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4. Unter Schmarotzern und Erpressern

 

Unsere Ankunft in Tao fiel in die schlimmste Zeit des Jahres, wo die schwierigen Ernährungsverhältnisse die spärliche Bevölkerung zum Wechsel der Wohnsitze zwingen. Im Sommer haben die Bewohner der südwestlichen Hälfte Tibestis, die Tubu-Reschade, ihre Vorräte an Samenkörnern des hohen verästelten Knotengrafes (Duchn) aufgezehrt, die Ziegen und Kamele geben keine Milch und werden nur im Notfall geschlachtet, und von den harten Früchten der Dumpalme können selbst die entsagungsfähigen Tubu nicht lange das Leben fristen.
Viele waren schon nach dem fruchtbaren Tal Bardai im Nordosten des Gebirges gezogen. Die Hütten und zahlreiche Höhlenwohnungen standen meistens leer. Auch der Häuptling Tafertemi hatte das benachbarte Zuartal verlassen, nur wenige Tubu-Edle waren dort zurückgeblieben und kamen uns nach dem Orte, wo das Tal aus den Felsen in die Ebene tritt, entgegen.

Als sie in einem weiten Bogen vor meinem Zelt niederhockten, glichen sie mehr einer Bande verhungerter und zerlumpter Banditen als einer Versammlung der Vornehmsten ihres Stammes. Ihr Gefolge war fett- und fleischlos und erbärmlich gekleidet.
Ihre erste Forderung ging auf ein warmes Abendessen, dem noch vor Tagesanbruch ein gediegenes Frühstück folgte. In ein paar Tagen aßen sie in meinem Getreidevorrat ein Loch, für das wir sonst mehr als eine Woche gebraucht haben würden. Weit schlimmer gestalteten sich die Verhandlungen über "die Rechte ihres Tales", nämlich den ihnen zu entrichtenden Durchgangszoll. Ihr Sprecher war der Maina Derdekore. Selten habe ich eine solche Redefertigkeit beobachtet. Seine List, gegnerische Gründe zu übergehen, als nebensächlich zu behandeln, zu verdrehen, erfüllte mich mit Bewunderung. Kolokomi wurde einfach zur Seite geschoben.

Meine Advokaten waren Birka, Bu Zeid und Galma, der aber schon jetzt begann, mich mit den unverschämten Betteleien zu quälen. Sie waren diesen sonderbaren Edelleuten nicht entfernt gewachsen, und ich erlitt eine Niederlage nach der andern. War eine Forderung bewilligt, so folgte sofort eine neue. Alle erpreßten Geschenke, Toben, Burnusse, Fesse und Turbane, wurden raffiniert untersucht, für jede kleine Stelle Mottenfraß ein Schadenersatz verlangt, die Unterhandlungen über die kleinsten Gegenstände nahmen Stunden in Anspruch.
Endlich konnten wir dem ausgetrockneten Zuarfluß aufwärts folgen. Es war ein bald stark eingeengtes, bald einen Kilometer breites Tal, eingefaßt von wilden dunkeln Felsen, geschmückt mit reicher Vegetation, mit Tieren belebt. Jeder Baum trug Dutzende von Vogelnestern; zwischen den Bäumen und Sträuchern hüpften Gazellen, auf den Felsen kletterten große, den Babuin ähnliche Paviane. Das Wasser sammelt sich in diesem Teil Tibestis bei den seltenen Regenfällen in natürlichen Felsenzisternen und erhält sich, gegen die Sonne geschützt, ausgezeichnet frisch. Großartig ist die Zisterne Kauerda in ihrer Bildung und durch ihren Wasserreichtum. Mitten in einer hochgewölbten Grotte liegt ein mächtiges, regelmäßiges Steinbassin mit spiegelklarem Wasser.

