- zurück -

25. Deutsche Opfer der Wissenschaft

Wieder Absicht und Erwartung hat sich mein Aufenthalt in Wadai auf drei Vierteljahre erstreckt, die ich zum weitaus größten Teile in König Alis Residenz Abesche verbrachte. Sie liegt auf einem Hügel im südlichen Teile eines Flachtales. Durch die Unregelmäßigkeit der Anlage bot sie ein freundliches Bild. Im westlichen Teil hoben sich aus der Umgebung die strohgedeckten, turmähnlichen Backsteinhütten der Königswohnung hervor, einer Anlage von gewaltiger Ausdehnung. Nördlich davon lag der Königsplatz, der zugleich Marktplatz war, südlich die fast ebenso ausgedehnte Wohnung der Königinmutter. In der Nähe der beiden Paläste wohnten die Sklaven und Schutzbefohlenen des Königs und seiner Mutter, sowie Kaufleute vom Nil und aus Kordosan; den Osten der Stadt nahmen die freien Untertanen und die fremden ein. Die Hauptstraße verlief in den sonderbarsten Windungen ostwestlich, alle übrigen Verkehrsadern waren nur krumme, enge Gänge, unterbrochen von Hofräumen, Tonhäusern und Strohhütten, regellos durcheinander, so daß man sich nur schwer zurechtfand. Im ganzen mochte die Stadt 10 - 15 000 Einwohner zählen.

In Abesche verkehrte ich viel mit Fremden. Vorzugsweise mit dem Hadsch Ahmed, dem Oberhaupt der fremden Kaufleute und größten Kaufmann des Landes, der bei Ali eine Vertrauensstellung einnahm und später mein Begleiter nach Ägypten wurde. Dann mit dem Hadsch Salim aus Kairuan, der in Tunis gelebt hatte und mich fast als Landsmann betrachtete. Obwohl Abkömmling des Propheten und strenger Mohammedaner, verkehrte er mit mir täglich und aß aus einer Schüssel mit mir. Sein Landsmann, der Scheich Mohammed, war nicht so verständig und lebensklug, aber ein geistig geweckter und unterrichteter Mann, der mich bat, ihm englischen Unterricht zu erteilen. Er war ein Bekannter Schweinfurths, der auf seiner Afrikareise mit ihm zusammengetroffen war und ihn anfangs für einen verkappten europäischen Reisenden gehalten hatte.

Von den Eingeborenen bin ich in Abesche nicht belästigt worden. Ich bin jedoch fest überzeugt, wäre nicht der König gewesen, so hätte ich schwerlich das Land lebendig verlassen. Die echten Wadaileute entschlossen sich erst sehr allmählich, in Krankheitsfällen meinen Rat anzunehmen. Die Königinmutter wehrte mit Entsetzen den Besuch des Christen ab und auch ihr im übrigen höflicher Bruder hielt sich zurück.

Das hinderte sie aber nicht, mir täglich die zahlreichen Kranken ihres großen Hausstandes zuzuschicken. Wesentlich gewann mein Ansehen durch den Umstand, daß ein Neffe des Königs, der einen bösen Ausschlag an den Hinterkopf bekommen hatte und von mir behandelt wurde, nach wenigen Tagen genas. Einige Brüder des Königs näherten sich mir nach diesem Ereignis, freilich nicht ohne eigennützige Absichten. Zwei von ihnen waren, wie die Eingeborenen überhaupt, dem Trunk ergeben; einer wurde angezeigt, weil er mich betrunken zu besuchen und Geschenke zu erpressen pflegte, und mußte zur Strafe sechs Wochen in Ketten verbringen. Entgegenkommender waren die Prinzessinnen, die in Wadai wie auch in Bornu das leichtsinnige Element unter der weiblichen Jugend vertraten. Sie beehrten mich häufig. Besonders lockte viele mein Vorrat an Kampfer, der als Mittel gegen Zauberer und böse Geister berühmt war. Als auch eine junge Frau des Königs kam, um Kampfer und Arznei zu holen, wurde ich dringend gewarnt.

Immerhin kam ich durch Ausübung meiner ärztlichen Kunst, bei Hohen und Niedrigen ohne Entgelt, in ein erträgliches Verhältnis zu den Bewohnern der Hauptstadt. Wenn ich anfangs auf eine Audienz beim König wartete, rückten alle von mir ab, unter Zeichen stiller Abscheu und mit ihrer Glaubensformel: Es ist kein Gott außer Allah, und Mohammed ist kein Prophet.

