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24. Beim Herrscher von Wadai

Gleich am folgenden Morgen führte mich ein Beamter des Königs ohne Begrüßung zum Palast. Empfangen wurde ich nicht, sondern aufgefordert, durch Schüsse auf einen Tonkrug die Tragweite meiner Gewehre zu beweisen, während der König vom zweiten Stockwerk seines Kastells zusah. Ich ließ ihm antworten, ich sei gewohnt, empfangen zu werden, wie es mein Rang und die Sitte erfordere, und überließe es seinen Beamten, Versuche mit meinen Waffen anzustellen. Das half. Die Waffen wurden zurückbehalten, aber zwei meiner Pferde an mich zurückgestellt, und schon am Nachmittag wurde ich von neuem zum König gerufen.

Hinter der eigentlichen Königswohnung, einem für dortige Verhältnisse bewunderungswürdigen Bau, lag ein kleiner Wartehof, aus dem zwei verhängte Türen in den viereckigen Empfangshof führten. Hier saß auf einer mit Teppichen bedeckten Matte der gefürchtete Herrscher in einem einfachen Baumwollhemd, ebensolchen Beinkleidern, einen kleinen Tarbusch auf dem Kopfe, ohne von Höflingen und Großwürdenträgern umgeben zu sein. Ein Bild höchster Einfachheit! Er ließ mich dicht bei sich niedersitzen, fragte mich nach meiner Reise, ob es wahr sei, daß ich bei seinem Feinde, dem König von Bagirmi, gewesen sei, und fügte sofort hinzu: Bei ihm und unter seiner Herrschaft würde ich vollständige Sicherheit genießen; ja, ich könne sein granzes Land "beschreiben"; wünsche ich nach Norden oder Osten weiterzureisen oder im Innern seines Landes Ausflüge zu machen, so werde er mich überall ohne Gefahr hinbringen lassen, wenn auch das letztere nicht immer ganz leicht sei. An meiner Reise nach dem Süden Bagirmis nach er keinen Anstoß; ohne Zweifel war er erfreut, durch mich zuverlässige Nachrichten über die dortigen Zustände zu bekommen.

Seiner Fragen waren mehr, als ein Mensch und ein Arzt füglich beantworten konnte. Aber alle waren verständig, und seine eigenen Antworten wurden mit größter Besonnenheit, Ruhe und Höflichkeit gegeben. Ich hatte in jenen Ländern noch keine Person, noch weniger einen Sultan kennengelernt, der mir einen so verständigen, einfachen, würdigen und selbstbewußten Eindruck gemacht hätte als der gefürchtete König von Wadai. Auch seine äußere Erscheinung war nichts weniger als abstoßend. Er war ein kräftiger Mann von etwa 35 Jahren mit spärlichem Bart, einer ins Rötliche spielenden dunkeln Hautfarbe, mäßig entwickelter Nase, wenig hervortretenden Backenknochen, eher hübschen als häßlichen Gesichts.

Bei der Verabschiedung versprach er mir nochmals vollständigste Sicherheit, riet mir aber, zunächst meine Wohnung nicht zu verlasen, da er Ausschreitungen seiner etwas rohen Untertanen befürchte. Einer seiner persönlichen Diener führte mich zurück. Diese Vorsicht ist geboten, denn besonders gegen Abend wimmelte die Stadt von trunkenem niederem Volk, das selbst die grenzenlose Furcht vor dem König nicht ganz von seinen geliebten blutigen Raufereien abhielt. Keine Woche verging ohne schwere Gewalttaten. Das Messer oder eine am unteren Ende mit Eisenringen versehene Holzkeule waren stets zur Hand.

Besonders verhaßt waren alle Fremden, obwohl König Ali unendlich viel getan hatte, um den von seinem Vater genährten Fremdenhaß zu tilgen. Besonders besorgt war er für die handeltreibenden Araber, die Dschellaba, die früher häufig ermordet worden waren, so daß die Karawanenwege von Norden her verödeten. Jetzt kamen sie in großer Zahl ins Land, und es ereignete sich nicht mehr, daß einer ohne Zahlung für seine Waren blieb, wie es nur allzuoft in Bornu der Fall war.

Um den wilden Sinn der Eingeborenen zu bändigen, schreckte Ali auch vor äußerste Strenge nicht zurück. Im Innern des Landes waren die Zustände noch nicht so gesichert wie in der Hauptstadt; um sie auf die gleiche Stufe zu bringen, schonte er auch die nächsten Verwandten nicht, die in jenen Ländern gewöhnlich die Hauptübeltäter sind. Es war wohl diesem Umstand zuzuschreiben, daß er beim Regierungsantritt nach alter Wadaisitte diejenigen, die möglicherweise nach der Herrschaft strebten, blenden ließ. Er beschränkte sich aber auf die Verwandten, deren wilden, herrschsüchtigen Sinn er erkannte, und ließ einige unter Umständen thronberechtigte Brüder im Vertrauen auf ihre bessere Natur unbehelligt. Auch der Königmutter, die in Wadai große Macht besitzt, war er sehr entschieden gegenübergetreten. Als sie zu Übergriffen neigte, erschien er mit dem höchsten Beamten in ihrer Wohnung, verwarnte sie nachtrücklich, und als sie mit ihrer Abreise ins Ausland drohte, antwortete er trocken, dem stehe nichts im Wege.

