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2. Stilleben in Mursuk

 

Der March folgte nicht der kürzeren Karawanenstraße, die gerade südlich nach Mursuk führte, zur Hauptstadt der zu Tripolis gehörenden Provinz Fessan, sondern der stark nach Osten ausbiegenden Linie über Sokna. Sie ist länger, hat aber mehr Wasser und bevölkerte Zwischenstationen. Gleich hinter Tripolis durchmißt sie einen Sandgürtel, dann wechseln fruchtbare Oasen mit den öden Steinwüsten, ebene Landschaften mit Gebirgszügen, deren Übersteigung keine größeren Schwierigkeiten bietet. Die Temperatur schwankte - bezeichnend für das nordafrikanische Wüstenklima - zwischen 4 Grad Celsius morgens und 43 Grad mittags. Wieviel weiter in die Sahara hinein in alten Zeiten das Kulturland gereicht hatte, zeigen die Ruinen mächtiger römischer Kastelle, Überreste von Baulichkeiten aller Art und Brunnen mit antiker Fassung. An Zwischenfällen gab es nur einen wütenden Sandsturm. Als er seinen Höhepunkt erreichte, mußte alles sich platt hinlegen; kein Zelt konnte aufgeschlagen werden. Die Gewalt des oft in Wirbeln daherbrausenden Windes führte graugelbe, gespenstisch über die Ebene schwebende Sandhosen mit sich. Häufig begegnete man kleinen Sklavenzügen, doch war Haltung und Zustand der Armen im ganzen recht zufriedenstellend. Gut gekleidet und genährt, scheinbar heiter, zogen sie dem Ende ihrer mühseligen Wanderung entgegen. Der Handel mit Sklaven war offenbar noch in ziemlicher Blüte, und man fragte nach ihrem Preise gerade so einfach, als man sich nach dem Preise des Getreides, des Öles und der Butter erkundigte.

Einen tief ergreifenden überwältigenden überwältigenden Eindruck machte die Sahara schon jetzt auf mich, zu Anfang meiner langen Wüstenreise. Die vor mir liegende, sanft ansteigende Ebene, die dicht mit kleinen, abgeschliffenen Steinen bedeckt war, übertraf an großartiger Einförmigkeit alle bis dahin gesehenen Ebenen dieser Art. Nichts, woran das Auge haften konnte, auch nicht die leiseste Spur von Leben, ein vollständiges Bild der Leere und der Unendlichkeit. Nirgends fühlt der Mensch sich so klein und verloren, und doch wieder nirgends so stark und gehoben, als am Kampfe mit dieser hilflosen Verlassenheit, im leblosen, scheinbar unbegrenzten Raum. Wüstenreisen machen den Menschen ernst und nachdenklich, und die echtesten der Wüstensöhne, die Tuarik und die Tuba, die ihr ganzes Leben in diesem einsamen Kampfe gegen den weiten, wüßten Raum verbringen, haben ein fast finsteres Aussehen, zu dem keine harmlose Heiterkeit mehr zu passen scheint.

In Mursuk, dem Sitz der türkischen Verwaltung Fessans, wo ich nach einem Marsch von 35 Tagen am 27 März eingetroffen war, wurde ich lange festgehalten. Einen Karawane nach Bornu war vor einigen Monaten abgegangen, und die Handelsverhältnisse wirkten nicht so verlockend auf die nordischen Kaufleute, daß wir bald wieder eine Reisegesellschaft finden konnten. Der Hadsch (Mekkapilger) Brahim, die wichtigste Person in Fessan, der mir außerordentlich gut gefiel, hatte mir ein Häuschen für zwei Mariatheresientaler monatlich gemietet und schickte mir sogleich ein ausgezeichnetes Frühstück, eine Menge Gerichte, die mir nach den Entbehrungen der Wüstenreise als Leckerbissen erschienen. Auch der Verkehr mit den türkischen Beamten und sonstigen Honoratioren oder doch höflich , und das Leben in der reizlosen, rings von Wüste umgebenen Stadt gestaltete sich im ganzen angenehm. Ihrem bösartigen Klima mußte ich allerdings meinen Tribut zahlen. Im Anfang machten sich infolge des Nahrungswechsels hartnäckige Verdauungsstörungen geltend. Als sich mein Magen endlich auf die einheimischen Körnerfrüchte Duchn und Durra (Negerhirse), auf Kamelfleisch und Milch eingestellt hatte, erlitt ich im Mai einen äußerst heftigen Malariaanfall.

