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27. Durch ein untergehendes Land heimwärts

Schon Ende Mai 1873 war ich zur Weiterreise nach Darfur einigermaßen gerüstet, als Gerüchte nach Abesche drangen, der greise und blinde König von Darfur, Hasin, sei gestorben und über die Thronfolge seines Sohnes Ibrahim werde es wahrscheinlich zu Streitigkeiten kommen. Damit war an Abreise vorläufig nicht zu denken. Sofort wurden Späher von Wadai in das Nachbarland geschickt, um die Wahrheit zu erkunden. Mit der Bestätigung des Gerüchts kam die Nachricht, ein Gesandter Darfurs sei auf dem Wege.

Nach meiner Rückkehr von der Reise nach Süden setzte ich mich mit diesem in Verbindung. Er war ein noch junger Dschellabi namens Schems ed-Din aus Kobe, der zweitgrößten Stadt Darfurs, wo die meisten fremden Kaufleute wohnen; er war fast zwei Meter hoch, entsprechen breit, dick und bequem, im Verkehr gewandt und liebenswürdig. Die Verbindunbg mit Darfur war jetzt gesichert, doch dauerte es noch über ein Vierteljahr, bevor ich Abesche verlassen konnte. König Ali, mein treuer Beschützer, legte mir kein Hindernis in den Weg und bezeigte sein Wohlwollen noch durch Beiträge zu meiner Ausrüstung. Eine größere Geldsumme, die die Karawane aus Tripolis mir überbrachte, traf gerade rechtzeitig ein.

Am 17. Januar 1874 konnte ich aufbrechen. Führer der großen Karawane war der Gesandte aus Darfur, mit uns zog mein Freund Hadsch Ahmed und andere Kaufleute aus Kordosan, Dongola und Thartum. Die Karawane trennte sich schon von Anfang in zwei Teile. Denn diejenigen Mitglieder, die "warme" Menschenware, nämlich gestohlene Sklaven, mit sich führten, mußten bis zur Landesgrenze auf Schleichwegen ziehen. Sammelpunkt war Bir-Tuil, der Hauptort der östlichen Grenzbezirke Wadais und Wohnsitz des Statthalters. Hier lagen wir fast zwei Wochen und warteten auf Nachzügler, bis nach dem großen mohammedanischen Opferfest am 31. Januar. Als wir zwei Tage später fortziehen wollten, waren der Statthalter, seine Leute und die meisten Einwohner total betrunken, "sogar die Hühner im Dorfe", wie eine drastische Schilderung dieser Orgie sich ausdrückte. Nirgendwo im Lande, die Hauptstadt ausgenommen, war das Merissatrinken so maßlos; ohne Scheu wurden große Krüge des verpöhnten Getränkes auf dem Markt feilgeboten.

Endlich, am 3.Februar, ging es weiter unter militärischer Bedeckung durch die ungewohnte und sehr unsichere Grenzwildnis zwischen Wadai und Darfur, die wir aber unbelästigt passierten. Die Richtung blieb auf dem ganzen, fast 500 Kilometer betragenden Marsch mit geringen Abweichungen östlich, das überwiegend steppenartige, sandige und felsige Land stieg von Abesche (500 Meter über dem Meer) fast beständig an. Nirgendwo überragten die BErge die Umgebung um mehr als 300 Meter, die höchsten Erhebungen schätzte ich auf 1100 Meter. Kurz hinter ihnen überschritten wir die Wasserscheide zwischen dem abflußlosen Gebiet des Tsadsees und dem des Nil.

Erst später habe ich erfahren, welcher Gefahr ich während eines mehrtägigen Aufenthaltes in Wadi Tinea entgangen war. Der Sohn des in der Hauptstadt abwesenden Statthalters suchte meine Weiterreise zu verhindern. Er schickte eiligst einen reitenden Boten an seinen Vater mit der Nachricht, ins Land sei ein verdächtiges Individuum, Türke oder Christ, gekommen, das bei dem immer schwieriger werdenden Verhältnis zu Ägypten wohl als Spion zu betrachten sei. Die Folge war ein Ersuchen an König Ibrahim, mich aus dem Wege räumen zu lassen, was dieser ablehnte. Mich dem stellvertretenden Statthalter zuzuführen, hat der brave Hadsch Ahmed rundweg verweigert.