Alle Erzählungen über kürzlich vorgekommene Ereignisse, ermöglichten mir ein Urteil über König Ali, das ich in der Folge vollkommen bestätigt fand. Er war ein Mann von gesundem Menschenverstand, wenig Gemüt, rücksichtsloser Energie und strenger, selbst grausamer Gerechtigkeit. Sein Hauptbestreben ging dahin, die Machtstellung seines Reichs nach außen zu heben und im Innern das königliche Ansehen durch Gerechtigkeit und Furcht zu befestigen. Im Interesse des Handels verfolgte er gegenüber den größeren Nachbarländern eine friedliche Politik, doch hielt er nach andern Richtungen seine Kriegsanführer fortwährend in Tätigkeit, und wehe dem, der es an Tapferkeit und Entschiedenheit fehlen ließ.

Bei meine Besuchen im Palast machte ich immer wieder die Erfahrung, daß der höchste Beamte nicht mehr Einfluß auf ihn besaß als der letzte seiner Diener. Er war etwas enttäuscht, daß ich nicht Waffenschmied und Feuerwerker sei, denn er hatte geört, wir Europäer verständen alle Handwerke und Künste.

Mit seinem ärztlichen Stande söhnte er sich aus. Zum Entsetzen seiner Umgebung nahm er meine Heilmittel gegen seine Hämorrhoidalbeschwerden regelmäßig ein. Häufig hatte ich mit ihm Unterredungen über christliche Länder und das Christentum. Das Fernrohr, das ich ihm schenkte, gab er zurück. Es diene mir besser als ihm, Gott habe ihm sehr gute Augen gegeben, und er sehe dadurch nichts Besonderes. Das Empfehlungsschreiben Omars von Bornu hat er gar nicht angenommen; es sei überflüssig, denn es köne doch nicht anders als mich empfehlen, und er wisse ganz genau, wie er sich Fremden gegenüber zu verhalten habe. Ich bin daher in der Lage, es verkleinert getreu wiederzugeben.

Empfehlungsschreiben des Scheich Omar an König Ali

In Übersetzung lautete das Schreiben:

Preis sei Gott und Huldigung dem Gottgesandten!

Vom Knechte des hochgelobten Gottes, Omar, dem Sohne des Mohammed el-Emin el-Kanemi, an seine Majestät, unsern durchlauchtigsten, edeln, ruhmreichen, mächtigen, glückseligen, mit allen schönen und gottgefälligen Eigenschaften geschmückten Freund, den Sultan Mahammed Ali, Sohn des edeln und berühmten Sultans Mohammed es-Sarif. - Gruß und Huldigung und Ehrerbietung und Anwünschung göttlichen Segens und langen Lebens! Die Veranlassung zu diesem unsern Schreiben an euch ist, daß wir in betreff des christlichen Schutzbefohlenen Idris Efendi, der auf der Rückkehr nach seiner Heimat Deutschland zu Euch kommen wird, von Eurer Regierung erbitten, derselbe möge unter dem Schutze Eures ruhmreichen Namens wohlbehalten, sicher und ohne Gefährede und Belästigung nach Fur gelangen. Derselbe kam zu uns auf Grund der Zusage unsers Schutzes und unserer Gnade, und es ist eins der Fundamentalangebote, unserer heiligen Religion, dem Schützling Wort zu halten; ja die alten Lehrer des göttlichen Gesetzes haben sogar gesagt, daß die Vergewaltigung des Schützlings sündhafter sei als die des Muselmans, weil jener hilflos ist in den Ländern des Islam. Dies ist, was wir von Euerer Güte beanspruchen und für dessen Gewährung unsere hohe Meinung von Euch uns bürgt. Der hochgelobte Gott sei mit uns allen! Lebt wohl!

Geschrieben Donnerstag vor Mittag am ersten Tage des heiligen Monats der Pilgerfahrt des Jahres 1289.

Seine Gastfreundlichkeit war nicht so freigiebig wie die Omars, aber sie genügte mir vollständig, und wenn er mir Schafe und sonstige Beihilfen für meine Marktausgaben schickte, war kein Trinkgeld anzubringen. Er duldete nicht, daß seine Güte gegen Fremde zu einer Einnahmequelle für seine Diener wurde.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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