Mein Leben verlief äußerst eintönig. Während des Vormittags bereitete ich mich für meine weitere Reise vor, studierte die Bornusprache, trug meine meteorologischen Beobachtungen ein, behandelte oft recht uninteressante Kranke und empfing Besuche, die selten fruchtbringend waren. Die häuslichen Arbeiten wurden qualvoll erschwert durch das Treiben der Fliegen, das in dieser Jahreszeit seinen Höhepunkt erreichte. Das Tintenfaß mußte verschlossen gehalten und bei jedem Eintauchen der Feder vorsichtig geöffnet werden; beim Genuß einer Tasse Kaffee, eines Glases Lagbi, des gegorenen Palmensaftes, mußte die freie Hand ununterbrochen bestrebt sein, die massenhaft anstürmenden Insekten zu verjagen, und nicht selten drang bei unvorsichtigem Sprechen eine Fliege bis zum Kehlkopf vor. Brachten mich die Fliegen bei Tage fast zur Verzweiflung, so erfreute ich mich dafür während der Nacht einer ungestörten Ruhe, da die Wüstenlandschaften von der an der Küste wie im Sudan herrschenden Landplage der Flöhe verschont sind. Die Laus dagegen findet alle Bedingungen zu der diesem Tierchen eigenen massenhaften Vermehrung. Auch die Wanzen fehlen nicht, und von der Zerstörungsfähigkeit und Gefräßigkeit der Motten erhielt ich die betrübendsten Beweise.

Nachmittags ging ich zuweilen auf den Markt, besuchte die Kranken, die in ihren Wohnungen behandelt werden mußten, und setzte mich zum Sonnenuntergang zu der holländischen Reisenden Alexandrine Tinne.

Fräulein Tinne, geboren in Haag 1834, die sich schon durch ihre Reisen im Gebiet des oberen Nil bekannt gemacht hatte, war auf einer Forschungsreise durch die Sahara begriffen. Ihr Reichtum hatte ihr den Beinamen "Bent-el-Re", Tochter des Königs, eingetragen, und ich hatte es für ratsam gehalten, mich in meiner immerhin ärmlichen Ausstattung ihrem Zuge lieber nicht anzuschließen. Sie war vor mir in Mursuk eingetroffen. In ihrem Gefolge befand sich auch ein junger deutscher Gymnasiast Gottlob Adolf Krause, der später durch seine reisen in Nord- und Westafrika bekannt geworden ist.

Ich erlabte mich an den herrlichen Abenden, die einen so wohltuenden Gegensatz zu windigen, staubigen und oft glühend heißen tagen bildeten. Dann war es schön auf der hohen Terrasse des von Fräulein Tinne bewohnten Hauses über der schweigenden Stadt. In wunderbarer Schärfe zeichneten die Dattelpalmen ihre Formen von unnachahmlicher Anmut gegen den klarblauen Himmel. Alles schien nähergerückt und vergrößert; die am Horizont auftauchenden Menschen und die heimkehrenden Kamele erschienen fast in gespenstischer Größe.

Meine ärztliche Tätigkeit, der ich mich mit regen Eifer widmete, verschaffte mir nicht allein wichtige Einblick in das Klima des Landes und Kenntnis der vorkommenden Krankheiten, sondern auch zahlreiche Berührungspunkte mit Leuten der verschiedensten Art und Lebenslage, denen ich manche Erfahrung , manche Auskunft und manche Genugtuung durch gespendete Hilfe und manche Freude an der Dankbarkeit der Menschen zu danken hatte.

In Mursuk warteten meiner bei längeren Verweilen nur Fieber, Hitze, Staub und ertötende Einförmigkeit. Es war darum eine Ehrensache für mich, nicht ein halbes, vielleicht gar ein ganzes Jahr tatenlos liegenzubleiben. Seitdem europäische Reisende von Tripolis aus nach Bornu gegangen waren, hatte man von Tibesti, dem Felsenlande der Tubu oder Teba im Südosten von Fessan, gehört, das sich durch mächtige Berge und heiße Quellen auszeichnen sollte. So lebhaft auch der Verkehr war, der vom Süden Fessans mit dieser Landschaft unterhalten wurde, so wenige Fessaner unternahmen die Reise persönlich, und so unbekannt war sie selbst Arabern geblieben. Alle meine Vorgänger waren vor dem schlechten Ruf der Tubu zurückgeschreckt und hatten bei den ernsten Abmahnungen der Behörden ihrem Plane entsagt.

