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21. Sklavenjagden

Von ähnlichen Expeditionen gelang es mir meine Leute zurückzuhalten. Die Bagirmi schonten jetzt auch diejenigen unserer nächsten Nachbarn nicht mehr, die sich dem Könige unterworfen hatten. So wurde nach einem Gewaltmarsch das Dorf Be-Delum überfallen. Die Einwohner hatten es verlassen, und während die Fußgänger plünderten, veranstalteten die Berittenen ein entsetzliches Treibjagen in der waldigen Umgebung. Ungefähr 100 Frauen und größere Kinder wurden ergriffen und gefesselt, Männer im Dickicht erschlagen, oft erst nach verzweifelter Gegenwehr.

Die Lage wurde immer unhaltbarer. Je mehr die nahe Umgebung ausgesogen wurde, desto weiter mußten die Beutezüge ausgedehnt werden, desto bescheidener war das Ergebnis, und desto mehr gewannen sie den Charakter von Kriegszügen. Die geflohenen Einwohner der mißhandelten Dörfer hatten sich in eine umwallte Ortschaft zurückgezogen und beunruhigten von dort die Umgebung unseres Lagers. Ein Versuch, sie zu überfallen, scheiterte, desto häufiger bekamen wir unliebsame Besuche. Beständig umstrichen uns feindliche Reiter auf ihren kleinen, schnellen Rossen; sie stahlen Vieh und erschlugen Sklaven und Frauen, die sich zu weit vom Lager entfernten. Zum Glück für den König hatte sich mit Vorrücken der Regenzeit der Gegenkönig mit den Hilfstruppen aus Wadai nach Norden zurückgezogen.

Am 29. Mai marschierten wir schon vor Tagesanbruch nach Osten ab. Es war höchste Zeit. Dichte Scharen bewaffneter Heiden hatten sich in bedrohlicher Nähe versammelt. In demselben Augenblick, in dem ich unsere Hütte verließ, drangen sie unter lautem Kriegsgeheul in das Lager ein. Hätte nicht der König den Rückzug gedeckt, so würde der ganze Ort lichterloh gebrannt haben, noch bevor wir ihn verlassen konnten.

Zwei Tage später wurde die Ortschaft Koli angegriffen, die bisher die Herrschaft der Bagirmi mit Erfolg abgelehnt hatte. Zwischen Feldern und zerstörten oder noch brennenden Wohnungen kamen wir zu einer weiten Waldlichtung. Vor mir lag ein großes Viereck mit breitem Lehmwall und flachem Graben. Die Zugänge waren sorgfältig mit Baumstämmen verbarrikadiert, innerhalb des Walls lagen einige Hütten, in der Mitte ein dichter Hain, wieder mit Wall und Graben umgeben. Der Zugang war durch Dornbüsche möglichst erschwert, in seinem Innern barg sich ein Zufluchtsdorf.

Der äußere Wall wurde nicht ernstlich verteidigt. Die Handpfeile der Belagerten konnten uns nicht schaden, und von ihren Speeren und Wurfeisen machten sie keinen Gebrauch, weil sie für den Nahkampf unentbehrlich waren. Es war eine Ausnahme, daß ein Kolikrieger nach mir sein Wurfeisen schleuderte, das meinen Steigbügel traf und mein Pferd verletzte. Einige unserer Fußsoldaten erstiegen bald den Wall und besetzten die Barrikade eines Eingangs. Als sie weggeräumt war und die Panzerreiter eindringen konnten, eilten die Verteidiger leichtfüßig fort und verschwanden im neutralen Dickicht. Hier bestanden sie vom frühen Morgen bis zum Nachmittag tapfer den ungleichen Kampf, der mit ihrem Verderben endigte.

Zum Vorteil gereichte den Belagerten auch hier der Umstand, daß die Bagirmi es an einheitlichem Vorgehen fehlen ließen. Sobald mit Äxten Zugänge in den Rand des Hains gehauen waren, suchte jeder für eigene Rechnung Menschen oder Haustiere zu fangen. Von allen Seiten sah man Habgierige unter den dichten Büschen hinkriechen, verschwinden oder mit einem Rinde oder einer Ziege zurückkehren.