Später mußte ich dem König drastisch erzählen, wie ein hoher Beamter bei der ersten Begegnung sich benahm. Er umkreiste mich immer wieder mit einer Beschwörungsformel, dann besah er mich scheu, wurde neugierig und knüpfte aus der Ferne ein Gespräch an. Hierauf näherte er sich und wich, entsetzt vom Anblick meiner weißen Haut, wieder zurück; nach einigen Stunden war er so weit zu sagen: "Wir haben immer gehört, ein Christ sei das scheußlichste Geschöpf auf der Welt, und jetzt müssen wir sehen, daß du ein Mensch bist wie wir alle, und daß deine Haut, wenn auch widerwärtig hell, einen edleren Ursprung verrät als die unsrige." Endlich saß er neben mir, reichte mir die Hand und unterhielt sich ungezwungen. Dann kam noch einmal ein Rückfall, als gelehrte Männer die Ansicht aussprachen, das Ausbleiben des Regens sei eine Strafe für die Anwesenheit eines Christen. Eine zahlreiche Abordnung angesehener Leute bat den König, mich zu töten oder wenigstens zu entfernen; Ali lachte, und reichlicher Regen bewies meine Unschuld.

Ein hübsches Schauspiel waren die öffentlichen Tänze, mit denen unter großer Prachtentfaltung Anfang Juni die Beschneidung der Königssöhne gefeiert wurde. Der Tanz war äußerst anständig, anmutig, zurückhaltend und feierlich langsam, etwa wie ein Menuett oder eine Polonäse. Man tanzt unter Trommelbegleitung paarweise, alle in ihren besten Kleidern, die Jünglinge mit ihren Messern in der Hand, die durchweg herrlich gewachsenen Mädchen in Männergewändern über den gewöhnlichen Hüften- und Schultertüchern, mit reichem Gold- und Silberschmuck, gemalten Antlitz und raffiniertem Kopfputz. Nicht selten kokettieren sie, und dann folgen bei dem jähzornigen Temperament der Männer oft Mord und Totschlag. Auch nach diesem Tanz kam ein junger Mann zu mir mit zerrissenen Gewand und einer Hiebwunde im Oberarm, die ich durch Nadeln schließen mußte.

Auch sonst wird in Wadai die Beschneidung mit Festlichkeiten und seltsamen Gebräuchen begangen. Die Mädchen der Familie des beschnittenen Knaben geben ihm Schmucksachen, die sie dann wieder einlösen müssen. Auch von fremden Mädchen, die ihm in den Weg kommen, kann er dasselbe verlangen; er darf mit seinem Wurfholz die ihm begegnenden Hühner erlegen, auch von Händlern und fremden Kaufleuten Geschenke durch Beschlagnahme ihrer Waren erpressen. Besonders die Prinzen machten von diesem Recht ausgiebig Gebrauch; erschienen sie auf dem Markt, so packte jedermann schleunigst seine Habe zusammen, und an mehreren Tagen hörte der Marktverkehr gänzlich auf.

Festlich begangen wurde nach allgemeiner islamischer Sitte der Schluß des Fastenmonats, am 25. November, bei dem der König mit großem Geleit von Bewaffneten zu seiner Moschee außerhalb der Stadt ritt. Die Zahl der Reiter betrug etwa 1000, in ganz Wadai waren es ihrer 5 - 6000, großenteils in Watte oder Stahlpanzer. Steinschloßflinten besaß der König ungefähr 4000, aber es gab wohl kaum tausend Mann, die mit Feuerwaffen umzugehen wußten. Kleinkalibrige Bronzekanonen waren etwa ein Dutzend vorhanden, aber ohne Lasetten und Bedienungsmannschaft, also wertlos. Bei dem erwähnten Ritt zur Moschee wurde eine Kanone mitgeführt; um sie abschießen zu können, legte man sie auf die Erde und erhöhte das Vorderteil durch untergelegte Steine. Kriegspflichtig ist die ganze männliche Bevölkerung vom 18. bis zum 60. Jahre, was bei einer Bevölkerung von zwei bis drei Millionen 50 bis 60 000 Mann ausmachen mag.

Eine kurz darauf eintreffende Karawane aus Tripolis wurde feierlich eingeholt. Sie zählte einige hundert Kamele und hatte zu ihrer Reise durch Fessan und Borku fast fünf Monate gebraucht; die reich gekleideten Kaufleute überbrachten dem König reiche Gechenke. Ali erwies sich hier als kritisch; einen Säbel wies er zurück, weil er schon gebraucht sei, und einen Empfehlungsbrief, den der Generalgouverneur von Tripolis für mich geschrieben hatte, lehnte er ebenso ab wie das Schreiben Omars von Bornu. Im übrigen war er sehr entgegenkommend. Der Karawanenverkehr von Norden war unter der Regierung seines grausamen und fremdenfeindlichen Vaters abgebrochen worden, diese Karawane war die erste größere seit langer Zeit und dem König sehr willkommen als Beweis des Aufschwungs der von ihm systematisch gepflegten Handelbeziehungen. Auch sonst war Wadai unter diesem klugen und entschiedenen Herrscher ein aufstrebendes Land.