Inzwischen kamen beunruhigende Nachrichten: Die räuberischen Bulgeda, ein Nomadenstamm Borkus, sei auf einem Plünderungszuge in Anmarsch. Ein einzelner Kamelreiter, der sich ohne Gruß zu uns setzte und der, ohne ein Geschenk erbeten zu haben, mit einer Drohung Abschied nahm, verbesserte die Stimmung nicht. Anscheinend war er ein Spion der Räuber aus dem oberen Zuartal, die auch wirklich einen unserer Lagerplätze heimsuchten, uns aber verfehlten.
Unter dem Eindruck wiederholter Warnungen verzichtete ich auf meinem Plan, weiter nach Südosten, nach Borku zu ziehen. Ich kehrte um und war am 20. Juli wieder in Tao, wo ich zwei Wochen lang liegenblieb. Mein plan, über das Gebirge nach Bandai zu gehen, stieß auf Widerspruch; die dort wohnenden Tubu seien noch roher, gewalttätiger und fremdenfeindlicher. Jedenfalls mußte ich, falls ich nicht schleunigst nach Fessan zurückkehren wollte, mich vorher vergewissern, wie sie mich aufnehmen würden.

Trotz aller finsteren Ahnungen konnte ich meinen Plan nicht verloren geben. Mich lockte die Übersteigung des Tarso, und selbst bei sofortiger Rückkehr nach Fessan drohte uns der empfindliche Hunger. Diese Erwägung schlug durch. Im Rat wurde beschlossen, Bu Zeid mit Briefen und Geschenken nach Bardai vorauszuschicken, um die Stimmung zu erforschen und einige Vorräte einzukaufen. Am siebenten Tage wollte er zurück sein.
Kaum war er fort, als der Schurke Galma zur Gewalt griff. Er versuchte, Mohammed das Gewehr zu entreißen. Ich mischte mich ein, und als ich die mir gehörige Waffe an mich riß, behauptete der Räuber, Mohammed sei eigentlich ein Sklave seines Vaters und folglich sein Eigentum.
Ich hielt die Angelegenheit für erledigt und zog mich in mein Zelt zurück. Da erfuhr ich, Galma sei abgezogen und schleppe Mohammed gebunden neben seinem Kamel mit sich. Schleunigst brachen wir zu seiner Verfolgung auf und holten ihn nach einigen Stunden ein. Da wir in Überzahl und gut bewaffnet waren, schleuderte er mir mit Drohungen den würdigen Diener zu. Der Vorfall hatte mir gezeigt, wie wenig ich mich in bedenklichen Augenblicken auf meine Tububegleiter Kolokomi und Birka verlassen konnte. Als ich zurückkam, war mein ohnehin schon sehr beschränkter Kattunvorrat gestohlen.

Es folgten trübe Tage der Sorge, der Langweile und des Hungers. Vor uns versammelten sich verdächtige Besucher, angeblich um mich zu begrüßen, in Wahrheit, um ihren Anteil am Raub zu bekommen. Wie die Aasgeier umkreisten sie mich. Sie verlangten von mir ernährt zu werden, sie drohten und bettelten abwechselnd. Ich beschäftigte mich mit Wetterbeochbachtungen und machte kurze Ausflüge in die nächste Umgebung, aber die Nacktheit der schwarzen, schroffen Felsen, die wilde Einsamkeit erhöhten das Gefühl der Verlassenheit und Hilflosigkeit und ließen mich finsterer wiederkehren, als ich gegangen war.
Am 25. Juli erschien bei mir Arami, der angesehenste Mann des Landes; er hatte ein intelligentes Gesicht und trug ein etwas zivilisiertes Wesen zur Schau. Mit Vorliebe sprach er von seiner Macht in Tibesti, von der Armut und Altersschwäche des Dardai Tafertemi und wie es nur ihm möglich sein würde, mich sicher zu beschützen.

