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5. Die Flucht

 

Ich hatte gehofft, daß mit der Zeit die Gefühle der Leute von Bardai gegen mich sanfter werden würden. Doch ihre Feindschaft blieb dieselbe, und ihre anfängliche Furcht vor mir schwand allmählich. Besonders die herangewachsene männliche Jugend war unerbittlich und erst recht, wenn sie durch Palmsaft erhitzt war. Sie spien ins Zelt, schleuderten Speere und schilderten anschaulich, wie sie mich ermorden wollten, wenn ich aus Aramis Schutz entlassen sei. Dessen Schwester verwies wiederholt und mit Erfolg die übermütige Jugend in ihre Schranken. Er selbst, mächtiger und angesehener als der Dardai, war sehr in Anspruch genommen als Vermittler, Schiedsrichter und Ratgeber, sowie durch seine eigenen Angelegenheiten, die er rastlos wahrnahm.
Als er eines Tages durch heftigen Katarrh gezwungen war, das Haus zu hüten, ging ich mit Mohammed zu ihm, redete ihm ernstlich zu und schloß mit dem Vorschlag, er möge für den Rest meines Geldes Datteln und Getreide kaufen und uns zur Flucht verhelfen; er solle uns mit seinem Neffen Gordoi und zwei Kamelen über das Gebirge zurückgeleiten, um uns dort unserm Schicksal zu überlassen. Er schwankte, bis ein gewalttätiger Zwischenfall ihn von der Notwendigkeit heimlicher Entfernung überzeugte: Ein harmloser Tubu, den man für einen meiner Leute hielt, wurde bei seiner Durchreise beschimpft und mißhandelt. Seit dieser Stunde gab Arami die Hoffnung auf, daß ich in Frieden abreisen könne, und versprach seine Beihilfe zu nächtlicher Entweichung. Als Lohn versprach ich ihm meine auf der anderen Seite zurückgelassenen Kamele. Gordoi und Birsa wurden eingeweiht, auch der geflohene Kolokomi benachrichtigt, er solle an einem bestimmten Punkt zu uns stoßen.

In der Nacht vom 3. zum 4. September schlug die Stunde der Befreiung. Wir umgingen Bardai und folgten dem Wege, den wir vor einem Monat nach dem Orte eingeschlagen hatten, bis zum Kamm des Gebirges. Am Krater stieß Kolokomi mit seiner Kamelstute zu uns. Nun bogen wir rechts ab und stiegen, parallel der auf dem Hinwege befolgten Richtung, in die Ebene hinunter. Hier wurde Bu Zeid abgesandt, um meine vor Antritt der Reise nach Bardai zurückgelassenen Kamele zu holen, bei deren Ankunft sich Arami von uns trennen wollte. Wir machten an einem köstlichen Wasserbecken eine mehrtätige Rast, die auch unsere Erschöpfung gebieterisch forderte. Schon der zweite Marschtag, dem eine böse kalte Nacht mit nur 6 Grad folgte, hatte uns eine entsetzliche Anstrengung bei zehnstündigem steilem Anstieg gebracht. Den Genuß des ersten reichlichen Trunks, der ersten ausgiebigen Mahlzeit, des ersten Gefühls der Sicherheit kann nur der ermessen, der in ähnlichen Lagen war.
Am 11. September kam Bu Zeid mit fünf Kamelen zurück. Von meinen eigenen Tieren war nur ein einziges darunter, das ich Arami überlassen mußte; die anderen drei waren angeblich eingegangen oder gestohlen worden, so daß ich ein zweites zu mehrfachen Preise mieten mußte. Der Trennung ging noch ein häßlicher Streit mit den blutsaugerischen Tubu voraus, die mir so ziemlich das letzte wegnahmen; auch mußte ich noch Schuldscheine ausstellen. Als das erledigt und wir schon mit der Bepackung beschäftigt waren, begann unser Führer Kolokomi sich mit seinem Kamel ohne Abschied zu entfernen. Ich mußte mich schriftlich verpflichten, ihm einen neuen Anzug zu schenken, wenn er uns noch bis in Sicht des Tümmogebirges begleitet.

Die nächsten Tage brachten uns in Gewaltmärschen auf unsern frühern Reiseweg. Ich fieberte bereits, aber noch warteten unser die schlimmsten Leiden. Noch ehe wir das Tümmogebirge sahen, verließ uns Kolokomi, dann versagte das Mietkamel, und wir mußten seine Traglast verborgen zurücklassen. Mein Herz klopfte, meine Schläfen pochten, meine Haut brannte, und die Zunge klebte mir am Gaumen. Das getrocknete Kamelfleisch konnte ich nicht herunterbringen, und die Süßigkeit der Datteln widerstand mir. Ich hoffte zu schlafen, aber die Aufregung der Übermüdung machte es unmöglich. Schon unmittelbar nach dem Wiederaufbruch schleppte ich mich nur mit Aufbietung der letzten Kräfte durch den Sand. Meine Knie zitterten, die sonst so trockene Haut bedeckte sich mit Schweiß. Schon waren wir übereingekommen, bei der drohenden Lebensgefahr seien wir alle gleich, und wer nicht mehr vorwärts könne, müsse erbarmungslos zurückgelassen werden.
Am Morgen des 18. September hatten wir die steil aufsteigende Südwand des Tümmo dicht vor uns, aber nicht an dem Punkte, wo der Weg in das Innere des Gebirgsstockes führt, so daß uns noch ein äußerst mühsamer Kampf mit den Vorbergen erwartete. Die beiden Kamele weigerten sich schon jetzt weiterzumarschieren und mußten vorläufig zurückgelassen werden; auch Valpreda blieb liegen.

