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16. Vor der Reise in die Heidenländer

In meinem Standquartier Kuka bin ich diesmal keine zwei Monate beblieben. Meine Genossen auf dem Marsch durch die Sahara, der Gesandte Bu Aischa und mein braver Führer, Mohammed der Gatruner, hatten noch immer keine Gelegenheit zur Rückkehr nach dem Norden gefunden, und gern erneuerte ich meine Beziehung zu ihnen wie zu vielen Freunden in Kuka. Scheich Omar überhäufte mich wieder mit Aufmerksamkeiten. Schon am Abend des Tages der Ankunft ließ er sich nach mir erkundigen, und bei Sonnenaufgang erfreute er den zerlumpten Europäer durch eine reiche Sendung seiner Anzüge, damit ich in anständiger Weise Besuche empfangen könne. Fast gleichzeitig schickte Bu Aischa Geschenke an Kleidungsstücken. Bald folgten Glückwunschbesuche von Freunden und Nachbarn, und dann kamen Araber, die mit der letzten Karawane aus Fessan eine Menge schöner Dinge für mich gebracht hatten, Briefe, Zeitungen, Geld und eine große Kiste.

In bestem Zustand kam eine Sammlung an, mit der ich dem Scheich eine große Freude bereitete. Da waren Nachen, Gänse und Fische, die mit Magneten geleitet und geangelt werden konnten, ein Rotationsapparat, Stereoskope, Attrappen, hohlgeschliffene und zylindrische Spiegel mit Bildern von komischer Wirkung und ähnliche Wunder, die den alten Herrn monatelang zu unterhalten versprachen. Der Glanzpunkt war eine Laterna magica. Vor einer gewählten Abendgesellschaft von Prinzen und Würdenträgern übergab ich ihm nach einer glänzenden Vorstellung das kostbare Geschenk. Bis Mitternacht ertönte das laute Gelächter der dicken Hofmänner und das Kichern des seelenvergnügten Fürsten. Immer wieder mußte ich die Kuh vorführen, die Kopf und Schwanz bewegte, ganz wie es die Bornurinder taten, und das stolze Pferd, das die Ohren spitzen konnte. Am besten gefiel ihnen alles, was ihnen aus eigner Anschauung vertraut war.

Einen überwältigenden Eindruck machten mir meine Briefe. Sie bezogen sich ausschließlich auf die weltbewegenden Ereignisse von 1870, von denen ich bisher nur ganz bestimmte Kunde erhalten hatte. Riesengroß überragte die Wirklichkeit meine Vermutungen. Wenn ich bewundernd den Umwälzungen folgte, die sich in meiner Heimat in einem halben Jahr vollzogen hatten, dachte ich beschämt daran, daß nahezu drei Jahre seit meiner Abreise von Tripolis verflossen und alle meine Unternehmungen mit schneckenhaftester Langsamkeit ausgeführt worden waren. Um so eifriger wendete ich mich der Vorbereitung neuer Reisepläne zu.

Auf meinen Plan einer Madaireise wollte der Scheich auch jetzt nicht eingehen. Der Weg schien ihm nicht sicher genug, und gegen das Nachbarreich hegte er großes Mißtrauen. Weniger Bedenken hatte er gegen meinen Plan einer Reise nach dem Lande Bagirmi, südöstlich vom Tsad. Es liegt auf dem rechten, weiter oberhalb auch auf dem linken Ufer des mächtigen Schari, des größten Zuflusses des Sees, und war ebenfalls von europäischen Forschern noch nicht besucht.

Allerdings herrschten dort verworrene Zustände. Sein König Mohammedu war von König Ali von Madai mit Krieg überzogen worden, die Hauptstadt Massenja war gefallen, Ali hatte an Stelle des Besiegten einen Nachfolger eingesetzt, und der Zustand des großenteils unterworfenen Landes war der denkbar traurigste. Aber im Süden hielt sich Mohammedu noch immer. Nachdem unter Hinterlassung von Truppen abgezogen war, ging Mohammedu wiederholt zum Angriff über. In Bornu hatte man Vertrauen auf seinen Sieg und unterstützte den Flüchtling.