Bald aber ging auch er zu unermüdlichen Erpressungen über, ganz nach der widerwärtigen Methode seiner habgierigen Landsleute. Wochen-, ja monatelang jagen sie einem Gegenstand nach, der ihnen gefällt, bitten, quälen, drohen, zuerst in allgemeinen Wendungen, und gehen im Notfall zum Hinweis auf ihre Waffen über. Seit Aramis Ankunft wuchs noch die Bande unheimlicher Gesellen um unsern Lagerplatz. Immerhin hatte seine Anwesenheit das Gute, sie von offenen Gewaltätigkeiten abzuhalten. Tag und Nacht waren wir auf der Hut. Ich ließ meine Leute ihre Gewehre an den Körper binden, legte niemals den Revolver ab, konnte aber nicht verhindern, daß ein Tubu mit einer gestohlenden Jagdflinte entkam.
Bu Zeid kam nicht zurück. Er schickte einen Brief, dem sein Begleiter mit einer kleinen Kamelladung Datteln folgte, als in unsern Eingeweiden der wühlte. Die Nachrichten lauteten wenig einladend.

Die Bewohner von Bardai hätten Bu Zeid zu töten gedroht, so daß er sich einige Tage verbergen mußte. Erst als Tafertemi erklärte, wenn der an ihn empfohlene Fremdling nicht kommen dürfe, werde er selbst zu ihm gehen, habe man Einsicht von meinen Empfehlungsbriefen genommen; man wolle meinem Besuch kein Hindernis in den Weg legen. Auch Arami, vor dem mich eine Tubufrau eindringlich warnte, stimmte nach langem Überlegen und Empfang großer unfreiwilliger Geschenke zu, und am 5. August konnten wir aufbrechen, von Arami und einigen andern Tubu begleitet.
Der beschwerliche Marsch, bei kümmerlicher Ernährung und unter weiteren Erpressungen Aramis, erreichte in einer Höhe von etwa 2500 Meter die Kammhöhe des Tarso, die der Tusidkegel noch um etwa 300 Meter überragt. Der Anblick war großartiger, als ich geahnt hatte.

Staunend stand ich am Rand eines riesigen Kraters, eines unten abgerundeten Trichters von mehr als 50 Meter Tiefe, dessen fast kreisrunder scharfer Rand drei bis vier Stunden Umfang haben mochte. Die dunkle Farbe der Wände stach scharf ab von schmalen, gewundenen Fäden von weißen Salzen, die dem erloschenen Vulkan den Namen Natrongrube verschafft haben. Wie gern hätte ich hier einige Ruhetage gehabt, den Tusidde bestiegen und von der höchsten Höhe, soweit mein Fernglas reichte, das ganze weite Panorama Tibestis umfaßt!
Ich setzte mich auf den Rand des Abgrundes und versank in träumerische Bewunderung, bis mich meine schmerzenden Füße zur traurigen Wirklichkeit zurückriefen. Neun Stunden hatte ich schon zu Fuß auf häufig recht schwierigem Boden zurückgelegt, doch der Hunger ist eine mächtige Triebfeder, und traurig schlich ich den Gefährten nach. Die Nacht fanden wir bitter kalt, obwohl vor Sonnenaufgang das Thermometer noch immer 10 Grad zeigte, denn in der Ebene waren es 25 bei einem Tagesmaximum von 40 gewesen.

Beim Abstieg nach nach Osten stießen wir auf merkwürdige Zeichnungen, deren Linien mit fester Hand in den Stein eingegraben waren. Sie stellten fast ausschließlich Rinder dar, daneben vereinzelt ein Kamel, ein phantastisches tierisches Geschöpf und einen Tubukrieger mit Lanze und Schild fast in Lebensgröße; der Schild ist merkwürdigerweise durch ein Kreuz in vier Teile geteilt. Über die Entstehungszeit und Bedeutung dieser Skulpturen vermochten meine Begleiter keinerlei Auskunft zu geben, sie hielten sie für Arbeiten eines müßigen Ziegenhirten.
Am 8. August hatten wir gerade das schöne Bardaital mit seinen anmutigen Palmengruppen betreten, als ein dumpfes Brausen von tobenden menschlichen Stimmen an mein Ohr drang. Das Getöse kam näher; die Männer brüllten - wahrscheinlich standen sie unter dem Einfluß des Lagbi, des Palmensaftes, wie fast jeder ehrenfeste Einwohner von Bardai am Abend -, sie rasselten mit den Waffen, die Weiber kreischten und ließen die übliche Zahlruta hören, das gellende Zungenschlagen, das vom Atlantischen Ozean bis nach Persien und vom Mittelmeer fast bis zum Äquator ein Stimmungsausdruck der Frauen ist. Schon unterschied man ihre Verwünschungen gegen die Christen und ihre blutdürstigen Vorsätze.

