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6. Der Mord an Fräulein Tinne

 

Erst jetzt erhielt ich genauere Nachrichten über das schreckliche Schicksal einer Dame, die meine interessanteste Bekanntschaft in Tripolis gewesen war: Fräulein Alexandrine Tinne, mit der ich auch in Mursuk zusammengetroffen war. Eine Dame, die schon so viele Proben hohen Strebens und festen Willens abgelegt hatte, erfüllte sie mich zunächst nur mit scheuer Ehrfurcht. Ihre edlen Züge, ihr vornehmes, zurückhaltendes Wesen enttäuschten angenehm jeden, der sich unter ihr, wegen ihrer abenteuerlichen Laufbahn, eine Emanzipierte vorgestellt hatte, vermochten jedoch bei oberflächlicher Bekanntschaft nicht zu erwärmen. Die Stadt war verwöhnt von dem Rufe ihres Reichtums. Während meines langen Aufenthaltes in Mursuk fand ich sie ruhig, ernst, vornehm wie immer, doch herzlicher und wärmer. Sie war entschlossen, ebenfalls nach Bornu zu gehen, und wir verabredeten, die Reise gemeinsam zu unternehmen. Vorher jedoch beabsichtigten wir, jeder für sich eine kleinere Wüstenreise zu machen. Sie entschloß sich zu dem Ausflug nach der etwa 400 Kilometer südwestlich liegenden Oase Chat, der während meines Abstechers nach Tibesti ihr Verhängnis wurde.

Bei ihren Vorbereitungen übernahm ich gewöhnlich die Vermittlung mit den Behörden; hierbei vermißte ich jenes herzliche Entgegenkommen, das mir selbst so reich zuteil wurde. Erst allmählich sah ich ein, welchem Umstande der Unterschied entsprang: sie war nicht verheiratet, später wurde sie für meine Frau gehalten und unter andern unsinnigen Gerüchten fand den meisten Anklang die Beschuldigung, sie führe einen verzauberten Mann in Gestalt ihres riesigen Lieblingshundes mit sich, der nur unter dem Dunkel der Nacht menschliche Gestalt annehme. Als das Tier an Altersschwäche starb und seine Herrin einen in Mursuk unbegreiflichen Schmerz über seinen Tod zur Schau trug, zweifelten nur wenige mehr an der Richtigkeit dieser Annahme.

Fräulein Tinne hatte von dem berühmten Tuarikhäuptling Ichnuchen die bestimmtesten, wahrscheinlich aufrichtigen Versprechungen erhalten, daß sie die Oase Chat in voller Sicherheit besuchen könne. Sie verließ Mursuk zusammen mit acht Tuarik aus dem Gefolge des Häuptlings, darunter sein Schwestersohn Hadsch esch-Scheich. Mit ihr reisten zwei holländische Diener, zwei junge Neger, der ganze weibliche Teil ihres Hausstandes, drei in Tunis und in Fessan angeworbene Männer und ein Troß von freigelassenen oder durch sie befreiten Sklaven, der unter ihrem Schutze nach dem Sudan zu gelangen hoffte. Gleich nach meiner Rückkehr aus Tibesti ließ ich mir von den Überlebenden in Mursuk den Hergang erzählen und war nach wenigen Tagen, als ich jung und alt, Männer und Weiber, Araber und Neger, und zwar jeden einzeln ausgefragt hatte, wohl in der Lage, mir ein Urteil zu bilden.

Einige Tagesreisen von Mursuk entfernt war die Karawane, jenseits der letzten bewohnten Ortschaften, in das Aberdschudschtal gekommen, wo sie die Nacht verbrachte. Am 1. August frühmorgens begann man das Lager abzubrechen. Die Tuarik standen, auf ihren Lanzen gestützt und ihrer Sitte gemäß mit verschleierten Gesichtern, in der Nähe. Da gerieten, wohl auf Verabredung, zwei der mit ihren Kamelen gemieteten Araber in Streit. Einer der beiden Holländer suchte vermittelnd einzugreifen. Die Streitenden verbaten sich seine Einmischung, Scheltworte flogen hin und her.
Plötzlich sprang der Neffe des Tuarikhäuptlings - ein Teil meiner Gewährsleute bezeichnet jedoch einen andern als Mörder - dazwischen und durchbohrte den Holländer mit den Worten: "Warum mischest du dich in den Streit von Muselmanen?" Der andere Holländer sprang auf sein Kamel zu, um sein Gewehr zu ergreifen, doch ein Schwerthieb über den Hinterkopf streckte ihn zu Boden, und ein Lanzenstich vollendete die Tat.