Von der Wasserscheide in die sandige Ebene von Kobe niedersteigend, erhielten wir als Begrüßungsmahl einige hundert Schüsseln vortrefflicher Speisen. Da bei Schems ed-Din etwa 100 Gäste einquartiert werden mußten, bekam ich nur ein dürftiges Quartier. Die Verpflegung aber war ausgezeichnet an Güte und Menge; die Hauptwohnung sah den ganzen Tag hindurch wie ein Wirtshaus aus, in dem zahlreiche Frauen und Sklavinnen beständig Speisen zubereiteten. Am 7. März stiegen wir über einen sandigen Hügelzug in das flache Tal der Hauptstadt Darfurs el-Fascher, das durch seinen Reichtum an Bäumen anmutig gegen die baumlose Umgebung abstach.

Meine Begleiter erfüllte schwere Sorge, wie der König meine Ankunft aufnehmen werde, und Hadsch Ahmed war in freudigster Bewegung, als er mir von der ersten Audienz berichten konnte: Ibrahim sei vollkommen über meine Person unterrichtet; er werde mich mit aufrichtigem Wohlwollen aufnehmen, müsse mich aber sobald als möglich nach Ägypten weiterbefördern. Genau dem entsprach mein Empfang beim König, einem vierzigjährigem, schwarzen Mann von hohem Wuchs und vollem Antlitz. Meinen Wunsch, die Reise nach Osten mit Hadsch Ahmed zusammen fortsetzen zu dürfen, nahm er gnädig auf.

Dann besuchte ich seinen einflußreichen Schwager Mohammed, dessen Bruder mir Briefe und eine beträchtliche Geldsumme aus Ägypten übergab und nicht einmal eine Quittung annehmen wollte. Nach reichlicher Bewirtung bat ich Mohammed, mir beim König die Erlaubnis zu Reisen im Lande zu erwirken. Er antwortete ausweichend, und vergeblich versuchte ich während der nächsten Tage, mein Gesuch beim König selbst anzubringen, was mir erst nach vielstündigen Warten gelang. Ich bat nur um Erlaubnis zu einer kleinen Reise nach einer heißen Quelle, in der ich als Arzt vielleicht Heilkräfte entdecken würde. Er lehnte unbedingt ab. Bei dem Haß der Eingeborenen, die in mir einen ägyptischen Spion vermuteten, könne er außerhalb der Hauptstadt nicht für mein Leben bürgen, doch werde er gern behilflich sein, wenn ich Nachrichten über Land und Leute zu haben wünsche.

Er hat mich auch mit einem Mann in Verbindung gesetzt, der die beste Kenntnis von der Geschichte Darfurs haben sollte. Leider war dieser Mann ein Merissatrinker ersten Ranges, der vormittags wie nachmittags benebelt zu sein pflegte. Ganze Tage mußte ich mit ihm trinken und ihm dabei allmählich seine Kenntnisse ablocken. Auch bei anderen Berichterstattern stieß ich bei meinen Erkundigungen über GEschichte, Organisation und Bevölkerung Darfurs auf große Schwierigkeiten, die großenteils auf das Übelwollen der Einwohner zurückging. Wo ich erscheinen mochte, selbst auf dem Weg zu kranken, wurde ich beschimpft und verhöhnt. Sogar im königlichen Palast war ich den größten Beleidigungen ausgesetzt. Endlich mußte ich dem König erklären, daß ich auf weitere Besuche verzichte, da er außerstande sei, mich gegen das gemeine Volk zu schützen.

Vermöge meiner Bekanntschaft mit den Negervölkern und der Art, sie richtig zu behandeln, wrde es mir mit der Zeit gelungen sein, diesen Widerwillen einigermaßen zu besiegen. Doch die Ereignisse drängten mich aus dem Land. Im Süden wurde Darfur durch den berüchtigten Sklavenhändler Siber bedroht, von OSten kamen Nachrichten von dem Anrücken ägyptischer Streitkräfte, und das Verhältnis zu Wadai war sehr kühl. Überall machten sich die Anzeichen der Katastrophe geltend. Schon im nächsten Jahr wurde Darfur eine ägyptische Provinz, und Ibrahim, der in der Schlacht viel, ist der letzte König von Darfur gewesen.

