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22. Zum letztenmal in Kuka

Zwei schwere Monate habe ich in Gundi verlebt. Es regnete an mehr als der Hälfte der Tage. Zwar war ich in den Besitz einer ausgezeichneten Hütte gelangt, die mich vor den unmittelbaren Unbilden des Wetters sicherte, aber Decken und Kleidungsstücke blieben beständig feucht, alles Leder schimmelte, alles Eisen rostete. In meiner Hütte herrschte Kellerluft, und Brennstoff für ein austrocknendes Feuer fehlte. Vom Lande der Tummok hatten wir uns Überfluß an Nahrungsmitteln versprochen, aber davon war nichts zu merken. Jedes Requirieren wurde zu einem Raubzug, bei dem auf beiden Seiten Tote blieben, einmal auf unserer Seite zwanzig, darunter sieben Frauen, die der Hunger zur Teilnahme getrieben hatte. Erst mit Beginn der neuen Ernte wurde es etwas besser. Mit einiger Sicherheit konnte ich den Tag berechnen, an dem ich nichts mehr besitzen würde, um die nötigsten Lebensmittel zu kaufen. Auf Hühner hatte ich ganz verzichtet, ich aß nur noch Suppen aus dem Mehl des Getreides oder der Erdnüsse. Wir nagten wirklich am Hungertuch.

Anfang Juli wurde auch ich von der Darmkrankheit befallen. Dazu kamen bei den zunehmenden Regengüssen tägliche Fieberanfälle, zu deren Bekämpfung das Chinin fehlte. Meine Kräfte schwanden rasch, und ich hatte nur noch den einen Wunsch, möglichst bald abreisen zu können. Bisweilen ließ ich mich aufs Pferd heben und ritt zur nahen Wohnung des Königs, um durch meine jämmerliche Erscheinung sein Mitleid zu erregen. Aber mit mohammedanischer Logik antwortete er: "Wenn Gott dir den Tod bestimmt hat, o Christ, so ist es gleichgültig, ob du hier stirbst oder in Bornu oder unterwegs. Wenn er dir aber Leben beschieden hat, so wirst du deine Gesundheit wiedererlangen." Die Gründe, weshalb er mich und die mit mir gekommenen Bornukaufleute immer wieder verhinderte abzureisen, lagen zum Teil darin, daß er die von jenen gekauften Pferde noch nicht bezahlt, und mir noch kein Gegengeschenk gemacht hatte. Vorläufig besaß er nichts als Sklaven, und diese anzunehmen weigerte ich mich. Freigebig war er ja. Schließlich hat er auch die Kaufleute zu ihrer vollen Zufriedenheit mit Sklaven bezahlt und mir zwei Zentner Elfenbein und einen Lastochsen überlassen. Den Rückweg hat er mir durch Beiordnung eines königlichen Boten und durch Empfehlungssschreiben möglichst erleichtert.

Am 31. Juli trennten wir uns vom König und zogen von Gundi nördlich und dann nordwestlich zum Schari zurück. Unsere Karawane zählte durch die vielen erworbenen Sklaven Hunderte von Köpfen. Die Hälfte litt an Darmkrankheit, die anderen waren halb verhungert; schon am ersten Tage mußten manche zurückgelassen werden, da sie auch durch die grausamste Durchpeitschung nicht bewogen werden konnten weiterzugehen. Das wiederholte sich oft, und ich war schon geneigt, die Zurückbleibenden zu beglückwünschen. Ich kann die Bestialität der Sklavenhändler trotz meiner traurigen Erfahrungen noch nicht genug! Hammu lachte über meine Naivität. Einige Zeit darauf sah ich einen meiner Bornugefährten vergeblich bemüht, eine junge, kranke Sklavin zum Weitermarsch zu gewinnen. Resigniert ritt ich weiter, kehrte aber noch einmal um und fand den sonst gutmütigen Mann beschäftigt, sein blutiges Messer zu reinigen. Mit durchschnittener Kehle und offenen Pulsadern lag die Sklavin tot zu seinen Füßen, und der Mann sagte: "Ja, ja, Christ, bei diesen verfluchten Heiden ist weder Treu noch Glauben noch Erwerb zu finden!"