Noch mehr als drei Stunden dauerte die Qual der Bergwanderung, aufwärts und abwärts, durch den Sand und über Felsen, Gerölle und Blöcke. Am Mittag endlich lagerten wir in der schattigen Umgebung der Tümmobrunnen und beschlossen hier zu bleiben, um bei vollständiger Ruhe und uneingeschränktem Wassergenuß unsere Kräfte herzustellen. Zur Ergänzung unserer kärglichen Nahrungsmittel wurden Knochen und Sehnen von Kamelen gepulvert, mürbe geklopft und morgens zu sorgfältig abgezählten Datteln, abends zu einem Näpfchen Mehlbrei genossen. Die beiden Kamele wurden nachgeholt, und Valpreda kam uns ohne Hilfe nach, allerdings sehr mürrisch und im rätselhaften Zustand. Seine Bekleidung bestand aus einem Paar hoher Wasserstiefel und einem Schurz, den er aus einem Hemd hergestellt hatte. Sein Gewehr wurde glücklich aufgefunden, nicht dagegen seine übrigen Kleidungsstücke.
Am Abend des 23. September zogen wir weiter, unter Verzicht auf den Rest des Gepäcks. Jeder trug sein Gewehr und seinen Proviant, der in einem halben Hundert Datteln bestand. Unsere beiden völlig entkräfteten Kamele wurden schon am nächsten Tag endgültig aufgegeben, jetzt wurde auch das allerunentbehrlichste Wasser, anderthalb Liter auf Tag und Kopf, auf den Schultern getragen. Mein Vorschlag, aus unserem letzten Hund, einem Fleischlosen Gerippe, eine Mahlzeit zu bereiten, scheiterte an dem mohammedanischen Vorurteil gegen Hundefleisch. Während eines dreitägigen Marsches, auf dem wir nachts empfindlich froren, stießen wir wiederholt auf die Skelette von Opfern des Sklavenhandels. Wo wir rasteten, hatten diese unglücklichen, von ihren Herren krank oder erschöpft zurückgelassen, zwischen den Felsen Schutz gegen die Sonne gesucht und ihr entsetzliches Ende erwartet.

Als wir zum Meschrubrunnen kamen, waren wir der Rettung sicher, und ich konnte über den grotesken Zustand unsere kleinen Gesellschaft wieder herzlich lachen: Zwei Diener unbekleidet, die Wasserschläuche auf den Rücken, Mohammed noch in seinem langen Hemd, Valpreda in dem schon beschriebenen Anzug, Bu Zeid fast erliegend unter dem Gewicht eines Gepäcks, den er in seiner Habsucht dem Versteck im Tümmo nicht anvertrauen wollte, ich selbst barfuß, die Beine mit baumwollenen Fetzen umwickelt, die man mit weitestgehendem Wohlwollen nicht mehr als Beinkleider bezeichnen konnte, der Oberkörper in einem arg mitgenommenen Pariser Sommerüberrock gehüllt, keuschend unter der Last zweier Gewehre. Am 28. September erblickten wir Tedscherri, schleppten uns über den südlich vorliegenden Dünengürtel, stürzten uns auf den ersten reife Früchte tragenden Dattelbaum und erreichten spät abends das Städtchen.
Unsere Ankunft brachte große Aufregung in dem kleinen Ort hervor, denn man hatte seit langem die Hoffnung aufgegeben uns wiederzusehen. Man bewunderte unsere physische Leistung und überschwemmte uns mit kulinarischen Schätzen, wie Hühnern, Datteln und Gerstenbrei. Schleunigst wurde ein Bote an den Hadsch Dschaber nach Gatrun geschickt, und der sonst sehr sparsame alte Herr schenkte ihm in seiner Freude drei blanke Mariatheresienthaler. Als wir in Gatrun anlangten, hat er uns so fürstlich bewirtet, daß meine Verdauungsorgane darunter litten. Viel trug dazu ein fetter Ziegenbock bei, den ich zur Feier der Rettung gekauft hatte.

In Gatrun herrschten unerquickliche Zustände. Hunderte arabischer Nomaden waren in der Stadt, um ihren Wintervorrat einzukaufen, benahmen sich roh und feindselig, der greise Hadsch Dschaber wurde sogar mißhandelt. Unbemerkt machte ich mich am 5. Oktober auf den Weg nach Mursuk, auf dem mir ein Bote des vortrefflichen Hadsch Brahim mit verschwenderischen Vorräten entgegen kam. Ein heftiger Magenkatarrh war die Folge, und ich war froh, am 8. Oktober in meiner alten Häuslichkeit zu Mursuk Ruhe zu finden. Hier erledigte ich meine Abrechnung mit dem habsüchtigen Bu Zeid und sorgte dafür, daß die erpreßten Schuldverschreibungen herabgesetzt wurden.
Nach der Abwicklung dieser Geschäfte mußte ich um so ernstlicher an meine Gesundheit denken, als ich bald eine Gelegenheit zu finden hoffte, in Gesellschaft nach Bornu weiterzureisen. An den Katarrh schloß sich ein chronischer Durchfall; infolge meiner Schwäche und Blutarmut schwollen meine Füße an, was mich monatelang verhinderte, Schuhe zu tragen. Bis weit in den Winter hinein kämpfte ich ohne merklichen Erfolg gegen Krankheit und Schwäche, und als ich wirklich nennenswerte Fortschritte machte, stellte sich wieder Sumpffieber ein.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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