Genug; ich war entschlossen und veranlaßte ein amtliches Schreiben an den Hadsch Dschaber in Gatrun, vier Tagereisen südlich von Mursuk. Er war Vorsteher der dortigen Station der mohammedanischen Sekte der Murabidija und hatte nach dem Urteil aller die Schlüssel zu dem Felsenlande in seinen Händen. Er schien nicht abgeneigt, eine gewisse Verantwortlichkeit für das Gelingen auf sich zu nehmen, und antwortete, ein Edelmann aus Tibesti sei gerade in Gatrun, der ihm zuverlässig und angesehen genug erscheine, um mir als Schutz und Geleitsmann zu dienen.

Der Mai war noch reich an Fieberanfällen für mich gewesen, und eine schleichende Darmentzündung machte eine baldige Abreise sehr wünschenswert. Ende des Monats kam der erwartete Maina oder Tuba-Edelmann, der Ukremi hieß, aber mehr unter seinem Beinamen Kolokomi bekannt war. Er war ein kräftiger Mann von einigen vierzig Jahren, von dunkelbronzefarbiger Haut und rundem Gesicht, dessen Züge und voller Bart nichts Negerhaftes an sich trugen. Sein wenig sauberes, arg zerfetztes Gewand ließ keinen hochstehenden Mann in ihm vermuten. Doch das ärmliche Äußere tat dem würdevollen Auftreten des freien Sohnes der Wüste keinen Eintrag. Die Leute, die ihn von seinen wiederholten besuchen in Fessan kannten, bezeichneten ihn als einen der wenigst Schlechten unter seinen Stammesgenossen, die freilich alle miteinander Schurken seien.

Am 24 Mai schloß ich einen Vertrag mit Kolokomi ab, demzufolge er mich durch das ganze Land Tibesti zu führen und zurückzugeleiten versprach. Dafür sollte er 80 Mahabub, etwa 300 Mark, eine Steinschloßflinte und sein Vetter Wolla, der mit ihm erschienen war, ein Geschenk erhalten. Tafertemi, der Herrscher des Landes, und die sieben hauptsächlichen Edlen sollten jeder einen roten Tuchburnus empfangen. Dazu kaufte ich noch drei blaue Sudangewänder, rote tunesische Mützen, Musselin zu weißen Turbanen für etwa zwölf Personen, eine ansehnliche Menge Tabak und einige Stücke ungebleichten europäischen Baumwollstoffs, der in Tibesti als Haupttauschmittel gilt. Die Geschenke des Königs von Preußen für den Sultan von Bornu ließ ich natürlich in Mursuk zurück. Die Lebensmittel bestanden in einem Zentner Kuskussu, einem halben Zentner Reis und ebensoviel Zwieback. Von meinen Kamelen hatte ich nur vier nötig, zwei blieben zurück.

Kolokomi benahm sich vor Pascha und Ratsversammlung in Mursuk einfach, verständig und nicht ohne würde. Ich ward ihm feierlich anvertraut, eine gewisse Verantwortung für mein Leben und Eigentum wurde auf sein Haupt gewälzt, und er wurde verpflichtet, mich wenn irgend möglich auch nach Südosten an Tibesti grenzenden Land Borku zu führen. Trotz all der Versicherungen Kolokomis blieb der alte Mohammed, auf seine Erfahrungen mit den Tubu gestützt, der reise nach Tibesti abhold. Aber als ich ihm vorschlug, zurückzubleiben , antwortete er: "Ich habe versprochen, dich wohlbehalten nach Bornu zu führen, wie ich auch deine Brüder Ubd el-Kerim (Barth) und Mustafa Bei (Rohlfs) dorthin geleitet habe. Mit Gottes Hilfe werden wir dieses Ziel zusammen erreichen; bis dahin werde ich dich nicht verlassen, und wenn dir bei den verräterischen Tubu ein Unglück zustoßen soll, so will ich es mit dir teilen."


01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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