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20. Belagerung von Baumfestungen

Zu Beginn meines Aufenthalts in Broto, dem Feldlager Mohammedu, näherte ich hochfliegende Hoffnungen. Meine Reise war bis dahin glücklich verlaufen, jeder Schritt weiter versprach des Willenswerten so viel, daß ich nicht recht wußte nach welcher Richtung hin ich die Früchte meiner Reise einheimsen sollte. Zunächst beschäftigte ich mich mit meiner Umgebung und ich fand Leute genug, die meinen Fragen bereitwillig entgegenkamen. Aber sie waren roh und unwissend, niemand hatte durch Reisen seinen Gesichtskreis erweitert, von der islamischen Kultur schienen sie nur die Kleidung angenommen zu haben. Auch meine Annäherungsversuche an die Vertreter der Heidenstämme hatten nur ungenügenden Erfolg. War es gelungen, ihr erstes Mißtrauen zu besiegen, so wurden sie bettelhaft und unverschämt. Über meine Person gingen die schlimmsten Gerüchte um. Allgemein war die Meinung verbreitet, die weißen Männer seien jeder Zauberei kundig und kauften Schwarze, um sie zu verzehren, Blut als Färbemittel und ihr Gehirn zur Bereitung von Seife zu benutzen. Mehr und mehr lernte ich bedauern, daß ich dieses schöne und fruchtbare Land in so kriegerischer Gesellschaft besuchte, die sich durch fleißiges Requirieren und sonstige Gewalttaten nicht beliebter machte.

Dicht bei Broto waren die Bewohner der Ortschaft Kimre auffällig geworden. Sie hatten ihre Wohnstätten verlassen und sich auf ihre Baumfestungen zurückgezogen, für die der Baumwollbaum durch seine Höhe, den kerzengeraden Wuchs, die Anordnung der Äste in mehreren Stockwerken besonders geeignet ist. Das unterste Stockwerk wird, weil noch zu sehr im Bereich der Angreifer, meistens unbenutzt gelassen. In den nächsten werden möglichst waagerechte Äste durch Stangen zu einer Plattform vereinigt und auf einem dicken Strohgeflecht der Hausstand untergebracht: eine Hütte, Vorräte, Gerätschaften, selbst Haustiere. Weiter oberhalb wird am Stamme des Baumes ein starker Flechtkorb befestigt. Von diesem Behälter aus werden einen halben Meter lange, mit einem Tonklumpen beschwerte Wurfpfeile aus Rohr geschleudert, Handeisen und Lanzen bereitgehalten für den Fall, daß die Angreifer das unterste Stockwerk erklimmen. Je nach Umfang und Höhe der Bäume wohnen eine oder mehrere Familien auf ihnen.

Am 14. April zog eine Expedition unter Führung meines Hausherrn aus, 60 Reiter, 400 Fußkämpfer und ebenso viele Heiden. Schon in der Nacht wurde aufgebrochen. Auf den Lichtungen des Waldes befanden sich Ackerfelder, und reizend lagen im Schatten der prachtvollen Bäume weithin zerstreut die zierlichen Wohnstätten, verlassen, soweit sie nicht schon zerstört waren. Von einem gemeinsamen Handeln gegen die bewohnten Bäume war keine Rede. Hunderte von bewaffneten Männern umstanden die einzelnen Zufluchtsstätten. Sie drohten mit Worten und Gebärden, hatten aber nicht den Mut zum Angriff, denn die ersten Ersteiger eines Baumes waren voraussichtlich verloren. Die flintenbewaffneten Slaven konnten nicht einmal zielen. Wenn sie feuerten, hielten sie das Gewehr möglichst weit vom Körper entfernt. Man versuchte, durch angezündete Strohbündel, die an langen Stangen befestigt waren, Hütten und Mastkörbe in Brand zu stecken, aber es gelang selten, und dann wurde das Feuer ohne Mühe gelöscht.

