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26. Vom Sumpfe besiegt

König Ali hat sein gleich bei der ersten Audienz gegebenes Versprechen gehalten und mich im Innern seines Landes ungestört Reisen lassen. Schon am 16. Mai 1873 machte ich einen kleinen Ausflug in nördlicher Richtung nach Nimro und Wara, der früheren Hauptstadt Wadais, von der Alis Vater die Residenz nach Abesche verlegt hatte.

Weit länger und interessanter war meine Reise nach Dar Runga, einem von Wadai abhängigen Fürstentum, das sich südlich bis etwa zum achten Grade nördlicher Breite erstreckt. Manche Nachrichten über das Land und Unterricht in seiner Sprache verdankte ich einem jungen Rungaprinzen, der als Gefangener in Abesche lebte, einem hochgewachsenen, tiefschwarzen Mann, der unverwüstlicher Trinker der Merissa, des einheimischen Bieres, und eifriger Jäger war.

König Ali erleichterte meine Reise in das unbekannte Land in jeder Weise. Er stellte mich unter den Schutz des von ihm ernannten Rungafürsten Alo, der gerade von Abesche in seine Heimat zurückkehrte, er gab mir einen königlichen Boten mit, der ebenso wie Alo für meine Sicherheit verantwortlich gemacht wurde und er lieferte mir einige Lastochsen, während ich selbst einen Reitesel benutzte. Am 17. August verließ ich Abesche.

Unser Marsch verlief zunächst ohne erhebliche Schwierigkeiten. Obwohl die Regenzeit schon begonnen hatte, waren die Flüsse noch fast wasserlos. Erst der Batha, der Zufluß des Fitrisees, zeigte einen Spiegel von über hundert Meter Breite. Es gab weder Nachen noch Fähren, alles Gepäck mußte in weitmündigen Tonkrügen, die zur Aufbewahrung des Wassers in den Häusern dienen, von Schwimmern über den Fluß gestoßen und zu diesem Zweck alle größeren Stücke auseinandergenommen werden, was meist nicht ohne Diebereien ablief. Auch der Übergang über den zum Bathafließenden Likore war nicht leicht; im Flußbett überstieg das Wasser Manneshöhe. Die Schwimmer, die uns dabei halfen, waren mit zwei Bogen Papier und einer handvoll Tabak sehr zufrieden.

Die Bewohner der von uns passierten Dörfer waren großenteils rothäutige Araber. Die Frauen mußten manchmal merkwürdigerweise, der Sitte Wadais folgend, vor einer Gesellschaft von Männern in gehöriger Entfernung auf den Knien vorbeirutschen. Ich sah hübsche, junge Mädchen mit seidenen Hüfttüchern Pfützen auf den Knien passieren. Der Empfang war durchaus gastlich. Unterkunft fand ich gewöhnlich auf dem Betplatz der Dörfer, in dessen Hütte der Elementarunterricht erteilt wird. Hier sammlen sich die im Süden so zahlreichen fahrenden Schüler. Blutarm dürftig gekleidet, ziehen diese jungen Leute, zum Teil Knaben bis zu zehn Jahren abwärts, im Lande herum, helfen bei den Feldarbeiten und genießen nebenher den bescheidenen Unterricht der Dorfschullehrer. Ist ihre Bildung, das heißt das Lesen des Koran beendet, so kehren sie in ihre Heimat zurück, um im günstigsten Fall dort ebenfalls als Schullehrer und öffentlicher Schreiber unterzukommen. Mein christlicher Charakter wurde durchaus nicht verheimlicht, erregte aber weder Bewunderung noch Abscheu. Große Bewunderung dagegen fand meine Lampe, eine einfache Eisenblechschale mit einem kunstlosen Baumwollendocht oder einem Stückchen Kattun, die mit Butter gespeist wurde. Zu Dutzenden kamen die Leute, um diesen Bewweis der Kunstfertigkeit der Christen anzustaunen.