Auf diese Weise lernte ich erst das traurige Schicksal mancher kennen, denen die Kräfte den Dienst versagten. Wenn die Menschenjäger aus dem Leben ihrer Opfer keinen Nutzen mehr ziehen können, schlachten sie diese zum warnenden Beispiel. Ich war starr vor Entsetzen. Gegenüber solchen Unmenschlichkeiten ganz machtlos zu sein, ist schwerer zu ertragen als alle Gefahren und körperlichen Anstrengungen.

Meine Gesundheit besserte sich sofort mit dem Ortswechsel, wenn auch die Schwäche noch groß blieb. Die flache Gegend stand infolge der Regenzeit großenteils unter Wasser, der überschwemmte Tonboden war von Elefantenspuren und Gruben durchsetzt, Menschen und Tiere rangen gleitend und stürzend dem zähen, grundlosen Terrain mühsam jeden Schritt ab. Mein halbverhungerter Klepper kam wiederholt zu Fall, und als ich zu Fuß ging, versank ich oft genug so tief in den Brei, daß ich herausgezogen werden mußte. Als wir am 5. August unsern früheren Reiseweg gekreuzt hatten, kam der schwierigste Teil. Bald steckten wir in grundlosem Sumpf und tief aufgeweichtem Lehmboden. Mein Pferd war ein halbes dutzendmal gestürzt, ich führte es darum am Zügel weiter, Schritt für Schritt den Boden untersuchend; aber noch oft versanken wir in dem lehmigen Brei. Unsere Pferde zitterten an verdächtigen Stellen aus Furcht vor dem Sturz und den Schlägen, die sie zu neuen Anstrengungen zwangen.

Am 9. August erreichten wir den Schari gegenüber der Stadt Massaling. Während der größte Teil der Karawane den Marsch zu Land fortsetzte, wurde ich als Gast des Königs mit Booten weiterbefördert. Die bequeme Fahrt auf dem herrlichen Strom war ein wahrer Genuß nach der Qual der letzten Tage; sie endete am 20. August in Bugoman, wo ich auf der Hinreise den Schari erreicht hatte.

Die Sklaven der Karawane, auf die ich hier wieder stieß, waren in bejammernswertem Zustand, ihre Zahl erheblich verringert. Neben dem Darmleiden wütete unter ihnen eine Augenentzündung. Die meisten waren zu Skeletten abgemagert, viele gestorben oder geflohen. In Ermangelung von Ketten mußte man sich damit begnügen, im Lager ihre Füße mit Stricken aneinanderzubinden, die leichter gelöst werden konnten. Kraft- und mutlos gingen die unbemerkt Geflohenen nicht weit; sie setzten sich in der ersten besten Hütte still nieder, und die Bewohner vertrieben sie nicht, froh, umsonst zu Sklaven zu kommen.

Am 22. August setzten wir die Reise fort, den Schari hatten wir verlassen. Stundenlang arbeiteten wir uns durch seine überschwemmte Niederung, oft bis zum halben Leib im Wasser. Die Hauptstadt Logons verließ ich in elendem Aufzug. In zerrissener Kleidung, von Krankheit und Entbehrung erschöpft, auf meinem kleinen ausgehungerten, unvollkommen gezäumten und gesattelten Klepper imponierte ich der Einwohnerschaft sichtlich weniger als zur Zeit meiner Ankunft von Bornu.

