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3. Am Rande des Todes

 

Am 6. Juni brachen wir von Mursuk zur Reise ins unbekannte Land auf. Unser Weg ging durch bald sandige, bald steinige Wüste, unterbrochen durch kleine Oasen, bei einer trotz vereinzelten Regenfällen bis zu 49 Grad steigenden Hitze. Gleich an einem der ersten Tage beging ich eine verhängnisvolle Unvorsichtigkeit. Ich war im Schatten einer Dattelpalme sanft entschlummert und erwachte selbst dann nicht, als die fortschreitende Sonne ihre Strahlen auf meine nackten Füße und Unterschenkel herabsandte. Nach dem Erwachen machten sich die ersten Anzeichen einer starken Sonnenverbrennung geltend. Auf den geschwollenen, heftig schmerzenden Gliedern war eine ausgedehnte Blasenbildung eingetreten, so daß ihr Gebrauch ganz unmöglich wurde. Wie glühendes Blei hingen meine Beine auf die Schultern des Kamels herab, und jede zufällige Berührung verursachte Schmerzen, die mich fast der Besinnung beraubten.

In Gatrun, dem Hauptorte der Murabidija, wo ich am 12. Juni eintraf, fand ich freundliche Aufnahme bei Hadsch Dschaber, einem würdigem über 80 Jahre alten Greise. Er vermittelte meinen Vertrag mit Murabid Bu Zeid, der sich bereit erklärte mich zu begleiten. Es war noch ein junger, magerer Mann, von gelblich dunkler Hautfarbe und ovalem Tubugesicht, ernst und verständig, doch äußerst zähe in seinen persönlichen Ansprüchen und sonstigen Forderungen. Als ich diese ablehnen mußte, riet er mir ernstlich von der Reise nach Tibesti ab; jeder werde Ansprüche an mich erheben. Alle Sachverständigen unterstützten seine Meinung: jedermann, der ohne besondere Familienverbindungen das Land besuche, werde mit nichts wiederkehren. Dazu erhöhte er die Zahl der zu ansehnlichen Geschenken berechtigten Tubuedeln von sieben auf dreizehn, so daß ich mit schweren Herzen dareinwilligen mußte, meine Wertstücke erheblich zu vermehren. Seitdem ich Gatrun erreicht hatte, erhielt ich fast täglich Besuch von Tubuleuten. Die zivilisierteren unter ihnen suchten mich noch jetzt durch lebhafte Schilderungen des schlechten Charakters ihrer Landsleute, ihrer Habsucht und Verräterei abzuschrecken. Die meißten von ihnen waren aber höchst lästige und hochmütige Bettler und gaben mir einen Vorgeschmack von dem, was meiner harrte.

Die Mehrzahl war von dunkler Hautfarbe mit verschiedenfarbig gelblicher Beimischung. Alle waren magere, fast gänzlich wadenlose Leute von ebenmäßigem Bau, kleiner Mittelgröße und sehr zarten Gliedmaßen.; sie entfernten sich dem Aussehen nach wesentlich von dem, was man als den Negertypus zu bezeichnen gewohnt ist. Ihr Haar war weniger kurz oder verfilzt als bei den meißten Negern, ihr Bartwuchs ebenfalls spärlich, ihr Auge lebhaft und intelligent, Gang und Bewegung elegant und elastisch. Der Turban wird so um den Kopf gelegt, daß eine Windung, der Gesichtsschleier oder Litham, Kinn, Mund und Nase verhüllt. Die Kleidung war ärmlich, an den Füßen trugen sie höchstens Sandalen. Die Waffen sind Lanze und Wurfeisen, zuweilen sah ich große ovale Schilde aus Antilopenfell. Die Frauen hatten das Haar in unzählige dünne Flechten geordnet. Am Vorderarm trugen sie bis zu einem Dutzend Armbänder aus Horn oder Elfenbein, über dem Ellenbogen eine schmale Spange aus Achatsteinen oder Kaurimuscheln, über den Knöcheln einen silbernen oder kupfernen Ring. Um die feingeformten, hochgespannten Füße würde manche elegante europäische Dame die halbwilden Schönen beneiden. Fast unentbehrlich war ein kleiner Zylinder der Edelkoralle im rechten Nasenflügel. Die Kleidung bestand vorwaltend in einem blauen Hüftenschal und einem ähnlichen Kopf- und Schultertuch. Bejahrtere Frauen waren abschreckend in ihrer Magerkeit, die jungen Mädchen dagegen reizend.