Mein persönliches Verhältnis zu dem unglücklichen Herrscher blieb gut. Als ich ihn ausnahmsweise wieder einmal besuchte, war er sehr gesprächig und gut gelaunt. Er leß die Musikdose spielen, die ich ihm geschenkt hatte, und nahm das von König Ali abgelehnte Fernrohr dankbar entgegen. Als um die Mitte des Jahres die üblen Nachrichten sich häuften, hat er mich zu Rate gezogen. Seinen Plan, noch einmal den friedlichen Weg zu versuchen und alle Schätze, und alle Schätze deren er augenblicklich habhaft werden konnte, durch einen besonderen Beamten an den Vizekönig von Ägypten zu schicken, habe ich gebilligt, ohne ihm zu verhelen, daß die Dinge wohl schon zu weit gediehen seien. Ich versprach ihm auch, ein Schreiben von ihm an den Großsultan zu Stambul in die Hände des Großwesirs niederzulegen, zum Dank für seine Gastfreundschaft und sein redliches Verhalten.

Am 6. Juli wurde der Marsch nach el-Obeid, der in Luftlinie rund 600 Kilometer entfernten Hauptstadt der ägyptischen Provinz Kordosan angetreten, der im wesentlichen wieder nach Osten ging. Die Karawane führte auf 250 bis 300 Kamelen hauptsächlich Straußenfedern und Elfenbein mit sich, sowie eine Anzahl Slkaven zur Bedienung und zum Verkauf. Der Osten von Darfur ist unfruchtbar, und dünn bewohnt, doch war der Weg außerordentlich belebt von Kaufleuten aus den Nilgegenden.

Schon bald zeigte sich, wie vernünftig es war, in der vorgeschrittenden Regenzeit zu reisen, denn auch jetzt noch war zuweilen das nötige Wasser nur sehr schwer zu beschaffen. Am dritten Tage entfaltete sich ein Insektenleben, wie ich es noch nie gesehen hatte. Die ganze Gegend war mit kleinen purpurroten Spinnen bedeckt, die Masse von Skorpionen, Ameisen und Heuschrecken war wahrhaft unglaublich. Später wurde ich während meiner wiederholten Fieberanfälle arg durch Ameisen und Wanzen geplagt.

Etwa in der Mitte des Weges machten wir eine Woche lang (19. bis 26. Juli) in einem weiten, öden Tal halt, in dem die den Bezirk Omn Meschana bildenden Dörfer liegen. Der Hauptgrund für diesen langen Aufenhalt waren Maßregeln der ägyptischen Regierung, den Handel mit Sklaven, Straußenfedern und Elfenbein betreffend, namentlich das immer schärfer gehandhabte Verbot des Sklavenhandels. Nach langen Beratungen wurde beschlossen, die Sklaven entweder zurückzuschicken oder an Ort und Stelle zu verkaufen. Viele hat ein Kaufmann vom Nil an sich gebracht, im Vertrauen auf seine Wegkenntnis, auf die Lässigkeit der ägyptischen Beamten und seine Fähigkeit, die Menschenware so lange zu verstecken, bis das Verbot nicht mehr so streng durchgeführt würde.

Die Wartezeit benutzte ich zu einem Asuflug in das fruchbare Tal von Zarnach, um die zu Brunnen umgewandelten Affenbrotbäume zu besichtigen. Da es nämlich östlich von Omn Meschana keine Brunnen mehr gibt, dienen diese mächtigen Bäume als Zisternen. Wo der Riesenstamm sich in die Hauptäste zu teilen beginnt, wird eine Öffnung gemacht und von dieser aus das Innere in die Breit und Tiefe ausgearbeitet, worunter das Wachstum des Baumes nicht leidet. Ist der Stamm ausgehölt, so wird der weiche Holzabfall entfernt, die innere Wandung geteert, und der Brunnen ist fertig. Erkann 30 bis 100 Kamelladungen Wasser zu je vier Zentner fassen. Eine größere Karawane pflegt den Inhalt eines ganzen Baumes zu kafen, der Rest gehört dem Besitzer.