In Kala vermißte die Karawane vieder viele Sklaven. Anfangs hatten die zu meinem Hausstand gehörigen sich wacker gehalten, obwohl viele Kinder darunter waren, später sind auch sie rasch zusammengeschmolzen. Almas hatte von einem halben Dutzend bis dahin noch drei gerettet; einen hatte er wegen Marschunfähigkeit zu einem Spottpreis verkauft, ein anderer war gestorben, ein dritter geflohen. In Kala vermißte Almas den vierten, bald darauf den fünften. In solchen Fällen pflegen öffentliche Beamte die Einwohner auf den Koran schwören zu lassen, daß sie die Vermißten weder im Hause haben noch ihren Aufenthalt kennen. Da es ihnen nur darauf ankommt, der Form zu genügen, ist es leicht, die Wahrheit zu umgehen. Mir persönlich waren vier Sklaven anvertraut, die einem meiner Freunde in Kuka gehörten, eine junge Frau, ein junger Mann und zwei etwa zehnjährige Mädchen. Der Mann brach kurz vor Logon krank zusammen und blieb im nächsten Dorf zurück, dann entwich die Frau; eine der beiden Kleinen wäre beinahe unbemerkt liegengeblieben, als sie krank und erschöpft auf der morastigen Erde lag. Gehen konnte sie nicht mehr; der gutmütige Hammu hat sie rittlings auf seine Schultern genommen; sie schien auf dem Wege der Genesung, ist aber plötzlich tot von dem Stier, auf dem sie weitertransportiert wurde, herabgefallen. Das andere Kind verschwand für eine Nacht, wurde aber gefunden - es ist als einziger der vier Sklaven meinens Freundes an ihn gelangt. Auf jeden der Unglücklichen, die die großen Marktplätze des Sudan erreichen, müssen drei oder vier gerechnet werden, die untwegs zugrunde gehen oder verschwinden. Noch kurz vor Ende der Reise hatte Almas eine Sklavin, die nicht weiter konnte, unmenschlich gezüchtigt und sie mit dem Wunsch, sie möge eine Beute der Hyänen werden, in der Wildnis verlassen. Ich nahm sie auf mein Pferd und brachte sie glücklich in unser Nachtquartier.

Meine Mittel waren schließlich so gering geworden, daß ich bei meinem letzten Flußübergang in große Verlegenheit geriet. Ein Karawanengenosse, der die Fährleute nicht hatte zahlen können oder wollen, hatte sie auf den demnächst folgenden reichen Christen vertröstet, so daß ihre Erwartungen hoch gespannt waren. Nur durch einen Eidschwur konnte ich sie von meiner gänzlichen Armut überzeugen, und sie begnügten sich schließlich mit dem Eisen einer Axt und den Steigbügeln eines kürzlich verendeten Pferdes.

Rührend war die Aufnahme in einem von seßhaften Schoa-Arabern bewohnten Dorf. Eine Witwe mit zwei hübschen Töchtern nahm uns in ihre Hütte auf. Soweit ihre beschränkten Mittel es erlaubten, sollte es uns bei ihr an nichts fehlen. Da die größeren Hütten der Schoa auch für das Vieh zum nächtlichen Aufenthalt dienen und infolge ihres weniger dichten Baus nicht gegen das Eindringen der quälenden Mückenscharen gesichert sind, ist in der Mitte der Hütte häufig eine Gehäuse errichtet, etwa drei Meter lang, zwei Meter breit und anderhalb Meter hoch, das überall dicht mit Matten bedeckt ist; nur an einer Ecke kann eine Matte zum Aus- und Einschlüpfen ein wenig gehoben werden. Die Vorrichtung erfüllt ihren Zweck, aber auf dem engen Raum zu viert war die Luft nicht gerade die beste.

Am 7. September 1872 zog ich nach einer Abwesenheit von mehr als einem halben Jahr wieder in Kuka ein, von Scheich Omar mit wahrhaft väterlicher Güte begrüßt und mit Geschenken überhäuft. Das Haus wurde nicht leer von Besuchern, die mich willkommen hießen. Die ganze Einrichtung mußte neu beschafft werden. Erst dann konnte ich mich der Ruhe hingeben, welche die seit Wochen fast täglich mich heimsuchenden Fieberanfälle dringend verlangten.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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