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19. Beim Vater des Messers

Den Beinamen Abu Sekkin, Vater des Messers, hatte der Herrscher von Bagirmi sich durch eine Bluttat erworben. Der schwärmerische Pilgerführer, dessen abenteuerliche Fahrt nach Mekka G. 102 erwähnt wurde, war bei seinem Durchzug durch Bagirmi mit Abd el-Radir, dem Vater Mohammedus, in Kampf geraten, der König fiel in einem Treffen, bei welchem Mohammedu schwer verwundet wurde. Dafür nahm dieser, nachdem der selbst die Regierung übernommen hatte, blutige Rache: ein Teil der Pilger wurde nach Massenja gelockt, wo alle niedergemacht wurden.

Als ich zu Mohammedu kam, regierte er seit 14 Jahren unumschränkt, ein Gemisch von guten und bösen Eigenschaften, nicht ohne ritterlichen Sinn und kriegerischen Mut, freigebig bis zur Verschwendung, selbst großmütig, zäh im Unglück, aber leichtsinnig, launenhaft, zuweilen ungerecht, rachsüchtig, hart und grausam. Nach dem Fall der Hauptstadt hatte er sich in die fruchtbaren Heidenländer zurückgezogen, wo er reichlich Getreide fand und durch Erbeutung von Sklaven Geld machen konnte. Jetzt wohnte er in einer rasch improvisierten Hüttenstadt.

Als ich mich ihr näherte, kam uns ein Teil seines Kriegsvolks entgegen: etwa 50 Bagirmireiter; nur wenige in vollständigem Wattepanzer für Mann und Pferd, die andern mit einzelnen Stücken der Rüstung ausgestattet und sehr mangelhaft bekleidet. Dazwischen wogten die Vertreter der Heidenstämme auf ihren vielfach scheckigen Pferdchen wie Dämonen hin und her, die meisten fast nackt. Federn, Perlen und Kaurimuscheln im Haar, ein Fell um den Kopf gewunden, die Lanze in der Hand und einige Wurfeisen auf der Schulter, hingen die kräftigen Gestalten auf den kleinen Tieren, so daß die baumelnden Beine fast den Boden berührten. Die Fußgänger führten vielfach hohe, schmale Schilde aus Büffelfell oder Korbgeflecht. Es war ein phantastisches Bild, das mit dem Heulen und Toben der bunten Menge einen sinnverwirrenden Eindruck machte.

Auch als wir uns zum würdigen Einzug geordnet hatten, umschwärmte uns die Menge der Heiden in wilder Regellosigkeit. Wenn unsere Reiter mit Flintenschüssen einen Scheinangriff auf die Bande machten, gingen sie eifrig auf dieses Spiel ein, verteidigten sich, stoben bei jeder Salve heulend auseinander, um sich wieder zu sammeln und von neuem gegen uns anzubringen.

Zwischen Gehöften, die reizend im Schatten herrlicher Waldbäume lagen, kamen wir zu der improvisierten Residenz. Die selten durch Zäune eingefriedigten Hütten waren wie durcheinandergeworfen. Auf verschlungenen Pfaden ritten wir zu dem deutlich erkennbaren Mittelpunkt, einem die Königswohnung umschließenden weiten Platz. In einem offenen Hofraum saß der dicht vermummte König. Ich schwang grüßend mein Gewehr und ließ mich in das Quartier führen, das mir bei dem Fatscha Alifa, dem höchsten Würdenträger, angewiesen war.

Vorbereitungen zu meiner Unterkunft waren nicht getroffen. Ich wurde laut und verlangte von einem behaglich im Stroh liegenden Mann, den ich für einen Sklaven hielt, er solle den Hausherrn rufen. Er blieb ruhig liegen und stellte sich als den Hausherrn vor. Dann schickte er Sklaven aus, und nach ein paar Stunden war ich im Besitz einer vortrefflichen, geräumigen Hütte nebst einigen kleineren für meine Begleitung. Noch am selben Tage wurde das Ganze eingefriedigt, und ich war gegen den Zudrang der Leute geschützt, deren Neugier sehr lästig zu werden drohte.

