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23. Ins geheimnisvolle Reich

Mein zweiter Aufenthalt in Kuka hat wieder fast ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Erst in der Ruhe wurde ich mir meines heruntergekommenen Zustandes recht bewußt. Die Schmerzen in den Gelenken, Muskeln und Knochen, die ich den Sümpfen Bagirmis verdankte, beraubten mich des Schlafes, und Geschwüre mit stark entzündeter Umgebung bedeckten meinen Köper. So blieb ich, von Schmerzen gepeinigt, kraftlos, tief verstimmt, voll Sehnsucht nach der Heimat, länger als einen Monat unfähig zu nutzbringender Arbeit und zur Betreibung meiner Weiterreise. Als Ziel derselben stand bei mir noch immer das geheimnisvolle Reich Wadai fest. Aber vorläufig war der Weg durch die Überschwemmungen der Regenzeit ungangbar, und der Scheich zögerte noch immer mit der Erlaubnis, weil er um die Sicherheit meiner Person aufrichtig besorgt war.

Die Aussichten besserten sich erst, als am 10. Januar 1873 ein Bote des Königs von Wadai mit Briefen an Scheich Omar und günstigen Nachrichten über die dortigen Zustände ankam und sich auf Wunsch des Scheich bereit erklärte, mich als Reisegefährten mitzunehmen. Sei ich, meinte er, erst einmal in der Hauptstadt Abesche unter dem Schutz des Königs Ali, so drohe mir keine Gefahr mehr; doch dürfe ich das Land nicht "ausschreiben", unterwegs die Leute nicht ausfragen und in Abesche keinen Versuch machen, im Lande herumzureisen. Nun konnte ich endlich an die Vorbereitungen zur Verwirklichung meines Planes gehen. Schwierigkeiten machte noch mein Geldmangel. Zwar hatte die heimische Regierung, wie mir Briefe aus Tripolis mitteilten, 2000 Mariatheresientaler angewiesen, aber angekommen waren sie noch nicht. Die Güte des Scheich hat mich in den Stand gesetzt, die nötige Ausrüstung und die Geschenke für die Könige von Wadai und Darfur rasch zu beschaffen, und am 1. März 1873 konnte ich mich von dem edlen Bornufürsten verabschieden und den Weg von Kuka nach Abesche antreten, der etwa 1000 Kilometer beträgt und von den Karawanen in 28 bis 34 Tagen zurückgelegt wird. Er ging mit geringen Abweichungen immer nach Osten. Mit mir reisten der Wadaigesandte Otman, ein Schoa-Araber Abo, der aus Wadai verbannt war und jetzt die Gnade des Königs zu erlangen hoffte, einige in Wadai geborene Leute von Bornu und zahlreiche Pilger.

Bei der Stadt Gulfei am Schari endigte das erste Viertel unseres Weges, das in das Gebiet von Bornu fällt; für das zweite Viertel bis zum Fitrisee mußten wir uns mit Getreide versehen. Der tropische Pflanzenwuchs am Schari wird hier durch die Steppenvegetation abgelöst. Fruchtbarer ist wieder das unter der Botmäßigkeit Wadais stehende Land um den Fitrisee, ein etwa zwei Tagereisen im Umfang messendes ovales Becken ohne Ablulß, das während der Regenzeit weithin die Ufer überschwemmt.

Das Fitrigebiet soll etwa 100 Ortschaften zählen. Sein Beherrscher Dschurad behandelte mich freundlich. Wir fanden ihn in einer gewöhnlichen Hütte auf einem einfachen Teppich sitzend, mit einer langen Tobe von mäßiger Reinlichkeit bekleidet. Der gegen 60 Jahre zählende kräftige Mann rechtfertigte in der Unterhaltung den ausgezeichneten Ruf, den er in Bornu wie in Wadai genoß. Er zeigte sich verständig, im Sinn der dortigen Welt gelehrt und versicherte mir, daß ich ungefährdet meine Reise fortsetzen könne.

Auf kurze Strecke berührten wir den Batha, den von Osten kommenden Zufluß des Fitrisees. In der Regenzeit ist er ein starker Strom, jetzt war sein Bett trocken. Aber sobald man Löcher in den Sand bohrt, findet man süßes, klares Wasser mit kleinen Fischen. Zwischen dem Fitrigebiet und der Grenze des Kernlandes von Wadai folgt eine Steppe, die zuzeiten von Abteilungen mehrerer arabischer Stämme durchstreift wird. Sie wurde durch Löwen und Rhinozerosse sowie durch Diebe unsicher gemacht, so daß wir dicht beieinander lagern und das Lager mit einem Dornverhau umgeben mußten. Otman, unser beständiger Warner vor Diebereien, war das erste Opfer; er verlor ansehnliche Partien von Toben, und mir stahl man mein stärkstes Kamel von der Weide.

Abgesehen hiervon wurde ich auf der ganzen Reise nicht belästigt. In Bukko, der damaligen Residenz des Fitrigebiets, war ich den ganzen Tag von Besuchern belagert, die sich durchgängig höchst bescheiden, anspruchslos und höflich betrugen. Wo es mir gelang, mit Eingeborenen zu verkehren, bemerkte ich, daß ich als Pilger und Scherif, also als Abkömmling Mohammeds, galt und hoch angesehen war, obwohl ich mich wiederholt als Nasara, als Christ bekannte. Man schien dies für den Namen einer entfernt wohnenden, etwas sonderbaren mohammedanischen Sekte zu halten.

Nach Überwindung einer Wüstenstrecke, die sich durch Wasserarmut und Mangel an Bäumen auszeichnete, hatten wir noch vier Tagemärsche bis nach Abesche. Otman wurde immer nachdenklicher, wie König Ali meine Ankunft aufnehmen würde. Er schickte einen Boten voraus, und als am vierten Tag noch keine Antwort da war, weigerte er sich weiterzuziehen. Auch ich war unruhig, und als ich den gewohnten Mittagsschlaf halten wollte, kam ich nicht über einen Halbschlummer hinaus, den wilde Träume störten.

Endlich kam eine freundliche Botschaft mit dem Versprechen sicheren Geleits, aber auch mit der bedenklichen Weisung, durch den Boten meine Pferde und meine Waffen nach der Hauptstadt bringen zu lassen. Sofort brachen wir auf. Ein heftiges Gewitter machte meine Stimmung noch düsterer, die grausige Nacht in felsiger und waldiger Gegend erschien mir wie ein böses Vorzeichen, und als wir, nach rastlosem Marsch über tief in den felsigen Boden gewühlte Rinnsale, gegen Mitternacht die Residenz des gefürchteten Herrschers erreichten und still zwischen den finstern, niedrigen Häusern dahinzogen, die von der düstern Masse der kastellartigen Königswohnung überragt wurden, hatte ich das Gefühl, meinem Untergang entgegenzugehen.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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