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18. Unter den Heiden

Am 19. März traf ich in Bugoman ein, einer Stadt von 5-6000 Einwohnern. Sie liegt hart am eigentlichen Schari, auf dem steil abgefallenden linken Ufer des breiten und tiefen Stroms. Da sie fast die einzige Bagirmistadt ist auf dem gegen Angriffe von Osten mehr geschützten Westufer, hatte König Mohammedu hier lange Hof gehalten. Viele seiner Anhänger hatten hier Schutz gesucht, und die Stadt war mit Fremden überfüllt, die überall mit dem Bau leichter Hütten beschäftigt waren, denn ein Brand hatte kurz vorher die dichtgedrängten Strohhütten der Stadt verzehrt.

Gerüchte über meine Absicht, Mohammedu zu besuchen, und über mein festes Auftreten gegenüber seinem Feinde Maaruf waren mir vorausgegangen und hatten mich in den Ruf einer politischen Person höchster Bedeutung gebracht. Ich galt nicht als einfacher Reisender, sondern als der richtiger Mann, der Mohammedu in seine Hauptstadt Wassenja zurückzuführen, und jeder etwaige Zweifel schwand vor meiner Eigenschaft als Europäer und Christ, die übernatürliche Kräfte voraussetzen ließ. Zum erstenmal erregte hier mein christliches Bekenntnis keinen Anstoss. Die meisten hatten vom Christentum keine Ahnung, unterschieden nur Heiden und Mohammedaner, und da sie mich wegen meiner Hautfarbe nicht zu den ersteren zählen konnten, waren sie geneigt, mich zu den Edelsten der letzteren zu zählen, zu den Scherafa, den Abkömmlingen des Propheten. Auch in der benachbarten Stadt Missin schien niemand zu zweifeln, daß ich ein Scherif sei. Es hieß, der Sultan von Stambul habe mich zur Unterstützung Mohammedus geschickt. Ich mußte bei der Witwe des verstorbenen Königs von Bagirmi wohnen, die Einwohner erschöpften sich in Freundlichkeiten, und der guten Meinung entsprach die gute Bewirtung.

Durch zehn Sklaven Mohammedus verstärkt, setzte unsere Karawane bei Missin auf das rechte Schari-Ufer hinüber. Eine Woche lang zogen wir den von Krokodilen und Flußpferden belebten Strom hinauf. Die Klage Barths über den großen Reichtum Bagirmis an Ameisen konnte ich bestätigen. Die Termiten, diese kleinen Ungeheuer, sind von einer Gefräßigkeit, der nur ihre Unbehilflichkeit Grenzen zieht. Sie fressen Holz, Papier, Leder und alle Arten von Stoffen und umgeben oder überziehen die in Angriff genommenen Gegenstände mit einer Kruste, die sie durch sorgfältige Verkittung von Erdpartikelchen mittelst der ihnen eigentümlichen Ausscheidung herstellen. Sie errichten ansehnliche, außerordentlich feste Bauten, mit Türmchen, Spitzen und Pfeilern. Im Innern sieht man ein Labyrinth von Gängen und Höhlungen.

Eine andere Ameisenart legt ihre Vorratskammern unter den Mauern der Wohnungen an; sie ist eine empfindliche Plage, indem sie durch Biß oder Ausscheidung einen brennenden Schmerz hervorruft, der mindestens einen ganzen Tag andauert und durch Reiben oder Kratzen nur vermehrt wird. Einmal hat sie bei Einbruch der Nacht meine Hütte förmlich überschwemmt und mich schleunigst in Freie getrieben. Die Ameisenvölker sind unendlich verschieden in Größe, Gestalt und Farbe; man findet Tiere von fast zwei Zentimeter Länge bis zu einer Kleinheit, mit der verglichen unsere Waldameise eine Riesin ist.

Überall stießen wir auf Spuren des Krieges. Die vielen Sandbänke und die buschreichen Inseln des Schari bildeten Zufluchstätten der geflüchteten Uferbewohner. Schon in Mandschafa herrschte bittere Not.. Regelmäßiger Ackerbau war nicht möglich. Die Leute nährten sich von Waldfrüchten und besonders von den Fischen des Schari auf die sich alle Hoffnungen richteten.

Da mir übernatürliche Kräfte zugeschrieben wurden, erschien bei mir eine Abordnung mit der Frage, was der Schari für die nächste Zukunft an Fischen verspreche, und mit der Bitte um ein Mittel zu ihrer Vermehrung! Ich antwortete etwas orakelhaft und half den Leuten mit einigen Guronussen aus, die, in kleinen Stückchen in Wasser geworfen, die Fische anziehen sollen.

Als wir bei Bainganna wieder über den Strom gehen wollten, weil Anhänger des Gegenkönigs angeblich das rechte Ufer unsicher machten, waren die Bewohner auf eine Insel geflüchtet. Bitter klagten sie über den Mangel an Getreide und Fischen und überließen uns unserm Hunger und unsern Sorgen. Obendrein blieben am andern Morgen die zugesagten Boote aus. Unsern Besuch der Insel verbaten sie sich, da sie die Roheit und die Erpressungen der Sklaven des Königs fürchteten; sie wollten uns bei der Überschreitung des Schari nur weiter oberhalb helfen.