Am 19. Juni setzte sich meine Karawane wieder in Bewegung. Gleich hinter Gatrun zweigt der gewöhnliche, sehr wasserarme Weg nach Tibesti links ab. Aber wir beabsichtigten Tibesti möglichst unbemerkt zu erreichen, und folgten noch neun Tage in südlicher Richtung der Karawanenstraße nach Bornu, die mehr Wasser und Oasen hat, mit einer Rast in Tedscherri, der letzten Ortschaft Fessans. Auch hier machten Tubujünglinge Ansprüche an meine Großmut, und ich ließ sie, wenn ihre adelige Abkunft bezeugt wurde, nicht unbeschenkt von dannen gehen. Schon erhielten wir Warnungen, daß die anwesenden Tubu Verrat brüteten.

In der nackten Wüste zwischen Tedscherri und dem Tümmogebirge, wo wegen des Wassermangels rüstig marschiert werden mußte, wurde ich schwer durch eitrige Augenentzündungen belästigt. Mit verbundenen Augen und heftigen Schmerzen auf dem Kamel hockend, konnte ich nur mit der größten Anstrengung die Wegrichtung beobachten. Am Brunnen Meschru, der einzigen Wasserstation zwischen der südlichen Grenze Fessans und dem Tümmogebirge, war die nächste Umgebung bedeckt mit gebleichten menschlichen Gebeinen und Kamelskeletten. Schaudernd bemerkte ich halb im Sand begraben die vertrockneten Leichname einiger Kinder, noch mit den blauen Kattunfetzen bedeckt, die ihre Kleidung gewesen waren. Anscheinend finden hier nach langer, trostloser, schmerzensreicher Wanderung die armen Sklavenkinder der Negerländer in auffallend großer Anzahl den Tod. Fehlt ihnen die Kraft zum weiterwandern, so werden sie einfach im Stich gelassen, und langsam erlöschen ihre Lebensgeister unter dem Einfluß der Sonnenstrahlen, des Hungers und des Durstes.

Auf dem Südabhang des zerrissenen, aus Kalk- und Sandstein aufgebauten Tümmogebirges schied sich unser weg von der Straße nach Bornu, und wir wendeten uns nach Südosten. Zwischen uns und den ersten bewohnten Flußtälern Tibestis lag nach der Auskunft des Führers Kolokomi die einsame Felsengegend Afafi mit ausgezeichnetem Kamelfutter; den nächsten Brunnen sollten wir nach zwei Marschtagen erreichen. Aber schon am Abend des ersten warnte Kolokomi, verschwenderisch mit dem Wasser umzugehen. Der Rat kam etwas spät, denn wir hatten bereits mehr als die Hälfte unserer Schläuche geleert. Wir befanden uns in der Mitte des Sommers, wo zweitägige Wasserentziehung fast sicheren Tod bedeutet, und am Abend des folgenden Tages sahen wir den Bergkegel, bei dem wir Wasser finden sollten, noch in weiter Entfernung. Wir nahmen die Nacht zu Hilfe, aber eine Bergmasse stellte sich uns in den weg, die wir nach vielstündigen Mühen schließlich umgehen mußten.

Am Morgen des 30. Juni hatten wir noch einen halben Schlauch für zehn Personen. Vergeblich spähte Kolokomi nach dem ersehnten Bergkegel. Wir machten einige Stunden Rast, dann, schon kurz vor Mitternacht, nahmen wir den entsetzlichen Kampf wieder auf unter deutlichen Anzeichen überwältigender Ermattung. Am Morgen waren Kolokomis Vetter Wolla und Bu Zeids Diener Galma zurückgeblieben.

