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17. Ein ängstlicher Zaunkönig

Ich verließ Kuka mit kleiner Begleitung, die sich jedoch allmählich vergrößerte, Bagirmileute, die nach ihrer Heimat zurückreisten, und Bornuleute, die dort Handel treiben wollten, schlossen sich uns an, um den Schutz unserer Karawane zu genießen, und schon nach kurzer Zeit war diese auf mehrere Dutzend Personen angewachsen. Unser Weg führt zuerst nach Süden und dann südöstlich um den Tsadsee herum, wobei er mehrere kleine Zuflüsse kreuzte. Schon gleich südlich von Kuka wird der Pflanzenwuchs mannigfaltiger und kräftiger, die Gegend belebt und sich mit Vögeln, und ausgedehnte, wohlbebaute Felder mit Indigo, Bohnen und Baumwolle deuten auf eine dichte landwirtschafltich eifrig tätige Bevölkerung. Wir berührten eine Reihe von Städten oder stadtähnlichen Ansiedlungen, von denen Ngornu mit 15 000 Seelen die größte war; die meisten zeigten Spuren des Verfalls. Die Zahl der Eingeborenen hatten, von andern Ursachen abgesehen, strichweise stark abgenommen infolge des 1857 erfolgten Auftreten eines mohammedanischen Fanatikers, der das Volk zu einem allgemeinen Zug nach Mekka begeistert hatte.

Den frommen Mann, der auch als Mahdi, als "der von Gott auf den rechten Weg Geleitete", bezeichnet wurde, hatte schon aus seiner Heimat in den Nigerländern eine große Menge Volks begleitet. Er war streng in der Erfüllung seiner religiösen Pflichten und in seinen Sitten, einfach in seiner Nahrung und fast ärmlich in der Kleidung. Nie bestieg er ein Reitpferd, sondern ging stets zu Fuß. Das Volk schrieb ihm übernatürliche, prophetische Kräfte zu. Täglich wuchs sein Anhang. Der Marsch in der Richtung nach Mekka geschah langsam, damit die Familien Zeit hatten, sich von ihrem Stamme zu lösen und ihre Angelegenheiten zu ordnen. Der praktische Lamino hatte das Treiben des Heiligen argwöhnisch betrachtet und hätte ihn, wie er mir versicherte, am liebsten mit Heeresmacht vertrieben oder ihn heimlich verschwinden lassen. Aber der wackere Scheich Omar in seiner Herzensgüte und Frömmigkeit wollte nichts davon wissen, einen so frommen Mann gewalttätig zu behandeln und ihn an der Erfüllung seiner heiligen Pflicht, der Wanderung nach Mekka zu hindern. Er rechnete auch darauf, daß bei der starken Bevölkerung Bornus die Abwanderung kaum zu spüren sei, und geduldig wartete er, bis der Mahdi abzog, der in seiner stolzen Verachtung der Dinge der Welt und der Mächtigen es verschmäht hatte, dem Scheich seine Aufwartung zu machen. Abd el-Radir, dem Herrscher von Bagirmi, der aus Sorge um sein viel kleineres Reich den Pilger unter Angebot von Geschenken hatte bitten lassen, um sein Land herumzuziehen, hatte der Mahdi geantwortet, er kümmere sich um Könige nicht um er nehme den Weg, den Gott ihn führe und der ihm der beste zu sein scheine, Geschenke aber brauche er nicht.