Den Hauptangriff machte der Fatscha Alifa, mein Gastfreund, von der Ostseite. Unter dem Schutz der Flintenträger drangen seine Leute allmählich ein; der Hain lichtete sich, und ein breiter Pfad führte zum Zufluchtsdorf. Er wurde hartnäckig verteidigt, Frauen und Mädchen trugen Getränke zu und stachelten durch anfeuernde Reden die Krieger an. Diese trieben die Angreifer zum Dickicht hinaus, um gleich darauf wieder zurückgeworfen zu werden, und verloren allmählich an Boden.

Da ich den Wunsch hegte, die Zufluchtsstätte zu sehen, bevor sie der Zerstörung anheimfallen mußte, betrat ich ebenfalls den Hain und erreichte auf einem Seitenpfad die ersten Hütten des inneren Dorfes, in dem ich nur kleine Kinder fand. Als ich mich wieder zurückzog, geriet ich auf den Hauptpfad, gerade als die Leute von Koli sich zu einem wütenden Vorstoß ermannten.

In die wilde Flucht der Bagirmi wurde auch ich verwickelt. Ich verlor mein letztes Paar Schuhe, meine letzte blaue Brille, meinen Tarbusch. Schon sah ich Speere und Wurfeisen an mir vorbeifliegen, und ein frühzeitiges Ende meiner Laufbahn schien mir gewiß, als ich vor den Füßen unserer Pferde in den flachen Graben rollte. Beschämt schlich ich, barhaupt, barfuß, aus einer Fußwunde blutend, zu meinem Pferd, band mir ein Stück Zeug zum Schutz gegen die Sonne um den Kopf und verwünschte meine Neugier.

Die Katastrophe wurde dadurch beschleunigt, daß eine Hütte des Zufluchtsdorfes in Brand gesteckt und das ganze Dorf eingeäschert wurde. Alles zog sich in den dichtesten Teil des Gehölzes zurück, dessen Westseite von einer Abteilung der Bagirmi besetzt war. Hier konzentrierte sich der Kampf, ein Kampf der Verzweiflung, dessen entsetzliche Szenen mir in schmerzlicher Erinnerung geblieben sind.

Zwischen zwei Feuer gestellt - die Unseren drängten von dem brennenden Dorf nach -, versuchte die kleine Schar wiederholt, nach Westen durchzubrechen, vergeblich. Schwerverwundete wurden aus dem Gebüsch hervorgezogen und abgetan; halb ohnmächtige Weiber wurden aus ihren Verstecken herbeigeschleppt, nicht selten entspann sich um sie blutiger Streit. Zarte Kinder wurden schonungslos aus den Armen der Mütter gerissen, und wenn es zum Streit bei der Teilung kam, an den Gliedmaßen hin und her gezerrt, daß man fürchten mußte, sie würden buchstäblich in Stücke gerissen.

Um 2 Uhr nachmittags erschienen ein junger Mann und ein verwundeter Greis, die zum Zeichen der Unterwerfung den entblößten Dolch um den Hals gebunden hatten. Es gelang aber nicht, die Wut der Sieger so weit zu besänftigen, daß auch die übrigen herauskommen konnten, ohne ihr Leben zu gefährden. Die Boten kehrten zu den Ihrigen zurück. Noch einmal folgten ergreifende Szenen des verzweifelten Versuchs, durchzubrechen. Es war der letzte Akt des Trauerspiels. Glücklicherweise wurde die Aufmerksamkeit durch den Umstand abgelenkt, daß man das Dickicht nach versteckten Frauen und Kindern absuchte und sich um ihren Besitz in der ekelhaftesten Weise zankte; so konnten ein paar Dutzend Männer hervorkommen und sich, ohne gerade mißhandelt zu werden, auf Gnade und Ungnade ergeben. Der König von Bagirmi besaß einige hundert Sklaven mehr, aber eine wohlhabende Ortschaft war vom Erdboden verschwunden. Als ich traurig an den Leichen vorbei über die Brandstätte ritt, zählte ich 27 halb verbrannte Leichname von Säuglingen, die die Mütter getötet hatten, um sie vor langsamem Untergang oder langer Sklaverei zu bewahren!