Wir entschlossen uns, das Gepäck zurückzulassen und die Leute sämtlich beritten zu machen. Jeder erhielt ein Glas Wasser - es war der Rest. An der Spitze ritten Kolokomi der seinen Landsmann Birsa hinter sich nahm, und Bu Zeid, die dank der Leichtfüßigkeit ihrer Tubukamele bald unsern blicken entschwunden waren. Unsern Mut belebte wieder der Blick in ein weites trockenes Flußbett, an dessen oberen ende der Brunnen liegen sollte. Aber die Sonne sandte ihre glühenden Strahlen auf die dunkelfarbigen Felsen und auf den hellen Sand zwischen ihnen, und Strahlung und Rückstrahlung verletzten uns bald in ein Meer von Feuer und Glut. Furchtbarer Durst stellte sich ein, um Schläfe und Stirn legte es sich enger und enger wie ein eiserner Ring. Kein erfrischender Luftzug im engen Tal; schmerzhaft brannten die Augen, grenzenlos wurde die Ermattung.

Noch am Vormittag legten wir uns in den Schatten einer Akazie. Einer meiner Gefährten verfiel in halbe Bewußtlosigkeit, ein anderer mit entstellten Zügen, sprach von seinem nahen Tode und machte mir bittere Vorwürfe, daß ich sie in dieses gräßliche Land verlockt habe. Der alte Mohammed machte ihm klar, alles sei von Gott so bestimmt, und ich könne unmöglich mehr tun, als mit ihnen zu sterben. Valpreda brütete brütete stumm vor sich hin, erhob sich dann plötzlich, steckte den Revolver in den Gürtel und erklärte, er werde jetzt dem Flußbett folgen und entweder Wasser finden oder mit Kolokomi mit Hilfe des Revolvers abrechnen.

Die Sonne stieg höher, kürzer und kürzer wurde der Schatten, wir wurden stiller und stiller. Allmählich verwischten sich meine Gedanken in Träumereien, in denen ich meine Umgebung sah, ohne in ihr zu leben. Da - war es ein Traum oder der Spiel meiner krankhaft erregten Sinne? Eilte nicht eine mächtige Ziege gerade auf unsere Akazie los, einen Menschen auf den Rücken tragend? Ich hätte darauf schwören mögen, Hörner und Bart gesehen zu haben. Aber es war ein Kamel, auf dem uns Birsa in zwei Schläuchen Wasser zutrug. Sein Anblick entpreßte uns Tränen der Rührung. Im Augenblick war ich voll und ganz zur Gegenwart zurückgekehrt.

Mohammed brockte Zwieback in unser Trinkgefäß, da es zuträglich sei, nach längerem Durst vor seiner Stillung etwas feste Nahrung zu sich zu nehmen. Erst dann sogen wir uns voll des köstlichsten aller Getränke. Es war schmutzig und erfüllt mit fremden Bestandteilen, uns aber schien es ein Göttertrank.

Dann kam der Schlaf, der gesundeste, tiefste, erquickendste, den ich je im Leben schlief. Ich erwachte über der Ankunft Kolokomis und Bu Zeids, die weiteren Wasservorrat brachten, mit dem die Kamele getränkt wurden, zum erstenmal seit fünf Tagen. Valpreda wurde unter einem Felsen hingesunken gefunden, ebenso die beiden in der Nacht Vermißten, die einen wasserlosen Brunnen entdeckt und dann das Bewußtsein verloren hatten. Auch das zurückgelassene Gepäck wurde glücklich herbeigeschafft.

Bevor wir selbst zum Brunnen aufbrechen konnten, eilten zwei nach ihm ausgeschickte Männer mit entsetzten Mienen heran und berichteten, er sei von einer Bande Tubu besetzt. Genauere Nachfragen stellten heraus, daß einer von ihnen ein Kamel und dabeiliegende Waffen gesehen hatte, worauf beide unter Hinterlassung ihrer eigenen Kamele in wilder Flucht ausgerissen waren. Die harmlose Ursache ihrer Furcht war ein einzelner Mann, der friedlich herangezogen kam. Kolokomi verhüllte sein Gesicht mit dem Litham und trat dem Fremdling entgegen, der ebenfalls seinen Litham über die Nase in die Höhe zog. In der Entfernung von etwa sechs Schritt hockten sie nieder, in der einen Hand die Lanze, in der andern das Wurfeisen, und vollzogen den wichtigen Akt der wortreichen Begrüßung.