Der landschaftliche Charakter der Gegend wurde fast mit jedem Schritt schöner und mannigfalter, mancht Flußpartien boten reizende Bilder, wie z. B. das Dorf Tille am Gambarufluß an der Grenze von Bornu. Tille ist früher eine Stadt gewesen, aber heute war es nur noch ein elendes Dörfchen, wo ich für mich und meine Karawane seine Unterkunft finden konnte. Darum lagerte ich mich am Flußufer im Schutz eines mächtigen Taramindenbaums. Er war ein köstlicher Platz. Rechts der steile Dorfhügel. Eine lange Reihe von Frauen mit vollen Körben und Schüsseln auf den Kopf watete durch den Fluß, auf der Wanderung zu nächsten Markt. Links von mir trieben Scharen von Meerkatzen ihr munteres Spiel. In träumerischen Entzücken lag ich im Ufergras und schwelgte im Anblick des Landschaftsbildes, dessen Reiz für mich unendlich erhöht wurde durch den Vergleich mit der Wüste, die sich stets in den Vordergrunf der Erinnerung drängte. Zahlreiche Neugierige besuchen mich, auch zwei unterziehende Spielleute machten ihre Aufwartungen und suchten mich auch zwei umherziehende Spielleute machten. ihre Aufwartung und suchten mich durch ihre mißtönige Musik zu ergötzen. Am 11. März betrat ich das Gebiet von Logon. Es ist dies ein Basallenstaat des Bornureichs, ein wasserreiches, teilweise sumpfiges Flachland von etwa 90 Kilometer Durchmesser und liegt zu beiden Seiten des bedeutenden gleichnahmigen Flusses. Mit dem mächtigen Schari vereinigt, bildet der Logon den Hauptzufluß des Tsadsees. Der Schari ist die Ostgrenze gegen Bagirmi. Die Bevölkerung mag, einschließlich der mehr oder weniger unterworfenen Musgo, eine Viertelmillion betragen. Sie hat den Islam angehört weit überwiegend dem Stamme der Makari an. Es sind fleißige Ackerbauer, auch ihr Fischfang und die Industrie sind nicht unbedeutend, und als solide Baumeister sind sie über ihre Grenzen hinaus gesucht. Der Glaube an zauberische Kräfte ist unter ihnen noch stärker als sonst in der mohammedanischen Welt verbreitet. Niemand zweifelt daran, daß jeder Makarimann ein Zauberer sei; mit seinen bösen Blick könne er viel Unheil anrichten und er habe besonders die Fähigkeit, sich nachts in eine Hyäne zu verwandeln. Sie selbst glauben natürlich auch an böse Rünfte und kommen so aus der Furcht vor ihresgleichen und vor fremden nicht heraus. Die Musgo sind meist von kräftiger Gestalt mit plumpen Zügen. Das weibliche Geschlecht zeichnet sich durch einen grotesken Schmuck aus. In Ober- und Unterlippe werden runde Platten aus Knochen oder Metall eingefügt, wodurch die Lippen allmählich eine schnauzenförmige Bildung annehmen. Beim Sprechen schlagen sie klappernd aufeinander, und die ohnehin an Zisch-, Hauch- und Kehllauten reiche Musgosprache klingt dadurch noch seltsamer. In Karnak Logon, der von einer mächtigen siebentorigen Mauer umschlossenen Hauptstadt mit 12-15 000 Einwohnern, die von mir schon von Barth besucht worden war, machte ich dem Herrscher des kleinen Reichs, dem König Maaruf, meine Aufwartung. Es war ein ängstlicher, abergläubischer Herr und schwankte zwischen der Furcht von seinem Lehnsherr Scheich Omar von Bornu und dem Haß gegen den flüchtigen Fürsten Mohammedu von Bagirmi, zu dem ich die Omars Bewilligung und Empfehlung reiste. Ich galt als offizieller Vertreter Omars, und in seiner Angst, ich könnte vom Scheich beauftragt sein, seiner Herrschaft ein Ende zu machen, oder ich könnte ihn aus eigenem Antrieb durch Zauberei schädigen wollen, versuchte er mich mit allen Mitteln zurückzuhalten. Nur mit Mühe setzte ich durch, daß ich in der königlichen Wohnung empfangen wurde. Aber als wir uns einfanden, blieb Maaruf unsichtbar in einer Hütte, aus der er den Audienzhof überblicken konnte, und die Unterhaltung wurde durch ein neben der Hütte stehenden Dolmetscher vermittelt. Die Antwort auf meine Begrüßungsansprache war sehr unbefriedigend: Die Reise zu Mohammedu stehe mir frei, sie sei aber sehr gefährlich; nach den letzten Nachrichten schicke sein Nebenbuhler sich an, ihn mit großer Übermacht zu vernichten, und ich tue gut, weitere Erkundigungen abzuwarten. Auf diesen Zeitverlust konnt ich mich nicht einlassen und ich steckte mich hinter Scheich Omar, der mir befohlen habe, Tag und Nacht zu reisen und der Nachricht von meiner Anwesenheit im Lande stets voranzueilen. Der König blieb bei seinem Abschreckungsplan, und als ich mich auf nichts einließ und erklärte, ich werde morgen über den großen Fluß gehen, ließ er mir kurz erwidern, seinetwegen könne ich die Stadt sofort verlassen. Der Bote Omars, der hinter mir hergereist war und mich in der Hauptstadt eingeholt hatte, ließ sich durch ein Geschenk bewegen, Maaruf umzustimmen. Er ließ mir denn auch ein Privataudienz zusagen. Aber als ich kam, sank ihm wieder der Mut; er ließ mich warten, und ich verließ den Palast, ohne den Hasenfuß gesehen zu haben. Dafür schickte er uns eine vortreffliche Abendmahlzeit.

Ein Bote seines einflußreichsten Ratgebers brachte einige Krüge Honig und erbat für seinen Herrn Gift und ein Mittel gegen Zauberei. Die Kenntnis und der Besitz von Giften leugnete ich wie gewöhnlich ab, doch verabfolgte ich ihm ein Stück Rampfer, der als teufelbannendes Mittel in hohem Ansehen steht. Nach dem Übergang über den Logonfluß übernachteten wir in dem Städtchen Kultschi, dem Mittelpunkt des seltsamen Völkchen der Keribina. Sie führen Bogen und Pfeil und hängen so sehr an dem Waldleben ihrer Vorfahren, daß sie noch immer fast ausschließlich von der Jagd leben, obwohl sie ein städtisches Gemeinwesen in fruchtbarster Gegend bilden. Hauptgegenstand der Jagd schien das sonst von Mohammedanern streng gemiedene Wildschwein zu sein. Nirgends wurde meine Bemerkung, daß mit größerer Befriedigung aufgenommen.

Wir stießen hier auf Reiter Maarufs, die nach Bugoman, der ersten Stadt Bagirmis, vorausgeschickt worden waren und mich durch grausige Schilderungen der Kriegsnot von der Fortsetzung der Reise abhalten sollten. Das versuchten sie denn auch, obgleich sie gar nicht in Bugoman gewesen waren, sie hatten aber keinen Erfolg. Was sie erzählten, war nichts als eine Sammlung leerer Gerüchte.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts





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