In Omm Meschana mußte ich mich von meinem Freunde Hadsch Ahmed und vielen anderen Reisegefährten trennen. Sie wanderten direkt nördlich durch die Steppe nach dem Nilbogen von Dongola, während ich die Ostrichtung beibehielt. Am 2. August wurden wir an der Grenzstation durch einen Beamten aus dem Darfurgebiet entlassen und passierten die wegen ihrer vielen Löwen berüchtigte Grenzwildnis in zwei sehr starken Tagemärschen. Sie ist auch in der Regenzeit fast wasserlos, überraschte uns aber durch einen so starken und andauernden Regen, daß wir das Zelt aufschlagen und den folgenden Vormittag mit dem Reinigen und Trocknen unseres arg mitgenommenen Gepäcks verbringen mußten; vieles war auf immer verdorben.

Am 6. August 1874 stießen wir auf das erste Dorf in Kordosan und vier Tage später erreichten wir die Hauptstadt el-Obeid. In dem vor der Stadt gelegenen Landhaus eines meiner Reisegefährten wurde ich vortrefflich aufgenommen. Gern hätte ich mich hier einige Tage erholt, da ich an heftigen Milzschmerzen litt. Aber schon war meine Ankunft in der Stadt bekanntgeworden, in der sich gerade Ismail Pascha aufhielt, der Generalgouverneur des ägyptischen Sudan, um den Feldzug gegen Darfur vorzubereiten. Bereits mit Tagesanbruch erschien als sein Vertreter der Bürgermeister Elias und der griechische Sanitätsinspektor Dr. Giorgi, und trotz großer Schmerzen wurde ich genötigt, sofort nach el-Obeid aufzubrechen. Jetzt zeigten sich die Folgen meiner jahrelangen Entwöhnung von europäischen Sprachen. Der griechische Arzt verwirrte mich vollständig. Er sprach mich zuerst französisch an, versuchte es dann mit ebensowenig Erfolg in italienischer Sprache, selbst auf Deutsch konnte ich mich nur unzusammenhängend, sozusagen Brocken stammelnd ausdrücken, nur in Arabisch war mir eine flüssige Unterhaltung möglich. Schon unterwegs erzählte man mir alles, was mir zu wissen am interessantesten war: die Umwälzungen in Europa, insbesondere in Deutschland infolge des Deutsch-Französischen Krieges, und daß Ismail Pascha nach vier Tagen in Darfur einmarschieren werde - im letzten Augenblick vor Ausbruch des Krieges war ich aus dem zum Untergang bestimmten Reiche entwischt.

Der Pascha nahm mich mit äußerster Liebenswürdigkeit auf. Ich frühstückte mit ihm im Regierungsgebäude; ich konnte auch wieder so geläufig französisch sprechen, als hätte ich Europa nie verlassen. Nachmittags spielte die Militärmusik mir zu Ehren europäische Märsche und Tänze, sogar "Heil dir im Siegerkranz", und den Tag beschloß ein glänzendes Abendfest bei dem reichen Vater des Dr. Giorgi. Feenhafte Beleuchtung, üppige Tafel, Bedienung im Frack und weißer Kawatte, der Luxus eines Tischtuches, der Servietten, Löffel, Messer und Gabeln, deren ich mich ziemlich ungeschickt bedient haben mag: alles das war mir nicht allein gewohnt, sondern bedeutete für mich auch den Wiedereintritt in die zivilisierte Welt.


Mit diesem Satz schließen Nachtigals Aufzeichnungen, den Rest der Rückreise hat er nicht mehr beschrieben. Sie führte ihn östlich zum Nil, den er in einem Sklavenschiff bis nach Chartum hinabfuhr. Von hier brachte der Telegraph die erste Nachricht von seiner glücklichen Rückkehr ins Vaterland. Über Land schnitt er den großen Nilbogen nach Dongola ab und fuhr dann den Nil hinunter bis Siut. Hier erwartete ihn ein vom Khedive entgegengeschickter Dampfer, der ihn nach Kairo brachte. Mit fürstlichen Ehren empfangen, hat er den Winter in dem Wüstenbad Heluan verbracht, um seine schwer erschütterte Gesundheit herzustellen. Die beiden Negersklaven Mohammedu und Billama, seine Begleiter von Kuka bis Kairo, hat er seinem Versprechen gemäß in die Heimat zurückgeschickt.

Im Frühjahr 1875 konnte Nachtigal endlich wieder den Boden des Vaterlandes betreten, den er 13 Jahre vorher als junger Mann von 28 Jahren verlassen hatte.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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