bornureiches.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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