Das taten sie dann auch bei brennender Sonnenhitze, bei einer Temperatur von 42 Grad in Schatten. Auf dem linken Ufer zogen wir weiter bis gegenüber Maffaling, dessen Einwohner ebenfalls auf eine Sandinsel geflüchtet waren. Das Gerücht, der Ort sei bereits von den Anhängern des Gegenkönigs besetzt, war übertrieben; es waren nur zwei Boten desselben erschienen, die die Geflohenen zur Anerkennung des Uferpators bereden wollten. Da er nicht mehr weit entfernt war, fügten sie sich, um so bald wie möglich wieder zu Mohammedu abzufallen.

Kurz oberhalb Massaling verließen wir den Schari und wendeten uns südlich in das von Bagirmi abhängige Heidenland Somrai.

Die Eingeborenen sind echte Neger von tiefbunter Farbe; sie sind durchschnittlich über Mittelgröße, oft mit ziemlich regelmäßigen Gesichtszügen. Die Bekleidung ist sehr spärlich. Die Männer legen großen Wert auf mannigfaltige und kunstreiche Haartracht und sind durchgängig hübscher als die Frauen. Anfangs begegneten sie uns, wenn sie nicht flohen, mit großem Mißtrauen, wurden aber bald zutraulicher. Als wir nach vorheriger Anmeldung waffendschwingend in das Hauptdorf des Distriktes Mofu hineingaloppierten, fanden wir den fetten, tiefschwarzen Häuptling behaglich im Sande ruhend, nur mit einem Fell bekleidet. Er begrüßte uns freundlich und wies mir eine aus belaubten Zweigen errichtete Ehrenhütte an.

Durch parkähnliche Landschaft mit ausgedehnten Getreidefeldern, prächtigem Baumwuchs und einer Menge von Meiereien und kleinen Meilern mit großen, vortrefflich gearbeiteten Hütten kamen wir am 1. April nach Gubugu, der Residenz des Negerkönigs von Gomrai. Sein Hauptwürdenträger Buffo war zunächst sehr zurückhaltend. Er ließ sich nicht blicken und wies uns unser Nachtquartier unter einer riesenhaften Gykomore an. Das Laubdach bedeckte einen Raum, der für unsere ganze Karawane, 60 Mann mit 30 Pferden und Gepäck, genügte, aber doch nicht hinhänglich Schutz vor den Unbilden der Witterung gewährte. Kaum hatten wir uns eingerichtet, als uns ein tüchtiger Gewitterregen durchnäßte. Am anderen Tag stellte sich Buffo als eine recht interessante Persönlichkeit heraus: eine wohlgenährte Gestalt mit tiefschwarzer von Öl glänzende Haut, ein beharrlich schmunzelndes Gesicht; der zierlich gedrehte, lange Zwickelbart war durch eine Reihe bunter Perlen verlängert, oberhalb der Knöchel legten sich um die Füße breite Messingbänder, die in zwei als Sporen dienende Spitzen ausliefen. Kurzum, ungeachtet der mangelhaften Bekleidung war Buffo ein vollendeter Stutzer.

Nach Überreichung meiner Geschenke für seinen Fürsten mit denen er sehr zufrieden war, galoppierte er auf seinem weißen Pferdchen zu diesem, und bald wurden wir zur Empfangsaudienz gerufen. In fadenscheinigen Burus, das Gesicht durch den Litham verhüllt, mit meiner blauen Brille geschmückt, ritt ich würdevoll auf den Häuptling Gedik zu, der, nur mit einem Schurzfell bekleidet, auf der Erde hockte. Er und seine Söhne trugen bunte Perlenschnüre um den Hals, die übrigen Anwesenden trugen keine Zieraten und nur das unvermeidliche Wurfeisen auf der Schulter. Nach der einfachen Begrüßung entspann sich ein reger Tauschhandel. Gedik schickte uns eine Kuh, Buffo durch einen vertrauten Boten Bier, König und ein Huhn, mit der Bitte um seltene Perlen für seinen Bart.

Als er am andern Tage zu mir kam, noch schöner herausgeputzt, die Füße sogar mit Sandalen bekleidet, bettelte er wieder um Perlen, war aber trotz meiner Ablehnung so gutmütig, mich mit einem Krug Bier zu erfreuen. Als wir abmarschieren wollten, war der versprochene Führer zwar erschienen, aber sofort wieder verschwunden: Gedik hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, wir müßten ihm bei einem Kriegszug helfen. Ich ließ mich durch die Aussicht auf einige Dutzend Sklaven nicht verlocken, setzte die Stellung des Führers durch und machte mich auf den Weg zu dem nahen Lager Mohammedus.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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