Kolokomi begann mit der Frage nach dem Befinden des fremden, die er abwechselnd durch "Lahainkennaho" oder "Laha" oder "Killaha" antwortete. Waren diese Fragen und Antworten etwa ein dutzendmal wiederholt worden, dann stimmte Kolokomi ein lautes kräftiges "Ihilla" an. Der Fremdling erwiderte ebenfalls mit "Ihilla", und es folgte nun eine wechselseitige Wiederholung des Grußes, die mich durch die Länge in Verzweiflung setzte. Anfangs in kräftiger Mannesstimme erschallend, sank das "Ihilla" in allmählicher Tonleiter bis zum dumpfen, unverständlichen Murmeln hinab, und das Ganze wurde mit einem so würdevollen ernst ausgeführt, daß der uneingeweihte dahinter viel eher eine wichtige Zeremonie als eine einfache Begrüßung vermutet hätte. Waren die beiden Tubu am tiefsten Laut ihres Kehlkopfes angelangt und begann wieder der eine ein lautes, hochtöniges "Laha", und von neuem machte das "Ihilla" wechselseitig die ganze Tonleiter durch. Dabei nahmen sie offenbar gegenseitig durchaus kein Interesse an ihren Personen. Sie sahen sich nur selten an und schienen geflissentlich den Blick in weite Ferne schweifen zu lassen oder sich in den Boden zu bohren.

Nach einiger Zeit wurde das sonderbare Wechselspiel durch zahlreiche Variationen der Frage: "Wie geht es dir?" und durch Antworten "gut" oder "mit Frieden" unterbrochen und erst gegen das Ende des ganzen Begrüßungsaktes wurden andere, wichtigere Fragen geäußert. Man kehrte zwar immer noch zum "Ihilla" zurück, doch kürzer und kürzer wurden die Reihen desselben, bis allmählich die gewöhnliche Unterhaltung die Oberhand gewann und die Begrüßungsformeln endlich ganz aufhörten. Da Kolokomi den Mann nicht kannte, gab er ihm weder vor noch nach der Begrüßung die Hand, während unter Bekannten die arabische Sitte der Handreichung Geltung hat.

Den Brunnen erreichten wir am 3. Juli. Er lag in einer riesigen Grotte von Sandsteinfelsen in erdegemischtem Sand und mußte mühsam ausgeräumt werden, wobei uns einige abgerissene Tubu halfen, die mit fünf Kamelen und jämmerlich abgemagerten Windhunden zu uns stießen. Einer von ihnen war in den folgenden Tagen unser Führer, verriet aber eine sehr bescheidene Ortskenntnis. Das Wasser wurde schon wieder gläserweise verteilt, und wieder erschien der Durst als Schreckgespenst. Doch wurde noch rechtzeitig Wasser gefunden, und der Marsch in südöstlicher Richtung durch die Vorberge Tibestis verlief ungestört. Am 10. Juli passierten wir das Abotal, dessen oberer Teil einer der bevölkertsten Teile Tibestis ist, und am folgenden Tag hatte ich bei klarer Abendbeleuchtung eine freudige Überraschung.

Vor mir lag ein massiger Berg, wohl gegen 3000 Meter hoch, ein großen Teil des östlichen Horizontes einnehmend. Es war der Tarso, auf dessen weithin gedehnter Basis der Kegel Tusidde thront, der höchste Punkt des eigentlichen Tibesti, anderthalb Tagesreisen entfernt. An ihm vorüber sind wir später nach Bardai gezogen; vorläufig behielten wir aber die Südostrichtung bei. Das Pflanzenleben nahm zu, mit der Annäherung an das Gebirgszentrum mehrten sich in den Tälern und Schluchten die Spuren tierischen und menschlichen Lebens, und am 13. Juli kamen wir nach Tao, dem ursprünglichen Sitz vieler edlen Familien Tibestis. Unmittelbar vorher begegneten uns ein naher Verwandter
Bu Zeids und Bekannter Mohammeds namens Galma, der vorläufig mit einer Tante, einer andern Tubufrau und ihren Sklaven der einzige Bewohner des Tales war. Angeblich im Begriff nach Fessan abzureisen, bot er sich dem Fremdling, der mit seinem Vetter ins Land gekommen sei, als Begleiter und Beschützer an. Er machte mir einen widerwärtigen Eindruck, und ich betrachtete seinen Vorschlag als eine Spekulation auf mein Eigentum. Aber Bu Zeid rühmte den Einfluß und die Ortskenntnis des Vetters so sehr, daß ich ihn nicht zurückwies. Meine Willfährigkeit ist bald hart bestraft worden.


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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