Da hat uns Arami gerettet. Stolz trat er der Menge entgegen. Es war die höchste Zeit. Schon schleuderten die Wütendsten und Betrunkensten ihre Wurfspeere. Mehreren Angreifern schlug Arami die Waffen nieder, und nun ging es an ein lebhaftes Parlamentieren. In diesem günstigen Augenblick kamen seine entfernter wohnenden Anhänger herbei, größtenteils im Zustand vorgeschrittener alkoholischer Begeisterung, und vermehrten die Friedenspartei in erfreulicher Weise, schreiend, waffenschwingend, mit dem Tode jeden bedrohend, der mir ein Haar krümmen würde. Ohne weitere Belästigung begaben wir uns zwischen Gärten, Hütten und Baumgruppen nach der Wohnung Aramis, wo wir unsern Hunger stillten und die Nacht verbrachten. Auf dem Wege trafen wir Bu Zeid, der angeblich wegen dringender Geschäfte einen Ausflug gemacht hatte; augenscheinlich hatte er sich vorsichtig verleugnet, und ebenso wurde mir schnell klar, daß auch Tafertemi sich verborgen gehalten hatte.

Nun begannen trostlose Wochen. Tag für Tag versammelten sich die Freunde Aramis vor meinem Zelt. Zuerst für sich allein, später wurden auch Vertreter der Gegenpartei herangezogen, doch konnte eine Einigung nicht erzielt werden, da die Grundbedingung, Geld oder Geldeswert, fehlte. Alles hockte ordungslos nieder, niemand leitete die Versammlung, jeder vertrat seine Ansicht mit merkwürdigen Aufwand von Schlauheit und bewundernswerter Redegewandtheit. Oft entstand ein wirres Durcheinander. Oder die Versammlung löste sich in Gruppen auf; zu zweien oder dreien schlichen sie beiseite und flüsterten stundenlang. Wenn mich die bittere Sorge und die nächtliche Kühle zum Zelte hinaustrieb, sah ich noch bis tief in die Nacht hinein ihre Gestalten hin- und herhuschen, um Bundesgenossen zu suchen und Vergleiche zustande zu bringen. Diese zerlumpten, mit äußerster Armut und beständigem Hunger kämpfenden Tubu erhoben die unverschämtesten Ansprüche im scheinbaren oder wirklichen Glauben an ihr Recht. Ich hatte dem Dardai Geschenke an Kleidungsstücken gemacht, und er benahm sich, als ob er nichts empfangen hätte. Ebenso ging es mir mit sämtlichen Großen des Landes. Das Murren wurde auch in meiner Partei laut und lauter. Das ich ein unberechtigter Eindringling sei, hatten auch die Wohlwollendsten nicht geleugnet; allmählich wurde ich als öffentlicher Feind angesehen.