Im Nu war das ganze Lager der Schauplatz der größten Verwirrung. Die Frauen stürzten heulend und händeringend aus den Zelten, Schuldige und Unschuldige schrien und drängten durcheinander. Der wüste Tumult rief Fräulein Tinne aus ihrem Zelt herbei, doch ohnmächtig verhallte ihre befehlende Stimme. Ein Araber erhob zuerst die Hand gegen das wehrlose Weib. Sein Hieb mit scharfer Waffe über Hals und Schulter streckte sie noch nicht zu Boden, erst nach einem zweiten über den Vorderarm, den ein Sklave des Hadsch esch-Scheich geführt haben soll, sank die zarte Dame zusammen. Ihr Bewußtsein schwand glücklicherweise bald, doch erst als die Sonne die Mitte ihrer Bahn überschritten hatte, hauchte die Arme das Leben aus.
Im Bewußtsein der Schmach, mit der sie ihre Untat bedeckte - auch in jener Welt der Rechtlosigkeit, des Raubes und Mordes gilt es für eine Schande, ein Weib zu töten -, stellten die Mörder ihre verräterische Tat als den Ausfluß ihres Hasses gegen die Christen dar. Das gesamte Negerpersonal und die Frauen wurden von den Verschworenen in die Zelte verwiesen mit der Versicherung, daß man ihnen kein Haar krümmen werde, denn es se nur auf die Christen abgesehen gewesen.

Darauf machten sich die Täter an die Befriedigung ihrer Habsucht, die ohne Zweifel das einzige Motiv zur Tat gewesen war. Der Reisenden ging ja der Ruf eines märchenhaften Reichtums voraus. Schon ehe sie Fessan erreicht hatte, erzählte man in den Hofkreisen in Kuka von ihren Schätzen, und das Gerücht von der "Königstochter" hatte sich alsbald nach allen Richtungen bei den Stämmen der Wüste verbreitet.
Es ist nicht unwahrscheinlich, daß der tunesische Diener Mohammed el-Kebir mit in der Verschwörung war. Er war mit der Sorge für das gesamte Gepäck betraut, und nach der blutigen Tat war er es, der die Kisten und Kasten öffnete und den Räubern das bare Geld aushändigte, dessen geringer Betrag allgemein enttäuschte. Der übrige Inhalt wurde versteigert, wobei das verteilte Geld, Kamele und Waffen als Kaufmittel dienten.
Sogar während dieser Zeit war das Schlachtopfer, noch blutend und leise stöhnend, nicht vor den Roheiten seiner Henker sicher. Vieles blieb unverkauft und lag zerstreut auf dem Boden. Die Diener erhielten von den Räubern ein Kamel und einige Wasserschläuche zur Rückkehr nach Fessan. Die Mörder und Räuber kehrten auf verschiedenen Wegen in ihre Heimat zurück. Bald lagerte wieder die Stille der Wüste über dem Schauplatz des Verbrechens, und nur die Aasgeier bewachten ihre Beute.

Die Tuarik sind wohl gewalttätig und fanatisch, stehen jedoch im Ruf der Wortfestigkeit und eines gewissen mannhaften Edelmuts. Henri Duvenrier, der beste Kenner der Tuarik, schrieb mir, ohne vollgültige Beweise des Gegenteils sei er überzeugt, daß die Schuld nicht ihnen, sondern den Arabern zufalle. Trotzdem ist die Urheberschaft des ganzen Verrats auf seiten der Tuarik wahrscheinlich, ihre Mitschuld sicher; man kann höchstens zweifelhaft sein, welcher von beiden Teilen der intellektuelle Urheber war. Um hierüber klarzuwerden und um die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, geschah in zunächst von den Behörden zu Mursuk und Tripolis ebensowenig als zur Feststellung der Rolle, welche die verdächtigen Diener gespielt haben.
Später erfuhr ich in Bornu, der Prozeß sei zum Nachteil der arabischen Kamelführer beendet. Die Tuarik hätten es verstanden, alle Schuld auf die Araber zu wälzen, von denen mehrere verurteilt wurden. Auch sei es wahrscheinlich geworden, daß Hadsch Brahim sie angestiftet habe; dieser sei mit seinem Vater nach Tripolis gerufen worden, und beide seien kurz nacheinander , wahrscheinlich durch Gift, gestorben. Diese Nachricht vom Tode meiner besten Freunde in Fessan erschütterte mich tief; an ihre Schuld habe ich keinen Augenblick geglaubt.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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