Der Scheich erteilte dem Bornustatthalter in Gulsei am Schari die gemessensten Befehle zu meinen Gunsten und gab mir seinen Leibgardisten Almas als Begleiter mit, einen trotz aller Schattenseiten klugen, rührigen, mit den Verhältnissen Bagirmis genau vertrauten Mann, der einst auch Gerhard Rohlfs begleitet hatte. Von den Genossen der Borkureise ging nun der treue aber unfähige Hammu mit, ferner Billama und Mohammedu; es waren dies zwei mir vom Scheich überlassene hübsche Sklaven, der eine ein Knabe von 12 Jahren, der andere ein mehrere Jahre älterer Bursche. Sie kamen ängstlich und widerwillig in das Haus des Christen, und ich habe Mühe gehabt, sie zu beruhigen. In den nächsten Jahren haben sie mir aber gute Dienste geleistet und sind bis nach Ägypten bei mir geblieben.

Große Schwierigkeiten machte mir die Geldfrage. Die Fessaner Karawane sollte nicht weniger als 1500 Mariatheresientaler für mich mitgebracht haben. Zuerst hatte ich selbst daran geglaubt, aber die Taler schrumpften auf 300 zusammen. Dazu kamen 100 aus dem Erlös von Kattun, den mich Herrn Rossi für seine Rechnung zu verkaufen bat, und eine kleine in Kuka zurückgelassene Summe. Wenn ich meine Schulden bezahlte, blieben trotz aller Sparsamkeit wenig mehr als 140 Taler übrig. Davon sollte ich die Ausrüstung bestreiten, Geschenke für den König von Bagirmi beschaffen und einen Rotpfennig in Kuka hinterlegen! Es waren saure Bittgänge, die ich zum Zweck einer Anleihe machte. Unerträglich war mir der Gedanke, aus Mangel an einigen hundert Talern meine Aufgabe nicht lösen zu können. Endlich lieh mir ein tripolitanischer Kaufmann das Nötigste zu 100 Prozent. Gegen einen auf 300 Taler lautenden Schuldschein erhielt ich 100 bar und 50 in sehr teuren Waren. Mittlerweise waren auch meine drei Kamele für 60 Taler verkauft worden, und ich konnte an die Ausrüstung gehen.

Sie war bescheiden und kostete im ganzen 136 Taler. Für den König von Bagirmi legte ich etwa 40 Taler in schlechtem Schießpulver, Kleidern und Ledereien an; ein solches Geschenk würde für den an Luxus gewöhnten Herrscher, als er noch in Massenja thronte, eine Beleidigung gewesen sein, für den Landflüchtigen mit seinem bescheidenen Hofstaat war es anständig genug. Für sonstige Geschenke und für meinen Lebensunterhalt kaufte ich Toben, Schale, Frauenumschlagtücher, Zeuge, Tarbusche, eine Steinschloßflinte für den jungen Mohammedu und zwei starke Laststiere, die mir unbezahlbare Dienste geleistet haben.

Am letzten Tage des Februar verließ ich in früher Morgenstunde meine Wohnung. In Frieden verabschiedete ich mich von Hazaz und den anderen Arabern aus Kanem und begab mich zur Abschiedsaudienz in den Palast des Scheich. Er war wieder von väterlicher Güte. Auf die Absicht, zuerst nach Sulfei und von dort den Schari aufwärtszugehen, hatte ich verzichtet. Der Landweg durch Logon bot größere Aussicht, ausgedehnte Kenntnis von Land und Leuten zu erwerben. Bu Aischa, der Gatruner, und einige Freunde gaben mir für das erste Stück Weges das Geleit, dann nahmen wir Abschied voneinander mit dem Ernst, den eine Trennung voraussichtlich auf Lebenszeit mit sich bringt.

01. Anlaß und Vorbereitung der Reise 10. Mein Leben in Kuka 19. Beim Vater des Messers
02. Stilleben in Mursuk 11. Neue Reisepläne 20. Belagerung von Baumfestungen
03. Am Rande des Todes 12. Eine Räubergesellschaft 21. Sklavenjagden
04. Unter Schmarotzern und Erpressern 13. Ein Vorstoß nach Osten 22. Zum letzten Mal in Kuka
05. Die Flucht 14. Bei der Dattelernte in Borku 23. Ins geheimnisvolle Reich
06. Der Mord an Fräulein Tinne 15. Die Rückreise mit den Räubern 24. Beim Herrscher von Wadei
07. Wüstenreise nach Bornu 16.Vor der Reise in die Heidenländer 25. Deutsche Opfer der Wissenschaft
08. Eine afrikanische Großstadt 17. Ein ängstlicher Zaunkönig 26. Vom Sumpfe besiegt
09. Scheich Omar, sein Hof und sein Reich 18. Unter den Heiden 27. Durch ein untergehendes Land heimwärts



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