Schon gelang ich über das Schicksal unserer armen Gegner beruhigt zu werden, als sich durch meine eigenen Leute das Blatt wendete. Almas und Hammu beteiligten sich mit ihren Feuerwaffen am Kampf, ohne daß meine Empörung auf die beiden Fanatiker Eindruck machte. Sie hatten nicht das geringste Bedenken, diese verfluchten Heiden wie Perlhühner zu erlegen, hatten diese doch ihre Unterwerfung unter einen mohammedanischen König und die Gesetze des Islam verweigert. Glücklicherweise war Almas ein mittelmäßiger und Hammu ein ungeschickter Schütze, und beide hatten ihre Munition rasch verbraucht. Ich war Augenzeuge der ersten Opfer. Aus seinem Mastkorbe schleuderte der hochgewachsene Borkämpfer eines von mehreren Familien bewohnten Baumes seine Rohrgeschosse (Siehe das Einbandbild). Zuweilen richtete er sich , die Faust ballend und uns zornige Worte zurufend, in seiner ganzen Höhe auf. In einem solchen Augenblick wurde er von einer Kugel Almas` erreicht und brach lautlos zusammen. Bald darauf wurde ein zweiter Verteidiger getroffen; noch klammerte er sich einige Augenblicke an, dann stürzte er tot in die Tiefe. Eine scheußliche Szene folgte. Im Nu war der Leichnam mit Handeisen zerhackt. Der letzte erwachsene Mann stieg schweigend an, während sein Blut die Rinde des Stammes herabrieselte.

Da endlich wagten die Angreifer den Baum zu ersteigen. Haustiere wurden herabgereicht oder geworfen, der Tote und der Verwundete heruntergeschleudert und bestialisch zerfleischt, Frauen und Kinder nebst einem Greis herabgezerrt und aneinandergebunden. Keine Klage kam über die Lippen der Überlebenden. Ein einziger Baum, auf dem sich nur ein rüstiger Kämpfer befand, wurde ohne Hilfe der Feuerwaffen erobert. Nachdem die Hütte in Brand gesteckt war, zog der Mann sich in eine größere Höhe zurück, wurde mit Lanzen angegriffen und verwundet herabgeworfen, während andere sich der Frauen und Kinder bemächtigten. Zwei Knaben flohen in die äußersten Gipfel und Zweige und stürzten sich dann in die Tiefe. Statt menschlicher Leichname sah ich nur noch formlose Massen. In wenigen Minuten hatten die Barbaren, deren heidnische Hilfstruppen sich am wütendsten gebärdeten, ihre Opfer der Köpfe beraubt und die Eingeweide herausgerissen.

Endlich wurde der Baum entdeckt, der dem Häuptling als Zufluchtsort diente. Von seinem Mastkorb aus hielt er geschickt die Brandapparate ab und warf seine Handpfeile, auch als das untere Stockwerk bereits erstiegen war und ein verwundeter jüngerer Krieger sich zurückgezogen hatte. Er verlor keinen Augenblick seine Kaltblütigkeit, Frauen und Kinder wurden nach oben geschafft, und noch immer hielt der tapfere Mann mit Lanze und Wurfeisen die Verfolger in Schrecken. Glücklicherweise war die Munition der Bagirmi erschöpft, und zu meiner großen Genugtuung wurden der Häuptling und seine Familie gerettet.

Gegen Mittag wurde der Angriff aufgegeben, die meisten Bäume waren nicht einmal angegriffen worden. Der Erfolg des Tages bestand nur in einem halben Hundert Gefangener; nicht erzielt war die Unterwerfung der Leute von Kimre, die sich in ein Nachbardorf zurückzogen. Über mich waren die Bagirmi enttäuscht, weil ich meinen Hinterladerkarabiner nicht zur Verfügung gestellt, meinen Ekel nicht verborgen und bedenklich scharfe Reden geführt hatte. Leider hörte ich später, auch bei den Verfolgten habe ich meine Friedfertigkeit keine Anerkennung gefunden: sie hatten mein harmloses Fernrohr für ein Instrument zur Unterstützung ihrer Feinde gehalten.

 

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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