Das eigentliche Wadai südlich der großen Wüste, westlich bis zum Fitrisee reichend, im Osten an Darfur grenzend, hatte eine Oberfläche von etwa 165 000 Quadratkilometer; Ali hatte mehrere Wüstenstämme unterworfen, einen Teil von Kanem und der Landschaft östlich vom Tschadsee sowie Bagirmi unter seinem Einfluß gebracht und im Süden die ausgedehnte Landschaft Runga einverleibt, zusammen etwa 110 000 Quadratkilometer. Tausende von Bewohnern Bagirmis hatte er in Wadai angesiedelt, wo sie sich durch Geschick und Betriebsamkeit vorteilhaft von ihrer Umgebung auszeichnen. Zwar bestehen in Wadai wohl an die dreißig höhere Schulen und Elementarschulen, sogar mit Schulzwang in jeder größeren Ortschaft. Auch hat sich ein kompliziertes Gemeinwesen, ein sorgfältig geordneter sozialer Verkehr mit streng geregelter Etikette herausgebildet. Aber die Künste des Friedens sind wenig entwickelt. Die echten Wadaileute sind roh, streitsüchtig, gewalttätig und in der Trunkenheit, die trotz der strengen Bestimmungen gegen berauschende Getränke ein allgemein verbreitetes Laster ist, tritt ihre ganze Mildheit zutage. In Maba, der herrschende Stamm, sind die hochmütigsten, fanatischsten, engherzigsten Menschen, denen ich auf meinen Reisen begegnet bin.

Infolge dieser Eigenschaften erlitten meine beiden Vorgänger, Dr. Vogel und Beurmann, ihr tragisches Ende. Bei Dr. Eduard Vogel geschah es allerdings nicht ohne eigene Mitschuld. Nach meinen Erkundigungen war er Ende 1856 in Abesche eingetroffen. Er wurde vom König Mohammed Scherif, dem Vater Alis, nicht unfreundlich aufgenommen und bei einem hohen Beamten einquartiert. Leider trug er der Beschränktheit der Eingeborenen nicht Rechnung, durchstreifte die Umgebung zu Fuß und zu Pferd, schrieb und zeichnete und forderte so den Argwohn der rohen Leute heraus. Sein eigener Gastfreund machte den König auf Vogels verdächtiges Betagen aufmerksam; er kam in den Verdacht der Spionage, und der König antwortete dem Warner: "Wenn dem so ist, so ist es jedenfalls sicherer, du läßt ihn töten." Schon 13 Tage nach seiner Ankunft wurde er dicht bei Abesche von Leuten seines Gastfreundes mit Keulen erschlagen. Trotz dringender Warnungen des Hadsch Ahmed habe ich auch bei König Ali die Mordtat zur Sprache gebracht und ihn um den schriftlichen Nachlaß des Ermordeten gebeten, falls er noch vorhanden sei. Er sagte es zu, versicherte mir aber vor meiner Abreise, es habe sich nichts gefunden.

Das gleiche Schicksal hatte Moritz von Beurmann, der 1862 zur Aufsuchung des verschollenen Dr. Vogel ausgezogen war. Er versuchte von Kanem aus in Wadai einzudringen und kam auch bis zu dem Grenzort Mao. Während meiner Reise durch Kanem hatte ich genaue Nachrichten über die Katastrophe von einem glaubwürdigen Mann erhalten, der Beurmanns Leiche bestattet hatte. Anstifter der Tat war ein Beamter von Wadai, der sich gerade in Kanem befand. In seinem Eifer, den Christen von seinem Vaterland fernzuhalten, rang er dem Statthalter von Mao die Zustimmung zum Morde ab. Die Mörder drangen in Beurmanns Hütte ein. Da der plötzlich Überfallene seine Feuerwaffen nicht erreichen konnte, verteidigte er sich mutig mit dem Schwert, und es kam zu einem verzweifelten Handgemenge. Die Angreifer konnten ihm mit Lanzen und Messern nichts anhaben. In dem Wahn, er sei gegen blanke Waffen gefeit, warfen sie ihm einen Strick um und vollendeten ihr Verbrechen durch Erdrosselung. Die Stelle, wo mein Gewährsmann das Opfer begrub, war längst überwüstet und unkenntlich geworden.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





© Copyright 2000 by JADU

www.jadland.de

 

Webmaster