Die Stimmung richtete sich namentlich gegen Kolokomi. Daß er es gewagt hatte, mich mit so geringer Habe ins Land zu führen, nachdem er selbst das Fett abgeschöpft hatte, konnten ihm weder Fürst noch Volk verzeihen. Die Stimmung wurde so drohend, daß er flüchtig wurde mit der schönen Kamelstute, die er von meinem Geld gekauft hatte.
Da lag vor mir das malerische Tal mit seinem erfrischenden Grün und seinem köstlichen Schatten; und ich, auf nackten Felsboden gebannt, der sengenden Sonne, dem Hunger und dunkler Besorgnis anheimgegeben, mußte mich in stiller Resignation üben. Zweimal versuchte ich, mich dieser Gefangenschaft auf kurzer Zeit zu entziehen. Ich ging zu einer nahen reizenden Palmengruppe und hielt einen Mittagsschlummer, aus dem mich junge Mädchen mit wohlgezielten Steinwürfen weckten; ich mußte mich eiligst flüchten. Ebenso erging es mir beim zweiten Versuch; unter dem Kriegsgeschrei "Auf den Heiden!" griff mich die hoffnungsvolle Jugend mit Steinen an., und ein betrunkener Mann warf mit seinem Wurfeisen nach.
Es war mir vorbehalten, als erster Europäer Tibesti oder Tu, die eigentliche Heimat der Tubu oder Teba zu betreten, die auf etwa 260 000 Quadratkilometern schwerlich mehr als 12 000 Seelen zählen, aber in kleinen Gruppen auch weit nach Westen und Süden verbreitet sind. Allerdings sah ich ich nur einen kleinen Teil des ausgedehnten Gebietes, und meine Beobachtungen und Aufzeichnungen wurden beständig beinträchtigt durch Hunger und Durst, Krankheit und Anstrengung, durch Bosheit und Haß der Einwohner.

Sie sind im allgemeinen von bescheidener Mittelgröße, der magere Körper zierlich gebaut; ihre Gewandtheit im Laufen und Springen ist sprichwörtlich, ihre Widerstandsfähigkeit gegen Ermüdung, Hunger und Durst unübertroffen. Die Hautfärbung ist sehr verschieden, jedoch durchschnittlich erheblich heller als die der Bewohner des Sudan. Die Abgelegenheit, Rauheit und Armut ihres Landes hat ihre Unabhängigkeit und Eigenart gesichert. Im Gegensatz zu der bunten Mischbevölkerung des benachbarten Fessan tritt uns in Tibesti eine gleichartige Einwohnerschaft entgegen. Auch die Unterschiede der kopf- und Gesichtsbildung bleiben innerhalb engerer Grenzen. Im ganzen stehen die Teba unzweifelhaft höher als die südlich der großen Wüste lebenden Völkerschaften. Bei dem gesunden Klima und der, abgesehen von der Leidenschaft für gegorenen Palmsaft, mäßigen Lebensweise sind Krankheiten selten.
Geistig sind die Teba ein ausgezeichnet veranlagtes Volk. Innerhalb des bescheidenen Gesichtskreises, in den die kümmerliche Natur ihres Landes und ihrer Verhältnisse sie bannt, haben sie ihre Anlagen in hohem Grade ausgebildet. Die Not ist ihnen Erzieherin gewesen; sie hat sie gestählt, ihr Urteil gebildet, ihre Sinnesorgane geschärft. Freilich haben die selben Gründe, die zur Entwicklung ihrer Verstandeskräfte beitrugen, auf ihr Gefühlsleben den allertraurigsten Einfluß gehabt. Die Not macht sie erfinderisch, aber auch gewissenlos in der Wahl ihrer Mittel zur Existenzgewinnung. Auf ihren Vorteil ist ihr ganzes Dichten und Trachten gerichtet, jeder Appell an das Herz bleibt ihnen unverständlich. Gemeinsame Gefahr von außen her oder gemeinsame Raubzüge vereinigen sie, niemals gemeinschaftliche Arbeit. Bei ihren Festlichkeiten fehlen die fröhlichen Gesichter, ihre Versammlungen sind Übungsplätze spitzfindiger Rede und enden wohl gar in blutigem Streit.