Schon tags darauf hatte ich Audienz. Ihr voraus gingen lange Verhandlungen über eine Etikettefrage. Von der sonst streng durchgeführten Bestimmung, daß niemand vor dem König anders als mit nacktem Oberkörper erscheinen dürfe, war für mich und meine Begleiter abgesehen worden, aber hartnäckig wurde darüber gestritten, ob ich wenigstens mit bloßen Füßen erscheinen müsse. Das Ende war ein Kompromiß. Ich mußte die Hausschuhe ablegen, durfte aber die Strümpfe anbehalten. In einem mit Stoffen eingefriedigten unbedachten Raum saß Mohammedu unter einem Schattendach auf einer mit bunten Stoffen belegten Bank, in Burnus und Litham derartig vermummt, daß ich nichts von ihm sah als ein Stück seiner schwarzen Nase. Es muß ihm sehr warm geworden sein, wenn auch Sklaven mit Straußenfederfächern, dem Zeichen der königlichen Würde, und mit Giraffenschwänzen für Kühlung sorgten. Mit Begrüßung und Austausch höflicher Reden, wobei der König sehr leise sprach, ging die Audienz zu allseitiger Zufriedenheit zu Ende.

Am Abend wurde ich nochmals zur Überreichung der Geschenke empfangen. Mohammedu war nicht mehr ganz so eingewickelt, aber von seinem Gesicht bekam ich wieder wenig zusehen. Er schien ein stark gebauter Mann mit tiefschwarzer Haut, energischem Gesichtsausdruck und ergrauendem Bart zu sein. Er reichte mir die Hand und erklärte mir mit rauher Stimme, aber mit einer Höflichkeit, wie ich sie in Bagirmi nicht erwartet hatte: das Beste Geschenk sei meine Ankunft selbst; nicht er erwarte von mir Geld und Gut, sondern es werde an ihm sein, mich zu bewirten.

Noch am Abend des ersten Tages kamen Nachrichten aus der Landschaft Sarua jenseits des Schari, daß eine Abteilung des Gegenkönigs geschlagen worden sei. Flintensalven und Tanzmusik ertönten die ganze Nacht, und für den folgenden Morgen wurde eine Festparade anbefohlen, für die Mohammedu sich meinen mottenzerfressenen einzigen Burnus lieh. Ich glaubte richtig zu handeln, wenn icherklärte, ihn nicht zurücknehmen zu können, nachdem er die königlichen Schultern bedeckt habe. Das ganze versammelte Kriegsvolk mochte sich auf 1000 bis 1500 Mann belaufen. Wenn auch ein Teil auf Streifzügen abwesend war, kam mir doch die eigentliche Bagirmimacht so klein vor, daß ich nicht begriff, wie die volkreichen Heidenstämme sich von ihr imponieren lassen konnten. Ihre zahlreichen Krieger verliehen wieder dem ganzen Bilde einen unnachahmlichen bunten und malerischen Charakter. Sobald jeder Häuptling mit seinem Gefolge im Galopp vor dem König aufgeritten war, führten sie Scheintänze auf, die an Getöse und Wildheit nichts zu wünschen übrigließen. Hier bearbeitete eine mit unermüdlichem Eifer ein große Trommel, dort bließ ein anderer in das nationale Horn, wieder andere schlugen ihre Waffen und Schilde zusammen, und alle schoben sich wimmelnd durcheinander. Bald forderten sie heulend, hüpfend und tanzend den Feind heraus, bald stürzten sie sich auf ihn, und es kam zum wilden Handgemenge; bald wendete sich eine Partie im rasendem Laufe zur Flucht, bei der mancher am Boden hinrollte und unter die Füße der Seinigen und der Verfolger kam.

 

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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