Immer schöner wurde der Baumbewuchs, immer üppiger der Behang von rankenden Schmarotzerpflanzen und immer zahlreicher die kaktusähnlichen Euphorbien, immer reicher die Tierwelt, aber auch desto schlimmer die Belästigung durch Regen und Mückenplage. Das Schlimmste erwartete uns am 6. September jenseits des Dorfes Olo, der Morast Sunta, eine berüchtigte Niederung nördlich des Bahr Korte, eines Flusses, der durch den Irosee zum Schari fließt. Alles war wasseroberfläche oder grundloser Brei, von eigentlichem Weg keine Spur. Als wir nach einigen Stunden hofften, das Ärgste überstanden zu haben, stellte sich heraus, daß wir die Richtung verloren hatten. Unzählige Male waren die Tiere schon gestürzt, ihr Gepäck im Wasser oder Morast geschleudert worden. Jetzt saßen wir, die Tiere bis an den Bauch, die Menschen bis zur Hälfte des Oberschenkels, im Sumpf fest. Mehrere Stunden standen wir in strömendem Regen, bis der "Weg" wieder gefunden war. Wir versuchten, ihn querfeldein zu erreichen. Doch kein halbes Dutzend Schritte gemacht, so schauten die Tiere nur noch mit dem Kopf aus dem Wasser. Wir mußten uns entschließen, sie allein herauszubringen und das Gepäck auf unsern Köpfen und Schultern langsam auf den verhältnismäßige trockenen Weg zu schaffen. Es war ein schrecklicher Kampf bis zu einem Baum, dessen nächste Umgebung über dem Wasser lag, und dann folgte eine schreckliche Nacht. Durchweicht bis auf die Haut, von Schmutz bedeckt, die Sachen in demselben Zustand, die Tiere zitternd vor Durst und Ermattung, unaufhörlich herabrieselnder Regen, von irgendwelcher Mahlzeit keine Rede, Schwärme von Moskitos, keine Minute Schlaf. Am Morgen lagen unsere Beine im Wasser. Nichts als Nässe, Schmutz, Kälte, Hunger und Verzweiflung. Ein furchtbarer Fieberanfall war für mich die nächste Folge.

Erst am Nachmittag konnten wir wieder aufbrechen. Nach einer halben Stunde traten wir aus dem Walddickicht des Sumpfes hervor und erblickten den etwa 300 Schritt breiten Bahr Korte, an dem wir übernachteten. Im Uferschilf hausen das Flußpferd, das Nashorn, Büffel und Hyäne, in dem dichten Wald jenseits dieses Randes Giraffen, Antilopen, Löwen und Elefanten. Erst am 8. September erreichten wir das Dorf Dumbane. Mit dem beglückenden Gefühl, in den Hafen eingelaufen zu sein, lagerten wir unter einer prächtigen Sykomore.

Die Tage der höchsten Fieberhitze verbrachte ich hier bei einem alten, wohlwollenden und gastfreundlichen, aber unbeschreiblich armen "Edelmann", der einmal in Runga eine Beamtenstelle bekleidet hatte. Er war sehr dankbar, als ich ihm einige Kleinigkeiten schenkte, und gern hätte er mich weiter nach Süden begleitet, aber ich hatte an den 300 Kilometer Luftlinie von Abesche bis Dumbane genug. Mein für den Tauschhandel bestimmter Salzvorrat war schon auf die Hälfte zusammengeschmolzen, meine Tiere waren krank und erschöpft, meine Kleidungsstücke gestohlen, zerrissen, verdorben. Meine Widerstandsfähigkeit war gebrochen, und vor mir lag ein mehrtägiger Marsch durch noch einen lehmigen Sumpf. Da entschloß ich mich lieber zur Umkehr. Am 12. September traten wir den Rückmarsch nach Norden an. Ohne größere Abenteuer kamen wir am 1. Oktober nach Abesche.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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