Meine traurigen Erfahrungen mögen zu einem überscharfen Urteil geführt haben, und zu ihrem treulosen Charakter tragen auch Umstände bei, an denen die Nachbarn die Schuld haben. Seit Jahren waren sie, sobald sie sich aus ihren Bergen herauswagten, Verfolgungen ausgesetzt, an denen sich die Fessaner wie die nordischen Araber der Großen Syrte und die kriegerischen Tuarik beteiligten. Da lernten sie ihre Nachbarn hassen und jede Gelegenheit zur Rache benutzen, sie wurden lügnerisch, treulos, diebisch.
Der politische Verband ist locker, die Macht der Häuptlinge sehr bescheiden, Überlieferung und Gewohnheit halten mühsam die einigenden Bande zusammen Sie teilten sich in Edle und Volk; an der Spitze des Gemeinwesens stehen Fürsten mit geringeren Rechten und Einkünften. Das gemeine Volk hat weder Rechte noch Pflichten; wo es nicht, wie in Barbai, Landbau treibt, ist es fast ganz der Gnade der Edlen preisgegeben, und diese sind ebenso zahlreich als habgierig. Im westlichen Teil des Landes, wo fast kein Landbau gedeiht, ist jeder dritte Mensch ein Maina, freilich ein Edelmann in Lumpen und von Hunger verzehrt, aber deswegen nicht minder Stolz und anspruchsvoll..

Die mohammedanische Religion scheint erst in neuerer Zeit Eingang gefunden zu haben. Sie hängen aber fanatisch an ihr, halten die Gebetstunden und den Fastenmonat pünktlich ein, genießen - übrigens sehr selten - nur das Fleisch vorschriftmäßig geschlachteter Tiere und üben die Beschneidung. Von der Vielweiberei, die der Islam gestattet, machen sie sehr mäßig Gebrauch. Die Frauen nehmen in Haus und Familie eine sehr geachtete Stellung ein; sie gelten weit und breit als gute Hausfrauen, als sauber, ordungsliebend und geschäftstüchtig und führen einen musterhaften Lebenswandel, obwohl die Männer oft und lange als Hirten oder Kaufleute abwesend sind.
An Waffen führen die Tubu zwei bis drei Meter lange Lanzen, kürzere Wurfspeere mit Widerhaken, Wurfeisen mit Fortsätzen verschiedener Form und Richtung, Handdolche, seltener Schwerter, die vorzugsweise aus - Deutschland stammen. An den Gebrauch der Waffen werden sie von Kindheit an gewöhnt. Innerhalb ihrer Wohnorte metallene Waffen zu tragen, verbietet ihnen die Sitte aus guten Gründen. Doch verging während meines Aufenthaltes in Bardai keine Woche ohne einen Totschlag oder Verwundungen infolge der allgemeinen Streitsucht. Mit seltenen Ausnahmen trugen sie nicht nur Narben, sondern auch Verstümmelungen zur Schau, in der Mehrzahl Zeugen ihrer Zornmütigkeit. Sogar die Frauen sah ich in Bardai selten ohne einen ansehnlichen Knüttel ausgehen, und ich bin Zeuge gewesen, wie zwei zornige Weiber sich seiner mit weiblicher Leidenschaft und männlicher Kraft bedienten.

Tafertemi hielt sich fast vierzehn Tage fern, bis ihn Arami zu einem Besuch beredete. Er schickte mir einen großen Dattelzweig und erschien mit einem Dolmetscher, einem kleinen, vom Alter gekrümmten Greis, mager, mit hastigen Bewegungen, in abgetragener schmieriger Kleidung. Das mit einem bescheidenen Barte gezierte, verkniffene, mäßig dunkle Antlitz wandte er scheu hin und her, und seine mit Sandalen versehenen Füße unterstützte er durch einen langen Stab.
Ich begrüßte ihn mit einer wohlgesetzten Rede, die nicht den geringsten Eindruck auf den zielbewußten alten Herrn machte. Er antwortete mit Vorwürfen, daß ich sozusagen mit nichts, statt mit meinen vier beladenen Kamelen zu ihm gekommen sei. Auf meine Einladung, sich selbst zu überzeugen, das ich keine Schätze verberge, ging er in mein Zelt, wo er fast nichts fand als zwei Kisten mit Büchern und meteorologischen Instrumenten, die für ihn wertlos waren.
Eine glänzende Rede Aramis hatte das gleiche Ergebnis und wurde durch aufreizende Zurufe unterbrochen: "Was hat der Heide hier zu tun? Warum soviel Wesen um einen Christen machen? Er ist ein Spion, um unsere Schätze zu erspähen, und wenn wir ihn nicht umbringen, werden Fremdlinge unser Land nehmen."