Ein anderes Dorf, das wir am Abend passierten, wurde verschont, doch hörten wir aus der Ferne zuweilen Angstrufe von Frauen und Kindern, wenn Marodeure den Zugang zu ihren Verstecken fanden und sie ausplünderten oder gefangennahmen. Die Hälfte der Nacht verbrachte ich mit der Behandlung der Verwundeten. Die Fleischwunden nähte ich mit Pferdehaaren zusammen, die ernsteren Verwundungen verband ich so gut es eben ging.

Schon am nächsten Morgen (1. Juni) erreichten wir Gundi, die Hauptortschaft des Stammes der Tummok, wo Mohammedu seine neue Residenz aufschlug. Sofort begag sich alles in die Umgegend, um Dächer und Umkleidungen von Hütten, Pfähle und Zäune, Hausgerät und sonstige Wohnungsgegenstände zu suchen. Die Sklaven des Königs und der Vornehmen kamen reichbeladen zurück, meine Leute erbeuteten nur ein Stück Strohzaun, und ich hatte eine böses nächtliches Abenteuer.

Wir hatten ahnungslos meine provisorische Hütte auf einem Termitenbau errichtet, der sich nicht über das Niveau der Umgebung erhob. Kaum hatte ich eine halbe Stunde geschlafen, als ich mit einem sonderbaren Gefühl auf der Haut des ganzen Körpers erwachte. Beim trüben Schein einer primitiven Lampe sah ich mein Lager von Tausenden weißer Termiten überschwemmt, von denen ich viele bereits zerdrückt hatte. Hemd und Oberfläche der Lagerdecke waren mit den zerquetschten Insekten bedeckt, und immer neue Scharen entkrochen der Erde. Alle Stoffe in ihrem Bereich waren bereits durchlöchert, und ein Stück Zeug, das mir als Taschentuch diente, fast verschwunden. Kaum hatte ich mir vor der Hütte ein Notlager hergestellt, als ein sintflutartiger Regen mich in einen kläglichen Zustand versetzte und mein Gepäck arg zurichtete.

Der Aufenthalt in Gundi bot weitere Gelegenheit zu Beobachtungen der traurigen Folgen des Sklavenraubs. Der Tummokhäuptling Bai hatte vom König das verwüstete Dorf Koli um 100 Sklaven gekauft, wodurch sein Tribut um 200 "Köpfe" stieg. Auch andere Häuptlinge wurden zur Erfüllung ihrer Abgabepflicht gedrängt. Mit den eingehenden Abschlagszahlungen und den Erträgen kleinerer Raubzüge füllte sich unser Lager in bedenklicher Weise mit Sklaven. Die Anhäufung der großen Menschenmenge, die unzureichende und schlechte Nahrung, die Unbilden der Witterung, Kummer und Furcht vor der Zukunft erzeugten unter den Sklaven Schwäche und Mutlosigkeit, und bald raffte eine Durchfallepidemie zahlreiche Opfer dahin. Da die armen Kranken das Lager nicht verlassen konnten, wurde in ihren Ausscheidungen immer neuer Krankheitsstoff angehäuft. Sie kratzten sich in der Nähe der Hütten ihrer Herren oberflächliche Gruben und schlichen hin und her, solange ihre Kräfte aushielten. Dabei blieben sie mit ihrem Gefährten zusammengefesselt. Der Mangel an eisernen Ketten war durch Tierfellstreifen ersetzt worden, die in bestimmten Zwischenräumen Halsringe bildeten. Bei jedem Bedürfnis des einzelnen mußte ihn die ganze Reihe begleiten. Erst wenn die Kräfte eines Kranken so weit erschöpft waren, daß Flucht nicht mehr zu befürchten war, wurde er aus der Kette gelöst, und gewöhnlich verließ er den Rand seiner Grube nicht mehr, bis sein armseliges Leben erloschen war. Dann schleppte man den Leichnam aus dem Lager, um ihn den Einflüssen des Wetters, den Aasgeiern und Hyänen zu überlasesn. Man kann sich vorstellen, welche verpestete Luft durch die fast zutage liegenden Ausscheidungen und durch die verwesenden Leichname im Lager entstand.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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