Tafertemi aber sagte verächtlich: "Der Mann hat das Leere Holz gebracht, ich habe hier nichts mehr zu tun." Sprach's und ward nicht mehr gesehen.
Nach der Zusammenkunft mit dem Dardai wuchs wieder der Strom der Besucher mit den unglaublichsten Zumutungen. Ein Fremdling aus Borku ging so weit, daß er Arami anbot, mich und meinen Diener Balpreda für ein Kamel anzukaufen, Als Merkwürdigkeit, denn als Arbeitssklaven seien wir wertlos! Meine ärztliche Tätigkeit, durch die ich mir Freunde zu machen hoffte, wurde bei dem gesunden Klima wenig in Anspruch genommen. Am meisten gesucht waren Blasenpflaster und Brechmittel, und manchem konnte ich Heilung oder doch Linderung bei Augenleiden bringen. Eine nahe Verwandte Tafertemis, die an einem chronischen Lungenkatarrh litt, habe ich mit Medikamenten förmlich beladen; ihr dank bestand darin, daß sie eine Jungenbande für einen Steinenhagel organisierte!
Nur einen einzigen Menschen habe ich in Bardai kennengelernt, der aus reinem Mitgefühl für mich eintrat. Er führte sich mit einigen Wassermelonen bei mir ein. Er habe von den Christen gehört, der ausgeplündert und hungerleidend gewaltsam zurückgehalten werde und seine Feind von Krankheiten heile. Er hat sich bei Tafertemi nachdrücklich für meine Freilassung verwendet, hat mich nochmals mit einem Geschenk an Früchten besucht, nichts verlangt und ist mir als reine Ausnahme in dankbarer Erinnerung geblieben.

Vom ersten Tag an, war mir mein Freund durch den Umstand aufgefallen, daß er allein von allen die nationale Beschäftigung des Tabakkauens zuweilen durch Rauchen unterbrach. Zu diesem Zweck ergriff er ein großes längliches Verdauungsprodukt des Kamels, das An der Oberfläche hart geworden war, und brachte an dem einem Ende eine Höhlung zur Aufnahme des Tabaks an. Der Höhlung gerade gegenüber bohrte er in die krustige Oberfläche ein Loch und schmauchte nun mit rechtem Behagen Tabak und Kamelmist zusammen. Ob ihm die letzte Zigarre, die mir geblieben war und ich ihm in meiner Heiterkeit über die Entdeckung des Kamelmistrauchens verehrte, ebenso geschmeckt hat, konnte ich nicht mit Sicherheit feststellen.
In ertötender Langsamkeit schlichen die Tage dahin, unter Sorge und Ärger. Wenn die Sonne aufging, begann die Qual. Dann kamen halbe Freunde und ganze Feinde, um mich zu ärgern , zu entmutigen, durch grausame Reden zu kränken. Die Hitze im Zelt wurde immer unerträglicher, der Hunger immer quälender. Die Tagesmahlzeit blieb meistens aus, nicht einmal unsern Durst konnten wir genügend löschen, und Arami erschien oft recht spät abends mit dem ersehnten Dattelkörbchen. Erst in der Abendkühle konnte ich mein Gefängnis verlassen und in der nächtlichen Umgebung des Zeltes hin und hergehen, wie ein wildes Tier im Käfig, und endlich brachte der Schlummer der Nacht für kurze Stunden Ruhe und Frieden. Das war der traurige Kreislauf meines Lebens fast einen Monat hindurch. Ach, wie lang erschien er mir!


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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